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BYND

Konstantin Arnold

FRANZÖSISCHER WAHNSINN

IIrgendwo zwischen deutschen Surfversuchen und internationaler Eleganz. Zwischen fehlender Exotik und buntem Wassersportvergnügen in Bars und über Sandbänken. Im Epizentrum saisonaler Wertarbeit made in Germany done in Frankreich stehen die Zeichen auf Oktober. Genau! Der Oktober in dem sich die flipfloptragende Expeditionsgeneration noch einmal in Sommermode auf die Straßen wagt und die Ausnahme der Regel unverhüteten Sex mit einem der besten 34 unserer Erde sucht. Noch ein letzter Höhepunkt bevor es still wird um Hossegor. Ein letzter Zirkus in dem wir alle unsere Rolle suchen. Sind wir die braungebrannten deutschen mit australischem Akzent? Oder der, den Craig Anderson einmal in Lakey Peak getroffen hatte? Stehen wir geheimnisvoll in einer gut besuchten Bar und versuchen interessant zu wirken oder sollten wir uns damit abfinden, dass die Statistenrollen bereits vergeben sind. Ich bin zum ersten Mal beim Quiksilver Pro in Frankreich. Ich habe zum ersten Mal ein blaues Bändchen und viel zu hohe Ambitionen, was den Kompetenzbereich dieser Eintrittskarte angeht. Eigentlich trifft man die Pros so nur, weil die Toilette in der Comeptitors Area besetzt ist und sie sich nach dem Spülen zu nichtssagenden Post Klo Interviews erbarmen. Eigentlich habe ich keine Erwartungen und keine Ahnung, was ich hier eigentlich tue. Ich will Kelly treffen und kein Foto machen. Ich will das Szenario auf mich wirken lassen und mir das holen, was mir südfranzösischer Alltag vor die Füße wirft. In der Media Area bringen fast alle Surfjournalisten Laptops mit. Alle fotografieren mit unbezahlbaren Fotoerstellungsmaschinen und sehen beschäftigt aus. Ich hingegen muss meinen Farbfilm wechseln, als Kelly Slater unter die Post Heat Dusche geht, die ich vergessen habe zu erwähnen. Ich sage Fanning Hallo und versuche dabei entspannt zu wirken. Ich warte mit Carissa vor der Toilette und fotografiere Malia beim Müsliessen. Ich hoffe, dass John meine analoge Kamera auffällt und gehe davon aus, dass Wilko in spätestens fünf Jahren genauso aussieht, wie sein Teammanager. Der Prozirkus hat mich. Jedenfalls für eine halbe Stunde. Dann muss ich mich hinlegen. Gestern waren wir wieder auf einer der unzähligen Partys, auf denen man Magazincover […]

TACHELES

Ich liege in einem unpersönlichen Hotelzimmer in Dresden. An der Wand hängt ein weißer Fernseher durch den ein Lagerfeuer im Winter und ein Aquarium im Sommer etwas digitale Gemütlichkeit ausstrahlen soll. Das Frühstück ist wie immer zu früh, die Eier zu hart und der beste Aufschnitt vor zehn schon vergriffen. Gestern haben wir überteuerten Whiskey aus schweren Gläsern in der Hotellobby getrunken. Ich habe einen schwarzen Mantel getragen und kam mir bis zum zweiten Glas blöd vor. Mit einer soliden deutschen Erkältung und unbekannter Gesellschaft. In leeren Hotellobbys kann man nach Mitternacht problemlos entscheiden, wer man eigentlich sein möchte. Unbefangen und ehrlich. Weil man morgens schon los muss und sich im Kern der Unterhaltung die Möglichkeit gibt, sich auf das Jetzt zu beschränken. Auch wenn meine Nase läuft, weil ich erst das nächste Mal Meersalznasenspray gegen medizinische Chemie eintauschen werde. Die letzten vier Tage haben wir nur Pizza gegessen. Irgendwo zwischen Süddeutschland und Österreich. Irgendwann zwischen Filmvorführung und zu kurzen Mittagspausen in autobahnnähe. Unterwegs sprechen wir über Flüchtlingspolitik und vorgetäuschte Orgasmen. Das sind Voraussetzungen zum Wohlfühlen. Für den Rest sorgen vorgedruckte Willkommensgrüße und systemgeformte Freundlichkeit. Innsbruck ist schön. Der Vorarlberg auch. Die Klosterzimmer in Bregenz sind zu klein und die Klassenfahrt zum Ferienende gehört in Rosenheim zur Inneneinrichtung. In Berlin habe ich männliche Gewinnspielmode mit Stretch an eine kräftige Besucherin verteilt und in Freiburg entdeckt, wie lustig es ist Kinder auf einer Bühne zu haben. Ich habe den Schlüssel für das Einzelzimmer in München immer noch in der Tasche, aus der ich gerade lebe und musste mir der Professionalität wegen eine zweite Hose […]

ADVENTURA ist online! Nun brauchen wir euch:

https://www.indiegogo.com/projects/adventura-buchprojekt/x/12519418#/

Wir konnten es einfach nicht mehr zurückhalten. Bestellt eure Ausgabe einfach über den Crowdfunding Link und helft dabei 31 Geschichten und ihre Bilder auf echtes Papier zu pressen. Werdet ein Teil des Buches, wenn ihr es nicht eh schon seid! 256 Seiten unterwegs. Ohne Koalabilder und bedeutungsschwangere Erwartungen. Eine Buchkooperation von WACHS und BYND. Irgendwo zwischen Flughafenmahlzeit und Sesshaftigkeit in Übersee. Ein Titel, der noch vor Weihnachten darauf wartet, benutzt zu werden. Horizont erweitern, ist wie Brust vergrößern. Irgendwie unnatürlich!

DANKE

Gerade bin ich 25 Jahre alt geworden und habe dafür 87 Gratulationen auf Facebook erhalten. Unterstützt von vielen Freunden, ohne die dieses Vorhaben nie möglichgewesen wäre, habe ich ein Jahr unterwegs verbracht und die Dinge aufgeschrieben, die man normalerweise auf Instagram veröffentlichen würde. Dazu habe ich Texte verfasst, voller Vorfreude jeder Farbfotoentwicklung entgegengefiebert und mich gefragt, wo eigentlich zu Hause liegt? Dort, wo man die Hand voll guter Freundschaft mindestens einmal im Jahr zur kostenlosen Maniküre bringt? Oder dort, wo man dieses handschriftliche Dankeschön eh nicht versteht? Wo liegen also die Gründe, die eine kleinstadtgroße Zahnlücke dazu bringen, nicht genau dort an seinen Falten zu arbeiten, wo der Zufall von Geburt ihn hingeworfen hat?
Deswegen lieben wir Literatur. Präzise aufgereiht in einem schweren Holzregal erzählt sie von der Vielzahl des Repertoires. Von Gegensätzlichkeit und fehlenden Stereotypen. Von langen Nächten in kurzen Geschichten. Über Los Angeles und Neuseeland nach Australien und Mittelamerika sprechen wir Erfahrungen jedem zu, der sich für unbelesenes Erleben begeistern kann. Durch Wälder ohne Wanderwege mit keinG und kaum Guthaben, auf denen ich versucht habe meine Haare noch einmal so lange wachsen zu lassen, bis ich doch nochmal aussehe, wie der Australier, der ich eigentlich nicht bin. Deswegen 34 Geschichten und Bilder, für die mir die Worte fehlen. Fotografiert auf 35 mm Negativfilm und durch die Linsen zweier analoger Kameras, für die ich weniger zahlen musste, als für eine akzeptable Farbfotoentwicklung. Vielleicht ist das Gras deswegen nicht so grün, wie es aus filmreifer Idealvorstellung eigentlich auszusehen hat? Vielleicht geht es darum, wie Dinge sind und nicht wie sie sein sollten? Weil man Erfahrungen jedem zuspricht, der sich für unbelesenes Erleben begeistern kann! So wie Luke und dem Layout. Meiner Mama und den Wurzeln. Steffi, Sabine und Erik für die Kommas. Und (Komma?) um dem dankbaren Nagel auf den Kopf zu hauen: Danke denen, die mich ausgehalten haben für den Inhalt! All jenen, die mich ermutigt haben, das Wort Weltenbummler in seine unerträglichen Einzelteile zu zerlegen und schlussendlich der Erfahrung, dass es im Leben um die Menschen geht und nicht nur ums Essen.

PROSA

Zuhause. Im Thüringer Wald kann man eigentlich nur auf Fragen antworten, die so eigentlich gar nicht gestellt wurden. Auch das filmreife Leben, von dem ich träume, seitdem ich mit fast 16 mein erstes Surfmagazin im Presseshop am Markt nicht bis zum Ende durchblättern durfte, beschränkt sich gerade auf die Kulinarik der Provinz. Urlaub machen ist wohl eine der schwersten Beschäftigungen seit es Arbeit gibt. Gestern habe ich das alte Wachs von meinen Brettern abgezogen, weil ich finde, dass sie so besser aussehen, wenn sie in einer meiner Zimmerecken auf ein neues Reiseziel warten. Heute gibt es wolliges Familienprogram, das sich wie die Festzelttournee einer regionalen Coverband durch die umliegenden Dörfer schlängelt. Für ein paar Stunden ist dann früher alles besser, alles größer, alles härter. Da ist man noch bergauf in die Schule gelaufen, hin und zurück! Nach dem Rührei bei Oma und der Hühnerfrikassee meiner Tante frage ich mich, ob Jordan heute in Wales gelandet ist? Auch wenn ich schon zwei Wochen früher fliegen musste, bin ich mir sicher, immer noch brauner zu sein als mein walisischer Bruder. Bis auf den Zahnarzttermin habe ich alles gemacht, was man so tut, wenn man in Deutschland ist. Ich bin mit meinem Skateboard ein paar Berge herunter gefahren und habe mir vorgestellt, ich surfe Asphalt. Ich habe mich für ein Lokalblatt vor einer historischen Burg mit meinen Surfbrettern ablichten lassen und nach dem vierten Bier entschieden morgen in einer Bar aufzulegen, obwohl ich eigentlich nur Bonnie Tyler kenne und keine Ahnung habe, wie man Übergänge fließend einbaut. Das lasse ich einfach Benjamin machen. Ich bin einfach überdurchschnittlich braungebrannt und drehe alle fünf Minuten talentiert am Lautstärkeregler. Verdammt, das macht Spaß. Dachte ich zumindest gestern, als zu der Facebook – Veranstaltung erst drei Leute zugesagt hatten. Heute will ich mich in dem Baggersee ertränken, den ich eigentlich mit einem braunhaarigen Mädchen besuchen wollte, die sich an diesem Nachmittag sicher in mich verliebt hätte. Leider hatte sie mir kurz vorher abgesagt und so habe ich mir den viel zu teuren spanischen Käse zusammen mit dem viel zu teuren italienischen Weißwein einfach mit meiner Mutter schmecken lassen. Schon nach dem Editorial des Surfmagazins mit fast 16 habe ich mir geschworen mein Herz auf der Zunge zu tragen und mir von niemandem vorschreiben zu lassen, wie mein Hase eigentlich zu laufen hat. Peinlich ist mir eigentlich auch nichts bis auf Interviewaussagen, die ich so nie gesagt habe. Deswegen sitze ich jetzt mit meinen vier getrunken Schwarzbier am Gartentisch und versuche dem Redakteur seine kleinen, aber entscheidenden Tippfehler zu verzeihen. Weit aus dem Fenster lehnen kann ich mich eh nicht, nachdem ich gestern das auf Rechtschreibung korrigierte Skript meines Buches in den Händen gehalten habe. Ich glaube es wäre einfacher gewesen, wenn sie nur die Stellen markiert hätte, an denen sich keine Fehler finden. Dann überarbeite ich und schreibe E-Mails bis ich nicht mehr sitzen kann. Jetzt geht es meistens darum, die Energie rauszulassen, die ich normalerweise mit acht Stunden Surfsport in pure Freude umwandeln konnte. Zuhause ziehe ich Bahnen in deutschen Freibädern, skate ausgestorbene Skateparks und mache nach dem Aufwachen heimlich ein paar Liegestütze. Alles an einem Tag. Genau wie dieses Festival, das ein paar Freunde auf einer durchnässten Ackerwiese veranstalten und somit 1800 Menschen zusammenbringen, die auf vergangenen Kleinstadtparties oder in der Grundschule mal miteinander geknutscht haben. Das war ein Highlight, aber ein neues Profilbild habe ich nicht […]

UNEINS

Der Zugbegleiter wünscht mir und den anderen Fahrgästen eine gute Reise in akzentloser deutscher Sprache. Ein beruflich ausgelasteter Pullunderträger mit ordentlichem Kurzhaarschnitt, versucht seiner Lebensgefährtin fahrplanabweichende Verspätung zu erklären und ich genieße Gefilde durch gut geputztes Glas, die ich noch aus meiner Kindheit kenne. Eigentlich hat es nur vier Tage gedauert, bis ich meine Batterien wieder so voll hatte, dass ich Gedanken an finanziell unmögliche Interkontinentalflüge in Erwägung ziehen konnte. Ich muss Geschichten erzählen, an die ich mich im Moment nicht wirklich erinnern kann. Ich suche nach Spielplätzen, die den Bruch mit dem Erlebten weniger gravierend erscheinen lassen und versuche Lücken zu füllen, wenn es darum geht in deutscher Sprache betrunken zu sein. Mein Körper ist ausgelaugt und frisch gewaschen. Haarshampoo ist auf gutem Weg, sich den ehemaligen Stammplatz in meiner Kulturtasche zurück zu erkämpfen und die deutsche Sim Karte habe ich heute Morgen bestellt. Natürlich möchte ich mich etablieren! Bis zu einem gewissen Grad ist mütterliche Wärme, die wohl schönste Art und Weise Ferien zu machen. Die Tage werden realer, nachdem man heutzutage in sechzehn Stunden mehr Kontinente und Kulturkreise erleben kann, als es an einem Tag Unterhosen zum Wechseln gibt. Zumindest dann, wenn man sich an mitteleuropäische Kleidungsmentalität hält. Panama City und Los Angeles sind näher als unser Nachbardorf, für das meine Mutter in den 80ern einen ostdeutschen Transitantrag stellen musste. Heute planen wir Familien ab dreißig und haben wenig Verständnis für sesshafte Geborgenheit. Irgendwann werden die Nächte länger, weil es hier normal ist, erst kurz vor Mitternacht zu entscheiden, in welcher Bar man gerne in die Morgenstunden feiern möchte. Guter Sauerteig und Bratwurst. Ein resozialisierendes Grillfest jagt das Nächste und dann ist guter Bornsenf so selbstverständlich, wie die Pünktlichkeit des Zuges in dem ich gerade sitze. Gestern habe ich etwas Holz gesammelt, um meiner Mutter einen winterlichen Vorrat für ihren Kamin zu hacken. In dem Wald, der direkt auf das Grundstück wächst, auf dem ich vormittags Filterkaffee im Bademantel genießen kann. Was würde ich für einen Tag im Sand geben. Nicht an Seen oder in tattooverseuchten Freibädern! Dieses Nachhausekommen ist anders, als die anderen! Ich frage mich, was unterwegs wohl passiert ist und schneide mir meinen viel zu langgeworden Bart ab. Ich merke, dass ich lieber frage, als nur zu antworten, weil das Interessiert sein mehr verspricht als das Interessante. Irgendwann verinnerlicht man eine Art zu leben, wie gut gekautes Rührei mit Speck. Dann ist es nicht mehr wichtig zu reden, weil man seine Inbrunst aus Genussgründen lieber nur der Eiermahlzeit widmen möchte. Diese Reise war länger als die Reisen zuvor und zu lang für die heimatverbundene Nabelschnur. Hier durchsuchen gut gekleidete Opas nach acht einige Restmüllbehälter auf Gleis vier. Für nichts als abenteuerlichen Flaschenpfand. Ein Deutschtürke versucht auf Bahnsteig fünf etwas Zigarettenrauch vor die Linse seines Smartphones zu blasen, um sich mit der Blitzfunktion ein verruchtes Erinnerungsfoto vom Bahnhof zu schießen. Irgendwo zwischen Fulda und Frankfurt Flughafen. Deutschland fühlt sich nun an, wie eine Reise, nur dass man einen europäischen Reisepass nicht mit dem Bundesadler abstempeln lassen kann. Am fünften Tag suche ich nach Masterplätzen in Stockholm und google, ob es in Nordeuropa auch Brünette Frauen gibt. Ein befreundeter Schwede erzählt mir von auslandserfahrenen Kommilitoninnen, voller Yoga und tropischen Tätowierungen auf der Suche nach den Chiasamen, die sie für ihr Müsli brauchen. Eigentlich gibt es nichts schlimmeres, als vermeintlich interessante Frauen mit konkretem Ernährungsplan. Am sechsten Tag beantworte ich Luke’s Fragen zur Haptik des Buches, das ich bis September veröffentlichen will, ohne zu wissen, was Haptik eigentlich bedeutet. Gegen Ende der Woche sitze ich nun in einem späten ICE nach München und bereite mich nicht auf das Moderationsvorsprechen vor, das ich morgen aus meinen abgeschnittenen Ärmeln zaubern muss. Ich trage ein paar durchgetretene Vans und eine viel zu kleine Jeansjacke. Ich denke, dass ich mir vor meinem Termin ein ordentliches Shirt von Simon leihen sollte und höre unbewusst Mädchenlieder von Ed Sheeran durch die Zufallsfunktion meines Telefons trillern. Was […]

REVUE

Jetzt sitze ich mit festem Stuhlgang in der Transitzone des Panama City International Airports und trage ausgewaschene Jeans und festes Schuhwerk ohne zu schwitzen. In den letzten zwölf Monaten habe ich sieben Länder bereist ohne mich in kurzlebiger Internetdekoration zu verlieren. Meine fotografische Telefonbibliothek liefert bis auf etwas unanständigen Überfluss keinerlei Indiz über das Erlebte. Trotzdem ist meine Haut braun genug, um meine Zähne, ohne allabendliches Putzen, immer noch weißer erscheinen zu lassen, als eine Weste, die ich auf den Spielplätzen dieser Welt mit jugendlicher Wissbegierde einsauen konnte. Wenn man des fehlenden Angebots wegen so viele unmanierliche Hamburger essen muss, wie wir in den letzten Tagen durch Nicaragua, sind weiße Anziehsachen sowieso weniger von Vorteil. War es das wert? Für ein paar Reisepasspaninies und vertraute Gesellschaft über dreißig Stunden durch panamerikanischen Wahnsinn zu heizen? Sechs Ländergrenzen zu passieren, um in Costa Rica wegen zwei Bananen fast den Anschluss zu verlieren und in Panama ohne einen finanziellen Nachweis abenteuerliche Grenzkonversationen zu führen? Dafür, dass man tägliche immaterielle Verlustängste leidet und sich irgendwo zwischen Managua und San Jose mit vierunddreißig anderen Businsassen für drei stromlose Stunden benutze Luft teilt? Existenzängste leidet, weil der fünfte Bankautomat immer noch nicht in der Lage ist, europäische Kreditkarten zu lesen, um das Benzin zu bezahlen, mit dem wir ironischer Weise später im Sand stecken bleiben? Sich Ort für Ort verdaungsspezifische Trinkwasserfragen zu stellen und in einem Hostel nach dem anderen reisebegleitende Unterhaltungen zu führen? Mit der ganzen Kraft meines ausgelaugten Körpers sage ich: na klar! Viel zu viel spielt in unsere Karten und fordert uns auf Wälder ohne Wanderwege zu betreten. Die Dinge zu tun, von denen uns klardenkende Erwachsene abraten, weil sie davon ausgehen, dass es ausreicht Szenarien im Namen anderer erlebt zu haben. Wir entscheiden uns ohne Bedenken gegen den wohl schönsten Nationalpark des Äquators und für die Ladies Night in Hermosa. Weil wir uns so gerne im Nachtleben verlieren, nachdem wir die Zeit zwischen Frühstück, Mittag und Abendbrot im Wasser verbringen konnten. Hier gibt es überall Amerikaner! In Jaco erzählt uns einer, wie er Tage zu vor mit Viagra, Kokain und einer achtzehnjährigen Prostituierten in ein billiges Hotelzimmer verschwunden ist. Ein anderer lässt die Seele bei unkonventionellen Baseballwetten in akklimatisierten Casinos baumeln und erzählt den Zurückgebliebenen zuhause später vom ganzen Stolz zentralamerikanischer Amerikanisierung. Dafür ist uns selbst das verdorbene Hühnchen zu schade, das wir seit unserer Abreise in Panama in uns herumgetragen haben. Gegen die Stereotypisierung verbringe ich einen kurzen Strandtag mit einem braungebrannten Mädchen aus Tennessee, bevor wir uns auf unermüdliche Nachtfahrten ohne Fensterheber durch lichten Dschungel einlassen. Hier bezahlen Jordan und ich Dosenbier mit drei verschiedenen Währungen und realisieren langsam, dass sich unser Pubertätseldorado dem jungen Ende neigt. In meinen letzten Tagen verliere ich endlich genügend Materielles, um zu verstehen, wie belanglos die Dinge sind, die eigentlich keinen Namen tragen. Es sind die Bekanntschaften und scheinbar so unbequemen Momente an welche man zurückdenkt, wenn man in überteuerten Flughafenrestaurants nach einer Steckdose fragt, um dem Finale des vergangenen Jahres ein paar Zeichen zu setzen ohne sich in reisenden Kalendersprüchen zu verlieren mit denen man so starke Magenverstimmungen provoziert, dass man am liebsten zu Hause geblieben wäre. Am Morgen meiner Abreise lasse ich Jordan schlafen. Irgendwie beneide ich ihn um sein bedenkenloses Urvertrauen, auch wenn er dasselbe von meiner abendteuersüchtigen Zuversicht sagt. Irgendwie verabschiedet man sich doch nur richtig von den Menschen, die man für eine ganze Zeit nicht wiedersehen […]

ARCHIPEL

Wir schlafen auf vier Quadratmetern. An der der Tür sind Sicherheitshinweise und ein ansehnliches Doppelschloss angebracht, obwohl man ohne erwähnenswerte Anstrengung einfach durch unser kaputtes Fenster einsteigen könnte. Der Ventilator ging die ganze Nacht auf Stufe drei. Wir atmen benutzte Luft und schwitzen uns in den Schlaf. Im Hinterhof eines ansehnlichen Restaurants mit Pool, indem sie das Geld reinwaschen, dass über die kolumbianische Grenze einige Flecken bekommen hat. Dekadent ist anders, auch wenn wir uns nach zwölf Stunden auf Booten, in Taxen, Bussen und hinter Golf Mobilen, ein schlafversprechendes Einzelzimmer leisten. Gestern haben wir jede Mahlzeit des Tages in Verkehrskantinen zu uns genommen und die Liebe für frittierte Empanadas im Überfluss verloren. Dreimal mussten wir die Grenze auf und ab laufen, weil uns hier und da ein plakativer Stempel fehlte. Dann ist es spät, irgendwo zwischen Pavones und Dominical. Ich schlage mein kleines schwarzes Buch auf, um mich in den Notizen zu verlieren, die meiner Meinung nach das Sagen haben, wenn es um unsere Zeit in Panama geht. Ich weiß noch, wie verkatert und schlaflos wir in Panama City angekommen sind, nachdem uns eine amerikanische Mätresse am Flughafen abgeliefert hatte, der ich bis heute zentral amerikanische Briefpost versprochen habe. Oder, wie sehr ich mich zu Verallgemeinerungen hinreißen lassen habe, nachdem mir klar geworden ist, dass es kein Land gibt, indem man nach der Jungfernfahrt vom Flughafen nicht schon ein Drittel seines Reisebudgets an Unwissenheit verloren hat. Jordan und ich lieben Jeans und festes Schuhwerk. Nicht nur weil man sich dadurch klar von der Flip Flop tragenden Expeditionsgeneration abzugrenzen scheint, sondern auch, weil wir das modisch für ansehnlicher halten. Jedenfalls bis zu dem Moment, in dem wir den akklimatisierten Fahrerraum unseres Luxustaxis verlassen und beginnen, ohne aufzuhören, in unsere neuseeländischen Hemden zu schwitzen. Ich habe gelernt, dass man junge Frauen nicht Seniora nennt und somit wieder Selbstvertrauen in meinen Zahnlückencharme getankt. Nach unserer Zeit in Kalifornien dauert es einige Tage bis wir uns wieder an kleine Spielplätze gewöhnen können, auch wenn wir das Beste aus dem bescheiden Beschäftigungsprogram herausholen, das panamerikanische Pazifikküste zu bieten hat. Irgendwann erzählt uns ein reisender Südafrikaner im Rollstuhl, dass er vor fünfzehn Jahren in seiner Heimatstadt angeschossen wurde und, dass es auf der Karibikseite unseres Urlaubslands den besseren Rum gibt. Also versprechen wir auch der kolumbianischen Kellnerin, die uns zum Bus fährt, dass wir ihr einen Brief zusammenzimmern, sobald wir auf diesen karibischen Inseln angekommen sind, die die reiseerfahrene Entourage in zwei Lager spaltet. Boccas del Toro, irgendwo zwischen Abiturparty und landschaftlichem Hormonüberschuss! Nach sieben Bussen, von denen bei Dreien davon unsere Wellensportgeräte vom Dach gesegelt sind, können wir die Erfahrungen und Empfehlungen unserer Sitznachbarn nicht mehr hören. Wir vergessen Wellenvorhersagen und fordern unser eigenes Urteil, dass unser Leben in den nächsten Tagen in eine Postkartekulisse verfrachten wird. Wir surfen türkisfarbene Bilderbuchwellen und spülen uns den mehlweißen Sand mit Kokosnusswasser von den Waden. Wir feiern den Dschungelgeburtstag irgendeines Kartellkönigs auf einer einsamen Insel von der wir fast zurückschwimmen müssen und trinken mehr Rum als wir normaler Weise vertragen würden. Wir vergessen vier Tage lang den Namen des gemütlichen Kaliforniers, mit dem wir uns bei Tag die Boote teilen und bei Nacht die Heißhungerrechnung für die Straßenstände, die nach durchzechten Nächten Essen verkaufen, von dem man hofft nicht einen schmerzhaften Verdauungstot zu sterben. Irgendwann haben wir genug von paradiesischer Rastafarikultur und sehen Briefversprechen nicht mehr als charmanten Währungszusatz an, auch wenn es um romantische Einladungen und Wiedersehen […]

TAG IM SAND

Relativ nah dran! An dem was man sich so vorstellt, wenn man von irgendwo in den Garten schaut, in dem das Gras immer saftig und grün wirkt. Fernweherotik blendet! Deswegen tragen die meisten von uns auch bei leichtem Regen eine relativ teure Sonnenbrille. Ich muss ein paar Geschichten erzählen an die ich mich im Moment nicht mehr richtig erinnern kann. Wir haben verlernt, wie es ist auf deutsch betrunken zu sein. Wir zählen Haarshampoo nicht mehr zum engen Kreis der wichtigen Reinigungsutensilien und können mit heimischer Exotik nicht mehr viel Anfangen. Es wird Zeit nach Spielplätzen Ausschau zu halten, die groß genug sind, um den Bruch mit Erlebtem nicht allzu gravierend wirken zu […]

ELDORADO

Für zweitausendzweihundert zeitverschiebende Dollar ist es möglich in Los Angeles anzukommen, bevor man in Auckland losgeflogen ist und das, obwohl man dazwischen ein paar Stunden in Tahiti geschwitzt hat. Ich durchlebe die Königsklasse der Jetlags und das, obwohl ich die letzten Wochen versucht habe vor zehn im Bett zu liegen, um schneller zu erleben, was sich in diesen Zeilen wiederfindet. Schlaf beschleunigt und ist dennoch die größte Zeitverschwendung, die ich neben Rechtschreibung bis hierher notieren konnte. Trotzdem können wir nicht anders, nachdem uns der Taxifahrer zu der Adresse gefahren hat, die ich ein paar Stunden zuvor auf mein durchtrainiertes Handgelenk geschrieben hatte. Gegen Nachmittag wachen wir auf, weil in Neuseeland gerade morgen ist und meine deutschen Freunde gerade in den Freitagabend feiern. In einem Poolhouse in Venice, dass von den Ururenkeln Albert Einsteins in sicherer Entfernung zu dem Wahnsinn, der sich an der wohl berühmtesten Strandpromenade unseres Bekanntenkreises abspielt, geräumig ausgebaut wurde. Ich auf einer soliden Hartkernmattratze und Jordan auf dieser chinesischen Designer Couch. Dieses Haus transportiert Idealvorstellung und persönliche Kunst, wie ich sie bisher nur aus überteuerten Möbelmagazinen kannte. An der Wand über dem Bett hängt eine Schaufensterpuppe mit Glühlampenhalsband und auf dem Nachttisch steht ein indonesischer Holzpenis. Nach dem Zähneputzen besorgen wir uns Orientierung und erweitern unseren vierundzwanzigjährigen Horizont auf ein paar geliehen BMX unterwegs durch Venice, während mein Bauch immer noch damit beschäftigt ist, die Extraportionen an Flugzeugmahlzeiten zu verdauen. Wir halten in jeder Bar in der man bescheidenen Blickkontakt mit ansehnlichen Kalifornierinnen genießen kann und sind nach dem zweiten Bier fertig fürs Bett. Auf dem Nachhauseweg erzählt mir Bailey von einer Party am Freitag für die wir am nächsten Tag, gut erholt, eine große Kiste Carlsberg kaufen, um auf den Surf anzustoßen, der um Venice Beach nicht wirklich erwähnenswert ist. Seit vier sitzen wir jetzt frisch geduscht in der Sonne und versuchen unsere Erwartungshaltung mit ein paar lässigen Sprüchen im Zaum zu halten. Doch eigentlich wird für Jordan und mich ein Kindheitstraum wahr. Drei Nächte Los Angeles, keine Orientierung und das Potential eines millionenstarken Eldorados. Wir fühlen die ganze Welt in unseren Adern und verschwenden keinen Gedanken an Panama. Wir verfassen Systemnachrichten an fremde Frauen und tindern bis uns die Likes ausgehen. Als es dunkel genug ist, um angetrunken auf ein paar BMX durch L.A. zu radeln, schnappen wir unsere letzten beiden Carlsberg und versuchen diese Bar zu finden, von der uns das Mädchen mit der Ledermütze erzählt hatte. Der Eintritt ist frei und Jordan bezahlt die ersten Runden Whiskey Cola, weil er kurz vor unserem Abflug noch eines seiner kunstvollen Gemälde an zu wohlhabende Leute verkaufen konnte. Es ist dunkel und rauchig, obwohl keiner eine Zigarette hält. Es kommt Musik, die ich mitsingen kann und die Tanzfläche wirkt einladend, aber nicht auffordernd. Diese Bar ist die Liebe meines Lebens, obwohl uns Holy und ihre ältere Freundin davon überzeugen, dass es sich auf der Dachterrasse von Marc Antoine auch gut feiern lässt. Eine halbe Stunde später führen wir also reife Unterhaltungen über Mode und ihre medialen Vertriebsmöglichkeiten, mit Marc Antoine und seinen aus Paris eingeflogenen Freunden. Irgendwo Downtown. Es ist fast zwölf und wir sehen den Spaß, den wir in dieser Bar haben könnten, an unserem rastlosen Auge vorbeiziehen. Uns bleibt eine Stunde, um dem Kunststudenten, der uns per Anhalter mitnimmt, zu erklären, wo wir eigentlich hinwollen. Mittlerweile ist vor der Bar eine Anakonda an Schlange und wir sind froh darüber, dass wir unsere Stempel noch nicht völlig weggeschwitzt haben. Jordan verliert sich in der Gegenwart einer überschminkten Asiatin. Ich rauche drei Zigaretten mit einem eleganten Mädchen mit Hut. Wir sitzen auf dem Bürgersteig und sie übergibt sich. Ich glaube sie ist ein Model und ich steige blind in das Taxi, das sie glücklicherweise mit ihrer Kreditkarte bezahlt. Ich habe mich aus dem Fenster gelehnt und ein paar provokante Behauptungen aufgestellt, die sie beeindruckt haben. Weil ihre Mitbewohnerin jedoch am Morgen ein anstrengendes Shooting hat, sitze ich einige Kalendersprüche später vor ihrer Tür und versuche ohne Telefon und Taxi über meine Aussichtslosigkeit zu lachen. Es ist drei Uhr morgens und Jordan hat die Schlüssel zu der Haustür, die ich heute Nacht nicht mehr finden werde. Ich bin irgendwo in Los Angeles und lasse mich nach einer Meile Fußmarsch von einem afroamerikanischen Pärchen bis nach Venice mitnehmen. Sie fragen mich nach Geld für Benzin und Zigaretten. Bis auf übertriebene Vorahnung habe ich nichts zu bieten. Vielleicht die Erfahrung in einem urbanen Dschungel verbindliche Verabredungen ohne Mobiltelefon zu treffen. Sarah fühlt sich so schlecht für das Verhalten ihrer Mitbewohnerin, dass wir seit diesem Morgen eine zweiundzwanzigstündige Beziehung führen. Wir frühstücken Omelette bei ihrer Mutter in Malibu, besuchen einen kleinstadtgroßen Flohmarkt in Ventura und versuchen irgendwo zwischen Santa Monica und zeitgemäßer Reiseführung etwas Schlaf nachzuholen. Los Angeles bringt mich an die Endstation meiner Aufnahmefähigkeit. Ich sehe mehr Autos als es Menschen zum Benutzen gibt und bin überrascht wie charmant und besonnen Sarah reagiert, als ein oberkörperfreier Verkehrsteilnehmer auf das Heck ihres Volkswagens knallt. Mitten auf dem Parkplatz einer Fastfoodkette. Inmitten von heißhungrigen Amerikanern, die den Bestellprozess mit der Leidenschaft einer Nationalhymnen in das Drive In Mikrophon jubeln. Hand aufs Herz, denn diese Stadt ist voller […]