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BYND

Konstantin Arnold

PROSA

Zuhause. Im Thüringer Wald kann man eigentlich nur auf Fragen antworten, die so eigentlich gar nicht gestellt wurden. Auch das filmreife Leben, von dem ich träume, seitdem ich mit fast 16 mein erstes Surfmagazin im Presseshop am Markt nicht bis zum Ende durchblättern durfte, beschränkt sich gerade auf die Kulinarik der Provinz. Urlaub machen ist wohl eine der schwersten Beschäftigungen seit es Arbeit gibt. Gestern habe ich das alte Wachs von meinen Brettern abgezogen, weil ich finde, dass sie so besser aussehen, wenn sie in einer meiner Zimmerecken auf ein neues Reiseziel warten. Heute gibt es wolliges Familienprogram, das sich wie die Festzelttournee einer regionalen Coverband durch die umliegenden Dörfer schlängelt. Für ein paar Stunden ist dann früher alles besser, alles größer, alles härter. Da ist man noch bergauf in die Schule gelaufen, hin und zurück! Nach dem Rührei bei Oma und der Hühnerfrikassee meiner Tante frage ich mich, ob Jordan heute in Wales gelandet ist? Auch wenn ich schon zwei Wochen früher fliegen musste, bin ich mir sicher, immer noch brauner zu sein als mein walisischer Bruder. Bis auf den Zahnarzttermin habe ich alles gemacht, was man so tut, wenn man in Deutschland ist. Ich bin mit meinem Skateboard ein paar Berge herunter gefahren und habe mir vorgestellt, ich surfe Asphalt. Ich habe mich für ein Lokalblatt vor einer historischen Burg mit meinen Surfbrettern ablichten lassen und nach dem vierten Bier entschieden morgen in einer Bar aufzulegen, obwohl ich eigentlich nur Bonnie Tyler kenne und keine Ahnung habe, wie man Übergänge fließend einbaut. Das lasse ich einfach Benjamin machen. Ich bin einfach überdurchschnittlich braungebrannt und drehe alle fünf Minuten talentiert am Lautstärkeregler. Verdammt, das macht Spaß. Dachte ich zumindest gestern, als zu der Facebook – Veranstaltung erst drei Leute zugesagt hatten. Heute will ich mich in dem Baggersee ertränken, den ich eigentlich mit einem braunhaarigen Mädchen besuchen wollte, die sich an diesem Nachmittag sicher in mich verliebt hätte. Leider hatte sie mir kurz vorher abgesagt und so habe ich mir den viel zu teuren spanischen Käse zusammen mit dem viel zu teuren italienischen Weißwein einfach mit meiner Mutter schmecken lassen. Schon nach dem Editorial des Surfmagazins mit fast 16 habe ich mir geschworen mein Herz auf der Zunge zu tragen und mir von niemandem vorschreiben zu lassen, wie mein Hase eigentlich zu laufen hat. Peinlich ist mir eigentlich auch nichts bis auf Interviewaussagen, die ich so nie gesagt habe. Deswegen sitze ich jetzt mit meinen vier getrunken Schwarzbier am Gartentisch und versuche dem Redakteur seine kleinen, aber entscheidenden Tippfehler zu verzeihen. Weit aus dem Fenster lehnen kann ich mich eh nicht, nachdem ich gestern das auf Rechtschreibung korrigierte Skript meines Buches in den Händen gehalten habe. Ich glaube es wäre einfacher gewesen, wenn sie nur die Stellen markiert hätte, an denen sich keine Fehler finden. Dann überarbeite ich und schreibe E-Mails bis ich nicht mehr sitzen kann. Jetzt geht es meistens darum, die Energie rauszulassen, die ich normalerweise mit acht Stunden Surfsport in pure Freude umwandeln konnte. Zuhause ziehe ich Bahnen in deutschen Freibädern, skate ausgestorbene Skateparks und mache nach dem Aufwachen heimlich ein paar Liegestütze. Alles an einem Tag. Genau wie dieses Festival, das ein paar Freunde auf einer durchnässten Ackerwiese veranstalten und somit 1800 Menschen zusammenbringen, die auf vergangenen Kleinstadtparties oder in der Grundschule mal miteinander geknutscht haben. Das war ein Highlight, aber ein neues Profilbild habe ich nicht […]

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