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BYND

Konstantin Arnold

REVUE

Jetzt sitze ich mit festem Stuhlgang in der Transitzone des Panama City International Airports und trage ausgewaschene Jeans und festes Schuhwerk ohne zu schwitzen. In den letzten zwölf Monaten habe ich sieben Länder bereist ohne mich in kurzlebiger Internetdekoration zu verlieren. Meine fotografische Telefonbibliothek liefert bis auf etwas unanständigen Überfluss keinerlei Indiz über das Erlebte. Trotzdem ist meine Haut braun genug, um meine Zähne, ohne allabendliches Putzen, immer noch weißer erscheinen zu lassen, als eine Weste, die ich auf den Spielplätzen dieser Welt mit jugendlicher Wissbegierde einsauen konnte. Wenn man des fehlenden Angebots wegen so viele unmanierliche Hamburger essen muss, wie wir in den letzten Tagen durch Nicaragua, sind weiße Anziehsachen sowieso weniger von Vorteil. War es das wert? Für ein paar Reisepasspaninies und vertraute Gesellschaft über dreißig Stunden durch panamerikanischen Wahnsinn zu heizen? Sechs Ländergrenzen zu passieren, um in Costa Rica wegen zwei Bananen fast den Anschluss zu verlieren und in Panama ohne einen finanziellen Nachweis abenteuerliche Grenzkonversationen zu führen? Dafür, dass man tägliche immaterielle Verlustängste leidet und sich irgendwo zwischen Managua und San Jose mit vierunddreißig anderen Businsassen für drei stromlose Stunden benutze Luft teilt? Existenzängste leidet, weil der fünfte Bankautomat immer noch nicht in der Lage ist, europäische Kreditkarten zu lesen, um das Benzin zu bezahlen, mit dem wir ironischer Weise später im Sand stecken bleiben? Sich Ort für Ort verdaungsspezifische Trinkwasserfragen zu stellen und in einem Hostel nach dem anderen reisebegleitende Unterhaltungen zu führen? Mit der ganzen Kraft meines ausgelaugten Körpers sage ich: na klar! Viel zu viel spielt in unsere Karten und fordert uns auf Wälder ohne Wanderwege zu betreten. Die Dinge zu tun, von denen uns klardenkende Erwachsene abraten, weil sie davon ausgehen, dass es ausreicht Szenarien im Namen anderer erlebt zu haben. Wir entscheiden uns ohne Bedenken gegen den wohl schönsten Nationalpark des Äquators und für die Ladies Night in Hermosa. Weil wir uns so gerne im Nachtleben verlieren, nachdem wir die Zeit zwischen Frühstück, Mittag und Abendbrot im Wasser verbringen konnten. Hier gibt es überall Amerikaner! In Jaco erzählt uns einer, wie er Tage zu vor mit Viagra, Kokain und einer achtzehnjährigen Prostituierten in ein billiges Hotelzimmer verschwunden ist. Ein anderer lässt die Seele bei unkonventionellen Baseballwetten in akklimatisierten Casinos baumeln und erzählt den Zurückgebliebenen zuhause später vom ganzen Stolz zentralamerikanischer Amerikanisierung. Dafür ist uns selbst das verdorbene Hühnchen zu schade, das wir seit unserer Abreise in Panama in uns herumgetragen haben. Gegen die Stereotypisierung verbringe ich einen kurzen Strandtag mit einem braungebrannten Mädchen aus Tennessee, bevor wir uns auf unermüdliche Nachtfahrten ohne Fensterheber durch lichten Dschungel einlassen. Hier bezahlen Jordan und ich Dosenbier mit drei verschiedenen Währungen und realisieren langsam, dass sich unser Pubertätseldorado dem jungen Ende neigt. In meinen letzten Tagen verliere ich endlich genügend Materielles, um zu verstehen, wie belanglos die Dinge sind, die eigentlich keinen Namen tragen. Es sind die Bekanntschaften und scheinbar so unbequemen Momente an welche man zurückdenkt, wenn man in überteuerten Flughafenrestaurants nach einer Steckdose fragt, um dem Finale des vergangenen Jahres ein paar Zeichen zu setzen ohne sich in reisenden Kalendersprüchen zu verlieren mit denen man so starke Magenverstimmungen provoziert, dass man am liebsten zu Hause geblieben wäre. Am Morgen meiner Abreise lasse ich Jordan schlafen. Irgendwie beneide ich ihn um sein bedenkenloses Urvertrauen, auch wenn er dasselbe von meiner abendteuersüchtigen Zuversicht sagt. Irgendwie verabschiedet man sich doch nur richtig von den Menschen, die man für eine ganze Zeit nicht wiedersehen […]

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