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BYND

Konstantin Arnold

 

BASTION

Ich wohne in einem Hotel in Les Arcs auf 1800 Höhenmetern. Zusammen mit den 21 besten Freestyle-Skifahrern der Welt, Rap Legende Dillon Cooper und einer Armada an Promotion Models, die von allen Kontinenten aus  eingeflogen wurden, um in den nächsten drei Tagen für das richtige Ambiente zu sorgen. Vor mir liegt ein gut ausgearbeiteter Programmplan, der in Times New Roman festhält, was es von nun an zu erleben gilt. Für alle, die das nicht verstehen, gibt es immer noch eine Pressekonferenz und freie Coronas. Ohne Blitzlichtgewitter und bestimmte Sitzordnung. Ohne Mikrofone und zu formalen Fragestellungen fällt hier und da ein Rosè Glas. Ich frage Taylor Seaton, ob er sich in diesem Jahr zum 11. Mal für die X-Games qualifizieren wird und ob er gleich noch mit in die Bar kommt. Es ist sicherlich schon nach 22 Uhr und irgendwann hört einfach niemand mehr zu. Henrik Harlaut, dreimaliger X-Games Goldmedaillengewinner, trägt ein Rastafari Beanie über seinen Dreadlocks und einen Kapuzenpullover, in dem sein Teamkollege Phil Casabon auch Platz finden würde. Die besten und kantigsten Charaktere des Sports sind seinem Ruf gefolgt und machen das B&E Invitational zum prestigeträchtigsten Contest im Freeski-Kalender. Ohne Weltcup Punkte, Juroren und außerirdisches Preisgeld und das, obwohl zeitgleich die European Open in Laax ausgetragen werden. Nur ohne die Besten. Einmal im Jahr zeigt die schneeverrückte Entourage ihren Verbänden, dass sie sich in kein Korsett pressen lässt und Skifahren ohne Helm einfach cooler ist. Dass die Hauptrolle im Schauspiel zwischen Industrie, Sportlern und Institutionen immer noch bei den Fahrern selbst liegt, auch wenn Taylor Seaton mir auf dem Weg zur Bar erklärt, dass es hier keinen Athleten gibt: „Dieses Event bringt den Rock’n’Roll zurück in den Sport. Wir sind keine Athleten, sondern begeisterte Skifahrer. Wenn du einen Coach hast oder nach einem Ernährungsplan lebst, hast du hier nichts zu suchen!“ Eine Besonderheit, die sich durch eine ungefilterte Liebe zur Sportart und all ihren Auswüchsen definiert. Gebündelt und gelebt unter dem Segen dieses Freeski-Contest bildet das B&E Invitational eine Bastion, die den „anderes Wort für Athleten“ Raum […]

 

MILITANT

Wir googlen nach diesen Inseln vor Faro, weil sie auf Bildern aussehen wie die europäische Karibik. Wir haben gehört, dass es dort keine Hotels gibt und man mit portugiesischen Fischern im Rentenalter flirten muss, um nicht im jede Nacht im Zelt zu schlafen. Bitte nicht im Frühjahr. Auch nicht in Südeuropa. Wie man auf diese Inseln kommt, haben wir noch nicht gehört. Vielleicht müssen wir das Auto zum Ausrauben für einige Tage auf dem Continente Parkplatz stehen lassen. Vielleicht gibt es eine Autofähre und zivilisierten Zugang zur Exotik dieses Archipels. Vielleicht bilden wir uns auch einfach zu viel ein und wissen, ohne Skandinavierinnen im Urlaubsmodus nach Sonnenuntergang, rein Garnichts mit uns anzufangen. Gestern haben wir Liebesfilme im Internet geschaut und auf unser Abendbrot geweint. Nicht, dass einer von uns dafür in den Süden Portugals möchte, aber ganz entsagen, will sich doch eigentlich keiner. Ich rede hier zumindest von Perspektive. Schöne Frauen gehören einfach in eine Bar am Strand, wie gedimmtes Licht und Songs von Rod Stewart. Denn Inneneinrichtung und Ambiente bestimmen den Wohlfühlfaktor. Frauen, die sich im fünften Monat in Reizwäsche portraitieren lassen, um ihren Liebsten damit eine illusionierte Freude zu bereiten, auch. Das wird zumindest deutlich, wenn man sich in einer Boutique für Fotografie eine ganze Viertelstunde beschäftigen muss, um auf die bestellten Farbfilme zu warten. Dafür gibt es hier Postkarten. Von Sonnenuntergängen rund um die Halbinsel. Von festangestellten Fischern mit regelmäßigem Einkommen und vom Karneval. Natürlich gibt es keine Ansichtskarten von Blechhütten und Armutsvierteln, die Peniche‘s Innenstadt eine ganz eigene Note verleihen. Oder von arbeitssuchenden Fußballfans, die ihre Nachmittage an strandnahen Danonetischen in der Danaubar verbringen. In 90 Minuten könnte man verkatert mit Garrett McNamara in einem traditionellen Fischrestaurant über große Wellen sprechen oder alternativ dazu lernen, endlich ohne Finger zu pfeifen. Man könnte Tiago`s Geburtstag in Ericeira feiern, obwohl das den zeitlichen Rahmen sprengt und keiner von uns dort wirklich hingehört. Sicherlich könnte man bei Regen einfach den Backofen anheizen, um gut gewärmt etwas mehr an Wachs Vier zu arbeiten. Wir entscheiden uns nach dem Fisch, den letzten Bus nach Lissabon zu nehmen, um unsere Farbfilme im portugiesischen Nachtleben zu belichten. Mit leichtem Sonnenbrand und der ganzen Welt in unseren Adern sitzen wir in der letzten Reihe des Linienbusses und müssen pinkeln. Rote Marlboros, begrenztes Budget und haltlose Erwartungen an einen Freitagabend. Lissabon ist ein Spielplatz ohne Zäune. Die lebendige Definition des Eldorados. Glatte Pflastersteine und Kokaindealer inmitten historisch verwinkelter Gassen. Gelbes Laternenlicht und Bars voller Austauschstudenten mit betrunkenem Akzent. Mehr davon, aber bitte ohne Gigi D’Agostino. Ohne eigenes Feuerzeug hat man genügend Zündstoff für Abendessen mit fremden Franzosen oder kostenlose Taxifahrten in Begleitung […]

 

SABBAT

Eigentlich wollte ich mir vor dem Abflug noch das Bier aus meiner Jeans waschen, obwohl ich für Kurzstreckenflüge nach Lissabon mittlerweile keine frischen Unterhosen mehr trage. Auch nicht, wenn mich die Frau am Check In darauf hinweist, dass ich mein Gepäck gerade zusammen mit dem Rammstein Sänger aufgeben durfte. Ich habe eben nur eine schwarze Jeans. Trotzdem fehlt mir die Zeit meinen Koffer mit frisch Gewaschenem auszustatten, weil ich ihn vor einer guten Stunde erst auspacken konnte. Auf dem Teppich meines 16 quadratmetergroßen Wohnvergnügens liegen eine ganze Menge Dinge. Adventura und einige Vice Magazine aus Berlin. Ein Knackwurstpaket aus Thüringen und ein paar zerknüllte Visitenkarten. Ich überlege ein schön aufgereihtes Foto zu schießen, um meine Freunde daran teilhaben zu lassen, dass ich kurz vor Mitternacht mein Boardbag packe. Selbstverständlich lasse ich diese Gelegenheit aus. Weil mir die Zeit fehlt und ich mir beim Vorstellen dieses Szenarios schon blöd vorkomme. Deswegen höre ich jetzt weiter Anastacia und konzentriere mich darauf, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Auf meine Sitzplatzierung, die mich in zehntausend Meter Höhe mit einer Portugiesin bekannt macht, die nach Deutschland geflogen ist, um sich die Nase richten zu lassen. Ich erkläre ihr, dass ich für einige Wochen in Peniche leben will, um heruntergefahrene Rollläden und Nebensaison zu genießen. Weniger zu arbeiten und viel Zeit im Wasser zu verbringen ohne mich dabei in einem zu überschaubaren Tinder-Umkreis zu verlieren. Zumindest bis Portugals surfende Entourage wieder im Lande ist. Deswegen hat Nic mir ein paar brünette Kontakte aus Lissabon geschickt, mit denen sich der Milchkaffee besser trinkt, wenn Sam und Lennart an ihren eigenen Projekten arbeiten müssen. Abends trinken wir dann Super Bock, weil uns das Sagres ausgegangen ist und lachen darüber, dass sich nicht einmal die blonden Kontakte zu Wort gemeldet haben. Dafür gibt es hier eine ganze Menge Aussichtspunkte, von denen Erasmusstudenten vor der Absperrung in den Sonnenuntergang trinken. Ich sitze hier auf einer Bank hinter der Absperrung, versuche mir ein paar Highlights aus dem Kugelschreiber zu zaubern und mache aus Höflichkeit hin und wieder Fotos für Touristengruppen ohne Selfiestick. Bis mir der Weg zum Strand zu weit ist. Deswegen fahre ich einige Tage früher nach Norden. Carlos Motel ist schön und bescheiden. Ich bekomme die Honeymoon Suite, träume von meinem Zahnarzt und mache es mir häuslich. Wir haben einen kleinen Skatepool und einen 34 –jährigen Hausmeister, der früher einmal Punker war. Es gibt einen Garten mit wildem Physalis, aber noch kein Wlan. Dafür aber einen Rhythmus. Nach einer frühen Surfsession trinkt man hier Kaffee vorm Supermarkt an der Hauptstraße und hofft darauf mit Leuten bekannt gemacht zu werden, die einsame Küstenorte schöner machen. Mein Portugiesisch ist schlecht. Obwohl ich mir, nach der Surfeinheit am Nachmittag, alleine scharfe Chorizo ins Brötchen bestellen kann. Natürlich esse ich gerne zusammen mit Freunden, aber meistens kann ich mich erst nach der dritten Extraportion wirklich […]

 

SABBAT II

Alles in allem ist es genau das, was ich wollte. Eine Übung in Geduld und Zeit für Dinge, die inmitten ambitionierter Umtriebigkeit auch eine Daseinsberechtigung haben sollten. Hauptsache Salzwasser! Dann kann man den Geburtstag einer schönen Portugiesin für zehn Euro auch ungeduscht mitfeiern ohne sich dabei unwohl zu fühlen. Mit einem zurückhaltenden Engländer, der eigentlich offiziell seit sechs Monaten als vermisst gilt und unrasiert reisenden Surferinnen ohne Facebook Account. Befremdlich, dass man mit Menschen, mit denen man scheinbar die meisten Interessen teilt, letzten Endes die wenigste Zeit verbringen möchte. Trotzdem zeigt sich der Wert eines Jungen im Umgang mit Frauen, von denen er eigentlich nichts zu erwarten hat. Zitat Mama. Irgendwo in meiner Komfortzone, in der ich trotzdem feste Schuhe und ausgewaschene Jeans tragen möchte. Denn alles hat seine Zeit! Genauso wie portugiesische Karnevalskultur und industrieller Fischgeruch. Wie leere Bars vor Mitternacht in denen man mit portugiesischem Bäckereivokabular nicht wirklich provozieren kann. Zumindest, bis […]

 

ALTER EGO

„12 Uhr im Celeste!“ Ohne Smiley oder höfliche E-Mailverzierung. Ohne Erwartungen und wirkliche Bestätigung stehen wir eine Viertelstunde zu früh unter dem Vordach eines traditionellen Fischrestaurants und warten auf den Mann, der hier das Sagen hat. Den sie hier wie einen portugiesischen Volkshelden verehren, weil er Nazare zurück auf die Landkarte der Reiseempfehlung geschrieben hat. Weil er Tourismus und Arbeit in ein tausend Jahre altes Fischerdorf […]

 

UMTRIEBIG

Es ist Freitagabend in Lissabon. Wir stehen vor einem haushohen Banner, das direkt über die Fassade des São Jorge Kinos gespannt wurde und warten auf den Einlass. Im Foyer stehen eine ganze Menge wichtige Leute. Profisurfer und die, die es werden wollen. Manager, Marketing-Direktoren aus der Surfindustrie und viele Karohemden. Es gibt eine leichtbekleidete Portugiesin, die dafür verantwortlich ist, Limetten in die freien Coronas zu stecken und eine ganze Menge Andrang. Viele haben braune Haare, die durch Sonne und Salzwasser fast blond sind. Viele stehen mit uns auf dem Balkon vor dem Poster und rauchen rote […]

 

MMXV

Ich habe viel zu kurz in Tahiti geschwitzt und Jordan in San Juan einfach weiterschlafen lassen. Ich habe kurz hinter Queenstown mein Geld ausgegeben und in Dunedin an der Karibik gezweifelt. In Basel habe ich mir Pizza aus Deutschland bestellt und in Lissabon mit ungeputzten Zähnen auf meinen Anschlussflug gewartet. Ich bin in Hamilton fast von der Universität geflogen und habe in Düsseldorf von Adventura erfahren. Morgens in Malibu habe ich Rührei gegessen und im ICE nach München die richtigen Worte gefunden. Ich habe in Köln E-Mails geschrieben und in Hossegor auf eine Antwort von Chloè gewartet. In Hamburg habe ich meinen Koffer bei Fremden gelassen und in Eisenach bis mittags einen weißen Bademantel getragen. In Raglan war ich einer von Vielen und auf dem Weg zur Toilette meistens betrunken. Ich war zu Besuch im Norden von Brisbane und habe in San Josè mit jemandem in Managua telefoniert. In Panama City habe ich einen Brief nach Los Angeles geschrieben und irgendwo zwischen zwei Grenzübergängen den Glauben an die Weiterfahrt verloren. Kurz vor der dänischen Grenze habe ich aufgehört an andere Städte zu denken auch wenn sich Kaikoura ziemlich eingebrannt hat. Auf einem Woolworth Parkplatz in New South Wales habe ich nach einem Schlafplatz gesucht und im panamerikanischen Dschungel ein Mädchen aus Tennessee kennengelernt. Ich habe nirgendwo das Vertrauen in mich selbst verloren und in Cromwell in einem Kebabladen geweint. Um die Mittagszeit habe ich Bier zum Döner bestellt und im Flugzeug nach Frankfurt über dieses Szenario gelacht. In Dominical saß ich halbnackt im Wachssalon und im Bus immer am Fenster. In Leipzig habe ich zum Sonntag eine zahnärztliche Füllung bekommen, um sie bei herzhaftem Picanha in Peniche wieder zu verlieren. Essensgeschichten sind verbraucht, aber wichtig, weil sich Tiefe nur mit Humor transportieren lässt, ohne lächerlich zu klingen. In Zürich war ich leider länger als in Innsbruck und im Internet eigentlich nur, weil ich dort kein […]

 

HANDWERK

Dort, wo Kartenzahlung aufhört anzufangen und Telefonbücher wieder ihre ausgedruckte Wirkung ausspielen, kannst du entscheiden wem du wie die Hände schütteln möchtest. Damit Türglocken endlich wieder dazu dienen, namentlich begrüßt zu werden und ein Schritt zurück den Erwartungen gerecht wird, die schlaue Sprüche von ihm verlangen […]

URLAUB

Ich habe Zeit. Zum ersten Mal nach vier Monaten kann ich das Angebot der Wurstfachverkäuferin annehmen und die Dinge probieren, bevor sie mit kommerzieller Hingabe eingetütet werden. Ich versuche alles zu machen, von dem ich denke, das man es so tut, wenn man Urlaub hat. Ich lasse mir den Bart schneiden und mache ein Windows 10 Update. Ich treffe Freunde zur Mittagszeit und kann in jugendlicher Gelassenheit auch einfach die nächste Bahn nehmen. Eier mache ich ohnehin nur nach Bauchgefühl, weil meine Zimmerpflanze ohnehin nicht mehr zu retten ist. Ich schaue einen Tatort im Ersten und erfahre von den Tagethemen, dass es Charlie Sheen zu weit getrieben hat. Bei Günther Jauch erzählt Guido Westerwelle von seiner Krankheitserfahrung und ich werde für eine halbe Stunde zum Hypochonder, weil mein Kopf ohne Aufgabe nicht arbeiten kann. Nichtstun sollte bezahlt werden. Jede einzelne Minute. Bis zum nächsten Mittwoch, auf den ich mich freue wie auf Weihnachten und Victoria Secret Fashion After Show Parties zusammen. Eigentlich bin ich so aufgeregt, dass ich im Moment nur mit zwei Tassen Glühwein einschlafen kann. Simon aus München, Jordan aus Wales und mein brüderlicher Vormund aus dem Osten. Alle meine Freunde freuen sich mit mir. Nur wo ist Adventura? Irgendwo zwischen Litauen und deutschen Zollbeamten? Eigentlich sollte die Lektion auf Zeit spätestens morgen auf dem Vulkangelände eintreffen. Ungeduld ist keine Tugend, sondern eine Mammutaufgabe! Deswegen steige ich in den Zug nach Düsseldorf, um die Gesellschaft und den Glühweinstand zu wechseln. Ich schlafe in einer unpersönlichen Wohnung, die sie sich mit ihrer Minimalität teilt. Alles ist weiß, bis auf das selbstgemalte Bild ihres Vaters. Die Fenster gehen bis zum Boden und das Geländer davor wirkt mithilfe des Innenhofs wie ein Pariser Postkartenmotiv. Wir bestellen uns Ente in Kokosmilch und grünem Curry. Der Duftreis hat jedenfalls nicht daran Schuld getragen, dass ich den Rest der Nacht auf einer weißen, minimalen Toilette verbringen durfte. Immer in Begleitung eines laufenden Wasserhahns, um der Geräuschkulisse ihre Eindeutigkeit zu nehmen. Irgendwann wird heute zu einem sonnigen Morgen. Weil ich vor zehn nicht schon Glühwein trinken kann, wollen […]

KOKETTIEREN

Jetzt sitze ich in einem traditionellen Hotelzimmer in Zürich. An der Wand hängt kein digitales Lagerfeuer. Dafür stehen auf dem Tisch eine Liste mit den 100 beliebtesten Fernsehsendern und ein unbenutzter Aschenbecher. Die Wände sind cremegelb, auch wenn das eigentlich Garnichts zur Sache tut. Für die Gemütlichkeit ist hier lediglich der Akzent zuständig. Gerade habe ich zwei Mehrkornbrötchen vom Frühstücksbuffet in meiner Unterhose geschmuggelt, die mich im Laufe des Tages davor bewahren sollen, 36 Schweizer Franken für eine Kinderportion Pasta auszugeben. Extraportionen sind mit deutschen Witzen nicht bezahlbar und selbst Obdachlose schlafen hier im Sakko. Eigentlich wollte ich nach dem Frühstück Aquilla treffen und so tun, als wäre ich schon öfters in Zürich gewesen. Doch dann kam das hier. Unzählige Notizen zwischen Köln und Luzern. Der erste an mich adressierte Kinnhaken. Von einem Treppenhausbesitzer im Rentenalter, der zur Karnevalszeit keine unkostümierten Zärtlichkeiten in seinem Fahrradkeller duldete. Schnitzelbrötchen in der Oberpfalz und Elektrokerzen zum Auspusten kurz vor München. Zahnärztlicher Notdienst am frühen Sonntagabend kurz vor Leipzig. Kurz bevor ich mit betäubter Gesichtshälfte versuche nicht auf die unbezahlbare Funktionskleidung zu sabbern, die ich auf der Bühne tragen muss. Einen Tag später sind die Lippen wieder locker genug um textsicher von Pur bis Bushido die richtigen Worte zu finden und zu beweisen, dass Gegensätzlichkeit Spaß macht. Keine passende Etikette zur Hand zu haben, nur weil man nach einer Taxifahrt im Second Hand Mantel angetrunken eine Quittung fordert. Trotzdem brauche ich langsam eine E-Mail Signatur, auch wenn ich erst googlen musste, wie man die vorgeschriebene Kontaktleiste nennt, die wichtige Menschen automatisiert unter ihre Emails setzen. Dazu brauche ich endlich eine Website sagt Phil, der hoffnungslos daran scheitert mir zu erklären, warum man Baukästen und Domains nicht im Baumarkt kaufen kann. Ich soll nach Amsterdam kommen und jüngeren Studenten erklären, was mich zu meinen Bildern bewegt ohne zu wissen, was Brennweite eigentlich zu bedeuten hat. Ich soll mir bis Mittwoch überlegen, was es mir Wert ist Anfang des Jahres indonesischen Surftourismus zu ertragen, um eine Handvoll Geschichten zu schreiben und dabei etwas mehr auf Rechtschreibung zu achten. So wie bei den Facebook Nachrichten mit dem wohl schönsten Mädchen, das ich bisher (noch gar nicht) gesehen habe. Ich fühle mich frei, weil mich kein Arbeitsvertrag mehr an künstliche Zimmerpflanzen bindet und Adrian meine Abschlussarbeit auf Kommata kontrolliert hat. Ich will nur noch die Dinge tun, die ich tun will. Noch mehr, als zuvor. Ohne Sportscheck Katalogbilder. Und zwar genauso wie ich sie tun möchte. Das ist Treue. Sich davon Schnitzelbrötchen leisten zu können ein Segen, der einen aber noch lange nicht zum Autoren macht. Das überlasse ich den Schubladen, in denen gedacht werden muss, um eine Sache komfortabel einordnen zu können. Oder dem, der im Erdgeschoss dieses Hotels heute einen Vortrag über: „Warum ziehe ich immer die falschen Männer an“ hält. Ich konzentriere mich lieber darauf, noch eine gebrauchte Ebay Kamera zu bestellen, um bei diesen Kollektionsbildern nächste Woche etwas professioneller zu wirken. Kurz vor Schluss darf man doch eigentlich noch Danke sagen? Ich bin sprachlos durch den Zuspruch für Adventura. Einmal morgens auf Toilette kamen mir sogar die Tränen. Inspiriert durch den Wasserfluss und das Herzblut, das so ein Projekt fordert, ist jedes Facebook Like, wie eine luftgetrocknete Knackwurst von Oma. Angefangen haben wir diese Tour in Essen. Etwas angetrunken mit Andre, dem Schalker Ultra und Hotelangestellten, der nichts einzuwenden […]