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BYND

Konstantin Arnold

KAJAL

KAJAL

Es war immer schön mit Bildern von Malern, die uns besuchten und eins daließen in die Vencedora zu gehen, um es Rahmen zu lassen und nicht zu sagen, dass alles okay ist, wenn es das nicht war, weil man gestritten hatte und wieder wütend aus dem Haus ging. An solchen Tagen wusste ich nie, was ich tun sollte und ging gerne dahin und sprach mit einer Frau, die man im Viertel Candy, die Rahmenmacherin nannte. Bis man sich irgendwo ansehen konnte, wie das Straßenlicht anging. Wir sprachen über alles und die Wut und auch ein bisschen über die Rahmen, dumme bürgerliche Klischees, was richtig wäre und falsch, und das heute viel richtiges falsch ist. Candy meinte, es wäre immer einfach, gute Zeiten mit jemandem zu verbringen, aber schwer in den schlechten, obwohl die sehr wertvoll sind. Schlechte Zeiten könnte man nur mit sehr guten Menschen verbringen. Wir sollten aufhören, das Leben in solche und solche Zeiten zu unterteilen, Wein und keinen Wein, manchmal ist es okay, einfach nur okay zu sein. An solchen Tagen überließ man es besser der Stadt. Einem brennenden Ozean in der Sonne und den Blumen, die nachts ohne Farben blühen. Und so machte ich mich, an solchen Tagen und an anderen, wenn sich der Markt vor unserem Haus leerte und man den Platz wieder sehen konnte, erst beim Antiquar vorbei, um zu sehen, ob er ein neues altes Buch über Lissabon dahatte. Es waren jetzt nur noch wenige Leute da, die gearbeitet hatten und an rotweißkarierten Tischen unter den Bäumen saßen. Mit ihnen und dem Antiquar führte man einfache Gespräche und es waren immer die besten und einfachsten nach einem Tag Arbeit. Ich hatte gerade etwas Geld und es war ein gutes Gefühl, sich was kaufen zu können, wenn man sich was leisten konnte und nicht nur wenn nicht. Eine Flasche Roten für alle, ein altes Buch über Lissabon, eine Zeitung, um zu wissen wann dann die Welt untergeht, Marlboros, und später eine Tasca, in der man essen konnte und der Tag war grenzenlos. Alle kleinen und großen Stunden. Ich zog mich schick an und ging durch die Straßen, zur Feier des Lebens, wie Candy gesagt hatte. Durch meinen Anzug und die Stadt und den Maler hatte ich gelernt, alles, was ich bin, in mein Tun zu legen. Von allen meisten vielleicht doch von ihr, aber sie zählte nicht, weil sie gerade nicht mit mir redete oder ich nicht mit ihr. Mein Telefon ließ ich lieber daheim. Alles schlimme, was jetzt noch passieren konnte, passierte am Telefon, weil es nie was mit dem zu tun hatte, was man gerade sah, tat oder sagte. So war das Heute nun mal, und solange die letzte dicke Oma nicht dünn geworden ist und der letzte alte Mann noch nichts Besseres zu tun hat, als herumzusitzen, hielt ich das auch aus und ging weiter, am Markt vorbei und die Blumenverkäuferin rief und ich sagte nein, danke, heute wäre kein guter Tag für Blumen. Sie fragte warum denn und gab mir Beziehungsratschläge und sagte das gleiche, was auch Inder sagte, bei dem ich meine Zigaretten kaufte, nur dass er es am Beispiel eines fahrenden Autos festmachte, das nicht mehr rollt, weil ein Rad nicht dreht. Mit diesen Leuten konnte man gut reden, weil man nicht darauf achten musste, was man sagte und ob es stimmte und die ganze Wahrheit war, wie mit gewissen gemeinsamen Freunden. In der Tendinha am Rossio machte ich dann erstmal Pause. Stand am Tresen, trank ein Glas, aß frittiertes Seehechtfilet mit Brot und sprach mit Senhor Alfredo über was anderes. Ich hatte mir bis hier her meistens so viele Meinung angehört, dass ich selbst gar keine mehr hatte. Außerdem fand ich den Inder immer etwas extrem, indem was er sagte, vor allem wenn Ramadan war, so wie gerade und die Tage lang. Er durfte nichts, bis die Sonne weg war, und dann durfte er auch nicht alles und […]

RIVIERA

RIVIERA

Es ist ein Stück vom Himmel gefallen. Liegt an der französischen Riviera als Kap im Meer. Wellen schlagen dagegen und Wege führen drum rum und ein weißes Haus steht im Grünem, das von tiefem Blau umrahmt wird, wie ein wertvolles Gemälde. Ich hoffe, wenn man stirbt, kommt man hier hin und darf seine Gefühle mitbringen. Manche können sich das im Leben schon leisten. Nirgends ist ein Hotel so Hotel, das Leben so Leben, weiß so weiß und Liebe so einfach gemacht. Das Westenweiße macht was mit einem. Man trägt helle Anzüge und raucht leichte Zigaretten und auch nicht viel. Morgens kann man das Trocknen der Pinien riechen und abends hört man den Vogel, der die Dämmerungen in warmen Ländern besingt. Gesehen hat den keiner, aber es reicht zu wissen, dass so der Süden klingt. So nah am Wasser sind selbst schlechte Zeiten besser als die guten. Weit weg von der Welt und doch jener Teil, der sie lebenswert macht. Regen durch weiße Fensterläden betrachtet. Heute ein stürmisches tristes Meer, Palmen, die dann halt wehen, na und? Wir sehen das nackt durch Gardinen, ein Blick aufs Leben vom Bett und vom Bad ausgesehen. Blaue Jeans und braune Haut. Keine Ahnung, ob die Welt uns so sehen kann, wenn die Gardinen wehen. Schöne Orte sind sehr schön im Regen. Sie sind wie Menschen, die auch mal weinen. Ein falscher Gedanke (das kann ein Moment sein, der nicht ist wie tausend andere Momente) und ihr durchleuchtender Blick, die Kraft meiner Empfindung, keine Ahnung, wie sie das aushält, ich glaube, sie liebt mich, wirklich, bedingungslos, auch wenn ich mir das schwer vorstellen kann. Einen kleinen unsicheren Jungen, der sich hinter breiter Brust an seinen Obsessionen vorbeischreibt und aus der wunderbaren Unvollkommenheit des Lebens in seine Texte rettet. Oder hier her. Auf dem Hinflug sah ich eine Stadt unter mir. Tausend Lichter und Straßen, die irgendwo hinführen, blinken, leuchten, wollen, sich verbinden, vielleicht Paris. So, sagte ich zu ihr, stelle ich mir ein Gehirn vor. Ich schaute nochmal raus und sagte, meins nur mit mehr Schleifen und Kreisverkehren. Dann wurde das Wetter schlecht und ich musste das Wetter noch für sie ändern und es ändert sich auch. Wie versprochen. Einen Platz im letzten vollen Lokal bekommen wir auch noch und den französischen Weinpreis bezahlen wir nicht. Die spinnen wohl, und denken der Traum einer Frau ist, der Traum eines Mannes zu sein. Man muss den Traum schon erfüllen. Es reicht ihr nicht Mrs. Irgendwer zu sein. Sie will auch nicht, dass man ein Foto davon macht und ihr Feuer gibt, wenn sie selbst eins dabeihat. Ich halte die Tür des Taxis auf und sie geht auf der anderen Seite rein und wenn sie eine Tasche trägt, will sie die selbst tragen, was ja okay ist, bis ein anderer fragt, ob man helfen kann. Wir haben jetzt den Deal, dass ich die Tasche in der Öffentlichkeit nehme, damit ich nicht wie ein Idiot dastehen muss. Wir kommen an Frauen vorbei, die gucken und sie weißt mich später darauf hin, dass meine Ärmel nicht gleichlang aus dem Jackett geguckt haben. Das soll so sein, fahre ich aus mir heraus und zweifle in mir drin. Selbst Frederic, dem Hoteldirektor hat das gefallen und er ist die junge, schwule Form von Gott. Wir haben ihn das letzte Mal in Istanbul getroffen. Erinnern konnte er sich nicht, was nicht schlimm ist, denn […]

PAPPERLAPAPP

PAPPERLAPAPP

Endlich wieder Lissabon. Egal, wo wir waren, ich bin nirgends lieber gewesen, aber es ist gut wieder hier zu sein, auch wenn wir noch nicht ganz da sind, wo wir sind, weil man im Ritz noch nicht ganz in Lissabon ist. Das Hotel ist in Lissabon, aber es ist nicht Lissabon, es sind mehr Leute im Gym als an der Bar. Deswegen sind wir hier. Wir kommen an und fliegen weg und dazwischen bringen wir uns in Ordnung oder erholen uns von uns und vom Rauchen. Stattfinden wir woanders. Alles, was es dann zum Glück braucht, ist Zeit, Lissabon, ein Notizbuch mit weißen Seiten, einen Film in der Kamera, Kippen, Kleingeld zum Essen und keinen Treffen, das wars. Es schreiben wenige Menschen und noch weniger schreiben von Städten, in denen sie leben und Frauen, die sie lieben. Sie schreiben von anderen Städten und anderen Frauen, die sie nicht lieben, und so leben und lieben sie auch. Dabei ist es so ein besonderes Gefühl, von hier morgens, die Avenida zur Arbeit runterzugehen, wenn man hauptberuflich durch die Straßen Lissabons geht. Es ist ein anderes Gefühl, aber ein ganz schön anderes. Am Anfang vergleicht man die Straßen der Stadt noch mit den Straßen der Städte aus denen man gerade gekommen ist. Die Lissabonner Illustrierten und Fußballzeitungen mit internationaler Presse, die in Paris und Wien in den Auslagen der Straßenläden hängt. Dann denkt man sich, dass es schön ist, weil dieses Land auch ohne schlechte Nachrichten auskommen kann, mit denen man nichts anzufangen weiß, außer Heulen. Man weiß bei hundert Toten nicht mehr, was ein einziger ist. Weiß ich, was gerade in der Welt passiert. Sie geht unter, sie verbrennt, alles wie immer, was muss man da noch schreiben? Vielleicht was zur Endzeitstimmung und dem Wunsch einer jeden Generation, dass die Welt mit ihr zu Ende geht, weil sie nicht ertragen kann, dass sie das nicht tut. Sie dreht sich weiter, Tag für Tag, also genießen wir’s bis das Ding in die Luft fliegt und widmen uns den schönen Dingen des Lebens: Frühstück, allein mit Zeitung, ist eben eine Schwäche von mir, aber eine, die in der Tabacaria Monaco gekauft wurde. Die Zeitungen dort lesen sich besser. Es ist wunderbar an einem Morgen nach langer Zeit dort eine Zeitung zu kaufen und in der ersten Etage der Confeitaria Nacional zu sitzen und zu lesen und sich ein Croissant, Espresso, Butter, Rührei mit Schnittlauch und Orangensaft zu bestellen und durch die Fenster auf den Platz, mit der Reiterstatue, zu blicken. Sonniges Schweigen. Tauben grasen wie kleine Kühe im Wind. Penner liegen zwischendrin rum. Eine sehr braungebrannte Frau muss eilig irgendwohin. Ihr Schritt ist so schnell, dass sie selbst kaum mithalten kann. Was sie tut muss sehr wichtig sein. Vielleicht arbeitet sie für eine Zeitung oder ein französisches Arschloch, das mit Mietspekulationen sein Geld verdient. Cat könnte genauso farbvoll in der Sonne laufen, so braungrün und schwarz, sehr gesättigt, aber sie läuft nie so eilig irgendwohin, also schreibe ich über die. Nichts nervt, nur manche Zeitungsüberschriften und das Parkhaus und die Gedanken ans Einkaufszentrum, das aus dem ehemaligen Hotel Francfort entstehen soll und dieses fürchterliche Hotel, dass sie aus dem ehemaligen Hospital am Botto Machado machen und das nächste fürchterliche Hotel, das aus der ersten Etage dieser Confeitaria entstehen wird. Natürlich von Franzosen, den alten Baumeistern. Jetzt wird’s persönlich. Keiner mag euch, tut mir leid, aber man muss so schreiben, wie man hinter dem Rücken über andere redet, sonst ist es nichts. Ich bin ja auch Investor. Ich investiere in alte Cafés und halte die Bars am Leben, gehe in die dreckigsten Tascas, obwohl ich weiß, dass man stirbt, wenn man zu viel von denen isst. Jorge, der Schuhputzer, ist fast an ihnen gestorben. Manchmal gehe ich rein und bestelle einen Pfirsich, um ihnen das Wechselgeld dazulassen. Sie […]

TRIEST

TRIEST

Den Himmel stelle ich mir als eine Art Abend vor, auf der Terrasse des Caffè Specchi. Adriablaue Stunde mit Planetenlaternen und dem Caffè mit seinen leeren Tischen, roten Decken und goldenen Tischlampen. Ein bisschen Dunst. Ab und an kommt ein Kellner vorbei und bringt einen Drink und der Moment beginnt wie von vorn. Davor ein großer Platz, über den eine ältere Frau in Stöckelschuhen auf das Specchi zugeht. Sie geht durch das Licht von Lagerhallen und Palästen, das Licht einsamer Laternen am Kanal. Ihre Mantelbrosche funkelt und ihr weißes Haar weht in einem der Winde, Scirocco, Mistral, Bora, einen habe ich vergessen, ist aber der, der die Boote am Kanal aufscheucht und die eitlen Paläste dabei stört, sich im Wasser zu spiegeln. Glockenschlag! Die Stunde der Aperitifs ist gekommen. Das Vorspiel beginnt, die Erlebnisverlängerung, der Moment vor allen anderen Momenten. Passieren, das vor dem eigentlichen Passieren beginnt, einem Abendessen oder so. Es sind schwerelose Stunden, im Anzug, zur Feier des Lebens, wie es nur ein Land zwischen Nord und Süd hervorbringen kann. Triest, das war einmal, sagen die Leute. Ich find‘ es ist noch und wie. Helldunkelblaue Himmel, historische Gebäude, die von Männern gehalten werden, keinen Karyatiden. Man kann nichts mit diesen Häusern machen, aber die Häuser machen was mit einem. Es ist dasselbe, was auch ein schönes Café am Abend mit einem macht, wenn es leer wird und spät. Das Licht der Auslagen fällt aus Geschäften auf das Trottoir. In ihnen liegen schweren Bücher mit goldenen Titeln. Rumpelkammern der Geschichte sind das, verstummte Stücken Stadt. Postkarten von Toten. Vor Jahren kam mal der Brief eines Freundes. Er schrieb und schwärmte: Grüße aus Triest, sitze im Hotel Savoia und schaue aufs Meer und das Meer liegt da wie ein See. Die Bar ist schön und hoch und hat große Fenster, durch die wir die Leute beobachten und ihre Unterhaltungen nachsprechen könnten. Wie in alten Zeiten. Triest ist Espresso und Aperitif. Also ein guter Ort für das Leben und die Liebe. Die Stadt findet in Caffés und auf den Straßen statt, nicht zu Hause mit Möbeln. Die Alten gehen hier einmal täglich die Mole rauf ins Nichts. Warten, dass der Tag dort auf Abend trifft. Atmen den Abend ein und das alles, sehen die Stadt von weitem, das ganze Kleine, als großes Ganzes. So ein Blick auf Triest ist ein Blick auf jenen Bereich der Seele, wo alle Gewissheit schwindet. Das Slawen und Österreicher und Italiener so sind, wie man sagt, damit die Welt in uns passt, stimmt nicht, weil viele Österreicher Italiener sind und Slawen, und umgekehrt. Die Stadt wirkt wie eine Gemeinschaft aus Leuten, die gerne Kaffee trinken und eine Stadt gegründet haben, um sich nach dem Spaziergang auf Aperol zu treffen. Die ältere Frau hat den Mantel abgelegt, sitzt mit ihrem Mann hinten im Caffé. Sie sitzen da und trinken und besprechen die Lage. Danach Abendessen. So kann die Liebe zu Dauer werden. Nachts sitzen junge Verliebte auf Treppen. Stecken sich vorm Theater die Zunge rein, weil man das zuhause nicht darf. Zu Zahnspangenzeiten. Ist nicht schön anzusehen, aber schön. Junge Ärzte stehen vor Krankenhäusern am Telefon und versuchen ihr Liebesleben zu retten. Die Inhaberin des Lokals schickt ihren angestellten Sohn weg, weil der das ganze Wasser über den Tisch verteilt hat und im Kopf schon auf den Stufen eines Theaters sitzt. Sie ruft aus der Küche, er solle sich bloß fortscheren und das mit seiner Amore klären. Mir ist ein klitschnasser Sack tausendmal lieber, als jede mechanisch rationale Freundlichkeit der Schweiz. Die Menschen haben dafür einen Glanz im Gesicht. Das stand auch im Brief und das hier der Orient beginnt und Wind weht, aus der Levante […]

ALVALADE

ALVALADE

Ganz ehrlich, es kotzt mich an und es ist so schön, das Leben lässt sich nicht fassen. Man schreibt was, von dem man denkt, dass es so ist und bevor man es geschrieben hat, ist es schon nicht mehr. Wortgewordenes Denken ist das und das kann sonst was sein, Probleme, die es nicht gibt, Gedanken, die man sich macht, Gefühl, die man nie hatte. Wie soll man so arbeiten? Eine These, die ich zu widerlegen suche, dass man sich an alles gewöhnt, ans Schlechte, aber auch an das Gute. Die Dinge schätzen und mehr davon wollen, menschlich, wie soll das gehen? Man sehnt sich nach einem Leben und wenn man es hat, sehnt man sich nicht mehr? Fragt sich, ist das alles, und wie wäre es, wenn. Geht mit der Erfüllung eines Traums, also der Traum verloren? Nein, geht er nicht, und das ist kein Optimismus im Angesicht der Wahrheit, sondern die Wahrheit selbst. Ich wollte immer so einen Blick und ich sehe ihn jeden Tag und kann ihn jeden Tag nicht fassen. Da steht ein Segelschiff im Hafen verdammt und es dämmert und ich kann das sehen. Von einem Stuhl in Lissabon aus, nachdem wir an der Promenade lang sind und mit den Fischern redeten und uns eine Ausstellung ansahen und uns liebten und im Park saßen und nach dem Mittag frühstückten, weil wir gestern bis in die Puppen Uhr weg waren. Sie gibt mir, was ich ihr nicht geben kann und umgekehrt. Kongenial ist das oder Congeniali, das ist besser, weil das italienisch ist und alles, was italienisch ist, nicht schlimm ist. Mein Gefühl kommt über alles hinaus, sprengt, die Grenzen einer Welt im Kopf, die wir uns mit den wenigen Worten erklären, die wir kennen. Ich bin nicht der Typ, der Träume hat und bald 32 wird und mehr vom Leben will, als ein Salzbad, in dem er was von Thomas Mann lesen kann. Ich will abends am Balkonfenster sitzen und rauchen, obwohl mir das Leben so lieb ist, oder gerade deswegen. Ich unterteile das Leben nicht in gute oder schlechte Zeiten, denn viele schlechten Zeiten sind besser, als die guten und nur die guten, machen die schlechten schlecht und so weiter. Ich habe gehört, Sehnsucht wäre alle unerfüllten Wünsche und diese Unerfüllung ist in Erfüllung gegangen mit ihr. Sehnsucht nach dem, was man hat. Haben, Halten, Motus Animi Continuus, Thomas Manns Tod in Venedig, ich selber kenne solche Lateinischen Worte nicht. Es reizt der Weg, deswegen sind wir unterwegs. Selbst dienstags. Wir haben da dieses Ding, dass wir uns in irgendeinem Viertel auf ein Date treffen, gestern war Alvalade dran. Wir lagen bis abends im Bett und scheiterten an uns und heulten, dass uns im Old Vic die Augen brannten. Das ist eine Bar in der Travessa Henrique Cardoso, genau mein Ding. Die Kellner sind sehr nett und schreiben an und leihen einem Kippen aus ihrem Privatvermögen, wenn man keine mehr hat. Wir kommen ihnen mit immer neuen Drinks, die sie dann lernen und so lange sie die Drinks lernen und noch nicht mixen, schreiben sie die nicht an. Wir sitzen also auf hohen Hockern und hoffen und haben durchs Heulen die Augen von Neugeborenen, können die Dinger kaum offenhalten. Kann am Rauch liegen, kanns aber auch nicht. Unser Tisch wackelt und wir reden kein Wort und denken oh je das wars jetzt und dann reden wir doch und denken es nicht mehr und haben Probleme gelöst, die es nie gab und nicht geben wird, bis auf den Tisch, was für eine Nacht. Sie trägt mein Kleid durch die Nacht. Sowas kaufe ich gerne, lieber als was […]

MADRID

MADRID

Madrid ist immer eine sehr glückliche Zeit und über glückliche Zeiten gibt es nicht viel zu schreiben, außer wenn man sich sehr bewusst ist, wie kostbar sie sind und wie leicht sie vergehen, ohne vorsichtig zu werden. Man muss dafür nicht das Leben eines Toreros führen, es reicht ein fantastischer Geist zu sein, der gerne denkt und weiß, was passiert und nicht passiert und das dann schreibt, als ob es gar nie hätte anders gewesen sein können. Es ist immer langweilig, wenn zwei glücklich sind und man nicht mit oder nicht mehr und will, dass sie es auch nicht mehr sind. Menschen wollen es nicht hören, weil sie es für sich wollen. Man will nicht lesen, dass sie Straßen gingen, die keinen besonderen Namen haben und in Restraunt aßen, die niemand kennt und bei Nacht Dinge taten, die keinen so sehr interessieren, wie sie selbst. Nicht nur das, aber man hat das eben, was wir alle suchen und kann sich dem widmen, und es, wenn man will, mit in eine Bar nehmen oder ein Tanzlokal oder andere schöne Orte. Gerade weil Madrid dann eine sehr glückliche Zeit ist, muss man darüberschreiben. Wir kommen zwei, drei Mal im Jahr. Diesmal kam ich mit dem Zug aus der Meseta, sie etwas früher mit dem Flugzeug aus Lissabon an. Man sagt das spanische Hochland wäre auf gewisse Weise negativer als die Wüste. Die Wüste verspräche nichts, die Meseta wäre ein gebrochenes Versprechen. Ich wollte das verstehen und dass Madrid eine 657 Meter hohe Stadt ist. Vom Flugzeug aus sieht man das nicht. Man sieht das kahle Land um Madrid, vor allem bei Nacht, wie Dörfer im Meer der Nacht sieht das aus, aber man sieht die Steigung nicht, nie. Von Lissabon aus fliegt sich’s bequem. Es gibt Flüge am frühen Morgen und am späten Abend und der am späten Abend ist gut, weil man fast in Lissabon ankommt, bevor man losgeflogen ist. Der Zug braucht zwölf Stunden. Dafür wird man langsam vorbereitet und kommt an der Puerta de Atocha an. Sehnsüchtig, hungrig und fast im Palace Hotel. Unser Madrid besteht aus Orten, die wir kennen und neuen Orte und Orten, die wir kennen, aber noch nicht so, wie wir jetzt sind. Reisen ist ja nichts neues, Orte sind überall. Es geht darum, sich an ihnen selbst zu erfahren. Im Prado Museum ist es am meisten so. Man steht vor den gleichen Gemälden und es sind immer andere. Es gibt ein paar die immer gleich sind und immer anders und manche, die einen noch nie so faszinierten wie jetzt. Jusepe de Riberas Martyrium des Hl. Philippus ist so ein Bild. Wie die Frau im unteren Bildrand aus dem Gemälde guckt. Sie guckt aus ihrer Zeit bis heute, so als ob sie den Wert des Gezeigten und den Fehler des Getanen schon damals kannte. Sie schaut, als könnte man sie verstehen. Nicht das Rot oder das Leid nimmt einen gefangen, nicht mal Riberas Maria Magdalena oder seine Maria Magdalena mit Bart, so sehr, wie der Blick dieser Frau gefangen nimmt. Und das kurz nach dem Mittelalter, dessen Bilder noch zeigen, wie Frauen damals Schwanger geworden sind: per Lichtstrahl, der von einem Engel ausging, wie auf Fra Angelicos Verkündung. Gemälde, die immer eine gleiche Kraft haben, sind Claudio di Lorenas Einschiffung der Hl. Paula zu Ostia, Johanna die Wahnsinnige oder Fabrés‘ Sklavin, auch wenn ich da nichts Sexuelles drin sehe, so wie sie. Ich stand minutenlang vor diesem Bild und manchmal kam jemand und stellte sich dazu und es war dann ein sehr intimer Moment, so als ob man diesen Moment zusammen im Bett dieses Bildes verbrachte. Mit ihr war es nicht so unangenehm, aber es passierte selten, meistens war es eine einsame und individuelle Erfahrung und nach einem Museumsbesuch versuchen wir, beim Mittag zu erraten, welche Bilder den anderen am meisten […]

PIRATA

PIRATA

Pirata war kein Ort, an den du abends mit jemandem gehst, wenn dir jemand und der Abend etwas bedeuten. Man kam hier alleine her, mittags und an Wochentagen, kurz und ohne Wein, hier aßen Leute, die gearbeitet hatten und auch vorhatten, das nach dem Mittag wieder zu tun. Einfache Leute, die das Leben gut kannten, Taxifahrer, Passmacher, Steuerberater aus dem Viertel, Rentner, die nebenbei weiter Taxifuhren, Notare in durchdachten Anzügen, Beamte, die billige weiße Shirts unter billigen weißen Hemden trugen, Leute von der Post, Gescheiterte, Gewesene und Frauen von Gewesenen, die vom Sein und Sitzen immer dicker wurden. Abends, wenn man Wein wollte und gute Gesellschaft brauchte, kam man hier nicht her, außer, wenn man unbedingt etwas brauchte und auch sonst alles zu hatte und man eh gerade in der Gegend war. Um an den Abenden zu funktionieren war Pirata zu wenig Restaurant und zu viel Kantine. Der Laden bestand aus einem einzigen schmalen Gang, der von einer Theke halbiert wurde, links waren eilig die Hocker, rechts nackte Holztische mit Stühlen hingestellt. An beiden Enden des Ladens hatte man Fernseher angebracht. Die Tageskarte wurde vom Besitzer noch selbst geschrieben und das Essen auf der Karte war immer einfach und ehrlich und gut und billig. Hinter der Theke hingen Karikaturen von Gästen, die das zu schätzen wussten und ein Schild auf dem immer das gleiche steht: Nur Heute, ein Bier und ein Teller Krabben, 2.99. Der Besitzer blieb meistens bis zum Mittag, machte Besorgungen, regelte Papierkram, schrieb die Karte für den nächsten Tag und aß dann sein Lunch, genau wie Senhor Antonio, der aß aber nichts, sondern ging nur. Nach dem Mittag kamen dann der Glatzkopf und das Arschloch und lösten den Besitzer und Antonio von ihrer Schicht ab. Der Glatzkopf war sehr nett und das Arschloch ein Arschloch, weil ihm Pirata doch egal war und jeder der da hinkam. Man sagt, er hätte sich das letzte Mal mit zehn ein Lächeln abgerungen, als ihm klar wurde, dass wir alle sterben. An die Touristen schenkte er schlechten Wein aus, der seine Farbe und Güte lange verloren hatte und durch Zucker und Farbstoff am Leben blieb. Er mochte mich nicht und ich mochte ihn nicht und nachdem ich abends mal mit Leuten da war und er um halb elf schon anfing, die Stühle reinzustellen und uns den Wein vom Tisch nahm, beschwerte ich mich beim Besitzer, zog in ein anderes Viertel und kam nie mehr her. Pirata war tot. Aber das ist alles aus einer Zeit, in der wir zum Mittag oft zu Pirata gingen. Längst vergangen. Eines Tages war ich in der Gegend, um Besorgungen für unsere neue Wohnung zu machen, weil ich noch nicht genau wusste, wo man die bei uns macht. Ich kannte bis jetzt nur kleine Läden mit Leuten vom Land, die sehr nett waren, aber keine Besorgungen dahatten. Es war auch nicht so, wie wenn man in der Baixa welche machte; Wein, Kaffee und Käse kaufte und dann für ein Bifana bei Afonso die Rua da Madalena raufging. Man konnte sich auch keine Zeitung kaufen oder bei Jorge vorbei und in die Elektrische steigen und Kerzen mit Ausblick kaufen. Übrigens hatte ich Jorge schon eine Weile nicht gesehen, das letzte Mal vor ein paar Wochen. Er merkt seine Narbe jetzt aber nur noch beim Trinken, und wenn er ans alte Lissabon denkt und die neuen Geschäfte, die es aushöhlen, wie er sagt. Drogaria Central, Manteigaria Silva, Casa Macário, das wären noch Läden sagt er und dass es in der Baixa schon noch anständige Geschäfte gibt mit Menschen, die stolz auf das sind, was sie tun und es nicht nur tun, um dann andere Dinge tun zu können. Aber das half nichts, ich musste Besorgungen machen und ich konnte dafür nicht in die Baixa und wusste nicht, wo man die bei uns macht und fuhr in mein altes Viertel […]

TUN & LASSEN

TUN UND LASSEN

Regen ist da. Das sind in Portugal Nachrichten. Vor allem weils dann Pfifferlinge gibt. Der November nimmt sein Recht in Anspruch nass zu sein. Sowas. Stirbt ja sonst keiner und wenn einer stirbt, konzentrieren sich alle schönen Momente in einem schwarzen Loch. Ich glaube fest daran, dass uns ein leidenschaftliches Leben vor dem Tod bewahrt. Das muss auf den Kippenpackungen stehen. Rauchen ist tödlich, na klar, aber Rauchen, ohne Leidenschaft, Leben ohne Liebe, tötet noch mehr. Wer keine Ziele hat, keine Berufung fühlt, morgens nicht gerne aufwacht und denkt, jawoll, jetzt randalier ich mir einen und dann geht’s aber sowas von los, braucht ein Glas an der Bar seines Therapeuten oder sollte sich vom letzten Licht der Welt treffen lassen. Treffpunkt halb 6, Dach der Igreja São Vicente. Man läuft auf dem Dach wie auf dem Mond. Sieht runter zu Dingen, zu denen man sonst raufgeguckt hat. Sieht sie vom Standpunkt der Ewigkeit aus betrachtet, hinter Höfe und Mauern in das Leben der Menschen. Es gibt keinen besseren Blick. Ein Ort, um die Seele im Sattel zu halten. Eine andere Perspektive. Neue Dimensionen. Ein schöner Moment. Das Leben ist den Tod dann wert. Auch wenn das Wetter schlecht ist, aber es war auch so, als ob es nie sonnig gewesen wäre und nie wieder wird. Der Einfluss des Wetters auf die Stunden des Lebens. Klarheit des Tages, Ernst der Nacht. Ist ja nicht so, dass die Alten viel vom Wetter reden, weil sie vor Komplexem kapitulieren, sondern weil es gelöst ist. Früh am Morgen ist das Licht noch wahr, noch hoffen, mittags schon ein Blenden, eine Lüge, und abends eine oder keine, aber Fazit, ein Resultat. Die Nacht ist nur für jene, die das nicht glauben wollen, es nicht einfach hinnehmen, bis sie im neuen Licht vergehen. Die großen Überforderungen sind dann überwunden. Tag, Nacht, Wahr und Falsch, Frage, Antwort, Welt und Gott, Glück und Leid, du und ich, Auf und Untergang. Sie gehen am Himmel ineinander über. Siehst du? Das Schöne des Sonnenuntergangs findet in die andere Richtung statt. Das Licht flieht aus den Straßen über die Türme und den Fluss, über die Ebene zu den Hügeln in die Nacht. Eine einfache mattdunkle Hügelfläche im Dunst, mehr nicht, angemalt am Horizont. Ein Augenblick. Sieht aus, als ob da Feuer hinter den Hügeln in Afrika brennt. Die Flammen spiegeln sich in den Fenstern. Doch das ist passe. Muss einen anderen Einstieg wählen, keine Erinnerung daran. Der Regen ist da. Das sind in Portugal Nachrichten. Der November nimmt sein Recht in Anspruch nass zu sein. Aber es war auch so, als ob es nie sonnig gewesen wäre und nie wieder wird. Es war nicht wie morgens, wenn die Straße wegen der Reinigungsfahrzeuge nass war oder den Sprinklern im Park und man dachte, dass der Regen schon dagewesen war, bevor ihn die Sonne trocknet und der Fluss durch die Bäume und Zäune schimmert, wie die Riviera oder Amalfiküste oder der Lago di Como. Nein, die Parks schön traurig und trist. Leer, außer wenn man selbst durch einen geht, auf nassen Wegen, und sieht, dass der Quiosque doch noch offen hat. Kerzen brennen auf den Tischen. Komm einen trinken wir noch. Stoßen auf Statuen an, die hier von Terrassen gucken, weil der Fluss fließt wie das Meer. Das Pantheon mondfarben, breitbeinig, leuchtend und stolz, oh ich hasse Adjektive, aber wie soll man sonst beschreiben, was da in einem ist. Gott verdammt. Es geht nicht um Dinge oder Tage, sondern was sie in einem auslösen. An den Kleinigkeiten haftet der Eindruck des großen Ganzen ganz groß. Van der Neer hat das gemalt und ich will schreiben, wie der das gemalt hat. Ganz und gar und immer wieder dasselbe Motiv, bis man alles verbrennen möchte und wieder von vorn. Heute malt keiner mehr ein ganzes Gesicht, man deutet es an. Schreibt, bis man […]

KARLSBAD

KARLSBAD

Neulich haben wir dieses Spiel gespielt. Would you rather heißt das. Es war schon spät oder früh oder wie auch immer, und wir saßen so tief in einer dunklen Lissabonner Bar, das es ganz egal war, wie spät oder früh oder egal es gewesen ist. Das Spiel ist einfach. Man trinkt und fragt sich gegenseitig schlimme, dumme oder perverse Sachen, denen zwei Antwortmöglichkeiten vorgegeben werden, die beide verehrend sind. Eine vielleicht weniger verehrend als die andere, aber das kommt auf die Person an. Wie immer sich diese Person auch entscheidet, alle Lachen und könnens dann nicht fassen, was für ein Schwein man doch ist. Es ist ein bisschen so wie Kierkegaards Entweder-oder Philosophie ins Besoffene übersetzen. Meine Gürtellinie ist da weit unten und Schmerzgrenze weit oben, so weit, dass ich jetzt keine Beispiele geben kann, ohne nicht mehr veröffentlicht zu werden. Aber ob ich lieber mit einem Reh oder einem Esel schlafen würde, wenn ich müsste, wäre kein Problem für mich, zu sagen. Irgendwann kam dann aber die Frage auf, und sie kam von meiner Freundin, ob ich lieber meine Mutter oder sie umbringen würde, wenn ich denn müsste und ich war baff. Sprachlos. Geschockt. Stand vor der schwierigsten Frage, die ich je zu beantworten hatte. Einem Scheideweg. Auch, wenn ich beide manchmal umbringen möchte. Ich rauchte schwer und antwortete erst nach einer Weile. Heute weiß ich, dass meine Antwort die richtige gewesen ist. Ich bin darüber hinweg. Was hätten sie denn getan? Es sieht ja ganz so aus, als ob meine Freundin, die Liebe meines Lebens wird. Danach käme nichts mehr. Und ja, wir wollten auch nicht, dass es so weit kommt. Mit ihr verbringe ich die schönsten und schlimmsten Stunden und Stunden, in denen wir besser heimgehen sollten. Sie liebt mich, weil ich für sie der Beste bin, den sie kennt, und seit sie mich liebt auch der beste, von allen die sie noch nicht kennt. Bei aller romantischen Notwendigkeit beruht das auf knallharten Kriterien, eine solche Beziehung ist arbiträr. Aber die Liebe einer Mutter ist etwas Einzigartiges. Sie ist Bedingungslos. Dafür kann man der größte Trottel sein. Ich weiß, dass sie mich im Gefängnis besuchen würde, wenn ich meine Freundin umbringen würde. Meine Freundin würde das umgedreht nicht tun. Meine Mutter hat mir das Leben geschenkt, ich war neun Monate in ihr, nicht nur eine Stunde. Sie versteht mich und fühlt mich und kennt mich, wie nichts und niemand auf der Welt. Manchmal zu gut, wie das mit Müttern eben ist. Sie reflektieren einen, man spiegelt sich in ihnen wider, vor allem jene Dinge, die einem, an einem selbst, am meisten auf den Sack gehen. Bei ihr sind das Obsessionen, die daraus resultieren, dass sie versucht ein zu guter Mensch zu sein. Sie ist eine so wundervolle Frau und ein lieber Mensch, eine erfolgreiche Kuratorin, eine gute Mutter und ein noch besserer Freund, aber alle zur gleichen Zeit. Emanzipation ist auch nicht leicht, sagt sie dann. Andere gut von sich denken zu lassen, damit man es dann selbst auch von sich tut, aber was sag ich. Die Geschichte meiner Mutter ist die Geschichte von mir. Ich sehe ihre Bescheuertheit, sie meine. Unser Charme wirkt bei uns nicht. In uns beiden ist eine Unsicherheit verankert, ein Urzweifel, eine Art Antiselbstgefälligkeitsautomatik, die uns mit beiden Beinen auf den Boden stellt und zu Leistungen zwingt, die eine Aura schafft, die das alles nicht sichtbar macht. Eigentlich keine schlechte Mischung. Harte Schale, weicher Kern. Außerdem denken wir sehr schnell, dass wir dieses oder jenes sind und wenn wir etwas tun, stellen wir uns vor wir würden es nicht tun und umgekehrt. Wir können zum Beispiel sehr schnell denken, dass wir Alkoholiker sind, obwohl wir nur jeden Abend trinken und nur Wein und nur zum Essen und ich das immer nur so übertrieben darstelle, weil ich diesen dämlichen Gedanken durchbrechen will. Das fühlt sich am Anfang erst mal schlecht an, aber genauso muss es sein, und mit jedem Mal, mit dem man es schreibt, fühlt es sich weniger schlecht an, bis man […]

HAUS DER HUREN

HAUS DER HUREN

In einer Zeit, die eine schwere Zeit war und vor einer sehr guten Zeit kam, verbrachten wir viele Abendstunden in einem alten Haus unten am Fluss. Das Haus stand in einer steilen Straße, gar nicht weit von uns, und viele Leute gingen daran vorbei ohne zu wissen, was es war oder sich überhaupt einen Gedanken zu machen, was es sein könnte oder was darin ist. Von außen war es heruntergekommen und manche sagten, es sei hässlich, aber das waren die gleichen, die dann sagten, auf die inneren Werte käme es an. Es sah vielleicht nicht aus wie ein Café auf Treppen bei Nacht, aber es wurde sehr schön älter und das meiste, was heute gebaut wurde, sah nur schön aus, solange es neu war, nicht, wenn es älter wurde. Es konnte nicht alt werden, weil es nicht schön war und das Haus war schön und wir mochten es mit jedem Tag mehr und manchmal, wenn wir in guten Zeiten da gewesen waren und es mochten, konnten wir uns nicht vorstellen, dass die Zeiten je wieder schlecht werden konnten, wenn sie einmal so gut waren und umgekehrt. Es schien immer unmöglich, dass es sich jemals wieder änderte. Für viele war das Haus also ein ganz normales altes Haus mit vielen geschlossenen Fenstern und zwei Laternen dran, die an den Wänden hingen und auf die späten Straßen schienen. Wenn Leute wussten, was es war und man sagte, dass man da gewesen ist, kamen die Leute näher und senkten ihre Stimmen und erzählten vorsichtig, wie es früher dort war und ob man wisse, wo man da gewesen wäre. Sie erzählten es immer mit einem Zwinkern und so, als ob beim Reden etwas davon kaputt gehen könnte. Die Leute erzählten sich viele Geschichten, aber nie eine, die so war wie es war. Denn das Haus war gar kein Puff, sondern eine Bar, in die man ging, wenn es sehr spät war und man in ein Restaurant gegangen ist und in eine andere Bar und dann in einen Club und immer noch niemanden abbekommen hatte. Man konnte auch sein eigenes Mädchen mitbringen und daran arbeiten, dass die Zeit wieder besser wurde oder eben schlechter. Alle Männer enden früher oder später an Theken. In guten und in schlechten Zeiten. Mit oder ohne Frauen, aber Männer ohne Frauen waren meistens unerträglich. Sie interessierte dann außer Frauen nur eins, nämlich nichts. Nicht mal schnelle Autos und wenn fuhren sie die ja nur wegen den Frauen. Sie ließen die Abende so lange Nächte werden, bis daraus wieder Tage wurden, mehr nicht. Trotzdem war es sehr schön wieder Menschen an Tischen sitzen zu sehen oder an Theken stehen, die sich unterhalten und die etwas hatten, über das sie sich unterhalten konnten. Hinter der Theke stand Paulo, aber alle nannten ihn nur wie den Schriftsteller Coelho, wir riefen Paulo Coelho, bring uns doch bitte noch zwei. Er war ein wunderbar freundlicher alter Mann, der sich von Haferflocken ernährte und ein sorgfältiges Leben führte, das sah man an seiner Haut und wie er redete und sich bewegte und nie hätte man gedacht, das er sowas machen konnte oder auch nur irgendwas damit zu hatte. Aber die vielen Nächte und die wenigen Tage machten […]