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BYND

Konstantin Arnold

DIVA

DIVA

Spät ist die Nacht. Spät und schwarz und einsam. Sie war schon schwarz und einsam, als ich aus der Nacht ins Café kam. Nur spät war sie noch nicht. Spät ist sie geworden. Keine Ahnung wie spät sie schon geworden ist, aber sie sieht nach Ende aus, nach zu spät. Eine leere Zeit liegt im Raum. Meine Fragen sitzen mit mir an der Bar und beobachten mich im Spiegel. Gut sehe ich aus, so hemdärmelig auf die Theke gelehnt, übersinnlich in Zigarettennebel gehüllt. Vor mir das Notizbuch, wie die ganz Großen. In der Luft liegen dreckige, alte 80er. Die Stimmung passt nicht zu den Gästen. Außer mir ist da nur noch ein dicker Mixer und eine Frau, die mit einem Mann am anderen Ende des Raumes zu ende plaudert. Die Frau sieht schön aus. Aber es braucht nicht viel, um schön auszusehen. Duft, Lippen, Pferdehaar und ein paar Zentimeter freigelegte Beine am anderen Ende des Raumes. Armselige Leidenschaften, die bedeuten gar nichts. Sie wiegen nicht, sie haben keinen Wert, sie haben nur viel gekostet. Denn alles, was Wert hat, wiegt, wenn es Leiden schafft. Vor Mitternacht trug sie einen schwarzen Rollkragenpullover, der durch ihre handvollen Brüste und den Gürtel ihrer Jeanshose zu einer straffgezogenen Figur gespannt wurde. Als es später wurde, pellte sie sich den Rollkragenpullover von der Haut und legte ein Oberteil frei, das nun nahtlos und weiß um ihr Dekolleté klebt. Ihre Haut sitzt eng. Drall, so als würde ihre Haut fast platzen. Ich mag es, wenn Haut fast platzt. Und mit ihr das Negligé oder die Lingerie, oder wie auch immer man das mit der Seide nennt. Außerdem mag ich Arme. Dünne, portugiesische Arme. Vor allem den Knick zwischen Oberarm und Schulterblatt, der beim Melden entsteht. Anoperieren kann man den nicht. Ja, was glaubst du denn? Natürlich, da ist immer noch Schönheit. Viel Schönheit. Sie sind alle noch schön, schöngemacht. Ich weiß nur nichts mehr mit ihrer Schönheit anzufangen, ihre Schönheit ist wertlos. Sie muss nicht mehr gelöst werden –höchstens in Worten aufgelöst werden, bis nichts mehr von ihr übrig ist, außer Schönheitschirurgie und Seide. Aber das ist Zwang. Einmal kam die schöne Frau an dir Bar und bestellte. Ihr Dekolletee holperte auf mich und den Mixer zu. Ich konnte den kurvigen Schatten zwischen ihren goldbraunen Brüsten im Spiegel sehen. Ein Riss in etwas Festem. Silikon. Die Erde bebte. Sie zahlte. Ihr Duft verweilte. Es waren junge, gemachte Brüste, die sie da trug. Felsenfest. Ihr Gesicht war durch die junggemachten Brüste gar nicht zu erkennen. Ob der Mann, oder das, was von dem Mann noch übrig ist, ihr Mann ist, kann ich nicht sagen. Wahrscheinlich schon, die Ärmste. Der Mann ist nicht, er hat. Und wenn er wäre, dann wäre er nicht nach innen, sondern würde nur nach außen leben. Er trägt fürchterlich weiße Turnschuhe, die sich höchstens zum Angeben eignen und eine Chinohose, die enger sitzt als Haut. Um seine Glatze hängt ein Schal. Hätte er eine Frisur, würde die sitzen. Und wie er redet, so angespannt sieht er aus wie ein steifer Pimmel mit Bart, der sich von seinem Erbe in der Freizeit gerne Kokain kauft. Als hätte man ihm das Fleisch schon seit der Muttermilch mit jenem Geld geflutet, aus dem er geworden ist. Ich stelle mir vor, wie er auf dem Perserteppich seines puritanischen Vaters in Kotze kniet und um Liebe fleht. Soll ich aufstehen und ihm aufs Maul hauen und dann mit Scheiße am Schuh auf seine unverschämt weißen Schlappen latschen? Nur wo um diese Zeit noch frische Hundescheiße herbekommen? Der Gedanke verf[…]

 

NORTON

NORTON

Norton war ein Säufer, aber einer von den Guten. Einer, der saufen musste, weil er sich sonst vorm Saufen fürchtete. Er trank Schnaps wie Bier und das Bier wie Wasser, aber nicht wie andere Briten. Er hatte weichen Händedruck und dachte keinen schlechten Gedanken. Jedenfalls versuchte er keinen schlechten Gedanken zu denken und deswegen kamen ihm die allerschlimmsten Gedanken. Er hatte nie Dreck unter den Nägeln und kannte keine Kraftausdrücke. Manchmal begann er zu zucken. Wenn er von Frauen sprach, sprach er ausschließlich von seiner Freundin. Nüchtern schwärmte er von antiken Philosophen und wenn der Schnaps in ihm anstieg, redete er nur noch über Russen. Tolstoi, Dostojewski. Puschkin und Knut Hamsun, auch wenn der kein Russe war, aber es war zwecklos, ihn in seinem Rausch zu unterbrechen. Ich kannte Norton von der Sprachschule, zu der uns unsere Freundinnen verdonnert hatten. Wir hatten beiden schöne Freundinnen. Sehr feste Portugiesisch sprechende Freundinnen. Freundinnen, zu denen wir nachts heimkehrten. Norton eine Brasilianerin, ein richtiges Feuerzeug, das ihn an den Eiern hatte, aber er mochte es an den Eiern gehabt zu werden, weil er sich fürchtete und schwarze Locken hatte. Ich meine Portugiesin, eine süße Kastanie, Mahagoni, mehr Streichholz, so beschrieb ich sie Norton. Vor uns lag die ganze Stadt ausgebreitet in der Sonne. Es war ein klarer Tag. Gestochen scharf. Lissabon brauchte keine Filter. Man konnte über den Fluss bis zu den Bergen Sesimbras gucken, oder mit seinem Blick den Tankern auf dem Fluss hinaus aufs Meer folgen. Am Meeresende waren Wolken, aber hier über der Stadt war der Himmel klar und der Wind blies von den Hügeln durch die Straßen hinunter zum Fluss, in dem sich die Stadt und der Tag spiegelten und mit ihm hinaus aufs Meer flossen. Hinter dem Fluss entspannte sich eine Ebene und der Himmel war dort sehr hoch, höher als auf den Hügeln und die Flugzeuge machten ihren bekannten Schlenker über den Ozean bevor sie über die Ebene weiter landeinwärts flogen. Aus der Ferne stieg Dampf auf und wir erreichten nun eine glühende […]

MARTINI

MARTINI

Jenen Winter verbrachten wir da, wo die spanische Königin einst ihre Sommer verbrachte. Wir wohnten in einem Gründerzeithotel mit Blick aufs Meer und tranken Martinis in der Hotelbar. Es war eine schöne Bar mit rotem Samt und Messing, die Kellner trugen Manschettenknöpfe und verteilten Häppchen. Die Bar war lang und hatte Polster, auf die man seine Ellenbogen beim Sprechen stützen konnte oder nichts sagte und einfach stumm stützte und dasaß und durch den Raum hinaus aufs Meer blickte. Das Hotel lag in der Mitte einer Bucht und auf den Armen der Bucht standen einzelne Häuser, die auf uns und die Bucht zurückblickten. Wenn der Sand bei Ebbe hart war, spazierten wir am Strand zum Ende der Bucht und den einzelnen Häusern und wieder zurück. Wir gewöhnten uns sehr an die Spaziergänge und liebten unsere Routine. Morgens lagen wir lange da, taten alles, machten nichts und schauten aus dem Fenster hinaus aufs Meer. Wir frühstückten. Wir lasen die Zeitung in der Lobby und erfuhren, dass alle ehemaligen ETA-Terroristen in die Politik gegangen wären. Seitdem blühe die Stadt wieder auf, trotz des vielen Regens. Das Wetter der Stadt war meistens schlecht, aber die Stadt war schön im Regen und die Restaurants hatten alle Sterne, zusammen mehr Michelin-Sterne als Paris und eine der höchsten Dichten an Sterne-Restaurants weltweit. Das lag wahrscheinlich an der spanischen Königin, die samt Aristokratenpack hier ihre Sommer verbrachte, dachten wir. Nachts gingen wir Tanzen. Es waren einsame baskische Discos. Wenn wir tagsüber zu viel Martini getrunken hatten, badeten wir im Meer. Dann gingen wir auf unser Zimmer, wickelten uns in Bademäntel ein, rubbelten uns trocken und bestellten mehr Martini aufs Zimmer. Einmal sind wir mit dem Riesenrad gefahren. Unter uns lag die Stadt, der kleine Teil des Universums, den wir uns einen Winter lang teilten.Wir gewöhnten uns sehr an den Ausblick aus unserem Zimmer. Und als der Tag unserer Abreise kam, waren wir traurig, so als würden wir etwas in diesem Ausblick zurücklassen. Das Riesenrad und das Baden im Martini. Es war ein schöner Ausblick, der weit über das Angucken hinausging und viel Glanz in die Fassaden der Häuser gebrachte hatte. Am Wochenende, an dem die Tamborrada begann, ein Fest zu Ehren der Stadt, welches an den spanischen Unabhängigkeitskrieg erinnern soll, verließen wir die Stadt. Im Festsaal des Hotels probten gerade 160 Trommler, viele waren angestellte des Hotels. Einige von ihnen waren sehr traurig, dass wir gingen und hörten für einen Augenblick auf zu trommeln. Vor allem der Kellner mit den grauen Koteletten von der Bar und unser Zimmermädchen, dem ich immer […]

NACHT

NACHT

Es ist Nacht und ich bin nackt. Tiefste Nacht, nur mit ein bisschen Gardine bekleidet. Ich stehe vor einem Balkonfenster, der Straße, dem Strand und dem Meer und halte nach Tatsachen Ausschau. Das Meer ist weiß vom Mond und es ist glatt, und die Brandung greift über den Strand an und zieht sich zurück. Kaum Wolken. Sterne. Greift an und zieht sich wieder zurück. Die Straße ist welliger als das Meer und das Pflaster der Straße ist nass und gelb, genauso nass und gelb wie die Straßenlaternen darüber oder die Scheinwerfer der spanischen Kennzeichen, die hin und wieder unter ihnen hindurch fahren. Keine Ahnung wie spät es ist, hinter der Straße ist Promenade und Sand. Eins noch, der Baum vor dem Balkonfenster ist groß und stark, aber kahl, also ob Wind weht, kann ich nicht genau sagen. Aber ich kann sagen, dass die Welt kalt aussieht, so durch Glas betrachtet. Die Welt sieht lange schon kalt aus. So lange und so kalt, dass man den Sommer glatt vergessen könnte und mit ihm die vollen Strände und vielen Touristen mit ihren Ärschen, die jetzt unter Hosen und Mänteln im Verborgenen liegen. Ich denke an Suppe, an Omas warme Milchsuppe, die sie mitEiern aus Weltkriegen machen konnte. Schmeckt vorzüglich. Dann denke ich an Schnaps. Kühlen, heißen Schnaps. Außerdem würde ich gern im Zimmer rauchen. Scheißrauchmelder, scheiß spanische Küche, Scheißminibar. Wenn wenigstens Kameras da wären, die mich filmen könnten, wie ich in tiefster Nacht nackt vor dem Balkonfenster ans Glas atme, vor mir nichts als Straße, Strand und Meer und hinter mir, im Bett, ein Mädchen im Mondschatten. Schnarchend und braun in die weißen Laken einer sorglosen Wolke gehüllt, aus der Kopf und Arme hängen. Die Brandung greift an. Ich habe Frauen auf dem Gewissen […]

SONNTAG

SONNTAG

Es war ein später Nachmittag oder früher Abend, irgendwo dazwischen. Ich hatte gerade eine Story fertig geschrieben und wollte das feiern. Also nicht feiern, eher zelebrieren, irgendwie wertschätzen. Ich hatte noch 50€ im Dispo zur Verfügung und ging zum Weinhändler. Ich war arm, ständig arm, obwohl die Kohle ständig kam, ständig romantisch arm. Manchmal lehnte ich die Kohle sogar ab, so als ob ich welche hätte, nur, weil mir die Fresse des Redakteurs nicht passte oder das Rückgrat vom beschissene-Reportagen-schreiben schmerzte. Ich war arm, arm im Vergleich zu Menschen, die nicht arm sind, also eigentlich nicht arm und sehr zufrieden damit. Was ich hatte, investierte ich in Taxis, Zigaretten, Restaurants, Caféhäuser und Bücher. Keine Ahnung, was dann damit passierte. Der Weinhändler fragte mich, was es für eine Story wäre, die ich da fertig geschrieben hätte und empfahl mir eine schweineteure Flasche Portwein. Einen edlen Tropfen, zehn Jahre alt, so rot wie Blut, dass durch die wichtigsten Organe fließt. Man konnte nicht durchgucken. Ich nahm die Flasche, kaufte Zigaretten und drei frankierte Umschläge, in die ich dreimal meine frisch geschriebene Story steckte, um sie an drei deutsche Magazine zu schicken. Dreimal Hoffnung. Und mit dieser Hoffnung auf Geld ging ich essen. Essen in meinem Lieblingsladen. Ein geiler Schuppen, von gelangweilten Rentnern und Pensionären geführt, die Abstand von ihren Frauen brauchen. Eine Art Alt-Herren-Club, alles geile Hunde, Uniform Schnauzer, weiße Hemden, die es sich zum Ziel gemacht hat, nichts geringeres als das beste Grillhähnchen der Stadt zu verkaufen. Zum Spottpreis. Eine Flasche Hauswein, pralle Oliven, Käse, Brot, Grillhähnchen mit Antibiotika, Reis oder Pommes, Antibiotika, Pommes oder Reis, Salat und eine Tasse Kaffee für schlappe zehn Euro. Und sie haben Medaillen bekommen für ihre Hähnchen. Wie die meistens portugiesischen Restaurants erstrahlt der Laden in grässlicher Grelle, aber einer, die man sich schön trinken kann. Es ist laut und man kennt sich und ich komme oft allein her. Es gibt noch einen anderen Autor, der oft alleine herkommt. Wir sitzen uns oft gegenüber, mit aufgeschlagenen Notizbüchern an einen Tisch gegenüber, glaub mir, dass sieht unheimlich doof aus. Kürzlich habe ich mir vorgenommen im nächsten Jahr weniger Notizen zu machen. Ich mache immer Notizen, immer und überall, ob auf Tischdecken oder Hände. Sogar beim Joggen und Einkaufen mache ich Notizen. Ich frage an der Kasse oder einem Kiosk, an was auch immer ich eben vorbeirenne, nach Zettel und Stift. Er sagt, bei ihm wäre das ähnlich, weswegen ich unbedingt damit aufhören will. Er ist all das, was ich nie sein wollte. Alles, was mein Vater früher wahrscheinlich über Autoren dachte. Er ist alt, trägt billiges Aftershave, hat Geheimratsecken und das wenige Haar, was aus seinem Kopf quillt, ist fettig. Er spricht ständig, aus seinem dicken Bauch heraus, über Gefühle und schreibt Gedichte und sagt mir, ich müsse unbedingt auch Gedicht schreiben. Er spricht viel von Gott, ist  […]

 

 

PARADIES

PARADIES

Ich war im Paradies. Ich habe es gesehen, geschmeckt, getrunken. Ich habe es gefühlt und bezahlt, benutzt und überwunden. Es war warm und ruhig und weich. Groß und geborgen. Nicht wie ein bebender Busen groß und geborgen, mehr in sich eingerichtet wie mit schweren Möbeln vollgestellte Umarmung, ein mit Erinnerungen tapeziertes Schulterklopfen. Es ist dort und hier und da, nur nicht überall und in der Luft schwebt die Gunst hoher Ahnen. Es kann öffnen und schließen. An guten und an schlechten Tagen. Es ist da, immer für dich da! Ob du vor Einsamkeit flüchtest oder einfach genug hast, von den grellen, heißen Plätzen des Lebens und Schatten suchst im inneren deines Gerichtshofs. Es wärmt dich auf, nimmt dir das Gepäck und die Kälte ab, genauso wie dir das erste, durch knallrote Lippen gesagte Bom Dia, nach einer langen Bom-Dia-losen Zeit, den Winter abnimmt. Willkommen im Paradies. Hitler war auch schon da. Bis der kam, durfte jeder ins Paradies, du konntest sogar dein Pferd mit reinnehmen. Seither müssen Hunde und Wixer draußen bleiben. Moralisten und Männer mit antrainiertem Brustmuskeln. Alle, die gerne leise Radio hören, nicht wählen gehen, graue T-Shirts tragen und von Vanilleeis fickrig werden. Menschen mit Meinungen und Roboter, die das Leben auf Zahlen und Fakten reduzieren wollen. Denn im Paradies lebt man in einer glücklichen Zeit, weil man weiß, dass man in einer glücklichen Zeit lebt. Man sitzt alleine in Gesellschaft. Schmiegt sich an steife Lehnen, die nach einigen Stunden Rückgrat beweisen und atmet die Gunst hoher Ahnen von Polstern, die über Weltkriege hinweg butterweich gefurzt wurden. Auf ihnen vollführen Männer und Frauen seit jeher ein endlos laufendes Schauspiel, den ewigen Gruß ihrer Geschlechter. Eine sich liebende Feindschaft, zwei fremde Welten, die versuchen, sich zwischen Lehen, Polstern und Ahnen so   […]

 

LEKTION

LEKTION

Ich könnte minutenlang dasitzen und in die Luft starren, bis die Minuten zu Stunden und die Stunden zu Tagen werden. Ohne an einer Zigarette zu ziehen, die Menschen erlösen würde, ihnen das Gefühl gäbe, ich würde etwas Sinnvolles tun. Ich könnte stundenlang Brüste unter einem Wollpullover beobachten, den Rundungen beim Runden zu schauen. Bis aus dem Pullover Unterwäsche und aus der Unterwäsche nackter Busen werden würde. Und ich könnte wochenlang durch einen kalten, klaren Herbsttag laufen, immer dem kondensierten Atem nach, bis der Herbst zu Winter und der Winter dann zu Sommer werden würde. Wochen zu Monaten, Monate zu Jahren. Ich habe viel gesehen, war schon weit weg und nah dran, kenne mich aus in der Welt und habe Bilder gemacht, die hoffentlich ein Teil von mir geworden sind, obwohl ich nie darauf verlinkt wurde. Wenn ich etwas tue, stelle ich mir oft vor, ich würde es nicht tun. Und umgedreht. Angst habe ich auch manchmal, manchmal wenn mir irgendetwas etwas bedeutet. Ich kann meine Gedanken nur schwer vergessen und habe moralische Ansprüche, an denen ich so oft gescheitert bin, dass sie sich endlich auf mein Niveau herabbegeben haben.Ich selbst bin sportlich, breit von Natur aus, volles dunkelblondes Haar. Ein vielbeschäftigter Mann. Viel mit sich selbst beschäftigt. Gern allein, aber in Gesellschaft. Großgezogen von einem Model von Mutter, die meinte, Männer sollten um Himmelswillen nicht schön sein, sondern Geschichten zu erzählen haben. Daher mein windelweicher Kern. Ich bin jung, obwohl die Jüngeren wahrscheinlich sagen würden, dass ich schon alt wäre. Ich lebe schnell, voll, viel, noch schneller und das am liebsten an vielen verschiedenen Orten mit vielen verschiedenen Menschen. Die nicht verschiedenen Menschen sagen, ich wäre rastlos, hätte mich aber in Lissabons Gassen wiedergefunden. Gott sei Dank! Ich wohne in einem anderen Land, um frei zu sein und Dinge wahrzunehmen, die mir zu Hause nicht auffallen. Wäre ich in Portugal geboren, würde ich wahrscheinlich in Deutschland leben. Aber so rum ist’s besser. Deutschland ist kühl, sogar im Sommer und die Menschen müssen immer gleich wieder gehen und wenn sie gehen, Essen gehen, dann nur wenn jemand heiratet oder gestorben ist. Die Frauen sind emanzipiert, die Männer pünktlich. Die Wirtschaft boomt, weil die Mittagspause nur eine halbe Stunde dauert und in Portugal lieber alle leicht angesoffen zurück an die Arbeit kehren. Die Menschen lieben ihre Sprache, ihren Wein und leben von einer Höflichkeit, die sich nach innen neigt wie ein ernst gemeintes Kompliment an die Organe. Freundschaften gehen von […]

LITANEI

LITANEI

Es war gestern und es war spät. Ich weiß nur, dass es ungebrochene, unverheiratete Männer waren. Noch nie verwundet. Mit Kurzhaarschnitten und ehrlicher Arbeit. Dreck unter den Nägeln und den nötigen Kraftausdrücken. Sie haben an langen bunten Strohalmen gezogen und vor qualmenden Drinks gesessen. Da waren Nüsse und Aschenbecher so klar wie Kristalle, die das kalte Licht der Röhrenlampen mit etwas mehr Wärme zurück in den Raum schleuderten. Die Männer wirkten nicht glücklich. Oder nur so glücklich wie Männer eben wirken, die den Großteil ihrer Zeit einer Sache nachgehen, die nicht ihre eigene Sache ist und die sie nur machen, weil sie alle machen und die sie nur tun, weil sie sie lange genug tun und sich von dieser Sache dann Dinge kaufen können. Einer der Männer hatte ein Telefon am Ohr. Er sprach langsam über Berge, vielleicht nur wegen der brennenden Zigarette und dem Strohhalm, den seine Lippen beim Reden jonglierten. Seine Stimme klang nach geschlagenem Blech und schepperte durch die Gespräche über den Tisch. Seine Ärmel waren hochgekrempelt und in der Hand hielt er einen dicken schwarzen Autoschlüssel. Oder das, was heutzutage noch von Autoschlüsseln übrig geblieben ist. Das sind meine letzten Erinnerungen, die letzten Zeichen von Zivilisation, ein Beweis dafür, dass man in einer gründlich globalisierten Welt polynesische Drinks von einem englischen Kellner in einer portugiesischen Kneipe serviert bekommen kann. Ein zerfallenes Haus, mehr Gefühl als Fassade. Am Rande einer Stadt, die von einem Hochplateau auf einem landschaftlichen Silbertablett getragen wurde, an deren Rändern die Berge Wache standen. Das ist alles! Dann haben uns schmale einspurige Straßen ins Nichts entführt. In die Empfangslosigkeit. Immer weiter weg. Straßen, wie in Berge geworfene Spaghetti, die weichgekocht nie geradeaus führen. Vorbei an immer kleiner werdenden Dörfern, tief durch die Dämmerung einer noch nie gemalten Landschaft. Links waren Olivenhaine, rechts wuchs der Wein. Auf den Straßen totgefahrenes Wild. Schweine, Füchse und andere Lebenszeichen. Irgendwann kam nur noch Wald, der an großen steilen Wänden hing. Hinter der Leitplanke wurde das Tal zur Schlucht, ohne ersichtlichen Grund, aber wir spürten, dass es tief war. Dann begann sich die Sonne den Horizont mit den Gipfeln der Berge zu teilen, flutete das Tal und legte nichts als brutalen Fels und Ununternehmbares frei. Hier angekommen, wo Kurzmitteilungen nicht mehr hinkommen, alle Gedanken dicht beisammen bleiben müssen, weil man aus den Tiefen der Täler zwischen den Höhen der Berge keinen einzigen von ihnen versenden kann, ist man richtig da, weil man richtig weit weg ist. Weil man Niemandem erzählen kann, wie steil die Bäume hier wirklich am Hang stehen und wie schön die Sonne auf den alten Schiefer der Dorfhütten scheint. So weit oben, so kurz vor Gott, an der […]

PAMPA

PAMPA

Kaum geschwitzt, Schwimmen gewesen, beim Lesen eingenickt und ums Buch rum braun geworden. Fast alles erreicht. Nach einem harten Tag am Strand kehren wir heim. Auf langen Schotterpisten, die uns von der Dämmerung bis tief in die Nacht führen. Die Frauen spülen sich den Sand von den Waden, die Männer das Salz von den Eiern. Alle cremen sich danach ein. Irgendjemand öffnet den Wein, jemand anderes schneidet den Käse. Wer Oliven mag, spuckt ihre Kerne von der Veranda ins Dunkel und befruchtet die Pampa. Eine Landschaft, die immer noch brummt und leuchtet, wie den ganzen grellen Tag lang aufgeladen. Nachts ist es so klar, dass man den Himmel nur durch Sterne erkennen kann und der Mond scheint tadellos und voll, wie ein noch nie gedroschener Golfball. Es gibt Moskitos, ansonsten nichts auszusetzen. Die Kerzen kämpfen im Wind. Drinnen steht lauwarme Luft zusammen mit Möbeln und die Holzregale biegen sich unter den Schwergewichtstiteln nie gelesener Bücher. Abgewetzte Gesellschaftsspiele, Dorffotos von oben. Hausbacken. Mit einem weißen Hemd in der Hose bin ich zu schön angezogen für diese windelweichen Umgebungsbeschreibungen, portugiesisches Monopoly und Kafka, nichts als die Gesellschaft fressender und scheißender Nachbarn mit Glocke um den Hals. Es ist zwar schön, nur nicht idyllisch, dafür sieht man zu wenig. Harmonie, die kaum auszuhalten ist. Wenn mal ein Auto vorfährt, selten so wie Sternschnuppen, bellen die Hunde plötzlich durch Megafone der Angst. Und wenn dann doch keins kommt, fürchtet man, dass Einbrecher in dieser alles verschlingenden Finsternis gerade irgendwo ein Hoftor knacken. Spannung, die nur darauf lauert, von einem Ereignis erlöst zu werden. Wenn der Wind richtig steht, hallen aus der Ferne die einsam machenden Fetzen eines Volksfests. Konservierungsstoffe der Tradition, die den Norden jenes Südens zwar gelegentlich wieder beleben, aber auf Dauer nicht am Leben erhalten. Auch nicht mit Girlanden vor dem Kirchplatz und einem, der es am Akkordeon auf einem Biertisch kann. Im Dorf selbst gibt es eine Kneipe, in der Geburtstage, Trauerfeiern und Hochzeiten gefeiert werden. Manchmal am gleichen Tag, wenn gleichzeitig geboren oder gestorben wurde. Ein Ort aus dem Bilderbuch der Trivialitäten. Zu klein für zwei Kneipen, mit Leichen im Keller und einem Kreisverkehr, der sonntags ein sanft befahrener Marktplatz ist. Ein mit Ortschildern und familiären Ketten zusammengehaltenes Ungetüm der Urigkeit. Landwirtschaft statt Burnout. Ein Dialekt sie alle […]

AGUARDENTE

AGUARDENTE

Ich sitze unter den Wolken neben der Stierkampfarena. Über mir dickes portugiesisches Ahorn und eine ausgerollte Markise. Der Bürgersteig liegt mir zu Füßen und all die zwischen den Pflastern verlorenen Zigarettenstummel auch. Der Flieder blüht wie verrückt, die Straßen sind leer. Vor mir tropft ein Käsetoast vor lauter Butter von einem Metalltisch und neben mir wird schon Wein getrunken, obwohl ich noch mit Mundgeruch am Kaffee hänge. Für einen Vormittag im Juni ist es zu dunkel. Die Luft riecht von weit hergekommen, dick und aufgeladen, man muss sie kauen, bevor man sie atmen kann. Ein bisschen als wäre die Welt vor dem Untergehen, weil sie jemand gestern nicht weiter gedreht hätte. Independence Day. Stimmung, die sich ausbreitet, wie ein großer, starker Sumoringer, der sichs nach dem Kämpfen in einer Zentrifuge gemütlich macht. Es blitzt, ohne zu donnern und die Kellner stellen die Stühle rein. Wie in der Bibel oder was man nach 2000 Jahren Christentum eben so denkt, wenn der Wind peitscht, die Blätter fliegen und die Wolkendecke aussieht wie die schlechte Laune des Herrn. Eine Art gemütliche Offenbarung mit Happy End oder bis Portugal ein Tor schießt. Auf den Straßen nichts als die Ungläubigen und ich, Aussätzige und Busfahrer, alle die Christiano Ronaldo scheiße finden und deswegen in der Hölle schmoren. Der Rest des Landes vor dem Fernseher, eine gespannte Nation. Wenn sich die Portugiesen mit Querpässen den Ball zu schieben, ist es so still, dass man sich atmen und kauen, seinen eigenen Stift schreiben, sich selbst Leben hören kann. Nichts ist so selbstverständlich wie das Funktionieren eines Herzens, bis man es während eines Fußballspiels schlagen hört. Unaufhaltsam in die Zukunft pumpend, ohne Stecker, ohne Lob,  ohne jemals ein oder ausgewechselt worden zu sein, ohne Garantie, irgendwo hin, die muskelbepackte Basis unsers Tuns. Ob man froh, müde, kalt oder traurig ist. Man kriegt die Krise, weil jeder Schlag ein Grund zum Feiern ist und man hofft, dass sich die Portugiesen weiterhin mit Querpässen im Ruhepuls der eigenen Hälfte den Ball zu schieben; oder ohne großes Tamtam endlich eine Bude schießen, damit diese aufgeladene Ruhe, die bisher ohne Sturm auskommen konnte, aufhört an alle leisen Dinge des Lebens zu erinnern, die man liebend gerne überhören möchte. Jene trügerische Stille, die alles was kommen wird, laut werden lässt. Und staubtrocken, bevor alles in dieser kurz vor dem Wolkenbruch gefangenen Spannung erlöst wird. Es ist gottverdammt heiß hier. Hitze so erdrückend, wie eine aus Harmonie geflochtene Steppdecke, die immer schwerer zu werden scheint, je mehr man unter ihr verdecken möchte. Meine beiden deutschen Achseln sind zu den Quellen eines bis zu meinen Füßen rinnenden Baches geworden. Mein Gesicht zu keiner küssenden Begrüßung bereit, übersäht mit nicht zu zivilisierender Menschlichkeit. Wie es dieses Land in seinen weißen […]