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BYND

Konstantin Arnold

NICHTS

NICHTS

Das echte Spanische liegt im Nichts, weil es nichts gibt, was so ist. Man findet es nicht in historischen Stadtzentren oder Gaudis Parks oder wenn man es finden will, oder teure Tapas frisst, die nach nichts schmecken. Es hat auch keine Öffnungszeiten und man muss dafür auch nirgendwo anstehen. Man findet es nur gegen seinen Willen, wenn man lange genug Richtung Amerika gefahren ist, weit westlich von Madrid, ganz kurz vor der Grenze und ein bisschen außerhalb der Zeit, da, wo Hans Christian Andersen auch auf den Zug warten musste, als die Eisenbahn das 19. Jahrhundert in Europa so richtig überfuhr und alle schrien, dass das mit dem Reisen und der Poesie nun endgültig vorbei sei. Hans fuhr damals noch weiter, bis an die Kante, wo Festlandeuropa tausend Fuß in die Tiefen eines ewig auf Zerstörung sinnenden Atlantiks stürzt und das echte Portugiesische verborgen liegt, das ich nicht weiter beschreiben möchte, denn wenn da jetzt alle hinrennen, findet man es dort bald auch nicht mehr. Solche Orte brauchen ihre Einsamkeit, die sich waldbrandmäßig in einem ausbreitet, tief in einem drin, da, wo die Gefühle sind, die sich nicht auf Englisch erklären lassen oder beim Fußballgucken oder wenn noch jemand da ist, und man sich eigentlich zum Reden treffen wollte. Solche Orte brauchen andere Orte, in denen es schöner ist und nach denen man sich dann sehen kann, so lange man da ist. Das Soll kein Gruß aus der Ferne werden, bin ganz nah dran, und man muss an die Wahrheit kommen, wie man an eine brennende Bushaltestelle kommen würde, in Eile und ein bisschen zu spät und so nah wie möglich, nur nicht näher, wie man nicht zu nah an die Sonne möchte. Die alten Häuser tun einem eigentlich auch nichts, sie verlieren sich nur ein bisschen in der Landschaft oder sind selbst zu Landschaft geworden. Das passt. Aber die neuen, weißen, mit den Vorgärten und Sandkisten und gut gemeinten Eingangsschildern sind ein trauriger Versuch von Freude. Hoffnung in der Hölle. Sie machen alles nur schlimmer, auswegloser, selbstmordgefährdeter. Es weht kein Wind, aber die frühe Abendluft bekommt den Geruch von Kuhscheiße trotzdem irgendwo her. Stinkt mehr, als du dir Stinken vorstellen kannst. Ganz oben ist ein hoher, blauer, makelloser Himmel und am Ende des Ausblicks sollen auch Hügel sein, gesehen hat die noch keiner. Wir sitzen in einem Raum, den die Leute hier Bar nennen. Der Vorhang flattert, wenn die Kuhscheiße reinkommt, ansonsten passiert nichts, nur wenn einer was bestellt, aber außer uns bestellt hier keiner was. Bei dem Mann, der aussieht, als würde er den Leuten gerne auf die Schnauze hauen, wenn er fertig mit dem Rauchen ist und dann irgendwas tun muss, um wieder rauchen zu können. So wie der Mann sein Fernsehen anguckt, gucke ich mir gerne die Welt, an oder den Mann, wie er sich das Fernsehen anguckt. Es fasziniert mich und er erinnert mich an glückliche Hunde, die fressen, ficken, scheißen, sich zu Begrüßung das Arschloch lecken. Hätte der Mann an der Bar einen Schwanz, ich schwöre, immer wenn die Werbung vorbei war, er hätte gewedelt. So weit, so gut, aber viele oders bisher, oder? Gebe ich zu. Meiner alten Deutschlehrerin mit den barocken Buttermilchbrüsten hätte das auch nicht gefallen. Ist egal, bin drüber weg, genau deswegen, ist ja mein Text und der spielt eben im Nichts und das Nichts ist sehr verlockend und sehr unvergleichlich, weil es manche Orte auf der Welt nur ein Mal gibt. Sie liegen ohne Grund da, sind vorsinnflutartig, so als hätte Gott, hier einen Tag seiner Schöpfungsgeschichte ausgelassen. Am Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort. Poeten und Maler haben es schon mit der Beschreibung dieser leeren  […]

JAJA

JAJA

Entschuldige, ging gestern nicht. Hatte eine Verabredung mit dem Fluss und bin bei Nacht über den Tejo gefahren. Er war und breit. In seiner ganzen Majestät. Könige und Staatsoberhäupter sind schon so auf die Stadt zugekommen, die sich amphitheatermäßig auftut und ihre zukünftigen Ziele zeigt. Jedes Haus ein Blick und das Ufer ist aus Stadt und die Stadt aus Häusergewirr, dirigiert von der Sé und der Sprache ihrer tausendjährigen Autorität. Hab jetzt alles verstanden. Geht um Leben und Tod, Liebe und Hass, Gut und Böse, Oben, Unten, Männer und Frauen, Männer, ohne Frauen, entweder oder sowohl als auch und all das Unaussprechliche dazwischen, was uns eint. Hab mir am anderen Flussufer dafür die Eier wund gelaufen. So schön wars, aber heiß, viel zu heiß. Blasen habe ich auch bekommen, die tun aber nicht so weh, wie das an den Eiern. Muss komisch ausgesehen haben, wie ich da so am Fluss langgelaufen bin. Auf der Promenade. Mit den Eiern. So als würde ich ein volles Fass Malzbier zwischen den Schenkeln umhertransportieren. Ein schweres Buch von Ludwig Hohl hatte ich auch noch dabei. Und na klaro, bin so gut es ging im Schatten gelaufen, bin doch nicht blöd, hab in jedem Bistro Halt gemacht und mir ein tiefes Freibad Mineralwasser bestellt. Mit Zitrone und mit Eis. Manchmal musste ich dafür eine Straße überqueren, und die Straße war dann wie etwas Riskantes im Krieg, dem die Deckung fehlte oder wie eine heiße Schlucht, auf deren Grund beschichtete Bratpfannen für Dauerwerbesendungen hergestellt werden, die jemand angestellt hat, der mich hasst. Barreiro selber und die andere Flussseite ist schon hässlich, aber wer noch nie in Barreiro war und gesehen hat, wie die Sonne hier von der Promenade abends auf die Stadt fällt, hat überhaupt noch nichts gesehen. Oder kennt einen Ort, von dem aus man das noch besser sehen kann. Die schönste Sache der Welt, über der schönsten Stadt der Welt, vom hässlichsten Ort der Welt ausgesehen. Ging aber gar nicht da drum, sondern darum hierhin zu kommen. Der Weg war mein Ziel. Alles andere Gewinnüberschuss. Früher soll Barreiro aber richtig schön gewesen sein, eine Reise wert, für 3,50€, nur früher, als die alten Fährschiffe noch neu waren, gab es auch schon ein Früher und so weiter. Heute muss man sich eben mit einer Gegenwart abgeben, die früher oder später auch früher sein wird. Barreiro war früher aber schon genauso vergessen wie heute und konnte sich in dieser Vergessenheit schön langmachen. Hat mir ein kleiner schwarzer Junge erklärt, den ich unterwegs traf. Er sprang gerade von den Kais den Dreck des Tejos. So genau hat er das nicht erklärt, er hat das anders gesagt und ich habe es dann schöner gesagt. Er war der einzige Mensch, den ich an diesem Tag traf, der nicht über die Hitze redete. Ihm machte die Hitze nichts aus. Er zeigte mir Barreiro ein bisschen oder das, was er für Barreiro hielt, und ich dachte, dass er im Gegenzug unbedingt mal nach Lissabon kommen müsse, ich zahle ihm die Fähre und zeige ihm die Stadt, dachte dann aber, dass das sehr pädophil rüberkommen muss, sagte lieber nichts, bis darauf, dass es aber heiß ist. Er meinte, dass sei für Barreiro noch gar nichts. Er sagte das stolz. Ich sagte, ich weiß und sagte das auch stolz und freute mich, dass man draußen, am anderen Flussufer, trotz der Hitze, noch fremde Leute treffen konnte. Die meisten Lissabonner reagieren auf die Hitze, wie auf etwas nie Dagewesenes. Schließen sich ein. Jahr für Jahr. In halbdunklen Zimmern. So, als hätten sie die Hitze in Lissabon gerade erst erfunden. Als hätten sie den Sommer kaum kommen sehen und nicht schon zig in hinter sich gebracht, die sie aber alle wieder vergessen haben. Anders kann man das nicht erklären. Ich persönlich würde den Lissabonner Sommer lieber im Kühlschrank eines sibirischen Arbeitslagers verbringen, als in meinem Dachgeschoss. Sagt man nicht, ich weiß und es tut mir auch leid, aber mir fällt nichts besser ein. Ist viel zu heiß. Kann nicht genial sein, nichts produzieren, nichts besorgen, nicht mal dran denken, bin gerade so ich selbst. Hemd bis zum allerletzten Knopf, vor dem Hosenknopf, offen. Ein schönes weißes Hemd, das gerne im Motorradwind flattern würde oder in irgendeinem anderen Wind. Denn im Sommer, wenn die Hitze wie ein ausgesprochen unsichtbares Urteil über der Stadt steht, und der Tejo blau und durstig und unvergleichlich ist, weil […]

FÜR GEWÖHNLICH

FÜR GEWÖHNLICH

Sitze im Café Nicola und warte mit Absicht. Vor mir ein leeres Glas Portwein und hinter dem Portwein liegt der Platz, heiß und hell in der Sonne. Ich kann den Platz sehen und wie er sich in meinem Glas Portwein wiederspiegelt. Mich kann ich auch sehen und ein bisschen von der Burg, die man hier von überall ein bisschen sehen kann. Das Meer kann man nicht sehen, es ist zu weit weg. Man sieht nur den Platz und den Portwein und noch mehr Platz und weiß, wo das Meer ist. Ein paar gutaussehende Portugiesinnen eilen auch vorbei und einige andere, die mir aber nicht auffallen. Sie eilen durch die äußere Einrichtung meiner inneren Welt, die langsam im Portwein versinkt. Man erkennt ein gutes Glas Portwein nicht am Geschmack, sondern an den Strukturen an der Innenwand seines Glases, die sich bilden, wenn man einen kräftigen Schluck genommen hat, Zeit hat, absetzt und wartet. So blank ist, wie ich und hofft, dass im Glas immer noch was geht, auch wenn es lange leer ist. Ich trinke also ein bisschen, schreibe ein bisschen, lese ein bisschen. Die Kellner reden ein bisschen viel, weil außer mir niemand hier ist, mit dem sie sonst noch reden können. Keine Märchen von Mädchen, keine Fünf Uhr Flaneure. Keine Attraktionpilger, die hilflos vor portugiesischen Speisekarten schwitzen, keine Priester, die ihnen da raushelfen. Es war das Jahr, in dem die Touristen nicht kamen und Santos Populares nicht war und keiner meine Geschichten druckte und ich viel im Café Nicola saß und Neil Young irgendein neues Album rausbrachte. Ich las in der Zeitung darüber, die ich mir im Kiosk vorm Nicola gekauft hatte, und las über die Mühe, die sich Neil Young dabei gab oder nicht gab, las, dass irgendwo viele Menschen ums Leben kamen, während ich abgefackelt im Nicola saß und andere Sachen las und Sachen, von denen ich nichts verstand. Ich fühlte mich wie ein verlassenes Feld, das sich in der Abenddämmerung im Wind bewegt, aber nochmal zum Platz, der ein sehr portugiesischer Platz ist, weil man ihn wie eine Avenida entlang gucken muss und auch die Ereignisse, einer Avenida ähnlicher sind, als denen eines Platzes. In der Mitte steht zwar ein Heiliger oder ein Tyrann, der heiliggesprochen wurde und drum rum ist auch Platz, aber dann kommt erst mal Straße, die das Platzhafte kaputt macht. Der eigentliche Platz beginnt dann hinter den Straßen und unter den Bäumen und Markisen, unter denen sich viele Cafés verstecken. Sie verstecken sich nicht so wie sie sich in Spanien vor dem Sonnenlicht und der Hitze verstecken müssen, tief unter Arkaden, die einmal um den Platz herumführen. Und auch nicht, wie in Frankreich, wo sie sich gar nicht verstecken, sondern prätentiös auf den Bürgersteigen präsentieren und zu Bühnen ihrer Zeit geworden sind. Die Tische stehen wie Prediger und die Stühle wurden wie Gläubige aufgestellt, die immer zum Platz hinzeigen, weil da Mekka ist oder irgendwas anderes ist, an das die Franzosen glauben. Gott ist es nicht. Es hat künstlerische Gründe. Denn die meisten Kathedralen gehören in dort der Kunst. Ich kenne nur eine Kirche in Paris, die Gott gehört und die ist abgebrannt, war aber auch kein guter Ort zum Beten. Die Kirchen in Frankreich sind generell zu schön, um zu Glauben, weil man nicht glauben kann, wie schön die sind. Viel zu schön, um reinzugehen und wenn man in ihnen ist, fühlt man sich schuldig, sündig, beschmutzt. Die in Spanien dagegen sind so düster und dogmatisch, wie die in Portugal hell und hübsch sind. Am liebsten habe ich die Basílica da Estrela, weil die sehr hoch ist und wenn Sommer ist und draußen alles heiß ist, kehrt man gerne ein, kühlt sich ab, schaut sich um, fühlt sich klein, gut und kalt. Auch die Igreja de Sao […]

MONTAGS

MONTAGS

Montag, du Scheißtag. Die Restaurants sind dicht und der Fisch ist schlecht. Außerdem das Wirrwarr vom Wochenende endknoten. Gedanken und Gefühle und aufgeschriebene Gefühle, die ich nie hatte, nur ein bisschen gedachte habe. Beim Essen und beim Gehen, beim Sitzen und beim Stehen, mittendrin, egal bei was, wenn’s zu viel ist, ist’s zu viel, muss raus, sofort, jetzt gleich, auf ein Blatt geschrieben werden, so wie Leute das Geplante hektisch in ein Gefrierfach legen, wenn sie spontan einer Einladung folgen, die sie nicht ablehnen konnten. Mit Montagen, an sich, hätte ich eigentlich keine Probleme, wenn sie mittwochs wären oder freitags. Für mich ist sowieso immer Freitag, nur dass freitags und samstags alle mit mir gemeinsam Freitag haben. Wein trinken. Draußen sitzen. Zeit haben. In Form sind. An Sardinen denken. Beim Schreiben werden. Was auch immer das zu bedeuten hat, aber so ist das, montags. Notizen überall und immer sowas weltgewaltiges, rücksichtslos rätselhaftes, das vielleicht gar kein Geheimnis hütet, aber allen Unterhaltungen fehlt und deswegen in Büchern steht. Denn nur in der Kunst ist der Mensch frei und am Wochenende, wenn ihm egal ist, was er montags mit all den Notizen macht. Mit all den Wahrheiten, die vielleicht falsch sind, aber geklärt werden müssen. Alles. Das im Notizbuch und das auf den Zetteln und das, an was man sich kaum noch erinnern kann, auch. Auch das im Telefon, aber das kann immer nur eine begrenzte Zahl von Nachrichten speichern, also auch auf den Telefonen von anderen, aber von welchen? Hat jemand meine Weltenformel gesehen? Ja, sieht aus wie ein ganz normaler Satz, mit vielen Fehlern und wirren Worten, zumindest gehämmert, nicht geschmiert. In einem Zustand. Zu einer Uhrzeit. Kann gut aus was Deutschem und was Englischem und was Portugiesischem gemacht sein. Kommt drauf an. In jeder Sprache lassen sich bestimmte andere komplizierte Dinge einfacher kompliziert sagen. Zum Beispiel spreche ich Portugiesisch nur im Restaurant, nie in der Liebe, und in englischen Restaurants esse ich nicht. Komplizierte Gefühle lassen sich ganz hervorragend in deutsche Poesie übersetzen, aber deutsche Poesie spricht hier keiner, komplizierte Gefühle auch nicht, Deutsch schon, aber Deutsch ist zu kompliziert für Notizen, denn die müssen oft schnell gehen, ohne Aufsehen zu erregen, und ohne dass Frauen in Ohnmacht fallen und fragen, was das ist und der Gedanke dann weg ist. Das, meine Liebe, ist ein Stift, mit dem schreibt man, wie mit einem Telefon, und das ist Papier, auf das schreibt man, wie mit einem Telefon, ja, und das ist dein Kopf, mit dem denkt man, wie vor hundert Jahren mit keinem Telefon. Manchmal fühle ich mich wie eine Attraktion an oder etwas Altes oder eine Karikatur von etwas Altem. Verzieh mich aufs Männerklo. Sag, ich geh austreten, oder sag etwas anderes und schreib mir dann heimlich was auf oder geh, vom abwaschbaren Weiß erregt, wirklich mal austreten und sag, ich hätte mir nur ein paar Notizen gemacht. Austreten oder Denkengehen, heimlich auf dem Männerklo Poeten sehen. Männer, die erst einmal etwas Richtiges waren, Helden, Weinbauern oder Seefahrer oder Glückliche, und nur heimlich Poet geworden sind und umso mehr. Ich bin zum Beispiel erst einmal arbeitslos und dann heimlich Poet. Dafür muss man nur ein romantisches Verhältnis zu einem Gefühl von Nutzlosigkeit aufbauen können. Geschichten vom Wochenende schreiben, die Ihnen von Ihnen und Leuten, wie Ihnen, erzählen. Die schönsten Antworten auf die größten Fragen suchen, ohne in die dafür vorgesehene Weltliteratur zu gucken, sondern im Leben zu blättern und in sich, sodass die Nummer hier zu einer äußerst intimen Angelegenheit wird, die eigentlich keinen was angeht. Aber unter uns, jetzt bin ich drin, jawohl, spürst Du’s? Guck gar nicht mehr, was sonst noch so […]

URLAUB

URLAUB

Fast Sommer. Kurz nach der Paarungszeit. Die letzten Tauben grasen auf den Plätzen wie Kühe oder pflanzen sich auf eine Art und Weise fort, die wir uns seit Jahrhunderten mühsam versuchen abzugewöhnen. Erst nur die Kirche, dann sind wir selbst zu Kirche geworden. Das Schöne an den Jahrhunderten ist ja, dass sie sich selbst vom Mist filtern, und von allein auf ihren Wahrheitsgehalt reduzieren, auf das Ewige, alles was hält und frei ist von Eitelkeit, Absicht, Befürchtung, wirst schon sehen! Spanische Anreden sind ewig, Weihnachten und Sex von hinten, Lieder, die von traurigen Portugiesen in Cordanzügen gesungen werden, während sie auf Heuballen stehen und deutsche Rezepte, die aus Hungersnöten in Weltkriegen gemacht wurden. Das Spanische und Portugiesische unterscheidet sich kaum in seinen Klischees, dafür aber im Alltag und das Geheimnis liegt in den Tagen verborgen, die sind, wie alle anderen Tage. Vor allem da unterscheiden sich Portugal und Deutschland sehr. Die Deutschen sind gut an der Arbeit, die Portugiesen besser danach. Und umgedreht. Die Spanier sind für die Portugiesen, was die Portugiesen für die Deutschen sind, und für mich ist Portugal die schöne Version von Spanien. Deutschland ist mir doch egal. Würde lieber in Portugal sterben, als in Deutschland leben. Allem im Norden fehlt die südliche Glut, mir auch. Wir sind Einsiedlerwesen, die sich mit ihren Hemmungen beschäftigen. Voll mit Neurosen, bis unters Dach, zerfressen von innen. Die Menschen hassen sich. Erschrecken fast, wenn sie einen sehen und verbringen ihre Zeit am liebsten mit Möbeln und Autoputzen oder Ausflügen, die sie lange geplant haben. Wenn nichts geplant ist, machen sie den Garten, wie man ihn so macht. Ich würde gegen all die Kleingartenmanie gerne mal in den Krieg ziehen, für Portugal, aber man zieht heute nicht mehr in den Krieg, man klickt ihn an. Er passiert einfach so, man kommentiert ihn, aber keiner geht hin. In Portugal arbeitet man im Blaumann, schraubt oder steht in Scheiße rum und setzt sich nach Feierabend, im Anzug auf einen schönen Platz, auf dem Tauben grasen wie Kühe, die sich gewaltsam miteinander fortpflanzen. Liebt die Lebenden und die Toten. Ist ganz da, setzt sich, wenn’s sein muss, im Schatten einmal um den gesamten Platz herum. Trinkt eine Flasche Wein. Wartet auf jemanden, mit dem man die teilen kann. Ende der Aktion. Falls keine Tageszeitung mehr über den Platz weht, die man lesen kann. In Deutschland fährt man im Anzug zur Arbeit, macht Tür auf, geht Treppe runter, ganz früh und ganz aufgeregt auf dem Fahrrad, mit Leuchtkleidung an, klingelt wie man mit einem Maschinengewehr auf Frauen und Kinder schießen würde und frisst sein aufgetautes Mittagessen aus einem Plastikcontainer, den sich die Ehefrau im praktischen Familien-Set selbst zum Geburtstag schenkte. Wie eine Kuh. Ganz und gar und glücklich. Und nach Feierabend, Tür wieder zu, Treppe wieder rauf, zieht man sich etwas Graues an und geht die Treppe nochmal runter, in Badelatschen, kurz zum Dönnermann, noch eine Hawaii kaufen, um gemütlich zwischen den Raufasertapeten eine Serien fertigzugucken oder im Internet Sachen zu kommentieren und danach was bei Amazon zu kaufen, einen Gartenmöbel, scrollend, mit nur einem Fettfinger, oder einen Zeitartikel zu lesen, den eine vegane Volontärin mit welken Eierstöcken aus einem teuren Yogaretreat in Indonesien geschrieben hat, in dem alle um fünf Uhr aufstehen und Avocados essen, mit edlen Samen drauf, die von Kindern gesammelt wurden und diese ganze Gottlosigkeit mit etwas Einatmen aufarbeiteten. Für Kacke, die endlich mal fest ist. Gefangen im Grenzenlosen, zu glauben, wir steigen, wenn wir gehen, fahren, fliegen, erledigen, sich absolvieren. Nichts ist so inhaftierend, wie die Möglichkeit zu allem, denn alles ist die konstante Ablenkung vom Nichts. Und beim Nichts wollen wir’s belassen, bevor’s mit mir […]

TAG

TAG

Irgendwann, das wusste ich, ist irgendwas. Irgendwann würde ich an das Haus unten an der Ecke denken und wie man es vom Fenster ausgesehen hat und wie es da so stand, unten, an der Ecke, immer blau und immer da, wo die beiden Straßen sich kreuzen, die aus zwei verschiedenen Vierteln kommen und ich immer dachte, dass irgendwann irgendwas ist. Ich würde an das Haus, unten an der Ecke, denken und mir denken, wie ich mir nie weiter was dabei dachte, wenn ich das Haus sah und wie ich jetzt nur noch an das Haus denke, wenn ich an diese Zeit zurückdenke und daran, was von dieser Zeit geblieben ist, nachdem man sie umstellte. Das Haus ist geblieben und auch die Erinnerung an das Haus und an einige Leute, die nichts mit dem Haus zu tun hatten, sondern nur mit dem, was sie fühlten und damit, dass es für sie Sinn machte. Lange Entdeckungsreisen sind geblieben, auf denen wir die ganze Stadt und die Elektrische ganz für uns hatten und an vielen magischen Orten vorbeikamen, die wir kannten und die wir nicht kannten.  Sie waren aus einem Weiß, das viele Farben hat. Das Weiß der Kirchen und das Weiß der Heiligen und der Jacaranda des Lilas. Das harte weiße Licht der Plätze mit ihren abgeschlossenen Bänken drauf, denen man ihren Ausblick doch nicht nehmen konnte und der Straßenbeleuchtung und der Bäume, die ihr allererstes Grün trugen. Seitdem und seitdem ich die Stadt liebe und seitdem ich ein Mädchen in der Stadt liebe, die ich liebe, sehe ich etwas, das keiner sieht oder jeder, aber jeder sieht es anders. Ich sehe sie in der Stadt durch meine Augen und dann sehe ich sie durch die Augen der Stadt eines anderen und sehe sie nicht, nicht mehr so, wie ich sie sehe. Denn alle, die wir blieben und gingen und hier waren und nie wahrhaft hier gewesen sind, tragen eigene Lissabons in ihren Herzen, es gibt so viele, verschiedene, manche von fantastischer Größe, andere so klein, aber alle sind fußläufig, die, die es gibt und die, die es nicht gibt, weil sie in dieser Größe auf keine Weltkarte passen und außerhalb der Zeit liegen und bis an den Rande eines Bewusstseins reichen. Erst erliegt man den Sehenswürdigkeiten ihrer Reize, dann dem zwischen den Reizen und dann dem, in den Reizen drin. Mit dem neuen Wissen fängt man dann wieder von vorne an, geht tiefer, nochmal rein und dazwischen und wieder raus, lernt seine eigenen Sehenswürdigkeiten persönlich kennen, wie neu, lernt ihre Vornamen und die Vornamen ihrer Frauen und die ihrer Kinder, weiß genau, warum die dastehen, seit Jahrhunderten, Patina schwitzend zu Attraktionen geworden sind, die bis ins entlegenste Viertel reichen. Dann sieht man es wirklich und sieht es überall und spürt nicht nur wie es ist, hier zu sein, sondern wie es ist, ein ganz bestimmter Mensch in dieser Stadt zu sein, der liebt und weiß und immer mehr liebt, je mehr er davon wissen will, weiß, warum das Schöne das Echte ist und das Echte nicht immer das Schöne. Ein Leben in Lissabon zu schreiben, das sich lebt, wie sich ein gutes Buch lesen lässt, wieder und wieder und man immer mehr findet, je öfter man es gelesen hat. Man kann nur lieben, was man sehen kann und vielleicht ist genau das, was man nur selbst sehen kann, das einzig wahre, weil die anderen nicht das fühlen, was da hinter dem Sehen ist. Vielleicht wird man im Leben genauso groß wie […]

BANAL

BANAL

Es war Sonntag oder es war Montag oder es war einfach noch ein Tag, an dem es regnete und ich verkatert war, weil ich Samstag oder Sonntagabend mit Freunden zwölf Jahre alten Brandy gekauft hatte, an dem wir uns orientieren konnten. Wir unterteilten die Tage in Tage, an denen wir neuen Brandy kauften und Tage, an denen wir keinen neuen Brandy kauften. An den Tagen, an denen wir neun Brandy kauften, gingen wir vorher eine sehr zeremonielle Runde joggen, damit wir nicht fett wurden. Wir nannten das Joggen rennen und sahen, dass es gut war. Es war immer dieselbe sehr zeremonielle Runde. Sie führte durch heruntergekommene Hochhausschluchten und über eine Brücke in einen Park, mit vielen Wegen, die alle bei einem brasilianischen Fleischer endeten und an vielen Restaurants vorbeiführten. Wir rannten nur, um nicht fett zu werden und neue brasilianische Fleischer zu finden oder Restaurants, die wir noch nicht kannten und in die wir gehen würden, in einer Zeit nach dieser Zeit, wenn sich die Welt nach ihrem Untergang weiterdreht. Wir alle mochten den Park und hassten das Rennen, bis auf einen, der gerne rennen ging und immer Rennsachen anhatte und sein Telefon am Oberarm trug, das uns nach jedem geschafften Kilometer sagte, dass wir einen weiteren Kilometer geschafft hatten. Es war eine schwarze, durchtrainierte, übersetzte Männerstimme. Sie stellte sich als Fitnesscoach Mike aus Seattle vor und sie stellte sich uns vor, wie man sich ein spanisches Kochrezept vorstellt, das laut und unsicher vorgelesen wurde. Hier spricht dein Fitnesscoach Mike aus Seattle und wir sagten, „Halt’s Maul, Mike!“ Wir mochten Mike nicht, weil er klang wie jemand, der beim Ficken gerne Marvin Gaye hört und „Yeah Baby“ sagt, in einer ewig andauernden 59. Sekunde lebt, die er zelebriert und trainiert hat, um ihn immer kürzer vorher rauszuziehen, so wie man ein Flugzeug hochzieht, das auf die Erde hinab auf eine Vorstadtschule zustürzt und gerade so noch über den Schulhof und das Dach einer Dreifelderturnhalle hochgezogen wird. Glückwunsch, geschafft. Mike meinte, wir wären fünfkommadrei Kilometer gelaufen, mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von zehn Kilometern pro Stunde. Er gratulierte und sagte, was heute wehtut, macht morgen stärker. Dann ging einer von uns in den brasilianischen Fleischer rein, der Rest wartete draußen, davor. Der brasilianische Fleischer hatte, extra für uns, eine weiße Gartenbank vor seinen Laden gestellt, damit wir uns ausruhen konnten. Während der Seuchentage, waren die Minuten, in denen wir auf der Gartenbank, vor dem Fleischer an der Kreuzung in der Sonne warteten, die einzigen schönen Minuten, die wir im Freien, davor und nicht drin, weder rennend noch einkaufend zusammen verbrachten. Nur durchdrungen von Nachmittagssonne und den Schlägen, mit denen der Fleischer unser Entrecote zubereitete. Die Klänge gebrochener Rippen kamen aus seinem Laden und gingen über die Kreuzung. Es waren die beruhigenden Rufe gebrochener Knochen, die wir später mit grobem Salz und kaltgepresstem Olivenöl in den Ofen schieben würden. Wir wussten nicht, warum er das machte, aber wahrscheinlich brach er den unteren Rippenbogen für uns vor, damit wir später besser an das Fleisch kamen. Wir aßen genauso viel Entrecote, wie wir Brandy tranken und Rennen gingen und Karten spielten und solange wir das alles zusammenmachten, hatten wir auch keine Angst. Zum Essen kauften wir schwarze Oliven aus Dosen und italienischen Hartkäse, Rotwein aus dem Dourotal, manchmal auch welchen aus Evora oder dem Alentejo, frisches Weißbrot und einen Sack Kartoffeln, den wir in kleinen Scheiben, neben das Entrecote legten, so schön und so sorgfältig aufgereiht, als würden wir die Kartoffeln später noch fotografieren wollen. Wir legten unser ganzes Sein in dieses Tun, weil wir nichts anderes tun konnten, und fühlten uns dabei wie eine Gruppe fetter, einflussreicher Italiener, die man zusammen in einen Gefängnisfilm gesperrt hatte. Essen war für uns immer ein Ereignis gewesen, aber in diesen Tagen war es unser einziges. Und […]

LEVANTE

LEVANTE

Aller Anfang ist schwer, deswegen fangen wir gleich am Ende an. Sie ist weg, kommt nicht mehr her, war wütend wie Waldbrand und voller Hass, der so kalt und endgültig sein wird, wie frisch gewordener Stahl. Hab‘ ihr noch Peperoni nachgeworfen. Half nichts. Peperoni fliegen nicht weit und nicht gut, nicht weit genug, nicht so gut wie brennende Kerzen, aber die hinterlassen eine Sauerei, die dann auf Knien, unter Tränen, entfernt werden muss. Solange das Wachs noch wird, kann man nichts tun, außer halbvolle Gläser wegschütten und Rauchen gehen und wenn man nicht raucht, und keine halbvollen Gläser hat, hat man in solchen Momenten nichts zu tun, außer darüber nachzudenken, ob man nicht mit dem Rauchen und Trinken anfange sollte. Wenn man nicht Trinken will, ist Rauchen die einzige vernünftige Möglichkeit, um mit solchen Momenten fertigzuwerden. Man kann nicht einfach ohne Zigaretten in die Luft gucken und trocknendes Wachs warten, ohne dass die Nachbarn, auf den anderen Balkonen denken, man würde durchknallen und auf Wachs warten. Sich langsam hinzurichten, macht in ihren Augen mehr Sinn, als einfach so dazustehen und von der Luft aus ins All zu gucken. Zigaretten wurden gemachten, um ins All zu gucken, sie wurden genau für solche Momente geschaffen und man fragt sich, was zuerst da war, die Zigarette oder der Moment, der Rauch oder der Wind. Der Effekt, den Zigaretten in solchen Momenten haben, die man im Unterbewusstsein raucht, ist nicht die Zigarette selbst, sondern das Durchatmen, zu dem uns die Zigarette zwingt. Man steht im Moment und atmet den Moment durch die Luft ein und die Luft fühlt sich wie etwas Lebendiges an und man atmet aus und guckt sich dabei die Luft genau an, den Rauch im Wind, starrt vom Balkon aus ins Nichts und führt sich die Gründe vor Augen, fragt sich, wie das allen nur wieder so weit kommen konnte und hält sich dabei an der Zigarette fest, wie an einem Geländer. Hinter dem Geländer ist nichts, nur Tiefe, die dich nach unten zieht und genau um dieses tiefe Nichts ging es wieder. Man versucht noch einzulenken, bevor es um etwas geht, stellt sich quer, will nicht schon wieder diese lange staubige Straße runtergehen, ohne dass man vernünftige Getränke dabei hätte, lässt sich provozieren, wird zerstörerisch, täuscht einen Herzstillstand vor, lauert auf die Fehler des anderen, macht dieselben Fehler, bis es doch um irgendwas geht und das Geduldsstahlseil reißt und man schreit und schmeißt und zerrt und sich fallen lässt, wie eine Fußballschwalbe, um dem anderen das Gewissen mit einem Backblech zu durchbohren. Am Schluss ist man ausgehöhlt und angewidert, sich selber nicht, noch, dass der Andere schnauft und atmet. Heult. Selbstverständlich auf und abmarschiert. Aussieht. Da ist. Weg geht. Hoffentlich zurückkommt, wenn ich das hier fertig geschrieben habe. Vielleicht. Vielleicht, aber auch nicht. Die Zunge entsichert, dass Das-Wars schon auf den Lippen und man kann so ein Das-Wars nicht wieder einfangen, wenn es einmal bis zum Ende gesagt wurde, wie man keine Pistolenkugel einfangen kann, wenn man sie einmal abgeschossen hat. Von Schimpfworten ganz zu schweigen, auch wenn die sich noch so schön sagen lassen. Auf südeuropäisch gibt es tolle Schimpfworte, die sich ganz ausgezeichnet sagen lassen, man kann gar nicht wiederstehen, sie zu sagen. Umso religiöser ein Land, desto besser die Schimpfworte. Worte wie Dynamit, sie brennen nicht lange. In Deutschland haben wir keine guten Schimpfworte und wenn man versucht, deutsche Schimpfworte in Südeuropäisches zu übersetzen, kann viel schiefgehen. Sie sagen nicht das gleiche und werden vielleicht im Zielland als Heilige verehrt. Faustregel: Nichts in Flüchen verwenden, das bluten kann, denn alles, was bluten kann, ist wahr. Heilige können bluten, Frauen und Stiere. Google Translate macht aus einer dummen Ziege […]

PANTHEON

PANTHEON

Und dann kam das schlechte Wetter und brachte das Ende des Sommers. Der Wind brachte es vom Atlantik und zog dann ohne das Ende weiter und der Sommer wollte gar nicht mehr aufhören, zu Ende zu gehen. Man musste die Fenster schließen, damit die Welt drinnen nicht mit unterging und der Wind trieb den Regen gegen die Fenster und riss die letzten Blätter von den Bäumen, die dann an den Fenstern klebten oder nass und tot auf die Welt fielen und dort lagen und lagen, bis sie von irgendeiner kurzen Sonne getrocknet werden würden. Die Welt roch nach totem Laub, das nicht mehr wehte. Mit dem Regen kam die Traurigkeit in die Stadt und mit der Traurigkeit, diese eine Seite an ihr, die sich nicht mit dieser einen Seite an mir verstand. Ansonsten verstanden wir uns prächtig und ich glaube, dass diese eine Seite der Grund war, dass sich die anderen Seiten an uns, so gut miteinander verstanden. Das dachte ich damals und das denke ich auch noch heute. Es ging immer nur um Sachen, die egal waren, um die wichtigen Sachen stritten wir nie. Bei den wichtigen Sachen war es ganz egal, wer Recht hatte. Wenn irgendetwas wichtig war, setzten wir uns auf die Bänke, im amerikanischen Viertel, die man auf halber Strecke zwischen Treppen gestellt hatte, die nie einer ging, und erklärten uns einander. Wenn wir nicht weiterwussten oder sie sich zu lange erklärte, flogen meine Gedanken davon und ich dachte, dass das hier gute Bänke wären, um ein sich zu erklären, weil sie in einem ganz bestimmten Winkel zueinander aufgestellt wurden und man sich nicht anschreien und nichts schmeißen konnte, wegen der Nachbarn und dass hier viel Unkraut durch das Pflaster wächst, weil sie nie jemand ging. Ich nahm mir vor, die Treppen öfters zu gehen und irgendwie sah sie mir das immer an, wenn ich an Treppen dachte, die ich öfter gehen möchte und wir begannen zu streiten. Wir stritten von den Treppen bis zum Pantheon und dann zum Miradouro da Nossa Senhora. Einer ging immer vor und der andere rannte ihm nach und am Miradouro da Nossa Senhora begann es zu regnen oder wir bemerkten den Regen erst dort. Die Bäume waren alle kahl und die Kirche war zu und es gab auch sonst nichts zum Unterstellen, nur ein großes Kreuz in der Mitte des Platzes. Wir standen also unter dem großen Kreuz in der Mitte des Platzes, jeder unter seiner Seite des Kreuzes und wurden sehr nass. Ich hatte den ganzen Sommer über auf sie gewartet und ich hatte auch heute auf sie gewartet, obwohl gar kein Sommer mehr war, und ich hatte kein Problem damit gehabt, weil ich nie ein Problem damit hatte und sie ständig zu spät kam und ich ständig so dastand und rauchte und über Dinge nachdachte. Aber als sie heute zu spät kam, küsste sie mich zu flüchtig und sprach nur von ihrer neuen Wohnung und ich sagte ich hätte darüber nachgedacht, dass sie nur noch von ihrer neuen Wohnung sprechen würde und immer zu spät wäre. Sie hatte die gleichen Meinungen, die nicht stimmten, wie ich, aber manchmal saß sie nicht auf Bänken, zwischen Treppen, sondern wie eine Prinzessin auf einem Elefanten, der durch einen Dschungel lief und kämpfte gegen Mücken. Vom Elefanten ausgesehen, fielen meinem männlichen Betriebssystem ihre kurzen Haare auf. Sie waren scharf und kinnlang abgeschnitten und die Spitzen ihre Haare zeigten zu ihrem Mund. Ihr Mund hatte dieses ewige Erste an sich und ein unendlicher Impuls ging von ihm aus, der sich anfühlte, wie die […]

DIENER

DIENER

Hey Frank. Ich habe oft an dich gedacht oder jedenfalls öfter, als ich dir geschrieben habe. Liegt wahrscheinlich daran, dass man das, was ich dir sagen wollte, besser in einem Park sagt oder in einer Bar oder auf der Bank eines großen südeuropäischen Platzes, vor uns der Brunnen und die Tauben, die da kackt grad; oder an einem Mittagstisch mit rotweißkarierter Tischdecke, du weißt ja um die Faszination, die Wein und Käse an so einem Tisch, unter freiem Himmel, auf mich ausüben. Da wir aber Ländergrenzen und Sicherheitskontrollen voneinander entfernt, an unseren Schreibtischen sitzen, immer blasser und immer fetter und immer toter werden, dachte ich, dir zumindest keine Mail zu schreiben, sondern einen Brief, den du dann überall mit hinnehmen kannst, ohne ihn aufladen zu müssen, an all diese Orte. Wenn ich ehrlich bin, wollte ich erst nicht, dass es so weit kommt. Ich hatte es lange herausgeschoben, gehofft, du kommst mal, immer einen Grund gefunden es nicht zu tun, bin nach Istanbul oder Zürich oder Paris geflogen, nur um es nicht zu tun und an Abenden in Lissabon immer noch einen trinken gegangen, um es am nächsten Morgen nicht tun zu müssen. Sogar eine Grippe kam mir gelegen, obwohl ich wusste, früher oder später, würde ich es tun müssen und ich wollte es ja auch tun, ich hatte es immer getan, für sonst wen, dieses eine Mal eben für dich, schlussendlich für mich selbst. Ich kann es immer nur einmal, bis ich wieder kann und man muss es jedes Mal besser können, als man es vorher konnte, solange, bis man das, was man immer getan hatte, nicht besser, sondern nur noch echter macht. Mit je weniger Gefühl man es tut, desto einfacher ist es, genauso wie es einfach ist, jemanden mit wenig Gefühl zu lieben. Es ist und bleibt die schönste Sache der Welt und ich mache nichts lieber, aber darüber schreiben, will ich jetzt nicht mehr. Das ist Kampf. Krieg. Ein weißes Blatt Papier, das gar kein Papier ist, sondern Bildschirm und mich anstarrt, mit leeren Augen, die wollen, dass ich ihm welche verpasse. Es gibt einfach Dinge, die man lieber tut, als über sie zu schreiben. Mit einem geliebten Menschen schlafen oder Essen gehen, aber genug von den Vergleichen, ich lenke wieder ab. Geradeaus darauf zu, und nein Frank, ich gehe heute keinen trinken, aber es kann sein, dass ich ausfällig werde, verletzend, eindimensional, viel zu persönlich. Entschuldige vorweg den hässlichen Umschlag. Er sieht aus wie eine rechteckige Bürolampe mit Briefmarke drauf und erinnert mich an Aktenordner, dich auch? Solche Briefumschläge erhalten normalerweise nur Menschen, die keine Lust mehr haben, sie aufzumachen, Menschen, die ihr Leben unter Bürolampen und vor Aktenordnern verbringen. Bis zu ihrem Suizid. Deine Briefe sehen immer so schön aus. Sie liegen auf meiner Kommode oder in der Kommode drin und passen ganz hervorragend zu meiner inneren Einrichtung. Ansonsten habe ich jedoch keine Mühe gescheut, bin gestern Abend in keine Bar und heute Morgen nicht in die Kirche. Bin wie neu und sitze vor einem schönen Café am Rossio, der große zentrale Platz auf dem sie Sonnenbrillen und Kokain verkaufen, erinnerst du dich? Nicht weit von dem McDonalds, in dem sie dir mal das Messer an die Kehle gehalten haben und dein Geld wollten und du allen Ernstes fragtest, ob […]