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BYND

Konstantin Arnold

UNBEDINGTES

UNBEDINGTES

Ich fühl mich wie ein schlaffer Schwanz. Hängend und blutleer. Bin Loch mit Leere. Hab nichts zu geben. Kann kaum die Arme halten. So müssen sich leere Batterien fühlen. Meine Freunde sagen, dass das am schlechten Wetter liegt, was aber nicht heißt, dass das Wetter schlecht ist. Im Gegenteil, ich statt Ereignisse und ich glaube, es liegt an den Freunden und an mir. Nicht am Triumphzug der Wolken und dieser frühen mittelalterlichen Dunkelheit, die sich in den Straßen und Treppenhäusern der Menschen breitmacht. Stell dir vor, wie schön das Laub jetzt im Park um die Bänke liegt, und wie die feuchten Lippen eines Mädchens, das sich auf so einer Parkbank unter Kastanien küssen lässt, im Laternenlicht dahintrocknen. Mir kommen die Tränen, aber es sind keine, die man weinen kann. Sie bringen mich zum Schweigen, wie jemand der ertrinkt. An der Bar, allein unter Freunden, Zigarette im Mundwinkel hängen, kaum Luft zum Atmen, manchmal lächeln und es nicht so meinen. Einsam ist man nur unter Freunden, nicht, wenn man allein in der Stadt steht, die dunkelste Gasse geht und vom Klang der eigenen Absätze durch die Beco dos Beguinhos verfolgt wird. Umgeben von der Stille des Largo da Achada, die einem das Herzen in den Ohren schlagen lässt. Wenn der Wahn die Welt dreht und die Welt im Wind weht, kann man es dort in den Bäumen hören. Die Bäume sind das Instrument auf dem die Ewigkeit erklingt. Man kann es auch in der Igreja São Nicolau sehen, die nach Feierabend wieder voll und lebendig wird. Kerzen brennen, Antworten fehlen, Menschen denken in Wintersachen. Es ist eine wundervolle Stille, die von denkenden Menschen in Wintersachen ausgeht, die sich mal kurz ins Geheimnis setzten, um Erleuchtungen davon zu tragen, die alles erhellen und zugleich die unermessliche Tiefe des Dunkels aufzeigen. Die Welt in ihnen drin wird dann groß, viel größer als die Welt, kreist um sie in ihnen, wächst über die Wirklichkeit ihrer Welt hinaus, wie bei einem Gemälde. Sie lauschen ihren Gedanken, die ausgesprochener sind, als alles, was sie sektenmäßig zusammensingen könnten, wenn die Orgel krampft. Orgeln erzwingen Heiterkeit, man singt dann nur, um nicht zu weinen. Aber die Menschen wollen es ja spüren, einen Augenblick lang, spüren, wie alles ist, das ganze Leben und die Nacht, trauriger, aber richtiger als sonst. Und dann wollen sie es besser nicht mehr spüren. Suchen sich gewaltige Ablenkungen vom Nichts. Stürzen in einen lebenslangen Rausch, bis zur ganz großen Zerstörung. Schalten was an, laden was runter, löschen es wieder. Kaufen schnell noch was ein. Dumm, nur nicht dumm genug, denn hinter ihren Augen lauert die Angst. Es verhält sich verdächtig. So schauen Tiere, die aus einem brennenden Wald auf ein Smartphone gucken, das irgendwo im Gras vibriert. Sie wollen, dass der Anruf endet, das alles, dieses ganze lebenslange Warum? Das kurze Abenteuer, das sie zu den geistigen Endpunkten der Welt geführt hat, diese wirre unbezwingbare Furcht, ihr aufgewachtes Bewusstsein, das Aufschwellen ihrer Gedanken, das sie dem Wahnsinn näherbringt, diese große innere Bewegung zum dunklen Tor der gleichen Welt. Alles, was die Einsamkeit eines Herzens so unerträglich einsam macht. Die Zeit läuft davon und die Brunnen tröpfeln dahin und die Bäume wehen wütend im Wind. Der Tag verdichtet sich und versinkt doch in der Dämmerung. Sonnenuntergänge setzen die Meere in Brand. Ruhe nach Stürmen in einem anderen Sturm. Die Gespräche der Nacht, an den Theken der Welt […]

 

 

ANSTÄNDIGES

ANSTÄNDIGES

Wien, spätabends, Hotelbar. Gerade gelandet. Im Bewusstsein der eigenen Einzigartig sitzen wir vor den Drinks. Geht gar nicht anders. Ist überlebensnotwendig, am Ende der Zeit so vor den Drinks zu sitzen. Ich, mein Wiener Lektor und meine portugiesische Freundin sollte auch jeden Augenblick kommen. Sie hat einen späteren Flug genommen. War vielleicht besser so, für uns und all die anderen Passagiere. Warum wollte mein Lektor auch gleich wissen und ich habe ihm davon erzählt, wie wir letzte Nacht in Lissabon damit verbrachten, über die großen Fragen der Kunstfreiheit zu streiten, uns auf Wien einzustimmen. Das war aber kein Diskutieren mehr, das war Krieg. Aufs Äußerste. Seelische Zerstörung. Irgendwann wurde nur noch mit Polemik aufeinander geschossen, bis ins Herz und am Ende der Nacht fiel die Atombombe der Moral noch auf uns drauf. Aber wir werden unseren Streit schon beilegen. In einem warmen Kaffeehaus oder einer ordentlichen Bar. Irgendwo, wo man nicht schreien kann. Wenn wir Tage und Nächte im Sperl verbrachten, wurden es immer gute Tage und Nächte. Die Nächte unterscheiden sich von den Tagen sehr. Sind zwei verschiedene Cafés, aber beide sind wunderschön. Wichtig ist nur, dass das Wetter schlecht ist, was nicht heißt, dass das Wetter schlecht ist. Denn nur so entlädt sich die Stimmung in einer kosmischen Geborgenheit, an den Fenstern und zwischen den Sitzecken im Saal. Abends, wenn einem die Parks und Museen in den Waden lagen, und morgens, vor allem Anfang. Wir haben uns so auf Wien gefreut. Auf das Weiß der Häuser und das Grün der Dächer und das Gold der Statuen, die da so stehen, Patina schwitzend, in meiner Erinnerung. Man guckt die Statuen in den Parks an, bis sie lebendig werden. Es sind jedes Mal die gleichen Statuen und es sind immer andere, weil wir jedes Mal als Andere in diese Stadt zurückkehren. Aber die Stadt hält immer etwas bereit, egal als was wir gekommen waren. Das nasse Laub, die kahlen Bänke und das Straßenlicht, das auf all das fällt. Eine Mischung aus allem, so wie das Wienerische eine Mischung aus allem ist. Aus Ost und West und Nord und Süd. Dazwischen die denkmalgeschützten Reste einer großen Jahrhundertwende, in der hier alles aufeinander knallte. Es hatte Gründe, dass Freud, Wittgenstein und Schiele keiner Pariser waren. Zu bunt die Neurosen, an denen sich ihre Gehirne austoben konnten. Den Herren war scheißegal, was sich schickt oder was wir denken oder wie gedacht werden sollte. Nur, dass gedacht wird, war ihnen wichtig. Und die Menschen waren froh, dass sie die dunklen Dinge für sie dachten, sodass man sich gutbürgerlich, mit Abstand, über ihre Werke aufregen konnte. Vor allem über Schiele, das war noch ein Kerl, ein Zeitalter, Mut! […]

DASEIN (Teil 02)

DASEIN (Teil 02)

Damals, in dieser Zeit, die längst vergangen ist und wir viel in Hesses Romanen lasen, wohnten wir in einem Dorf in einem Haus, das frei und viereckig in einem Tal stand und ganz vergessen in die Berge gefallen war. Durch das Tal floss ein Bach und das Tal war tief und fiel bergab und hatte den Höhepunkt seiner Fruchtbarkeit erreicht. Links waren Olivenhaine, rechts wuchs der Wein. Alles war hoch und tief und je weiter das Tal hinunterging, desto wärmer wurde es und aus dem Bach wurde ein Fluss, der in gewaltigen Seen endete, die den Meeren gleichen. Warme Luft stieg auf und man konnte die Luft sehen, wie sie zwischen Felswänden und Kirchtürmen stand und von einem mächtigen Licht durchbrochen wurde, das alles kräftig in den Farben der Dinge erstrahlen ließ, genau wie Hodler es gemalt hatte. Es waren Berglandschaften, Dschungelberge, eine Kirchglocke, die irgendwo schlug und von der Ferne hergetragen wurde. Klare Laute der Natur, kein Krach der Stadt, nur Klang der Dörfer. Man hörte Kühe fressen, im Orchester oder höchstens mal einen Tschingg, der sein Motorrad an einer Bushaltestelle testete und pfiff, wenn eine Monica Bellucci an seiner Bushaltestelle vorrüberging. Es musste schön sein, in diesem Tal schön zu sein. Die Dörfer waren weltgewandt und kultiviert und man konnte in ihnen viele Sprachen sprechen und eine Frau lieben und einer bestimmten Tätigkeit nachgehen. Was wäre die Welt ohne diese Dörfer und diese Bewohner und Bewahrer, ohne die Bushaltestellen und Kirchen, die am Hang vor dem Blau des Himmels stehen, schon immer, egal was. Man konnte in diesem Tal nichts tun, außer man wusste, was man tun konnte. Einsam, weit weg von allem, guten Käse essen, schlechten Wein trinken, abends am Kamin sitzen und noch mehr Wein trinken, der immer besser schmeckte, je mehr man getrunken hatte. Morgens lagen wir lange da, guckten von warmen Betten aus offenen Fenster und hingen uns danach an schwere Steine im Bach, um uns vom Quellwasser umströmen zu lassen. Es war kein Eiswasser, man konnte darin überleben, und wenn die Sonne auf die Stelle schien, an der man gerade hing, konnte man es sogar genießen. Wegen so eines Baches lernten wir eines Tages den Metzger des Dorfes kennen. Ich hatte meinen Ring beim Umströmen verloren und der Metzger besaß die einzige Taucherbrille im Dorf. Den Ring fanden wir nicht, aber wir verstanden uns prächtig […]

DASEIN (Teil 01)

DASEIN (Teil 01)

Wenn man es nur schreiben könnte, wie es sich leben ließe. Ohne Absätze und Übergänge, die sich gegen das Leben versündigen, so wie es sich bietet und wie wir es lieben. Aufeinmal. Ohne Grund. An all den Zufällen vorbei, die wir im Nachhinein zu Notwendigkeiten erklären. Mit plötzlicher Brutalität. So wie ein Hirsch im Herbst auf Straßen springt, wenn man gerade einen hohen Berg runterrollt, um sich vom Helikopterfliegen zu erholen, und Pavarottis Radiostimme die Zeit zu Raum werden lässt, auf den dann der Hirsch knallt. Nehmen wir mal an. Viele verschiedene Orte, die erst durch uns miteinander in Verbindung treten. Am besten ist man an all diesen Orten, als ob man gar nicht an ihnen gewesen wäre, macht einfach weiter, wie zuvor, was immer auch gewesen ist. So meistert man die Orte, weil man da ist, wo man ist und keine Straßen geht und an Straßen denkt, die man nicht gegangen ist. Es kommt dann gar nicht mehr darauf an, wie viele Orte man gesehen hat, sondern wie viel man in jedem dieser Orte sehen konnte. Von einigen dieser Orte möchte ich erzählen, ohne jemanden mit unserer Liebesgeschichte zu belästigen. Die Liebe hat nur eine Geschichte und es ist immer die gleiche, und die könnte man überall verbringen, auch an Tankstellen, ist ja glücklich genug, hat all die schon Orte in sich. Alles, was über dieses große Glück hinausgeht, ist so spürbar wie Wolken, Leistungssteigerung im Spitzensport. Fast verschwendet. Man ist im Himmel, gefangen im Grenzenlosen, höher geht’s gar nicht, außer man fährt bergauf, dann nimmt man den Himmel eben mit oder lernt auch, mit viel sehr glücklich sein zu können. Gelingt das, ohne ein Arschloch werden zu müssen, schafft man ein Kunstwerk des Lebens, einen Überschwang, der kaum auszuhalten ist. Danach kommt nur noch All. Kann man dann mehr von solchen Zeiten erwarten, als dass sie irgendwann vorbeigehen oder wir sie ruinieren? Worte sind vielleicht nicht genug. Sie fassen nicht alles und jeden, aber nichts limitiert so sehr wie die Möglichkeit zu allem, denn alles ist die konstante Ablenkung vom Nichts. Und im Nichts beginnt unsere Reise. Ein bisschen außerhalb der Zeit. In einer Villa auf einer Insel mit 4000 verschiedenen Pflanzenarten, die irgendein Hedonist mitten in den See geflanzt hat, um im Dickicht zu veranstalten. Die Villa ist jetzt ein kleines Hotel und die Pflanzenarten sind durstig und unvergleichlich und sehen nicht aus wie Hawaii oder Tahiti, weil es nichts gibt, was so ist. Die Natur zieht einen auf, ganz ohne Sitten und Manieren. Hier ist es am allermeisten so. Man ist dem Augenblick ergeben, spürt einen Aufenthalt lang, wie alles ist, das ganze Leben und kann dann traurig werden, etwas trauriger als sonst, aber richtiger, und schöner […]

NICHTS

NICHTS

Das echte Spanische liegt im Nichts, weil es nichts gibt, was so ist. Man findet es nicht in historischen Stadtzentren oder Gaudis Parks oder wenn man es finden will, oder teure Tapas frisst, die nach nichts schmecken. Es hat auch keine Öffnungszeiten und man muss dafür auch nirgendwo anstehen. Man findet es nur gegen seinen Willen, wenn man lange genug Richtung Amerika gefahren ist, weit westlich von Madrid, ganz kurz vor der Grenze und ein bisschen außerhalb der Zeit, da, wo Hans Christian Andersen auch auf den Zug warten musste, als die Eisenbahn das 19. Jahrhundert in Europa so richtig überfuhr und alle schrien, dass das mit dem Reisen und der Poesie nun endgültig vorbei sei. Hans fuhr damals noch weiter, bis an die Kante, wo Festlandeuropa tausend Fuß in die Tiefen eines ewig auf Zerstörung sinnenden Atlantiks stürzt und das echte Portugiesische verborgen liegt, das ich nicht weiter beschreiben möchte, denn wenn da jetzt alle hinrennen, findet man es dort bald auch nicht mehr. Solche Orte brauchen ihre Einsamkeit, die sich waldbrandmäßig in einem ausbreitet, tief in einem drin, da, wo die Gefühle sind, die sich nicht auf Englisch erklären lassen oder beim Fußballgucken oder wenn noch jemand da ist, und man sich eigentlich zum Reden treffen wollte. Solche Orte brauchen andere Orte, in denen es schöner ist und nach denen man sich dann sehen kann, so lange man da ist. Das Soll kein Gruß aus der Ferne werden, bin ganz nah dran, und man muss an die Wahrheit kommen, wie man an eine brennende Bushaltestelle kommen würde, in Eile und ein bisschen zu spät und so nah wie möglich, nur nicht näher, wie man nicht zu nah an die Sonne möchte. Die alten Häuser tun einem eigentlich auch nichts, sie verlieren sich nur ein bisschen in der Landschaft oder sind selbst zu Landschaft geworden. Das passt. Aber die neuen, weißen, mit den Vorgärten und Sandkisten und gut gemeinten Eingangsschildern sind ein trauriger Versuch von Freude. Hoffnung in der Hölle. Sie machen alles nur schlimmer, auswegloser, selbstmordgefährdeter. Es weht kein Wind, aber die frühe Abendluft bekommt den Geruch von Kuhscheiße trotzdem irgendwo her. Stinkt mehr, als du dir Stinken vorstellen kannst. Ganz oben ist ein hoher, blauer, makelloser Himmel und am Ende des Ausblicks sollen auch Hügel sein, gesehen hat die noch keiner. Wir sitzen in einem Raum, den die Leute hier Bar nennen. Der Vorhang flattert, wenn die Kuhscheiße reinkommt, ansonsten passiert nichts, nur wenn einer was bestellt, aber außer uns bestellt hier keiner was. Bei dem Mann, der aussieht, als würde er den Leuten gerne auf die Schnauze hauen, wenn er fertig mit dem Rauchen ist und dann irgendwas tun muss, um wieder rauchen zu können. So wie der Mann sein Fernsehen anguckt, gucke ich mir gerne die Welt, an oder den Mann, wie er sich das Fernsehen anguckt. Es fasziniert mich und er erinnert mich an glückliche Hunde, die fressen, ficken, scheißen, sich zu Begrüßung das Arschloch lecken. Hätte der Mann an der Bar einen Schwanz, ich schwöre, immer wenn die Werbung vorbei war, er hätte gewedelt. So weit, so gut, aber viele oders bisher, oder? Gebe ich zu. Meiner alten Deutschlehrerin mit den barocken Buttermilchbrüsten hätte das auch nicht gefallen. Ist egal, bin drüber weg, genau deswegen, ist ja mein Text und der spielt eben im Nichts und das Nichts ist sehr verlockend und sehr unvergleichlich, weil es manche Orte auf der Welt nur ein Mal gibt. Sie liegen ohne Grund da, sind vorsinnflutartig, so als hätte Gott, hier einen Tag seiner Schöpfungsgeschichte ausgelassen. Am Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort. Poeten und Maler haben es schon mit der Beschreibung dieser leeren  […]

FEIERABEND

FEIERABEND

Entschuldige, ging gestern nicht. Hatte eine Verabredung mit dem Fluss und bin bei Nacht über den Tejo gefahren. Er war und breit. In seiner ganzen Majestät. Könige und Staatsoberhäupter sind schon so auf die Stadt zugekommen, die sich amphitheatermäßig auftut und ihre zukünftigen Ziele zeigt. Jedes Haus ein Blick und das Ufer ist aus Stadt und die Stadt aus Häusergewirr, dirigiert von der Sé und der Sprache ihrer tausendjährigen Autorität. Hab jetzt alles verstanden. Geht um Leben und Tod, Liebe und Hass, Gut und Böse, Oben, Unten, Männer und Frauen, Männer, ohne Frauen, entweder oder sowohl als auch und all das Unaussprechliche dazwischen, was uns eint. Hab mir am anderen Flussufer dafür die Eier wund gelaufen. So schön wars, aber heiß, viel zu heiß. Blasen habe ich auch bekommen, die tun aber nicht so weh, wie das an den Eiern. Muss komisch ausgesehen haben, wie ich da so am Fluss langgelaufen bin. Auf der Promenade. Mit den Eiern. So als würde ich ein volles Fass Malzbier zwischen den Schenkeln umhertransportieren. Ein schweres Buch von Ludwig Hohl hatte ich auch noch dabei. Und na klaro, bin so gut es ging im Schatten gelaufen, bin doch nicht blöd, hab in jedem Bistro Halt gemacht und mir ein tiefes Freibad Mineralwasser bestellt. Mit Zitrone und mit Eis. Manchmal musste ich dafür eine Straße überqueren, und die Straße war dann wie etwas Riskantes im Krieg, dem die Deckung fehlte oder wie eine heiße Schlucht, auf deren Grund beschichtete Bratpfannen für Dauerwerbesendungen hergestellt werden, die jemand angestellt hat, der mich hasst. Barreiro selber und die andere Flussseite ist schon hässlich, aber wer noch nie in Barreiro war und gesehen hat, wie die Sonne hier von der Promenade abends auf die Stadt fällt, hat überhaupt noch nichts gesehen. Oder kennt einen Ort, von dem aus man das noch besser sehen kann. Die schönste Sache der Welt, über der schönsten Stadt der Welt, vom hässlichsten Ort der Welt ausgesehen. Ging aber gar nicht da drum, sondern darum hierhin zu kommen. Der Weg war mein Ziel. Alles andere Gewinnüberschuss. Früher soll Barreiro aber richtig schön gewesen sein, eine Reise wert, für 3,50€, nur früher, als die alten Fährschiffe noch neu waren, gab es auch schon ein Früher und so weiter. Heute muss man sich eben mit einer Gegenwart abgeben, die früher oder später auch früher sein wird. Barreiro war früher aber schon genauso vergessen wie heute und konnte sich in dieser Vergessenheit schön langmachen. Hat mir ein kleiner schwarzer Junge erklärt, den ich unterwegs traf. Er sprang gerade von den Kais den Dreck des Tejos. So genau hat er das nicht erklärt, er hat das anders gesagt und ich habe es dann schöner gesagt. Er war der einzige Mensch, den ich an diesem Tag traf, der nicht über die Hitze redete. Ihm machte die Hitze nichts aus. Er zeigte mir Barreiro ein bisschen oder das, was er für Barreiro hielt, und ich dachte, dass er im Gegenzug unbedingt mal nach Lissabon kommen müsse, ich zahle ihm die Fähre und zeige ihm die Stadt, dachte dann aber, dass das sehr pädophil rüberkommen muss, sagte lieber nichts, bis darauf, dass es aber heiß ist. Er meinte, dass sei für Barreiro noch gar nichts. Er sagte das stolz. Ich sagte, ich weiß und sagte das auch stolz und freute mich, dass man draußen, am anderen Flussufer, trotz der Hitze, noch fremde Leute treffen konnte. Die meisten Lissabonner reagieren auf die Hitze, wie auf etwas nie Dagewesenes. Schließen sich ein. Jahr für Jahr. In halbdunklen Zimmern. So, als hätten sie die Hitze in Lissabon gerade erst erfunden. Als hätten sie den Sommer kaum kommen sehen und nicht schon zig in hinter sich gebracht, die sie aber alle wieder vergessen haben. Anders kann man das nicht erklären. Ich persönlich würde den Lissabonner Sommer lieber im Kühlschrank eines sibirischen Arbeitslagers verbringen, als in meinem Dachgeschoss. Sagt man nicht, ich weiß und es tut mir auch leid, aber mir fällt nichts besser ein. Ist viel zu heiß. Kann nicht genial sein, nichts produzieren, nichts besorgen, nicht mal dran denken, bin gerade so ich selbst. Hemd bis zum allerletzten Knopf, vor dem Hosenknopf, offen. Ein schönes weißes Hemd, das gerne im Motorradwind flattern würde oder in irgendeinem anderen Wind. Denn im Sommer, wenn die Hitze wie ein ausgesprochen unsichtbares Urteil über der Stadt steht, und der Tejo blau und durstig und unvergleichlich ist, weil […]

FÜR GEWÖHNLICH

FÜR GEWÖHNLICH

Sitze im Café Nicola und warte mit Absicht. Vor mir ein leeres Glas Portwein und hinter dem Portwein liegt der Platz, heiß und hell in der Sonne. Ich kann den Platz sehen und wie er sich in meinem Glas Portwein wiederspiegelt. Mich kann ich auch sehen und ein bisschen von der Burg, die man hier von überall ein bisschen sehen kann. Das Meer kann man nicht sehen, es ist zu weit weg. Man sieht nur den Platz und den Portwein und noch mehr Platz und weiß, wo das Meer ist. Ein paar gutaussehende Portugiesinnen eilen auch vorbei und einige andere, die mir aber nicht auffallen. Sie eilen durch die äußere Einrichtung meiner inneren Welt, die langsam im Portwein versinkt. Man erkennt ein gutes Glas Portwein nicht am Geschmack, sondern an den Strukturen an der Innenwand seines Glases, die sich bilden, wenn man einen kräftigen Schluck genommen hat, Zeit hat, absetzt und wartet. So blank ist, wie ich und hofft, dass im Glas immer noch was geht, auch wenn es lange leer ist. Ich trinke also ein bisschen, schreibe ein bisschen, lese ein bisschen. Die Kellner reden ein bisschen viel, weil außer mir niemand hier ist, mit dem sie sonst noch reden können. Keine Märchen von Mädchen, keine Fünf Uhr Flaneure. Keine Attraktionpilger, die hilflos vor portugiesischen Speisekarten schwitzen, keine Priester, die ihnen da raushelfen. Es war das Jahr, in dem die Touristen nicht kamen und Santos Populares nicht war und keiner meine Geschichten druckte und ich viel im Café Nicola saß und Neil Young irgendein neues Album rausbrachte. Ich las in der Zeitung darüber, die ich mir im Kiosk vorm Nicola gekauft hatte, und las über die Mühe, die sich Neil Young dabei gab oder nicht gab, las, dass irgendwo viele Menschen ums Leben kamen, während ich abgefackelt im Nicola saß und andere Sachen las und Sachen, von denen ich nichts verstand. Ich fühlte mich wie ein verlassenes Feld, das sich in der Abenddämmerung im Wind bewegt, aber nochmal zum Platz, der ein sehr portugiesischer Platz ist, weil man ihn wie eine Avenida entlang gucken muss und auch die Ereignisse, einer Avenida ähnlicher sind, als denen eines Platzes. In der Mitte steht zwar ein Heiliger oder ein Tyrann, der heiliggesprochen wurde und drum rum ist auch Platz, aber dann kommt erst mal Straße, die das Platzhafte kaputt macht. Der eigentliche Platz beginnt dann hinter den Straßen und unter den Bäumen und Markisen, unter denen sich viele Cafés verstecken. Sie verstecken sich nicht so wie sie sich in Spanien vor dem Sonnenlicht und der Hitze verstecken müssen, tief unter Arkaden, die einmal um den Platz herumführen. Und auch nicht, wie in Frankreich, wo sie sich gar nicht verstecken, sondern prätentiös auf den Bürgersteigen präsentieren und zu Bühnen ihrer Zeit geworden sind. Die Tische stehen wie Prediger und die Stühle wurden wie Gläubige aufgestellt, die immer zum Platz hinzeigen, weil da Mekka ist oder irgendwas anderes ist, an das die Franzosen glauben. Gott ist es nicht. Es hat künstlerische Gründe. Denn die meisten Kathedralen gehören in dort der Kunst. Ich kenne nur eine Kirche in Paris, die Gott gehört und die ist abgebrannt, war aber auch kein guter Ort zum Beten. Die Kirchen in Frankreich sind generell zu schön, um zu Glauben, weil man nicht glauben kann, wie schön die sind. Viel zu schön, um reinzugehen und wenn man in ihnen ist, fühlt man sich schuldig, sündig, beschmutzt. Die in Spanien dagegen sind so düster und dogmatisch, wie die in Portugal hell und hübsch sind. Am liebsten habe ich die Basílica da Estrela, weil die sehr hoch ist und wenn Sommer ist und draußen alles heiß ist, kehrt man gerne ein, kühlt sich ab, schaut sich um, fühlt sich klein, gut und kalt. Auch die Igreja de Sao […]

MONTAGS

MONTAGS

Montag, du Scheißtag. Die Restaurants sind dicht und der Fisch ist schlecht. Außerdem das Wirrwarr vom Wochenende endknoten. Gedanken und Gefühle und aufgeschriebene Gefühle, die ich nie hatte, nur ein bisschen gedachte habe. Beim Essen und beim Gehen, beim Sitzen und beim Stehen, mittendrin, egal bei was, wenn’s zu viel ist, ist’s zu viel, muss raus, sofort, jetzt gleich, auf ein Blatt geschrieben werden, so wie Leute das Geplante hektisch in ein Gefrierfach legen, wenn sie spontan einer Einladung folgen, die sie nicht ablehnen konnten. Mit Montagen, an sich, hätte ich eigentlich keine Probleme, wenn sie mittwochs wären oder freitags. Für mich ist sowieso immer Freitag, nur dass freitags und samstags alle mit mir gemeinsam Freitag haben. Wein trinken. Draußen sitzen. Zeit haben. In Form sind. An Sardinen denken. Beim Schreiben werden. Was auch immer das zu bedeuten hat, aber so ist das, montags. Notizen überall und immer sowas weltgewaltiges, rücksichtslos rätselhaftes, das vielleicht gar kein Geheimnis hütet, aber allen Unterhaltungen fehlt und deswegen in Büchern steht. Denn nur in der Kunst ist der Mensch frei und am Wochenende, wenn ihm egal ist, was er montags mit all den Notizen macht. Mit all den Wahrheiten, die vielleicht falsch sind, aber geklärt werden müssen. Alles. Das im Notizbuch und das auf den Zetteln und das, an was man sich kaum noch erinnern kann, auch. Auch das im Telefon, aber das kann immer nur eine begrenzte Zahl von Nachrichten speichern, also auch auf den Telefonen von anderen, aber von welchen? Hat jemand meine Weltenformel gesehen? Ja, sieht aus wie ein ganz normaler Satz, mit vielen Fehlern und wirren Worten, zumindest gehämmert, nicht geschmiert. In einem Zustand. Zu einer Uhrzeit. Kann gut aus was Deutschem und was Englischem und was Portugiesischem gemacht sein. Kommt drauf an. In jeder Sprache lassen sich bestimmte andere komplizierte Dinge einfacher kompliziert sagen. Zum Beispiel spreche ich Portugiesisch nur im Restaurant, nie in der Liebe, und in englischen Restaurants esse ich nicht. Komplizierte Gefühle lassen sich ganz hervorragend in deutsche Poesie übersetzen, aber deutsche Poesie spricht hier keiner, komplizierte Gefühle auch nicht, Deutsch schon, aber Deutsch ist zu kompliziert für Notizen, denn die müssen oft schnell gehen, ohne Aufsehen zu erregen, und ohne dass Frauen in Ohnmacht fallen und fragen, was das ist und der Gedanke dann weg ist. Das, meine Liebe, ist ein Stift, mit dem schreibt man, wie mit einem Telefon, und das ist Papier, auf das schreibt man, wie mit einem Telefon, ja, und das ist dein Kopf, mit dem denkt man, wie vor hundert Jahren mit keinem Telefon. Manchmal fühle ich mich wie eine Attraktion an oder etwas Altes oder eine Karikatur von etwas Altem. Verzieh mich aufs Männerklo. Sag, ich geh austreten, oder sag etwas anderes und schreib mir dann heimlich was auf oder geh, vom abwaschbaren Weiß erregt, wirklich mal austreten und sag, ich hätte mir nur ein paar Notizen gemacht. Austreten oder Denkengehen, heimlich auf dem Männerklo Poeten sehen. Männer, die erst einmal etwas Richtiges waren, Helden, Weinbauern oder Seefahrer oder Glückliche, und nur heimlich Poet geworden sind und umso mehr. Ich bin zum Beispiel erst einmal arbeitslos und dann heimlich Poet. Dafür muss man nur ein romantisches Verhältnis zu einem Gefühl von Nutzlosigkeit aufbauen können. Geschichten vom Wochenende schreiben, die Ihnen von Ihnen und Leuten, wie Ihnen, erzählen. Die schönsten Antworten auf die größten Fragen suchen, ohne in die dafür vorgesehene Weltliteratur zu gucken, sondern im Leben zu blättern und in sich, sodass die Nummer hier zu einer äußerst intimen Angelegenheit wird, die eigentlich keinen was angeht. Aber unter uns, jetzt bin ich drin, jawohl, spürst Du’s? Guck gar nicht mehr, was sonst noch so […]

URLAUB

URLAUB

Fast Sommer. Kurz nach der Paarungszeit. Die letzten Tauben grasen auf den Plätzen wie Kühe oder pflanzen sich auf eine Art und Weise fort, die wir uns seit Jahrhunderten mühsam versuchen abzugewöhnen. Erst nur die Kirche, dann sind wir selbst zu Kirche geworden. Das Schöne an den Jahrhunderten ist ja, dass sie sich selbst vom Mist filtern, und von allein auf ihren Wahrheitsgehalt reduzieren, auf das Ewige, alles was hält und frei ist von Eitelkeit, Absicht, Befürchtung, wirst schon sehen! Spanische Anreden sind ewig, Weihnachten und Sex von hinten, Lieder, die von traurigen Portugiesen in Cordanzügen gesungen werden, während sie auf Heuballen stehen und deutsche Rezepte, die aus Hungersnöten in Weltkriegen gemacht wurden. Das Spanische und Portugiesische unterscheidet sich kaum in seinen Klischees, dafür aber im Alltag und das Geheimnis liegt in den Tagen verborgen, die sind, wie alle anderen Tage. Vor allem da unterscheiden sich Portugal und Deutschland sehr. Die Deutschen sind gut an der Arbeit, die Portugiesen besser danach. Und umgedreht. Die Spanier sind für die Portugiesen, was die Portugiesen für die Deutschen sind, und für mich ist Portugal die schöne Version von Spanien. Deutschland ist mir doch egal. Würde lieber in Portugal sterben, als in Deutschland leben. Allem im Norden fehlt die südliche Glut, mir auch. Wir sind Einsiedlerwesen, die sich mit ihren Hemmungen beschäftigen. Voll mit Neurosen, bis unters Dach, zerfressen von innen. Die Menschen hassen sich. Erschrecken fast, wenn sie einen sehen und verbringen ihre Zeit am liebsten mit Möbeln und Autoputzen oder Ausflügen, die sie lange geplant haben. Wenn nichts geplant ist, machen sie den Garten, wie man ihn so macht. Ich würde gegen all die Kleingartenmanie gerne mal in den Krieg ziehen, für Portugal, aber man zieht heute nicht mehr in den Krieg, man klickt ihn an. Er passiert einfach so, man kommentiert ihn, aber keiner geht hin. In Portugal arbeitet man im Blaumann, schraubt oder steht in Scheiße rum und setzt sich nach Feierabend, im Anzug auf einen schönen Platz, auf dem Tauben grasen wie Kühe, die sich gewaltsam miteinander fortpflanzen. Liebt die Lebenden und die Toten. Ist ganz da, setzt sich, wenn’s sein muss, im Schatten einmal um den gesamten Platz herum. Trinkt eine Flasche Wein. Wartet auf jemanden, mit dem man die teilen kann. Ende der Aktion. Falls keine Tageszeitung mehr über den Platz weht, die man lesen kann. In Deutschland fährt man im Anzug zur Arbeit, macht Tür auf, geht Treppe runter, ganz früh und ganz aufgeregt auf dem Fahrrad, mit Leuchtkleidung an, klingelt wie man mit einem Maschinengewehr auf Frauen und Kinder schießen würde und frisst sein aufgetautes Mittagessen aus einem Plastikcontainer, den sich die Ehefrau im praktischen Familien-Set selbst zum Geburtstag schenkte. Wie eine Kuh. Ganz und gar und glücklich. Und nach Feierabend, Tür wieder zu, Treppe wieder rauf, zieht man sich etwas Graues an und geht die Treppe nochmal runter, in Badelatschen, kurz zum Dönnermann, noch eine Hawaii kaufen, um gemütlich zwischen den Raufasertapeten eine Serien fertigzugucken oder im Internet Sachen zu kommentieren und danach was bei Amazon zu kaufen, einen Gartenmöbel, scrollend, mit nur einem Fettfinger, oder einen Zeitartikel zu lesen, den eine vegane Volontärin mit welken Eierstöcken aus einem teuren Yogaretreat in Indonesien geschrieben hat, in dem alle um fünf Uhr aufstehen und Avocados essen, mit edlen Samen drauf, die von Kindern gesammelt wurden und diese ganze Gottlosigkeit mit etwas Einatmen aufarbeiteten. Für Kacke, die endlich mal fest ist. Gefangen im Grenzenlosen, zu glauben, wir steigen, wenn wir gehen, fahren, fliegen, erledigen, sich absolvieren. Nichts ist so inhaftierend, wie die Möglichkeit zu allem, denn alles ist die konstante Ablenkung vom Nichts. Und beim Nichts wollen wir’s belassen, bevor’s mit mir […]

TAG

TAG

Irgendwann, das wusste ich, ist irgendwas. Irgendwann würde ich an das Haus unten an der Ecke denken und wie man es vom Fenster ausgesehen hat und wie es da so stand, unten, an der Ecke, immer blau und immer da, wo die beiden Straßen sich kreuzen, die aus zwei verschiedenen Vierteln kommen und ich immer dachte, dass irgendwann irgendwas ist. Ich würde an das Haus, unten an der Ecke, denken und mir denken, wie ich mir nie weiter was dabei dachte, wenn ich das Haus sah und wie ich jetzt nur noch an das Haus denke, wenn ich an diese Zeit zurückdenke und daran, was von dieser Zeit geblieben ist, nachdem man sie umstellte. Das Haus ist geblieben und auch die Erinnerung an das Haus und an einige Leute, die nichts mit dem Haus zu tun hatten, sondern nur mit dem, was sie fühlten und damit, dass es für sie Sinn machte. Lange Entdeckungsreisen sind geblieben, auf denen wir die ganze Stadt und die Elektrische ganz für uns hatten und an vielen magischen Orten vorbeikamen, die wir kannten und die wir nicht kannten.  Sie waren aus einem Weiß, das viele Farben hat. Das Weiß der Kirchen und das Weiß der Heiligen und der Jacaranda des Lilas. Das harte weiße Licht der Plätze mit ihren abgeschlossenen Bänken drauf, denen man ihren Ausblick doch nicht nehmen konnte und der Straßenbeleuchtung und der Bäume, die ihr allererstes Grün trugen. Seitdem und seitdem ich die Stadt liebe und seitdem ich ein Mädchen in der Stadt liebe, die ich liebe, sehe ich etwas, das keiner sieht oder jeder, aber jeder sieht es anders. Ich sehe sie in der Stadt durch meine Augen und dann sehe ich sie durch die Augen der Stadt eines anderen und sehe sie nicht, nicht mehr so, wie ich sie sehe. Denn alle, die wir blieben und gingen und hier waren und nie wahrhaft hier gewesen sind, tragen eigene Lissabons in ihren Herzen, es gibt so viele, verschiedene, manche von fantastischer Größe, andere so klein, aber alle sind fußläufig, die, die es gibt und die, die es nicht gibt, weil sie in dieser Größe auf keine Weltkarte passen und außerhalb der Zeit liegen und bis an den Rande eines Bewusstseins reichen. Erst erliegt man den Sehenswürdigkeiten ihrer Reize, dann dem zwischen den Reizen und dann dem, in den Reizen drin. Mit dem neuen Wissen fängt man dann wieder von vorne an, geht tiefer, nochmal rein und dazwischen und wieder raus, lernt seine eigenen Sehenswürdigkeiten persönlich kennen, wie neu, lernt ihre Vornamen und die Vornamen ihrer Frauen und die ihrer Kinder, weiß genau, warum die dastehen, seit Jahrhunderten, Patina schwitzend zu Attraktionen geworden sind, die bis ins entlegenste Viertel reichen. Dann sieht man es wirklich und sieht es überall und spürt nicht nur wie es ist, hier zu sein, sondern wie es ist, ein ganz bestimmter Mensch in dieser Stadt zu sein, der liebt und weiß und immer mehr liebt, je mehr er davon wissen will, weiß, warum das Schöne das Echte ist und das Echte nicht immer das Schöne. Ein Leben in Lissabon zu schreiben, das sich lebt, wie sich ein gutes Buch lesen lässt, wieder und wieder und man immer mehr findet, je öfter man es gelesen hat. Man kann nur lieben, was man sehen kann und vielleicht ist genau das, was man nur selbst sehen kann, das einzig wahre, weil die anderen nicht das fühlen, was da hinter dem Sehen ist. Vielleicht wird man im Leben genauso groß wie […]