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BYND

Konstantin Arnold

ZUFÄLLIG & SCHÖN

ZUFÄLLIG & SCHÖN

Ich hatte es eilig. Chiado war hektisch und voll. Zum Teufel mit den Geschenken. Ich wollte zur Sapataria Do Carmo, ihr diese schönen Stiefletten kaufen und dann zu George, dem Schuhputzer, damit er sie mir für die Feiertage zurechtmacht. Eigentlich war das den Stiefelen egal, aber ich tat das für George und für seine Feiertage. Wenn ich danach noch Zeit hätte, könnte ich mir oben in Real das späte Nachmittagslicht angucken und meinen Mantel zum Reinigen abgeben und später noch ein paar Leibesübungen machen, damit ich weiter so essen und trinken kann, wie ich das wollte. Es ging darum, nie fett zu werden und seine Figur zu halten und ich glaube sie veränderte sich nicht, man dachte nur mehr darüber nach, weil man vorher nie darüber nachdachte und man mit jedem Alter sinnvolleres zu tun hatte, als an seine Figur zu denken. In welche Kirche ich an Weihnachten gehen würde, wusste ich auch noch nicht und ich dachte, noch so viele andere Dinge vor Weihnachten tun zu müssen, die ich nicht tun musste, aber immer dachte, ob Weihnachten war oder nicht. Letzte Woche hatte ich ihr schon eine rote Baskenmütze geschenkt, die alle für eine Parismütze zu Weihnachten hielten und eine Klobürste und einen ordentlichen Flaschenöffner. Ich war dafür in einem Laden, der seit 1835 Flaschenöffner verkauft, und seit alle Scheiße fressen und die Scheiße widerspenstig ist und stinkt, auch anständige Klobürsten. Es sind gute Bürsten, aus Metall, mit dunklen Borsten, damit man die Scheiße nicht so sieht und einem Deckel, auf dem Blumen sind, rote und gelbe. Ich ließ beides schön einpacken. Nachdem ich noch keine Stiefel gekauft hatte und noch nicht bei George gewesen war, ging ich hoch nach Real, um mir das Licht anzugucken. Ich hatte es jetzt noch eiliger und mein Mantel flog mir hinter im Wind, wie ein Umhang. Ich sah aus wie einer, der zu einer Frau eilt, um ihr zu sagen, dass es doch nicht aus ist, oder wie einer, der etwas tun wollte, bevor er es ganz vergisst, oder wie einer, der immer noch keine Stiefel gekauft hatte und noch nicht bei George gewesen war und hoch nach Real ging, um sich das Licht anzugucken. Ich wusste, dass so ein Mantel besser aussah, wenn man geschlossen in ihm schlenderte, Hände in den Taschen, Hut auf, Kragen hoch, aber manchmal war das eben so und man konnte ihn auch auf diese Weisen tragen. Als ich oben ankam, war das Licht schon weg oder es ist an diesem Tag nie da gewesen. Ich wusste es nicht. In diesem Dezember konnte man das nie sagen, weil die Sonne den Tag über den Wolken verbrachte und erst am Schluss unten rauskam und sich zwischen Wolken und Horizont zeigte. Die Strahlen waren dann umso intensiver und vom Praça do Príncipe Real, genau dort, wo die Rua Cecílio de Sousa auseinander und wiederzusammengeht, sah man sie am besten. Solche Straßen, dachte ich, werden heute gar nicht mehr gebaut und als ich das fertig gedacht hatte, rief eine Frauenstimme über den Platz. Sie rief meinen Namen und sie rief hier und nochmal meinen Namen und dann huhu und ich sah sie und sie winkte. Die Frauenstimme gehörte […]

EFFEFF

EFFEFF

Oliven. Gottesfrüchte. Fruchtgewordene Antike mit Kern. Denkmäler der Sonne und des Südens, so wie der Wein, aber zu dem kommen wir später. Man kann nicht über die Olivenernte schreiben, ohne über den Wein zu schreiben. Die Weinernte ist vorher, die Keller sind voll davon. Wein ist der Treibstoff für die Ernte und ihre Helfer. Aber erst mal zu den Oliven. Olivenbäume können tausend Jahre alt werden, einfach so, nicht alle, aber einige, der älteste steht auf Kreta, zwischen 3000 und 5000 Jahre alt. Moses hat seine Gebote unter so einem brennenden Ölbaum gefunden. Oder auch nicht, aber Dieter Bohlen hat auf Malle ein paar davon im Garten. Es gibt zwei Kerngebiete im Hirnstamm, die wie Oliven heißen. Nach dem die Arche tagelang unterwegs war, sendet Noah seine Taube aus, die mit einem Olivenzweig im Schnabel wiederkehrt. Ein Lebenszeichen. Bei Picasso stehen sie für den Frieden. Sicher ist, wo Oliven wachsen, kann man gut Leben, die Menschen werden älter, das zeigen Studien. Sie sind schön anzusehen und gesund, eine natürliche Lebenserhaltungsmaßnahme, denn Antioxidantien konservieren den Körper von innen. Heilkraft und Genuss. Geht doch. Im Süden Europas geht keine Mahlzeit ohne die Steinfrucht über die Tische. In Grün und Dunkelbraun und Braun, mit oder ohne Knoblauch, draußen, im freien, auf rotweißkarierten Tischdecken. Oliven zu ernten ist eine Wahlfahrt für Fernwehromantiker. Der Olivenbaum steht überall wo’s schön ist. Am liebsten ums Mittelmeer und auf Kreta, auf den Höhen Italiens, in der Hitze Andalusiens und im wilden Norden Portugals. Dort wollen wir hin. Ich bin schon seit einem Vormittag dran, alle Notizen zu entschlüsseln, die ich mir eine Woche lang beim Olivenernten und Rotweintrinken gemacht habe. Tiefer kann man gar nicht in ein Land eintauchen, als auf dem Land. Da ist noch ein Portugal zuhause, das woanders längst verschwunden ist. Die Entfernung zu diesem Ort lässt sich besser in Jahrhunderten ausdrücken, als in Kilometern. Zeitreisen ist möglich. Man kann aber nicht einfach so aufs Land fahren. Nicht von Lissabon aus. Man braucht etwas Vorbereitung, um sich langsam auf das Landleben und die Zeitverschiebung vorzubereiten. Eine Art Basis Camp, wie man es von einer Everest Expedition kennt. Meins war bei der Familie Delgado. Sie wohnen in einem Dorf bei Fatima, Portugals Pilgerstadt. Eine Zugstunde nördlich von Lissabon. Von hier aus, sollten wir am nächsten Morgen in den Norden des Südens aufbrechen, zum Heimatort von Senhor Delgado, bis fast an die Grenze zu Spanien. Senhor Delgado ist ein einfacher, herzlicher Mann mit großen Gesten. Eine ehrliche Haut mit Dreck unter den Nägeln und den nötigen Kraftsaudrücken. Er hat diesen Bauch, der ihm steht und den man hat, wenn man ihn sich mit Selbstgemachtem verdient hat. Seine Hände sind klein, aber sein Finger vom Arbeiten über die Größe seiner Hände hinausgeschwollen. Er weiß alles über Oliven und über Wein und er weiß, wie die Erde schmeckt aus denen sie kommen, weil dort seine Ahnen liegen und selbst zu Erde geworden sind. Sie haben selbst Olivenöl und Wein gemacht und sie haben ihr Mittag im Freien gegessen und sind alt und stark geworden. Er sagt gerne, dass das Leben so ist oder dass das Leben schön ist oder hart und wenn er nichts zu sagen hat, sagt er jaja, so ist das Leben oder das Landleben ist eben so. Am liebsten sagt er Ach, Mein Land, aber auf Portugiesisch klingt das besser: A minha Terra, meine Erde. Senhora Delgado ist eine wundervolle […]

NOCTURNE

NOCTURNE

Der Herbst ist Lissabon eigen. Ich glaube, er wurde für diese Stadt gemacht. Am meisten liebe seine einsamen frühen Morgen, nur die späten gemeinsamen Abende liebe ich dann noch mehr. Aus späten gemeinsamen Abenden werden späte gemeinsame Morgen und uns so weiter und deswegen gab es nie viele Tage, die schon beim Licht der Kerzen beginnen und beim aufgehenden anderen Licht. Solche Tage waren schön und selten und sie waren immer ein Geschenk. Du warst früh mit der Arbeit fertig und hattest die Arbeit fertig und die Stadt vor dir und den Tag, und der Tag schien grenzenlos. Man konnte für den Rest des Tages dumm bleiben, weil man früh aufgestanden war und hart gearbeitet hatte und ich versuchte, so dumm zu bleiben wie ich konnte. Das Leben kam einem dann einfach vor und man hatte Hoffnung und machte Pläne und es war schön, wenn man sonst etwas zu tun hatte oder irgendwo hinmusste. Man hoffte nur, dass der Morgen sein Versprechen über den Tag hinaushalten würde, aber es war dumm das zu glauben und ich blieb nie dumm genug. In jenem Herbst wurde es sehr kalt. Wir hatten keine Feuerstellte und auch keine Heizung und wir hatten nur uns. Wenn man miteinander schlief, wurde es warm, nur, wenn man es selber mit sich machte, blieb es kalt und man ließ nur einen Spalt in der Decke offen. Wie auch immer man es machte, man musste im Bett bleiben oder gleich ins Café gehen, aber es war schwer, vom Bett gleich ins Café zu gehen und bei der Kälte, die richtigen alkoholischen Getränke zu bestellen und noch schwerer nichts Alkoholisches zu bestellen und als die Cafés ganz schlossen, blieb uns gar nichts warmes mehr, außer uns. Manchmal konnte man für eine Weile am Schreibtisch arbeiten, aber man musste Handschuhe tragen und seine Finger in die Kerzen halten und manchmal vergaß man, dass man Handschuhe trug und die Handschuhe fackelten dann ab. Es war besser seine Finger zwischen ein paar Beine zu stecken oder am Kaffee zu wärmen, den ich am Morgen kochte, wenn ich mich in meine Mansarde aufmachte, um in Wollsachen verpackt mit der Arbeit zu beginnen. Die Sonne schien zu flach, um es über die Dächer in die Fenster der Häuser zu schaffen und alles war noch kalt und klamm und man konnte seinen Atem sehen und den des Kaffees. Die Häuser der Stadt waren nie auf den Winter vorbereitet und manche Herbsttage zeigten dir schon, wie es ohne ihn sein wird. Der Regen fiel dann mit mehr Wucht als ihm die Schwerkraft zugesteht. Nur die reichen Häusern in Lapa und Principe Real hatten Feuerstellen oder Klimaanlagen oder Badewannen oder alles, denen machte der Winter nichts. Aber ich fühlte mich Leuten, die alles hatten und denen der Winter nichts machte, immer irgendwie überlegen, nur die Feuerstellen und Badewannen neidete ich ihnen im Winter. Feuerstellen, und Badewannen waren Dinge, die wir auf Reisen genossen. Den Rest des Jahres brauchten man in Lissabon nicht viel. Wir brauchten nur uns und etwas Zuversicht und ein paar Bücher, und wenn man dann noch Reisen konnte, hatte man sich, Zuversicht, ein paar Bücher, Badewannen, Feuerstellen und die Reisen. Es machte uns nichts, denn nichts konnte uns in diesen Tagen etwas anhaben, nicht mal ein Virus und ich war sehr dankbar so zu leben und zu lieben und hier zu leben und mit ihr hier zu lieben. Wir besaßen nichts, außer den gebrauchten Büchern und Sachen, die wir von unseren Reisen mitbrachten. Sie hatten alle keinen Wert und bedeuten uns sehr viel und lagen in einer alten Kommode, in der auch meine Notizbücher lagen und einige gebrauchte Bücher. Von neuen Büchern hielten wir nicht viel. Sie waren schlecht gebunden, wenn sie überhaupt gebunden waren und sie hatten keinen Wert. Die Art, wie Bücher heute gebunden werden, ähnelt der Art sich einzurichten oder anzuziehen und weil ich schöne alte Bücher besaß, besaß ich auch ein paar schöne italienische Schuhe, die ich pflegte und einen guten Anzug und zwei nicht so gute Anzüge und einen teuren Mantel aus Salzburg, den ich sehr billig gekauft hatte. Die Wohnung war einfach, aber sie hatte schönes Licht und einen Holzfußboden, auf den sich die Leute gerne setzten und an den Wänden hingen Bilder der Künstler, die uns gefielen. Von meinem Schreibtisch sah ich in den Garten auf Ruinen und über Hinterhöfen hinweg und ich sah sie so, wie Utrillo sie gemalt hätte […]

UNBEDINGTES

UNBEDINGTES

Ich fühl mich wie ein schlaffer Schwanz. Hängend und blutleer. Bin Loch mit Leere. Hab nichts zu geben. Kann kaum die Arme halten. So müssen sich leere Batterien fühlen. Meine Freunde sagen, dass das am schlechten Wetter liegt, was aber nicht heißt, dass das Wetter schlecht ist. Im Gegenteil, ich statt Ereignisse und ich glaube, es liegt an den Freunden und an mir. Nicht am Triumphzug der Wolken und dieser frühen mittelalterlichen Dunkelheit, die sich in den Straßen und Treppenhäusern der Menschen breitmacht. Stell dir vor, wie schön das Laub jetzt im Park um die Bänke liegt, und wie die feuchten Lippen eines Mädchens, das sich auf so einer Parkbank unter Kastanien küssen lässt, im Laternenlicht dahintrocknen. Mir kommen die Tränen, aber es sind keine, die man weinen kann. Sie bringen mich zum Schweigen, wie jemand der ertrinkt. An der Bar, allein unter Freunden, Zigarette im Mundwinkel hängen, kaum Luft zum Atmen, manchmal lächeln und es nicht so meinen. Einsam ist man nur unter Freunden, nicht, wenn man allein in der Stadt steht, die dunkelste Gasse geht und vom Klang der eigenen Absätze durch die Beco dos Beguinhos verfolgt wird. Umgeben von der Stille des Largo da Achada, die einem das Herzen in den Ohren schlagen lässt. Wenn der Wahn die Welt dreht und die Welt im Wind weht, kann man es dort in den Bäumen hören. Die Bäume sind das Instrument auf dem die Ewigkeit erklingt. Man kann es auch in der Igreja São Nicolau sehen, die nach Feierabend wieder voll und lebendig wird. Kerzen brennen, Antworten fehlen, Menschen denken in Wintersachen. Es ist eine wundervolle Stille, die von denkenden Menschen in Wintersachen ausgeht, die sich mal kurz ins Geheimnis setzten, um Erleuchtungen davon zu tragen, die alles erhellen und zugleich die unermessliche Tiefe des Dunkels aufzeigen. Die Welt in ihnen drin wird dann groß, viel größer als die Welt, kreist um sie in ihnen, wächst über die Wirklichkeit ihrer Welt hinaus, wie bei einem Gemälde. Sie lauschen ihren Gedanken, die ausgesprochener sind, als alles, was sie sektenmäßig zusammensingen könnten, wenn die Orgel krampft. Orgeln erzwingen Heiterkeit, man singt dann nur, um nicht zu weinen. Aber die Menschen wollen es ja spüren, einen Augenblick lang, spüren, wie alles ist, das ganze Leben und die Nacht, trauriger, aber richtiger als sonst. Und dann wollen sie es besser nicht mehr spüren. Suchen sich gewaltige Ablenkungen vom Nichts. Stürzen in einen lebenslangen Rausch, bis zur ganz großen Zerstörung. Schalten was an, laden was runter, löschen es wieder. Kaufen schnell noch was ein. Dumm, nur nicht dumm genug, denn hinter ihren Augen lauert die Angst. Es verhält sich verdächtig. So schauen Tiere, die aus einem brennenden Wald auf ein Smartphone gucken, das irgendwo im Gras vibriert. Sie wollen, dass der Anruf endet, das alles, dieses ganze lebenslange Warum? Das kurze Abenteuer, das sie zu den geistigen Endpunkten der Welt geführt hat, diese wirre unbezwingbare Furcht, ihr aufgewachtes Bewusstsein, das Aufschwellen ihrer Gedanken, das sie dem Wahnsinn näherbringt, diese große innere Bewegung zum dunklen Tor der gleichen Welt. Alles, was die Einsamkeit eines Herzens so unerträglich einsam macht. Die Zeit läuft davon und die Brunnen tröpfeln dahin und die Bäume wehen wütend im Wind. Der Tag verdichtet sich und versinkt doch in der Dämmerung. Sonnenuntergänge setzen die Meere in Brand. Ruhe nach Stürmen in einem anderen Sturm. Die Gespräche der Nacht, an den Theken der Welt […]

 

 

ANSTÄNDIGES

ANSTÄNDIGES

Wien, spätabends, Hotelbar. Gerade gelandet. Im Bewusstsein der eigenen Einzigartig sitzen wir vor den Drinks. Geht gar nicht anders. Ist überlebensnotwendig, am Ende der Zeit so vor den Drinks zu sitzen. Ich, mein Wiener Lektor und meine portugiesische Freundin sollte auch jeden Augenblick kommen. Sie hat einen späteren Flug genommen. War vielleicht besser so, für uns und all die anderen Passagiere. Warum wollte mein Lektor auch gleich wissen und ich habe ihm davon erzählt, wie wir letzte Nacht in Lissabon damit verbrachten, über die großen Fragen der Kunstfreiheit zu streiten, uns auf Wien einzustimmen. Das war aber kein Diskutieren mehr, das war Krieg. Aufs Äußerste. Seelische Zerstörung. Irgendwann wurde nur noch mit Polemik aufeinander geschossen, bis ins Herz und am Ende der Nacht fiel die Atombombe der Moral noch auf uns drauf. Aber wir werden unseren Streit schon beilegen. In einem warmen Kaffeehaus oder einer ordentlichen Bar. Irgendwo, wo man nicht schreien kann. Wenn wir Tage und Nächte im Sperl verbrachten, wurden es immer gute Tage und Nächte. Die Nächte unterscheiden sich von den Tagen sehr. Sind zwei verschiedene Cafés, aber beide sind wunderschön. Wichtig ist nur, dass das Wetter schlecht ist, was nicht heißt, dass das Wetter schlecht ist. Denn nur so entlädt sich die Stimmung in einer kosmischen Geborgenheit, an den Fenstern und zwischen den Sitzecken im Saal. Abends, wenn einem die Parks und Museen in den Waden lagen, und morgens, vor allem Anfang. Wir haben uns so auf Wien gefreut. Auf das Weiß der Häuser und das Grün der Dächer und das Gold der Statuen, die da so stehen, Patina schwitzend, in meiner Erinnerung. Man guckt die Statuen in den Parks an, bis sie lebendig werden. Es sind jedes Mal die gleichen Statuen und es sind immer andere, weil wir jedes Mal als Andere in diese Stadt zurückkehren. Aber die Stadt hält immer etwas bereit, egal als was wir gekommen waren. Das nasse Laub, die kahlen Bänke und das Straßenlicht, das auf all das fällt. Eine Mischung aus allem, so wie das Wienerische eine Mischung aus allem ist. Aus Ost und West und Nord und Süd. Dazwischen die denkmalgeschützten Reste einer großen Jahrhundertwende, in der hier alles aufeinander knallte. Es hatte Gründe, dass Freud, Wittgenstein und Schiele keiner Pariser waren. Zu bunt die Neurosen, an denen sich ihre Gehirne austoben konnten. Den Herren war scheißegal, was sich schickt oder was wir denken oder wie gedacht werden sollte. Nur, dass gedacht wird, war ihnen wichtig. Und die Menschen waren froh, dass sie die dunklen Dinge für sie dachten, sodass man sich gutbürgerlich, mit Abstand, über ihre Werke aufregen konnte. Vor allem über Schiele, das war noch ein Kerl, ein Zeitalter, Mut! […]

DASEIN (Teil 02)

DASEIN (Teil 02)

Damals, in dieser Zeit, die längst vergangen ist und wir viel in Hesses Romanen lasen, wohnten wir in einem Dorf in einem Haus, das frei und viereckig in einem Tal stand und ganz vergessen in die Berge gefallen war. Durch das Tal floss ein Bach und das Tal war tief und fiel bergab und hatte den Höhepunkt seiner Fruchtbarkeit erreicht. Links waren Olivenhaine, rechts wuchs der Wein. Alles war hoch und tief und je weiter das Tal hinunterging, desto wärmer wurde es und aus dem Bach wurde ein Fluss, der in gewaltigen Seen endete, die den Meeren gleichen. Warme Luft stieg auf und man konnte die Luft sehen, wie sie zwischen Felswänden und Kirchtürmen stand und von einem mächtigen Licht durchbrochen wurde, das alles kräftig in den Farben der Dinge erstrahlen ließ, genau wie Hodler es gemalt hatte. Es waren Berglandschaften, Dschungelberge, eine Kirchglocke, die irgendwo schlug und von der Ferne hergetragen wurde. Klare Laute der Natur, kein Krach der Stadt, nur Klang der Dörfer. Man hörte Kühe fressen, im Orchester oder höchstens mal einen Tschingg, der sein Motorrad an einer Bushaltestelle testete und pfiff, wenn eine Monica Bellucci an seiner Bushaltestelle vorrüberging. Es musste schön sein, in diesem Tal schön zu sein. Die Dörfer waren weltgewandt und kultiviert und man konnte in ihnen viele Sprachen sprechen und eine Frau lieben und einer bestimmten Tätigkeit nachgehen. Was wäre die Welt ohne diese Dörfer und diese Bewohner und Bewahrer, ohne die Bushaltestellen und Kirchen, die am Hang vor dem Blau des Himmels stehen, schon immer, egal was. Man konnte in diesem Tal nichts tun, außer man wusste, was man tun konnte. Einsam, weit weg von allem, guten Käse essen, schlechten Wein trinken, abends am Kamin sitzen und noch mehr Wein trinken, der immer besser schmeckte, je mehr man getrunken hatte. Morgens lagen wir lange da, guckten von warmen Betten aus offenen Fenster und hingen uns danach an schwere Steine im Bach, um uns vom Quellwasser umströmen zu lassen. Es war kein Eiswasser, man konnte darin überleben, und wenn die Sonne auf die Stelle schien, an der man gerade hing, konnte man es sogar genießen. Wegen so eines Baches lernten wir eines Tages den Metzger des Dorfes kennen. Ich hatte meinen Ring beim Umströmen verloren und der Metzger besaß die einzige Taucherbrille im Dorf. Den Ring fanden wir nicht, aber wir verstanden uns prächtig […]

DASEIN (Teil 01)

DASEIN (Teil 01)

Wenn man es nur schreiben könnte, wie es sich leben ließe. Ohne Absätze und Übergänge, die sich gegen das Leben versündigen, so wie es sich bietet und wie wir es lieben. Aufeinmal. Ohne Grund. An all den Zufällen vorbei, die wir im Nachhinein zu Notwendigkeiten erklären. Mit plötzlicher Brutalität. So wie ein Hirsch im Herbst auf Straßen springt, wenn man gerade einen hohen Berg runterrollt, um sich vom Helikopterfliegen zu erholen, und Pavarottis Radiostimme die Zeit zu Raum werden lässt, auf den dann der Hirsch knallt. Nehmen wir mal an. Viele verschiedene Orte, die erst durch uns miteinander in Verbindung treten. Am besten ist man an all diesen Orten, als ob man gar nicht an ihnen gewesen wäre, macht einfach weiter, wie zuvor, was immer auch gewesen ist. So meistert man die Orte, weil man da ist, wo man ist und keine Straßen geht und an Straßen denkt, die man nicht gegangen ist. Es kommt dann gar nicht mehr darauf an, wie viele Orte man gesehen hat, sondern wie viel man in jedem dieser Orte sehen konnte. Von einigen dieser Orte möchte ich erzählen, ohne jemanden mit unserer Liebesgeschichte zu belästigen. Die Liebe hat nur eine Geschichte und es ist immer die gleiche, und die könnte man überall verbringen, auch an Tankstellen, ist ja glücklich genug, hat all die schon Orte in sich. Alles, was über dieses große Glück hinausgeht, ist so spürbar wie Wolken, Leistungssteigerung im Spitzensport. Fast verschwendet. Man ist im Himmel, gefangen im Grenzenlosen, höher geht’s gar nicht, außer man fährt bergauf, dann nimmt man den Himmel eben mit oder lernt auch, mit viel sehr glücklich sein zu können. Gelingt das, ohne ein Arschloch werden zu müssen, schafft man ein Kunstwerk des Lebens, einen Überschwang, der kaum auszuhalten ist. Danach kommt nur noch All. Kann man dann mehr von solchen Zeiten erwarten, als dass sie irgendwann vorbeigehen oder wir sie ruinieren? Worte sind vielleicht nicht genug. Sie fassen nicht alles und jeden, aber nichts limitiert so sehr wie die Möglichkeit zu allem, denn alles ist die konstante Ablenkung vom Nichts. Und im Nichts beginnt unsere Reise. Ein bisschen außerhalb der Zeit. In einer Villa auf einer Insel mit 4000 verschiedenen Pflanzenarten, die irgendein Hedonist mitten in den See geflanzt hat, um im Dickicht zu veranstalten. Die Villa ist jetzt ein kleines Hotel und die Pflanzenarten sind durstig und unvergleichlich und sehen nicht aus wie Hawaii oder Tahiti, weil es nichts gibt, was so ist. Die Natur zieht einen auf, ganz ohne Sitten und Manieren. Hier ist es am allermeisten so. Man ist dem Augenblick ergeben, spürt einen Aufenthalt lang, wie alles ist, das ganze Leben und kann dann traurig werden, etwas trauriger als sonst, aber richtiger, und schöner […]

NICHTS

NICHTS

Das echte Spanische liegt im Nichts, weil es nichts gibt, was so ist. Man findet es nicht in historischen Stadtzentren oder Gaudis Parks oder wenn man es finden will, oder teure Tapas frisst, die nach nichts schmecken. Es hat auch keine Öffnungszeiten und man muss dafür auch nirgendwo anstehen. Man findet es nur gegen seinen Willen, wenn man lange genug Richtung Amerika gefahren ist, weit westlich von Madrid, ganz kurz vor der Grenze und ein bisschen außerhalb der Zeit, da, wo Hans Christian Andersen auch auf den Zug warten musste, als die Eisenbahn das 19. Jahrhundert in Europa so richtig überfuhr und alle schrien, dass das mit dem Reisen und der Poesie nun endgültig vorbei sei. Hans fuhr damals noch weiter, bis an die Kante, wo Festlandeuropa tausend Fuß in die Tiefen eines ewig auf Zerstörung sinnenden Atlantiks stürzt und das echte Portugiesische verborgen liegt, das ich nicht weiter beschreiben möchte, denn wenn da jetzt alle hinrennen, findet man es dort bald auch nicht mehr. Solche Orte brauchen ihre Einsamkeit, die sich waldbrandmäßig in einem ausbreitet, tief in einem drin, da, wo die Gefühle sind, die sich nicht auf Englisch erklären lassen oder beim Fußballgucken oder wenn noch jemand da ist, und man sich eigentlich zum Reden treffen wollte. Solche Orte brauchen andere Orte, in denen es schöner ist und nach denen man sich dann sehen kann, so lange man da ist. Das Soll kein Gruß aus der Ferne werden, bin ganz nah dran, und man muss an die Wahrheit kommen, wie man an eine brennende Bushaltestelle kommen würde, in Eile und ein bisschen zu spät und so nah wie möglich, nur nicht näher, wie man nicht zu nah an die Sonne möchte. Die alten Häuser tun einem eigentlich auch nichts, sie verlieren sich nur ein bisschen in der Landschaft oder sind selbst zu Landschaft geworden. Das passt. Aber die neuen, weißen, mit den Vorgärten und Sandkisten und gut gemeinten Eingangsschildern sind ein trauriger Versuch von Freude. Hoffnung in der Hölle. Sie machen alles nur schlimmer, auswegloser, selbstmordgefährdeter. Es weht kein Wind, aber die frühe Abendluft bekommt den Geruch von Kuhscheiße trotzdem irgendwo her. Stinkt mehr, als du dir Stinken vorstellen kannst. Ganz oben ist ein hoher, blauer, makelloser Himmel und am Ende des Ausblicks sollen auch Hügel sein, gesehen hat die noch keiner. Wir sitzen in einem Raum, den die Leute hier Bar nennen. Der Vorhang flattert, wenn die Kuhscheiße reinkommt, ansonsten passiert nichts, nur wenn einer was bestellt, aber außer uns bestellt hier keiner was. Bei dem Mann, der aussieht, als würde er den Leuten gerne auf die Schnauze hauen, wenn er fertig mit dem Rauchen ist und dann irgendwas tun muss, um wieder rauchen zu können. So wie der Mann sein Fernsehen anguckt, gucke ich mir gerne die Welt, an oder den Mann, wie er sich das Fernsehen anguckt. Es fasziniert mich und er erinnert mich an glückliche Hunde, die fressen, ficken, scheißen, sich zu Begrüßung das Arschloch lecken. Hätte der Mann an der Bar einen Schwanz, ich schwöre, immer wenn die Werbung vorbei war, er hätte gewedelt. So weit, so gut, aber viele oders bisher, oder? Gebe ich zu. Meiner alten Deutschlehrerin mit den barocken Buttermilchbrüsten hätte das auch nicht gefallen. Ist egal, bin drüber weg, genau deswegen, ist ja mein Text und der spielt eben im Nichts und das Nichts ist sehr verlockend und sehr unvergleichlich, weil es manche Orte auf der Welt nur ein Mal gibt. Sie liegen ohne Grund da, sind vorsinnflutartig, so als hätte Gott, hier einen Tag seiner Schöpfungsgeschichte ausgelassen. Am Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort. Poeten und Maler haben es schon mit der Beschreibung dieser leeren  […]

NA DANN

NA DANN

Entschuldige, ging gestern nicht. Hatte eine Verabredung mit dem Fluss und bin bei Nacht über den Tejo gefahren. Er war und breit. In seiner ganzen Majestät. Könige und Staatsoberhäupter sind schon so auf die Stadt zugekommen, die sich amphitheatermäßig auftut und ihre zukünftigen Ziele zeigt. Jedes Haus ein Blick und das Ufer ist aus Stadt und die Stadt aus Häusergewirr, dirigiert von der Sé und der Sprache ihrer tausendjährigen Autorität. Hab jetzt alles verstanden. Geht um Leben und Tod, Liebe und Hass, Gut und Böse, Oben, Unten, Männer und Frauen, Männer, ohne Frauen, entweder oder sowohl als auch und all das Unaussprechliche dazwischen, was uns eint. Hab mir am anderen Flussufer dafür die Eier wund gelaufen. So schön wars, aber heiß, viel zu heiß. Blasen habe ich auch bekommen, die tun aber nicht so weh, wie das an den Eiern. Muss komisch ausgesehen haben, wie ich da so am Fluss langgelaufen bin. Auf der Promenade. Mit den Eiern. So als würde ich ein volles Fass Malzbier zwischen den Schenkeln umhertransportieren. Ein schweres Buch von Ludwig Hohl hatte ich auch noch dabei. Und na klaro, bin so gut es ging im Schatten gelaufen, bin doch nicht blöd, hab in jedem Bistro Halt gemacht und mir ein tiefes Freibad Mineralwasser bestellt. Mit Zitrone und mit Eis. Manchmal musste ich dafür eine Straße überqueren, und die Straße war dann wie etwas Riskantes im Krieg, dem die Deckung fehlte oder wie eine heiße Schlucht, auf deren Grund beschichtete Bratpfannen für Dauerwerbesendungen hergestellt werden, die jemand angestellt hat, der mich hasst. Barreiro selber und die andere Flussseite ist schon hässlich, aber wer noch nie in Barreiro war und gesehen hat, wie die Sonne hier von der Promenade abends auf die Stadt fällt, hat überhaupt noch nichts gesehen. Oder kennt einen Ort, von dem aus man das noch besser sehen kann. Die schönste Sache der Welt, über der schönsten Stadt der Welt, vom hässlichsten Ort der Welt ausgesehen. Ging aber gar nicht da drum, sondern darum hierhin zu kommen. Der Weg war mein Ziel. Alles andere Gewinnüberschuss. Früher soll Barreiro aber richtig schön gewesen sein, eine Reise wert, für 3,50€, nur früher, als die alten Fährschiffe noch neu waren, gab es auch schon ein Früher und so weiter. Heute muss man sich eben mit einer Gegenwart abgeben, die früher oder später auch früher sein wird. Barreiro war früher aber schon genauso vergessen wie heute und konnte sich in dieser Vergessenheit schön langmachen. Hat mir ein kleiner schwarzer Junge erklärt, den ich unterwegs traf. Er sprang gerade von den Kais den Dreck des Tejos. So genau hat er das nicht erklärt, er hat das anders gesagt und ich habe es dann schöner gesagt. Er war der einzige Mensch, den ich an diesem Tag traf, der nicht über die Hitze redete. Ihm machte die Hitze nichts aus. Er zeigte mir Barreiro ein bisschen oder das, was er für Barreiro hielt, und ich dachte, dass er im Gegenzug unbedingt mal nach Lissabon kommen müsse, ich zahle ihm die Fähre und zeige ihm die Stadt, dachte dann aber, dass das sehr pädophil rüberkommen muss, sagte lieber nichts, bis darauf, dass es aber heiß ist. Er meinte, dass sei für Barreiro noch gar nichts. Er sagte das stolz. Ich sagte, ich weiß und sagte das auch stolz und freute mich, dass man draußen, am anderen Flussufer, trotz der Hitze, noch fremde Leute treffen konnte. Die meisten Lissabonner reagieren auf die Hitze, wie auf etwas nie Dagewesenes. Schließen sich ein. Jahr für Jahr. In halbdunklen Zimmern. So, als hätten sie die Hitze in Lissabon gerade erst erfunden. Als hätten sie den Sommer kaum kommen sehen und nicht schon zig in hinter sich gebracht, die sie aber alle wieder vergessen haben. Anders kann man das nicht erklären. Ich persönlich würde den Lissabonner Sommer lieber im Kühlschrank eines sibirischen Arbeitslagers verbringen, als in meinem Dachgeschoss. Sagt man nicht, ich weiß und es tut mir auch leid, aber mir fällt nichts besser ein. Ist viel zu heiß. Kann nicht genial sein, nichts produzieren, nichts besorgen, nicht mal dran denken, bin gerade so ich selbst. Hemd bis zum allerletzten Knopf, vor dem Hosenknopf, offen. Ein schönes weißes Hemd, das gerne im Motorradwind flattern würde oder in irgendeinem anderen Wind. Denn im Sommer, wenn die Hitze wie ein ausgesprochen unsichtbares Urteil über der Stadt steht, und der Tejo blau und durstig und unvergleichlich ist, weil […]

FÜR GEWÖHNLICH

FÜR GEWÖHNLICH

Sitze im Café Nicola und warte mit Absicht. Vor mir ein leeres Glas Portwein und hinter dem Portwein liegt der Platz, heiß und hell in der Sonne. Ich kann den Platz sehen und wie er sich in meinem Glas Portwein wiederspiegelt. Mich kann ich auch sehen und ein bisschen von der Burg, die man hier von überall ein bisschen sehen kann. Das Meer kann man nicht sehen, es ist zu weit weg. Man sieht nur den Platz und den Portwein und noch mehr Platz und weiß, wo das Meer ist. Ein paar gutaussehende Portugiesinnen eilen auch vorbei und einige andere, die mir aber nicht auffallen. Sie eilen durch die äußere Einrichtung meiner inneren Welt, die langsam im Portwein versinkt. Man erkennt ein gutes Glas Portwein nicht am Geschmack, sondern an den Strukturen an der Innenwand seines Glases, die sich bilden, wenn man einen kräftigen Schluck genommen hat, Zeit hat, absetzt und wartet. So blank ist, wie ich und hofft, dass im Glas immer noch was geht, auch wenn es lange leer ist. Ich trinke also ein bisschen, schreibe ein bisschen, lese ein bisschen. Die Kellner reden ein bisschen viel, weil außer mir niemand hier ist, mit dem sie sonst noch reden können. Keine Märchen von Mädchen, keine Fünf Uhr Flaneure. Keine Attraktionpilger, die hilflos vor portugiesischen Speisekarten schwitzen, keine Priester, die ihnen da raushelfen. Es war das Jahr, in dem die Touristen nicht kamen und Santos Populares nicht war und keiner meine Geschichten druckte und ich viel im Café Nicola saß und Neil Young irgendein neues Album rausbrachte. Ich las in der Zeitung darüber, die ich mir im Kiosk vorm Nicola gekauft hatte, und las über die Mühe, die sich Neil Young dabei gab oder nicht gab, las, dass irgendwo viele Menschen ums Leben kamen, während ich abgefackelt im Nicola saß und andere Sachen las und Sachen, von denen ich nichts verstand. Ich fühlte mich wie ein verlassenes Feld, das sich in der Abenddämmerung im Wind bewegt, aber nochmal zum Platz, der ein sehr portugiesischer Platz ist, weil man ihn wie eine Avenida entlang gucken muss und auch die Ereignisse, einer Avenida ähnlicher sind, als denen eines Platzes. In der Mitte steht zwar ein Heiliger oder ein Tyrann, der heiliggesprochen wurde und drum rum ist auch Platz, aber dann kommt erst mal Straße, die das Platzhafte kaputt macht. Der eigentliche Platz beginnt dann hinter den Straßen und unter den Bäumen und Markisen, unter denen sich viele Cafés verstecken. Sie verstecken sich nicht so wie sie sich in Spanien vor dem Sonnenlicht und der Hitze verstecken müssen, tief unter Arkaden, die einmal um den Platz herumführen. Und auch nicht, wie in Frankreich, wo sie sich gar nicht verstecken, sondern prätentiös auf den Bürgersteigen präsentieren und zu Bühnen ihrer Zeit geworden sind. Die Tische stehen wie Prediger und die Stühle wurden wie Gläubige aufgestellt, die immer zum Platz hinzeigen, weil da Mekka ist oder irgendwas anderes ist, an das die Franzosen glauben. Gott ist es nicht. Es hat künstlerische Gründe. Denn die meisten Kathedralen gehören in dort der Kunst. Ich kenne nur eine Kirche in Paris, die Gott gehört und die ist abgebrannt, war aber auch kein guter Ort zum Beten. Die Kirchen in Frankreich sind generell zu schön, um zu Glauben, weil man nicht glauben kann, wie schön die sind. Viel zu schön, um reinzugehen und wenn man in ihnen ist, fühlt man sich schuldig, sündig, beschmutzt. Die in Spanien dagegen sind so düster und dogmatisch, wie die in Portugal hell und hübsch sind. Am liebsten habe ich die Basílica da Estrela, weil die sehr hoch ist und wenn Sommer ist und draußen alles heiß ist, kehrt man gerne ein, kühlt sich ab, schaut sich um, fühlt sich klein, gut und kalt. Auch die Igreja de Sao […]