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BYND

Konstantin Arnold

STREIT

STREIT

Dunkel, wie vor der Erschaffung der Welt ist es gewesen. Nur Taxis und Nebel gabs schon. Niemand auf den Straßen, nur ein Norweger und ich. Wir standen eine ganze Weile und es kam hin und wieder auch jemand vorbei, aber erst, nachdem ich diesen Satz fertig geschrieben hatte. Da waren Allerweltsmenschen, so unterschiedlich wie Grashalme, die von glücklichen Kühen gefressen werden, ich mochte sie nur, wenn sie Zigaretten daließen. Da waren hagere Frauen, die heimrannten nachdem sie den Norweger sahen und sahen, wie er ihnen im gelben Laternenlicht hinterher sah, mit seinen grundlosen Augen, die hinter einer randlosen Brille guckten, wie die Fenster eines U-Boots, tief und unter Druck. Er meinte, er stehe auf solche Frauen, große Frauen in Körpern von elfjährigen Jungen, gerne chinesisch, wäre aber selten. Der Norweger war sehr groß, aber gar nicht so norwegisch und pädophil, wie du ihn dir vorstellst. Er war ganz weiß und bewegte sich mächtig, wie ein schwuler Winston Churchill. Er sah aus wie ein betrunkener Engel oder ein Esoteriker mit Akne oder ein Arzt mit Bauch oder ein Alkoholiker oder alle zusammen, ausgebrochen aus einer Nervenklinik, in der die Patienten Leinen tragen und sich mit billigem Aftershave rasieren. Einmal kamen zwei Männer und eine Frau vorbei. Die Männer trugen enge, aufgeschlitzte Hosen und weiße Turnschuhe. Es waren die gleichen Männer, wie überall oder es waren andere. Einer der Männer sagte etwas und die anderen lachten. Der, der was gesagt hatte, lachte dann auch und der Norweger begann sich die Ohren zuzuhalten. Er hielt sich die Ohren zu, wie man sich zwei dröhnende Sirenen vom Kopf reißen würde, wenn irgendwo einer stirbt und jemand anruft und losgefahren wäre. Ich fragte warum? Er sagte, dass er im Lachen des einen Mannes die ganze Naivität unserer Zeit gehört hätte, es soll nach Bücherregaltapete geklungen haben. Ich sagte, ich wüsste, was er meine und wollte schon oft darüberschreiben, aber es funktioniere nicht. Ich schweife immer ab. Erst letztens wollte ich im Park einige hasserfüllte Zeilen für übertrieben selbstsichere Frauen schreiben, die gerne Sachbücher lesen, aber im Park rannten Hunde und ich dachte, wie geil muss es sein, vier Pfoten zu haben und einen tiefen Körperschwerpunkt und einfach wild im Park rumzurennen. Zur Begrüßung schnüffelt man sich am Genital. Ob ich weibliche Autoren lesen würde? Gedichte von Anna Achmatowa wären ganz gut, weil die Modigliani gebumst hat und so eine Engländerin, deren Namen ich vergessen habe, klingt aber männlich. Der Norweger sagte nichts. Dann sagte er Virginia Wolf, schön, groß, hager. Wir standen eine Weile da, sein Leinenhemd flackerte im Wind. Ich weiß nicht, an was der Norweger dachte, aber ich stellte mir Virginia Woolf vor, nackt und heterosexuell. Ich versuchte, sie mir so genau wie möglich vorzustellen, aber es war schwierig, denn zwischen der Ungenauigkeit meiner neurotischen Vorstellung und der Präzision ihrer viktorianischen Realität lag ein Stück unvorstellbare Individualität, etwas das nur Virginia wusste und alle, die mit ihr geschlafen hatten. Irgendwo aus der Ferne […]

DEKADENT

DEKADENT

Es wurde ein sehr romantischer Roadtrip außerhalb der Zeit, in dem man essen konnte, ohne fett zu werden. Hatten wir in einem Hotel lange genug vom Balkon geguckt, fuhren wir weiter, von einer Mahlzeit zur Nächsten, hielten in vielen weißen Städten und ließen uns vom Wind aus Italien langsam nach Frankreich blasen. Sie im weißen Kopftuch, ich in vom Fahrtwind zurückgelegten Haaren. Man drehte sich nach uns um. Bis zu ihrem Ausschlag sah sie aus, wie eins von diesen teuren Weibern, die man hasst und schon immer mal vögeln wollte, und ich wie jemand, der Weiber hat, die er immer vögeln wollte. Waren wir zu beschwipst, um weiterzufahren, kauften wir noch Postkarten für unsere Mütter oder fuhren trotzdem einfach weiter und verließen uns auf die schmalen Straßen einer oft gemalten Landschaft, von denen der alte Italiener sagte, sie würden die Schwächen der Männer wegwaschen und die Traurigkeit der Dinge und bis in die Wirklichkeit unserer Träume führen. Auf der Rückfahrt fuhren wir unser Cabriolet im Regen nach Rom hielten an Raststätten und konnten uns bis auf Bockwurst und Billigflieger nichts mehr leisten. Wir mieteten uns gerade so in eine Jugendherberge, am Flughafen, ein. Der Inhaber war lieb und zitterte. Er gab uns das Eisbärenzimmer. An der Wand hing ein Bild von der Arktis. Das Internetpasswort lag in einer pinken Tonpapierwolke ausgeschnitten neben den Ohropax, Frühstück ab halb fünf, Weißbrot und Tee, zehn Euro extra. Oh, wie ich Rom in diesen Tagen hasste. Rom war so, wie Menschen eben sind, die nicht weit rauschwimmen können, sie werden hektisch. Am Abend gingen wir in eine Imbissbude nebenan, schick machten wir uns trotzdem, ein allerletztes Mal. Beim Essen dachten wir an all die guten Steaks zurück, die wir den Sommer über gegessen hatten und als wir am nächsten Morgen im Taxi saßen, lag vor uns ein langer römischer Stau. Der Taxifahrer sang zusammen mit dem Radio ein Duett von Adriano Celentano & Mina, es hieß Acqua e Sale. Er sang das so, als würde da kein kilometerlanger Stau vor uns im Morgengrauen liegen, sondern das Meer und die Küste. Ich hielt meinen Hut in den Händen und mein Hut sah mich an. Ich hatte ihnen einen Sommer lang getragen. Ich glaube, wir hofften in diesem Moment beide, den Rückflug nicht zu erreichen und wir erreichten ihn wegen des Staus auch nie. Heute denke ich, dass Rom eine ganz gute Lektion gewesen ist, durch die wir am Ende auf dem Boden bleiben konnten. Denn am Ende jenes Sommers waren wir verwöhnt und verdorben. Wir hatten vom luxuriösesten Baum der Erkenntnis gekostet und uns in Fünf-Sterne-Hotels mit einem äußerst prunkvollen Virus majestätischer Gastfreundlichkeit infiziert, dessen Folgen wir ein Leben lang spüren werden. Ansteckend ist dieser […]

RANDVOLL

RANDVOLL

Ich hasse August. Er ist erst einmal schön gewesen, im Jahr als ich geboren wurde und die DDR starb. Ansonsten ist er immer nur heiß. Die Männer tragen Shorts. Die Restaurants machen Urlaub. Nur die gottlosen gähnen einem weit geöffnet entgegen. Maden in der Küche, Mücken im Bett, die Frauen am Strand. Keiner geht mehr auf Arbeit. Auf den Straßen nur Touristen und ich, dumm und deutsch. Wer kann, rettet sich in den September. Am besten schon im nächsten Satz, wenn die ersten schönen Herbstmorgen über die Hügel kommen. Die Sonne müde und geschafft, vom vielen Strahlen und die Tage schleichen sich wieder an, anstatt einfach nur so zu beginnen. Die Luft ist frisch und man kann sich endlich wieder in Jacke vor einer Bar besaufen. Wird Zeit. Die meisten Bars der Stadt funktionieren nicht im Sommer. Ich kenne nur eine, in der Beco das Cruzes, die im Sommer funktioniert. Die ist aber keine Bar mehr, sondern eine Schenke. Ein Trog für alle, die es schon viele Sommer lang nicht mehr aus der Stadt geschafft haben. Schwer zu finden, selbst, wenn man da ist. Über einen selten hässlichen Innenhof muss man ein paar Stufen hinauf, aus dem Eingang kommt schon Rauch. Man ist da. Der Laden sieht aus wie Kuba oder das, was ich mir unter Kuba vorstellte. Erster Stock, viereckig, mit vielen großen Fenstern. Er ist mehr Schenke als Bar und mehr Fenster als Schenke. Alle Fenster sind aufgerissen und haben Balkone. Natürlich Deckenventilatoren, aber welche die klingen, wie festgenagelte Helikopter. Immer am Durchdrehen. Abends, wenn der Wind vom Tejo rüber weht, weil die kalten Luftmassen das so tun, knallen die Balkonfenster gegen die Rahmen und die Männer vorm Fußballfernseher springen auf und schreien die offenen Balkonfenster an, schreien Fodass Caralho oder eh pá estúpido. Bis auf die unkrautgrünen Balkontüren besteht die Schenke aus dunklem Holz. Jeder Tisch hat seinen eigenen Standaschenbecher, über 100 Jahre alt. Rauchen darf man nicht, muss man sogar. Manchmal fallen servierten in die Standaschenbecher und die Standaschenbecher fackeln dann ab. In der Mitte der Galaxie dieses Raumes stehen zwei schöne Billardtische und warten auf Benutzung. Über den Billardtischen hat man kaputte Lampen angebracht. Generell kommt der Laden meiner inneren Welt ziemlich nahe. Am Anfang war die Schenke viel zu inspirierend, ich musste oft heimgehen und sie aufschreiben, bevor ich mich wieder entspannen konnte. Das war nach meinem ersten Besuchen. Ich trat ein und rannte heim, es ging um Leben und Tod […]

ANGEBER

ANGEBER

Es regnete und wir paddelten auf einen dunklen See, um Zitate der Freiheit in die Schwedische Stille zu brüllen. Heiß vom Schnaps und von der Sauna. Bis das Boot kenterte und alle lachten. Am Ufer guckten schon die Schafe. Eins war dafür extra bis auf den Steg gekommen. Es blökte, guckte sich den beleuchteten Whirlpool an, blökte, kostete von brodelnden 38 Grad, schaute, blökte, rannte lieber wieder weg. Wir tranken viel Schnaps in diesen Tagen und eine Flasche Champagner, den ich einfach so aus der Minibar nahm. Sie kostete später 3400 Schwedische Kronen. Zur Beruhigung trugen wir Bademäntel und aßen Pilze, die wir im Wald fanden und über einem Feuer kochten. Ich zeigte ihr, welche man essen kann und an welchen man krepiert. Es war meditierend. Im See fingen wir Krebse. Am ersten Tag unserer Reise backten wir gemeinsam 200 Zimtschnecken. Ganz ohne Tagesklinik und ohne das Töpfern. Sie stärkten uns und saugten den Alkohol auf, wenn wir über lange, schwedische Straßen noch nach Hause fahren mussten. Wir nahmen unsere Zimtschnecken überall hin mit. Am Tag unserer Abreise hatten wir noch 187. In jenen Tagen wohnten wir in einem teuren Hotel im Nichts, ganz oben im Unaussprechlichen. Es war eine einfache dunkle Stadt, nur ein paar Straßen groß, Mitten im August. Vor dem Hotel feierte man gerade ein Fest und wir fragten, für was? und man sagte uns, na für die Bauern! Es gab eine große Parade, die nur groß war, weil alles andere klein war und mobile Imbissbuden, an denen der Döner acht Euro kostete. An einigen Ständen konnte man T-Shirts kaufen, auf denen stand: „Fuck you, I drive a Volvo“. Die Leute des Hotels wollten von all dem nichts wissen. Sie saßen im Bistro und aßen ihr Tatar, ihren Kaviar und ihre Austern. Auch ein paar Großstadtchinesen waren unter ihnen. Sie saßen in roten Flip-Flops an der Bar und bestellten Wein für 15.000 Euro. Ihre Frauen saßen an einem Tisch und sprachen über Bäume. Manche von ihnen hatte vorher noch nie so Wald gesehen, erzählte uns der Hoteldirektor. Dabei lächelte er professionell in sich rein, lachen sahen wir ihn nie. Er war der Typ, dem Flecken etwas ausmachen. In der Zeit im Hotel aßen wir viele Dinge, von denen wir beim Kauen nicht wussten, ob es Fleisch oder Fisch oder Gemüse war. Das einzige, was ich mit Sicherheit identifizieren konnte, war Brot. Es war heiß und gut und nie alle. Die Kellner trugen Anzüge und erzählten viel vom Wein. Manchmal fragte ich, was wir aßen und alle lachten oder wir wollten mehr Wein und mussten auf den Kellner warten, der dann wieder was vom Wein erzählen wollte. Die Stimmung war […]

KEIN TITEL

KEIN TITEL

Hab gerade mein Auto an einen Priester verkauft, um mir was zum Mittag zu leisten. Es gab eine Menge Interessenten, aber der Priester gefiel mir am besten. Leute, die sich für solche Schrotthaufen interessieren, sind normalerweise keine Priester, sondern arbeitslos oder HIV-positiv. Aber der Priester war auch etwas komisch. Er fluchte, als würde es keinen Himmel geben, weil das hier kaputt war und das und weil die Fahrertür nicht mehr richtig aufging. Er trug ein pinkfarbenes Hemd und hatte schön gegelte Haare, durch die er sich am liebsten gegangen wäre, als er das mit der Fahrertür mitbekam, aber er setzte nur an, erinnerte sich an den Aufwand und das viele Gel und rieb sich anstelle meditierend die Schläfen. Ich mochte ihn nicht und er mochte mich auch nicht und die Notarin, bei der wir den Schrotthaufen umschrieben ließen, mochte ihn auch nicht. Keiner wusste, woran das lag. Vielleicht, weil er eine große, gefälschte, goldene Uhr trug, vielleicht, weil er jung und fett war, vielleicht, weil er Ausländer hasste und ein pinkfarbenes Hemd trug. Ja, das muss es gewesen sein, das Hemd, und weil er fett und religiös war, Ausländer hasste, eine goldene Uhr trug und einen Schrotthaufen kaufen wollte. Er war ein Mann Gottes, der seinen Führerschein aber zu Hause gelassen hatte und deswegen den Vertrag nicht unterzeichnen konnte. Er sagte zum Notar, dass er Priester wäre und sein Wort Gehalt hätte, aber dem Notar wars egal, denn vorm Notar waren alle gleich. Also lief der dicke Priester heim, holte den Führerschein und wir unterzeichneten. Endlich! Er zahlte mich aus und schwitzte und ich winkte ihm nach, als er endlich in meinem Schrotthaufen davonfuhr. Ich würde ihn nie wiedersehen und ich war sehr froh darüber. Hätte ich einen Schwanz gehabt, er hätte gewedelt. Von seinem Geld ging ich mir erst mal eine Nudelsuppe kaufen. Es war ein heißer Sommertag und die Suppe war scharf und ich schwitzte. Seit Tagen war es unerträglich heiß, von den Nächten ganz zu schweigen. Man schwitzte, ob man Nudelsuppe aß oder nicht, reinkam, rausging, aufwachte oder einschlief, auf dem Fahrrad bergab rollte oder einfach nur still dasaß, man schwitzte. Ich fühlte mich wie ein Flip-Flop, der von einem schweren Mann auf einer langen Wanderung getragen wurde und am schlimmsten […]

REGEN IM RETIRO

REGEN IM RETIRO

Ja, das waren sie, Tage im Himmel. Tage, die für ein ganzes Leben gereicht hätten. Tage, die Nächte wurden, aus deren Träumen, die Tage waren, die Nächte wurden und wieder Tage und dann nichts, außer dem, was wir in diesem Text von ihnen aufbewahren. Diese Tage ließen sich leben, so wie man sich eines Tages an sie erinnern möchte. Sie sind vergangen und das ist schlimm und das ist schön so. Niemand kann uns diese Tage je wieder nehmen, denn sie sind passiert und ich bewahre meinen Teil von ihnen auf, in einer großen Brust, in der ich alle meine persönlichen Sachen aufbewahre. Wer sie mir nehmen will, muss mich töten, wie einen Stier, mitten ins Herz, dort wo die Tage sind, ohne die ich zu leben, nicht mehr imstande wäre, weil sie eben so passiert sind und für ein ganzes Leben gereicht hätten. Sie sind alles, was wir sind. Manche von ihnen waren so wahr, dass sie beim Leben einen anderen Menschen aus uns gemacht haben. Etwas Unzertrennliches, etwas Ausschließliches, etwas Heimliches, etwas, dass uns gehört, weil nur wir beide davon wissen. Und wenn wir morgen sterben müssten, weil man uns diese Tage wieder nähme, gäbe es heute nichts, dass wir an ihnen ändern würden. Der Tod konnte uns im Westin Palace sowieso am Arsch lecken, die hatten goldene Bidets und Klopapier mit Krone auf jedem dritten Blatt. Wir warteten unverwundbar und sauber auf ihn, draußen wüteten 38 Grad. In Deutschland gäbs sowas nicht. Wahrscheinlich, weil im Kalten das mit der Kacke nicht so schlimm ist, außerdem ist der Tod dort pünktlich. Die Menschen im Westin konnten sich gut hinter ihrer Zivilisation verstecken. Man konnte sie kaum noch erkennen. Sie saßen in sorglosen Anzügen und kurzen Röcken in der Lobby und verschränkten die Beine, so als würde es keine Eier geben oder niemanden, der guckt. So als hätte jeder von ihnen sein eigenes Badezimmer und müsste die Oliven und die Nüsschen, die es zu den Drinks gab, gar nicht selbst verdauen. Das imponierte uns und wir kannten uns zwar gut, aber nicht so gut, dass wir uns zur gleichen Zeit im selben Badezimmer aufgehalten hätten. Wir wollten uns auch nicht ein gemeinsames Badezimmer gut kennenlernen, einige Menschen hatten wir schon zu gut gekannt. Doch nichts konnte jenen Tagen etwas anhaben. Sie beschützen uns seither vor dem Tod, so wie uns die Klimaanlage im Westin vor den 38 Grad und die seine zwei Bäder vor dem besseren kennenlernen beschützt haben. Leider lassen sich diese Tage nicht so schönschreiben, wie man sie gelebt hat, aber sie werden im Prosagebirge durch ihre Einfachheit zu sehen sein, weil sie wahrhaft schön sind und aus ein paar Hügeln kein ganzes Gebirge gedichtet haben. Die Berge waren alle schon da, ich musste sie nur […]

UNGESAGTES

UNGESAGTES

An guten Tagen schrieb ich und ging dann ins Paco. An schlechten Tagen schrieb ich nicht und ging ins Paco. Wenn ich an guten Tagen ins Paco ging, wurden die Tage besser, an den schlechten gab es nichts, dass hätte schlechter werden können. Ich versuchte jeden Tag zu schreiben, so gut wie ich schreiben konnte, aber das Schreiben war eins von diesen fragilen Dingen, die von vielen anderen Dingen abhingen, die nichts mit dem Schreiben zu tun hatten. Bist du nach dem Paco noch woanders hin, konntest du am nächsten Tag nicht mehr schreiben. Hattest du von woanders ein Mädchen mitgenommen, die morgens aufwachen und frühstücken und Pläne machen wollte, konntest du nicht schreiben. Brauchtest du Geld, musstest du über Dinge schreiben, über die du nicht schreiben konntest. Und doch hatten diese Dinge immer alles mit dem Schreiben zu tun, denn sie fanden, früher oder später, ihren Weg in die Geschichten. Und wenn es sehr heiß war, wie in jenem Lissabonner Sommer als das Paco schloss, war es auch in den Geschichten sehr heiß oder es war gar nichts, weil es zu heiß war und man nicht schreiben konnte und am liebsten direkt ins Paco gegangen wäre. An den guten Wintertagen hingegen, wenn die Sonne hinter den Häusern und Hügeln hing und aus einem anderen müden Land, langsam und flach über den Fluss kam, fing ich schon sehr früh an, zu schreiben. Alles war noch aus und zu und kühl, nur die Markthalle, die sich den Platz vor dem Haus nahm, war immer schon wach. Die Fenster standen weit offen und das Straßenpflaster war nass. Irgendjemand blies auf einer Flöte über den Platz und ich schaute immer raus und konnte nie erkennen, wer da mit seiner Flöte über den Platz blies. Wenn ich gut vorankam und später durch die Stadt zum Paco ging, den steilen Weg zur Burg hinauf, durch schmale Gassen bis zum Largo da Graça hinunter und dann im Jardim Botto Machado ein Buch von Sherwood Anderson las, waren die Tage glücklich und grenzenlos. Ich sah hinunter zum Fluss, ich sah das Pantheon und den alten Bahnhof, dachte nicht viel und das, was ich dachte, war okay und klar. Es war meins, gewaltig und frei, mein Moment, mein Bahnhof, mein Pantheon, mein Fluss. Alles in mir, die ganze Welt in meinen Adern. Das einzige, was dem Glück jener Tage gefährlich werden konnte, waren Menschen und solange ich einer Verabredung aus dem Weg gehen konnte, tat ich das und die Tage blieben dann glücklich und ohne Telefon und frei. Oft hatte ich das Gefühl innerlich verabredet zu sein oder verabredet sein zu müssen. Dann lief ich einfach weiter als nur bis zum Jardim Botto Machado, so tief in die Gassen einer Stadt, dass ich mich selbst nicht wiederfinden konnte und niemandem hätte sagen können, wer ich war und wo ich bin. Begrenzt wurde das Glück also nur von Menschen, abgesehen von den sehr wenigen, die so gut waren, wie […]

VIER MEHR ALS SIE

VIER MEHR ALS SIE

So, und? Du weißt jetzt natürlich auch nicht, was ich mit meinem Leben anfangen soll, aber irgendwie muss ich damit anfangen. Du sitzt einfach nur so da und liest, wie ich so dasaß und versuchte habe anzufangen. Du tust das in der Bahn, an einem Tisch, ganz woanders, vielleicht an einer Ampel, hinter dir wird schon gehupt, im Rückspiegel siehst du den, der Hupt und einen kleinen, gelben Pickel. Kann sein, dass du gerade frisch vom Chinesen kommst, aus der Mittagspause mit dicken Buchhalterkollegen, die in ihren grauen Anzügen aussehen, wie billige Alpträume und von ihren Frauen sprachen, wie Männer, deren Namen man wieder vergisst. Männer, ohne Frauen. Männer, die sonst nie Frauen haben und alles, was sie von Frauen wissen, von Männern gehört haben. Am Arbeitsplatz angekommen, trinkst du noch einen schnellen Schluck Kaffee, rauchst, liest und hättest deine Mittagspause am liebsten alleine durchgemacht, um Bilanzen auszuwerten oder Paragraphen zu wälzen oder nichts über Frauen zu hören oder Menschen zu untersuchen, die lesen, lesen wie ich versucht habe anzufangen. So fangen wir an! Los geht’s! Bin gerade so gut drin. Ist immer noch besser, als aufzuhören oder einfach so weiterzumachen, wenn das Hirn nicht mehr weiß, wo es hindenken soll. Ist besser als Geburtstagsgrüße mit Kaufempfehlungen von Amazon oder Ansagen im Flugzeug. Besser als lange Ehejahre, Newsletter, Menschen, die frohe Weihnachten wünschen, nachdem man sie bezahlt hat und viel besser als die gestorbendste Abgestorbenheit, direkt hinter Menschen, die sich oft sagen, dass sie sich lieben, weil sie sich nicht mehr lieben, künstliche Dekorationsfrüchte. Ist aber eine andere Geschichte und ich will die hier nicht mit Dekorationsfrüchten ruinieren. Von dem Geld, das die kosten, sollte man sich lieber Kalaschnikows kaufen, Gummipuppen oder Briefmarken, durstigen Kindern in Afrika kaltes Mineralwasser spendieren. Alles besser als Dekorationsfrüchte, denn Dekorationsfrüchte sind tote Natur, Leben mit einer Lüg, eine Form von toter Natur, die mir besonders viel Angst macht, weil sie dekoriert ist. Nur den Tot kann man nicht mit Worten dekorieren. Egal wie schön die Früchte sind. Am Ende der Worte ist immer etwas tot. Miese Dinger, ein Satz über Dekorationsfrüchte und man klingt wie ein obstanbauender Friedhofswärter, den dieses Thema ernsthaft interessiert. Oder wie jemand, der sich gern Kokain von den Geschlechtsteilen ziehen lässt. Wollte ich schon immer einmal geschrieben haben, nur keine Ahnung wie die klingen, mit Sicherheit aufgeblasen. Ganz so schlimm ist es nicht, du wirst das ja am besten wissen. Du bist jener aufmerksame Leser, der über die Aufgabe des Dichters besser Bescheid weiß, als der Dichter selber. Du bist groß, klein, oder Arzt, Anwalt oder Psychopath, geht aber auch beides. Buchhalter oder der aus dem Marketing, den man an der Ampel angehupt hat, weil er unbedingt wissen wollte, wie ich anfange. […]

FANTAST

FANTAST

So ging ich in eine Spielunke auf dem Land an die Bar, die dem Schönsten der Welt sehr fern war und bestellte Lösungen. Der Raum in dem man volle Teller auf Tische stellte (Restaurant oder Essen zu sagen, wäre übertrieben gewesen) gehörte einem Ehepaar, das seit vierzig Jahren gemeinsam volle Teller auf Tische stellte. Bei denen ging gar nichts mehr. Sein Name war João und für viele Leute aus der Stadt war er ein Arschloch. Für die Leute auf dem Land war João jedoch der, ders geschafft hatte. Eigener Raum, in dem ihn Leute dafür bezahlten, dass er volle Teller auf Tische stellte und seit 40 Jahren unglücklich verheiratet. Für einige war er also ein Arschloch und für die einigen anderen, der ders geschafft hatte. Nur sein Name João war für alle gleich. Er stand kurz vor der Rente und hatte in seinem Leben keine Frau vergewaltigt und niemanden überfahren, in seinen Augen also ein erfolgreiches Leben geführt. Und ich sags dir, wie er da so saß so kurz vor drei, als ich in den Raum kam. So kurz vor dem Wochenende und sein Steak mit den Pommes aß. Der Wein vor ihm auf einer rosafarbenen Tischdecke. Die Gardine, die geradeso wehte. So sah Trostlosigkeit aus. Seine Frau stand in der Küche, seit 40 Jahren da in der Küche, sie alle zu bekochen. Jeden Tag. Sie war schon lange verblüht, auch wenn nichts an ihr darauf hindeutet, dass sie in ihrer Jugend jemals geblüht hatte, schön war oder überhaupt etwas anderes gewesen war, als verblüht. Ihr fehlten mehr Zähne, als sie noch hatte, deswegen konnte sie gegen das Spucken beim Sprechen nicht viel machen. Als erstes fragte sie mich (Spucke) ob ich vorher schon mal (Spucke) in Fatima gewesen bin (Spucke). Ich sagte ja, einmal bei McDonalds, kurz von der Autobahn. Die anerzogene Gläubige in ihr erschauderte, dem Rest von ihr wars egal. Dann begann sie mir Fotos von Fatima zu zeigen. Der Kirche, dem Papst, der Jungfrau Maria. Auf allen dreien war eingetrocknete Spucke. Weil das mit den Fotos gut lief, holte sie noch eine andere Kiste heraus und begann mir Fotos von sich und João zu zeigen, damals in der Algarve, João beim Militär, die Hochzeit, Ferien, das erste Kind und dessen einjähriger Geburtstag, die Kinder des ersten Kindes und ihre einjährigen Geburtstage und so weiter. Warum, fragte ich sie, empfinde ich Symbole des harmonischen Zusammenseins (Mann und Frau, die einmal im Jahr Ferien machen) immer als Angriff auf meine Freiheit? Sie wusste gar nicht, was sie sagen sollte, damit sie spucken konnte. João, rief sie, João komm mal her und bring den Wein mit, rief sie (ganz viel Spucke, das mit der Spucke lassen wir ab jetzt weg). Bis sich João von der rosafarbenen Tischdecke auf den langen Weg zum Ursprung der Rufe seiner Frau machte, versuchte sie sich eine Antwort zusammen zu stacheln. Sie war eine liebenswerte Frau und ich mochte sie sehr. Das hat, was mit dem Alter zu tun, sagte sie. Und freute sich sehr über ihre Antwort. Sie dürfe das nicht Fall falsch verstehen, sagte ich. Ich hätte nichts gegen die Ehe, ich will an die Ehe glauben, deswegen bin ich gekommen. Leute, die gegen die Ehe sind, weil sie für die Freiheit des Einzelnen sind und Menschen verurteilen, die in Ehen sind, sind nicht besser als das, gegen was sie sind. Ich begann ihr von einer verheirateten Alten zu erzählen, älter als meine Mutter ist sie gewesen, mit der ich vor einigen Jahren eine Affäre hatte. Es war das einzige in meinem Leben, das bisher mit dem Alter zu tun hatte. Unsere Affäre bestand mehr aus Ausstellungen besuchen, im Park spazieren und ein bisschen Fummeln, als aus den Dingen, aus denen Dingen, aus denen gewöhnliche Affären sind. Sie hatte aber immer nur morgens Zeit, sagte ich ihr, kurz nach dem Frühstück. Nüchtern und mit Müsli im Bauch konnte ich unmöglich eine Frau flachlegen, die älter war, als meine eigene Mutter. Sie schaute sehr verdutzt und kreuzigte sich ein paar Mal. Dann kam João. Er schien die Sache auf eine ländliche lässige Art sehr ernst zu nehmen. So wie das Reparieren eines Autos, wenn es sonst nichts zu reparieren gibt. Er setzte sich und […]

BREITBEINIG

BREITBEINIG

Es war eine heiße Lissabonner Sommernacht. Sie trug ein leichtes Kleid, lehnte an einer Wand und zog an einem Strohhalm. Ihr Blick wich mir aus, suchte dauernd andere Blicke, denen er ausweichen konnte. Lange würde sie das nicht mehr durchhalten. Unsere Blicke würden sich treffen, ineinander verhaken, kollidieren, Kernschmelze, irreparable, Boom. Ich guckte während ich redete oder redete ich besser gesagt, während ich guckte? Von weitem war sie Schönheit auf den ersten Blick. Eine von diesen eiligen Raketen, die man auf der anderen Straßenseite laufen sieht und sich fragt, warum man solche Frauen immer auf der anderen Straßenseite laufen sieht. Bügelfalte und gestiefelte Waden. Wie gerne würde ich mich bei Regen Mal mit ihr unter die gleiche Arkade flüchten. Ich ging hin und machte sie an. Es war ein weiter Weg zum Anmachen, einmal über den Platz. Zwischen uns lag ein Fest, das ich jetzt aufs Papier bringe, steil am Hang. Die Sprunggelenke auf Anschlag. Hindernisse. Menschen, Bühnen, Bierbänke. Viel zum Stolpern, hängen bleiben, Bier verschütten und sich dann wegen Bier verschütten prügeln müssen. Es war eng, wurde enger, am Engsten. Den Bühnen und Bierbänken doch egal. Feiertage! Das Leben war an. Einer singt der Rest singt mit. Die Sardinen braten, die Menschen tanzen. Die Touristen stehen ahnungslos da. Die Texte der Lieder sind herrlich unanständig. Während ich mich durch die Massen quetschte, erzählen sie also von einem, der sich eine Ziege anschaffen musste, weil die Mutter zu Arm war, um selber Milch zu geben oder vergleichen Geschlechtsverkehr mit dem Rein –und Rausfahren aus einer Garage. In der Mitte des Platzes stand ein großer, starker Jacaranda. Etwas Lilafarbenes, wunderschön, googel mal. Die Menschen saßen um ihn herum, aßen, tranken, rauchten, tanzten, schwitzen, lockten sich an. Die Touristen standen ahnungslos da. Und über allen der gleiche Himmel, sorglos und frei. Nur mit Girlanden und Rauch bedeckt. Ganz viel Rauch, der von den gebratenen Sardinen bis zur Atmosphäre aufstieg und sich wie ein Schleier aus Sehnsüchten über die Steilheit des Platzes legte. Es war heiß, aber das sagte ich bereits. Was ich jetzt damit sagen will, ist, es roch warm, nach […]