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BYND

Konstantin Arnold

SCHEISSE, VERDAMMTE

SCHEISSE, VERDAMMTE

Ich stand vor dieser Auslage und sah diesen leckeren Rührkuchen und hatte seit Tagen Durchfall. Der Rührkuchen war oben mit Puderzucker bedeckt und hatte einen aufgeblasenen, zweifarbigen Körper. Er sah nass aus und wundervoll und unerreichbar und ich schaute ihn eine Weile lang an, wie man einen Traum anschaut, von dem man durch Glas und Magenprobleme getrennt ist. Der Laden lag in einer Straße, die ich oft gegangen war, sogar öfter, aber dieses eine Mal besonders. An diesem Tag nahm der Laden, in dieser Straße, mit der Auslage, in der der Rührkuchen lag, einen ganz besonderen Platz in meiner Erinnerung ein. Das war nachdem ich beim Gesundheitstelefon angerufen hatte, das man für die Seuche einrichtete. Jeder konnte dort anrufen, auch wenn er was anderes als die Seuche hatte. Meine Freundin sagte, wenn ich nicht dort anrufe, ruft sie dort an, zwanzig Prozent Wahrscheinlichkeit, dass das die Seuche ist. Ich wollte dort nicht anrufen und wir stritten und sahen uns für eine Weile nicht, auch aus anderen Gründen, aber wir nahmen meinen Durchfall zum Anlass. Ich dachte darüber nach. Wenn ich deswegen in ein Krankenhaus müsste, um zu sterben, würde ich ins São José. Es ist alt und hat einen wundervollen Blick auf die Stadt. Einen Blick, der besser ist, als alle Blicke, die ich bis jetzt gesehen habe. Vor allem oben von der Pathologie aus, aber das nützt einem dort oben dann auch nichts mehr. Man sieht die Stadt und guckt auf das vorbeiziehende Leben, von dem man doch nun kein Teil mehr ist und denkt wie sorglos und glücklich, die Menschen doch durch die Stadt gehen sollten und wie angewidert und angestrengt sie es tun. Das São José ist wie ein Museum, wie eine Altbauwohnung mit Dielenboden und Azulejos und Kirche, aus vielen fernen Steinen gemacht. Vögel zwitschern vor den Fenstern in den Bäumen und nackte Griechinnen stehen versteinert auf den Torbögen und versprühen Himmel, Hedonismus und Hoffnung. Ganz früher war es ein Schlachthaus für Rinder und später ein Kloster und dann eine Isolierstation für Leprakranke und heute ist es ein Thema, mit dem Nachrichtenagenturen Einschaltquoten für ihre Werbekunden generieren. Ich könnte noch weiter googeln, ziehe meine Informationen aber lieber aus der Wirklichkeit. Ich war selber noch nie da, bis ich neulich über den Innenhof gegangen bin. Das hatte aber nichts mit dem Durchfall oder der Seuche zu tun, auch wenn mir die Zusammenhänge und deren Schlussfolgerung beim Schreiben klargeworden sind. Unbestreitbar, ist aber Zufall gewesen. Ehrlich. Ich wusste nicht, was ich da tat. Bin einfach rein, wie angezogen und merkte erst drinnen, dass ich während einer Seuche und mit Durchfall drinnen war. Es sah leer aus und war gar nicht so voll wie in den Nachrichten, aber die Menschen sahen geschafft aus, so als hätten sie ein Jahr lang durchgearbeitet. Ich traf einen alten Mann, der als Sicherheitsbeamter arbeitet und mich fragte, was ich hier zu suchen hätte. Das wusste ich auch nicht und weil es keine hinterhältigen Gründe gibt, wegen denen man freiwillig ein Krankenhaus besuchen würde, sprach der Mann gleich vom Fußball und von anderem. Er roch nach Knoblauch, Zigaretten und Fishermans Friend und seine Geschichten waren wie Regentage am Meer, in denen ab und an die Sonne rauskommt. Er hätte heute, neben den Fußballergebnissen, einen guten Zeitungsartikel gelesen, den ein anderer alter Mann geschrieben hätte, meinte er. Er erzählte mir, dass es um einen alten Mann ging, der, wie er, jemanden hätte, der ihm die Wäsche wäscht und die Pillen bringt. Jedenfalls war das vor der Seuche so, jetzt käme Mafalda nicht mehr. Sie kommt sonst zweimal die Woche für ein paar Stunden. Er freue sich immer sehr, wenn sie kommt und ist froh und erleichtert, wenn sie wieder geht. Nachdem seine Frau starb, wäre er gerne alleine mit sich und den Erinnerungen an seine Frau. Er sitzt in einem Stuhl und schaute aus dem Fenster und beobachtete die Jahreszeiten. Diese Erinnerungen bedeuteten ihm alles und er bewahrte sie an einem sicheren Ort auf, an dem sie selbst die Zeit nicht hinkommt. Er wäre […]

ALTMODISCH

ALTMODISCH

Es war nur so, weil sich die ganze verdammte Ausgangssperre wie ein wochenlanger Sonntagabend anfühlte, an dem man nichts mehr kaufen konnte. Man konnte nur sein und genießen, wenn man alles Nötige dafür gekauft hatte. Mehr konnte man nicht tun. Im ganzen Leben nicht. Man konnte nur alle seine Sinne stimulieren, so gut wies ging. Edle Weine trinken, gutes Essen essen, schöne Frauen ficken, Zigarren rauchen, Rodrigo Leão hören, Gedichte von Robert Gernhardt lesen. Von einem Fenster im Hinterhof, den Lauf der Dinge beobachten, die Katzen, das mit den Jahreszeiten, alles, was sonst nicht der Rede wert war und am Ende doch alles ist. Der letzte Abend vor der Ausgangssperre wurde ein Abendmahl. Wir trafen uns und gingen los und kauften schöne Sachen, die man Trinken und Essen konnte. Für jede einzelne Sache gingen wir in einen ganz bestimmten Laden, auch wenn die Sache noch so klein war. Die Läden wurden von Menschen geführt, die ihre Rechnungen noch mit der Hand schrieben und sich dann verrechneten und nochmal von vorne anfingen und dann etwas vergaßen und man sie höflich darauf hinwies, weil sie einen oft einfach gehen ließen, wenn man nicht genügend Bargeld dabeihatte. Hinter ihnen standen geschälte Tomaten in Konservendosen, wie in einer anderen Zeit. Es war die Kulisse einer Vergangenheit, die seltsame Zeit einer Sehnsucht, die tief in einem drinnen wächst und der Zeit folgen will. Manche Tomatendosen standen da, wie Statuen im Herbst in Paris. Das klingt vielleicht nicht so spannend, aber in einer Zeit, in der mit der Liebe nicht viel los war und wir in unseren Wohnungen leben mussten und die Restaurants schlossen, war es das einzige, was wir tun konnte. Man konnte ansonsten nur noch loslaufen und auf der Straße mit irgendwem ein Gespräch anzetteln. Wir kannten die meisten Ladenbesitzer und sie erklärten uns alles über diese und jene Sache und sie hatten immer etwas ganz Besonderes für uns da, dass immer besonderer wurde, je öfter wir kamen. Weil sonst niemand kam, erkannten uns die Ladenbesitzer wieder und wir tauchten aus den Touristenfluten auf wie ein U-Boot. Sogar bei Manuel Tavares erkannten man uns. Manuel Tavares oder ein Nachkomme dieser Helden erklärte uns, dass man alte Weine nicht unbedingt horizontal lagern muss und dass Zigarren am Tejo keinen Schrank brauchen, weil die Luft vom Fluss gut genug ist. Außerdem bekämen die alten Weine aus Colares, durch die langen Jahre der Entsagung, ihren Wert und wir sollten noch eine Kiste mehr kaufen und sie lagern und ich meinte, dass die bei uns nicht überleben würden, weil es immer eine Nacht gibt, in der es nichts mehr gibt, vor allem jetzt. Wir kannten zwar immer einen Laden, der uns nach der Sperrstunde noch eine Flasche als Obstkiste getarnt verkaufte, aber es war nicht das gleiche und irgendwann gingen uns die immer neuen Regeln ins Mark und die Seuche infizierte unser Unterbewusstsein. Es war als auch die Parks schlossen und die Bänke und man nirgendwo mehr sitzen konnte. Trauer und Enttäuschung der Menschen legt sich über die Straßen. Jeder Tag sah aus, wie der davor und es war egal, ob es gute oder schlechte Tage waren, denn alle Tage waren gleich. Die Tage waren nur noch eins in uns. Ein fernes Dach im Nebel eines planlosen Tages, noch ein Baum, mehr nicht. Die Statuen stehen unangeschaut da. Die Laternen auf der Burg gehen für niemanden an, wie Sterne. Nur gehören sie nicht zum Himmel, sie gehören der Stadt, wie die Stadt zum Himmel gehört. Die angestrahlte São Vicente de Fora hebt sich marmorgold vom Regenhimmel ab und die Stadt präsentiert sich ihre gestiegenen Treppen hinab. Keine Esskastanien mehr, diesen Winter. Man hatte uns um eine Jahreszeit des Lebens gebracht und wir betrachteten Lissabon, von hier aus der Ferne einer Erinnerung. Eine Hausfassade hoch. Einen Hauseingang rein. Ein geöffnetes Balkonfenster, wie es auf einen kleinen Platz guckt. Das Leben verlor seine Selbstverständlichkeit, was irgendwie auch schön war. Es war vielleicht das einzig Gute daran und, dass man ein Problem hatte und sich keins machen musste. Aber wir wollten das Leben auf den Straßen wieder und wir wollten unser Leben wieder und nicht verlernen, wie man vor einer anständigen Bar steht und einen Drink hält […]

GESTÄNDNIS

GESTÄNDNIS

Als es anfing aufzuhören, kam es anders. Es begann mit einem Ende, weil jedem Ende, jedem Irrtum, ein Anfang, eine Antwort innewohnt. Ein irres Ende also, das es dann so nicht gibt. Man wird sehen oder auch nicht, ist jetzt auch egal, weil alles egal geworden ist. Leben und Liebe, Leben und Tod, Liebe und Tod. Warum alle die Gedanken gemacht, mich zu Erkenntnissen durchgerungen, die ich selbst nicht glauben konnte und an die ich mich klammerte, wenn ich umzingelt stand von Erfahrungen, belagert wurde von Frauen und den Geistern dieser Frauen, die mir aus ersten Nächte nacheilen, wenn ich sie aus dem Erlebten rief, das mich schuf. Aus den Erfindungen von Erinnerung. Je mehr ich mich erinnere, desto fernen rücken die Tatsachen der Orte, an denen wir uns trafen, die Bars, in die wir gingen, die Gespräche, die wie führten und die dunklen Straßen, in denen wir übereinander hergefallen sind. Die Vergangenheit konstruiert sich selbst aus der Gegenwart heraus, nutzt sich ab, wie Gedanken, die man zu viel gedacht hat und an Erinnerungsfäden herbeizerrt, bis sie reißen. Ich erinnere mich an ihre Namen, aber was wir taten, weiß ich nicht. Was wir taten liegt jetzt bei all dem anderen Getanen in mir drin und pflügt in Raubtierform durch mein Gedächtnis. Wir waren nah dran und dann nochmal näher, an einer Straßenecke. Auf der anderen Seite war ein Fastfood Restaurant und die Leute konnten uns sehen. Sie bebte vor Kälte und die langen dünnen Nippel waren kalt und sie stand nass und schlank im Regen, mit den Kurven einer südamerikanischen Gebirgsstraße. Dann diese Leere, die immer kam, die man immer spürt, wenn man nicht liebt und merkt, dass man das alles nur dafür tut und wie leer das jetzt alles ist und nichts mehr dahinter ist, weil man alles, was man tut, dafür getan hat. Alles Gute und alles Schlechte hinterlässt eine Leere, wenn es passiert. Das Gute füllt sich von alleine, aber das schlechte muss aufgefüllt werden, weil man es aus falschen Gründen tut oder aus gar keinen Gründen getan hat, was das Gleiche ist. Dahinter ist Abgrund. Freier Fall. Die Lehre der Leere. Sie wartete dann immer schon auf mich, wie auf Leute, die sich ständig Neues kaufen. So ist es doch, oder ist es so nicht gewesen? Niemand kann aus Erinnerung wahre Tatsachen niederschreiben. Manche Bilder brennen sich ein, werden zu Denkmälern, andere nehmen es ein. Ich fühle das wahrer als ich es schreiben kann und schreibe es, als ob es wahr gewesen wäre. Alles Erlebte ist Geschichte, sobald man sich daran erinnert und es erzählt und nichts mehr vom Leben übriglässt. Man verwickelt sich in Geschichten und lebt nicht mehr, sondern erzählt nur noch, wie viele Frauen man nicht verlassen hat, aber man verlässt eine Frau nicht einfach am nächsten Morgen, man tut es früher oder später oder nie. Man geht auf Reisen, sucht den einen Ort, der frei ist, von Geschichten, die wir über ihn gehört haben und Menschen, die an ihm Mythen geworden sind und Idole schufen, mit denen wir uns herumschlagen müssen. Den Wert eines Mannes sollte anhand der Geschichten bestimmt werden, die er nicht erzählt. Aber nein, wir leben von unseren Geschichten und den Geschichten anderer und wir leben durch sie hindurch. Wir kennen das Ende unserer Geschichte nicht und lassen die Ereignisse unbeachtet und abenteuerlos an uns vorbeigehen. Sie passieren ereignislos an uns vorbei, sehen nicht wie passieren aus, wie auch, wir kennen ihr Ziel nicht. Würde wir ihr Ende kennen, wir würden am Ende beginnen. Es würde die Einzelteile des Lebens in Ankündigungen und Verheißungen verwandeln, die für das bloße Auge sichtbar werden, weil wir vom Ende aussehen und von etwas Großem angezogen werden. Aber die Zukunft ist noch nicht da und ich spaziere weiter durch die Nächte meiner Tage, die mir ihre Schätze zeigen und ich wähle nicht. Wenn man sich jedoch einen Augenblick ganz genau einprägt und sich vornimmt, sich später einmal genauso daran zu erinnern, schafft man eine Verbindung zwischen Gegenwart und Zukunft. Am besten geht das mit jungen Bäumen. Die an den Kais, die noch so klein sind und später ganz groß sein werden und ich meiner Tochter das Fahrradfahren unter ihnen beibringe und die Bäume sehe und mich daran erinnere. Ich kann es nur vergessen und mich dann wieder daran erinnern, ich kann es nicht mit mir herumtragen. Meine Gedanken werden Träume, die anderen nur nachts kommen. Sind Wünsche, sind Ängste, aber ich wünsche nichts mehr, also bleiben nur die Ängste. Kein sicherer Ort.

SOLITÄR

SOLITÄR

Ich hatte ihn bei einem Abendessen kennengelernt und wir sprachen über das Restaurant und er fragte, was ich an diesem Restaurant mochte und ich erklärte ihm, wie es früher war, als man Sägemehl auf den Boden streute und auf den Boden rotzen durfte und da versuchte er, es zu mögen und so saßen wir da, ich, der es mochte und er, der versuchte es zu mögen und mich danach fragte. Er sagte, er verstehe das schon, Lissabon, die Romantik alter Lokale und ein Lokal als urbaner Raum zufälliger Begegnung und so, die Anonymität der Stadt mit den flüchtigen Frauenblicken der Boulevards, die kommen und gehen und ich sagte, er verstehe gar nichts. Er hatte keinen Plan von der Stadt und dem Leben in der Stadt, denn er lebte draußen auf dem Land und aß komische Sachen und sagte, dass wir komische Sachen essen würden. Er kannte das Leben aus der Stadt nur aus Büchern und den Geschichten, die ich über die Stadt geschrieben hatte, aber er kannte das goldene Licht der Straßenlaternen nicht und die frische Morgenluft oder den Klang der Gitterstäbe, wenn man seinen Regenschirm an der Umzäunung eines Parks entlangrattern lässt oder den Rauch der Esskastanien, die viel mehr sind als Kastanien, die man essen kann, weil ihr Rauch für den Spezialeffekt der Stadt verantwortlich ist. Er wusste nur, was er kannte und seine Sinne empfinden, wenn sie eine vorbeischreitende Frau in sich schloss und forttrug, auf ferne Reisen in Gedanken, durch die Tage aller Zeiten, in denen er dahinging, wie die Hoffnung geht, von einer zur nächsten, und als er zu allen auf dem Land gegangen war, kam er in die Stadt. Er sah sich die jungen Frauen auf den Straßen an, die nie alt werden und dachte, dass die auch mal alt werden, aber man sah es nicht. Nur zeitweilig sah man es, wenn man eine festhielt und das alt werden mit ihr in sich fühlte, wie die Liebe. Er sagte, er hätte eine Weile so eine gehabt. Sie wäre lieb und duldsam gewesen, so wie Frauen sind, wenn man sie bezahlt, aber sie hatte dann gewählt wie Frauen wählen, für immer. Er war überzeugt davon, dass wir Frauen, die wir für immer wollten, aber nicht immer, nicht retten konnten, weil wir sie nicht genug liebten oder gar nicht liebten, was dasselbe ist. Also beendete er es und sah sie, weil es auf dem Land kein Entkommen gibt, das arme gebrochene Mädchen in Tränen gebadet, die Gebrochene gebadet in Tränen und er sah ihre Brüder mit Wut in den Bäuchen und Blut in den Fäusten. Verdammt, was hätte er denn tun sollen. Dortbleiben? Sich breitschlagen lassen? Sechs Wochen das Bett hüten, sie in sein Herz dringen lassen, bitterlich erweichen, heiraten, sich ihren Eltern vorstellen, Brüdern und Freundinnen. Er erklärte mir, wie es war und passiert ist und wie gut sie ihn kannte und es ist immer dasselbe. Ich sagte nichts und dann sagte ich, dass sie vielleicht alles wert gewesen wäre. Er geht an ihr vorbei, wie an einem Haus, in das er eines Tages einzieht. Vielleicht ist sie das Ziel allen Strebens und wenn sie das ist und er ihr hinterherging, weil ihn alle anderen ankotzten und er sie bekam, was will er dann noch von allen, die ihn angekotzt haben. Er hätte sie ja nicht gleich heiraten brauchen, aber zumindest in sein Herz dringen lassen können und sie aus den Armen dieser Zuhälterbrüder befreien müssen. Er hätte sich seine Worte und Gedanken sparen sollen und nicht an mich oder andere verschwenden. Du hast Recht, sagte er. Ich hätte es […]

ZUFÄLLIG & SCHÖN

ZUFÄLLIG & SCHÖN

Ich hatte es eilig. Chiado war hektisch und voll. Zum Teufel mit den Geschenken. Ich wollte zur Sapataria Do Carmo, ihr diese schönen Stiefletten kaufen und dann zu George, dem Schuhputzer, damit er sie mir für die Feiertage zurechtmacht. Eigentlich war das den Stiefelen egal, aber ich tat das für George und für seine Feiertage. Wenn ich danach noch Zeit hätte, könnte ich mir oben in Real das späte Nachmittagslicht angucken und meinen Mantel zum Reinigen abgeben und später noch ein paar Leibesübungen machen, damit ich weiter so essen und trinken kann, wie ich das wollte. Es ging darum, nie fett zu werden und seine Figur zu halten und ich glaube sie veränderte sich nicht, man dachte nur mehr darüber nach, weil man vorher nie darüber nachdachte und man mit jedem Alter sinnvolleres zu tun hatte, als an seine Figur zu denken. In welche Kirche ich an Weihnachten gehen würde, wusste ich auch noch nicht und ich dachte, noch so viele andere Dinge vor Weihnachten tun zu müssen, die ich nicht tun musste, aber immer dachte, ob Weihnachten war oder nicht. Letzte Woche hatte ich ihr schon eine rote Baskenmütze geschenkt, die alle für eine Parismütze zu Weihnachten hielten und eine Klobürste und einen ordentlichen Flaschenöffner. Ich war dafür in einem Laden, der seit 1835 Flaschenöffner verkauft, und seit alle Scheiße fressen und die Scheiße widerspenstig ist und stinkt, auch anständige Klobürsten. Es sind gute Bürsten, aus Metall, mit dunklen Borsten, damit man die Scheiße nicht so sieht und einem Deckel, auf dem Blumen sind, rote und gelbe. Ich ließ beides schön einpacken. Nachdem ich noch keine Stiefel gekauft hatte und noch nicht bei George gewesen war, ging ich hoch nach Real, um mir das Licht anzugucken. Ich hatte es jetzt noch eiliger und mein Mantel flog mir hinter im Wind, wie ein Umhang. Ich sah aus wie einer, der zu einer Frau eilt, um ihr zu sagen, dass es doch nicht aus ist, oder wie einer, der etwas tun wollte, bevor er es ganz vergisst, oder wie einer, der immer noch keine Stiefel gekauft hatte und noch nicht bei George gewesen war und hoch nach Real ging, um sich das Licht anzugucken. Ich wusste, dass so ein Mantel besser aussah, wenn man geschlossen in ihm schlenderte, Hände in den Taschen, Hut auf, Kragen hoch, aber manchmal war das eben so und man konnte ihn auch auf diese Weisen tragen. Als ich oben ankam, war das Licht schon weg oder es ist an diesem Tag nie da gewesen. Ich wusste es nicht. In diesem Dezember konnte man das nie sagen, weil die Sonne den Tag über den Wolken verbrachte und erst am Schluss unten rauskam und sich zwischen Wolken und Horizont zeigte. Die Strahlen waren dann umso intensiver und vom Praça do Príncipe Real, genau dort, wo die Rua Cecílio de Sousa auseinander und wiederzusammengeht, sah man sie am besten. Solche Straßen, dachte ich, werden heute gar nicht mehr gebaut und als ich das fertig gedacht hatte, rief eine Frauenstimme über den Platz. Sie rief meinen Namen und sie rief hier und nochmal meinen Namen und dann huhu und ich sah sie und sie winkte. Die Frauenstimme gehörte […]

FEIERABEND

FEIERABEND

Oliven. Gottesfrüchte. Fruchtgewordene Antike mit Kern. Denkmäler der Sonne und des Südens, so wie der Wein, aber zu dem kommen wir später. Man kann nicht über die Olivenernte schreiben, ohne über den Wein zu schreiben. Die Weinernte ist vorher, die Keller sind voll davon. Wein ist der Treibstoff für die Ernte und ihre Helfer. Aber erst mal zu den Oliven. Olivenbäume können tausend Jahre alt werden, einfach so, nicht alle, aber einige, der älteste steht auf Kreta, zwischen 3000 und 5000 Jahre alt. Moses hat seine Gebote unter so einem brennenden Ölbaum gefunden. Oder auch nicht, aber Dieter Bohlen hat auf Malle ein paar davon im Garten. Es gibt zwei Kerngebiete im Hirnstamm, die wie Oliven heißen. Nach dem die Arche tagelang unterwegs war, sendet Noah seine Taube aus, die mit einem Olivenzweig im Schnabel wiederkehrt. Ein Lebenszeichen. Bei Picasso stehen sie für den Frieden. Sicher ist, wo Oliven wachsen, kann man gut Leben, die Menschen werden älter, das zeigen Studien. Sie sind schön anzusehen und gesund, eine natürliche Lebenserhaltungsmaßnahme, denn Antioxidantien konservieren den Körper von innen. Heilkraft und Genuss. Geht doch. Im Süden Europas geht keine Mahlzeit ohne die Steinfrucht über die Tische. In Grün und Dunkelbraun und Braun, mit oder ohne Knoblauch, draußen, im freien, auf rotweißkarierten Tischdecken. Oliven zu ernten ist eine Wahlfahrt für Fernwehromantiker. Der Olivenbaum steht überall wo’s schön ist. Am liebsten ums Mittelmeer und auf Kreta, auf den Höhen Italiens, in der Hitze Andalusiens und im wilden Norden Portugals. Dort wollen wir hin. Ich bin schon seit einem Vormittag dran, alle Notizen zu entschlüsseln, die ich mir eine Woche lang beim Olivenernten und Rotweintrinken gemacht habe. Tiefer kann man gar nicht in ein Land eintauchen, als auf dem Land. Da ist noch ein Portugal zuhause, das woanders längst verschwunden ist. Die Entfernung zu diesem Ort lässt sich besser in Jahrhunderten ausdrücken, als in Kilometern. Zeitreisen ist möglich. Man kann aber nicht einfach so aufs Land fahren. Nicht von Lissabon aus. Man braucht etwas Vorbereitung, um sich langsam auf das Landleben und die Zeitverschiebung vorzubereiten. Eine Art Basis Camp, wie man es von einer Everest Expedition kennt. Meins war bei der Familie Delgado. Sie wohnen in einem Dorf bei Fatima, Portugals Pilgerstadt. Eine Zugstunde nördlich von Lissabon. Von hier aus, sollten wir am nächsten Morgen in den Norden des Südens aufbrechen, zum Heimatort von Senhor Delgado, bis fast an die Grenze zu Spanien. Senhor Delgado ist ein einfacher, herzlicher Mann mit großen Gesten. Eine ehrliche Haut mit Dreck unter den Nägeln und den nötigen Kraftsaudrücken. Er hat diesen Bauch, der ihm steht und den man hat, wenn man ihn sich mit Selbstgemachtem verdient hat. Seine Hände sind klein, aber sein Finger vom Arbeiten über die Größe seiner Hände hinausgeschwollen. Er weiß alles über Oliven und über Wein und er weiß, wie die Erde schmeckt aus denen sie kommen, weil dort seine Ahnen liegen und selbst zu Erde geworden sind. Sie haben selbst Olivenöl und Wein gemacht und sie haben ihr Mittag im Freien gegessen und sind alt und stark geworden. Er sagt gerne, dass das Leben so ist oder dass das Leben schön ist oder hart und wenn er nichts zu sagen hat, sagt er jaja, so ist das Leben oder das Landleben ist eben so. Am liebsten sagt er Ach, Mein Land, aber auf Portugiesisch klingt das besser: A minha Terra, meine Erde. Senhora Delgado ist eine wundervolle […]

NOCTURNE

NOCTURNE

Der Herbst ist Lissabon eigen. Ich glaube, er wurde für diese Stadt gemacht. Am meisten liebe seine einsamen frühen Morgen, nur die späten gemeinsamen Abende liebe ich dann noch mehr. Aus späten gemeinsamen Abenden werden späte gemeinsame Morgen und uns so weiter und deswegen gab es nie viele Tage, die schon beim Licht der Kerzen beginnen und beim aufgehenden anderen Licht. Solche Tage waren schön und selten und sie waren immer ein Geschenk. Du warst früh mit der Arbeit fertig und hattest die Arbeit fertig und die Stadt vor dir und den Tag, und der Tag schien grenzenlos. Man konnte für den Rest des Tages dumm bleiben, weil man früh aufgestanden war und hart gearbeitet hatte und ich versuchte, so dumm zu bleiben wie ich konnte. Das Leben kam einem dann einfach vor und man hatte Hoffnung und machte Pläne und es war schön, wenn man sonst etwas zu tun hatte oder irgendwo hinmusste. Man hoffte nur, dass der Morgen sein Versprechen über den Tag hinaushalten würde, aber es war dumm das zu glauben und ich blieb nie dumm genug. In jenem Herbst wurde es sehr kalt. Wir hatten keine Feuerstellte und auch keine Heizung und wir hatten nur uns. Wenn man miteinander schlief, wurde es warm, nur, wenn man es selber mit sich machte, blieb es kalt und man ließ nur einen Spalt in der Decke offen. Wie auch immer man es machte, man musste im Bett bleiben oder gleich ins Café gehen, aber es war schwer, vom Bett gleich ins Café zu gehen und bei der Kälte, die richtigen alkoholischen Getränke zu bestellen und noch schwerer nichts Alkoholisches zu bestellen und als die Cafés ganz schlossen, blieb uns gar nichts warmes mehr, außer uns. Manchmal konnte man für eine Weile am Schreibtisch arbeiten, aber man musste Handschuhe tragen und seine Finger in die Kerzen halten und manchmal vergaß man, dass man Handschuhe trug und die Handschuhe fackelten dann ab. Es war besser seine Finger zwischen ein paar Beine zu stecken oder am Kaffee zu wärmen, den ich am Morgen kochte, wenn ich mich in meine Mansarde aufmachte, um in Wollsachen verpackt mit der Arbeit zu beginnen. Die Sonne schien zu flach, um es über die Dächer in die Fenster der Häuser zu schaffen und alles war noch kalt und klamm und man konnte seinen Atem sehen und den des Kaffees. Die Häuser der Stadt waren nie auf den Winter vorbereitet und manche Herbsttage zeigten dir schon, wie es ohne ihn sein wird. Der Regen fiel dann mit mehr Wucht als ihm die Schwerkraft zugesteht. Nur die reichen Häusern in Lapa und Principe Real hatten Feuerstellen oder Klimaanlagen oder Badewannen oder alles, denen machte der Winter nichts. Aber ich fühlte mich Leuten, die alles hatten und denen der Winter nichts machte, immer irgendwie überlegen, nur die Feuerstellen und Badewannen neidete ich ihnen im Winter. Feuerstellen, und Badewannen waren Dinge, die wir auf Reisen genossen. Den Rest des Jahres brauchten man in Lissabon nicht viel. Wir brauchten nur uns und etwas Zuversicht und ein paar Bücher, und wenn man dann noch Reisen konnte, hatte man sich, Zuversicht, ein paar Bücher, Badewannen, Feuerstellen und die Reisen. Es machte uns nichts, denn nichts konnte uns in diesen Tagen etwas anhaben, nicht mal ein Virus und ich war sehr dankbar so zu leben und zu lieben und hier zu leben und mit ihr hier zu lieben. Wir besaßen nichts, außer den gebrauchten Büchern und Sachen, die wir von unseren Reisen mitbrachten. Sie hatten alle keinen Wert und bedeuten uns sehr viel und lagen in einer alten Kommode, in der auch meine Notizbücher lagen und einige gebrauchte Bücher. Von neuen Büchern hielten wir nicht viel. Sie waren schlecht gebunden, wenn sie überhaupt gebunden waren und sie hatten keinen Wert. Die Art, wie Bücher heute gebunden werden, ähnelt der Art sich einzurichten oder anzuziehen und weil ich schöne alte Bücher besaß, besaß ich auch ein paar schöne italienische Schuhe, die ich pflegte und einen guten Anzug und zwei nicht so gute Anzüge und einen teuren Mantel aus Salzburg, den ich sehr billig gekauft hatte. Die Wohnung war einfach, aber sie hatte schönes Licht und einen Holzfußboden, auf den sich die Leute gerne setzten und an den Wänden hingen Bilder der Künstler, die uns gefielen. Von meinem Schreibtisch sah ich in den Garten auf Ruinen und über Hinterhöfen hinweg und ich sah sie so, wie Utrillo sie gemalt hätte […]

UNBEDINGTES

UNBEDINGTES

Ich fühl mich wie ein schlaffer Schwanz. Hängend und blutleer. Bin Loch mit Leere. Hab nichts zu geben. Kann kaum die Arme halten. So müssen sich leere Batterien fühlen. Meine Freunde sagen, dass das am schlechten Wetter liegt, was aber nicht heißt, dass das Wetter schlecht ist. Im Gegenteil, ich statt Ereignisse und ich glaube, es liegt an den Freunden und an mir. Nicht am Triumphzug der Wolken und dieser frühen mittelalterlichen Dunkelheit, die sich in den Straßen und Treppenhäusern der Menschen breitmacht. Stell dir vor, wie schön das Laub jetzt im Park um die Bänke liegt, und wie die feuchten Lippen eines Mädchens, das sich auf so einer Parkbank unter Kastanien küssen lässt, im Laternenlicht dahintrocknen. Mir kommen die Tränen, aber es sind keine, die man weinen kann. Sie bringen mich zum Schweigen, wie jemand der ertrinkt. An der Bar, allein unter Freunden, Zigarette im Mundwinkel hängen, kaum Luft zum Atmen, manchmal lächeln und es nicht so meinen. Einsam ist man nur unter Freunden, nicht, wenn man allein in der Stadt steht, die dunkelste Gasse geht und vom Klang der eigenen Absätze durch die Beco dos Beguinhos verfolgt wird. Umgeben von der Stille des Largo da Achada, die einem das Herzen in den Ohren schlagen lässt. Wenn der Wahn die Welt dreht und die Welt im Wind weht, kann man es dort in den Bäumen hören. Die Bäume sind das Instrument auf dem die Ewigkeit erklingt. Man kann es auch in der Igreja São Nicolau sehen, die nach Feierabend wieder voll und lebendig wird. Kerzen brennen, Antworten fehlen, Menschen denken in Wintersachen. Es ist eine wundervolle Stille, die von denkenden Menschen in Wintersachen ausgeht, die sich mal kurz ins Geheimnis setzten, um Erleuchtungen davon zu tragen, die alles erhellen und zugleich die unermessliche Tiefe des Dunkels aufzeigen. Die Welt in ihnen drin wird dann groß, viel größer als die Welt, kreist um sie in ihnen, wächst über die Wirklichkeit ihrer Welt hinaus, wie bei einem Gemälde. Sie lauschen ihren Gedanken, die ausgesprochener sind, als alles, was sie sektenmäßig zusammensingen könnten, wenn die Orgel krampft. Orgeln erzwingen Heiterkeit, man singt dann nur, um nicht zu weinen. Aber die Menschen wollen es ja spüren, einen Augenblick lang, spüren, wie alles ist, das ganze Leben und die Nacht, trauriger, aber richtiger als sonst. Und dann wollen sie es besser nicht mehr spüren. Suchen sich gewaltige Ablenkungen vom Nichts. Stürzen in einen lebenslangen Rausch, bis zur ganz großen Zerstörung. Schalten was an, laden was runter, löschen es wieder. Kaufen schnell noch was ein. Dumm, nur nicht dumm genug, denn hinter ihren Augen lauert die Angst. Es verhält sich verdächtig. So schauen Tiere, die aus einem brennenden Wald auf ein Smartphone gucken, das irgendwo im Gras vibriert. Sie wollen, dass der Anruf endet, das alles, dieses ganze lebenslange Warum? Das kurze Abenteuer, das sie zu den geistigen Endpunkten der Welt geführt hat, diese wirre unbezwingbare Furcht, ihr aufgewachtes Bewusstsein, das Aufschwellen ihrer Gedanken, das sie dem Wahnsinn näherbringt, diese große innere Bewegung zum dunklen Tor der gleichen Welt. Alles, was die Einsamkeit eines Herzens so unerträglich einsam macht. Die Zeit läuft davon und die Brunnen tröpfeln dahin und die Bäume wehen wütend im Wind. Der Tag verdichtet sich und versinkt doch in der Dämmerung. Sonnenuntergänge setzen die Meere in Brand. Ruhe nach Stürmen in einem anderen Sturm. Die Gespräche der Nacht, an den Theken der Welt […]

ANSTÄNDIGES

ANSTÄNDIGES

Wien, spätabends, Hotelbar. Gerade gelandet. Im Bewusstsein der eigenen Einzigartig sitzen wir vor den Drinks. Geht gar nicht anders. Ist überlebensnotwendig, am Ende der Zeit so vor den Drinks zu sitzen. Ich, mein Wiener Lektor und meine portugiesische Freundin sollte auch jeden Augenblick kommen. Sie hat einen späteren Flug genommen. War vielleicht besser so, für uns und all die anderen Passagiere. Warum wollte mein Lektor auch gleich wissen und ich habe ihm davon erzählt, wie wir letzte Nacht in Lissabon damit verbrachten, über die großen Fragen der Kunstfreiheit zu streiten, uns auf Wien einzustimmen. Das war aber kein Diskutieren mehr, das war Krieg. Aufs Äußerste. Seelische Zerstörung. Irgendwann wurde nur noch mit Polemik aufeinander geschossen, bis ins Herz und am Ende der Nacht fiel die Atombombe der Moral noch auf uns drauf. Aber wir werden unseren Streit schon beilegen. In einem warmen Kaffeehaus oder einer ordentlichen Bar. Irgendwo, wo man nicht schreien kann. Wenn wir Tage und Nächte im Sperl verbrachten, wurden es immer gute Tage und Nächte. Die Nächte unterscheiden sich von den Tagen sehr. Sind zwei verschiedene Cafés, aber beide sind wunderschön. Wichtig ist nur, dass das Wetter schlecht ist, was nicht heißt, dass das Wetter schlecht ist. Denn nur so entlädt sich die Stimmung in einer kosmischen Geborgenheit, an den Fenstern und zwischen den Sitzecken im Saal. Abends, wenn einem die Parks und Museen in den Waden lagen, und morgens, vor allem Anfang. Wir haben uns so auf Wien gefreut. Auf das Weiß der Häuser und das Grün der Dächer und das Gold der Statuen, die da so stehen, Patina schwitzend, in meiner Erinnerung. Man guckt die Statuen in den Parks an, bis sie lebendig werden. Es sind jedes Mal die gleichen Statuen und es sind immer andere, weil wir jedes Mal als Andere in diese Stadt zurückkehren. Aber die Stadt hält immer etwas bereit, egal als was wir gekommen waren. Das nasse Laub, die kahlen Bänke und das Straßenlicht, das auf all das fällt. Eine Mischung aus allem, so wie das Wienerische eine Mischung aus allem ist. Aus Ost und West und Nord und Süd. Dazwischen die denkmalgeschützten Reste einer großen Jahrhundertwende, in der hier alles aufeinander knallte. Es hatte Gründe, dass Freud, Wittgenstein und Schiele keiner Pariser waren. Zu bunt die Neurosen, an denen sich ihre Gehirne austoben konnten. Den Herren war scheißegal, was sich schickt oder was wir denken oder wie gedacht werden sollte. Nur, dass gedacht wird, war ihnen wichtig. Und die Menschen waren froh, dass sie die dunklen Dinge für sie dachten, sodass man sich gutbürgerlich, mit Abstand, über ihre Werke aufregen konnte. Vor allem über Schiele, das war noch ein Kerl, ein Zeitalter, Mut! […]

DASEIN (Teil 02)

DASEIN (Teil 02)

Damals, in dieser Zeit, die längst vergangen ist und wir viel in Hesses Romanen lasen, wohnten wir in einem Dorf in einem Haus, das frei und viereckig in einem Tal stand und ganz vergessen in die Berge gefallen war. Durch das Tal floss ein Bach und das Tal war tief und fiel bergab und hatte den Höhepunkt seiner Fruchtbarkeit erreicht. Links waren Olivenhaine, rechts wuchs der Wein. Alles war hoch und tief und je weiter das Tal hinunterging, desto wärmer wurde es und aus dem Bach wurde ein Fluss, der in gewaltigen Seen endete, die den Meeren gleichen. Warme Luft stieg auf und man konnte die Luft sehen, wie sie zwischen Felswänden und Kirchtürmen stand und von einem mächtigen Licht durchbrochen wurde, das alles kräftig in den Farben der Dinge erstrahlen ließ, genau wie Hodler es gemalt hatte. Es waren Berglandschaften, Dschungelberge, eine Kirchglocke, die irgendwo schlug und von der Ferne hergetragen wurde. Klare Laute der Natur, kein Krach der Stadt, nur Klang der Dörfer. Man hörte Kühe fressen, im Orchester oder höchstens mal einen Tschingg, der sein Motorrad an einer Bushaltestelle testete und pfiff, wenn eine Monica Bellucci an seiner Bushaltestelle vorrüberging. Es musste schön sein, in diesem Tal schön zu sein. Die Dörfer waren weltgewandt und kultiviert und man konnte in ihnen viele Sprachen sprechen und eine Frau lieben und einer bestimmten Tätigkeit nachgehen. Was wäre die Welt ohne diese Dörfer und diese Bewohner und Bewahrer, ohne die Bushaltestellen und Kirchen, die am Hang vor dem Blau des Himmels stehen, schon immer, egal was. Man konnte in diesem Tal nichts tun, außer man wusste, was man tun konnte. Einsam, weit weg von allem, guten Käse essen, schlechten Wein trinken, abends am Kamin sitzen und noch mehr Wein trinken, der immer besser schmeckte, je mehr man getrunken hatte. Morgens lagen wir lange da, guckten von warmen Betten aus offenen Fenster und hingen uns danach an schwere Steine im Bach, um uns vom Quellwasser umströmen zu lassen. Es war kein Eiswasser, man konnte darin überleben, und wenn die Sonne auf die Stelle schien, an der man gerade hing, konnte man es sogar genießen. Wegen so eines Baches lernten wir eines Tages den Metzger des Dorfes kennen. Ich hatte meinen Ring beim Umströmen verloren und der Metzger besaß die einzige Taucherbrille im Dorf. Den Ring fanden wir nicht, aber wir verstanden uns prächtig […]