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BYND

Konstantin Arnold

MILANO

MILANO

Endlich Sonne in Mailand. Lebensmittelpunkt Mode. Prada, Penner und Espresso. Einkaufen und sich betrinken und endlich diese Pizzadinger von denen Alle reden. Die kalte Luft der Berge verwirrt im Tal. Die Elektrischen fahren gerade irgendwohin. Herbstlich herrlich. Es wird dunkel, lange bevor die Tage zu Ende sind und angenehm auf der Via Alessandro Manzoni, sobald die letzten Modepuppen geschafft aus Geschäften kommen und ihre Einkäufe nachhause schleppen oder schleppen lassen. Das stille Licht der Auslagen fällt leise auf das Pflaster und man schlendert eingeharkt, den Kopf im Kragen, an den Schaufenstern vorbei, wirft, von seinem Glück aus, einen Blick rein, in die Welt der toten Dinge. Es ist schön jung und verliebt in einer anderen Stadt zu sein, ohne sich was kaufen zu müssen. Mein erstes richtiges Mal hier, denn beim ersten Mal, wusste ich noch nicht, wer Puccini ist, Verdi und Antonio Mancini, der das das Aristokratenpack wenigstens in Tränen malt. Ich hatte nur Augen für brave Mailänder Mädchen, dünn und blass, von Beruf Tochter. Ich erinnere mich an eine und den Regen, eine semitransparente Gardine, den Nebel und den Park, den ich von meinem Fenster im Nebel sehen konnte. Heute strahlt der Park im letzten Licht und heißt Giardini Indro Montanelli. Wir gehen gerade durch. Von hier aus weiter bis zum Duomo, auf dem in meiner Erinnerung immer einer Nothing else Matters spielt. Schlendernd durch die Galeria und Caffee bei Camparino im Stehen. Ich weiß jetzt, dass das die Scala ist und die Galeria Vittorio Emanuele heißt. Ich gehe frühs zu Cova und schreibe Briefe. Mittagsessen Milanese. Tragische, schöne Schwere. Im Innenhof stehen Maulbeerbäume und keine Bäume mehr. Ich reduziere die Stadt nicht nur auf Mädchen, die gut gekleidet durch schlechtes Wetter gehen und ihre Einkäufe tragen (lassen). Ich habe den Platz mit dem Leonardo gesehen. Mit einer Frau. Im Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Mailand ist jetzt mehr,  außerdem habe ich Hemingways Farewell to Arms gelesen. Mailand ist jetzt mehr, und Stresa ist wie Mailand mit Meer. Nördliche Tristesse mit südlichem Charme. Am Bahnhof sind drei Schilder, das muss ich erzählen. Eins für die Bar, eins zur Toilette und das, auf dem Uscita steht, zeigt einen Menschen, der sitzt und liest. Über ihm hängt eine Uhr. Irgendwie find ich das schön. Alles ist geordnet und pünktlich, meine Freundin kann nicht glauben, dass das dasselbe Land ist, in dem auch Neapel liegt. 14 Uhr ist aber auch hier immer noch ein guter Morgen. Und wenn man einen Teller Tagliatelle bestellt und dazu Tomaten will, hat man den Tomatensalat, und wenn man nach der Weinkarte fragt, gleich Wein, vier Flaschen, und sein Croissant warm zum Kaffee möchte, kein Croissant, keinen Kaffee, keine Museumstickets, obwohl man doch vor Wochen welche reservieren ließ und auch keine Badehose an, ich gebe auf. Man kann die italienische Art zu kommunizieren, nicht so beschreiben, dass man sieht versteht, denn man versteht sie nicht. Sie führt nirgendwohin. Wir kommen deswegen mindestes genauso kompliziert an wie Hemingway. Einen verpassten Zug später und ein paar Mal falsch umgestiegen, fertig ist der Streit. Ich meinte, ich könnte die Karte besser lesen und dann die Explosion. Stimmung wie nach einer Atombombe. Man hat das Gefühl, das man hat, wenn man durch Orte geht, die sonst sehr belebt sind. Der Rummelplatz ist tot und nass und unheimlich. Aber mit Hass und Wut lässt sich das Gepäck leichter zum Hotel schleppen […]

TERTULIA

TERTULIA

An einem feuchtkalten Januartag im Juni, es war zum Zerreißen kalt, tritt nach durchzechter Nacht, frühmorgens, eine Gruppe Männer in das Lokal, und verlangt nach Kaffee. Sie sehen fertig aus und stinken, riechen das aber nicht. Ihre Anzüge sind geknittert. Der Rest ist von Leidenschaften verzehrt. Von einem Leben, davon, dass sie für all die Momente kämpfen, die in Schönheit und Wahrheit alles überstrahlen und davon, dass sie davon keinem erzählen können, außer denen, die es mit ihnen erleben. Leidenschaft ist vielleicht das schönste Deutsche Wort, das es gibt, auch wenn es nicht so klingt, aber wenn alles in ihnen klar wäre, wären sie dann um diese Zeit ins Lokal kommen? Würden sie ihre Frauen lieben und ihnen alles geben, das Glück, genauso wie das Unglück, das dafür nötig ist. Diese Männer stehen in Verbindung mit ihrem Innersten, ihren Gefühlen und Gedanken und sie kämpfen damit. Sie können nicht anders. Sie müssen es tun und damit ist ihnen genüge getan. Weil sie es tun mussten. Bis hierhin ist der Anfang schon mal schön und gut und geklaut, so schön und gut, dass ich ihn nicht einfach so ungeklaut stehen lassen konnte. Wer auch immer ihn geschrieben hat, hat ihn einfach so stehen lassen und nichts daraus gemacht. Vielleicht hat er ihn aber auch gar nicht selbst geschrieben, sondern auch selbst geklaut und dann stehen lassen. Jetzt gehört er mir, ist mein Text. Vielleicht ist es schon immer meiner gewesen und ich habe nur vergessen, dass ich ihn geschrieben habe. Jedenfalls mache ich was draus, wobei der Anfang so gut ist, dass danach eigentlich gar nichts mehr kommen braucht. Die nächtliche Vergänglichkeit führt sie in eine Bar, dorthin, wo die kleinen Gassen auf großen Plätzen enden. Die Häuser fallen übereinander her. Verträumt blickt die Straße zum Fluss. Portugal hat die Weltkugel auf der Fahne und Melancholie in der Brust. Träume und Trauer. Vor allem morgens, wenn die Zeit stillsteht. Schon mal aufgefallen? Die älteste Nation Europas leidet am Herzweh einer mysteriösen Multiplikation von Gefühlen. Sie leidet nicht am Leid, sie genießt es, erfreut sich daran. Schweigt, steht an Theken und wandert mit den Blicken in die Ferne zur Theke und wieder zurück. Denkt, das blauste Meerwasser ist immer noch uns und wir haben China missioniert, Lissabon erbaut und gehalten, Priester nach Tibet geschickt, das Christentum bis nach Japan geschifft, Märtyrer geschaffen, die Europameisterschaft gewonnen, starke Frauen gezeugt, Brasilien regiert, die ganze Südhalbkugel portugiesisch sprechen lassen, mit Zucker gehandelt, Gewürzen, Menschenleben und Gold. Kaffee kostet hier immer noch 60 Cent und man ist da stolz drauf, wie auf den Largo do Carmo, der jetzt still und friedlich im Zentrum liegt, wie eine Dorf. Jacarandablüten fallen heute noch wie Bomben auf den Platz und verzaubern die Umgebung. Der süßen Seite der Wehmut steht das bittere Erkennen der Realität gegenüber. Ruinen. Die Dinge sind nicht mehr so wie sie sind, man kann sie nicht ändern und hat deshalb Poesie draus gemacht. Dichtet, bis alles verloren ist, aber so lang wird die Gruppe Männer nicht bleiben. Sie sind gekommen, um zu reden, miteinander, von sich, einer von ihnen bin ich […]

AMALFI

AMALFI

Am Ende jenes Sommers wohnten wir auf einem Berg in einem Dorf fast im Himmel, das auf viele andere Dörfer auf anderen Bergen blickte, die auch fast im Himmel waren. Die Berge waren steil und das Meer unerreichbar und keine Stufen führten zum Meer, die man gehen konnte. Enge Straßen liefen entlang der Weintrassen von den Dörfern zum Meer und man sah die Kaps und Buchten, mit den Straßen, die sich in die Ferne schwangen, wie ein sanfter werdendes Vergehen. Meer und Himmel lagen in einem Blau, ohne Grenze, wie Unendlichkeit, die man von den Terrassen aus sehen konnte. Erst am Abend trennten sich Himmel und Erde wolkenlos, bis zum nächsten Tag, und Capri erschien am Horizont und das ganze Meer mit seinen Inseln und Booten, der ganzen gigantischen Golf bis zum Vesuv. Die von der Sonne ausgeblichen Farben kehrten langsam in ihre Dinge zurück und eine Art Ende lag in der Luft. Herbst und Stille, der Geruch von kühler werdendem Grün, dass heimlich in der Dämmerung bewässert wurde. Das Grün hatte viele Farben. Manches war noch jung und fickrig, wie nach einem Vulkanausbruch, anderes sah tausend Jahre alt aus. Grüner und schöner noch als die borromäischen Inseln, der Garten der Villa Orengo und den Kaps der Côte d’Azur, Wagner, Sissi, leider, eigentlich unbeschreiblich und das sage ich nicht einfach so. Ich habe es lange probiert und viel geschrieben, aber nichts, was so ist wie hier. Eine Landschaft ist ja vor allem immer ein Gefühl und das lässt sich nicht beschreiben, nur vielleicht die Landschaft, bei der man es hat. Eine Allee unter Bäumen, von Steinmauern gesäumt, ein Götterquergang, durch den Garten, der am Ende die Klippen hinabstürzen will. Es ist vielleicht der sinnlichste Ort auf der Welt, um sich das Leben zu nehmen. Die Menschen nennen dieses Ende dell’Infinito, trotz seines Geländers und sehen von hier auf die Welt und sehen, dass die Welt doch gut ist, fast Himmel, man berührt ihn ja fast und könnte Göttern glauben, wieso auch nicht? Das Ende des Kaps sah aus wie der Olymp, oder was man sich unter Olymp vorstellt, wenn man mal durch Homers Odyssee geblättert hat. Sirenen mit geflochtenen Haaren und entschlossenen Gesichtern, in offenen, hellenische Kleider, die Fotos für ihr Instagram machen. Der Anblick des Meeres hatte ihnen die Augen blau gefärbt und die Araber, die in den Häfen mit ihren Müttern schliefen, schwarzes Haar und dunkelblonde Haut. Sie heißen Serena oder Gaia, und wollen gar nicht, dass man Kriege für sie führt, nur, aus Sehnsucht zur Antike, sondern nur, dass man sie, kurz bevor die Welt ins Meer fällt, vor diesem Ausblick fotografiert. Abgesehen von denen wussten wir in jenen Tagen nicht, welche Zeit gerade ist und wie spät es war in welcher Epoche. Die  Momente hielten an, wie von Catel und Schinkel gemalt, ohne zu vergehen. Die vielen steilen Treppen hielten die dicken Amerikaner fern und nur manchmal sah man einen Buntangezogenen, durch die Zeitlosigkeit unseres Gartens mähen, wie ein dicker Pflug mit Uhrzeit und Datum dran. Manchmal zogen Gewitter auf und brachten Regen, aber der konnte dem Wetter nichts. Er hatte nicht die gleiche traurige Wirkung. Erst kam Wind und dann Wolken, die den Regen von den höheren Bergen im Süden brachten. Die Boote flohen in ihr Häfen und zogen weiße Linien im Blau, die dann in der Strömung zurückblieben, wie die leise Spur einer Erinnerung. Wir kannten solchen Regen nicht. Er war gnädig und nahm nicht die gesamte Farbe des Himmels in Anspruch, und war auch schon wieder weg. Für einen Moment sah die Welt dann aus, wie ein Glas Rosé, das man gegen die  Sonne hält. Alles war still und die Dinge dampften. Die Nacht kam aus den Tälern und man sah, wo noch überall Häuser waren. Sie schienen einsam und allein in den Bergen wie Sterne oder flimmerten in fernen Buchten über dem Meer. Andere Gewitter verschonten die Tage und kamen bei Nacht. Die waren heftig und blieben lange und die Welt wurde so nass, dass man dachte, sie könnte nie wieder trocken werden. Es regnete in die Träume und man wurde wach, weil der Regen durch die offenen Fenster fiel. Einer von uns musste dann auf die Terrasse, immer ich, und sah raus und spürte die Hitze und sah die Gärten mit den Kieswegen unter mir, schön und grün und nass, und das Meer im Mondlicht. In diesen Nächten, im Hotel, in unserem Zimmer, mit dem Gewitter draußen, und uns im Bett, nachdem man sich von einem bestimmten Gefühl befreit hatte, und den leeren Gängen, wurde man wieder gläubig. Man sagt, wer die Welt so gesehen hat, kann gar nie mehr unglücklich werden […]

TRAGÖDIE

TRAGÖDIE

Manche Parks gehen abends, andere frühs. Der Torel ist so ein Abendpark, ist aber immer zu und am Nachmittag kann man da nicht hin, weil dann alle hingehen. Nachmittags geht man besser in den Botto Machado und frühs in den Jardim do Campo de Santana so wie alle alte Männer mit Tageszeitungen, die sich gut gekämmt auf eine Bank setzen und gucken, was passiert. Wir waren aber neulich auch abends da, weil der Torel zu war und das ging auch. Auch ohne Tageszeitung. Den Park kann man einfach nicht abschließen. Wir standen in einer Gruppe zusammen und einige saßen auch auf den Lehnen der Holzbänke oder auf den Treppen, weil die vom Tag noch schön warm waren. Wind wehte. Es war kalt, aber wir hatten genug getrunken und das Trinken und die Treppen fühlten sich an wie heißer Sand, auf den man seine Haut am Strand gern legte. Die Bäuche waren voll, denn wir kamen von einem schönen Dinner im Zé de Mouraria II, das so gut läuft, weil das Mittagessen im Zé de Mouraria I so lange so verdammt gut gelaufen ist, dass sie ein zweites Lokal aufmachen konnten. Man kann nicht malen, wie wir da gerade gegessen hatten. Der Tisch sah nach dem Essen aus, wie ein Gemälde. Wir kamen rein und Duarte rief gleich den Kellner, Maestre, rief er und fragte, was er dahat. Er wusste, was er will. Carapauzinhos fritos und Tomatenreis und dann Schokoladenmus mit Kaffee und einer Träne Whiskey. Er prüfte das Lokal nach allen Regeln der Kunst. Schaute auf die Öffnungszeiten, sagte gut, samstags nur bis zum Mittag geöffnet, sonntags zu, montags keinen Fisch. Immerhin. Ich sagte doch, er könne mir vertrauen, aber er vertraute keinem Deutschen, der ihm Lokale zeigt. Er war auf dem Hinweg deswegen ganz nervös und aufgeregt gewesen und sein Fado oder Stierkampfkumpel, konnte mich nicht ausstehen. Wieso lassen wir uns von einem Deutschen Plätze und Lokale zeigen, sagte er zu Duarte auf Portugiesisch und dachte, dass ich das nicht gehört hätte, aber ich konnte es hören. Die vielen portugiesischen Gespräche, an denen ich teilnahm, aber nicht mitreden konnte, hatten mir das Zuhören beigebracht. Er war ein sehr bekannter Sänger oder Stierkämpfer oder beides und er stand unter Druck. Er mochte es ganz und gar nicht, dass ich ihn nicht kannte, denn jeder kennt ihn, sagte Duarte und als wir in das Lokal kamen, kannte ihn jeder. Er hatte das Alibi des Gewesenen an sich und hielt sich für den Beschützer einer verlorenen Zeit. Beim Essen erzählte er von glorreichen Donnerstagnächten im Campo Pequeno. Sein Hemd stand dabei weit offen, noch weiter als meins und ich sagte, dass ich das sehen kann. Was, fragte er? Das Hemd und ob es mit Absicht so weit offen ist oder mit Absicht unbeabsichtigt. Man muss so viele offenen Knöpfen schon tragen können. Und wie er sie tragen konnte, als er aufstand und seinen Fado sang und ich seine Rotweinzähne sehen konnte.  Er war ein guter Mann, der nicht schlecht über Frauen redete und nicht davon redete wie viele er gehabt hatte. Man konnte ihm jedoch nichts von Liebe erzählen oder man konnte es schon, aber man bekam dafür keine Anerkennung, nur Sprüche, Phrasen, Ironie, weil er es selbst nicht hatte und haben wollte oder hatte, aber in scheiße und deswegen konnte er es nicht hören, weil er es nicht verstand, vielleicht irgendwo in sich drin, aber dafür war ich zu schwach. Am Ende waren die Jungs total begeistert vom Essen, weil das Brot warm, der Wein gut, der Käse deftig, die Oliven purpurn waren. Der Fadosänger machte sogar Fotos mit mir und fragte, ob ich noch eine Bar kenne, die aufhat und ich sagte, ich kenne zwei. In die eine kann ich nicht und an die andere […]

OHNE GRUND

OHNE GRUND

Es war schön, einen Grund zu haben, frühmorgens durch den Jardim Maîtres da Patria gehen zu müssen, aber es gab kaum einen und niemand, den ich kannte lebte da oder dahinter, also kein Weg führte daran vorbei und keine Lokale, in die wir gingen oder sonst irgendwer gehen konnte, schon gar nicht zu dieser Zeit. Man konnte ja morgens nicht einfach ohne Grund aus dem Haus, bis zum Maîtres da Patria, um Kaffee in der Sonne zu saufen und sich über die Enten zu freuen, die in den beiden Teichen des Parks ihr Zuhause hatten, so wie man es machte, wenn man in die medizinische Fakultät musste, die hinter dem Park lag, um sich auf die Seuche testen zu lassen. Das war so ein Grund und wir wussten es zu schätzen, Sachen auf Wegen zu erledigen, die andere zum Spazieren benutzten und den Park zu sehen, auch wenn das kein guter Grund gewesen war. Andere Orte hatten bessere Gründe, um zu einer Zeit an ihnen zu sein, zu der man sonst nie an ihnen gewesen wäre. Gerade die Baixa. Man konnte da gut was besorgen gehen und auch gut hingehen, wenn man nichts zu besorgen hatte. Man konnte sich die Schuhe wichsen lassen, wenn man welche hatte, die sich wichsen ließen oder eine Morgenausgabe kaufen, wenn man für eine von denen Zeitung schrieb, die der Kiosk daliegen hatte. Man konnte auch Interviews geben, wenn man jemanden kannte, der einen was fragen wollte und am nächsten Tag dann gleich nochmal hin, um in den Morgenausgaben zu lesen, was man nie so gesagt hatte. Aber das kam eigentlich nur einmal vor, in der Zeit, als die internationalen Zeitungen, wegen Schnees in Madrid, nicht in Lissabon ankamen und der Bauch von Jorge explodierte, weil der nie richtig aß, hatten die anderen Schuhputzer gesagt. Zu viel Wein auf leeren Magen, das räche sich halt irgendwann, hatten sie gesagt. Auf jeden Fall kam man hierher, um frühe Frauen zu treffen, die in schönen Kleidern, vor einem geschäftigen Hintergrund, in Cafés saßen und mit anderen frühen Frauen was Eiliges zu besprechen hatten, bevor sie in Kanzleien stiegen oder in Flugzeuge oder in der Stripshow auftraten, die oben am Bogen zum Rossio lag. Ganz im Schatten der Unterstadt, in deren Schluchten immer noch die letzten Reste der Nacht hängen und von Straßenfegern entsorgt werden müssen. Die ganze Angst und das bisschen Rettung, durch die Strahlen eines neuen Tages, der langsam durch die müden Wolken scheint. Kellner stellen Stühle raus. Menschen müssen irgendwo hin und die Eiligkeit steht ihnen, vor der Arbeit, wenn sie noch frisch sind. Sie eilen durch schöne Parks und über weiße Plätze, bevor sich die endlose Kette der Ereignisse in Gang setzt und alle zu spät kommen lässt. Einen nach dem anderen, der wegen dem einen dann den anderen sitzen ließ und der eine, nicht früher zum anderen konnte, weil der zu spät gewesen war, blablabla. Man muss sich die Zeit nehmen, man hat sie nicht und kann nicht am Leben vorbeirennen, wie es sich bietet. Es hat einen Anspruch darauf gelebt zu werden. Oh ich hoffe, dass meine Freundin mich Portugiesisch macht, bevor ich sie Deutsch machen kann. Denn trotz den Gesprächen mit Kellnern und Straßenmenschen komme ich nie zu spät, nirgendwohin, weil ich keine Termine habe. Jacke chronisch über die Schulter geworfen (immer eine dabei). Nicht mal, wenn ich irgendwo hinmuss und spät dran bin und die Jacke am Finger trage und einer ruft: Òla Konstantino, como e que? Pedro aus dem Garaffenladen oder Antonio unter den Arkaden. Die Kellnerinnen der Tendinha oder die Fleischerjungs, aber die kennen meinen Namen nicht, die rufen nur. Am schönsten ist es, wenn die Kellnerinnen rufen, Konstantino querido rufen die dann, Já comeste pequeno-almoço, ob ich schon gefrühstückt habe und ich sage nein und sie rufen, komm her, wir braten dir ein Ei. Das sind so herzliche Frauen und das Highlight ihrer Tage ist, sie im Kalender durchzustreichen oder mir ein Ei zu braten. Sie fragen dann, ob ich wüsste, welchen Tag wir heute haben, damit sie ihn durchstreichen können und ich sage nein. Sie wissen es genau, aber sie wollen es genauer wissen und gehen raus und fragen besser noch mal nach. So ist Lissabon […]

ANFÄNGER

ANFÄNGER

Ich kann meine Erfahrungen nicht mehr auseinanderhalten, sie Menschen und Momenten zu ordnen. Zeit und Ort mit Erlebtem versehen, wie bei einem Dokument, das in Erinnerungen abgeheftet wird oder als kleines privates Abenteuer, das nie gesagt, aber geschrieben wurde. Man kann die Dinge nicht einfach so schreiben, selbst auf Bildern verschwimmen sie, greifen von der Stadt einer Erfahrung in die nächste über. Und wenn man sie dann schreibt, um den Menschen davon zu berichten und sie von einander fern zu halten, kann man sie nicht schreiben, ohne emotionales Zeug dran, mit dem sich die Leute selber infizieren, die das lesen. Sowas wie Tod, kennt jeder oder hat zumindest schon mal davon gehört, wie man von einer Fernreise hört, die jemand macht, den man gut kennt und das Gefühl auslöst, selbst am Balkonfenster dieses Hotels zu stehen und in die heißen Straßen zu blicken, obwohl man hiergeblieben ist. Sind ja schon dümmere vor uns gestorben. Aber keine Angst, die Mission hält uns am Leben. Vom allgemeinen zum speziellen bedeutet das: Die guten Zeiten bringen uns um. Wir sind am Ende dieser Geschichte so fertig, dass wir zehn Stunden schlafen und immer noch fertig sind. Die Tage hatten nie genug Stunden und die Nächte waren kurz. Wir wollten ja ins Bett, aber natürlich raucht und trinkt man noch einen mit, stirbt ein bisschen mehr, besonders, wenn man selbst der Grund fürs Trinken ist. Ich glaube, ich kann meine Leber fühlen, weiß jetzt genau wo sie sitzt. Aber vielleicht ist das gar nicht die Leber, das wäre schön. Mein Problem? Ich kann keine Mahlzeiten mit Menschen zu mir nehmen, die mir was bedeuten, ohne Wein. Sie wollen, dass wir trinken und sie wollen, dass wir rauchen, ohne rauchen und trinken zu müssen. Eine, und noch eine, einen nach dem anderen, weiter, immer weiter, mehr und mehr, immer leichter wird es schwer, so wie bei Stierkämpfern, die sich immer näher an den Tod heranwagen müssen, weil sich die Menschen einfach an alles gewöhnen, an das Schlechte, und auch an das Gute, daran, dass man fressen kann, ohne fett zu werden, dem Tod von der Schippe springt. Haben wir das Spiel zu weit getrieben? Die Verzeihung der Jugend verzockt? Intensität und Genuss, ohne die Gefahr eines drohenden Krieges. Gar kein schlechter Organismus, ich weiß, bin Zeuge meiner eigenen Empfängnis geworden. Man darf das nicht tun, nur weil es ein Klischee ist, aber man darf das auch nicht nicht tun, nur weil es eins ist. Man trinkt und raucht nicht auf seiner Lesung, um einem Ideal näher zu kommen oder einer Geschichte, die man selbst von sich geschrieben hat, sondern um sich festzuhalten, wie an einem Geländer. In Wien werden Legenden so Wirklichkeit, in Paris ist das umgedreht und in Zürich hat es nie Legenden gegeben. Man steht da, verabschiedet sich und jeder geht in seine Stadt. Die Ländergrenzen verschwimmen zwischen Phantasie und Wirklichkeit. Wo fängt das eine an, wo hört das andere auf und hört das eine überhaupt auf oder fängt das andere nur an? Siehst du, wir können ja nicht mal vom selben Land reden, wenn wir vom gleichen sprechen. Vier Flüge, acht Züge und weiß ich wie viele Taxifahrten später. Wo ist eigentlich mein Handy? Wenn man in drei Wochen drei Opernhäuser sieht, macht das was mit einem. Die kleineren Städte und München gar nicht mitgezählt. Die Münchner Oper wäre in Paris oder Wien ein Schuppen, in den man Dinge stellt, die man nicht braucht, aber auch nicht entsorgen kann, weil man sie von einem Arschloch bekommen hat, das das ganz genau wusste. Ach es war doch ein sorgloser Sommer. Wir fickten, als ob es keine Kinder gäbe. Fuhren von Stadt zu Stadt, Freunden zu Freunden, und den Freunden, zu denen wir fuhren, waren die Freunde, von denen wir kamen, total egal. Wir sprachen Englisch in vielen verschiedenen Sprachen und wie die Leute mit uns Englisch sprachen, verriet uns viel über die Sprache, in der sie es sprechen konnten. Wir wohnten in guten Hotels, besuchten Museen, liefen durch Parks, saßen in Cafés, standen an Kästners Grab und wollten Wein draufkippen, hatten aber keinen dabei. Wir waren jung und frei und froh, bis auf die Probleme der Vorstellungskraft, die wir uns selber machten. Richtige Probleme hatten wir nicht, obwohl die nie so schlimm gewesen wären, wie die, die wir uns selber machten […]

PARIS

PARIS

Die romantischste Stadt der Welt ist für uns eine Notlösung. Nur Mittel zum Zweck. Erst Neulich, weil wir unseren Flug in Rom verpassten und der nächste zwölf Stunden Aufenthalt in Charles de Gaulle hatte und jetzt wieder, weil wir in Lissabon leben und nach Deutschland mussten und die Deutschen denken, dass Portugal von Mutanten regiert wird. Also konnten wir nicht direkt fliegen, sondern nur bis Paris, um dann wie internationale Haftbefehle heimlich mit dem Zug einzureisen. Das erste Mal Paris war eigentlich ganz schön. Jardin du Luxembourg, früh am Morgen, metallischer Regenhimmel, typisch Paris. Beim zweiten Mal war es genauso nur noch mit Wind und all den Erwartungen, die wir beim ersten Mal nicht hatten, weil ich beim ersten Mal dachte, dass es sowieso scheiße wird, sobald ich meine angelesene Phantasie von der Stadt mit ihrer Realität vergleiche. Aber so war es nicht und diesmal konnten wir mit unseren angefangenen Erinnerungen weitermachen. Oder eben nicht. Man kann bei all den Erwartungen, die Paris aufspannen fast nur eine Scheißzeit haben, gerade als Liebespaar, und vor allem als Autor. Es fühlt sich komisch an, Autor in Paris zu sein, und dazu noch Verliebter. Ich könnte das nie länger als ein paar Tage durchhalten. Da wären zum einen die Frauen, die viel zu direkt sind. Der französische Weg ist ein direkter Weg zu den Ursprüngen der Menschheit zurück. Zum anderen die Weinpreise, die für einen Schriftsteller so wichtig sind, wie der Ölpreis für Schwerlasttanker im arabischen Golf. Mal schnell vierzig Euro für die Flasche und da hat man noch keinen Espresso für fünf Euro getrunken. Und keine Zweite. In Lissabon ist das nicht so, aber Paris muss gar nicht schlecht sein, damit Lissabon gut ist. Lissabon ist heute nur so viel mehr Paris als Paris, der Liter für vier Euro, Hallo? Wir haben das gleich im ersten Bistro miteinander diskutiert. Meine Freundin meint, das wäre schon immer so gewesen, ich sage, nein das wäre nicht so. Die Ländlichkeit wurde aus den Gassen vertrieben und aus den Gassen hat man Laufstege gemacht, mit Verkehrsschildern dran und voll mit parkenden Autos. Es ist eine ausgestopfte Kultur, die höchstens Amerikaner und Chinesen noch für die alte Welt halten, ohne Schatten, voller Schaufenstern. Ich sehe mich in diesen Schaufenstern vorrübergehen und sehe nicht gut aus. Die Stadt steht mir nicht, sie rennt an mir vorbei, ihr Parfüm weht durch Arkaden und wird von Karikaturen umhergetragen. Alle eilen irgendwo hin, nur wohin? Sie eilen in den Tod und man fühlt sich, wie man sich in einer hellen, teuren Boutique fühlt, wenn man sehr alte Klamotten trägt und stinkt und noch nicht sterben will. Paris ist eine hektische Stadt, oder mir fällt erst hier auf, wie schön langsam Lissabon ist. Wir haben halt nur nicht solche Terrassen, solche Markisen. Sie leuchten auf den Bürgersteigen wie Galaxien, Zeremonien der Zivilisation, die Bravour der Geselligkeit. Es gibt nichts Schöneres für eine Hausecke auf der Welt, als ein Pariser Eckcafé zu werden. Ein Wiener Eckcafé ginge auch, aber die Cafés in Wien finden drinnen statt, in Paris sind sie draußen. Selbst die hässlichsten sind schön. Kosmisch gemütlich, vor allem bei Nacht. So voller Leben. Normal erwachsene Männer mit normal erwachsenen Frauen, die sich in jenem Rhythmus wiegen, der die Welt bewegt. Vor einer Flasche Wein. Diese Cafés sind die Bühnen der Boulevards, auf denen das ewige Schauspiel der Menschheit aufgeführt wird. Der Wert, den dabei alles Geistreiche in Paris, ach in ganz Frankreich, einnimmt ist phänomenal. Eine Gesellschaft, die das mit dem Rauchen noch versteht, denn sie rauchen nicht wie die Deutschen, die das nicht verstehen, und sie sitzen auch nicht so im Café oder fahren mit dem Zug, sie tun das alles lebendiger, geistreicher. In den Parks wachsen Kastanien, über die man im Herbst laufen kann. Im Sommer sind die kopfhoch geschnitten. Menschen sitzen da und haben was zu klären haben. Französisch ist eine gute Sprache, um Dinge zu klären und wir wollten sowieso seit Tagen mal reden. Ich hatte mir nach einem Streit zwei Seiten notiert, aber nie den richtigen Moment gefunden, so wie man ihn unter den Kastanien findet oder den Markisen der Closerie des Lilas, oder […]

Weisse Nächte

WEISSE NÄCHTE

Es war ein schöner, sonniger Nachmittag, als wir in jenem Teil der Welt ankamen, durch den man den anderen und dann die ganze Welt besser versteht. Von einem Chauffeur und einem Bad in der Dostojewski Suite des Grand Hotel Europa trennte uns nur noch die Laune eines russischen Grenzbeamten. Die Sonne fiel durch die Fenster und heizte die Luft auf, das machte die Szenen dramatischer. Im schlimmsten Fall würden wir die Nacht am Flughafen verbringen oder einen Flug finden, den wir uns leisten können, zu einem besseren Flughafen, an dem die Männer keine Schlagstöcke tragen und die Sonne nicht so heiß durch das Glas fällt. Der Tag hatte sehr aufregend begonnen. Man wollte uns schon am Morgen in Lissabon nicht ins Flugzeug lassen. Warum weiß ich auch nicht, aber ich wusste, dass ich mir von dieser Flughafentante, mit ihrem Flughafentablet, nicht unsere Träume zerreißen lasse. Da standen wir, frühs um vier, mit all unseren Dokumenten in Urlaubsklamotten am Check-in und die Tante meinte, wir dürften nicht fliegen. Meine Freundin versuchte es unter Tränen und ich machte einen fürchterlichen Aufstand und sagte, sie müsse uns doch wenigsten die Tickets nach Paris geben, mir doch egal was ihr Flughafencomputer sagt, in dem schlägt kein Herz. Ich wusste, wenn wir einmal in Paris wären, würden wir es nach St. Petersburg schaffen und wir schafften es ja auch, so wie ich es ihr an jenem Morgen in Lissabon versprochen hatte. Jetzt mussten wir in Russland nur noch nach Russland kommen. Man nahm unsere Pässe und ließ uns stehen. Bestimmt eine Stunde. Dann kam einer mit Polizeihut und meinte, wir dürften nicht einreisen. Und wieso? Weil wir über Paris geflogen wären. Das war doch aber Transit. Er sagte, ja er wisse das, aber das wäre egal. Und nun? Wir hätten zwei Möglichkeiten, entweder wir fliegen nach Helsinki und kommen mit einem Direktflug wieder oder wir kaufen Fußballtickets für die Europameisterschaft und lassen uns eine Fan ID machen. Ja, das war das Level und wir kauften Tickets für ein Spiel, dass wir nie sahen und wurden Fans eines Landes, das wir nicht kannten und durften Einreisen. Ich hätte nie gedacht, dass mich der Klang eines Passstempels mal so glücklich machen würde. Wir sind Europäer und ich dachte daran, wie es wohl ist, keiner zu sein und wie sich Stefan Zweig damals fühlte und was er mit gültigen Papieren und seinen Büchern meinte und ich dachte an all die anderen, die nach Lissabon kamen und auf ein Visum hofften, weil sie den Krieg im Nacken hatten. Was Ost und was West bedeutet, erkennt man dort, wo sie unmittelbar aufeinander knallen. Grenzbeamte sind menschenverachtend und das schlimmste an ihnen ist: sie genießen diese Verachtung sehr. Sie sind das Erbe unsere Abgründe, das, was uns voneinander trennt und in Nationen unterteilt. Diese Leute arbeiten zwischen Gesetzen, spielen Gott. In dieser staatenlosen Welt ist man machtlos. Sie schauen einen minutenlang an und sie schauen deine Freundin noch viel minutenlanger an und fragen, ob das wirklich sie ist, da auf dem Foto und ob sie sich mal drehen könnte, und man will ihnen dafür auf die Schnauze hauen. Ich sehe sie nicht als Freundin, oder das, was ich damit verbinde, weil ich viele schlechte Männer davon reden höre. Ich sehe sie als das heiße Mädchen, was sie ist und für das ich kämpfe und das mit mir gekommen ist, weil sie mit mir kommen will und ich der Mensch bin, mit dem sie all diese Dinge tun will und all diese Orte sehen will. Man hatte uns gesagt Russland wäre kein guter Ort für die Liebe, aber das wollte ich nicht glauben. Nicht einfach so. Nicht St. Petersburg. Puschkins Weltstadt […]

AM HANG LANG

AM HANG LANG

Man schwitzt immer, wenn man oben ist. Es gibt keinen anderen Weg nach oben, der nicht bergauf geht. So ist der Largo da Graça nun mal. Am einfachsten kommt man aus Osten auf ihn hoch, dauert aber auch am längsten und wenn man aus Osten kommt, muss man aus Arroios oder Olaias auf ihn hochgekommen sein und niemand kommt aus Arroios oder Olaias gerne irgendwo hoch. Besser läuft man die Serpentinen hin zum Fluss. Dann bekommt man den Weg nach oben gar nicht so mit. Schöne Aussicht, tolle Erfindung, diese Serpentinen und wenn man ein Rendezvous hat und sich gleich küsst, muss man halt früher hochgehen und irgendwo in einer dunklen Ecke warten bis man wieder getrocknet ist. Fett wird man so nicht. Kann man gar nicht werden, bei den ganzen Hügeln und Treppen hat man sich den Wein abgelaufen, bevor man ihn getrunken hat. Rein damit, aber wo bleibt Pedro, die Sau. Ich warte schon ’ne Stunde auf den Kerl. Eins, zwei Bierchen wollten wir trinken, rumlaufen, was essen. Wo ist geheim. Darf ich nicht sagen, weil man in diesen Tagen ins Gefängnis kommt, wenn man sagt, wer für andere Leute kocht und dann dafür Geld nimmt. Ich warte und warte und warte, warte auf einem Platz, unter dem endlosen grauen Himmel eines Nordatlantiktiefs. Sitze, laufe rum. Warte und schaue in die Schaufenster. Sehe mich und denke, dass ich gar nicht so schlecht in den Fenstern aussehe. Komm, denkt doch jeder mal, wenn er was Neues anhat, aber ich denke dann noch bei wem vorbeizugehen, damit man es sehen kann. Mein neues Hemd ist blau und hat Streifen. Sieht toll aus. Drüber habe ich Hosenträger gelegt. Ich, Ich, Ich, das sagt meine Freundin auch immer. Was haben wir hier nicht für Straßenszenen gemacht, in all diesen Gassen. Stiegen, fielen, starben. Standen wieder auf, um dann noch höher zu steigen, tiefer zu fallen, ohne zu sterben, Himmel und Hölle, Senhora do Monte. Ich sehe einen Typen, so in meinem Alter, der anscheinend auch wartet, und bin froh, dass meine Freundin den nicht sehen kann. Wie gut der beim Warten aussieht, wartet viel besser als ich und sicher ohne den Scheiß, der das Warten mit mir so schwermacht, aber auch nicht so aufregend. Vorne am Geländer lehnen noch zwei Frauen. Jetzt kommt eine dazu und bringt Bier mit. Toll, wie sich die Leute in dieser Stadt begegnen, einfach so, oder lieber nicht, treffen und zusammenkommen, irgendwas zu reden haben, wie auch immer, Was für ein trister Nachmittag das ist. Das ist doch kein gewöhnliches Nordatlantiktief mehr. Der Himmel dieses Nachmittags sieht eher aus, wie der über Neapel, wenn Scirocco weht, wobei der eigentlich nicht weht, der drückt sich heran, trägt den Wind aus Afrika faul übers Meer, hält die versammelte Hitze der Wüste in den Wolken fest. Die Sonne ist seit Tagen nicht zu sehen und der Himmel ist diesig und weiß. Sieht aus wie Smog. Ein glühender dumpfer Punkt. Mehr nicht. Ein Regenhimmel, von dem keine Gefahr ausgeht: der schlimmste Himmel. Er schlägt auf dein Gemüt wie eine drohende Faust, die nur ausholt, wie Streit und wie Schnaps, und hält deine Stimmung fest im Griff und du wartest auf die Erlösung, um dich so oder so zu fühlen, aber nicht mehr so und so. Dazu noch dieses ganze Zeitumstellungsgefühl. Wie kann man die Gefüge der Welt so einfach durcheinanderbringen. Zeit und Raum, Kontinuen, unveränderbare Fakten, sind wir Gott? Es ist spät, aber hell und solange einem das auffällt, ist der Frühling frisch. Der Winter in uns überstanden. Alles poppt, aber langsam, das Schnelle ist eine Erfindung der Pornoindustrie, die es damit schafft sogar schlaue Männer […]

KOLONIAL

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Wir kamen als Liebespaar auf die Blumeninsel und wollten die Blumeninsel als Liebespaar wieder verlassen. Ein paar Tage Urlaubsstreit und die Suche nach unserer portugiesischen Riviera. Die Insel eignet sich hervorragend für Verliebte. Alles ist sehr grün und sehr blau und sehr schön und das Schöne ist, dass es hier nichts Schönstes und Größtes und Erstes gibt. Die Insel kommt ohne Attraktionen aus. Hat keine Superlative nötig. Sie ist und das ist einfach schön. Man muss nur leichte Weine trinken, Blumen pflücken, die Attraktionen in sich tragen. Es gibt keine Eiffeltürme, Petersdome, Kolosseen. Keine bedeutenden Kunstsammlungen, von denen wir gehört hätten. Nur wurde ihr  von den vielen Kurven ganz schlecht und sie meinte, ich solle die Kurven doch bitte gerader fahren. Es musste so kommen und wir hatten es kommen sehen. Man sieht es immer kommen, kennt die Vorzeichen, fragt sich, wie das nur möglich ist, kann sich aber nicht entziehen und wird von einer unsichtbaren Kraft in den Abgrund gezogen. Man verschwendet seine Zeit nie, solange man sie ehrlich miteinander verbringt, aber wenn man aufeinander wütend ist, ohne etwas zu sagen und sie dann noch das letzte Stück Melone isst, ohne zu fragen, will man umfallen oder sich ins Meer stürzen. Man spricht miteinander und denkt sich zu verstehen, aber versteht nur sein eigenes Gefühl, das man dem anderen unterstellt, aber lassen wir das. Jeder weiß, wie ein Urlaubsstreit funktioniert, wenn alles um einen gut ist und unschuldig blüht. Einziger Unterschied: eine Portugiesin sucht hinter ihren Beschwerden nicht nach Lösungen. Der Deutsche streitet resolutionsorientiert.Ein gutes Essen und Wein und alles ist wieder gut. Man kann sich wieder entspannen und verpasst nichts, wenn man sich entspannt. Man kann mit gutem Gewissen auf den Felsen am Meer liegen, schwimmen gehen, wie verrückt oder bunte Früchte im Liegen essen. An unserem ersten Tag schauten wir, vom Bett aus, einer Gardine beim Wehen zu. Das war alles. Es war ein halbdurchsichtiger, weißer Schleier aus Fantasie, der sich zwischen uns und dem Ausblick bewegte. Durch die Gardine sah man auf den Balkon und vom Balkon durch den Blumengarten hinaus aufs Meer. Die Gardine wehte wie eine Filmszene hinter der stolze Palmen standen und das Blau des Himmels war und ein Horizont so weit und gerade, wie wir ihn noch nie zuvor gesehen hatten. So stelle ich mir das Paradies vor. Die Ewigkeit. Ein lautlos wehender Vorhang, der von einer Prise bewegt wird, die einen trocknet, nachdem man sich von einem bestimmten Gefühl befreit hat. Man macht sich frisch, cremt sich ein, sieht gebräunt aus und setzt sich auf die himmlische Terrasse des Reids Palace Hotels. Einmal im Leben muss man, an einem Nachmittag, auf dieser Terrasse gesessen haben. Nur nicht zum Afternoon Tea, von halb vier bis halb fünf. Das ist einfach eine Stunde, in der man nicht rauchen darf und Tee trinken muss und sich komisch verhält. Alle anderen Stunden auf dieser Terrasse sind selige Stunden und man wird sie von da an immer mit sich herumtragen, egal wo man sitzt. Man wird sich erinnern, wie man nach einem getanen oder nicht getanen Tag, ohne Stress, ohne Verabredungen auf dieser Terrasse saß und sich treiben ließ, von dem, was ist und sein wird und mit dem Aperitivo auf seine Freundin wartet, der sich naturgemäß etwas länger frisch machen muss. Es ist ein wunderbares Gefühl mit dem Aperitivo auf einen Menschen zu warten, den man liebt. Man sieht die Schiffe kommen, auf sich zu, schreibt was auf, erfährt von Duarte und Capela, den Barmännern des Hotels alles über die besten Restaurants und den frischesten Fisch und den neusten Tratsch. Die Wolken sind immer da, sie kommen vom Berg oder verfangen sich dort, aber sie tun einem nichts […]