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BYND

Konstantin Arnold

ALVALADE

ALVALADE

Ganz ehrlich, es kotzt mich an und es ist so schön, das Leben lässt sich nicht fassen. Man schreibt was, von dem man denkt, dass es so ist und bevor man es geschrieben hat, ist es schon nicht mehr. Wortgewordenes Denken ist das und das kann sonst was sein, Probleme, die es nicht gibt, Gedanken, die man sich macht, Gefühl, die man nie hatte. Wie soll man so arbeiten? Eine These, die ich zu widerlegen suche, dass man sich an alles gewöhnt, ans Schlechte, aber auch an das Gute. Die Dinge schätzen und mehr davon wollen, menschlich, wie soll das gehen? Man sehnt sich nach einem Leben und wenn man es hat, sehnt man sich nicht mehr? Fragt sich, ist das alles, und wie wäre es, wenn. Geht mit der Erfüllung eines Traums, also der Traum verloren? Nein, geht er nicht, und das ist kein Optimismus im Angesicht der Wahrheit, sondern die Wahrheit selbst. Ich wollte immer so einen Blick und ich sehe ihn jeden Tag und kann ihn jeden Tag nicht fassen. Da steht ein Segelschiff im Hafen verdammt und es dämmert und ich kann das sehen. Von einem Stuhl in Lissabon aus, nachdem wir an der Promenade lang sind und mit den Fischern redeten und uns eine Ausstellung ansahen und uns liebten und im Park saßen und nach dem Mittag frühstückten, weil wir gestern bis in die Puppen Uhr weg waren. Sie gibt mir, was ich ihr nicht geben kann und umgekehrt. Kongenial ist das oder Congeniali, das ist besser, weil das italienisch ist und alles, was italienisch ist, nicht schlimm ist. Mein Gefühl kommt über alles hinaus, sprengt, die Grenzen einer Welt im Kopf, die wir uns mit den wenigen Worten erklären, die wir kennen. Ich bin nicht der Typ, der Träume hat und bald 32 wird und mehr vom Leben will, als ein Salzbad, in dem er was von Thomas Mann lesen kann. Ich will abends am Balkonfenster sitzen und rauchen, obwohl mir das Leben so lieb ist, oder gerade deswegen. Ich unterteile das Leben nicht in gute oder schlechte Zeiten, denn viele schlechten Zeiten sind besser, als die guten und nur die guten, machen die schlechten schlecht und so weiter. Ich habe gehört, Sehnsucht wäre alle unerfüllten Wünsche und diese Unerfüllung ist in Erfüllung gegangen mit ihr. Sehnsucht nach dem, was man hat. Haben, Halten, Motus Animi Continuus, Thomas Manns Tod in Venedig, ich selber kenne solche Lateinischen Worte nicht. Es reizt der Weg, deswegen sind wir unterwegs. Selbst dienstags. Wir haben da dieses Ding, dass wir uns in irgendeinem Viertel auf ein Date treffen, gestern war Alvalade dran. Wir lagen bis abends im Bett und scheiterten an uns und heulten, dass uns im Old Vic die Augen brannten. Das ist eine Bar in der Travessa Henrique Cardoso, genau mein Ding. Die Kellner sind sehr nett und schreiben an und leihen einem Kippen aus ihrem Privatvermögen, wenn man keine mehr hat. Wir kommen ihnen mit immer neuen Drinks, die sie dann lernen und so lange sie die Drinks lernen und noch nicht mixen, schreiben sie die nicht an. Wir sitzen also auf hohen Hockern und hoffen und haben durchs Heulen die Augen von Neugeborenen, können die Dinger kaum offenhalten. Kann am Rauch liegen, kanns aber auch nicht. Unser Tisch wackelt und wir reden kein Wort und denken oh je das wars jetzt und dann reden wir doch und denken es nicht mehr und haben Probleme gelöst, die es nie gab und nicht geben wird, bis auf den Tisch, was für eine Nacht. Sie trägt mein Kleid durch die Nacht. Sowas kaufe ich gerne, lieber als was […]

MADRID

MADRID

Madrid ist immer eine sehr glückliche Zeit und über glückliche Zeiten gibt es nicht viel zu schreiben, außer wenn man sich sehr bewusst ist, wie kostbar sie sind und wie leicht sie vergehen, ohne vorsichtig zu werden. Man muss dafür nicht das Leben eines Toreros führen, es reicht ein fantastischer Geist zu sein, der gerne denkt und weiß, was passiert und nicht passiert und das dann schreibt, als ob es gar nie hätte anders gewesen sein können. Es ist immer langweilig, wenn zwei glücklich sind und man nicht mit oder nicht mehr und will, dass sie es auch nicht mehr sind. Menschen wollen es nicht hören, weil sie es für sich wollen. Man will nicht lesen, dass sie Straßen gingen, die keinen besonderen Namen haben und in Restraunt aßen, die niemand kennt und bei Nacht Dinge taten, die keinen so sehr interessieren, wie sie selbst. Nicht nur das, aber man hat das eben, was wir alle suchen und kann sich dem widmen, und es, wenn man will, mit in eine Bar nehmen oder ein Tanzlokal oder andere schöne Orte. Gerade weil Madrid dann eine sehr glückliche Zeit ist, muss man darüberschreiben. Wir kommen zwei, drei Mal im Jahr. Diesmal kam ich mit dem Zug aus der Meseta, sie etwas früher mit dem Flugzeug aus Lissabon an. Man sagt das spanische Hochland wäre auf gewisse Weise negativer als die Wüste. Die Wüste verspräche nichts, die Meseta wäre ein gebrochenes Versprechen. Ich wollte das verstehen und dass Madrid eine 657 Meter hohe Stadt ist. Vom Flugzeug aus sieht man das nicht. Man sieht das kahle Land um Madrid, vor allem bei Nacht, wie Dörfer im Meer der Nacht sieht das aus, aber man sieht die Steigung nicht, nie. Von Lissabon aus fliegt sich’s bequem. Es gibt Flüge am frühen Morgen und am späten Abend und der am späten Abend ist gut, weil man fast in Lissabon ankommt, bevor man losgeflogen ist. Der Zug braucht zwölf Stunden. Dafür wird man langsam vorbereitet und kommt an der Puerta de Atocha an. Sehnsüchtig, hungrig und fast im Palace Hotel. Unser Madrid besteht aus Orten, die wir kennen und neuen Orte und Orten, die wir kennen, aber noch nicht so, wie wir jetzt sind. Reisen ist ja nichts neues, Orte sind überall. Es geht darum, sich an ihnen selbst zu erfahren. Im Prado Museum ist es am meisten so. Man steht vor den gleichen Gemälden und es sind immer andere. Es gibt ein paar die immer gleich sind und immer anders und manche, die einen noch nie so faszinierten wie jetzt. Jusepe de Riberas Martyrium des Hl. Philippus ist so ein Bild. Wie die Frau im unteren Bildrand aus dem Gemälde guckt. Sie guckt aus ihrer Zeit bis heute, so als ob sie den Wert des Gezeigten und den Fehler des Getanen schon damals kannte. Sie schaut, als könnte man sie verstehen. Nicht das Rot oder das Leid nimmt einen gefangen, nicht mal Riberas Maria Magdalena oder seine Maria Magdalena mit Bart, so sehr, wie der Blick dieser Frau gefangen nimmt. Und das kurz nach dem Mittelalter, dessen Bilder noch zeigen, wie Frauen damals Schwanger geworden sind: per Lichtstrahl, der von einem Engel ausging, wie auf Fra Angelicos Verkündung. Gemälde, die immer eine gleiche Kraft haben, sind Claudio di Lorenas Einschiffung der Hl. Paula zu Ostia, Johanna die Wahnsinnige oder Fabrés‘ Sklavin, auch wenn ich da nichts Sexuelles drin sehe, so wie sie. Ich stand minutenlang vor diesem Bild und manchmal kam jemand und stellte sich dazu und es war dann ein sehr intimer Moment, so als ob man diesen Moment zusammen im Bett dieses Bildes verbrachte. Mit ihr war es nicht so unangenehm, aber es passierte selten, meistens war es eine einsame und individuelle Erfahrung und nach einem Museumsbesuch versuchen wir, beim Mittag zu erraten, welche Bilder den anderen am meisten […]

PIRATA

PIRATA

Pirata war kein Ort, an den du abends mit jemandem gehst, wenn dir jemand und der Abend etwas bedeuten. Man kam hier alleine her, mittags und an Wochentagen, kurz und ohne Wein, hier aßen Leute, die gearbeitet hatten und auch vorhatten, das nach dem Mittag wieder zu tun. Einfache Leute, die das Leben gut kannten, Taxifahrer, Passmacher, Steuerberater aus dem Viertel, Rentner, die nebenbei weiter Taxifuhren, Notare in durchdachten Anzügen, Beamte, die billige weiße Shirts unter billigen weißen Hemden trugen, Leute von der Post, Gescheiterte, Gewesene und Frauen von Gewesenen, die vom Sein und Sitzen immer dicker wurden. Abends, wenn man Wein wollte und gute Gesellschaft brauchte, kam man hier nicht her, außer, wenn man unbedingt etwas brauchte und auch sonst alles zu hatte und man eh gerade in der Gegend war. Um an den Abenden zu funktionieren war Pirata zu wenig Restaurant und zu viel Kantine. Der Laden bestand aus einem einzigen schmalen Gang, der von einer Theke halbiert wurde, links waren eilig die Hocker, rechts nackte Holztische mit Stühlen hingestellt. An beiden Enden des Ladens hatte man Fernseher angebracht. Die Tageskarte wurde vom Besitzer noch selbst geschrieben und das Essen auf der Karte war immer einfach und ehrlich und gut und billig. Hinter der Theke hingen Karikaturen von Gästen, die das zu schätzen wussten und ein Schild auf dem immer das gleiche steht: Nur Heute, ein Bier und ein Teller Krabben, 2.99. Der Besitzer blieb meistens bis zum Mittag, machte Besorgungen, regelte Papierkram, schrieb die Karte für den nächsten Tag und aß dann sein Lunch, genau wie Senhor Antonio, der aß aber nichts, sondern ging nur. Nach dem Mittag kamen dann der Glatzkopf und das Arschloch und lösten den Besitzer und Antonio von ihrer Schicht ab. Der Glatzkopf war sehr nett und das Arschloch ein Arschloch, weil ihm Pirata doch egal war und jeder der da hinkam. Man sagt, er hätte sich das letzte Mal mit zehn ein Lächeln abgerungen, als ihm klar wurde, dass wir alle sterben. An die Touristen schenkte er schlechten Wein aus, der seine Farbe und Güte lange verloren hatte und durch Zucker und Farbstoff am Leben blieb. Er mochte mich nicht und ich mochte ihn nicht und nachdem ich abends mal mit Leuten da war und er um halb elf schon anfing, die Stühle reinzustellen und uns den Wein vom Tisch nahm, beschwerte ich mich beim Besitzer, zog in ein anderes Viertel und kam nie mehr her. Pirata war tot. Aber das ist alles aus einer Zeit, in der wir zum Mittag oft zu Pirata gingen. Längst vergangen. Eines Tages war ich in der Gegend, um Besorgungen für unsere neue Wohnung zu machen, weil ich noch nicht genau wusste, wo man die bei uns macht. Es war schön, zu sehen, dass viele von den Pennern, die man so kannte, noch am Leben waren und auch sonst alles da war, wo es war. Ich ging in kleine Läden, mit Leuten vom Land, die sehr nett waren, aber keine Besorgungen dahatten. Es war nur nicht so, wie wenn man in der Baixa welche machte und für jede Sache in einen bestimmten Laden ging und sich gut unterhielt und dann für ein Bifana bei Afonso die Rua da Madalena raufgehen konnte. Man konnte sich auch keine Zeitung kaufen oder bei Jorge vorbei und in die Elektrische steigen und Kerzen mit Ausblick kaufen. Übrigens hatte ich Jorge schon eine Weile nicht gesehen, das letzte Mal vor ein paar Wochen. Er merkt seine Narbe jetzt aber nur noch beim Trinken, und wenn er ans alte Lissabon denkt und die neuen Geschäfte, die es aushöhlen, wie er sagt. Drogaria Central, Manteigaria Silva, Casa Macário, das wären noch Läden sagt er und dass es in der Baixa schon noch anständige Geschäfte gibt mit Menschen, die stolz auf das sind, was sie tun und es nicht nur tun, um dann andere Dinge tun zu können. Aber das half nichts, ich musste Besorgungen machen und ich konnte dafür nicht in die Baixa und wusste nicht, wo man die bei uns macht und fuhr in mein altes Viertel […]

TUN & LASSEN

TUN UND LASSEN

Regen ist da. Das sind in Portugal Nachrichten. Vor allem weils dann Pfifferlinge gibt. Der November nimmt sein Recht in Anspruch nass zu sein. Sowas. Stirbt ja sonst keiner und wenn einer stirbt, konzentrieren sich alle schönen Momente in einem schwarzen Loch. Ich glaube fest daran, dass uns ein leidenschaftliches Leben vor dem Tod bewahrt. Das muss auf den Kippenpackungen stehen. Rauchen ist tödlich, na klar, aber Rauchen, ohne Leidenschaft, Leben ohne Liebe, tötet noch mehr. Wer keine Ziele hat, keine Berufung fühlt, morgens nicht gerne aufwacht und denkt, jawoll, jetzt randalier ich mir einen und dann geht’s aber sowas von los, braucht ein Glas an der Bar seines Therapeuten oder sollte sich vom letzten Licht der Welt treffen lassen. Treffpunkt halb 6, Dach der Igreja São Vicente. Man läuft auf dem Dach wie auf dem Mond. Sieht runter zu Dingen, zu denen man sonst raufgeguckt hat. Sieht sie vom Standpunkt der Ewigkeit aus betrachtet, hinter Höfe und Mauern in das Leben der Menschen. Es gibt keinen besseren Blick. Ein Ort, um die Seele im Sattel zu halten. Eine andere Perspektive. Neue Dimensionen. Ein schöner Moment. Das Leben ist den Tod dann wert. Auch wenn das Wetter schlecht ist, aber es war auch so, als ob es nie sonnig gewesen wäre und nie wieder wird. Der Einfluss des Wetters auf die Stunden des Lebens. Klarheit des Tages, Ernst der Nacht. Ist ja nicht so, dass die Alten viel vom Wetter reden, weil sie vor Komplexem kapitulieren, sondern weil es gelöst ist. Früh am Morgen ist das Licht noch wahr, noch hoffen, mittags schon ein Blenden, eine Lüge, und abends eine oder keine, aber Fazit, ein Resultat. Die Nacht ist nur für jene, die das nicht glauben wollen, es nicht einfach hinnehmen, bis sie im neuen Licht vergehen. Die großen Überforderungen sind dann überwunden. Tag, Nacht, Wahr und Falsch, Frage, Antwort, Welt und Gott, Glück und Leid, du und ich, Auf und Untergang. Sie gehen am Himmel ineinander über. Siehst du? Das Schöne des Sonnenuntergangs findet in die andere Richtung statt. Das Licht flieht aus den Straßen über die Türme und den Fluss, über die Ebene zu den Hügeln in die Nacht. Eine einfache mattdunkle Hügelfläche im Dunst, mehr nicht, angemalt am Horizont. Ein Augenblick. Sieht aus, als ob da Feuer hinter den Hügeln in Afrika brennt. Die Flammen spiegeln sich in den Fenstern. Doch das ist passe. Muss einen anderen Einstieg wählen, keine Erinnerung daran. Der Regen ist da. Das sind in Portugal Nachrichten. Der November nimmt sein Recht in Anspruch nass zu sein. Aber es war auch so, als ob es nie sonnig gewesen wäre und nie wieder wird. Es war nicht wie morgens, wenn die Straße wegen der Reinigungsfahrzeuge nass war oder den Sprinklern im Park und man dachte, dass der Regen schon dagewesen war, bevor ihn die Sonne trocknet und der Fluss durch die Bäume und Zäune schimmert, wie die Riviera oder Amalfiküste oder der Lago di Como. Nein, die Parks schön traurig und trist. Leer, außer wenn man selbst durch einen geht, auf nassen Wegen, und sieht, dass der Quiosque doch noch offen hat. Kerzen brennen auf den Tischen. Komm einen trinken wir noch. Stoßen auf Statuen an, die hier von Terrassen gucken, weil der Fluss fließt wie das Meer. Das Pantheon mondfarben, breitbeinig, leuchtend und stolz, oh ich hasse Adjektive, aber wie soll man sonst beschreiben, was da in einem ist. Gott verdammt. Es geht nicht um Dinge oder Tage, sondern was sie in einem auslösen. An den Kleinigkeiten haftet der Eindruck des großen Ganzen ganz groß. Van der Neer hat das gemalt und ich will schreiben, wie der das gemalt hat. Ganz und gar und immer wieder dasselbe Motiv, bis man alles verbrennen möchte und wieder von vorn. Heute malt keiner mehr ein ganzes Gesicht, man deutet es an. Schreibt, bis man […]

KARLSBAD

KARLSBAD

Neulich haben wir dieses Spiel gespielt. Would you rather heißt das. Es war schon spät oder früh oder wie auch immer, und wir saßen so tief in einer dunklen Lissabonner Bar, das es ganz egal war, wie spät oder früh oder egal es gewesen ist. Das Spiel ist einfach. Man trinkt und fragt sich gegenseitig schlimme, dumme oder perverse Sachen, denen zwei Antwortmöglichkeiten vorgegeben werden, die beide verehrend sind. Eine vielleicht weniger verehrend als die andere, aber das kommt auf die Person an. Wie immer sich diese Person auch entscheidet, alle Lachen und könnens dann nicht fassen, was für ein Schwein man doch ist. Es ist ein bisschen so wie Kierkegaards Entweder-oder Philosophie ins Besoffene übersetzen. Meine Gürtellinie ist da weit unten und Schmerzgrenze weit oben, so weit, dass ich jetzt keine Beispiele geben kann, ohne nicht mehr veröffentlicht zu werden. Aber ob ich lieber mit einem Reh oder einem Esel schlafen würde, wenn ich müsste, wäre kein Problem für mich, zu sagen. Irgendwann kam dann aber die Frage auf, und sie kam von meiner Freundin, ob ich lieber meine Mutter oder sie umbringen würde, wenn ich denn müsste und ich war baff. Sprachlos. Geschockt. Stand vor der schwierigsten Frage, die ich je zu beantworten hatte. Einem Scheideweg. Auch, wenn ich beide manchmal umbringen möchte. Ich rauchte schwer und antwortete erst nach einer Weile. Heute weiß ich, dass meine Antwort die richtige gewesen ist. Ich bin darüber hinweg. Was hätten sie denn getan? Es sieht ja ganz so aus, als ob meine Freundin, die Liebe meines Lebens wird. Danach käme nichts mehr. Und ja, wir wollten auch nicht, dass es so weit kommt. Mit ihr verbringe ich die schönsten und schlimmsten Stunden und Stunden, in denen wir besser heimgehen sollten. Sie liebt mich, weil ich für sie der Beste bin, den sie kennt, und seit sie mich liebt auch der beste, von allen die sie noch nicht kennt. Bei aller romantischen Notwendigkeit beruht das auf knallharten Kriterien, eine solche Beziehung ist arbiträr. Aber die Liebe einer Mutter ist etwas Einzigartiges. Sie ist Bedingungslos. Dafür kann man der größte Trottel sein. Ich weiß, dass sie mich im Gefängnis besuchen würde, wenn ich meine Freundin umbringen würde. Meine Freundin würde das umgedreht nicht tun. Meine Mutter hat mir das Leben geschenkt, ich war neun Monate in ihr, nicht nur eine Stunde. Sie versteht mich und fühlt mich und kennt mich, wie nichts und niemand auf der Welt. Manchmal zu gut, wie das mit Müttern eben ist. Sie reflektieren einen, man spiegelt sich in ihnen wider, vor allem jene Dinge, die einem, an einem selbst, am meisten auf den Sack gehen. Bei ihr sind das Obsessionen, die daraus resultieren, dass sie versucht ein zu guter Mensch zu sein. Sie ist eine so wundervolle Frau und ein lieber Mensch, eine erfolgreiche Kuratorin, eine gute Mutter und ein noch besserer Freund, aber alle zur gleichen Zeit. Emanzipation ist auch nicht leicht, sagt sie dann. Andere gut von sich denken zu lassen, damit man es dann selbst auch von sich tut, aber was sag ich. Die Geschichte meiner Mutter ist die Geschichte von mir. Ich sehe ihre Bescheuertheit, sie meine. Unser Charme wirkt bei uns nicht. In uns beiden ist eine Unsicherheit verankert, ein Urzweifel, eine Art Antiselbstgefälligkeitsautomatik, die uns mit beiden Beinen auf den Boden stellt und zu Leistungen zwingt, die eine Aura schafft, die das alles nicht sichtbar macht. Eigentlich keine schlechte Mischung. Harte Schale, weicher Kern. Außerdem denken wir sehr schnell, dass wir dieses oder jenes sind und wenn wir etwas tun, stellen wir uns vor wir würden es nicht tun und umgekehrt. Wir können zum Beispiel sehr schnell denken, dass wir Alkoholiker sind, obwohl wir nur jeden Abend trinken und nur Wein und nur zum Essen und ich das immer nur so übertrieben darstelle, weil ich diesen dämlichen Gedanken durchbrechen will. Das fühlt sich am Anfang erst mal schlecht an, aber genauso muss es sein, und mit jedem Mal, mit dem man es schreibt, fühlt es sich weniger schlecht an, bis man […]

HAUS DER HUREN

HAUS DER HUREN

In einer Zeit, die eine schwere Zeit war und vor einer sehr guten Zeit kam, verbrachten wir viele Abendstunden in einem alten Haus unten am Fluss. Das Haus stand in einer steilen Straße, gar nicht weit von uns, und viele Leute gingen daran vorbei ohne zu wissen, was es war oder sich überhaupt einen Gedanken zu machen, was es sein könnte oder was darin ist. Von außen war es heruntergekommen und manche sagten, es sei hässlich, aber das waren die gleichen, die dann sagten, auf die inneren Werte käme es an. Es sah vielleicht nicht aus wie ein Café auf Treppen bei Nacht, aber es wurde sehr schön älter und das meiste, was heute gebaut wurde, sah nur schön aus, solange es neu war, nicht, wenn es älter wurde. Es konnte nicht alt werden, weil es nicht schön war und das Haus war schön und wir mochten es mit jedem Tag mehr und manchmal, wenn wir in guten Zeiten da gewesen waren und es mochten, konnten wir uns nicht vorstellen, dass die Zeiten je wieder schlecht werden konnten, wenn sie einmal so gut waren und umgekehrt. Es schien immer unmöglich, dass es sich jemals wieder änderte. Für viele war das Haus also ein ganz normales altes Haus mit vielen geschlossenen Fenstern und zwei Laternen dran, die an den Wänden hingen und auf die späten Straßen schienen. Wenn Leute wussten, was es war und man sagte, dass man da gewesen ist, kamen die Leute näher und senkten ihre Stimmen und erzählten vorsichtig, wie es früher dort war und ob man wisse, wo man da gewesen wäre. Sie erzählten es immer mit einem Zwinkern und so, als ob beim Reden etwas davon kaputt gehen könnte. Die Leute erzählten sich viele Geschichten, aber nie eine, die so war wie es war. Denn das Haus war gar kein Puff, sondern eine Bar, in die man ging, wenn es sehr spät war und man in ein Restaurant gegangen ist und in eine andere Bar und dann in einen Club und immer noch niemanden abbekommen hatte. Man konnte auch sein eigenes Mädchen mitbringen und daran arbeiten, dass die Zeit wieder besser wurde oder eben schlechter. Alle Männer enden früher oder später an Theken. In guten und in schlechten Zeiten. Mit oder ohne Frauen, aber Männer ohne Frauen waren meistens unerträglich. Sie interessierte dann außer Frauen nur eins, nämlich nichts. Nicht mal schnelle Autos und wenn fuhren sie die ja nur wegen den Frauen. Sie ließen die Abende so lange Nächte werden, bis daraus wieder Tage wurden, mehr nicht. Trotzdem war es sehr schön wieder Menschen an Tischen sitzen zu sehen oder an Theken stehen, die sich unterhalten und die etwas hatten, über das sie sich unterhalten konnten. Hinter der Theke stand Paulo, aber alle nannten ihn nur wie den Schriftsteller Coelho, wir riefen Paulo Coelho, bring uns doch bitte noch zwei. Er war ein wunderbar freundlicher alter Mann, der sich von Haferflocken ernährte und ein sorgfältiges Leben führte, das sah man an seiner Haut und wie er redete und sich bewegte und nie hätte man gedacht, das er sowas machen konnte oder auch nur irgendwas damit zu hatte. Aber die vielen Nächte und die wenigen Tage machten […]

ALLNACHT

ALLNACHT

Einen Tag, bevor mein Vater starb, ging ich essen. Mehr kann ich dazu nicht sagen. Es ist eine Feststellung, wie dass das Wetter schlecht ist. Man denkt, man müsste was fühlen oder was sagen, sagt und fühlt aber nichts. Wir kannten uns nicht. Vielleicht zwei, dreimal gesehen, also keine emotionale Beziehung, nur eine höhere, die mir am Abend vorher sagte, dass er morgen dann tot ist. Ich stand im Bairro Alto und schrieb mir das auf. Ansonsten gibt es keine schönen Momente, die jetzt in mir wehtun. Auch keine schlechten. Ich spüre ein paar Worte mit F, viele mit V, und eins mit D. Frieden, Verständnis, Versöhnung, Vergebung, keinen Vorwurf und Dankbarkeit. Von Menschen, die ihn kannten, hör ich, was er nicht für ein Kerl gewesen ist, bevor er eben wurde, wie er war. Tarzan nannten sie ihn. Er konnte Sachen bauen und Sachen kaputtschlagen und sah aus wie ein deutscher Adriano Celentano. Die Weiber werden heute noch feucht und Männer ballen die Fäuste. Das macht mich stolz. Er schien unsterblich. Weine ich deswegen? Sie sagten, er konnte einen Amboss alleine heben und zog die Menschen an wie Fliegen. Es dauert keine Minute und Fremde schütten ihm ihr Herz aus, bis ins letzte Kästchen. Seine raue und bereite Art gab seiner Sensibilität eine Kraft. Dieselbe Kraft sehen sie in mir, sagen sie, um mich zu trösten. Er wäre genauso unterwegs gewesen, jeden Tag, am Anfang mit dem Motorrad, dann dem Fahrrad, am Ende auf Krücken und als er nicht mehr auf Krücken unterwegs sein konnte, wollte er sterben. Nein, er wollte nicht sterben, er wollte nicht ohne Beine leben. Hat er sich deshalb nicht behandeln lassen? Wie will ein Getriebener denn ohne Beine die Welt sehen? Sein zuhause weit weg von zuhause finden? Und wie er die Welt sehen wollte, so wie er wollte und nie durfte, weil das damals in Deutschland eben so war, für Leute, die nicht wie andere Leute waren. Er wollte aus dem Staat in die Welt und weil er das nicht konnte, hat er die Welt zu sich in den Kopf geholt. Irgendwann ist er damit durchgebrannt, wie eine Birne, die ständig benutzt wird. Meine Mutter erklärt mir dann immer wieso das mit ihm so war und wieso das mit mir nie so werden wird. Das ist nett. Man sagt, die Russen hätten vor seinen Augen die Großeltern erschossen, sein Vater hätte Malaria aus dem Weltkrieg mitgebracht und Geheimnisse, die er mit niemandem teilen konnte. Ich hätte die guten Seiten von ihm geerbt und wir hätten die gleichen Tischmanieren, obwohl wir nie zusammen aßen und beide essen wir am liebsten mit einem ordentlichen Muskelkater. Um mir seine Liebe zu zeigen, schenkte er mir ml ein Messer. Das war seine Sprache, etwas auszudrücken, so wie Caravaggio seine hatte, dessen Bilder wir, laut den Leuten, beide liebten. Ich verstand diesen Liebesbeweis gut. Er war ein Naturmensch. Einmal ist er mit dem Motorrad vor einen Lastwagen geknallt, beim Bergabfahren. Er hat sich noch vor den Sanitätern in den Wald gerettet, um seine eingeschmetterte Gesichtshälfte mit Quellwasser und Kräutern zu kurieren. Zu meiner Geburt war er nicht da, weil die nicht im Wald war. Er kam erst als das Krankenhaus schloss und fuhr mit einer zehn Meter Leiter am Hals Motorrad, um einzubrechen. Meine Mutter lag im zweiten Stock. Zu seiner Beerdigung gehe also auch nicht, er wird’s mir verzeihen, genauso wie ich ihm verziehen habe, mein Leben lang. Hätte mein Alter nur einmal den Tejo gesehen, denkt man dann. Diese Weite, die man nur in Ländern sieht, in denen die Sonne über dem Meer untergeht. Manchmal, wenn ich in Lissabon einen Typen mit Alditüten am Fahrrad sehe, denke ich, für einen Augenblick, er wäre jetzt hier. Ist mit den Alditüten und einer Bayernmütze aus Deutschland mit dem Fahrrad hergefahren, um mich zu sehen. Zu zutrauen wärs ihm, auch aus dem Jenseits. Er liebte die schönsten dummen Dinge der Welt. Sprang gerne bei 80 vom Motorrad oder sprang Ski. Er rauchte Zigarren und war in irgendwas Weltmeister. Ich konnte nie so viel Mist machen. Normalerweise passt der Vater dann auf einen auf und dann man selbst, aber ich musste immer schon selbst auf mich aufpassen. Übernehme seitjeher so viel Verantwortung wie möglich, für mich und mein Leben, das ich von ihm bekommen habe. Erziehung ist scheint für mich wie Weinmachen. Auf die […]

HOTEL AM NACHMITTAG

HOTEL AM NACHMITTAG

Sie fragt, ob alles klar sei, ich wäre gestern komisch gewesen. Ich hätte antworten können, dass ich plötzlich einfach müde war, wie jeder normale Mensch, der das sagt, weil ihn seine Gefühle verwirren und er die liebe spürt und die Anziehung einer anderen zur gleichen Zeit. Man sieht die Frau, die man liebt ganz klar und die, die einen anzieht, am Ende der dunklen Bar eben nicht, obwohl man weiß, dass das, was man da im Dunkeln denkt und gesehen hat, im Hellen nicht hält kann und man die Frau, die man liebt, wieder will. Auf dem Heimweg denkt man darüber nach. Aus Sehnsucht, mich in Worte zu fassen, Straßen, Fado, Bilder, Schlägereien, Wege, die Gefühlen manchmal nehmen um sich auszudrücken. Man leidet und ist voller Spitzen und erst die Dunkelheit jagt das Glück fort und trägt die Furcht, sich zu verlieren, so nahe, dass man sich wieder erkennt. Sie sagt irgendwas, als wäre ich ein Mann, der…und ich versuche es nicht zu berichtigen, es führt zu nichts. Ich müsste die Herkunft meiner Gedanken erklären und die ist unerklärlich, ich weiß nicht woher sie kommen. Ich fürchte, sie könnte denken, dass…, frage aber nicht, sondern mache nur eine dämliche, zärtliche Geste, um mehr herauszufinden, auf die sie mit einem gezwungenen Lächeln reagiert und ich denke, was für ein Idiot ich doch bin, sie in so eine Situation zu bringen und zu fragen, wenn sie doch klar die Kraft aufbringt, wenigstens nicht darüber zu sprechen. Ich sage also nichts. Sie würde mich erstaunt angucken und fragen, wie ich sowas denken kann und ich wäre zu weiteren sinnlosen Verteidigung gezwungen, von etwas, das zu wahr ist, dass man es sagt. Man sagt immer sowieso immer was und fordert dann Milde vom Schicksal für das Gemeinte. Es ist ein scheinheiliges Bedauern, wie Glaube, der doch nichts anderes als die Bestechung des Schicksals ist. Er gewährt einen Kredit, dann warnt er und schlägt zu, wie in den Bildern der spanischen Meister. Ich fürchte die Zukunft nicht. Sie wird zu Gegenwart bevor sie uns trifft, nur, dass die vergeht und etwas einen Wert bekommt, der mir entging. Ein Wort, dass sie sagt, ein Schmuckstück, das mir nicht auffiel, ein Moment, der durch Erwartungen zerstörte wurde und all das, was die Gegenwart schwer macht, bis das zurückbleibt, was sie war, eine schöne Erinnerung. Oder ein dann verpasstes Leben, keinen Schritt weiter, wäre verheerend, interessiert aber keinen, wenn man ihn nicht geht. Ich lebe lieber hier, als ihn woanders zu gehen. Das soll jetzt nicht sagen, wie egal mir das Leben ist, das zeigt, welchen Wert die Stadt für mich hat. Es gibt nichts Vergleichbares, außer sie und nichts, was sich besser mit ihr vergleichen ließe, als diese Stadt. Ich bräuchte es nur mit meinem Gefühl für Lissabon zu vergleichen und alles, was ich in fühle, wäre okay, meint sie, den Kopf auf meiner Brust, in einem Hotel am Nachmittag, den Blick starr im Raum. Andere Städte hätten mich für zwei Tage in Bestform, aber Lissabon in einer Form, die ich als das Gegenteil empfinde. Nur manchmal ist mir Lissabon doch egal und wir finden andere Städte schön, nicht so schön, aber zumindest für eine gewisse Zeit. Wie ich das auf die Liebe beziehen soll, kann ich nicht sagen. Du wirst einen Weg finden, sagt sie, du musst es sagen können, dann kann es auch sein. Oder du hörst auf, Frauen mit Städten zu vergleichen. Nur, weil man nicht immer und überall leidenschaftlich sein kann, heißt es nicht, dass man ohne Leidenschaft ist. Man denkt danach immer, es ist weg, aber es kommt immer wieder, wie Zeit zum schreiben oder gute Zeiten nach Schlechten. Das Denken und die Angst gehören einfach dazu. Sie hätte gelernt, dass man sich schlecht fühlen kann und plötzlich gut und umgedreht und dass es so eigentlich egal ist, wie man sich fühlt, wenn alles, was der Fall ist, die Suche ist, und die ganze endlose Suche dem gilt, wovon alles, nur die Übersetzung ist, heißt es immer lieben und nie ganz. Sie sehe das, wie man einen Sonnenuntergang sieht, der das Licht mit letzter Kraft gegen die Wolken knallt und sie zum Brennen bringt. Immer und immer wieder neu und in den Straßen der Stadt schon Nacht. Ein neuer Körper, ein anderer Duft, Lippen, die sich verziehen, wie man es noch nicht gesehen hat, das ist wundervoll, aber nichts gegen das vertraute Stöhnen eines Menschen, der weiß, was wir wissen. Du musst lernen, dass alles in deiner Vorstellung besser oder schlechter ist, als hier, in einem Hotel am Nachmittag, in einem Bett der Belle Époque. Jedenfalls sehen die Wände des Hotels so aus. Sie formen unsere Lippen aus misstrauischen Gedanken. Klingen wie Séparées und Türen in Wänden, von denen wir nichts wussten. Sie führen ins Bewusstsein unseres Unterbewusstseins, in aufregend, geheime Räume, in denen Treue und Untreue und was das alles soll diese bürgerliche Schwere verliert. Das eine kann das andere sein und noch viel schlimmer. Ihr Parfüm riecht wie der kalte Morgen eines anderen Landes. Sie steht gut ausgezogen am Fenster. Zierlich, wie eine Amazone mit einem Glas Hand. Braun von der Sonne und sorglos in ihrer […]

MILANO

MILANO

Endlich Sonne in Mailand. Lebensmittelpunkt Mode. Prada, Penner und Espresso. Einkaufen und sich betrinken und endlich diese Pizzadinger von denen Alle reden. Die kalte Luft der Berge verwirrt im Tal. Die Elektrischen fahren gerade irgendwohin. Herbstlich herrlich. Es wird dunkel, lange bevor die Tage zu Ende sind und angenehm auf der Via Alessandro Manzoni, sobald die letzten Modepuppen geschafft aus Geschäften kommen und ihre Einkäufe nachhause schleppen oder schleppen lassen. Das stille Licht der Auslagen fällt leise auf das Pflaster und man schlendert eingeharkt, den Kopf im Kragen, an den Schaufenstern vorbei, wirft, von seinem Glück aus, einen Blick rein, in die Welt der toten Dinge. Es ist schön jung und verliebt in einer anderen Stadt zu sein, ohne sich was kaufen zu müssen. Mein erstes richtiges Mal hier, denn beim ersten Mal, wusste ich noch nicht, wer Puccini ist, Verdi und Antonio Mancini, der das das Aristokratenpack wenigstens in Tränen malt. Ich hatte nur Augen für brave Mailänder Mädchen, dünn und blass, von Beruf Tochter. Ich erinnere mich an eine und den Regen, eine semitransparente Gardine, den Nebel und den Park, den ich von meinem Fenster im Nebel sehen konnte. Heute strahlt der Park im letzten Licht und heißt Giardini Indro Montanelli. Wir gehen gerade durch. Von hier aus weiter bis zum Duomo, auf dem in meiner Erinnerung immer einer Nothing else Matters spielt. Schlendernd durch die Galeria und Caffee bei Camparino im Stehen. Ich weiß jetzt, dass das die Scala ist und die Galeria Vittorio Emanuele heißt. Ich gehe frühs zu Cova und schreibe Briefe. Mittagsessen Milanese. Tragische, schöne Schwere. Im Innenhof stehen Maulbeerbäume und keine Bäume mehr. Ich reduziere die Stadt nicht nur auf Mädchen, die gut gekleidet durch schlechtes Wetter gehen und ihre Einkäufe tragen (lassen). Ich habe den Platz mit dem Leonardo gesehen. Mit einer Frau. Im Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Mailand ist jetzt mehr,  außerdem habe ich Hemingways Farewell to Arms gelesen. Mailand ist jetzt mehr, und Stresa ist wie Mailand mit Meer. Nördliche Tristesse mit südlichem Charme. Am Bahnhof sind drei Schilder, das muss ich erzählen. Eins für die Bar, eins zur Toilette und das, auf dem Uscita steht, zeigt einen Menschen, der sitzt und liest. Über ihm hängt eine Uhr. Irgendwie find ich das schön. Alles ist geordnet und pünktlich, meine Freundin kann nicht glauben, dass das dasselbe Land ist, in dem auch Neapel liegt. 14 Uhr ist aber auch hier immer noch ein guter Morgen. Und wenn man einen Teller Tagliatelle bestellt und dazu Tomaten will, hat man den Tomatensalat, und wenn man nach der Weinkarte fragt, gleich Wein, vier Flaschen, und sein Croissant warm zum Kaffee möchte, kein Croissant, keinen Kaffee, keine Museumstickets, obwohl man doch vor Wochen welche reservieren ließ und auch keine Badehose an, ich gebe auf. Man kann die italienische Art zu kommunizieren, nicht so beschreiben, dass man sieht versteht, denn man versteht sie nicht. Sie führt nirgendwohin. Wir kommen deswegen mindestes genauso kompliziert an wie Hemingway. Einen verpassten Zug später und ein paar Mal falsch umgestiegen, fertig ist der Streit. Ich meinte, ich könnte die Karte besser lesen und dann die Explosion. Stimmung wie nach einer Atombombe. Man hat das Gefühl, das man hat, wenn man durch Orte geht, die sonst sehr belebt sind. Der Rummelplatz ist tot und nass und unheimlich. Aber mit Hass und Wut lässt sich das Gepäck leichter zum Hotel schleppen […]

TERTULIA

TERTULIA

An einem feuchtkalten Januartag im Juni, es war zum Zerreißen kalt, tritt nach durchzechter Nacht, frühmorgens, eine Gruppe Männer in das Lokal, und verlangt nach Kaffee. Sie sehen fertig aus und stinken, riechen das aber nicht. Ihre Anzüge sind geknittert. Der Rest ist von Leidenschaften verzehrt. Von einem Leben, davon, dass sie für all die Momente kämpfen, die in Schönheit und Wahrheit alles überstrahlen und davon, dass sie davon keinem erzählen können, außer denen, die es mit ihnen erleben. Leidenschaft ist vielleicht das schönste Deutsche Wort, das es gibt, auch wenn es nicht so klingt, aber wenn alles in ihnen klar wäre, wären sie dann um diese Zeit ins Lokal kommen? Würden sie ihre Frauen lieben und ihnen alles geben, das Glück, genauso wie das Unglück, das dafür nötig ist. Diese Männer stehen in Verbindung mit ihrem Innersten, ihren Gefühlen und Gedanken und sie kämpfen damit. Sie können nicht anders. Sie müssen es tun und damit ist ihnen genüge getan. Weil sie es tun mussten. Bis hierhin ist der Anfang schon mal schön und gut und geklaut, so schön und gut, dass ich ihn nicht einfach so ungeklaut stehen lassen konnte. Wer auch immer ihn geschrieben hat, hat ihn einfach so stehen lassen und nichts daraus gemacht. Vielleicht hat er ihn aber auch gar nicht selbst geschrieben, sondern auch selbst geklaut und dann stehen lassen. Jetzt gehört er mir, ist mein Text. Vielleicht ist es schon immer meiner gewesen und ich habe nur vergessen, dass ich ihn geschrieben habe. Jedenfalls mache ich was draus, wobei der Anfang so gut ist, dass danach eigentlich gar nichts mehr kommen braucht. Die nächtliche Vergänglichkeit führt sie in eine Bar, dorthin, wo die kleinen Gassen auf großen Plätzen enden. Die Häuser fallen übereinander her. Verträumt blickt die Straße zum Fluss. Portugal hat die Weltkugel auf der Fahne und Melancholie in der Brust. Träume und Trauer. Vor allem morgens, wenn die Zeit stillsteht. Schon mal aufgefallen? Die älteste Nation Europas leidet am Herzweh einer mysteriösen Multiplikation von Gefühlen. Sie leidet nicht am Leid, sie genießt es, erfreut sich daran. Schweigt, steht an Theken und wandert mit den Blicken in die Ferne zur Theke und wieder zurück. Denkt, das blauste Meerwasser ist immer noch uns und wir haben China missioniert, Lissabon erbaut und gehalten, Priester nach Tibet geschickt, das Christentum bis nach Japan geschifft, Märtyrer geschaffen, die Europameisterschaft gewonnen, starke Frauen gezeugt, Brasilien regiert, die ganze Südhalbkugel portugiesisch sprechen lassen, mit Zucker gehandelt, Gewürzen, Menschenleben und Gold. Kaffee kostet hier immer noch 60 Cent und man ist da stolz drauf, wie auf den Largo do Carmo, der jetzt still und friedlich im Zentrum liegt, wie eine Dorf. Jacarandablüten fallen heute noch wie Bomben auf den Platz und verzaubern die Umgebung. Der süßen Seite der Wehmut steht das bittere Erkennen der Realität gegenüber. Ruinen. Die Dinge sind nicht mehr so wie sie sind, man kann sie nicht ändern und hat deshalb Poesie draus gemacht. Dichtet, bis alles verloren ist, aber so lang wird die Gruppe Männer nicht bleiben. Sie sind gekommen, um zu reden, miteinander, von sich, einer von ihnen bin ich […]