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BYND

Konstantin Arnold

MILANO

MILANO

Endlich Sonne in Mailand. Prada, Penner und Espresso. Die klare Luft der Berge liegt im Tal. Herbstlich herrlich. Die Elektrischen fahren gerade durch alles durch und irgendwohin. Es wird dunkel, lange bevor die Tage zu Ende sind und angenehm auf den Straßen, sobald die letzten Modepuppen am Abend geschafft aus Geschäftchen kommen und ihre Einkäufe nachhause schleppen oder nachhause schleppen lassen. Das stille Licht der Auslagen fällt dann leise auf das Pflaster und man schlendert eingeharkt, den Kopf im Kragen, an den Schaufenstern vorbei, wirft, von seinem Glück aus, einen Blick rein, in die Welt der toten Dinge. Es ist wunderbar jung und verliebt in einer neuen Stadt zu sein. Ich war mal hier, aber da wusste ich noch nicht, wer sie ist und Puccini, Verdi und Antonio Mancini, der das ganz das Aristokratenpack wenigstens in Tränen malt. Die guten Mailänder Mädchen sind dünn, blass und braunhaarig, sie arbeiten als Töchter. Ich erinnere mich an Regen und eine Gardine und einen Park im Nebel, den ich von meinem Hotelfenster sehen konnte. Vielleicht war das gar kein Nebel, sondern eine Wolke, die bis zum Boden ging. Heute strahlt der Park im letzten Licht. Heißt Giardini Indro Montanelli. Rechter Hand liegt die Galleria d’arte moderna und wir gehen durch ihn durch. Zur Galleria und auf den Platz, auf dem so später keiner ist, außer uns und einer, der Nothing Else Matters spielt. Ich weiß jetzt, dass da die Scala ist, und der Platz mit dem Leonardo und dass die Galleria Vittorio Emanuele heißt. Ich gehe frühs zu Cova und schreibe Briefe. Mittagsessen Milanese. Tragische, schöne Schwere. Im Innenhof stehen Maulbeerbäume und keine Bäume. Ich reduziere die Stadt nicht mehr nur auf Menschen, die gut gekleidet durch schlechtes Wetter gehen und ihre Sachen umhertragen. Mailand ist jetzt mehr, und Stresa ist wie Mailand mit Meer. Nördliche Tristesse mit südlichem Charme. Am Bahnhof sind drei Schilder, das muss ich erzählen. Eins für die Bar, eins zur Toilette und das, auf dem Uscita steht, zeigt einen Menschen, der sitzt und liest. Über ihm hängt eine Uhr. Irgendwie find ich das schön. Alles ist geordnet und pünktlich, meine Freundin kann nicht glauben, dass das dasselbe Land ist, in dem auch Neapel liegt. 14 Uhr ist aber auch hier immer noch ein guter Morgen. Und wenn man einen Teller Tagliatelle bestellt und dazu Tomaten will, hat man den Tomatensalat, und wenn man nach der Weinkarte fragt, gleich Wein, vier Flaschen, und sein Croissant warm zum Kaffee möchte, kein Croissant, keinen Kaffee, keine Museumstickets, obwohl man doch vor Wochen welche reservieren ließ und auch keine Badehose an, ich gebe auf. Man kann die italienische Art zu kommunizieren, nicht so beschreiben, dass man sieht versteht, denn man versteht sie nicht. Sie führt nirgendwohin. Wir kommen deswegen mindestes genauso kompliziert an wie Hemingway. Einen verpassten Zug später und ein paar Mal falsch umgestiegen, fertig ist der Streit. Ich meinte, ich könnte die Karte besser lesen und dann die Explosion. Stimmung wie nach einer Atombombe. Man hat das Gefühl, das man hat, wenn man durch Orte geht, die sonst sehr belebt sind. Der Rummelplatz ist tot und nass und unheimlich. Aber mit Hass und Wut lässt sich das Gepäck leichter zum Hotel schleppen […]