Menü

BYND

Konstantin Arnold

AMALFI

AMALFI

Am Ende jenes Sommers wohnten wir auf einem Berg in einem Dorf, das auf viele andere Dörfer hinunterblickte. Der Berg war hoch und das Meer unerreichbar und keine Stufen führten zum Meer, die man gehen konnte. Enge Straßen liefen entlang der Weintrassen von den Dörfern zum Meer und man sah die Buchten, die sich in die Ferne schwangen, wie leiser werdende Melodien, und andere, orientalische Dörfer, die am Abend in den Buchten über dem Meer flimmerten. Der Ausblick hatte viel Glanz in die Fassaden der Häuser gebracht. Unser Hotel lag am Ende einer Hochebene. Man konnte das Gebirge sehen und das Meer und ein Dorf. Die vielen steilen Treppen hielten die vielen dicken Amerikaner fern und nur manchmal sah man einen Buntangezogenen, der durch die Zeitlosigkeit unseres Gartens ging, wie eine Uhrzeit mit Datum. Wir wussten in diesen Tagen nie, welcher Tag war und wie spät es ist, aber die Tage fühlten sich wie ein ganzer Sommer an. Cabriofahrern und draußen essen, Bücherlesen und nach dem Essen beim Lesen einschlafen. Wir hatten keine Zeit, denn es gab keine. Der einzige Termin war das Frühstück oder wenn wir uns einen Tisch reservieren ließen oder ein Boot. Wir schwammen weit raus und sprangen von den Felsen ins Meer und das Meer stand ihr ausgezeichnet. Sie konnte darin schwimmen, wie die Versuchung in La Piscine von Jacques Deray. Die anderen Frauen in den Cafés lobten ihre Bräune und ihren Schmuck und wie sie schwamm. Wir standen nach dem Schwimmen mit ihnen am Tresen und tranken Café und sprachen über die Küste und ihre Bräune. Ich fragte die Frauen, was sie früher ohne ihre Telefone am Meer gemacht hätten und eine sagte, Lesen, Kreuzworträtsel oder sie ließen sich scheiden. Das Savoy war ein gutes Café und man konnte hier stehen und bezahlte normale Preise. Einmal bezahlten wir gar nicht. Das Wetter der Küste war nie heiß und nie kalt und immer angenehm. Manchmal zogen Wolken auf und brachten Regen, aber die konnte dem Wetter nichts. Sie hatten nicht die gleiche traurige Wirkung. Man sah den Regen immer schon kommen. Erst kam der Wind und dann die Wolken, die den Regen von den höheren Bergen im Süden brachten. Die Boote flohen in ihr Häfen und zogen weiße schnelle Linien im Blau, die in der Strömung zurückblieben, wie Spuren von Erinnerung. Bei uns gab es solchen Regen nicht. Er war gnädig und nahm nicht die gesamte Farbe des Himmels in Anspruch und war auch schon wieder vorbei. Für einen Moment sah die Welt dann aus, wie ein Glas Rosé, das man gegen den Himmel hält oder italienischer Wermut, in jenem Moment, in dem man den St. Germain dazu kippt. Nach dem Gewitter war alles ganz still und die Dinge glühten noch vom Tag und die Nacht kam aus den Tälern und man sah, wo noch überall Häuser waren. Sie schienen einsam und allein in den Bergen wie Sterne. Manchmal verschonten die Gewitter die Tage und kamen bei Nacht. Die waren heftig und blieben lange und die Welt wurde so nass, dass man dachte, sie könnte nie wieder trocken werden. Man wurde wach, wenn der Regen durch die offengelassenen Terrassenfenster ins Zimmer fiel. Einer von uns ging dann auf die Terrasse, und zwar immer ich und ich sah raus und spürte die Hitze und sah die Gärten mit den Kieswegen unter mir, schön und grün und nass, und das Meer im Mondlicht. In diesen Nächten im Hotel in unserem Zimmer und dem Gewitter draußen und wir im Bett und den leeren Gängen und dem Jaguar vor der Tür, wurde man wieder gläubig […]