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BYND

Konstantin Arnold

BANAL

BANAL

Es war Sonntag oder es war Montag oder es war einfach noch ein Tag, an dem es regnete und ich verkatert war, weil ich Samstag oder Sonntagabend mit Freunden zwölf Jahre alten Brandy gekauft hatte, an dem wir uns orientieren konnten. Wir unterteilten die Tage in Tage, an denen wir neuen Brandy kauften und Tage, an denen wir keinen neuen Brandy kauften. An den Tagen, an denen wir neun Brandy kauften, gingen wir vorher eine sehr zeremonielle Runde joggen, damit wir nicht fett wurden. Wir nannten das Joggen rennen und sahen, dass es gut war. Es war immer dieselbe sehr zeremonielle Runde. Sie führte durch heruntergekommene Hochhausschluchten und über eine Brücke in einen Park, mit vielen Wegen, die alle bei einem brasilianischen Fleischer endeten und an vielen Restaurants vorbeiführten. Wir rannten nur, um nicht fett zu werden und neue brasilianische Fleischer zu finden oder Restaurants, die wir noch nicht kannten und in die wir gehen würden, in einer Zeit nach dieser Zeit, wenn sich die Welt nach ihrem Untergang weiterdreht. Wir alle mochten den Park und hassten das Rennen, bis auf einen, der gerne rennen ging und immer Rennsachen anhatte und sein Telefon am Oberarm trug, das uns nach jedem geschafften Kilometer sagte, dass wir einen weiteren Kilometer geschafft hatten. Es war eine schwarze, durchtrainierte, übersetzte Männerstimme. Sie stellte sich als Fitnesscoach Mike aus Seattle vor und sie stellte sich uns vor, wie man sich ein spanisches Kochrezept vorstellt, das laut und unsicher vorgelesen wurde. Hier spricht dein Fitnesscoach Mike aus Seattle und wir sagten, „Halt’s Maul, Mike!“ Wir mochten Mike nicht, weil er klang wie jemand, der beim Ficken gerne Marvin Gaye hört und „Yeah Baby“ sagt, in einer ewig andauernden 59. Sekunde lebt, die er zelebriert und trainiert hat, um ihn immer kürzer vorher rauszuziehen, so wie man ein Flugzeug hochzieht, das auf die Erde hinab auf eine Vorstadtschule zustürzt und gerade so noch über den Schulhof und das Dach einer Dreifelderturnhalle hochgezogen wird. Glückwunsch, geschafft. Mike meinte, wir wären fünfkommadrei Kilometer gelaufen, mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von zehn Kilometern pro Stunde. Er gratulierte und sagte, was heute wehtut, macht morgen stärker. Dann ging einer von uns in den brasilianischen Fleischer rein, der Rest wartete draußen, davor. Der brasilianische Fleischer hatte, extra für uns, eine weiße Gartenbank vor seinen Laden gestellt, damit wir uns ausruhen konnten. Während der Seuchentage, waren die Minuten, in denen wir auf der Gartenbank, vor dem Fleischer an der Kreuzung in der Sonne warteten, die einzigen schönen Minuten, die wir im Freien, davor und nicht drin, weder rennend noch einkaufend zusammen verbrachten. Nur durchdrungen von Nachmittagssonne und den Schlägen, mit denen der Fleischer unser Entrecote zubereitete. Die Klänge gebrochener Rippen kamen aus seinem Laden und gingen über die Kreuzung. Es waren die beruhigenden Rufe gebrochener Knochen, die wir später mit grobem Salz und kaltgepresstem Olivenöl in den Ofen schieben würden. Wir wussten nicht, warum er das machte, aber wahrscheinlich brach er den unteren Rippenbogen für uns vor, damit wir später besser an das Fleisch kamen. Wir aßen genauso viel Entrecote, wie wir Brandy tranken und Rennen gingen und Karten spielten und solange wir das alles zusammenmachten, hatten wir auch keine Angst. Zum Essen kauften wir schwarze Oliven aus Dosen und italienischen Hartkäse, Rotwein aus dem Dourotal, manchmal auch welchen aus Evora oder dem Alentejo, frisches Weißbrot und einen Sack Kartoffeln, den wir in kleinen Scheiben, neben das Entrecote legten, so schön und so sorgfältig aufgereiht, als würden wir die Kartoffeln später noch fotografieren wollen. Wir legten unser ganzes Sein in dieses Tun, weil wir nichts anderes tun konnten, und fühlten uns dabei wie eine Gruppe fetter, einflussreicher Italiener, die man zusammen in einen Gefängnisfilm gesperrt hatte. Essen war für uns immer ein Ereignis gewesen, aber in diesen Tagen war es unser einziges. Und […]

LEVANTE

LEVANTE

Aller Anfang ist schwer, deswegen fangen wir gleich am Ende an. Sie ist weg, kommt nicht mehr her, war wütend wie Waldbrand und voller Hass, der so kalt und endgültig sein wird, wie frisch gewordener Stahl. Hab‘ ihr noch Peperoni nachgeworfen. Half nichts. Peperoni fliegen nicht weit und nicht gut, nicht weit genug, nicht so gut wie brennende Kerzen, aber die hinterlassen eine Sauerei, die dann auf Knien, unter Tränen, entfernt werden muss. Solange das Wachs noch wird, kann man nichts tun, außer halbvolle Gläser wegschütten und Rauchen gehen und wenn man nicht raucht, und keine halbvollen Gläser hat, hat man in solchen Momenten nichts zu tun, außer darüber nachzudenken, ob man nicht mit dem Rauchen und Trinken anfange sollte. Wenn man nicht Trinken will, ist Rauchen die einzige vernünftige Möglichkeit, um mit solchen Momenten fertigzuwerden. Man kann nicht einfach ohne Zigaretten in die Luft gucken und trocknendes Wachs warten, ohne dass die Nachbarn, auf den anderen Balkonen denken, man würde durchknallen und auf Wachs warten. Sich langsam hinzurichten, macht in ihren Augen mehr Sinn, als einfach so dazustehen und von der Luft aus ins All zu gucken. Zigaretten wurden gemachten, um ins All zu gucken, sie wurden genau für solche Momente geschaffen und man fragt sich, was zuerst da war, die Zigarette oder der Moment, der Rauch oder der Wind. Der Effekt, den Zigaretten in solchen Momenten haben, die man im Unterbewusstsein raucht, ist nicht die Zigarette selbst, sondern das Durchatmen, zu dem uns die Zigarette zwingt. Man steht im Moment und atmet den Moment durch die Luft ein und die Luft fühlt sich wie etwas Lebendiges an und man atmet aus und guckt sich dabei die Luft genau an, den Rauch im Wind, starrt vom Balkon aus ins Nichts und führt sich die Gründe vor Augen, fragt sich, wie das allen nur wieder so weit kommen konnte und hält sich dabei an der Zigarette fest, wie an einem Geländer. Hinter dem Geländer ist nichts, nur Tiefe, die dich nach unten zieht und genau um dieses tiefe Nichts ging es wieder. Man versucht noch einzulenken, bevor es um etwas geht, stellt sich quer, will nicht schon wieder diese lange staubige Straße runtergehen, ohne dass man vernünftige Getränke dabei hätte, lässt sich provozieren, wird zerstörerisch, täuscht einen Herzstillstand vor, lauert auf die Fehler des anderen, macht dieselben Fehler, bis es doch um irgendwas geht und das Geduldsstahlseil reißt und man schreit und schmeißt und zerrt und sich fallen lässt, wie eine Fußballschwalbe, um dem anderen das Gewissen mit einem Backblech zu durchbohren. Am Schluss ist man ausgehöhlt und angewidert, sich selber nicht, noch, dass der Andere schnauft und atmet. Heult. Selbstverständlich auf und abmarschiert. Aussieht. Da ist. Weg geht. Hoffentlich zurückkommt, wenn ich das hier fertig geschrieben habe. Vielleicht. Vielleicht, aber auch nicht. Die Zunge entsichert, dass Das-Wars schon auf den Lippen und man kann so ein Das-Wars nicht wieder einfangen, wenn es einmal bis zum Ende gesagt wurde, wie man keine Pistolenkugel einfangen kann, wenn man sie einmal abgeschossen hat. Von Schimpfworten ganz zu schweigen, auch wenn die sich noch so schön sagen lassen. Auf südeuropäisch gibt es tolle Schimpfworte, die sich ganz ausgezeichnet sagen lassen, man kann gar nicht wiederstehen, sie zu sagen. Umso religiöser ein Land, desto besser die Schimpfworte. Worte wie Dynamit, sie brennen nicht lange. In Deutschland haben wir keine guten Schimpfworte und wenn man versucht, deutsche Schimpfworte in Südeuropäisches zu übersetzen, kann viel schiefgehen. Sie sagen nicht das gleiche und werden vielleicht im Zielland als Heilige verehrt. Faustregel: Nichts in Flüchen verwenden, das bluten kann, denn alles, was bluten kann, ist wahr. Heilige können bluten, Frauen und Stiere. Google Translate macht aus einer dummen Ziege […]

PANTHEON

PANTHEON

Und dann kam das schlechte Wetter und brachte das Ende des Sommers. Der Wind brachte es vom Atlantik und zog dann ohne das Ende weiter und der Sommer wollte gar nicht mehr aufhören, zu Ende zu gehen. Man musste die Fenster schließen, damit die Welt drinnen nicht mit unterging und der Wind trieb den Regen gegen die Fenster und riss die letzten Blätter von den Bäumen, die dann an den Fenstern klebten oder nass und tot auf die Welt fielen und dort lagen und lagen, bis sie von irgendeiner kurzen Sonne getrocknet werden würden. Die Welt roch nach totem Laub, das nicht mehr wehte. Mit dem Regen kam die Traurigkeit in die Stadt und mit der Traurigkeit, diese eine Seite an ihr, die sich nicht mit dieser einen Seite an mir verstand. Ansonsten verstanden wir uns prächtig und ich glaube, dass diese eine Seite der Grund war, dass sich die anderen Seiten an uns, so gut miteinander verstanden. Das dachte ich damals und das denke ich auch noch heute. Es ging immer nur um Sachen, die egal waren, um die wichtigen Sachen stritten wir nie. Bei den wichtigen Sachen war es ganz egal, wer Recht hatte. Wenn irgendetwas wichtig war, setzten wir uns auf die Bänke, im amerikanischen Viertel, die man auf halber Strecke zwischen Treppen gestellt hatte, die nie einer ging, und erklärten uns einander. Wenn wir nicht weiterwussten oder sie sich zu lange erklärte, flogen meine Gedanken davon und ich dachte, dass das hier gute Bänke wären, um ein sich zu erklären, weil sie in einem ganz bestimmten Winkel zueinander aufgestellt wurden und man sich nicht anschreien und nichts schmeißen konnte, wegen der Nachbarn und dass hier viel Unkraut durch das Pflaster wächst, weil sie nie jemand ging. Ich nahm mir vor, die Treppen öfters zu gehen und irgendwie sah sie mir das immer an, wenn ich an Treppen dachte, die ich öfter gehen möchte und wir begannen zu streiten. Wir stritten von den Treppen bis zum Pantheon und dann zum Miradouro da Nossa Senhora. Einer ging immer vor und der andere rannte ihm nach und am Miradouro da Nossa Senhora begann es zu regnen oder wir bemerkten den Regen erst dort. Die Bäume waren alle kahl und die Kirche war zu und es gab auch sonst nichts zum Unterstellen, nur ein großes Kreuz in der Mitte des Platzes. Wir standen also unter dem großen Kreuz in der Mitte des Platzes, jeder unter seiner Seite des Kreuzes und wurden sehr nass. Ich hatte den ganzen Sommer über auf sie gewartet und ich hatte auch heute auf sie gewartet, obwohl gar kein Sommer mehr war, und ich hatte kein Problem damit gehabt, weil ich nie ein Problem damit hatte und sie ständig zu spät kam und ich ständig so dastand und rauchte und über Dinge nachdachte. Aber als sie heute zu spät kam, küsste sie mich zu flüchtig und sprach nur von ihrer neuen Wohnung und ich sagte ich hätte darüber nachgedacht, dass sie nur noch von ihrer neuen Wohnung sprechen würde und immer zu spät wäre. Sie hatte die gleichen Meinungen, die nicht stimmten, wie ich, aber manchmal saß sie nicht auf Bänken, zwischen Treppen, sondern wie eine Prinzessin auf einem Elefanten, der durch einen Dschungel lief und kämpfte gegen Mücken. Vom Elefanten ausgesehen, fielen meinem männlichen Betriebssystem ihre kurzen Haare auf. Sie waren scharf und kinnlang abgeschnitten und die Spitzen ihre Haare zeigten zu ihrem Mund. Ihr Mund hatte dieses ewige Erste an sich und ein unendlicher Impuls ging von ihm aus, der sich anfühlte, wie die […]

DIENER

DIENER

Hey Frank. Ich habe oft an dich gedacht oder jedenfalls öfter, als ich dir geschrieben habe. Liegt wahrscheinlich daran, dass man das, was ich dir sagen wollte, besser in einem Park sagt oder in einer Bar oder auf der Bank eines großen südeuropäischen Platzes, vor uns der Brunnen und die Tauben, die da kackt grad; oder an einem Mittagstisch mit rotweißkarierter Tischdecke, du weißt ja um die Faszination, die Wein und Käse an so einem Tisch, unter freiem Himmel, auf mich ausüben. Da wir aber Ländergrenzen und Sicherheitskontrollen voneinander entfernt, an unseren Schreibtischen sitzen, immer blasser und immer fetter und immer toter werden, dachte ich, dir zumindest keine Mail zu schreiben, sondern einen Brief, den du dann überall mit hinnehmen kannst, ohne ihn aufladen zu müssen, an all diese Orte. Wenn ich ehrlich bin, wollte ich erst nicht, dass es so weit kommt. Ich hatte es lange herausgeschoben, gehofft, du kommst mal, immer einen Grund gefunden es nicht zu tun, bin nach Istanbul oder Zürich oder Paris geflogen, nur um es nicht zu tun und an Abenden in Lissabon immer noch einen trinken gegangen, um es am nächsten Morgen nicht tun zu müssen. Sogar eine Grippe kam mir gelegen, obwohl ich wusste, früher oder später, würde ich es tun müssen und ich wollte es ja auch tun, ich hatte es immer getan, für sonst wen, dieses eine Mal eben für dich, schlussendlich für mich selbst. Ich kann es immer nur einmal, bis ich wieder kann und man muss es jedes Mal besser können, als man es vorher konnte, solange, bis man das, was man immer getan hatte, nicht besser, sondern nur noch echter macht. Mit je weniger Gefühl man es tut, desto einfacher ist es, genauso wie es einfach ist, jemanden mit wenig Gefühl zu lieben. Es ist und bleibt die schönste Sache der Welt und ich mache nichts lieber, aber darüber schreiben, will ich jetzt nicht mehr. Das ist Kampf. Krieg. Ein weißes Blatt Papier, das gar kein Papier ist, sondern Bildschirm und mich anstarrt, mit leeren Augen, die wollen, dass ich ihm welche verpasse. Es gibt einfach Dinge, die man lieber tut, als über sie zu schreiben. Mit einem geliebten Menschen schlafen oder Essen gehen, aber genug von den Vergleichen, ich lenke wieder ab. Geradeaus darauf zu, und nein Frank, ich gehe heute keinen trinken, aber es kann sein, dass ich ausfällig werde, verletzend, eindimensional, viel zu persönlich. Entschuldige vorweg den hässlichen Umschlag. Er sieht aus wie eine rechteckige Bürolampe mit Briefmarke drauf und erinnert mich an Aktenordner, dich auch? Solche Briefumschläge erhalten normalerweise nur Menschen, die keine Lust mehr haben, sie aufzumachen, Menschen, die ihr Leben unter Bürolampen und vor Aktenordnern verbringen. Bis zu ihrem Suizid. Deine Briefe sehen immer so schön aus. Sie liegen auf meiner Kommode oder in der Kommode drin und passen ganz hervorragend zu meiner inneren Einrichtung. Ansonsten habe ich jedoch keine Mühe gescheut, bin gestern Abend in keine Bar und heute Morgen nicht in die Kirche. Bin wie neu und sitze vor einem schönen Café am Rossio, der große zentrale Platz auf dem sie Sonnenbrillen und Kokain verkaufen, erinnerst du dich? Nicht weit von dem McDonalds, in dem sie dir mal das Messer an die Kehle gehalten haben und dein Geld wollten und du allen Ernstes fragtest, ob […]

KAFFEE & SCHNAPS

KAFFEE & SCHNAPS

Im Leben eines Mannes gibt es viele Straßen und viele Winter, außer er wird schon früh von einem dahingerafft oder in einer Schlacht verwundet oder von einem Diesellastwagen überrollt oder stirbt an den Folgen einer ordentlichen Geschlechtskrankheit. Heute sterben Männer nicht mehr an Schlachten oder Geschlechtskrankheiten, schon gar nicht an Wintern, sie sprengen sich in die Luft oder kommen ins Altenheim, Sabbern sich ums Leben, oder stürzen einfach mit dem Flugzeug ab oder werden auf offener Straße, lautlos, von einem Elektroauto überfahren. Keiner gesehen. Manche schreiben auch Abschiedsbriefe auf ihren Notebooks, und knallen sich dann ab, weil sie zu feige sind, sich nicht abzuknallen oder mit ihren Frauen zu reden oder ihre Erektionsprobleme, mit der Hand, mal auf ein ehrliches Blatt Papier zu schreiben. Etwas Handgeschriebenes ist doch immer etwas sehr Nobles und etwas sehr Endgültiges, aus dem es kein Zurück, kein Kopieren, kein Einfügen mehr gibt. Es steht dann so da und es ist es sehr schwierig und sehr gesund mit der Hand zu schreiben, weil die Gedanken direkt vom Gehirn aufs Papier fließen können, noch bevor sie geschliffen sind und man sich fragt, ob allen klar ist, dass das hier kein Abschiedsbrief, sondern eine schöne Geschichte ist, in dem das menschliche Gefühl dem ästhetischen System eben weit voraus ist. Man kann nicht einfach so vor sich hin tippen und weglöschen, bis man endlich aufhört, weg zu löschen und zu denken und zu schreiben beginnt. Man kann auch nicht ohne weiteres eine Sicherheitskopie davon machen oder das Geschriebene irgendwo ablegen, wo keiner drankommt, weil man überall drankommt und alles abfackeln oder verloren gehen kann. Das macht es aufregend und in jenem Winter gab es für mich eine Straße, die so aufregend und endgültig war, dass sie mit der Hand geschrieben werden musste. Winter ist, wenn es sonnig ist und die Menschen in Lissabon Jacken tragen. Die Stadt atmet durch und ihr Atem riecht genauso wie er aussieht, durchsichtig, windig, warm, atlantisch gereinigter Ozon. Von den Menschen, die Reisen müssen, um zu Reisen und darauf hoffen, dass immer neue Länder das Reisen für sie übernehmen, sieht man wenige und die, die man sieht, tragen keine Jacken, sondern nur das, womit sie Januar auf Südeuropäisch übersetzt haben. Viele von ihnen werden krank und verbringen den Großteil ihrer Reise in den verbrauchten Betten ihrer Ferienunterbringung oder sie ziehen sich eine Lebensmittelvergiftung zu, weil sie in Restaurants gingen, in denen sie die Karte in ihrer Sprache dahatten und sich Sardinen bestellten, mitten im kalten Winter. So aber wurden die Plätze frei und die Wege leer und der Rauch von Esskastanien lag in der Luft und man konnte die Luft sehen, wie sie auf den Plätzen lag und durch kahle Bäume wehte und alles kleiner machte, gemütlicher, schöner, erwartungsloser, pariserischer, melancholischer, irgendetwas mit der Stadt machte, was weiß ich, was es machte, aber man schaute jedes Mal auf die Plätze der Stadt und fragte sich aufs neue, was genau die Luft mit der Stadt ma[…]

OBSESSION

OBSESSION

Diese Geschichte beginnt wie alle Geschichten auf der Rückbank eines türkischen Taxis. Im Stau. Als Fortsetzung von einer, die noch nicht geschrieben wurde, aber fast fertig notiert ist. Vorausgesetzt, meine Gedanken flackern weiter so über die Seiten. Angezündet von plötzlichen Tankstellen und dem reinleuchtenden Licht vorbeirauschender Straßenlaternen, Parfümwerbung, die verschleierten Frauen Freiheit verspricht und Ampeln, am dramatischsten die Farbe Rot. Manche Notizen sind mit einem schönen schweren Kuli gemacht, im Dunkeln, im Regen, im Streit und im Schnee; sind schwarz oder blau, unwichtig, affektiert, unleserlich und neurotisch. Andere lange her, haben viele Notizbücher überstanden, wurden hundertmal abgeschrieben, sind nie zu Sätzen geworden, wären ein Buch wert gewesen. Heute nichts erlebt, Manuskripte versandt und rumgelaufen, zum Beispiel. Sie sagen mehr über Situationen aus, in denen sie gemacht wurden, als darüber, was von diesen Situationen in ihnen steht. Und zwischen ihnen, da liegen Wochen, Adressen, Länder, Krisen, Narkosen, Offenbarung. Daran ist Zeit schuld. Koordinierte Weltzeit plus drei minus zwei. Vergangene, mitteleuropäische Zeit, mit ihren Umstellungen und Überschriften und Erkenntnissen und Flugzeugen, vor allem die Flugzeuge, gottlos und luftleer, nicht mehr hier, aber auch noch nicht da, lange schon keine Straßenlaterne mehr. Flugzeuge reißen das Leben in Stücke, trennen Momente voneinander, indem sie Augenblicke verbinden, die gar nichts miteinander zu tun haben. Nach jedem Start ein neues Kapitel, da reicht kein Absatz mehr. Zu viel Leben, in dem ich es mit Wirklichkeit aufnehmen muss, ihr hinter herschreibe, bevor ich, vom Glühwein angeschossen, auf der Weihnachtswatte vorm Fernseher zum Erliegen komme. Resignation, die Schweiz von oben, wie ein schmelzendes Schaf, das wenigstens noch von richtigen Tigern gefressen werden möchte. Einmal brauchte ich Urlaub, ging ohne Notizbuch in den Wald, kurz davor, mir meine Gedanken mit einem Zweig in die Haut zu ritzen. Meine Gedanken verfolgen mich und ich verfolge meine Gedanken, bis auf den Grund des Denkens, will ich denken. Vom Konkreten ins Abstrakte, bis an das Ende der Vorstellungskraft, bis es nur noch ums Verfolgen geht. Das Leben sprudelt als ewige Quelle aus mir heraus, aus allem und jedem, sprudelt mehr, als man trinken oder stauen oder stilllegen kann, oder was man sonst noch so mit Quellen macht. Sie droht meine Welt zu fluten, noch bevor sie zur poetischen Erinnerung von der Welt geworden ist, die mich als Arche durch die Flut von Ereignissen trägt. Denn, was ich da von der Welt fühle, ist wahrer und falscher als die Welt und was ich mir einbilde, zu leben, doch überlebenswichtiger, als alles, was ich erlebe. Einbildung ist das Wahre am Lügen, stimmt, und doch ist nichts Zufälliges an solchen Momenten und ihren Einbildungen, nichts Austauschbares, nur viel Unkenntnis von Ursache, steht hier, zwischen in Unordnung geratenen Gefühlen und Versuchen, meinem Ideal von Leben näher zu kommen. Anstrengend, oder? Ich freue mich auch schon auf weiter unten, da geht’s um Nutten und Bürgerhäuser. Dranbleiben! Bis dahin Buchhaltung führen, über Gefühle, Gedanken, Gesten. Aus Angst mich zu verpassen. Wie kann man sich verlassen, darauf, dass alles so passieren wird, wie es am Ende geschrieben […]

STREIT

STREIT

Dunkel, wie vor der Erschaffung der Welt ist es gewesen. Nur Taxis und Nebel gabs schon. Niemand auf den Straßen, nur ein Norweger und ich. Wir standen eine ganze Weile und es kam hin und wieder auch jemand vorbei, aber erst, nachdem ich diesen Satz fertig geschrieben hatte. Da waren Allerweltsmenschen, so unterschiedlich wie Grashalme, die von glücklichen Kühen gefressen werden, ich mochte sie nur, wenn sie Zigaretten daließen. Da waren hagere Frauen, die heimrannten nachdem sie den Norweger sahen und sahen, wie er ihnen im gelben Laternenlicht hinterher sah, mit seinen grundlosen Augen, die hinter einer randlosen Brille guckten, wie die Fenster eines U-Boots, tief und unter Druck. Er meinte, er stehe auf solche Frauen, große Frauen in Körpern von elfjährigen Jungen, am liebsten chinesisch, wäre aber selten. Der Norweger war sehr groß, aber gar nicht so norwegisch und pädophil, wie du ihn dir vorstellst. Er war ganz weiß und bewegte sich mächtig, wie ein schwuler Winston Churchill. Er sah aus wie ein betrunkener Engel oder ein Esoteriker mit Akne oder ein Arzt mit Bauch oder ein Alkoholiker oder alle zusammen, ausgebrochen aus einer Nervenklinik, in der die Patienten Leinen tragen und sich mit billigem Aftershave rasieren. Einmal kamen zwei Männer und eine Frau vorbei. Die Männer trugen enge, aufgeschlitzte Hosen und weiße Turnschuhe. Es waren die gleichen Männer, wie überall oder es waren andere. Einer der Männer sagte etwas und die anderen lachten. Der, der was gesagt hatte, lachte dann auch und der Norweger begann sich die Ohren zuzuhalten. Er hielt sich die Ohren zu, wie man sich zwei dröhnende Sirenen vom Kopf reißen würde, wenn irgendwo einer stirbt und jemand anruft und losgefahren wäre. Ich fragte warum? Er sagte, dass er im Lachen des einen Mannes die ganze Naivität unserer Zeit gehört hätte, es soll nach Bücherregaltapete geklungen haben. Ich sagte, ich wüsste, was er meine und wollte schon oft darüberschreiben, aber es funktioniere nicht. Ich schweife immer ab. Erst letztens wollte ich im Park einige hasserfüllte Zeilen für übertrieben selbstsichere Frauen schreiben, die gerne Sachbücher lesen, aber im Park rannten Hunde und ich dachte, wie geil muss es sein, vier Pfoten zu haben und einen tiefen Körperschwerpunkt und einfach wild im Park rumzurennen. Zur Begrüßung schnüffelt man sich am Genital. Ob ich weibliche Autoren lesen würde? Gedichte von Anna Achmatowa wären ganz gut, weil die Modigliani gebumst hat und so eine Engländerin, deren Namen ich vergessen habe, klingt aber männlich. Der Norweger sagte nichts. Dann sagte er Virginia Wolf, schön, groß, hager. Wir standen eine Weile da, sein Leinenhemd flackerte im Wind. Ich weiß nicht, an was der Norweger dachte, aber ich stellte mir Virginia Woolf vor, nackt und heterosexuell. Ich versuchte, sie mir so genau wie möglich vorzustellen, aber es war schwierig, denn zwischen der Ungenauigkeit meiner neurotischen Vorstellung und der Präzision ihrer viktorianischen Realität lag ein Stück unvorstellbare Individualität, etwas das nur Virginia wusste und alle, die mit ihr geschlafen hatten. Irgendwo aus der Ferne […]

DEKADENT

DEKADENT

Es wurde ein sehr romantischer Roadtrip außerhalb der Zeit, in dem man essen konnte, ohne fett zu werden. Hatten wir in einem Hotel lange genug vom Balkon geguckt, fuhren wir weiter, von einer Mahlzeit zur Nächsten, hielten in vielen weißen Städten und ließen uns vom Wind aus Italien langsam nach Frankreich blasen. Sie im weißen Kopftuch, ich in vom Fahrtwind zurückgelegten Haaren. Man drehte sich nach uns um. Bis zu ihrem Ausschlag sah sie aus, wie eins von diesen teuren Weibern, die man hasst und schon immer mal vögeln wollte, und ich wie jemand, der Weiber hat, die er immer vögeln wollte. Waren wir zu beschwipst, um weiterzufahren, kauften wir noch Postkarten für unsere Mütter oder fuhren trotzdem einfach weiter und verließen uns auf die schmalen Straßen einer oft gemalten Landschaft, von denen der alte Italiener sagte, sie würden die Schwächen der Männer wegwaschen und die Traurigkeit der Dinge und bis in die Wirklichkeit unserer Träume führen. Auf der Rückfahrt fuhren wir unser Cabriolet im Regen nach Rom hielten an Raststätten und konnten uns bis auf Bockwurst und Billigflieger nichts mehr leisten. Wir mieteten uns gerade so in eine Jugendherberge, am Flughafen, ein. Der Inhaber war lieb und zitterte. Er gab uns das Eisbärenzimmer. An der Wand hing ein Bild von der Arktis. Das Internetpasswort lag in einer pinken Tonpapierwolke ausgeschnitten neben den Ohropax, Frühstück ab halb fünf, Weißbrot und Tee, zehn Euro extra. Oh, wie ich Rom in diesen Tagen hasste. Rom war so, wie Menschen eben sind, die nicht weit rauschwimmen können, sie werden hektisch. Am Abend gingen wir in eine Imbissbude nebenan, schick machten wir uns trotzdem, ein allerletztes Mal. Beim Essen dachten wir an all die guten Steaks zurück, die wir den Sommer über gegessen hatten und als wir am nächsten Morgen im Taxi saßen, lag vor uns ein langer römischer Stau. Der Taxifahrer sang zusammen mit dem Radio ein Duett von Adriano Celentano & Mina, es hieß Acqua e Sale. Er sang das so, als würde da kein kilometerlanger Stau vor uns im Morgengrauen liegen, sondern das Meer und die Küste. Ich hielt meinen Hut in den Händen und mein Hut sah mich an. Ich hatte ihnen einen Sommer lang getragen. Ich glaube, wir hofften in diesem Moment beide, den Rückflug nicht zu erreichen und wir erreichten ihn wegen des Staus auch nie. Heute denke ich, dass Rom eine ganz gute Lektion gewesen ist, durch die wir am Ende auf dem Boden bleiben konnten. Denn am Ende jenes Sommers waren wir verwöhnt und verdorben. Wir hatten vom luxuriösesten Baum der Erkenntnis gekostet und uns in Fünf-Sterne-Hotels mit einem äußerst prunkvollen Virus majestätischer Gastfreundlichkeit infiziert, dessen Folgen wir ein Leben lang spüren werden. Ansteckend ist dieser […]

RANDVOLL

RANDVOLL

Ich hasse August. Er ist erst einmal schön gewesen, im Jahr als ich geboren wurde und die DDR starb. Ansonsten ist er immer nur heiß. Die Männer tragen Shorts. Die Restaurants machen Urlaub. Nur die gottlosen gähnen einem weit geöffnet entgegen. Maden in der Küche, Mücken im Bett, die Frauen am Strand. Keiner geht mehr auf Arbeit. Auf den Straßen nur Touristen und ich, dumm und deutsch. Wer kann, rettet sich in den September. Am besten schon im nächsten Satz, wenn die ersten schönen Herbstmorgen über die Hügel kommen. Die Sonne müde und geschafft, vom vielen Strahlen und die Tage schleichen sich wieder an, anstatt einfach nur so zu beginnen. Die Luft ist frisch und man kann sich endlich wieder in Jacke vor einer Bar besaufen. Wird Zeit. Die meisten Bars der Stadt funktionieren nicht im Sommer. Ich kenne nur eine, in der Beco das Cruzes, die im Sommer funktioniert. Die ist aber keine Bar mehr, sondern eine Schenke. Ein Trog für alle, die es schon viele Sommer lang nicht mehr aus der Stadt geschafft haben. Schwer zu finden, selbst, wenn man da ist. Über einen selten hässlichen Innenhof muss man ein paar Stufen hinauf, aus dem Eingang kommt schon Rauch. Man ist da. Der Laden sieht aus wie Kuba oder das, was ich mir unter Kuba vorstellte. Erster Stock, viereckig, mit vielen großen Fenstern. Er ist mehr Schenke als Bar und mehr Fenster als Schenke. Alle Fenster sind aufgerissen und haben Balkone. Natürlich Deckenventilatoren, aber welche die klingen, wie festgenagelte Helikopter. Immer am Durchdrehen. Abends, wenn der Wind vom Tejo rüber weht, weil die kalten Luftmassen das so tun, knallen die Balkonfenster gegen die Rahmen und die Männer vorm Fußballfernseher springen auf und schreien die offenen Balkonfenster an, schreien Fodass Caralho oder eh pá estúpido. Bis auf die unkrautgrünen Balkontüren besteht die Schenke aus dunklem Holz. Jeder Tisch hat seinen eigenen Standaschenbecher, über 100 Jahre alt. Rauchen darf man nicht, muss man sogar. Manchmal fallen servierten in die Standaschenbecher und die Standaschenbecher fackeln dann ab. In der Mitte der Galaxie dieses Raumes stehen zwei schöne Billardtische und warten auf Benutzung. Über den Billardtischen hat man kaputte Lampen angebracht. Generell kommt der Laden meiner inneren Welt ziemlich nahe. Am Anfang war die Schenke viel zu inspirierend, ich musste oft heimgehen und sie aufschreiben, bevor ich mich wieder entspannen konnte. Das war nach meinem ersten Besuchen. Ich trat ein und rannte heim, es ging um Leben und Tod […]

ANGEBER

ANGEBER

Es regnete und wir paddelten auf einen dunklen See, um Zitate der Freiheit in die Schwedische Stille zu brüllen. Heiß vom Schnaps und von der Sauna. Bis das Boot kenterte und alle lachten. Am Ufer guckten schon die Schafe. Eins war dafür extra bis auf den Steg gekommen. Es blökte, guckte sich den beleuchteten Whirlpool an, blökte, kostete von brodelnden 38 Grad, schaute, blökte, rannte lieber wieder weg. Wir tranken viel Schnaps in diesen Tagen und eine Flasche Champagner, den ich einfach so aus der Minibar nahm. Sie kostete später 3400 Schwedische Kronen. Was auch immer das in Euro war. Zur Beruhigung trugen wir Bademäntel und aßen Pilze, die wir im Wald fanden und über einem Feuer kochten. Ich zeigte ihr, welche man essen kann und an welchen man krepiert. Es war meditierend. Im See fingen wir Krebse. Am ersten Tag unserer Reise backten wir gemeinsam 200 Zimtschnecken. Ganz ohne Tagesklinik und ohne das Töpfern. Sie stärkten uns und saugten den Alkohol auf, wenn wir über lange, schwedische Straßen noch nach Hause fahren mussten. Wir nahmen unsere Zimtschnecken überall hin mit. Am Tag unserer Abreise hatten wir noch 187. In jenen Tagen wohnten wir in einem teuren Hotel im Nichts, ganz oben im Unaussprechlichen. Es war eine einfache dunkle Stadt, nur ein paar Straßen groß, Mitten im August. Vor dem Hotel feierte man gerade ein Fest und wir fragten, für was? und man sagte uns, na für die Bauern! Es gab eine große Parade, die nur groß war, weil alles andere klein war und mobile Imbissbuden, an denen der Döner acht Euro kostete. An einigen Ständen konnte man T-Shirts kaufen, auf denen stand: „Fuck you, I drive a Volvo“. Die Leute des Hotels wollten von all dem nichts wissen. Sie saßen im Bistro und aßen ihr Tatar, ihren Kaviar und ihre Austern. Auch ein paar Großstadtchinesen waren unter ihnen. Sie saßen in roten Flip-Flops an der Bar und bestellten Wein für 15.000 Euro. Ihre Frauen saßen an einem Tisch und sprachen über Bäume. Manche von ihnen hatte vorher noch nie so Wald gesehen, erzählte uns der Hoteldirektor. Dabei lächelte er professionell in sich rein, lachen sahen wir ihn nie. Er war der Typ, dem Flecken etwas ausmachen. In der Zeit im Hotel aßen wir viele Dinge, von denen wir beim Kauen nicht wussten, ob es Fleisch oder Fisch oder Gemüse war. Das einzige, was ich mit Sicherheit identifizieren konnte, war Brot. Es war heiß und gut und nie alle. Die Kellner trugen Anzüge und erzählten viel vom Wein. Manchmal fragte ich, was wir aßen und alle lachten oder wir wollten mehr Wein und mussten auf den Kellner warten, der dann wieder was vom Wein erzählen wollte. Die Stimmung war […]