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BYND

Konstantin Arnold

TAGEBUCH EINER TRENNUNG I

TAGEBUCH EINER TRENNUNG I

Es geht damit los, dass man sich fragt wies nun weitergeht. Man kann das in Rom, nach einer Trennung, aber nicht schon wissen, das geht einfach nicht, das geht nur danach, ich weiß gerade nur nicht, wann das ist und ob es überhaupt ein Danach geben wird. Ich bin nach Rom gekommen, weil ich aus Lissabon flüchten musste. Die Stadt ist nicht Rom. Sie kann schon gar nicht Rom sein, wenn man dort lebt. Man denkt, man könnte das, was man in Rom macht, auch gut in Lissabon machen, es ist die perfekte Stadt dafür, hügelig, melancholisch, nicht weit vom Meer, aber es geht nicht, alles erinnert mich an sie. Für die einen ist es London oder New York; für mich Lissabon. Und Rom, und das war ja das Problem. Rom war immer das Argument, wenn es darum ging, wie unser Leben in Zukunft auszusehen hat, und mit wie vielen Kindern. Es gibt außer Rom kaum Orte, an der wir noch keinen Matisse gesehen haben oder uns bei offenen Fenstern liebten und bis spät in die Nacht auf Plätzen diskutierten. Wenn wir bis Weihnachten nicht in in der Closerie des Lilas waren, im Sommer ums Cap d’Antibes schwammen, in Ventimiglia auf den Zug aus Cannes nach Genua warteten, Zeitungen im Café Sperl lasen, bei Tito in San Sebastian aßen, uns in Mailand trafen, durch den Retiro gingen oder am Lago di Como darüber nachdachten, Schluss zu machen, weil ich nach Rom ziehen wollte, ging bei uns gar nichts. Es zwängen sich Fragen aus der Zukunft auf, die die Gegenwart betreffen, dem einen mehr, dem anderen weniger, mit dreißig oder sechzig, je nach dem wie gut man die mit dreißig beantwortet hat. Das machte sie traurig und weil es sie traurig machte, dachte ich nicht weiter an Rom, und ich glaube, diese Nichtdenken und diese Traurigkeit waren’s und ihr Weinen, dieses Weinen hält einen immer davon ab. Es tötet von innen die Liebe und man beginnt gleichgültig zu werden und denkt an Rom. Vorher versucht man natürlich noch ein guter Mensch zu werden, wird krank durch und durch, unduldsam, unerträglich, ehrlich, ein Idealist, zwanghaft, wie keiner, bis man der andauernden Selbstbeobachtung erliegt. Lissabon blieb dabei die Hauptstadt unseres Vergehens. Natürlich war Valentinstage, als ich in Rom ankam. Ich konnte die Zeichen aber nicht länger ignorieren, schon gar nicht die Flecken. Ich konnte mich und sie nicht mehr sehen, genauso wie das ungelebte Leben meiner Liebe als Preis einer Größe, wie ich sie verstand. Ich begann das Leben wieder als viele Lieben zu sehen und sah mit Sorge ein wachsendes Interesse daran, mich als Mensch in der Welt zu sehen, zu verstehen, wer ich bin in der Welt, als der, der ich jetzt bin, in einer Welt wie jetzt und ob dieser jemand und diese Welt wirklich nur durch sie zustande gekommen sind, wie sie gern sagt. Stellt man sich alles nur so vor, so wie alle Dingen, die man denkt? Ich hatte versucht zu lieben, heißt mich mich zu ändern, aber es geht nicht, es ist nichts für mich, wenn es heißt mit einer Frau im Bett zu liegen, ohne leidenschaftlich zu sein, vielleicht zu wissen, was morgen kommt. Irgendetwas ändert sich in mir, und man wusste es morgens immer, wenn man sowieso das Gegenteil von allem dachte, was man denkt und sich den Tag über beweist, dass alles dann doch nicht so ist, sobald sich die große Ablenkung in Betrieb gesetzt hat und die Relationen einrasten. Der Fehler liegt deshalb nicht in der Liebe, er liegt bei uns, in dem wir sie als gescheitert bezeichnen, wenn sie nicht im Doppelgrab endet, die Tragödie ist vorbestimmt. Wir wollen sie ständig bis in alle Ewigkeit retten, indem wir sie töten und künstlich in die Länge ziehen, aber Ewigkeit hat nichts mit Länge zu tun, sondern mit der Höhe und Tiefe eines Gefühls, und dem, was der Alte sagte, als ich ihn vor dem Grab seiner Frau auf dem Cimitero Acattolico in Rom traf. Er sagte, er hätte seine Frau nie so glücklich gesehen, wie in ihrem ersten Sommer in Rom. Er dachte da noch, egal, wie lange der dauert, der reicht, dieser eine Sommer, der ist für immer, aber nichts ist für immer, nur Rom und der Fernet-Branca bei Farnese, der ihm hätte heute auch wieder wie immer geschmeckt. Er wäre keiner von denen, die sagen, Rom hätte sich geändert. Trastevere ist immer noch die gleiche Scheiße, aber der Gianicolo das Beste. Er kann früher gar nicht besser gewesen sein. Wir schieben Veränderungen nur gerne den Städten zu, aber sie ändern sich nicht so, wie wir. Es sei daher ein Irrtum, das man bestimmte Zeiten für besser hält, die man gar nicht selbst erleben durfte und meint, dass eine Stadt, nicht mehr so ist, wie sie vielleicht nie war, nur weil man Rom einmal zu einem bestimmten Zeitpunkt gesehen hat und von einer Stadt zu verlangt, dass sie sich bis zu seinem nächsten Besuch nicht verändert. Rom hätte es vor uns gegeben und Rom wird nach uns sein. Das Läden schließen, Preise steigen, gab es schon immer. Die Zeit ist egal. Sie wiederhole sich und vergeht in Zyklen, weil der Mensch ihr Vergehen so besser erträgt. Die kulturelle Ausformung dieser Zyklen nennt man Mode und deren melancholische Wiederaufnahme Nostalgie. Es geht darum, die Dinge durch ihre ständige Wiederholung auf eine Essenz zu destillieren, die tröstet, weil es immer so ist, wenn sonst alles um einen herum vergeht. Die Frage zu welcher Zeit eine Stadt am besten ist, ist dann hinfällig. Madrid im Mai, Wien im Dezember, Paris um 1900, Berlin besser nie und Rom eigentlich immer, vor allem nach einer Trennung, nur nicht im August. Seiner Meinung nach hätte ich mich besser am Ende eines Sommers getrennt und Rom im Herbst besucht. Es ist die besinnlichste Jahreszeit, reicher und schöner als alle anderen, für jene, die mehr Bedeutung und reife Tiefe als Glanz und Jugend suchen. Die Touristen sind dann gar nicht so wie Leute, die immer neue Orte brauchen, die das Reisen für sie übernehmen. Man hätte die Erinnerung des Sommers und ahnt das Vergehen. Geschaffen für Genießer der Melancholie, Liebende vor dem Aus, Banker am Rande des Ruins und Dichter, die zwischen den Zeilen nach richtigen Worten suchen […]

DAHEIM II

DAHEIM II

Es begann im Zug, Boardrestaurant, 21. Jahrhundert, auf dem Weg von Tirano nach Mailand. Der Kellner fragte, ob ich gestresst bin, weil ich zweimal zweimal Honig bestelle und ihm das nicht durchs ganze Abteil nachrufen will. Warum man Bestellungen nicht einfach in Ruhe hier am Tisch aufnehmen kann, wollte ich wissen, aber er sagte, nein, das wäre es nicht. Die Sonne küsst in der Morgenröte gerade die Berge und es ist wunderbar und die schönste Strecke, wie die von Cannes bis San Remo. Zugreisen schaffen Abstand zwischen den Dingen. Sie trennen eine Zeit von der anderen und tragen Ort und ihre Ereignisse weit genug von einander weg. Ich sah raus, mit einer Zeitung von gestern über den Knien. Die Fahrt ging mittlerweile am Comer See vorbei oder am Luganer, aber ich glaube, dass es die andere Seite des Comer Sees gewesen ist. Ich schrieb ein paar Briefe und einen an meine Freundin und ich glaube, der wars, was der Kellner meinte. Ich hasse, zu erzählen, wie etwas war, das einen dann  trennt, weil der eine vom einen und der andere vom anderen redet, wenn er vom gleichen spricht. Man wünscht sich dann besser nichts erlebt zu haben, aber will es bei einem Wiedersehen natürlich erzwingen, aber das geht nicht und man wird wütend, weil man nicht weiß warum und warum es nicht geht. Man befindet sich also in der beschissenen Situation davon erzählen zu müssen. Jorge meint, dass das doch ein Talent wäre. Für mich ist es Gift. Mir fiel bei den Briefen an meine Freundin immer auf, dass ich immer was weglasse, so als würde ich etwas von mir weglassen und so schreiben, dass sie weiß, was das war. Es ist die einzig vernünftige Art, die Dinge zu tun, weil sie wie Dampfschiffe und Nachtzüge enorme romantische Zusammenkünfte zuließen. Man konnte den Kleinkram hinter sich lassen und schreiben, dass man jetzt da ist oder dort und nicht mehr hier. Man musste nicht sagen, dass man zwischendrin auch noch woanders gewesen ist. Ich schrieb, wie die letzten Wochen waren, Anrufen konnte und wollte ich nicht, weil ich kein Telefon hatte, und das, was ich hatte, zwischen Bergen nicht funktioniert. Es funktioniert in der Schweiz nie und ein Stück in Italien, und hinten im Café Benard und ich versuche das vorher natürlich immer abzuwenden, freue mich dann aber tief in mir drin. Manche Sachen lassen sich einfach nicht sagen, vor allem nicht weit weg am Telefon, also schreibt man sie besser, schreibt, was so war und was eben nicht war und nur was wird, wenn man es sagt, anstatt zu schweigen, wo es schwer ist, ein Mann zu sein. Alles andere hätte zur Folge, dass man zynisch würde und nichts von dem meint, was man sagt, obwohl man erfolgreicher ist mit Menschen, wenn man die Dinge für sich behält. Nicht, dass es eine Wahrheit wäre, alles zu sagen, was man denkt, es ist Zwang. Man redet von Zuständen der totalen Übertreibung im Augenblick. Der Liebende ist vielleicht der einzige Mensch, der die Dinge nicht so sieht, wie sie sind, aber man sagt Briefen ja nach, dass sie für ein endgültigeres Erleben stünden. Meistens kommen die jedoch erst nach den Ereignissen an. Das zeigt, mit welchen Kräften man ringt. Daher die Flecken. Der Kellner kam und brachte nur einmal Honig und ich hatte doch extra zweimal gesagt. Abends aß ich im Grand Hotel. Das Restaurant sah aus, wie eine Trattoria, die man ins Hotel gebaut hat. Braune Tische, auf denen grüne Servietten und Kerzen in silbernen Ständern waren. Die Wände voller Leuten, die hier schon gegessen haben. Gegenüber aß ein älteres Pärchen und hinter mir eine Blonde mit gespritzten Lippen, die gerade erst reingekommen war. Ich hasse alleine Essen und da die auch alleine aßen und das bestimmt hassten und mir egal war, was ich von mir dachte, weil ich nicht mehr so gerne dachte, wie ich rauch, fragte ich, ob wir nicht zusammen rücken wollen und miteinander essen, ohne gleich miteinander schlafen zu müssen […]

DAHEIM I

DAHEIM I

Ich habe noch nie nach dem Aufwachen geraucht. Vor allem anderen, was man morgens so macht. Scheißen, Schreiben oder sich Erhängen. Die ersten Tage nach einer Trennung sind fürchterlich hart. Man raucht gleich nach dem Aufwachen, vor allem anderen, was man morgens so macht. Man liegt im luftleeren grauen Raum seines vergangenen Lebens und sieht ins Nichts und sieht wie es ist. Sieht wahrscheinlich aus, wie ein aufgescheuchtes Tier, das aus einem brennenden Wald durchs Glas guckt oder der Melancholiker von Munch oder ein paar blaue Frauen, die Picasso gemalt hat. Tränen steigen in einem auf, wie Hochwasser und man versucht sich bis zum Abend, vor Frauen und Alkohol zu retten. Anders als auf Lovis Corinths Selbstbildnis mit Wein gehen die Nächte nicht. Klar raucht man zu viel, aber manchmal bleibt einem nichts anders übrig, als zu viel zu rauchen. Selbst Senhora Maria, die nichtrauchende Besitzerin des Café Benard hat mir einen Aschenbecher hingestellt, in so einer beschissen Situation, wie sie dann sagt. Ich lebe von Zufällen aus Koffern auf Straßen, von Pension zu Pension, Freund zu Freund, Viertel zu Viertel. Mehr kann man eigentlich gar nicht in Lissabon sein. Man hat all die Gelegenheiten von der Welt, um an all den Orten in all den verschiedenen Vierteln zu sein, anstatt nur in Räumen. Wir sind ohnehin zu viel in Räumen, ohne uns von den Gelegenheiten in Anspruch nehmen zu lassen. Dabei ist es einfacher draußen traurig zu sein. Drinnen muss Raum und Zeit zusammenkommen, draußen nur Zeit. Es ist dann immer noch ein Unglück, aber es ist nur ein Unglück, bis nichts mehr um einen besteht und wenn nichts mehr um einen besteht, ist es nicht mehr so unglücklich, weil es nichts mehr gibt, mit dem man es vergleichen könnte. Die Erschöpfung beginnt. Der Aufstieg. Zur Sonne Ikarus, zur Sonne. Morgens esse ich Bifanas mit Zè und mittags mit Jorge, dem Schuhputzer. Manchmal kommt Carlos vom Zeitungskiosk noch vorbei. Nach dem Mittag arbeite ich im Benard, wenn ich nach dem Mittag noch arbeiten kann. Arbeit ist zum Arbeiten zu kommen, der Rest ist nur Schreiben. Jorge meint, es wäre ganz einfach, wenn es mit der einen Namorada nicht klappt, soll ich mir eine andere suchen. Er hätte das schon eine Weile gedacht, aber nie gesagt, weil man sowas nicht sagen kann, sondern im Geheimen nach Alternativen sucht, die er in Form einer Schuhverkäuferin gefunden hätte, die in der Nähe arbeitet. Carlos vom Zeitungsladen sagt das auch, genauso wie Maria, die Schneiderin und die Fleischerjungs haben es sowieso schon immer gesagt, weil die mit allen Frauen flirten, die bei ihnen Gehacktes kaufen. Vielleicht ist es immer gut, ein bisschen miteinander schlafen zu wollen. Ein bisschen mit der Apothekerin, ein bisschen mit der Frau seines Freundes. Es macht die Leute schöner. Zwischendurch besinnt man sich, sieht die Flecken, denkt doch, geht doch, es konnte kein Weiterso geben, von einer Geschichte zur nächsten, immer nur funktionieren und eigentlich nur noch in Geschichten leben, um zu verarzten, was es in Echt nicht mehr gibt. Man dachte Liebe ist eben so, ist Arbeit, Schmerz, hat den Druck als atmosphärischen empfunden, weil man sonst doch auch alles bereut, als ganz gemeiner christlicher Abendländer mit archetypischen Schuldgefühlen. Eine noble Geste, die jede Liebe tötet. Man will sich das alles natürlich nicht eingestehen. Tut alles mögliche, nur um nicht das nötige zu tun. Meldet sich im Fitnessstudio an, hört auf Käse zu essen, macht Ayurveda, fliegt nach Paris, redet sich ein, dass man, seitdem man keinen Käse mehr frisst, viel besser schläft und fängt an, DiCaprio zu hassen. Man steht am Scheideweg des Lebens. Manche hören ihre innere Stimme dann ganz klar. Sie gehen dem nach, was sie hören, oder sie werden verrückt. Andere werden auch verrückt, aber tun, als ob sie die nicht hören, weil es genug gibt, die das auch tun, beigeben aus Bequemlichkeit und Welt. Der eine Weg ist kahl und Schmerz, hart und ins ungewisse, der andere ein Versuch zu erhalten, was es vielleicht nicht mehr gibt. Er führt auf jeden Fall Samstags an Mittagstische mit anderen Paaren, die den gleichen Weg gehen, ohne das jemand dazu kommt, den man nicht seit seinem zehnten Lebensjahr kennt. Nur das der erste wieder mit den Weibern in die Bars führt, will man vermeiden. Schriftsteller müssen in einer festen Bindung sein, habe ich gelesen, sonst verlieren sich und dann blinkt der Cursor, wie ein Herz schlägt eigentlich, trotz dem vielen Rauchen. Wir haben dafür zwei schöne Balkone, die wir bald nicht mehr haben. Vielleicht kann ich dann nie wieder schreiben oder oder nur noch wie Schirach. Mögen sie Regen? Der Typ ist klatschnass. Vielleicht habe ich unter der Liebe wie Thomas Mann unterm Schwulsein geschrieben. Manche meiner Geschichten fallen wie welke Blätter von den Wänden, nur dass die im freien Fallen noch spannender sind. Aber selbst wenn sie schlecht sind, ist das gut, wie mit Wein, weil so eben die Jahre waren und das mehr sagt, als wenns sie gut gewesen wäre. Schreiben ist ohne die Liebe, Regen, Gutschreiben und Schwulsein schon schwer, ohne Rauchen, eine lieben, ohne die anderen und schauen, von wo man so baumeln kann, unmöglich. Man braucht seine Gedanken morgens aber nicht so ernst nehmen. Man denkt sowieso immer das Gegenteil von dem was man denkt und versucht sich den Tag lang zu beweisen, dass alles doch nicht so ist, sobald sich die ganze, große Ablenkung in Gang gesetzt hat und die Relationen einrasten und mans zur Erinnerungen erklärt und sagt, so, ja so muss diese Zeit gewesen sein, unvergesslich und prägend. Eine Zeit, die es gar nicht mehr gibt, bis man sie nochmal schafft und sie ist: Immer die gleiche Geschichte. Boy meets Girl, they Fall in Love. And then? […]

[…]

 

ERFAHRUNG

ERFAHRUNG

Paris war unsere letzte Runde. Mit Paris ging alles los. Eine Zeit, die es vielleicht nicht mehr gibt, bis man es nochmal schafft zu vergessen, bis man wieder was Schönes hat, an das man sich erinnert. Vielleicht haben die Hotels das Schöne für uns übernommen. Die Plätze und Meere auf die man so sieht. Ideen, die man voneinander hatte. Das hat nichts mit Paris zu tun, wir machen das ständig, mindestens zwei Mal im Jahr oder wir haben es immer gemacht, an die Vergangenheit muss man sich wohl gewöhnen. Für die einen ist es London, New York, für uns Lissabon, Wien, Mailand, Antibes, Madrid, San Sebastián. Wenn wir bis Weihnachten nicht in in der Closerie des Lilas waren, im Sommer ums Cap d’Antibes schwammen, in Ventimiglia auf den Zug aus Cannes nach Genua warteten, Zeitungen im Café Sperl lasen, bei Tito in San Sebastian aßen, uns in Mailand trafen, durch den Retiro gingen oder am Lago di Como darüber nachdachten, Schluss zu machen, ging bei uns gar nichts. Aber keine Panik. Ich werde jetzt nicht erzählen, wie toll Paris ist oder was man da macht. Ich mache nämlich gar nichts, außer mir eine Zeitung am Boulevard Saint-Michel kaufen und mich irgendwo hinsetzen. Lesen an bestimmten Orten. Verstehen wie das Leben so ist. Den Mantelkragen hochgeklappt, den Hut tief zwischen den Schultern. Niemanden interessiert, dass man im Regen auf dem Place de la Contrescarpe geküsst hat, auch nicht im Dampf, der durch die Metroschächte aufsteigt, während sich das Straßenlicht auf den nassen Bürgersteigen spiegelt und die Caféterassen schließen. Es muss aber kalt sein, wie diesmal, saumäßig, so kurz vor Weihnachten. Dann sind die Leute weg und die Bäume in den Tuilerien kahl. Der Himmel ist Rauch und der Eifelturm hört irgendwann einfach auf und Paris ist eine gute Stadt, um traurig zu sein. In Lissabon geht das nicht einfach. Jedenfalls nicht alltags, auf diesen heißen, hellen Plätzen des Lebens. Für viele ist das nur ein Namen auf einem Straßenschild, an dem sie mal vorbeigefahren sind. Für mich ist es ein vergangenes Leben, von denen ich gerade wie durch Glas getrennt bin. Alles erinnert mich an sie, alles andere auch. Wer will bitte Sonnenschein über Weihnachten ertragen, wenn der Winter in Paris schon ein Leben lang geht und man im dichten Morgennebel auf Reiter hofft, die aus dem Bois du Boulogne kommen und den Frühling bringen aus großen französischen Romanen. Ich verstehe daher nicht, warum mich Leute ständig nach der besten Zeit fragen. Rom Ende Oktober, Wien danach, San Sebastian im Frühling und, wenn die Hotels offen sind, Antibes. Paris am besten vor 1920. Sie haben irgendeine Stadt mal irgendwann zu einem Zeitpunkt gesehen und maßen sich an zu verlangen, dass sie sich, bis zu ihrem nächsten Besuch nicht verändert. Die Zeit ist egal. Sie wiederholt sich und vergeht in Zyklen, weil der Mensch ihr Vergehen so besser erträgt. Die kulturelle Ausformung dieser Zyklen nennt man Mode und deren melancholische Wiederaufnahme Nostalgie. Dabei geht es darum, die Dinge durch ihre ständige Wiederholung auf eine Essenz zu destillieren, die Trost spendet, weil etwas seit 1700 schon so ist und sich diesen Gebäuden entsprechend anzuziehen, ohne ihre Anmut mit der einem zur Verfügung stehenden Würde zu zerstören. Nichts ist für immer. Nur der Reispudding, wie Jorge mein Schuhputzer sagt, in der Casa Chineza, einem alten Lissabonner Lokal, das jetzt ein neues französisches Hotel ist, hat wie immer geschmeckt. Aber immerhin, noch niemand rennt hier, wie in Paris, muss nicht dauernd irgendwo hin. Die Stadt siegt über die Architektur des Augenblicks, die Unruhe des Großstadtlebens durch seitliche Pinselstriche, den flüchtigen Charakter einer Situation, die aus der Einmaligkeit eines Zugtickets besteht, dass man in der Brusttasche seines Jackets stecken hat. Lissabon, die Stadt des Lichts, der Sieben Hügel, die Weiße, jaja wies in Europa hunderte gibt, aber es gibt nur eine Hauptstadt des Vergehens.  Es ist daher falsch eine Stadt für seine Veränderung verantwortlich zu machen, Städte verändern sich nicht so wie Reisende. Das Läden schließen, Preise steigen, gabs schon immer, Geschäfte für Fremde noch viel öfter und wie die Literatur nicht von Vorkriegspreisen schwärmt, Elektrizität, Zügen, Erfindungen und Veränderungen, die jede Generation für sich in Anspruch nimmt. Paris ist ein Beispiel. Alle Städte mit Ausnahme von Paris haben das Recht sich zu verändern. Ich will daher für diejenigen schreiben, die Städte suchen, in denen man nicht nur glücklich sein muss und würde sie im Winter besuchen. Es ist die besinnlichste Jahreszeit, reicher und schöner als alle anderen, wenigstens für jene, die mehr Bedeutung und reife Tiefe als Glanz und Jugend suchen. Es ist der ideale Hintergrund für kleine Katastrophen, Rückschläge, Anrufe, die alles verändern. Geschaffen für Genießer der Melancholie, Liebende kurz vor dem Aus, Banker am Rande des Ruins, Dichter, die zwischen den Zeilen nach den Worten suchen, Liebe, die endet und wieder beginnt. Die meisten wollen alle immer überall unbedingt eine gute Zeit haben und deswegen ist sie meistens schlecht. Klar, hier und da sieht man wen, ders geschafft hat, meistens kurzärmlige Besucher, die zufrieden in einem Stück Sonne sitzen und schlechte essen, aber wer aus London oder New York kommt, hat es schwer irgendwo anders unglücklich zu werden. Ich habe daher gelernt, dass man sich verdammt schlecht fühlen kann und plötzlich gut und umgedreht und dass es so eigentlich egal ist, wie man sich fühlt. Man kann in Paris sein und versuchen glücklich zu werden. Aber gleich nach dem Erreichen von was folgt das Bewusstsein für die Nichtigkeit aller irdischen Dinge und man rettet sich vor dem Dilemma in die Nächte und entschädigt sich durch Sex. Wir waren Weihnachten immer kurz davor Schluss zu machen, aber Weihnachten hinderte uns daran. Das Jahr ist vorbei und etwas stirbt in uns. Der Frühling schafft uns dann wieder neu. Orte, und die Erinnerung daran […]

EXIL

EXIL

Montagabend im März, am Rande Europas. Der Himmel wird langsam nachtblau, das Kastell gold und unter der Markise des Cafés ist noch Licht. Ricardo vom Café Nicola stellt langsam die Stühle rein, Jorge, der Schuhputzer hat genug und geht sich betrinken. Frauen in Bügelfaltenhosen müssen heim oder eilen zwischen den angestrahlten Gegenständen der Stadt irgendwohin, ganz fest davon überzeugt, schön wie noch ungelesene Zeitung, und der Klang ihrer Stiefeln läuft ihnen nach. Vor mir ihre Schlagzeilen, ein Glas Roter, Zigaretten und dahinter der Platz Dom Pedros, noch einen letzten Augenblick in der Sonne, jemand schüttet Spülwasser aus, dann schaltet sich die Straßenbeleuchtung ein und die Wege könnten nicht besser sein. Das Leben kommt einem sehr kurz und sehr lang vor. Frieden in Portugal. Alles wie immer. Ricardo kommt und fragt, wies so geht und ich meine ganz gut, nur dass heute mal kein Streit mit der Angetrauen eigentlich nicht gut sein kann darf, und dass ich im Leben nie gedacht hätte, mal in einer Zeitung vor einem Café von Inflation und Krieg zu lesen und das in Europa wieder Menschen sterben. Ricardo ist ein fürchterlich netter Kerl, der aber Zeitungen nicht ausstehen kann, schon gar keine Wochenzeitungen und schon gar keine Deutschen, die doch sowieso die schlimmsten wären, ohne Korrespondenzen, voll mit Ahnungen und Prophezeiung, Gerüchten und Geschwätz oder allein die Hinweise darauf. Ich lese daher eine Tageszeitung, lese von Inflation und Krieg und lese, dass in Europa wieder Menschen sterben. Ich dachte, ich würde nur in Büchern lesen, wie man damals in Zeitungen darüber gelesen hatte. Als Stilmittel eines vergangenen Jahrhunderts. Man entflieht der Geschichte Europas bis an dessen äußerem Rand, in ein kleines, fast aus der Zeit fallendes Küstenstätchen, nur Meer und Unendlichkeit im Blick, aber sie kommt hinterdrein, setzt sich mit an Cafétische, findet einfach statt und erinnert an sich selbst, obwohl man gut ohne schlechte Nachrichten auskommen könnte. Man weiß bei tausend Toten nicht, was ein einziger ist. Ich sehe einem vorbeifahrenden Taxi nach, als würde ich meinen Gedanken nachsehen. Ricardo steht daneben und versucht ihm zu folgen, sieht mit und denkt nach. Er denkt, immer bevor er spricht und ist sehr nett in der Art, wie er denkt und einem die Drinks bringt, aber eigentlich sprechen wir nie sehr lange. Er fängt zwar immer an zu reden und landet schließlich auch irgendwo, aber es ist eher das Vergnügen, zu entdecken, was der andere von dieser oder jener Sache hält, vom Stierkampf oder vom Fado, von Russen, Ukraine und ob wir mit unserer Meinung übereinstimmten. Wenn dem so ist, lächelt er dann immer, wenn er an meinem Tisch vorbeikommt und füllt nach, so, als ob unsere Übereinstimmung von nun an unser kleines Geheimnis wäre, um das nur wir beide wissen. Ricardo stammt noch aus einer Zeit, in der Männer noch Hüte trugen und Lissabon das Küssen auf den Straßen nicht konnte und man den Frauen auf ihrem Weg nicht nachpfiff, sondern von schon von weitem anfing zu pfeifen, weil es sich nicht schickte, eine Dame auf dem Rossio anzuhalten. Weißt du, sagt er nach einer Weile, es gab in Lissabon schon mal so eine Zeit, ebenso irre, nur ganz anders. Damals, als es stockfinster wurde über Europa und ein ganzer Kontinent zu brennen begann. Die große Flucht begann in den 1930er Jahren, erst aus rassisch, ökonomischen Gründen, später folgt eine zweite große Welle, die sich aus politischen Gegnern und einer kulturellen Elite zusammensetzt. Tausende kamen, Juden, Intellektuelle, Schriftsteller und Juden, die Intellektuelle und Schriftsteller gewesen sind. Menschen mit den nötigen finanziellen Mitteln, die durch Berufsverbote und Lebensgefahr ihre Existenzen verließen. Sie versammeln sich hier schräg gegenüber, in der Pastelaria Suíça, einem schöne Café, bis das Röhrenlicht kam und die Eile, die Lissabon über Expresszüge mit dem Rest Europas verband. Heute ein Hotel wie vieles Schöne. Es war ein legendärer Ort, nahe des Bahnhofs, der in Anspielung auf den Pariser Bahnhof Montparnasse, den Spitznamen Bomparnasse erhielt. Bom bedeutet gut und parnass sind Beine. Lissabon war in den 30ern ein Dorf, es döste trotz seiner 600000 Einwohner provinziell vor sich hin. Plötzlich kamen all diese Flüchtlinge und brachten die Freude mit, am Leben zu sein und saßen in den Kaffees bei Sahnetörtchen. Auf einmal wandelte sich die Stadt zur Metropole, voller fremder Sprachen und Hoffnung, Umarmungen ernster Männer, internationaler Lärm, Leuchtreklame und Frauen in den Cafés. Die sorgten für Aufsehen. Sie trugen hochgesteckte Frisuren ohne Hut, kurze Röcke, rauchten in aller Öffentlichkeit und kamen allein. Der portugiesische Schriftsteller Alves Redol fand das nicht schlecht und schrieb: Auf Verlangen der Ausländer, die aus Ländern ohne Sonne kommen und sich wieder für das Leben erwärmen wollen […]

AM FENSTER II

AM FENSTER II

Es war einmal ein ganz normaler Tag und eine ganz normale Nacht, die weder ihre erste noch meine letzte zu sein schien. Wir hatten noch nicht gestritten (bedauerlich, dass mit das auffällt)  und in meinem Kopf waren die Gedanken noch nicht dabei, schon nach neuen Problemen zu suchen. Die Uhren tickten nicht irgendeiner Rückkehr oder irgendeinem Abschied entgegen. Gerade das macht das Dilemma epikureischer Geister ja aus, gerade dann in vollen Zügen zu leben. Ich hatte auch keine großen finanziellen Sorgen, war also nicht mehr als sonst, mehr als sonst, auf meine Honorare angewiesen, noch hatte ich viel zu schaffen,  außer das, nicht mal mal eine Grippe oder was man sonst dann eigentlich immer so bekommt. Ich war tatsächlich angekommen, hatte wieder ein Jahr der Wirklichkeit hinterhergeschrieben, und gewonnen. Jetzt nur noch Paris, aber erst in ein paar Wochen und dann gabs schon Gans, bevor sich das endlose Rad des Wollens und der Zeit wieder in Bewegung setzt: Bamberg, Mosel, München, Eiger Nordwand, St. Moritz, Mailand und dann Rudern gehen mit Basken. Bis es aber soweit war, musste man nicht mehr tun, als in Lissabon sein und glücklich, wenn man wollte, aber in Lissabon sein, war dann eigentlich immer genug. Reisen ist einfach nichts dagegen. Die Kairos, Wiens, Zürichs und Roms, kaum der Rede wert, verglichen mit den tastenden Schritten im Dunkeln auf dem Weg vom gemeinsamen Bett ins gemeinsame Bad, wenn man nachts Durst hat. Nach einem ganz normalen Tag, der für uns alles andere als normal war und absolut noch überhaupt gar nichts von seiner Nacht verriet, die, so dachte ich, niemals auf solche Tage folgen konnte. Sie, also jene Portugiesin mit der ich seit fünf oder sechs Jahre zusammen war (Freundin ist mir zu konnotiert, Lover zu kitsch, ihr Name zu persönlich, meine Frau zu besitzergreifend, Zeit für was neues, ich weiß, weiß nur noch nicht was) entschied nach dem Mittagessen mit mir in die Unterstadt zu kommen. Sie begann auf dem Weg dorthin sogar über meine Witze zu lachen. Ich dachte, mein Gerede hänge ihr lange zum Hals raus. Ich konnte meine Geschichten vor ihr ja selbst kaum noch hören. Verändern ließ sie mich die trotzdem aber nie und korrigierte, wie verrückt, wenn ich ein Auto für die Pointe blau oder einen Franzosen italienisch werden ließ. Meiner Meinung nach, und der von Ferdinand von Schirach, musste nicht immer alles wahr sein, was man so sagt, aber es musste wahrhaftig sein. Dann durfte man die Wahrheit töten. Natürlich wäre es einfacher, sich einfach jemand neues zu suchen, der all die Geschichten noch nicht kennt, als sie ständig vor ihr und sich und all den anderen, neu zu erfinden müssen. Mit einem bestimmten Maß an Hass oder einem, mit dem man auch was anfangen kann. Deswegen reden viele Paare gar nicht mehr, bis sich jemand zu ihnen setzt über den sie dann reden können und sich erinnern, an gemeinsame Jugendtage und Ficken am Strand mit Hass auf Kreta. Andere Paare, die ich kannte waren da aber noch schlimmer, weil sie sich nur mit sich beschäftigten, obwohl sie mit anderen unter Leuten waren. Ich glaube, ich war schon ein paar Tage in der Stadt und ging nach dem Mittagessen wie immer, wenn ich zuhause war und das glaubte, in ein Café, um an Nachmittagen unter Aufsicht zu arbeiten und nicht zu sehr zuhause zu sein, wo man sich gehen ließ und vielleicht onanierte. Ich hielt im-Café-arbeiten für ein Klischee, aber im Sommer, wenn es heiß war und im Winter, wenn kalt, ließ ich mich von meinen Vorurteilen nicht von dieser Bequemlichkeit abhalten. Im Sommer saß ich in der Confeitaria und im Winter, wenn der Regen kam und die Terrassen unter den Markisen schlossen, hinten, im Café Benard. Da ging außer mir sonst nie jemand hin, höchstens die Chefin, um Kaffee zu bringen und zu sehen, ob ich auch arbeite. Man konnte dort gut arbeiten, so allein, den Saal im Blick und von den Bildern Estêvão Soares’ umgeben, der hier früher auch immer war und mit denen bezahlte. Auf dem Heimweg konnte man dann sehr gut denken oder nicht denken, was das gleich ist und gucken und sich seinen Heimweg lang wie ein ganz normaler Mensch fühlen, der gearbeitet hat, anstatt sich vor der Realität in seine Bücher zu flüchten. Vom Benard aus gings aber nur noch bergab und man kam nah an den Schaufenstern der Geschäfte vorbei und konnte in die Buchläden sehen und sah sein Buch und dass vielleicht doch nicht alles umsonst gewesen war, was man gerade wieder getan hatte. Die Auslagen der Juweliere versuchte man zu ignorieren. Sie präsentierten sich sorglos und triumphierend, wie alle toten Dinge, und man versuchte an Schmuck zu denken, nicht an Eheringe oder den Typen, der hinten im Benard immer die Abrechnung macht. Diese Heimwege im Winter durch Chiado an Nachmittagen gehören, neben Hühnchen Essen in Sapadores nach dem Sport, zu den glücklichsten Stunden, vor allem um diese Jahreszeit. Lissabon ist deshalb nicht gleich die schönste Stadt der Welt, muss es auch gar nicht, aber es scheint es eben dadurch zu sein. Man steht in der Apotheke, weil man vielleicht doch krank wird und sieht draußen die Laternen, gelb und alt werden vor den Kirchen, so wie in Rom, als hänge drinnen Caravaggio und die gelben Laternen würden den vor Sachen wie Nasensprays und Weihnachtsshopping beschützen[…]

HIERZULANDE III

HIERZULANDE III

Auf dem Weg zum Flughafen hatte ichs überhaupt nicht mehr eilig. Mir war egal, ob wir den Flug verpassen und was der Typ auf dem Karren mit dem Pferd vor uns wieder trieb. Es war der gleiche Typ vom letzten Mal oder es war ein anderer. Der Flug nach Sharm el-Sheik war eh verspätet und selbst dann, als er losging, wurde noch in aller Ruhe gebetet und der Pilot sagte, dass wir in einer knappen Stunde in Sharm el-Sheik sind, aber nur so Gott will. Wir konnten den Sinai von oben sehen und ich versuchte mir einzureden, dass wir auf die Sinai-Halbinsel flogen und nicht in ein Ressort nach Sharm el-Sheik. Schon gar nicht nach Sharm, wie es vielen nennen. Ägypten war eigentlich auch nie was für mich, vor allem das Rote Meer, Pauschalurlaub, Reisebüros, die Sehnsucht versprechen und Saufen am Strand. Es gibt genau drei Orte in Ägypten, wo man definitiv nicht in Ägypten ist. Zwei davon haben wir gesehen. Das Rote Meer ist aber erst einmal sehr blau. Das liegt am Gelb. Tagsüber fragte man sich und erst abends, wenn die Straße von Titan Rot ist, weiß man warum. Für viele ist das Rote Meer nicht die bedeutendste Schifffahrtsroute der Welt, kein Ort, wo Zugvögel halten auf ihrem Weg nach noch weiter Süden. Aber der Sinai fällt hier ins Meer. Nirgendwo sind sich Trockenheit und Nässe so nah. Moses hat hier irgendwo das Meer geteilt, als man Ebbe und Flut noch nicht kannte. Einfache Fischer können heute noch auf den Riffen über das Wasser gehen, aber es gibt Medikamente für Leute die Götter in brennenden Dornbüschen sehen. Es ist Jordaniens Zugang zum Meer und Israels größte Handelsstraße, ohne Ägypten. Man sieht am Abend auf die Straße von Titan und weiß das alles und weiß, was die Engländer hier trieben, während Lawrence von Arabien seinen Streifzug durch die Wüste führte und die Osmanen dachten, man würde Akaba höchstens vom Meer aus nehmen, nicht aus der Wüste. Man fragt sich, ob die damals zwischendurch Schwimmen gingen und sieht ein letztes einsames Bananenboot im Abendlicht auf dem Meer. Der Wind trägt Musik von Ed Sheeran und El Taiger in Fetzen aus den anderen Ressorts her. Palmen wehen im Wind. Es war eigentlich genau das richtige nach all den Wüsten, Straßen und Streits, Scheißereien und Kairo. Dem ganzen Dreck der Cafés, Toiletten und räudigen Taxirückbänke. Ich duschte wie lange nicht, nahm eigentlich ein Bad im Stehen und genoss es, wieder in einem Four Season zu sein. Ich war gepflegt wie nie, mein Notizbuch voll, alle Filmrollen alle. Es war eigentlich nicht schlecht jetzt am langweiligsten Ort auf der Welt zu sein. Fünf-Sterne damit sie ohne religiöse Belästigungen Schwimmen und Schnorcheln gehen kann. Es war viel zu gut und ich bekam Zwangsgedanken, die sich nach unserer Ankunft darin äußerten, dass ich mein Hemd eine Viertelstunde lang zurechtlegte. In einem Anflug von Panik wollte ich in den nächsten Flieger nach Kairo steigen. Dann zerknüllte ich das Hemd und sah was passiert: Nichts. Meine Freundin beruhigte mich und sagte, komm, bügel dein Hemd, wir gehen an die Bar. Wir hatten keine Ahnung welcher Tag ist, aber das war in solchen Hotels auch egal. Hier war immer Urlaub. Ich fragte sie, ob sie nach dieser Zeit überhaupt noch eine Ahnung hätte, wer wir sind, wie unser Leben vorher war und ob wir am Meer gewesen sind? Sie sagte ja, am Toten, aber das zählt vielleicht nicht. Sie sagte, sie wusste in der ganzen letzten Zeit nicht was für ein Tag war, außer freitags, weil dann die Leute vor ihren Ausblicken saßen und alles fünfzehn Minuten weit weg war. Wir wurden auf dem Weg zur Bar schon melancholisch, wollten uns die Melancholie aber für einen Drink aufheben, bei dem wir unsere Erlebnisse Revue passieren ließen. Problem war nur, es gab keine Drinks, außer Martini, was das gleiche ist. Die Typen von der Bar ließen uns auch nicht in Ruhe. Erst stellten sie die Karte vor und dann sich und das ganze Ressort und dann machte auch noch einer Musik. Sie nannten mich Sir und Boss und waren das Gegenteil von Herbert aus der Chesa Grischuna in Klosters. Man musste auf alles Steuern zahlen, sogar auf die Steuern und der Alkohol war unbezahlbar. Die Kellner wechselten nach jedem Zug den Aschenbecher und schenkten ständig ein, und wenn ein Käfer oder irgendein hier lebendes Tier auf unserem Tisch landete, entschuldigten sie sich dafür. Man konnte sich unter diesen Bedingungen nur wie ein Arschloch vorkommen. Dazu die anderen Gäste. Manche Familien sahen aus wie Sturmbandführerfamilien, die einfach nur nettere Sachen anhatten. Sie hatten angestrengte Gesichter und wirkten wie Leute, die auf den plötzlichen Tod ihrer Ehepartner hoffen und ich-liebe-dich-Honey sagten. Die Ehemänner schienen immer auf Reisen, ihre Frauen immer zu haus. Die Männer buchten deshalb  gerne mal einen Überraschungsurlaub in Ägypten und die Frauen kauften sich dafür Klamotten, die von den Männern aber nicht wahrgenommen wurden, was die Frauen sehr wütend machte und die Männer dazu brachte ein Darling-come-on-lets-have-a-nice-time-Gesicht aufzulegen. Vielleicht versuchten sie hier miteinander zu schlafen. Das wäre ja schön. Es schien uns gerecht, dass es Mücken gab, Raben und Haie, die sich am Luxus zu schaffen machten. Wir saßen trotzdem noch eine ganze Weile ohne weitere Drinks. Ich dachte daran, wie wir in Amman ankamen, und alles noch vor uns hatten und hofften, dass es auch passiert. Ich sagte ihr, dass ich das dachte. Sie sagte, dass sie es gewusst hätte und ich mich hoffentlich in Zukunft nicht immer so verrückt machen werde. Ich wäre unausstehlich am Anfang von Reisen. Ich lachte und sagte, wer hätte schon gewusst, dass alles so wird, als wir ohne Schlaf in Athen ankamen und Amman vor allem Anfang. Mit dem Wissen, dass es passiert, wäre es sicher nie so geworden. Trotzdem ärgert man sich und nimmt sich vor die Dinge in Zukunft schon zu genießen, auch wenn das schwer ist. Ich musste an Mohammed denken, unseren Fahrer, den alten Zwanzigjährigen Steinmetz und jene Menschen auf Reisen, die einem in Erinnerung bleiben. Aus irgendeinem Grund musste ich an Salem denken, den Kellner aus Amman, der morgens immer Humus und Oregano brachte.  Ich dachte an leuchtende Taxizeichen in der Dämmerung, wenn die Straßenbeleuchtung der arabischen Städte schon an war, aber noch keine Nacht. Ich dachte an den großen Canyon mit dem Beduinen, der meinte, die Wüste wäre tot und den Gesang des Arabers über den Dächern von Petra. Ich dachte an seine rauchige Stimme und ob ihn wohl auch Filipinos schwul gemacht haben. Mir fehlte das Gefühl des Aufwachens und irgendwas-besichtigen-müssens und ich fragte, ob wir es nicht noch einmal tun. Das Ende unserer Reise, konnte nicht das Ende dieser Geschichte sein. Sie sagte, sie hätte gerade das gleiche gedacht. Wir fragten die Kellner, was man hier  noch angucken könne. Es gab da ein Kap mit Nationalpark, der Ras Mohamed hieß. Dort wollten wir am nächsten Tag noch mal hin. Der Concierge meinte erst das ginge nicht und ich fragte wieso, wir sind doch frei und er sagte okay. Ich glaube, diesen Leuten ging einfach der Kackstift, weil sie sich keine toten Touristen mehr leisten konnten und tun mussten, als ob die Gefahr von Haien und Terrorzellen im Sinai gar nicht existiert. Fragte man, warum um Sharm el-Sheik eine solche Mauer hat, antworten die einen wegen der Russen, die anderen wegen irgendeiner Flut, und wieder andere meinten, dass man in Sharm keine Visa bräuchte, nur wenn mans verlässt. Man weiß leicht wie gefährlich ein Ort ist, je öfter man seine Sicherheit betont. Ras Mohamed war wundervoll. Alles saublau. Himmel und Erde von einer feinen Linie aus Sand getrennt. Wüste und Wasser. Wir schnorchelten die ganze Zeit im Tiefen, mitten im Meer an einem Riff lang. Man sah nur blau und ich hoffte, dass kein Hai herkommt. Auf dem Weg hier her stand ja ein Schild: Shark Observation Point. Sagte aber nichts. Sie war nur froh und filmte alles. Keine Ahnung woher das kommt. Ich habe in Neuseeland und Australien studiert und manchmal acht Stunden pro Tag mit Haien im Ozean verbracht, aber eben nicht mir ihr. Außerdem ist sie im Meer großgeworden. Ich lernte schwimmen mit zwölf in einer bulgarischen Poolbar. Deshalb zweifelte ich, ob ich mutig genug war oder nicht, weil ich etwas schneller zurück schwamm, dachte dann aber, dass es mutig ist, Zweifel zu haben so wie Mufasa. Am Abend saßen wir wieder an der Bar, tranken nichts und sahen auf die Straße von Tiran. Den Kellnern hatten wir gesagt, dass sie uns bitte in Ruhe lassen sollen, ohne Drinks wären wir nicht zu ertragen. Es wurde ein sehr schöner, schweigsamer Moment am Meer mit ihr, ohne ihn vergleichen zu müssen. Ich dachte nichts und glaube sie auch, und wir genossen es ganz und gar da zu sein, ohne zu denken, von der Wüstensonne gebräunt. Solche Momente sind eigentlich die schlimmsten, weil man sich zu bewusst wird, wie alles ist und Demut empfindet vor dem Leben und der Schöpfung, ohne die ganze große Ablenkung. Man ist sich klar, dass man lebt und das man stirbt und alles eines Tages vergeht. Die Vorstellung dann ohne sie zu sein, ohne diese geteilte Erinnerung, erscheint mir schlichtweg unmöglich. Sich Grabmäler zu bauen für die Ewigkeit, wie Ramses und Nefertari, wie eine Möglichkeit über diese Leere unseres Daseins hinauszukommen, wirklich zu lieben eine andere, einfach aneinander zu halten, in einer einzigen, ewigen Umarmung vor der Zeit. Nur der Glaube nach unserem Tod wieder Welt zu werden, ein Rotes Meer, in dem andere Liebespaare schwimmen können, und sich Gedanken machen, schien dann nicht so schlimm. Das Drama war klar, wir mussten uns also nicht weiter darum kümmern. Fuck it, sagte sie, lets have a Drink […]

HIERZULANDE II

HIERZULANDE II

So! Scheiße! Kairo! Was für eine Stadt! Von einer Wüste in die nächste könnten man meinen. Vierzig Millionen Menschen, also Schweiz, Portugal, Belgien und Finnland zusammen. Vielleicht mehr. Muss man mögen, und ich liebe es. Pierre Loti liebte es auch. Kairo ist Chaos, aber was für ein wunderschönes. Eins das so ist, wie Regen, wenn man einmal ganz nass ist. Es ist das Chaos der Fatimiden, Mamluken, Sultane. Das der Götter und Archäologen, Abenteuer, Pharaonen, Spione, Osmanen, Araber und Ägypter, Saladins, Aladins, Tausend und eine Nacht. Ein Denkmal der Zeit und die größte Stadt Afrikas, sogenanntes Paris am Nil, aber es gibt eigentlich nichts was so ist. Die Stadt ist eine Betonwüste aus italienischem Art Déco, aufgelockert durch Pyramiden, Parkplätzen, durchgeschnitten vom Fluss. Tausend Minaretten stechen wie Antennen zu Gott durch den Smok, Wüstenstaub und Dampf aus den Garküchen. Eine der letzten Zufluchtsstätten des Unbekannten und Wunderbaren auf Erden. Es vermengt sich zu einer Urknallmaterialität, aus der die Welt jeden Augenblick wieder entsteht. Alle arabischen Städte sind weiblich, aber irgendwo hier verbirgt sich das Geheimnis für das Rätsel unseres Seins. Frage und Antwort in einem. Etwas, dass sich nicht zwischen Buchdeckel pressen lässt, sondern Wohnviertel bis zum Horizont. Kairo ist eine  Stadt, die sich selbst überlebt, ohne zu zerbrechen. Ein Geschenk der Geschichte, die Zeitkapsel einer verschwundenen Welt aus Dampfschiffen, Baedeker und Sundowner. Es ist immer mein Traum gewesen, hier zu leben, aber der Traum einer ganz anderen Existenz. Man braucht solche Träume, die nicht wahr werden. Das richtige Maß Anarchie. Was in der Ferne. Und Engländer, aber nur auf dem Weg nach Indien. Die Ägypter sind ein sehr heimliebendes und bequemes Volk. Die Fremde bedeutet ihnen Elend. Die Türken stehen ihnen nahe, obwohl die selbst zugunsten der Araber vertrieben worden sind. Die Araber schienen ihn danach fremd, obwohl man die gleiche Sprache spricht, aber sich gerade in seiner Gemeinsamkeit deutlich unterscheidet. Die Ägypter sind generell sehr hilfsbereit, gar nicht so wie die jordanischen Männer sagen. Sie brauchen auch nicht überall Flaggen, um sich zu vergewissern, dass sie existieren. Sie sind netter als die Jordanier und wollen rein gar nichts bis sie was wollen. Aber sie wollen immer was, außer in Kairo. Deswegen waren wir zweimal hier und nur zwischendurch in Luxor. Wir nahmen uns ein Zimmer im Kempinski. Ein schönes Hotel, mit Blick auf den Nil. Wir schliefen nur wenige Stunden. Zum Sonnenaufgang wurde ich wach, sah die Tauben fliegen und auf die Hinterhöfe kacken. Es war schon so laut in den Straßen, dass es fast wieder still ist. Ich wollte mich so schnell es geht in diese Stadt stürzen, nur meine Freundin machte nicht mit. Sie brauchte ewig und wir stritten und ich frage mich heute, was wohl gewesen wäre, wenn ich an diesem Morgen ohne sie gegangen wäre. Ich mein, ohne Telefon. Ich ging ohne sie, wartete aber in einem Café vor dem Hotel auf sie und lief ihr hinterher. Das ist gerade als Mann nicht leicht, genauso wie es als Frau nicht leicht ist, durch diese Straßen zu gehen. Alle Frauen schauten sie an, und alle Männer schauten sie an und versuchten dann wegzusehen. Ich war heilfroh, dass ich sie abgefangen hatte. Wir hätten den Tag nicht zusammen verbracht, und nicht spionagenhaften Bars gesessen, in denen immer Nacht ist und immer eine Frau, mit einem Mann vor einem Drink an der Bar steht. Wir hätten nicht zusammen in dem Café mit dem Bild an der Wand und der Erde auf dem Boden gesessen. Ich hätte hier erzählen müssen, was für ein schönes Scheißloch das war und wie es nach Scheiße roch, obwohl ich es war, der sie am Fuß hatte. Ich hätte sie nie im Café Horreya erlebt und vielleicht wäre sie tot oder verschleppt. Wir hätten unsere eindrücke später Teilen müssen, aber wenigstens nicht im Café Richie gegessen. Dagegen war das Horreya der absolute Traum. Sie saß da wie in einer Filmszene, oder besser, sie war die Filmszene selbst. Das Café ist ganz offen und aus Holz und draußen tobt der Verkehr. Man kommt einfach rein, setzt sich hin und bekommt Bier, ohne zu fragen. Sie saß im schwarzen langen Kleid zwischen all den Männern da, rauchte und trank. Cat walking nannte ich das. Vielleicht dachten die Männer wieder, dass ich kein Mann war, weil sich meine Frau so auszieht, aber innerlich dachten sie das doch. Naturgesetze kommen noch vor Religion. Ihre Frauen mussten unter ihren Burkas schwitzen, sogar drunter essen. Sie sind blutarm und blass und leiden an Osteoporose wie die der Orthodoxen nur anders. Man erkennt sie auf der Straße nie wieder. Außerhalb ihres Hauses existieren sie nicht. Es sind Schattenwesen im Würgegriff der Kultur und Kochshows. Natürlich sind wir deshalb am Abend wieder fast zu spät zur Abfahrt unseres Zuges gekommen. Der Verkehr ist ja wahnsinn. Unter dem Befolgen von Regeln wäre kein Durchkommen. Man fährt schon hundertzwanzig auf einer dreispurigen Straße auf die sechs Autos nebeneinander passen, und ein Pferd. Verkehr gibts es so nicht. Es ist ein Weltwunder aus Hupen, Motorrädern und dem obligatorischen Propheten auf einem Karren, der seinen Esel vorne auf der Kreuzung vorbeizieht. Neapel ist nichts dagegen. Bombay vielleicht. Jedenfalls was die Kolonialbauten angeht, die rechts und links mit ihren trüben Fenstern auf das tägliche Treiben sehen. Ich ärgerte mich, dass wir wieder nicht früher los sind, und es immer bis zum allerletzten Auskosten. In meinem Kopf lief ein Film aus allem ab, was überhaupt schiefgehen kann. Der Taxifahrer bekommt einen Herzinfarkt oder überfährt ein Kind. Am Ende des Bewusstseins schon die Frage, ob man uns dann trotzdem erst mal zum Bahnhof bringt. Immer der Griff an die Stelle wo Pässe sind. Sie findet ihren natürlich wieder nicht und dann natürlich wieder doch. Ich hasse sie, ich liebe sie dafür. Wir müssen einmal quer über den Bahnhofsvorplatz der Ramses Station von Kairo, in Kairo über den Bahnhofsplatz der Ramses Station. Wo verdammt fährt dieser Zug. Ein paar Ägypter wittern ihre Chance. Einer nimmt einfach unsere Sachen und rennt. Wir rennen mit durch den Dunst, durch Sicherheitsschranken und an Maschinengewehren vorbei. Selbst bei Nachtzügen bekommt man kein Ticket. Man rennt einfach hin, völlig außer Atem und irgendwie wissen die, dass das stimmt. Wir schafften es gerade noch rechtzeitig, um dann noch fünfzehn Minuten am Gleis zu stehen bis zu seiner Abfahrt. Meine Portugiesin gefiel sich dermaßen überpünktlich überhaupt nicht […]

HIERZULANDE I

HIERZULANDE

Also ich räum’ schon auf, bring den Müll runter, gieß Blumen, gebe ihr mehr Platz im Koffer und frage nur, ob es okay wäre, dass sie mir zu liebe schon mal ihren Hosenanzug zusammensucht, sodass ich meine Anzugtasche schließen kann, immer hin bin ich deutsch und fliege gleich um die halbe Welt und will vorher noch mit Freunden was essen, aber sie winkt nur ab, geht uns sagt im Gehen: dann packe sie ihre Sachen halt selbst. Es kotzt mich an, aber ich will jetzt nicht wieder damit anfangen, kanns ja selber nicht mehr hören, jeder Einstieg ist gleich. Soll sie die Hölle haben. Unsere Freunde wundern sich nicht, dass wir einzeln und zeitversetzt zum Essen kommen. Das sollte zu denken geben. Manche, die uns noch nicht so kennen, fragen was wir da in Jordanien machen und ich sage, das gleiche wie immer und überall, versuchen glücklich zu sein. Es ist schön vorher noch Zeit zum Essen zu haben, aber fürchterlich so zu fliegen. Der Rotwein will einen danach ganz fest in den Gassen halten und der letzte Ort auf der Welt, an den man will ist ein Flugzeug. Man wird langsam wieder nüchtern und wird sich bewusst, wie viel Zeug man noch zwischen den Zähnen hängen hat. Der Mund ist schal und der Weg noch weit und die Klimaanlage bläst, bis man krank ist. Sie bläst und bläst und bläst, obwohl man die Stewardess schon drei Mal gefragt hat. Wie ich Fliegen hasse. Völlig verprügelt kommen wir morgens in Athen an. Zwischenstopp, vierzehn Stunden. Man stellt sich das so schön vor, wie Dinner mit einer fremden Frau, aber alles was man will, ist unter der Brücke schlafen, am Strand, in einem Gründerzeithotel mit Blick aufs Meer, im Schatten zwei tausend Jahre alter Olivenbäume. Deshalb nahm ich meine Kamera nicht mit. Wer hätten wissen können, dass Athen so schön wird und schon zu der Geschichte gehört, aber diese Griechen gehören irgendwie immer zu jeder Geschichte. Wir gingen erst mal Frühstücken in einem fürchterlichen Laden, in den Leute gehen, um zu frühstücken und stiegen dann den Hügel gegenüber der Akropolis hoch, um der Antike unsere Aufwartung zu machen. Er ist nicht nur gegenüber, er ist das komplette Gegenteil davon, leise und leer, grün und schön, ein antikes Jetzt. Links sieht man wie das weiße Häusermeer an die braunen Hügel brandet und rechts wies sichs in die Ferne wellt bis zum Meer, unten in Piräus. Ich stand eine ganze Weile davor auf dem Fels, so wie wie Casper David Friedrich. Der Anblick schüttelte mich wach. Athen, die ganze Welt von hier ausgesehen, wie ein zehn Millionen Einwohner großes Bergdorf, im Angesicht meiner wachtraumartigen Gewalt. Ich überlegte, mich einen Moment wie ein Hund ins grüne Gras, unter den blauen Himmel vors Häusermeer, zu legen, den säulenfarbigen Sandstein in der Sonne, schöne Farben, die nur die Zeit den Dingen gibt. Aber dann hören wir von irgendwo meinen Namen und ich habe in Athen noch nie meinen Namen gehört, obwohl der gut passt. Ich war vorher nur einmal hier, aber die Frauen gefielen mir nicht und jetzt mussten sie mir nicht gefallen. Es sind tatsächlich zwei Freunde, also ein befreundetes Paar. Eigentlich sind wir mehr mit ihm befreundet, aber so ist das manchmal. Sie leben seit einiger Zeit in Athen, nachdem sie schon versucht haben in Istanbul, Tunis, Beirut und Kairo zu leben. Athen gefiele ihnen aber am Besten. Der Ort wäre sinnbildlich für lange Sommer, Familienzusammenkünfte unter freiem Himmel und Tage am Strand. GST, Greek Summer Time nannte sie das und lachte bevor wir das auch konnten. Sie benutzte auch Worte wie Kolokithokeftedes oder Horiatiki, so als ob die normal wären. Ich konnte Abkürzungen für Ortsbezeichnungen, Spitznamen im Rahmen ihrer Postleitzahl begrenzten Möglichkeiten nicht ausstehen. Sie sagt, das wäre nur was zu essen. Wir lunchten in einem schönen Keller, nicht weit vom Markt. Es war ein sehr gutes Lokal, dass man über eine Luke im Boden erreichte. Ein paar Stufen führten hinab. Staub und Licht und Markt kamen auch rein. Im Licht konnte man den Staub sehen, der sich vielleicht durch das Geschrei des Marktes bewegte. Es gab keine Speisekarte, aber Kichererbsen, Kraut, Bohnen, kleine Fische, die direkt auf den Tisch gestellt wurden und Weißwein, der aus Fässern kam. Nach dem Mittag gingen wir über den Markt und soffen uns durch die Stadt. Wir schauen uns eine Herkules-Statue in einem Park an, aber nur weil daneben eine Weinbar war. Es wurde ein schöner, schwereloser Tag im Transit, wie im Traum. Ich wusste nicht, ob ich mehr müde war oder betrunken oder beides. Schlafe oder nur Träume davon zu schlafen. Abends aßen wir Lamm unter Mandelbäumen und die Geschichte mit dem Flugzeug wiederholt sich. Diese Griechen hatten die Bestuhlung ihres Lokals einfach nach draußen unter die Bäume auf das Pflaster gestellt. Auf antiken Mauern spiegelten sich die zeitlosen Schatten unserer Essenszene. Dann wieder Flughafen, aber wenigstens hatte der in Athen gute Musik. Die Stewardess waren sehr nett, schön und groß und adrett. Eine hatte sogar Zahnseide. Wir waren nun 48 Stunden wach und wieder betrunken. Normalerweise würde wir das vor einer so langen Reise nicht tun, aber wir flogen in ein arabisches Land, in dem es keinen Wein gab oder teuer, was das gleiche ist […]

BRAVO

BRAVO

September, Vormittag, Flughafen Madrid. Natürlich Maschine verspätet. Bin ganz durch den Wind. Stand vor ein paar Stunden noch mit Sachen in einem Brunnen am Paseo del Prado in Madrid und ich glaube, wir sind dann Barfuß ins Ritz. Wir hatten im Chicote an der Gran Via einen alten Maler kennengelernt. Ein guter Laden, mit einer Vergangenheit, die heute keinen mehr interessiert, bis auf alte Maler und uns. Eine von Hemingways besten Geschichten spielt hier und eine meiner schlechtesten, weil sie vom schönsten Momenten in meinem Leben erzählt. Ich glaube, man kann von solchen Momenten nur so erzählen, Regen im Retiro heißt die, wen interessierts. Es ist immer langweilig, wenn zwei glücklich sind und man nicht mit oder nicht mehr und will, dass sie es auch nicht mehr sind. Menschen wollen es für sich und nicht lesen, dass sie eine Straßen gingen, die keinen besonderen Namen hat und in Restaurants aßen, die niemand kennt und bei Nacht Dinge taten, die niemanden so interessieren, wie sie selbst. Nicht nur das, aber man hat das eben, was wir alle suchen und kann sich dem widmen, und es, wenn man will, mit in eine Bar nehmen oder ein Tanzlokal oder andere schöne Orte auf der Welt, wie das Chicote. Hollywood traf hier früher Madrid, der Bürgerkrieg war in den 30ern die Straße runter. Man konnte ihn hören, sehen, riechen, schmecken, egal in welcher Bar man war. Morgens brachten die Frauen ihre Männer mit einem Lunchpaket an die Front, abends waren sie tot oder kehrten heim oder gingen noch auf ein Glas ins Chicote. Dort war dann der Teufel los. Mehr als im Ritz, weil auch keine Könige reindurften. Es war die beste Bar Spaniens und so die beste der Welt und die schönsten Mädchen kamen hier her. Der Ort, an dem gute Nächte begannen und an dem sie enden, so wie bei uns. Wer jemand war, kam ins Chicote und wer jemand sein wollte, kam ins Chicote und wer jemand war und sein gelassen werden wollte, kam auch und ließ das Leben auf der Gran Via vorbeiziehen. Man sehe sich dafür nur die Schwarzweißbilder an. Perico Chicote mit Grace Kelly, Chicote mit Penelope Cruz, Hemingway, Gardner sowieso. Dazu all die Stierkämpfer, tadellos und androgyn, von einer moralisch Aura umgeben, die um sie herum Platz macht. Nach ihnen kommt erst mal nichts. Sie tragen Pechschwarzes Haar und Kreuze am Hals und ficken Flamencotänzerinnen. Mit Fans, die wochenlang auf Saufen und Rauchen verzichten, um sich die teueren Tickets zu leisten. Manche von denen sitzen heute noch um den Plaza de Santa Ana, als hätte sie die Zeit vergessen. Man erliegt ihnen einfach, wie ihnen auch Picasso erlag, Cocteau, Orson Wells. Am meisten Frank Sinatra, als er von Luis Miguel Dominguin, diesem Stierkampf-Casanova umgehauen wurde, weil beide zur gleichen Zeit was von der Gardener wollten, die im Nachtleben eines faschistischen Spaniens fröhlich ihre Juwelen verlor. Eine Zeit, sagte der Alte, in der das Land noch das Land und das Meer noch das Meer und Spanien noch Spanien gewesen ist. Schönheit kam von innen und die Wahrheiten waren einfach und die Menschen lebten nach Stierkampfkalendern, Sardinenschwärmen, Jahreszeiten. Heute ist das Chicote ein Touristenladen, aber die Touristen gehen ja auch nur noch dahin, wo die Touristen nicht hingehen, als kommt eigentlich keiner, außer wir. Ich sagte, dass unsere Nacht bis her nicht sehr gut gewesen wäre, weil einen die Leute vor den die Clubs mit Prostituierten locken, das ist ja schlimm in Madrid. Sie verkaufen gefälschte Kippen an ihrer eigenen Leute und geben die Wut ihrer Vorgesetzten an uns weiter. Der Alte sagte, das liege daran, dass man in Spanien, nie eine klare Grenze zum Faschismus gezogen habe. Das eine ging einfach ins andere über. In den Schulen erzählt man immer noch, dass 60 Millionen Menschen in Mittel-und Südamerika an der spanischen Grippe gestorben wären. Man kann die Zeit nicht zurückdrehen, nicht mal, wenn man durch die Drehtür des Chicote geht, aber die Bar ist immer noch rot, was schon mal gut ist. In der Mitte stehen Stühle und Tische, die man zur Seite stellen kann, wenn man tanzen möchte. Der Kellner kam und brachte eine letzte Runde und ich fragte, für wen das Extraglas Schaumwein wäre und der Alte meinte für seine Frau. Die wäre tot, aber er akzeptiere das nicht und bestelle alles doppelt überall. Das gab uns den Rest. Der Abend hatte locker angefangen. Aperitif und dann Abendessen bis eins. Zwei Sterne, die keinen kalten Cheeseburger wert war. Von 14 Gerichten mochten wir zwei und eins davon war Brot. Natürlich sagte man uns, nachdem ich das sagte, dass wir wahrscheinlich keine Ahnung haben, aber wir hatten doch Ahnung und wir hatten Zungen. Mein Freund war über meine Ehrlichkeit schockiert, aber sie war der Beweis dafür, dass wir uns schon gar nicht selbst betrügen konnten. Dann die Suche nach einer Bar, die noch offen hat und nicht die vom Ritz ist. In der davor hatten wir hier aus versehen Schaumwein für 80€ bestellt, das Glas, inklusive Geschichten von Pedro, der dort so lang an der Bar im Ritz steht, dass er selbst die Ritz-Bar geworden ist. Er empfahl uns […]