VOM FEINSTEN
Ich steh an der Bar im Orient Express, scheiß auf den Genetiv und warte auf Nicky. Apéro und dann Essen, frisch gemacht, mit all den anderen Königlichen, Hochstaplern und Frischgemachten. Es ist die schönste Art zu reisen. Man lebt, liebt und liest (Oswald Spengler), kommt nicht einfach nur an, wird langsam drauf vorbereitet. Vor dem Fenster zieht der Brenner oder irgendein anderer Berg in der Dunkelheit vorbei, es wird Nacht und später lässt man sich, mit der vertrauten Gewissheit, dass irgendwo immer noch jemand wach ist und Europa lebt, in den Schlaf schaukeln. Es geht durch ein erhelltes Europa, vorbei an Dörfern und Städten, Wäldern und Steppen, hinter beschlagenen Fenstern holen Bauern die Ernte ein. Wenn der Zug hält, wird zwischen den Bergen geraucht, angeschossen, im Minirock, Bahnsteig 10, Wagons-Lits et des Grands Express Europées. Drinnen steht der Espumante und wird kalt. Das Abfahrtssignal enthält die ganze Geschichte von Abschied, Sehnsucht und Verlust. Meine Mutter meinte neulich am Telefon, dass ich die Suche nach einem Ort, an dem man für immer leben kann, Freundschaften mit Stammtischen pflegt, Schulden hat und über die Jahre redet, endlich aufgeben soll. Ich frag den Barmann nach Papier und schreibe ihr, dass meine rastlose Seele in diesem Zug wohl endlich ihr Zuhause gefunden hat, ein staatenloses auf Rädern, zwischen den Orten und ihren Göttern, ohne den Dunst irgendeines Vaterlandsmasochismus. Mario, der Maître, sagte, dass es den Perfekten Ort nicht gibt, er sagte, der perfekte Ort, das wären italienische Aperitifs auf französischen Terrassen mit portugiesischer Gastfreundschaft. Er weiß alles über diesen Zug. Er arbeitet hier seit ich lebe und erzählt, was das mit einem macht. Er sagt, er könnte sonst nichts, nur unterwegssein, von einem Ort zum nächsten, und wenn Winter ist und es ihm gefällt, bleibt er bis der Schnee schmilzt. Kurz nach dem Krieg hätte ein gewisser Mr. Sherwood all die verstreuten Wagons zusammengekauft, um die Goldenen Zeiten des Reisen wieder zu beleben. Daraus wäre dann Belmond entstanden. Es ist das Relikt einer untergegangenen Welt aus Briefbeschwerern, Passkontrollen, Telegrammen, Hauptstadtdepeschen, Gepäckträgern, Abendzeitungen, Manschettenknöpfen und eben Nachtzügen, die wie Dampfschiffe noch enorm romantische Zusammenkünfte zuließen. Das hätte man heute durch Tankstellen und Flugzeuge ersetzt. Da waren Könige auf der Flucht, Millionäre, Diplomaten und Agenten, die als Diplomaten und Millionäre getarnt waren. Da waren Hoheiten aus Osteuropa, Maharadschas auf dem Weg nach Paris, verwelkte Nacht-Clubtänzerinnen, die im Orient Vergessen suchten, Leute aus der Hochfinanz und Industrie, die unterwegs waren, um die Ölfelder des Ostens auszubeuten oder Balkankönigen Waffen zu liefern. Ian Flemming schickt seinen James Bond an Board, D.H.Lawrence bucht für die notgeile Lady Chatterley und ihren Vater ein Express Ticket, Christie schreibt Kriminalgeschichten. Klatsch, Intrigen und Flirts gediehen, aber die Literatur kann sich nicht erlauben so unglaublich wie das Leben in einem Zug zwischen Paris und Istanbul zu sein. Es geht durch Länder im Krieg, Reiche, die heute untergegangen sind. Straßburg, München, Wien, Orte, die Hier und Dort verbinden und einem erlauben, zwischen entschiedenen Handlungen und unwiderruflichen Entschlüssen keine Entscheidungen treffen zu müssen. Durch die Länder, Städte und Dörfer, durch die man kommt, kommt man um sie verlassen zu können und Mario wüsste sonst einfach nicht, wie Leben geht, gut ginge es ihm in der Fremde. Dann sieht man sich die Mitreisenden an, die typischen Engländer, laute Amerikaner und reiche Brasilianer in engen Anzügen. Deutsche mit Schweißflecken gibt es auch. Nur ein Paar verdient Aufmerksamkeit und eigentlich auch nur sie, sehr natürlich, mit blasser Haut und knallroten Lippen. Sie trägt ein schwarzes, enges Kleid mit Schlitz und scheint sehr selbstsicher. Man kann ihre Nippel sehen. Ich sehe besser raus, sehe das Tal und den Fluss und weiß wem die Berge sind. Die Nadelwälder fliegen im Halbdunkeln hinter den Regentropfen vorbei, als würde man zu viel belichten. In den Tälern ist Nacht, nur ein Paar Gipfel bekommen noch Sonne. Mario fragt, was ich denn da lese und ich sage, etwas, das mir zeigt, was ich nicht weiß und mich zum Trinken animiert, um es nicht mehr zu wissen. Dann schenkt er nach, und nach, und nach. Kurz bevor man zum Essen ruft, kommt sie dann, unsicher und auf mich fixiert. Sie zupfte an sich herum und fragte, ob sie richtig gekleidet wäre. Eigentlich süß, aber das sorgt in Männern für Wut. Als die kleine in dem aufgeschlitzten Kleid vorbeigeht, sehe ich sie an. Sie fragt, was das für ein Blick gewesen wäre. Ich sage, der eines Mannes, der eine selbstsichere Frau sieht, die er nicht kennt. Sie sagt, der einzige Unterschied zu der wäre, dass ich nicht das von ihr weiß, was ich von ihr wüsste. Eine Illusion, sage ich und kann meinen Blick zwischen dem Gespräch auf der vorbeiziehenden Landschaft ausruhen. Was denkst du, wenn du eine Frau siehst, die dir gefällt? Wenn ich sie sehe, höre ich auf meine innere Stimme. Und was sagt die Stimme? Dass ich das nicht sagen soll. Wieso nicht? Weil es sonst kaputt geht. Wenn ich etwas schönes sehe, muss ich es verstehen, durchschauen, verurteilen, beneiden, kommentieren, sein lassen, beschreiben, ficken, überprüfen oder vergessen. Es ist dasselbe, was ich die Sonne an der Amalfiküste aufgehen sehe oder ein Mittagessen mit Wein vor mir habe, nach dem wir Skifahren gewesen sind. Später, als ich nachts aufwachte, dachte ich darüber nach. Ich dachte darüber nach was Glück ist und dass es gar nicht erstrebenswert ist. Ich dachte, dass mir wohl was fehlt, etwas, das mir keine geben kann. Ich dachte, dass ich sie manchmal doof finde, wenn sie so redet, wie ich, weil ich mich doof finde und Sachen sage, wenn ich unsicher bin. Ich dachte, dass ich in solchen Situationen ihr Halt bin und dass sie die schönste ist und der Unterschied darin besteht, dass ich das, was ich von ihr weiß, von den anderen eben nicht wusste und weiter begehren will, was ich habe. Ich dachte, dass ich sie liebe und verstand etwas, dass ich schon lange wusste und hoffte, dass es mir irgendwann vielleicht auch ohne Beweis gelingt. Der Orient Express ist ein Ort, an dem man generell sehr gut Denken kann, man liegt oder sitzt, ist aber in Bewegung, ohne das Abwaschbare anderer Züge. Man schläft, fickt, liest, trinkt, isst, sieht raus und zieht sich zwischendurch um. Morgens liegt man lange da und denkt nichts. Sie erlaubte mir diesen Widerspruch. Beim Frühstück dann der Beweis, als die Kleine ohne das Kleid dasitzt. Mario bringt uns doppelten Espresso und meint, er werde immer traurig, wenn die ersten Pariser Vororte kommen. Dazwischen ausgedorrte Sonnenblumenfelder im Regen. Die Vororte wären genauso traurig und ausweglos, wie überall, nur das danach Paris kommt […]