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BYND

Konstantin Arnold

VOM FEINSTEN

VOM FEINSTEN

Ich steh an der Bar im Orient Express, scheiß auf den Genetiv und warte auf Nicky. Apéro und dann Essen,  frisch gemacht, mit all den anderen Königlichen, Hochstaplern und Frischgemachten. Es ist die schönste Art zu reisen. Man lebt, liebt und liest (Oswald Spengler), kommt nicht einfach nur an, wird langsam drauf vorbereitet. Vor dem Fenster zieht der Brenner oder irgendein anderer Berg in der Dunkelheit vorbei, es wird Nacht und später lässt man sich, mit der vertrauten Gewissheit, dass irgendwo immer noch jemand wach ist und Europa lebt, in den Schlaf schaukeln. Es geht durch ein erhelltes Europa, vorbei an Dörfern und Städten, Wäldern und Steppen, hinter beschlagenen Fenstern holen Bauern die Ernte ein. Wenn der Zug hält, wird zwischen den Bergen geraucht, angeschossen, im Minirock, Bahnsteig 10, Wagons-Lits et des Grands Express Europées. Drinnen steht der Espumante und wird kalt. Das Abfahrtssignal enthält die ganze Geschichte von Abschied, Sehnsucht und Verlust. Meine Mutter meinte neulich am Telefon, dass ich die Suche nach einem Ort, an dem man für immer leben kann, Freundschaften mit Stammtischen pflegt, Schulden hat und über die Jahre redet, endlich aufgeben soll. Ich frag den Barmann nach Papier und schreibe ihr, dass meine rastlose Seele in diesem Zug wohl endlich ihr Zuhause gefunden hat, ein staatenloses auf Rädern, zwischen den Orten und ihren Göttern, ohne den Dunst irgendeines Vaterlandsmasochismus. Mario, der Maître, sagte, dass es den Perfekten Ort nicht gibt, er sagte, der perfekte Ort, das wären italienische Aperitifs auf französischen Terrassen mit portugiesischer Gastfreundschaft. Er weiß alles über diesen Zug. Er arbeitet hier seit ich lebe und erzählt, was das mit einem macht. Er sagt, er könnte sonst nichts, nur unterwegssein, von einem Ort zum nächsten, und wenn Winter ist und es ihm gefällt, bleibt er bis der Schnee schmilzt. Kurz nach dem Krieg hätte ein gewisser Mr. Sherwood all die verstreuten Wagons zusammengekauft, um die Goldenen Zeiten des Reisen wieder zu beleben. Daraus wäre dann Belmond entstanden. Es ist das Relikt einer untergegangenen Welt aus Briefbeschwerern, Passkontrollen, Telegrammen, Hauptstadtdepeschen, Gepäckträgern, Abendzeitungen, Manschettenknöpfen und eben Nachtzügen, die wie Dampfschiffe noch enorm romantische Zusammenkünfte zuließen. Das hätte man heute durch Tankstellen und Flugzeuge ersetzt. Da waren Könige auf der Flucht, Millionäre, Diplomaten und Agenten, die als Diplomaten und Millionäre getarnt waren. Da waren Hoheiten aus Osteuropa, Maharadschas auf dem Weg nach Paris, verwelkte Nacht-Clubtänzerinnen, die im Orient Vergessen suchten, Leute aus der Hochfinanz und Industrie, die unterwegs waren, um die Ölfelder des Ostens auszubeuten oder Balkankönigen Waffen zu liefern. Ian Flemming schickt seinen James Bond an Board, D.H.Lawrence bucht für die notgeile Lady Chatterley und ihren Vater ein Express Ticket, Christie schreibt Kriminalgeschichten. Klatsch, Intrigen und Flirts gediehen, aber die Literatur kann sich nicht erlauben so unglaublich wie das Leben in einem Zug zwischen Paris und Istanbul zu sein. Es geht durch Länder im Krieg, Reiche, die heute untergegangen sind. Straßburg, München, Wien, Orte, die Hier und Dort verbinden und einem erlauben, zwischen entschiedenen Handlungen und unwiderruflichen Entschlüssen keine Entscheidungen treffen zu müssen. Durch die Länder, Städte und Dörfer, durch die man kommt, kommt man um sie verlassen zu können und Mario wüsste sonst einfach nicht, wie Leben geht, gut ginge es ihm in der Fremde. Dann sieht man sich die Mitreisenden an, die typischen Engländer, laute Amerikaner und reiche Brasilianer in engen Anzügen. Deutsche mit Schweißflecken gibt es auch. Nur ein Paar verdient Aufmerksamkeit und eigentlich auch nur sie, sehr natürlich, mit blasser Haut und knallroten Lippen. Sie trägt ein schwarzes, enges Kleid mit Schlitz und scheint sehr selbstsicher. Man kann ihre Nippel sehen. Ich sehe besser raus, sehe das Tal und den Fluss und weiß wem die Berge sind. Die Nadelwälder fliegen im Halbdunkeln hinter den Regentropfen vorbei, als würde man zu viel belichten. In den Tälern ist Nacht, nur ein Paar Gipfel bekommen noch Sonne. Mario fragt, was ich denn da lese und ich sage, etwas, das mir zeigt, was ich nicht weiß und mich zum Trinken animiert, um es nicht mehr zu wissen. Dann schenkt er nach, und nach, und nach. Kurz bevor man zum Essen ruft, kommt sie dann, unsicher und auf mich fixiert. Sie zupfte an sich herum und fragte, ob sie richtig gekleidet wäre. Eigentlich süß, aber das sorgt in Männern für Wut. Als die kleine in dem aufgeschlitzten Kleid vorbeigeht, sehe ich sie an. Sie fragt, was das für ein Blick gewesen wäre. Ich sage, der eines Mannes, der eine selbstsichere Frau sieht, die er nicht kennt. Sie sagt, der einzige Unterschied zu der wäre, dass ich nicht das von ihr weiß, was ich von ihr wüsste. Eine Illusion, sage ich und kann meinen Blick zwischen dem Gespräch auf der vorbeiziehenden Landschaft ausruhen. Was denkst du, wenn du eine Frau siehst, die dir gefällt? Wenn ich sie sehe, höre ich auf meine innere Stimme. Und was sagt die Stimme? Dass ich das nicht sagen soll. Wieso nicht? Weil es sonst kaputt geht. Wenn ich etwas schönes sehe, muss ich es verstehen, durchschauen, verurteilen, beneiden, kommentieren, sein lassen, beschreiben, ficken, überprüfen oder vergessen. Es ist dasselbe, was ich die Sonne an der Amalfiküste aufgehen sehe oder ein Mittagessen mit Wein vor mir habe, nach dem wir Skifahren gewesen sind. Später, als ich nachts aufwachte, dachte ich darüber nach. Ich dachte darüber nach was Glück ist und dass es gar nicht erstrebenswert ist. Ich dachte, dass mir wohl was fehlt, etwas, das mir keine geben kann. Ich dachte, dass ich sie manchmal doof finde, wenn sie so redet, wie ich, weil ich mich doof finde und Sachen sage, wenn ich unsicher bin. Ich dachte, dass ich in solchen Situationen ihr Halt bin und dass sie die schönste ist und der Unterschied darin besteht, dass ich das, was ich von ihr weiß, von den anderen eben nicht wusste und weiter begehren will, was ich habe. Ich dachte, dass ich sie liebe und verstand etwas, dass ich schon lange wusste und hoffte, dass es mir irgendwann vielleicht auch ohne Beweis gelingt. Der Orient Express ist ein Ort, an dem man generell sehr gut Denken kann, man liegt oder sitzt, ist aber in Bewegung, ohne das Abwaschbare anderer Züge. Man schläft, fickt, liest, trinkt, isst, sieht raus und zieht sich zwischendurch um. Morgens liegt man lange da und denkt nichts. Sie erlaubte mir diesen Widerspruch. Beim Frühstück dann der Beweis, als die Kleine ohne das Kleid dasitzt. Mario bringt uns doppelten Espresso und meint, er werde immer traurig, wenn die ersten Pariser Vororte kommen. Dazwischen ausgedorrte Sonnenblumenfelder im Regen. Die Vororte wären genauso traurig und ausweglos, wie überall, nur das danach Paris kommt […]

EILAND

EILAND

Ich musste eigentlich nie nach Venedig. Die schwimmende Wasserstadt hat mich nicht interessiert. Ihr Ruhm ist gestohlen, er stammt aus Byzanz. Nicht, dass mich Bilder von Brücken, die über Kanälen schweben nicht auch ansprechen, aber ich hatte zu viele davon gesehen und zu viel davon gehört, von Leuten, die sich über Touristen aufregen und selber welche sind. Venedig war dann immer so, wie eine sehr schöne Frau oder ein sehr schöner Mann, aber ich glaube eine Frau, die ihre Irrtümer nicht kennt. Ich dachte, ich könnte leben und lieben, ohne die Hauptstadt der allgemeinen Sehnsucht zu sehen, weiter träumen von den großen Maskenbällen der Geschichte, einer Unbekannten in einem Hauseingang, Affären, Zeit, Morgenröte, romantischen Gondelstunden, einem Vorhang, der weht, nachdem man sich von einem ganz bestimmten Gefühl befreit hat und kriminellen Fickern, die im schwarzen Umhang über die Dächer flüchten. Dann kam ich zur Seuchenzeit das erste Mal da. Verurteilen sie mich, wir sehen uns in der Hölle. Ich sah leere Bilder vom Markusplatz und konnte die Leere nicht vergessen, sie kamen gleich nach Delfinvideos, aber die waren gelogen. Im Wasser Venedigs überlebt keine Seuche, sie würde sich mit dem Wasser Venedigs anstecken. Napoleon nannte Istanbul die Hauptstadt der Welt und den Markus Platz ihr Wohnzimmer und ich sah diese Bilder vom Markusplatz, man konnte ihn sehen, ohne Menschen, wie schön der Platz war. Also fuhr ich hin. Es war ein Septemberabend. Ich kam im Regen an und es dämmerte. In einigen Palästen brannten die Kronleuchter und strahlten gut restaurierte Gemälde an, die von prächtigen Dübeln gehalten wurden. Die meisten Fenster waren schwarz und sahen mit dunklen, nachdenklichen Augen geheimnisvoll auf das wenige, vorbeiziehende Leben. Es war eine schwere Dunkelheit, die von diesen venezianischen Palästen ausging und durch das Schwimmende wieder aufgehoben wurde. Im Regen der Seuchennacht schien die Stadt zu alter Romantik zu erwachen und ich konnte es kaum erwarten, im Hotelzimmer anzukommen und theatralische Musik laufen zu lassen. Es war die Vorstellung eines Ortes, den man so sonst nie findet. Etwas Echtes, nicht die Vorstellung von etwas Echtem. Ich lief durch die Gassen neben den Arkaden und stand alleine unterm Regenschirmen auf dem Markusplatz. Die Kellner des Caffè Florian stellten gerade die Tische rein. Der Abend sah aus wie der frühe Morgen eines nassen Tages, es   war nebelig und blau, es dämmert jedenfalls. Die Straßenbeleuchtung schaltete sich an und ein Mann ging über den Platz, auf dem Tauben grasten, wie kleine Kühe mit Flügeln dran. Ich aß und trank Valpolicella. In Harrys Bar gab es noch einen letzten Drink, der nach Bellini benannt wurde, der anscheinend so gelb gemalt hat und einen Montgomery 15:1, der für irgendein bescheuertes Heerverhältnis steht. Untrinkbar, aber das einzige, was noch offen hatte. Zwischen amerikanischen Karikaturen lernte ich ein paar Venezianer kennen. Wir teilten uns beim Rauchen den Schirm und beschwerten uns über die Drinks. Die letzte Runde wurde denen und mir verwehrt. Seitdem habe ich Hausverbot. Ich fragte, ob man noch irgendwo anders hingehen könne und sie sagten, dass man in Venedig ein Motorrad, ein Boot und einen Bus braucht, um jetzt noch irgendwo anders hinzukönnen. Ich ging zurück ins Hotel und schwor mir, nie wieder zu kommen. Seitdem stirbt die Stadt, aber ihr Untergang ist Teil der Erzählung. 2009 hat man sie schon mal beerdigt, als die Einwohnerzahl erstmals unter 60.000 sank. Jetzt liegt sie unter 50.000, bei 30 Millionen Touristen im Jahr. Die Rache der Kreuzfahrer sind Kreuzfahrtschiffe. Das Salzwasser steigt. Zerfrisst die Mauern. Menschen überschwemmen die Stadt. Schreien sich an, werden angeschrien von Verkäufern, Ladenbesitzern und Guides: kommen sie rein, können sie rausgucken, fahren sie Gondel, wollen sie das kosten und dies, essen sie hier, kotzen sie später. Ich weiß nicht, ob Jesus dasselbe mit Venedig machen würde, was er im mit den Händlern im Tempel macht. Es gibt kein Handwerk mehr. Keine Kneipen und Marmeladenläden, keinen Milchmann, nur noch Ramsch, den keiner braucht und der auch nicht schön anzusehen ist, wenn man abends, eingehakt, flanieren geht und in die Auslagen sieht. Es sind die gleichen Läden wie überall, oder es sind andere. Außerdem sind dauend Filmfestspiele. Die Frage ist, wo man dann wohnt. Das Gritti ist zu Gritti, das Cipriani zu voll, der Palazzo Papadopoli eigentlich nicht schlecht, bis Schweinsteiger da heiraten wollte, den Rest kannten wir nicht. Achso, das Danieli, ja, das Danieli, das war aber lange zu und ist jetzt  erst wieder offen, aber so, dass es auch zu bleiben könnte. Der Palast hat mal der Familie Dondola gehört, die maßgeblich für den vierten Kreuzzug verantwortlich war und Konstantinopel plünderte, auf dem Weg nach Jerusalem, womit ich meines Namens wegen schon so meine Probleme habe. George Sand und Alfred Musset sind hier abgestiegen, Zimmer 10, im Mezzanin, mit Blick auf die Ponte della Paglia. Eine der übertriebensten Liebesgeschichten der Literatur. Musset erkrankt schwer an Typhus und wird vom Hotelarzt gepflegt. Sand, die kleine Nutte, verliebt sich in den Arzt, betrügt Musset noch am Krankenbett und brennt mit dem Doktor durch. Musset schreibt darauf seine Bekenntnisse und stirbt. Sand schreibt Sie und Er, Mussets Bruder rächt sich und schreibt Er und Sie, um die Dinge gerade zu rücken. Auch Lord Byron lebte hier, der pickellose Popstar der Romantik war einer der ersten Stammgäste des Hauses, bevor der Palazzo 1822 in ein Hotel umgewandelt wurde. Hier logierte er, während seiner skandalös zusammengedichteten Jahre in Venedig, schwamm und hinkte, schrieb seine berühmten Verse über die Seufzerbrücke, fassungslos darüber, dass es mit den Frauen immer das gleiche ist. Wenn man jung ist, glaubt man, man müsse, um die Frauen zu kennen, mit möglichst vielen schlafen. Wenn man älter wird, schläft man mit einigen, um sich zu vergewissern, dass es immer die gleiche ist. Byron wurde nie älter. Er starb mit 36 während des griechischen Unabhängigkeitskampfes […]

DASEIN (Teil 02)

DASEIN (Teil 02)

Damals, in dieser Zeit, die längst vergangen ist und wir viel in Hesses Romanen lasen, wohnten wir in einem Dorf in einem Haus, das frei und viereckig in einem Tal stand und ganz vergessen in die Berge gefallen war. Durch das Tal floss ein Bach und das Tal war tief und fiel bergab und hatte den Höhepunkt seiner Fruchtbarkeit erreicht. Links waren Olivenhaine, rechts wuchs der Wein. Alles war hoch und tief und je weiter das Tal hinunterging, desto wärmer wurde es und aus dem Bach wurde ein Fluss, der in gewaltigen Seen endete, die den Meeren gleichen. Warme Luft stieg auf und man konnte die Luft sehen, wie sie zwischen Felswänden und Kirchtürmen stand und von einem mächtigen Licht durchbrochen wurde, das alles kräftig in den Farben der Dinge erstrahlen ließ, genau wie Hodler es gemalt hatte. Es waren Berglandschaften, Dschungelberge, eine Kirchglocke, die irgendwo schlug und von der Ferne hergetragen wurde. Klare Laute der Natur, kein Krach der Stadt, nur Klang der Dörfer. Man hörte Kühe fressen, im Orchester oder höchstens mal einen Tschingg, der sein Motorrad an einer Bushaltestelle testete und pfiff, wenn eine Monica Bellucci an seiner Bushaltestelle vorrüberging. Es musste schön sein, in diesem Tal schön zu sein. Die Dörfer waren weltgewandt und kultiviert und man konnte in ihnen viele Sprachen sprechen und eine Frau lieben und einer bestimmten Tätigkeit nachgehen. Was wäre die Welt ohne diese Dörfer und diese Bewohner und Bewahrer, ohne die Bushaltestellen und Kirchen, die am Hang vor dem Blau des Himmels stehen, schon immer, egal was. Man konnte in diesem Tal nichts tun, außer man wusste, was man tun konnte. Einsam, weit weg von allem, guten Käse essen, schlechten Wein trinken, abends am Kamin sitzen und noch mehr Wein trinken, der immer besser schmeckte, je mehr man getrunken hatte. Morgens lagen wir lange da, guckten von warmen Betten aus offenen Fenster und hingen uns danach an schwere Steine im Bach, um uns vom Quellwasser umströmen zu lassen. Es war kein Eiswasser, man konnte darin überleben, und wenn die Sonne auf die Stelle schien, an der man gerade hing, konnte man es sogar genießen. Wegen so eines Baches lernten wir eines Tages den Metzger des Dorfes kennen. Ich hatte meinen Ring beim Umströmen verloren und der Metzger besaß die einzige Taucherbrille im Dorf. Den Ring fanden wir nicht, aber wir verstanden uns prächtig […]

DASEIN (Teil 01)

DASEIN (Teil 01)

Wenn man es nur schreiben könnte, wie es sich leben ließe. Ohne Absätze und Übergänge, die sich gegen das Leben versündigen, so wie es sich bietet und wie wir es lieben. Aufeinmal. Ohne Grund. An all den Zufällen vorbei, die wir im Nachhinein zu Notwendigkeiten erklären. Mit plötzlicher Brutalität. So wie ein Hirsch im Herbst auf Straßen springt, wenn man gerade einen hohen Berg runterrollt, um sich vom Helikopterfliegen zu erholen, und Pavarottis Radiostimme die Zeit zu Raum werden lässt, auf den dann der Hirsch knallt. Nehmen wir mal an. Viele verschiedene Orte, die erst durch uns miteinander in Verbindung treten. Am besten ist man an all diesen Orten, als ob man gar nicht an ihnen gewesen wäre, macht einfach weiter, wie zuvor, was immer auch gewesen ist. So meistert man die Orte, weil man da ist, wo man ist und keine Straßen geht und an Straßen denkt, die man nicht gegangen ist. Es kommt dann gar nicht mehr darauf an, wie viele Orte man gesehen hat, sondern wie viel man in jedem dieser Orte sehen konnte. Von einigen dieser Orte möchte ich erzählen, ohne jemanden mit unserer Liebesgeschichte zu belästigen. Die Liebe hat nur eine Geschichte und es ist immer die gleiche, und die könnte man überall verbringen, auch an Tankstellen, ist ja glücklich genug, hat all die schon Orte in sich. Alles, was über dieses große Glück hinausgeht, ist so spürbar wie Wolken, Leistungssteigerung im Spitzensport. Fast verschwendet. Man ist im Himmel, gefangen im Grenzenlosen, höher geht’s gar nicht, außer man fährt bergauf, dann nimmt man den Himmel eben mit oder lernt auch, mit viel sehr glücklich sein zu können. Gelingt das, ohne ein Arschloch werden zu müssen, schafft man ein Kunstwerk des Lebens, einen Überschwang, der kaum auszuhalten ist. Danach kommt nur noch All. Kann man dann mehr von solchen Zeiten erwarten, als dass sie irgendwann vorbeigehen oder wir sie ruinieren? Worte sind vielleicht nicht genug. Sie fassen nicht alles und jeden, aber nichts limitiert so sehr wie die Möglichkeit zu allem, denn alles ist die konstante Ablenkung vom Nichts. Und im Nichts beginnt unsere Reise. Ein bisschen außerhalb der Zeit. In einer Villa auf einer Insel mit 4000 verschiedenen Pflanzenarten, die irgendein Hedonist mitten in den See geflanzt hat, um im Dickicht zu veranstalten. Die Villa ist jetzt ein kleines Hotel und die Pflanzenarten sind durstig und unvergleichlich und sehen nicht aus wie Hawaii oder Tahiti, weil es nichts gibt, was so ist. Die Natur zieht einen auf, ganz ohne Sitten und Manieren. Hier ist es am allermeisten so. Man ist dem Augenblick ergeben, spürt einen Aufenthalt lang, wie alles ist, das ganze Leben und kann dann traurig werden, etwas trauriger als sonst, aber richtiger, und schöner […]