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BYND

Konstantin Arnold

DURCHN WIND

DURCHN WIND

Irgendwann wurde es so heiß, dass man nirgends mehr hingehen konnte. Glückliche Paare fuhren auf ihren Vespas an uns vorbei, ohne zu schwitzen, während wir im Schatten auf den Bus warteten, der oft nie kam. Ich dachte darüber nach, was für eine Welt uns mit so einem Ding offen stehen würde und träumte mich am Abend mit den jungen Mädchen auf den Dingern davon. Rückenfrei, braungebrannt, frisch vom Strand. Body Lotion und Jugend wehte ihnen nach. Noch zu viel Parfüm. Ein Freund, der woanders wohnte und sah, wie’s mir ging, lieh mir seine. Er meinte, dass es gut für mich und meine Beziehung wäre, wenn ich sie ab und an auch mal auf einer sehe. Die Italienerinnen tragen kurze Röcke und haben hohe Stiefel dazu an. Das ist Napoleonisch und symbolisiert Macht, wenn man an Königin Christina von Schweden denkt, oder Katharina die Große, die mit höfischen Konventionen bricht und sich in Gardeuniform und Stiefeln auf einem Schimmel zeigt, wie die auf ihren Vespas. Meine Gedanken kommen da nicht mit. Es passiert im Vorbeifahren und alles, was einem dann bleibt, sind Haare, die aus einem Helm kommen und dieses nackte Stück Bein zwischen Stiefeln und Minirock, das mehr zeigt, als er verspricht. Es gibt keine schönere Position für schöne Frauen in der Öffentlichkeit, als auf einer Vespa, im Vorbeifahren, an denen das Vorbeifahren das Schöne ist. Kein selber Tanken, kein bei dreißig Grad im Sommerkleid an einer Trockenmauer lehnen und aus einen Strohhalm trinken, Yoga und Joggen schon gar überhaupt gar nicht. Dagegen ist es auf einem schnellen Motorrad nur billig und vulgär, wenn sie hinten drauf sitzen wie auf einem Pimmel. Die Vespa ist im Laufe ihrer Geschichte üppiger und elektronischer geworden. Während die Ur-Vespa von 1946 als mechanisch, leicht taillierte Alltagslösung für Frauen in langen Kleidern, mit gefallenen Männern, daherkam, sieht man heute dicke, braungebrannte Opis mit offenen Helmen auf alten, keuchenden Silberdingern, die sich nach dem Lunch mit Zigarillo im Mundwinkel die Berge hoch kämpfen und für Entspannung sorgen. Seine Vespa war ein hässliches, neues Ding, aber besser als keine Alte. Auf einmal konnten wir von einem Ort zum nächsten, ohne zu schwitzen. Manchmal fuhr ich nach dem Schwimmen für ein bisschen Wind in der  Gegend rum, bis zur Dämmerung, über die Berge. Schon nach wenigen Metern hängt man die Gedanken ab. Steht in Verbindung mit der Zeit, fährt schneller langsam, wird Teil der Umgebung, liefert sich aus, ist sichtbar, zum Trotz aller abgedunkelten Range Rover und verlässt sich auf die schmalen Straßen einer oft gefahren Landschaft. Wir konnten uns morgens nun in Paraggi an den Quallen verbrennen, in Santa  Margarita Frühstücken, in San Michele di Pagana Arbeiten, in Rapallo Mittagessen, in Zoagli Schwimmen, in Camogli Bücher von Seneca kaufen oder gebrauchte Ventilatoren und in Chiavari irgendwas abgeben, alles an einem Tag. Wir konnten morgens direkt vorm Caffé halten und an der Bar stehen, mit dem Gefühl schon geschwommen zu sein und unsere Helme neben den Caffé legen und für einen Augenblick vergessen, dass wir nicht hier geboren wurden. Wir konnten Freunde besuchen, die in den Bergen Häuser hatten, mit Fenstern, in denen nur Meer war und Himmel. Und abends konnten wir in die eine Bar, die ich schon oft im Vorbeifahren gesehen hatte, mit glücklichen Leuten auf der Mauer, so wie ich es gerne hatte. Weiter hoch ist ein Kirchplatz, mit Kastanien und anderen Bäumen unter denen ich ihr seitdem das Fahren nach drei Sbagliato beibringe. Gegenüber war die Bar, in der man auch gut an der Theke stehen konnte, mit Lastwagenfahrern von überall und Handwerkern aus der Gegend. Man konnte direkt vor der Bar halten und musste durch alle durch und sagte oft Ciao. Auf dem Rückweg fuhr man dann nur noch fünfzig und genoss es über den Hügeln von Santa zu sein, was viel besser war als über den Hügel Palermos oder denen von Nizza, die gar keine richtigen Hügel sind und voller Polizei. Manchmal nahmen wir uns frittierte Meeresfrüchte mit oder Käsefocaccia und machten auch diesen Traum war, obwohl es dort oben immer nette Leute gab, die ihr Essen mit einem teilten und aus ihren Leben erzählten, vom Leben in Mailand und Sterben in Berlin. Hier, in diesem kleinen Scheißloch, zwischen den Orten, an keiner besonderen Stelle, auf dem Weg woanders hin, mit dem Zigarettenautomat und den Leuten an der Theke, war die italienische Seele zuhause. Man feierte zu dieser Zeit viele Feste auf den Dörfern und wir fuhren zu allen hin. Aßen, tranken, Tanzten.  Manchmal kamen wir zu spät, weil die Zeit eine fürchterliche Erfindung ist. Sie treibt uns an, in guten und in schlechten Zeiten, gibt den kosmischen Takt, ob man gerade damit einverstanden ist oder nicht. Die Kirchtürme messen dieses Vergehen, Klingen der Glocken pro Stunde, Abschied, Verweile doch, du bist so schön. Dann fuhren wir rum, fanden nichts mehr das offen hat und vögelten hungrig hinter den Leitplanken. Am nächsten Morgen wacht man dafür früh auf und hat den Tag vor sich und die Vespa, mit der man durch den fahren kann. Die Oliven links, das Meer rechts und in den Bergen immer jemand, der um die Zeit schon Feuer macht. Dann schwammen irgendwo und fühlten uns frisch und schön, braun und schmuckbehangen, wie in einer Gucci-Werbung, während der Wein kalt wurde und man das Leben meistert. Einmal machten wir eine lange Tour und fuhren hinter die Bergen in ein Tal, das nichts mehr mit dem Meer zu tun hatte, aber auffallend viele Küchengeschäfte. Niemand wohnte hier und niemand, den wir kannten, kannten jemanden, der hier wohnte und dem wir davon erzählen konnten. Wir fuhren durch viele kleine Dörfer, in denen man keine Wahl hatte und so gut glücklich sein konnte. Kleine einspurige Straßen,  Mittägliche Ruhe, nichts zum Vergleichen, fast statisch, wie ein Renaissance Bild. Rechts Oliven, links stand der Wein. Oben an den Hängen sahen die Kirchen über das […]

VOM FEINSTEN

VOM FEINSTEN

Ich steh an der Bar im Orient Express, scheiß auf den Genetiv und warte auf Nicky. Apéro und dann Essen,  frisch gemacht, mit all den anderen Königlichen, Hochstaplern und Frischgemachten. Es ist die schönste Art zu reisen. Man lebt, liebt und liest (Oswald Spengler), kommt nicht einfach nur an, wird langsam drauf vorbereitet. Vor dem Fenster zieht der Brenner oder irgendein anderer Berg in der Dunkelheit vorbei, es wird Nacht und später lässt man sich, mit der vertrauten Gewissheit, dass irgendwo immer noch jemand wach ist und Europa lebt, in den Schlaf schaukeln. Es geht durch ein erhelltes Europa, vorbei an Dörfern und Städten, Wäldern und Steppen, hinter beschlagenen Fenstern holen Bauern die Ernte ein. Wenn der Zug hält, wird zwischen den Bergen geraucht, angeschossen, im Minirock, Bahnsteig 10, Wagons-Lits et des Grands Express Europées. Drinnen steht der Espumante und wird kalt. Das Abfahrtssignal enthält die ganze Geschichte von Abschied, Sehnsucht und Verlust. Meine Mutter meinte neulich am Telefon, dass ich die Suche nach einem Ort, an dem man für immer leben kann, Freundschaften mit Stammtischen pflegt, Schulden hat und über die Jahre redet, endlich aufgeben soll. Ich frag den Barmann nach Papier und schreibe ihr, dass meine rastlose Seele in diesem Zug wohl endlich ihr Zuhause gefunden hat, ein staatenloses auf Rädern, zwischen den Orten und ihren Göttern, ohne den Dunst irgendeines Vaterlandsmasochismus. Mario, der Maître, sagte, dass es den Perfekten Ort nicht gibt, er sagte, der perfekte Ort, das wären italienische Aperitifs auf französischen Terrassen mit portugiesischer Gastfreundschaft. Er weiß alles über diesen Zug. Er arbeitet hier seit ich lebe und erzählt, was das mit einem macht. Er sagt, er könnte sonst nichts, nur unterwegssein, von einem Ort zum nächsten, und wenn Winter ist und es ihm gefällt, bleibt er bis der Schnee schmilzt. Kurz nach dem Krieg hätte ein gewisser Mr. Sherwood all die verstreuten Wagons zusammengekauft, um die Goldenen Zeiten des Reisen wieder zu beleben. Daraus wäre dann Belmond entstanden. Es ist das Relikt einer untergegangenen Welt aus Briefbeschwerern, Passkontrollen, Telegrammen, Hauptstadtdepeschen, Gepäckträgern, Abendzeitungen, Manschettenknöpfen und eben Nachtzügen, die wie Dampfschiffe noch enorm romantische Zusammenkünfte zuließen. Das hätte man heute durch Tankstellen und Flugzeuge ersetzt. Da waren Könige auf der Flucht, Millionäre, Diplomaten und Agenten, die als Diplomaten und Millionäre getarnt waren. Da waren Hoheiten aus Osteuropa, Maharadschas auf dem Weg nach Paris, verwelkte Nacht-Clubtänzerinnen, die im Orient Vergessen suchten, Leute aus der Hochfinanz und Industrie, die unterwegs waren, um die Ölfelder des Ostens auszubeuten oder Balkankönigen Waffen zu liefern. Ian Flemming schickt seinen James Bond an Board, D.H.Lawrence bucht für die notgeile Lady Chatterley und ihren Vater ein Express Ticket, Christie schreibt Kriminalgeschichten. Klatsch, Intrigen und Flirts gediehen, aber die Literatur kann sich nicht erlauben so unglaublich wie das Leben in einem Zug zwischen Paris und Istanbul zu sein. Es geht durch Länder im Krieg, Reiche, die heute untergegangen sind. Straßburg, München, Wien, Orte, die Hier und Dort verbinden und einem erlauben, zwischen entschiedenen Handlungen und unwiderruflichen Entschlüssen keine Entscheidungen treffen zu müssen. Durch die Länder, Städte und Dörfer, durch die man kommt, kommt man um sie verlassen zu können und Mario wüsste sonst einfach nicht, wie Leben geht, gut ginge es ihm in der Fremde. Dann sieht man sich die Mitreisenden an, die typischen Engländer, laute Amerikaner und reiche Brasilianer in engen Anzügen. Deutsche mit Schweißflecken gibt es auch. Nur ein Paar verdient Aufmerksamkeit und eigentlich auch nur sie, sehr natürlich, mit blasser Haut und knallroten Lippen. Sie trägt ein schwarzes, enges Kleid mit Schlitz und scheint sehr selbstsicher. Man kann ihre Nippel sehen. Ich sehe besser raus, sehe das Tal und den Fluss und weiß wem die Berge sind. Die Nadelwälder fliegen im Halbdunkeln hinter den Regentropfen vorbei, als würde man zu viel belichten. In den Tälern ist Nacht, nur ein Paar Gipfel bekommen noch Sonne. Mario fragt, was ich denn da lese und ich sage, etwas, das mir zeigt, was ich nicht weiß und mich zum Trinken animiert, um es nicht mehr zu wissen. Dann schenkt er nach, und nach, und nach. Kurz bevor man zum Essen ruft, kommt sie dann, unsicher und auf mich fixiert. Sie zupfte an sich herum und fragte, ob sie richtig gekleidet wäre. Eigentlich süß, aber das sorgt in Männern für Wut. Als die kleine in dem aufgeschlitzten Kleid vorbeigeht, sehe ich sie an. Sie fragt, was das für ein Blick gewesen wäre. Ich sage, der eines Mannes, der eine selbstsichere Frau sieht, die er nicht kennt. Sie sagt, der einzige Unterschied zu der wäre, dass ich nicht das von ihr weiß, was ich von ihr wüsste. Eine Illusion, sage ich und kann meinen Blick zwischen dem Gespräch auf der vorbeiziehenden Landschaft ausruhen. Was denkst du, wenn du eine Frau siehst, die dir gefällt? Wenn ich sie sehe, höre ich auf meine innere Stimme. Und was sagt die Stimme? Dass ich das nicht sagen soll. Wieso nicht? Weil es sonst kaputt geht. Wenn ich etwas schönes sehe, muss ich es verstehen, durchschauen, verurteilen, beneiden, kommentieren, sein lassen, beschreiben, ficken, überprüfen oder vergessen. Es ist dasselbe, was ich die Sonne an der Amalfiküste aufgehen sehe oder ein Mittagessen mit Wein vor mir habe, nach dem wir Skifahren gewesen sind. Später, als ich nachts aufwachte, dachte ich darüber nach. Ich dachte darüber nach was Glück ist und dass es gar nicht erstrebenswert ist. Ich dachte, dass mir wohl was fehlt, etwas, das mir keine geben kann. Ich dachte, dass ich sie manchmal doof finde, wenn sie so redet, wie ich, weil ich mich doof finde und Sachen sage, wenn ich unsicher bin. Ich dachte, dass ich in solchen Situationen ihr Halt bin und dass sie die schönste ist und der Unterschied darin besteht, dass ich das, was ich von ihr weiß, von den anderen eben nicht wusste und weiter begehren will, was ich habe. Ich dachte, dass ich sie liebe und verstand etwas, dass ich schon lange wusste und hoffte, dass es mir irgendwann vielleicht auch ohne Beweis gelingt. Der Orient Express ist ein Ort, an dem man generell sehr gut Denken kann, man liegt oder sitzt, ist aber in Bewegung, ohne das Abwaschbare anderer Züge. Man schläft, fickt, liest, trinkt, isst, sieht raus und zieht sich zwischendurch um. Morgens liegt man lange da und denkt nichts. Sie erlaubte mir diesen Widerspruch. Beim Frühstück dann der Beweis, als die Kleine ohne das Kleid dasitzt. Mario bringt uns doppelten Espresso und meint, er werde immer traurig, wenn die ersten Pariser Vororte kommen. Dazwischen ausgedorrte Sonnenblumenfelder im Regen. Die Vororte wären genauso traurig und ausweglos, wie überall, nur das danach Paris kommt […]

EILAND

EILAND

Ich musste eigentlich nie nach Venedig. Die schwimmende Wasserstadt hat mich nicht interessiert. Ihr Ruhm ist gestohlen, er stammt aus Byzanz. Nicht, dass mich Bilder von Brücken, die über Kanälen schweben nicht auch ansprechen, aber ich hatte zu viele davon gesehen und zu viel davon gehört, von Leuten, die sich über Touristen aufregen und selber welche sind. Venedig war dann immer so, wie eine sehr schöne Frau oder ein sehr schöner Mann, aber ich glaube eine Frau, die ihre Irrtümer nicht kennt. Ich dachte, ich könnte leben und lieben, ohne die Hauptstadt der allgemeinen Sehnsucht zu sehen, weiter träumen von den großen Maskenbällen der Geschichte, einer Unbekannten in einem Hauseingang, Affären, Zeit, Morgenröte, romantischen Gondelstunden, einem Vorhang, der weht, nachdem man sich von einem ganz bestimmten Gefühl befreit hat und kriminellen Fickern, die im schwarzen Umhang über die Dächer flüchten. Dann kam ich zur Seuchenzeit das erste Mal da. Verurteilen sie mich, wir sehen uns in der Hölle. Ich sah leere Bilder vom Markusplatz und konnte die Leere nicht vergessen, sie kamen gleich nach Delfinvideos, aber die waren gelogen. Im Wasser Venedigs überlebt keine Seuche, sie würde sich mit dem Wasser Venedigs anstecken. Napoleon nannte Istanbul die Hauptstadt der Welt und den Markus Platz ihr Wohnzimmer und ich sah diese Bilder vom Markusplatz, man konnte ihn sehen, ohne Menschen, wie schön der Platz war. Also fuhr ich hin. Es war ein Septemberabend. Ich kam im Regen an und es dämmerte. In einigen Palästen brannten die Kronleuchter und strahlten gut restaurierte Gemälde an, die von prächtigen Dübeln gehalten wurden. Die meisten Fenster waren schwarz und sahen mit dunklen, nachdenklichen Augen geheimnisvoll auf das wenige, vorbeiziehende Leben. Es war eine schwere Dunkelheit, die von diesen venezianischen Palästen ausging und durch das Schwimmende wieder aufgehoben wurde. Im Regen der Seuchennacht schien die Stadt zu alter Romantik zu erwachen und ich konnte es kaum erwarten, im Hotelzimmer anzukommen und theatralische Musik laufen zu lassen. Es war die Vorstellung eines Ortes, den man so sonst nie findet. Etwas Echtes, nicht die Vorstellung von etwas Echtem. Ich lief durch die Gassen neben den Arkaden und stand alleine unterm Regenschirmen auf dem Markusplatz. Die Kellner des Caffè Florian stellten gerade die Tische rein. Der Abend sah aus wie der frühe Morgen eines nassen Tages, es   war nebelig und blau, es dämmert jedenfalls. Die Straßenbeleuchtung schaltete sich an und ein Mann ging über den Platz, auf dem Tauben grasten, wie kleine Kühe mit Flügeln dran. Ich aß und trank Valpolicella. In Harrys Bar gab es noch einen letzten Drink, der nach Bellini benannt wurde, der anscheinend so gelb gemalt hat und einen Montgomery 15:1, der für irgendein bescheuertes Heerverhältnis steht. Untrinkbar, aber das einzige, was noch offen hatte. Zwischen amerikanischen Karikaturen lernte ich ein paar Venezianer kennen. Wir teilten uns beim Rauchen den Schirm und beschwerten uns über die Drinks. Die letzte Runde wurde denen und mir verwehrt. Seitdem habe ich Hausverbot. Ich fragte, ob man noch irgendwo anders hingehen könne und sie sagten, dass man in Venedig ein Motorrad, ein Boot und einen Bus braucht, um jetzt noch irgendwo anders hinzukönnen. Ich ging zurück ins Hotel und schwor mir, nie wieder zu kommen. Seitdem stirbt die Stadt, aber ihr Untergang ist Teil der Erzählung. 2009 hat man sie schon mal beerdigt, als die Einwohnerzahl erstmals unter 60.000 sank. Jetzt liegt sie unter 50.000, bei 30 Millionen Touristen im Jahr. Die Rache der Kreuzfahrer sind Kreuzfahrtschiffe. Das Salzwasser steigt. Zerfrisst die Mauern. Menschen überschwemmen die Stadt. Schreien sich an, werden angeschrien von Verkäufern, Ladenbesitzern und Guides: kommen sie rein, können sie rausgucken, fahren sie Gondel, wollen sie das kosten und dies, essen sie hier, kotzen sie später. Ich weiß nicht, ob Jesus dasselbe mit Venedig machen würde, was er im mit den Händlern im Tempel macht. Es gibt kein Handwerk mehr. Keine Kneipen und Marmeladenläden, keinen Milchmann, nur noch Ramsch, den keiner braucht und der auch nicht schön anzusehen ist, wenn man abends, eingehakt, flanieren geht und in die Auslagen sieht. Es sind die gleichen Läden wie überall, oder es sind andere. Außerdem sind dauend Filmfestspiele. Die Frage ist, wo man dann wohnt. Das Gritti ist zu Gritti, das Cipriani zu voll, der Palazzo Papadopoli eigentlich nicht schlecht, bis Schweinsteiger da heiraten wollte, den Rest kannten wir nicht. Achso, das Danieli, ja, das Danieli, das war aber lange zu und ist jetzt  erst wieder offen, aber so, dass es auch zu bleiben könnte. Der Palast hat mal der Familie Dondola gehört, die maßgeblich für den vierten Kreuzzug verantwortlich war und Konstantinopel plünderte, auf dem Weg nach Jerusalem, womit ich meines Namens wegen schon so meine Probleme habe. George Sand und Alfred Musset sind hier abgestiegen, Zimmer 10, im Mezzanin, mit Blick auf die Ponte della Paglia. Eine der übertriebensten Liebesgeschichten der Literatur. Musset erkrankt schwer an Typhus und wird vom Hotelarzt gepflegt. Sand, die kleine Nutte, verliebt sich in den Arzt, betrügt Musset noch am Krankenbett und brennt mit dem Doktor durch. Musset schreibt darauf seine Bekenntnisse und stirbt. Sand schreibt Sie und Er, Mussets Bruder rächt sich und schreibt Er und Sie, um die Dinge gerade zu rücken. Auch Lord Byron lebte hier, der pickellose Popstar der Romantik war einer der ersten Stammgäste des Hauses, bevor der Palazzo 1822 in ein Hotel umgewandelt wurde. Hier logierte er, während seiner skandalös zusammengedichteten Jahre in Venedig, schwamm und hinkte, schrieb seine berühmten Verse über die Seufzerbrücke, fassungslos darüber, dass es mit den Frauen immer das gleiche ist. Wenn man jung ist, glaubt man, man müsse, um die Frauen zu kennen, mit möglichst vielen schlafen. Wenn man älter wird, schläft man mit einigen, um sich zu vergewissern, dass es immer die gleiche ist. Byron wurde nie älter. Er starb mit 36 während des griechischen Unabhängigkeitskampfes […]

ÜBERN SOMMER II

ÜBERN SOMMER II

Es war auch der Sommer, in dem ich mit dem Schreiben aufhörte und alles noch beschissener fand und kein Geld hatte, wie immer, vielleicht sogar noch weniger als immer und nur Absagen bekam und falsche Freundlichkeit, dass sie mich in die Datenbank aufnehmen und ggf. auf mich zurückkommen. Es hatte nichts mit mir zu tun, sondern damit, was Zweig 1916 schrieb, dass die ganze Welt krank ist und nur Mist verlegt, den in fünf Jahren kein Schwein liest. Natürlich fühlt man sich Schuld daran, vor allem, wenn man keinen Vater hat, oder einen, der keiner ist, ohne das einem das jemand sagte, so wie ich. Man spürt die Distanz und macht sich verantwortlich. Die einfache Trauer darüber wäre besser gewesen. So sieht man, was die anderen machen, die alles besser machen, sogar was man besser kann, als die und leidet unter seinem Casanova Syndrom. Wenn ich etwas tat, stellte ich mir vor, ich würde es nicht tun und dachte, was ich sonst tun könnte und das alles Tun sinnlos war, wenn man es nicht beschrieben hatte. Es war dann aber immer noch besser, das Sinnlose zu tun, als nichts zu tun, und sich zusammen der Illusion hinzugeben, als wäre es das nicht, weiter zu leben, gerade weil es sinnlos ist und schön aus dem gleichen Grund, aus dem sich Menschen gut anziehen, wenn sie zu einer Krebsdiagnose gehen oder den Müll aufheben, selbst wenn niemand guckt. Ich fürchtete nicht der zu sein, für den ich mich gehalten hatte und hatte Träume, mit faulen Zähnen, ohne Schmerzen, was was wohl ein neues Kapitel im Leben bedeutet, glaubt man denen, die Träumen eine Bedeutung zu messen und sagen, Träume mit Zahnschmerzen stünden dagegen für irgendwas unterdrücktes. Abends saß ich am Meer, sah mir die Boote beim Heimsegeln an und fragte mich, was wohl schöner ist, auf so einem Boot zu sein oder in Gedanken heim zu segeln und sich das zu fragen. Schreiben wollte ich nichts. Es war deshalb auch ein Sommer, der aus losen Zetteln bestand, Zerstreuungen, Geduld und Zitaten von Rilke, die ich am Spiegel kleben hatte. Ich ließ die Gedanken kommen und gehen, aber mehr gehen und erkannte, dass man sie gar nicht aufschreiben muss, damit sie das tun. Das Denken war bei der Hitze unmöglich. Ich versuchte nichts zu denken oder die, die nichts denken, zumindest nicht mit dem zu stören, was ich nicht dachte, aber ohne Denken schien alles gewöhnlich, sinnlos und flach, so wie das Meer, dass um diese Zeit still ist, warm, ohne Wind und tot. Der August stellte sich ein, wie das Urteil einer offiziell vereinbarten Hitze, die nun in Kraft getreten ist. Rollläden hingen unten, wie müde Lider, das Meer lag da, wie eine heiße, mittelmeerblaue Pfütze meiner Einzelkindheit und Rauchen schmeckte so nicht. Die Boote schliefen abgedeckt in den Buchten und warteten auf ihre Besitzer, wie in einem Freizeitpark, ohne die Gefahren eines richtigen Meeres. Dolce fucking Niente. Das Leben fühlte sich wie ein Nachmittag an, an dem zu viel geraucht wurde. Beschützt von Bergen, die nichts anderes zuließen als Südwind. Langeweile und Luftmatratzen. Ich ging zum Strand, um ihn verlassen zu können und sah nochmal zurück aufs Meer, wie in großen französischen Romanen. Jeden Tag Sonne und heiße Nächte, von denen es in Lissabon wenige gibt. Ich las Zweig, Chekov, Montaigne, las das nichts neu ist unter der Sonne und wie Zweig immer alles so schön beschreibt, aber in zwanzig Sätzen, von denen auch einer gereicht hätte und hoffte, bisher nicht das gleiche getan zu haben. Chekov schrieb klar und stark und wie immer, von einem jungen Mann, der sehr spät aufstand, einen Dreitagebart trug, abends Wein trank und nichts tat, außer sich zu beklagen. Vom Schicksal zum Müßiggang gezwungen, betrachtete er den Himmel und wanderte manchmal bis spät irgendwo umher. So wie ich. Ein guter Morgen war dann schon, nach dem Aufwachen nicht zu rauchen und jemand der anstelle Feuerholz in den Hügeln verbrennt, sodass alles im Dunst lag, vernebelt durch die Träume der Nacht, die sich langsam im Tal auflösten und dahingingen, wo sie herkamen, ins Nichts. Ich hatte die Schnauze voll vom Strandleben. Alles kam mir klein vor und eng, leer, und ausgelotet, abgesperrt und geregelt, mit Schlangen wie im Freibad, für Eiscreme und Mayonnaise. Ich hatte genug von schnorchelnden Leuten, die dabei ins Wasser pinkeln, geschwollenen Sprunggelenken, Sonnencreme und Haut, und fuhr abends nach Genua, um mich in den Gassen zu verlieren und der Vorstellung hinzugeben hier beim Schein einer Öllampe über den Dächern zu onanieren. Ich hatte ein Haus am Meer, das Meer, war verliebt in eine Frau, kurz davor verlegt zu werden und todunglücklich, weil ich die fragen musste, wie ihr Tag war. Manchmal half ich dem Salamiverkäufer oder dem Winzer, an den Hängen der Cinque Terre, wo das Meer mehr Meer ist und nach dem Mittag alles verschwimmt. Dazwischen frittierte ich Meeresfrüchte im Unterhemd, kaufte Essen, schob mir jeden Abend eine Flasche rein und holte sie von Arbeit ab, bevor die Sonne hinter die Hügel fiel. Sie hatte erst keinen Job und dann einen, vierzig Stunden die Woche, mit Anwesenheitspflicht in einer anderen Bucht, was noch viel schlimmer ist. Es war eine schöne Bucht, in die wir oft spazierten und jeder mit seinen Gefühlen ging, wenn wir gestritten hatten. Das Meer und das Land verstanden sich prächtig, prügelten nicht aufeinander ein, wie in anderen Buchten, mit bunten Häusern, die sich ganz ans Wasser wagen. Man ging nah am Wasser lang, vor den Häusern, bis zum Ende der Bucht, wo der Kiosk war und ein Gefühl von zukünftigen Ereignissen. Boote lagen unter Planen im Winterschlaf. Vor einem rostigen Tor war das Logo eines Sport Clubs angebracht, in Form des Erzengels Michael, der den Teufel erlegt und vom Himmel zurück auf die Erde schickt. Ihm sind zahlreiche Wallfahrtsorte geweiht, die oft dramatisch auf Felsvorsprüngen erbaut wurden, um Himmel und Erde symbolisch zu verbinden, so wie hier. Den hellblauen Himmel, das dunkelblaue Meer, die gelbe Kirche, die oben auf dem Hügel der Landzunge unter den Pinien stand. Man kann diese Bucht nicht einfach so schreiben, man musste wohl hier leben, einen Sommer lang, um sie beschreiben zu können, so wie Cézanne sie gemalt hätte, mit dem Turm und den Felsen, die auf der Seite der Bucht ins Wasser fielen, wo die toten Soldaten unter Zypressen liegen und den Häusern auf der anderen, die fast so schön waren wie die Zypressen und die Fischer, die in ihnen Boote reparierten und alt wurden und den Villen weiter oben am Hang und den Zug, der hier nicht hielt. Es war ein Ort zwischen den Orten, wie man ihn sich vorstellt, wenn man den Anfang der Bibel liest, hinter den beiden Tunneln mit der Pizzeria in der Kurve, die weiter nach Portofino geht. Das Wasser schimmerte durch die Pinien, blau und klar, von Grund auf hell, und eine Treppe führte von der Kirche unter Bäumen, die sich so sanft im Wind bewegen zum Meer. Ich kannte keinen Ort auf der Welt, wo man sich nach dem Schwimmen sonst noch einen van Dyck in der Kirche ansehen kann. Der wurde von Federico di Pagana in Auftrag gegeben, der der ganzen Bucht seinen Namen gab und eine Zeit Duke von Genua war und den Palast bauen ließ, mit den Parkanlagen, in dem heute der Souveräne Malteserorden sitzt, der meiner Meinung nach Caravaggio umgebracht hat und dann selber umgebracht wurde, vom Papst. Salvatore Arbocò, ein Journalist, der in den 1910er Jahren Ars et Labor schrieb, war überzeugt, dass San Michele di Pagana das stille Ziel der empfindsamsten Seelen ist, die die Religion der Schönheit am meisten spürt. Er glaubte, es sei die schönste Bucht der Welt und vielleicht ist sie es, mit den Berge und Buchten in der Ferne bis Sestri, Zoagli und das was man für Zoagli hielt, Sam Benellis Haus […]

ÜBERN SOMMER I

ÜBERN SOMMER I

Es war der Sommer, in dem wir das gleiche Acqua di Parma trugen und ein Dorf gefunden hatten, mit Bar und Post, in dem wir einen Winter verbrachten und einen Sommer und dann vielleicht den Rest unseres Lebens. Mein Traum, morgens mit dem Rad, über den Markt einer kleinen, italienischen Stadt zu fahren, ohne doll treten zu müssen und zu grüßen, war wahr geworden und ich suchte nach neuen Träumen in der wirklichen Welt, wo die Ereignisse sind und Konsequenzen haben und eine frühe Morgendämmerung die der Nacht verdrängt. Ich grüßte die Pfirsichverkäuferin, den Caffébesitzer und Literaturprofessor, den Salamiverkäufer, der das Puffbohnenfestival macht und den Priester, wobei der nie grüßt, der nickt immer nur. Den Vater des Salamiverkäufers grüßte ich auch, der war 92 und rief mich ran und manchmal hielt ich und saß mit ihm und hörte mir einen Morgen lang seine Geschichten an, mit denen die Zeit dann dahinging. Er war fast taub und blind und man konnte ihm gut zuhören, ohne reagieren zu müssen, und sich aufs Zuhören konzentrieren und das, was man nicht verstand mit Phantasie ausfüllen. Er sagte, ich bräuchte mir noch keine Gedanken machen, über Pensionen und Prostata und sollte mich auf den Sommer meines Lebens konzentrieren, in dem ich eben viel über den Sommer nachdachte und das Leben und dass das wirklich eines Tages endet und die Tage, an denen man sorglos Rauchen konnte, langsam gezählt sind. Kurz vor dem Haus sprach ich auf dem Rückweg noch mit dem Mechaniker, der aussah wie Rino Gaetano und auch so rauchte, langsam, bummelig, mit Locken, die Termine nicht einhaltend, aber am Leben. Er hatte einen Kalender mit Nacktbildern hinter sich, so wie ein Anwalt zwei Staatsexamen hinter sich hat und eine Brille mit Schlüssellochsteg trägt. Es kamen ständig Leute vorbei, die ihm ihre Autos brachten und in Gespräche verwickelten, so wie ich. Ciao, Buongiorno, Come va? So gings bis zum Lunch, dann Siesta, und dann nur noch ein bisschen tun, als würde man etwas tun, Pronto, Basta, Buona Serata und der Tag war auch rum. Ligurer sind verschlossene Leute, mit einer Art am Meer, die sonst den Bergmenschen eigen ist, das Gegenteil von Rom. Sie sprechen eine sorglose Sprache, die sich gut für den Sommer eignet, wenn die Welt einfach organisiert werden kann und in klare Kategorien passt, von bello bis bruto, caldo und multo caldo, pranzo und cena. Meiner Meinung nach hatten sie die einfachste, beste Form des Zusammenlebens gefunden, so wie sie ins Gespräch kamen und wieder raus und sich die Dinge hin und her spielten. Dass sie dabei so offen mit ihren Komplimenten umgehen, ist gut für Menschen mit Minderwertigkeitskomplexe, so wie mich. Das schreibt sich natürlich alles so einfach, aber man fing eben auch an, dieselben Leute zu grüßen und musste nett sein und konnte nicht einfach in eine neue Stadt ziehen und so sein, wie ich bin. Ich bin ein Reisender, der nicht gern nett ist und nervös wird, wenn er keine Bahnstation hat, von der er heute noch nach Zürich fahren könnte. Vor allem dieses Acqua di Parma erinnerte mich daran. Es roch nach Amalfi, Sorte schöne Hotellobby, Good Morning Mr. Arnold und Liebe, die schon am frühen Morgen gemacht wird, Frühstück, Schwimmen und im Sportwagen irgendwohin, den Tag davor und das Land und immer eine andere Stadt. Ich dachte, wir wären auf Grand Tour und leben nicht wirklich hier. Wie damals, als Maler in heiterer Gemeinsamkeit Raum und Zeit durchstreiften, einer den anderen fördernd, in enger Freundschaft, die ein Vaterland nie zugelassen hätte. In den Tagen bis hier her und manchen Nächten konnte ich bleiben, weil ich die Möglichkeit des Gehens hatte und die meiste Zeit in einem Zustand verbringe, den man vielleicht kennt, wenn man Ferien in Italien macht, ein bisschen zu viel getrunken hat und das Urlaub nennt. Wir machten sogar eine Einkaufskarte, mit der man Discount im Supermarkt bekommt. Wir hätten die auch gleich am Anfang machen können, das dauert zwei Minuten, ohne Ausweis, aber manche Dinge brauchen eben acht Monate. Wir pflanzten Zitronen, schlugen Wurzeln, bekamen Freunde mit Booten, die uns zum Lunch einluden und versuchten uns im Alltag trotzdem vor Caffés zu setzen, um unsere besten Anzüge und Kleider nicht für die Ferien aufzuheben und die dann Urlaub zu nennen. Eigentlich muss man hier im Sommer nirgendwohin, weil die Stadt im Sommer eine andere ist. Terrassen, von denen man nichts weiß, öffnen, mit Hotels und Caffés, und die Strände schließen. Der Winter hier ist wie der Sommer, nur ohne all die Leute, die dann auch Sommer haben. Amerikaner kommen mit Turnschuhen von ihren Kreuzern auf Beibooten wie Piraten, die nicht mehr selber reisen, sondern gereist werden müssen und immer sagen, woher sie sind, Stadt und dann Bundesstaat. Das Wo ersetzt Wie. Die Reichen kamen aus Miami zurück, Mailand, Marbella, und wir bekamen trotzdem überall unseren Tisch. Ich hatte nicht gewusst, dass das hier ein Ort für die Leute wäre. Für mich war es einfach der Ort, an dem mein Kumpel Pippo ein Haus hatte. Häuser, die den ganzen Winter über verschlossen blieben, machten nun auf. Häuser, von denen man nur Meer und Himmel sehen konnte, kaum Welt. Segelboote kamen, weils schön ist und machten das Schöne noch Schöner […]

CASANOVAS HEIMKEHR II

CASANOVAS HEIMKEHR II

Heut war wieder so ein Tag zum Steine schnippen. Ich komme mittlerweile jeden Tag, mein Rekord liegt bei zwölf, wenn ich die letzten Sprünge weglasse, die vielleicht trotzdem zählen. Es kommt aber nicht nur auf die Sprünge an, sondern die Weite und den Winkel und wie das Meer so drauf ist. Wichtig ist, dass man den Zeigefinger straff hält, um dem Stein den nötigen Spin zu geben und tief aus der Hocke kommt, so dass der Stein im ersten Kontakt nah an der Oberfläche bleibt und auf seiner eigenen Bugwelle gleitet. So werden die Sprünge nach hinten weiter. Ich weiß mittlerweile welcher Stein an welchen Tagen für welche Wellenbedingungen der beste ist. Man denkt, es sind die ganz flachen, perfekten, runden, aber wenn es Wind aus Nordwest hat, der die Wellen leicht aufbauscht, so wie heute, braucht man einen mit Gewicht, ellipsenförmig, von denen es am Strand nicht mehr viele gibt. Wird Zeit, dass ein letzter Wintersturm vorm Sommer noch ein paar neue bringt. Passiert ja sonst nichts, wenn man sich um die Zeit nicht schon betrinkt. Außer mir ist immer noch ein Typ da, der aber nicht Schnippt. Der sitzt nur auf den Felsen und liest die Zeitung in der Sonne, im roten Pullunder. Wir grüßen uns, ohne zu sprechen, so als hätten wir Zeit und müssten nichts überstürzen. Hätten wir andere Schwänze, sie würden wedeln, wenn wir uns sehen. Es war sonst nichts los, oder ich dachte, dass nichts los war, was das gleiche ist. Sie hatte immer noch keinen Job und ich arbeitete mich an meinen vatermörderischen Neurosen ab. Die Beweisphase begann, die kurz vor der Phase ist, in der ich morgens heimlich im Bad onaniere und Hunden auf den Arsch gucken muss. Ich versuche die Behauptungen meiner Ängste zu widerlegen, die sich einstellen, sobald mir etwas etwas zu wichtig ist. Ich versuche dann ihre Vergangenheit besiegen und meine und dann unsere und an der scheitere ich, wie in tausend und einer Nacht. Ich verliere die Lust und erleide Erschöpfungserscheinungen. Deshalb versuche ich schon seit einer Weile kein guter Mensch mehr zu sein und finde das schwieriger, als sonst irgendetwas; außer vielleicht zu verstehen, wo die eigene Interpretation der Dinge endet und sehr wohl der Vorwurf des anderen beginnt; oder zu wissen wie etwas ist, bevor es sich ändert, oder selber zu entscheiden, was richtig und falsch ist, zu denken und zu fühlen, was man fühlt und denkt und nicht, was man denken und fühlen sollte, weil man noch nicht schlecht genug ist. Anstand wäre doch zu sagen, ich habe geweint, weil ich dich liebe, aber das ist meine Sache. Es geht dich nichts an. Du sollst kommen und gehen, wenn du willst. Wenn du kommst, will ich mich freuen und wenn du gehst, nicht traurig sein, selbst wenn ich lüge. Seit vorgestern hat sie nun einen Job, Vollzeit, mit Anwesenheit, was noch viel schlimmer ist. Ich freue mich für sie, trotz diverser Ressentiments, über die man mit niemandem reden kann. Die Leute würden sagen, dass das Leben nun mal so ist und kein Ponyhof. Gestern hatte ich deshalb einen Traum, in dem wir gekidnappt, wurden. Ich wusste nicht warum und fragte die Entführer. Einer meinte, dass könne er mir nicht sagen, aber wir hätten da Ideen, die die Leute nicht wissen dürfen und wären zu lange damit durchgekommen. Ich kann seitdem kaum mehr essen und sitze auf der Terrasse und rauche im Laternenlicht. Killing me Slowly. Die Spritpreise präsentieren die Nachrichten. Manchmal fliegt ein Flugzeug vorbei, dem ich weinerisch nachsehe. Ich bin ein Reisender. Seit ihrer Arbeit, lässt sich mein Leben vordenken. Den Winter über konnte ich hier sein, weil ich auch nicht hier sein konnte. Ich bin ein Reisender, der bleiben kann, solange er die Möglichkeit des Gehens hat. Etwas Geld, oder zumindest eine Kreditkarte. Im Gehen ist alles besser, auch das Bleiben, ohne Geld. Im Nachtzug nach Neapel, Paris, Zürich, obwohl ich in Lissabon und doch nirgendwo zu Hause war. Rastlos unterwegs ins Nirgendwohin. Über Brücken, die Hier und Dort verbinden und erlauben, zwischen Handlungen und Entschlüssen keine Entscheidungen treffen zu müssen. Durch die Städte und Dörfer, durch die ich gekommen war, bin ich gekommen, um anzukommen und sie verlassen zu können, ich weiß nicht, wie Bleiben geht, gut geht es mir in der Fremde, an spanischen Bahnstationen. Ich bin bescheiden aus Hochmut, erbittert gegen die Reichen, ohne Solidarität den Armen gegenüber, nur einmal glücklich als ich in Kunderas Leichtigkeit eine autoritative Bestätigung meiner Instinkte fand. Ich hatte haarige Türkinnen, schöngemachte Italienerinnen, die obligatorischen, französischen Intellektuellen, ein paar  schwer zu kriegende Portugiesinnen und ein paar leichte, Brasilianerinnen, zu wenig Spanierinnen, bei denen werde ich immer noch schwach, dafür Südamerikanerinnen, obwohl die nicht das gleiche sind, nicht in Peru, Kuba oder Chile. Amerikanerinnen hatte ich auch, aber nicht viele, dafür dreckige Tschechinnen, strenge Russinen, gläubige Israeliten, Griechinnen, brünette Schwedinnen, dicke Däninnen, Frau Holländerinnen und natürlich Deutsche, Österreicherinnen, Ukrainerinnen, aber vor dem Krieg, die ein oder andere Afrikanerin und eine Thailänderin, obwohl ich nicht genau weiß, ob die nicht vielleicht auch mal ein Mann war. Dazu der  gesamte Common Wealth, der überall gleich ist und Frauen, von denen ich nicht wusste, woher die waren […]

CASANOVAS HEIMKEHR I

CASANOVAS HEIMKEHR I

Eigentlich muss man in Palermo morgens mit dem Boot ankommen, so wie Goethe, nicht abends, am Flughafen, vierzig Minuten zu spät. Dann sieht man die Reinheit der Kontur, die Weichheit des Ganzen, das Auseinanderweichen der Töne im Licht, aber so reist ja heut keiner. In alten Büchern kommen sie einem immer pünktlich mit ihren Gerüchen und den vielen verschiedenen Farben ihrer Eindrücke, der Aufregung des Ankommens im Wind. Ich glaube Palermo ist altgriechisch und bedeute Zuflucht. Ein Blick aufs Meer, Hügel im Rücken wie ein Amphitheaters, vor denen sich das Leben ohne Drehbuch abspielt. Kaum ein Ort auf der Welt scheint so von der Natur gesegnet. Vielleicht nur Algier oder Rio. Ein Morgen hier heilt wie ein Abend am Golf von Neapel oder Trinken in Triest. Seit ich das letzte Mal in Palermo war, ist das alles nur noch schöner und schlimmer geworden. Dank den Bildern von Catel, die so kitschig sind, wie sie eben sind, wenn man die Dinge liebt, die man malt und schreibt. Dank Lampedusas Il Gattopardo und dem von Visconti, den ich seit einer Zeit lang versuche fertig zu gucken und schon fünf mal eingeschlafen bin, noch mehr als bei La Notte von Antonioni. Sizilien kommt einem immer erst mal spanisch vor, obwohl die Insel griechisch, ägyptisch, römisch, byzantinisch, normannisch, arabisch, französisch und dann erst spanisch war. Stützpunkt der Seefahrt, der Mafia, Wissenschaft und des Handels. Immer neue Eroberer haben sich im Laufe der Zeit ihrer Schönheit bemächtigt. Immer brachten sie fast alle um. Die restliche Bevölkerung vermischte sich mit den Eroberern und zeugte schwarzgelockte Frauen, denen der Blick aufs Meere die Augen blau gefärbt hat. Heute ist die Welt hier in Ordnung, weil die Sizilianer sind, wie sie eben sind und nicht auch auf glückliche Menschen machen, die sich über einen Kamm scheren lassen. Sie reden viel und ihre Freundlichkeit ist manchmal falsch und äußerst leidenschaftlich, aber ernstgemeint. 1860 landet Garibaldi mit seinen Tausend, darunter eine Frau und ein elfjähriger, auf Sizilien und befreit die Insel, im Zuge des Risorgimento, von sich selbst. Seitdem gehört Sizilien Italien, auch wenn sich das nicht so anfühlt, sobald man den Flughafen verlässt. Mir kommt es immer erst spanisch vor und dann afrikanisch, vor allem die Art wie die Taxifahrer überholen. Man ist näher an Tripolis als an Rom und vor der Schranke des Hotels ist es wie im mittleren Osten, mit Unterbodenspiegeln und Hunden, die kurz nach Sprengstoff suchen. Es gibt in Palermo zwei Hotels und ein noch paar andere, die es aber auch nicht geben muss. In einem wohne ich, im anderen ist Raymond Roussel gestorben. Autor, Dandy, Schwuler, Schachspieler, Weltreisender und Erfinder des Wohnmobils. Im Juli 1933 reist er von Paris nach Palermo. Es wird seine letzte Reise sein. In Palermo wird gerade das ausschweifende Fest der Heiligen Rosalia gefeiert, der Schutzheiligen der Stadt. Die italienische Luftwaffe überquert den Atlantik, die Faschisten feuern ihre Munition in den Nachthimmel, Stunden, in denen jeder Mann zu einer Frau geht, der eigenen oder der eines anderen. Große sizilianische Nacht. Während seines Aufenthalts ist Roussel stark drogenabhängig und physisch labil. Er versucht sich einmal die Pulsadern aufzuschneiden und Hotelangestellte zu bestechen, ihm beim Sterben zu helfen. Am 14. Juli ist das dann soweit. Durch eine Überdosis Schlafmittel, Zimmer 224. Irgendwie hat mich das immer abgehalten. Die Villa Igea hat eine nettere Geschichte, liegt aber außerhalb, neben einer Schiffswerft, vom Vorstadtmüll umgeben. Nicht weit vom Gerichtsgebäude, in dem am 10. Februar 1986 344 Mafiosi zu 2.665 Jahren Haft verurteilt wurden. Im Norden ist ein kleiner Strand, wo man morgens vorm Pellegrino Schwimmen kann. Kurz nach der Rechtskurve, die ich für ganz Palermo gehalten habe. Delon, Cardinale und Lancaster residierten hier während der Dreharbeiten zu Viscontis Il Gattopardo. Giovanni, der Restaurant-Chef erzählte einem gerne davon und davon, wie sich Delon an die Cardinale ranmachte und mit Visconti wettete, die Cardinale, aber nichts von eingebildeten Franzosen mit Babygesichtern wissen wollte. Giovanni ist ein richtiger Sizilianer, aber einer, der gerne reist und in den Vereinigten Staaten von Sizilien Willkommen heißt. Er ist verschwitzt, rund, schadenfroh, bewegt von der Geschichte, mit einer sehr entspannten Haltung zur Zeit. Ich hatte gute Zeiten hier und schlechte und Zeiten, an die ich mich nur erinnere, wenn ich hier her zurückkehre. Der Ort ist dann immer noch da, nur eben das Leben nicht, das ihn umgab. Ich erinnere mich an den Streit in Lissabon und den Flug hier her und wie ich versuchte, die Einsamkeit zu töten, aber man kann die Einsamkeit nicht töten, man macht sie mit Sizilianerinnen nur schlimmer. Ich erinnerte mich, dass dann Sonntag war und Regen und ich ihr, der allerersten einen Brief schrieb, schrieb, dass es mir einfach nicht gelingt, die Einsamkeit zu töten und man den Brief in der Brusttasche tagelang die Promenade lang trug und heute einer Frau gefolgt ist, die die gleiche Jacke trug wie sie, voll Angst zu erkennen, dass nicht es nicht sie ist und man das Gefühl verliert, das man gerade empfand. Wie jede, die man für sie hielt, einem nur klarmachte, wie sehr sie einem fehlt und dass das, was sie getan hat, überhaupt keine Rolle spielt, weil man sich nicht davon heilen könnte, zu lieben. Ich schrieb diesen Brief nüchtern in der Lobby dieses Hotels und sendete ihn an einem Freitag, per Einschreiben, beim Concierge, weil man sowas nicht sonntags ohne Sendungsverfolgung machen darf. Dann saß ich eine Weile in der Capella Pallatina und betrank ich mich danach in Straßen, in denen man Frauen mit einem Glas rumkriegt. Ich traf ein Mädchen mit und ging mit ihr Essen. Hinterher gingen wir tanzen, aber sie tanzte schlecht, wie alle Italiener und ich tauschte sie gegen eine Albanerin, die aussah wie Rosalia und ihren Arsch so an mir rieb. Die nahm ich einem Engländer ab, der sich schlagen wollte. Er forderte mich auf, mit ihm nach draußen zu gehen, aber ich fragte, warum. Er fing dann ein schreckliches Spektakel an und bevor die Polizei kam, rannten wir raus und trieben es vor einer byzantinischen Kirche im Stehen, mit Eisengeschmack im Mund […]

ALFA & OMEGA

ALFA & OMEGA

Jenen Winter verbrachten wir in Rapallo. Einer alten, italienischen Stadt, mit kleinen Gassen und Geschäften und einer Promenade, auf der man gut gehen kann. Ligurien, sehr 19. Jh. Der ausgeschlafene Mann, der seiner fellbedeckten Frau am Morgen die Pasta Fresca heimträgt und eine Corriere della Sera unter dem Arm hält, beherrscht das Bild, was die Küste zur Riviera Italiens macht. Früher hatte ich diesen Teil der Riviera nicht sehr ernst genommen und den Eindruck gehabt, die Welt nehme ihn nicht so ernst, wie die Französische, was daher rührt, dass man immer glaubt, die Welt interessiere sich nur für das, was einen interessiert. Frankreich nutzt das 19. Jahrhundert als Hintergrund seiner Gegenwart, während es hier an der Riviera di Levante nur noch Erinnerung ist, Napoleons Fenstersteuer, ein bunt bemaltes Herrenhaus unter Pinien, und Hotels, wie das Excelsior, das Miramare oder das Imperiale, wo 1922 der Vertrag von Rapallo unterzeichnet wurde. Früher kamen die Leute im Winter, jetzt kam keiner mehr, obwohl die Leute im Winter netter sind, die Wege leerer, die Parkplätze freier. Der Büffelmozzarella schmeckt besser, die Puntarelle wächst, Artischocken blühen und Farinata ist und bleibt ein traditionelles, ligurisches Wintergericht. Die Ladenverkäufer freuten sich, dass wir im Winter kamen und blieben, so wie früher. Früher wären die Leute immer im Winter gekommen und geblieben, sagten die dann mit einem Glas in der Hand und nur die, die nicht im Winter kamen und nicht tranken und dauernd gingen, fragten, warum wir nach Rapallo kamen im Winter und für wie lang. Ich konnte das nicht sagen. Zu sagen, dass es für immer wäre oder ein bisschen, ist beides falsch. Einen Winter in Italien leben, ist das schönste, was man mit sich und seiner Liebe überhaupt machen kann. Man kann hier gut leben und gut arbeiten, was das gleiche ist und darauf kommt es wohl an. Ansonsten muss man nichts, nicht mal krank werden oder dolce far niente und kann arbeiten, was eigentlich auch das schönste ist, was man hier machen kann. Künstler suchen, ungleich ihrer Passion, eine Atmosphäre von Trägheit und Leuten, die in der Sonne vor den Caffés sitzen und Mittagspause mit Wein machen, so als ob es gar keine Geschichte gäbe, die man noch fertig schreiben muss, so wie die hier. Man arbeitet bis zum Lunch und versucht dann noch mal bis zum Aperitif zu arbeiten, wenn einen die Liebe lässt. Manchmal geht der Tag so dahin. Die eigentliche Arbeit ist dann zum Arbeiten zu kommen, der Rest nur Schreiben. Man zieht sich was schickes an und geht eingehakt unter den Arkaden, um in die Auslagen der Geschäfte zu sehen. Begrenzt wird das Glück ja nur von Leuten, die fragen und wir trafen kaum Leute in diesem Winter und die, die wir trafen, fragten nur, obs sonst noch was sein kann und waren so gut wie die Wintertage selbst. An den guten Wintertagen machten wir lange Spaziergänge zu den Gasthäusern in den Bergen und kürzere nach San Michele di Pagana und Santa Margherita oder in die andere Richtung, an der Burg vorbei bis zu den Schienen, die weiter nach Zoagli, Chiavari, Sestri und La Spezia führen. Nach Portofino gingen wir nie. Es gab viele Wege, die man gehen konnte, nachdem man sich geliebt hatte und von der Via Paraggi a mare sagt man, es wäre der schönste Weg und vielleicht ist er es. Der geht ganz nah am Wasser lang und hinter den Gärten von Villen. Man kommt an all diesen Eingängen und Toren vorbei, durch die man über die Terrassen der Villen bis zum Meer gucken kann und das Meer liegt da hinter den Pinien bis zu den Bergen, die sich in der Ferne an ihren Rändern abzeichnen. Fischerboote kamen vom Meer und wir gingen oft, um am Ende des Tages in die Gesichter der Fischer zu sehen. Ihre Gesichter waren immer gleich, egal wie der Fang war und sie schienen unbeeindruckt von der Zeit und darüber, dass sie vergeht. Sie schnitten ihre Anchovis und legten sie in Salz und kümmerten sich um die Riviera, wie sie sich seit Generationen um die Riviera gekümmert hatten, indem sie Anchovis schnitten, sie in Salz einlegten und Geschichten erzählten, die sie so alt sind, wie die Geschichte selbst. Folgt man den Flüssen gelangt man ins Hinterland und fühlt siczh ganz anders als in Rapallo, Chiavari oder Genua und der Bucht der Märchen und der, der Stille, die Sestri Levante teilt. Dahinter kommt La Spezia und die der Poeten, die Byron angeblich durchgeschwommen ist und Botticelli als Hintergrund seiner Venus wählte. Die Venus selbst stammt aus Florenz, aber nur weil der hier nie eine Portugiesin aus dem Meer kommen gesehen hat. Dieses Hinterland hat Reize, hinter die man erst kommt, wenn man länger hier lebt. Es gibt keine Kolossen und Eifeltürme, die sich einem auf die Nase binden und niemandem, der einem sagt, dass man da unbedingt hin muss (wie ins U Giancu oder La Brinca). Das macht es sehr schön, weil man das selber für sich entscheiden muss und hier im Winter nur Leute findet, die das selber für sich entschieden haben. Nobelpreisträger wie Yeats und Hemingway hatten das selbst für sich entschieden, und Gerhard Hauptmann, von dem ich zwar nie was las, aber vor dem Haus schwimmen ging, in dem der wohl wohnte. Es bietet jedem, was er sucht, wenn er es selbst finden kann, ohne dass er es gezeigt bekommt, und zwingt dem Menschen keinen Lebensstil auf, wie die Nordsee, das Engadin oder Ägypten […]

ODYSSEE

ODYSSEE

Wo ich bin, geh ich gern baden und liege danach immer in der Sonne, wenn welche ist. Ich mag Liegen, Sonne, Pilze, Schaumwein, Blocksatz, die Beschreibung der Dämmerung in Homers Odyssee und den Moment bevor man sich küsst. Ich mag Hotels am Meer, vor allem auf Klippen, wie das auf denen Sorrents, in das ich schon immer wollte und am Ende vieler Sommer immer auf den Klippen stehen sah, wenn wir aus Positano kamen, Paestum, Ravello und uns frei fühlten, nach den engen lebensbedrohlichen Straßen Amalfis. Das Hotel liegt am Meer, ohne richtig am Meer zu sein. Unten ist ein Stück Strand auf den aber nie Sonne fällt. Es gibt einen kleinen Hafen mit Pier, von dem man ins offene Meer springen kann. Hier lagen wir an den Nachmittagen auf den Steinen und sahen den Kindern beim Fischen zu, die uns beim Schwimmen zusahen. Wenn keine Kinder da waren, badeten wir nackt, mit Turnschuhen, wie Amerikaner, die über Steine klettern, auf denen handballgroße Seeigel kleben. Morgens frühstückten wir spät und lang. Mit uns war nur ein schwules Pärchen im Hotel, das auch lange frühstückte. Nach dem Frühstück spielte einer von denen Klavier in der Lobby. Die Lobby war weiß und hell und schön. Manchmal setzten wir uns dazu und hörten uns die hohen jammernden Töne an, die nach einem tragischen Familienleben und bezahlten Klavierstunden klangen. Das Klavier ist ein Seeleninstrument durch dessen Tasten sich Gefühle besser ausdrücken lassen, als mit Worten. Manches lässt sich nicht sagen, denn wenn man es sagt, sagt man das eine, aber das andere nicht. Im besten Fall, weiß man nicht, wie man es sagen soll und im schlimmsten Fall sagt man etwas, das man nicht für das Eigentliche hält. Man spürt dann geradezu die Sehnsucht, die den Blick und die Töne aus der Lobby in die Weite und Freiheit davonträgt. Nach dem Frühstück gingen wir ins Zimmer, liebten uns bei offenem Fenster und sahen uns danach die Gardine an, die vom Wind bewegt vor der Terrasse wehte. Diese Terrasse war ein Altar für den Blick und ihren Anblick vor diesem Ausblick. Man sah Ischia und Pompei, sah das was Kaiser Augustus sah und den kleinen Pier, vor dem wir schwammen. Capri sah man nicht, auch keine Jacht von Jeff Bezos oder das Haus von Wilhelm von Gloeden, der dort sein Arkadien hatte. Weiß und grün und blau. Manchmal sahen wir auch einfach nur fern, wenn Springreiten kam oder wir schliefen nochmal ein und wachten dann auf und wussten nicht wo wir sind, wer, warum und wie oft wirs am Nachmittag getan hatten. Dann kam die Abenddämmerung über den Golf und die letzten Boote fuhren rein, wie weiße Pinselstriche. Ich hielt mich an meinen Drink, anders war das kaum auszuhalten, genau wie sie kaum auszuhalten war, mit ihren nackten verschränkten Beinen und den Wasserfarben, die sie sich mitgebracht hatte, um das einzufangen. Sie hatte die Sonnenbrille dann nur auf der Nasenspitze, sodass ihre Augen über die Brille, bis auf Grund deiner Eier gucken konnten. Was soll man bloß mit dieser großen Schönheit machen? Man kann sie ficken, tausendmal, anschreien, zerdrücken, sie geht doch nicht Tod. Man kann sie aushalten, daliegen und genießen und sich eines Tages daran erinnern, wenn man mal daliegt und träumt von Sonne, Salzwasser und Sex. Man erinnert sich an all das zurück, ohne Erwartungen und Angst, dass man die nicht erreicht. Man hat erkannt, das man nie zufrieden ist, nur manchmal, wenn man schon Liebe hat und nicht auch noch glücklich sein muss. Liebe ist so viel mehr nur als Glück. Sie ist Leiden in Briefen, auch wenn meine Freunde meinen, ich hätte sonst wieder nichts getan. Es stimmt doch nicht, man hat doch gelebt und gelitten und Tage unter der Sonne verbracht und Liebe am Nachmittag gemacht, ohne Schuld. Man wacht aus einem Traum auf und lebt den nächsten. Zu lieben und man selbst zu sein, ist ein Full Time Job, schreibt sogar Sloterdijk, den sollten sie mal lesen, nicht nur mich. Abgesehen von dem und ein paar anderen Büchern (Homers Odyssee, Irmgard Keun) waren wir allein und genoss die Gesellschaft der Kellner und Kaiser, die als Büste den ganzen Tag vor dem Blau des Meeres standen. Abends roch es nach Salbei, Rosmarin, Minze und Zitronen, die langsam kalt wurden. Nach Rauch und Abendhimmel, aber man musste nicht rauchen, um den Blick zu sehen, man ging einfach und sagte, dass man mal raus geht uns sieht, ohne zu rauchen und ohne, dass jemand das ohne das Rauchen nicht versteht. Das war sehr schön. Künstler machen es möglich, indem sie es sichtbar machen, so dass wir das Schöne sehen in jedem Tag, solang keiner stirbt. Es gibt Orte auf der Welt, die das Versprechen am Morgen länger über den Tag halten und erst spät am Abend brechen. Wenn Streichhölzer brennen, ohne Wind. Man hörte das Wasser schwappen, unten gegen den Pier. Kurz vor Weihnachten wird es dunkel bevor die Tage zu ende sind. Dann geht die Weihnachtsbeleuchtung an und es ist angenehm, eingehakt durch die Gassen Sorrentos zu gehen und in die Auslagen der Geschäfte zu sehen. Sie kaufte mir einen grünen Mantel, der gut zu der Tasche passte, die sie mir auch gekauft hat und schenkte mir zu Weihnachten die Erkenntnis, dass mich das nicht schöner macht. Einmal hielt sie an einem Schießstand und ballerte einfach los, traf nichts. Ich ballerte dann auch, traf alles und fragte ein junges Mädchen, das zufällig neben mir stand, ob sie sich nicht eins von den Plüschdingern aussuchen will. Ich fühlte mich wie ein real life Garry Grant, der das auch ohne Drehbuch schafft. Nachts schrieb ich das ins Gästebuch und sie malte was dazu und der Direktor dankte ihr dafür. Er erzählte uns, wie er die Seuchenjahre hier verbrachte und mit seiner Familie den Weinkeller leer trank. Er fragte, was uns nach Sorrento geführt hatte und ich sagte, dass ich schon Jahr her wollte, das nach all den Jahren aber nicht mehr weiß. Et in Arcadia ego, vielleicht weil das gut klingt, Sorrento vor Weihnachten. Er sagte, Weihnachten mache ihn immer fertig. Sein Immunsystem erinnere sich dann immer an ein paar Erkrankungen, die er das ganz Jahr lang erfolgreich verdrängt […]

GENOVA

GENOVA

Die Geschichte beginnt mit einem Drink im Mangini, so wie die meisten guten Geschichten, die ich dann schlecht geschrieben hab. Ich habe auch ein paar andere Geschichten geschrieben, die nicht so schlecht sind und nicht im Mangini beginnen und ein paar die ganz gut sind, aber mit schlechten Drinks, und die, die mit einem Drink im Mangini beginnen, waren immer gut und gehören zu meinen besten. Es war kurz vor Weihnachten und sie kam zu spät. Ich hätte ihr das verziehen, aber drei Mal gesagt, dass wir den Zug um viertel vor schaffen müssen, wenn wir im Mangini nicht nur einen trinken wollen, sondern zwei, drei oder vier. Wir hatten Tickets von Genua nach Neapel für den Nachtzug halb elf und für sowas ist man pünktlich. Das ist keine Hochzeit von irgendwem, wo man sich immer noch in die letzte Reihe stellen kann und dann sagt, man war dabei. Außerdem hatte ich die ganze Hütte aufgeräumt und winterfest gemacht und gepackt und sie musste nur packen und schön sein, ohne sich zu beschweren. Dadurch entstand ein Gefühl, dass sie die Dinge nicht respektiert und ich sie schon lange nicht mehr in Unterwäsche gesehen habe, weil sie ständig nur nackt rumläuft, wenn wir zuhause sind und das Leben genießen, über das ich schrieb. Das war erst mal nur eine Gefühl, was aber nicht so schön ist, wie mit dem Gefühl morgen früh in Neapel zu sein, im Mangini an der Bar zu stehen und Maurizio bei der Arbeit zu sehen, mit all diesen Leuten, die das auch sehen wollen und einen Drink von ihm wollen oder zumindest ein kurzes Gespräch. Maurizio ist der beste Barmann, den ich kenne und der einzige, den man nicht romantisieren braucht und einfach schreiben kann, so wie er ist: mittelgroß, kurze Frisur, liebes Gesicht, Brille, immer Krawatte, immer Gillet. Er steht da hinter der Bar vor den Flaschen wie vor einem Gemälde aus Campari, Select, Camatti und Maria al Monte. Durch die Spiegel hinter den Flaschen kann man sich zwischen den Flaschen und Leuten sehen, die einen auch sehen können und sich genauso dazwischen fühlen, wie ich. Junge Frauen in schwarzem Leder, alte Männer und Maler, die erst einmal Mann und dann Maler und dann alt sind. Da waren Opernsänger, Schaumschläger, Söhne und Künstler und Söhne, die Künstler werden wollten. Sie standen an der Bar, wie Kühe an einer Tränke. Die Bar selbst ist aus Holz, Marmor und Silber, das oben abgewetzt ist von all dem Stützen und Trinken und Reden über das Jahrhundert, zu dem man vielleicht gar nichts mehr sagen muss und einfach dasteht und stützt und durch den Spiegel zu den anderen Leuten in den Raum sieht. Wir standen immer an der Bar, weil das billiger ist und Maurizio genauso lang hinter der Bar steht, wie ich auf der Welt bin, sechs Tage die Woche, acht Stunden am Tag. Es gehörte einfach dazu seinen Sbagliato lang, da mit ihm und den anderen zu stehen. Das Mangini war ein altes Caffé mit Bäumen davor unter denen die Leute rauchten und ihre Stummel auf den Kreisverkehr warfen, auf dem heute noch eine Reiterstatue von Garibaldi steht. Das war keine schlechte Manier, sondern politisch, weil die Leute im Mangini eher Mazzini waren. Denn dieses Mangini war ein altes und ehrwürdiges Caffé mit Menschen an den Tischen, die es eigentlich nur noch in Büchern gibt, wie man sie in der Galeria kaufen kann. Da waren Familien aus Lampedusas Leoparden, die einsamen, besiegten, perversen Helden Malapartes, Italo Calvinos Dimensionen, Alighieris Eitelkeit, und ein paar Leute, die noch nie geschrieben wurden. Nur die Trockenheit Montales gab es hier nicht, schon gar nicht vor Weihnachten, wenn und es war ganz kurz vor Weihnachten. Meiner Meinung nach gibt es auf der Welt keine zehn Typen, die es dann mehrmals gibt und nur wenige gibt es wirklich nur einmal und die meisten davon gab es hier. Maurizio gab es einmal, er war das für Bars, was Rom für die Städte ist. Meine Freundin gab es einmal und selbst wenns die nochmal gebe, würde ich immer die lieben, die wieder zu spät war und wieder kein Geld dabei hat. Den einen Alten, der jeden Abend ins Mangini kommt, gibt es auch nur einmal, auch wenn es den bald nicht mehr gibt, weil es ihn schon 93 Jahre gibt. Maurizio hat ihm letztens eine große, rote Büroklammer am Hosenstall befestigt, damit er den findet und allein aufs Klo kann und wir weiter trinken. Angst vorm Tod, sagt der, hätte er nicht, nur Angst nicht mehr ins Mangini zu können, weswegen er jeden Tag kommt. Er war ein netter, alter, verrückter Kerl, der meiner Freundin Komplimente machte und sagte, dass sie ruhig auch zu ihm kommen kann, wenn ichs ihr nicht besorge. Ich hatte den vermisst und Maurizio vor allem an den grauen Wintertagen, die sich vordenken ließen und an denen man nach der Arbeit dachte, einfach in den Zug zu steigen, für so einen Drink. Ich erzählte ihm, dass wir heute noch Nachtzug fahren und morgen dann in Neapel sind und im Gambrinus Frühstücken werden und dann ein paar Tage in Sorrento sind, bevor der Weihnachtswahnsinn zu Hause losgeht. Bravo, sagte Maurizio dann, Bravo, Caffé Gambrinus, Bravo. Er sagte, das Übliche, wie immer, ohne zu fragen und ich nickte und sagte, dass wir aber nur Zeit für eine Runde hätten, wenn wir noch irgendwo essen wollten, was natürlich unmöglich ist, weil man das Abendessen nach dem ersten gegen den zweiten eintauscht und sich von Oliven und Kartoffelchips (San Carlo) ernährt. Maurizio fragte, warum wir so gestresst ankamen und ich sagte ihm, dass ich auf dem Weg hierher die ganze Zeit meine […]