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BYND

Konstantin Arnold

KONSTANTINOPEL

KONSTANTINOPEL

Diese Geschichte beginnt wie alle Geschichten auf der Rückbank eines türkischen Taxis. Im Stau. Als Fortsetzung von einer, die noch nicht geschrieben wurde, aber schon fast fertig notiert ist. Vorausgesetzt, meine Gedanken flackern weiter so über die Seiten. Angezündet von religiösen Monumenten und dem Licht vorbei rauschender Straßenlaternen, Parfümwerbung, die verschleierten Frauen Freiheit verspricht und Ampeln, am dramatischsten ist Rot. Das Rot ist nicht das Problem, nur, dass es keiner beachtet. Einen Unfall mit Gewehren gab es deswegen auch schon und einige von den weißen Häuser, von denen Hemingway spricht, als er 1922 für eine Zeitung nach Konstantinopel kommt. Und das ist nur Fahrt vom Flughafen. In alten Büchern über den Orient kommen sie einem jetzt gern mit Gerüchen und den vielen verschiedenen Farben des Lichts, aber so reist ja heut keiner. Ich versuche mich an Details festzuklammern, an der Art wie dicht mein Taxifahrer auffährt und dabei telefoniert. Er fragt, Istanbul, nice, for Business? Ich sage nein und er fragt wieso dann jetzt? Na genau jetzt deswegen. Meine Freunde verdrehen den Kopf, meine Mutter riet mir bloß wieder nicht zu fliegen, aber meine Mutter rät mir auch so nie in ein Flugzeug zu steigen. Ob meine Heimatstadt dabei näher an Kiew liegt, als Istanbul an Teheran, ist egal. Man hat eine Vorstellung von der Welt, die sich aus 61 staatlichen Konflikten im Livestream über die Welt verteilt. Ich selbst habe kein Smartphone, was ich nicht für erwähnenswert halte, leider aber etwas Erwähnenswertes geworden ist. Die Nachrichten hole ich mir aus der Zeitung und von den heimlichen Korrespondenten ihrer Länder, den Taxifahrern. Als Portugal in der Corona-Pandemie zum Seuchenstaat erklärt wurde, saß ich in einem Taxi Lissabons. Kurz vor der Russischen Invasion in St. Petersburg und kurz bevor der Mist in Nahost begann, in einem in Amman, mit dem ich am liebsten bis Kairo gefahren wäre. Was ich weiß, weiß ich von denen. Ich weiß auch ein paar andere Sachen von Daniel Gerlach, aber ich weiß sie lieber von denen, um mir die Welt, für meine Weltanschauung, selbst anzuschauen. Denn wenn sich Fronten verhärten und Menschen nicht mehr nur Meinungen haben, sondern auch noch einer Meinung sind, suche ich die Goldene Mitte. Geografisch gesehen, und auf Grundlage abendländischer (Ein)Bildung, ist diese Mitte nirgends besser zu finden als in Istanbul, das über 1600 Jahre Konstantinopel war und eine zentrale Brücke zwischen Europa und Asien darstellte. Als größte Stadt des Mittelalters war sie ein ein kulturelles, wirtschaftliches und religiöses Zentrum, das Ost und West verband, Europäisches Wissen im Mittelalter verwaltete und später mit byzantinischem Einfluss zurück nach Europa trug, um die Renaissance einzuleiten. Die Stadt fungiert als Schmelztiegel, in dem das griechisch-römische Altertum mit byzantinischer Kunst und islamische Kultur verschmolzen ist. Sie war Knotenpunkt des Handels zwischen Orient und Okzident. Ende der Antike. Metropole des Austauschs von Waren, Wissen & Ideen aus dem nahen, fernen und ferneren Osten. Auch in Zeiten von Konflikten. Bis zu den ersten Fotografien Mitte des 19. Jahrhunderts hatte man höchstens eine erhabene Vorstellungen von Konstantinopel, die sich aus Literatur, Malerei und märchenhaften Geschichten zusammensetzte, die solange durch die Welt getragen wurden, bis nur noch Märchen von ihnen übrig waren. Heute ist Istanbul eine Weltstadt der Möglichkeiten und Nebenberufen, trotz American Fashion und Billigtrikots von Zinedine Zidane. Dafür sorgen schon die Minaretten, die wie Antennen in den Himmel stechen und der Banalität jedes noch so geringen Tuns einen sakralen Hintergrund entgegen stemmen. Jeder muss in Istanbul deshalb irgendwo hin, ist fest davon überzeugt. Die Stadt wuselt, röchelt, rush houred, sieht benutzt aus, ist voller Menschen, die Schuppen, Drüsen und Geschlechtsteile und Klingeltöne haben, wie ich und der Taxifahrer. Ihm wäre das hier zu voll, aber im Taxi geht’s immer noch, solange es sich nur staut und nicht steht und einheimische Musik läuft. Die Zeit ginge so nicht verloren. In Deutschland gäbe es keine einheimische Musik, sagt er, vielleicht in Portugal oder Italien, aber vor allem in der Türkei. Er lehrt ein bisschen herum. Istanbul wäre nicht die Türkei, genauso wie Berlin nicht Deutschland ist, obwohl die Hauptstadt Ankara sei und Döner eine Erfindung der Deutschen. Auch nicht von einem Deutschen, sondern von Kadir Nurman, einem türkischen Gastronom, der als erster Mensch auf der Welt in den 70ern Fleisch in einen Fladen gesteckt hätte und das Istanbulische schuf, was so was ist, wie das Wienerische oder Beirut. Ankara wäre wie seine Ehefrau, Istanbul seine Geliebte. Ich frage, ob sich beide nicht mit einer vereinbaren ließe […]