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BYND

Konstantin Arnold

GENOVA

GENOVA

Die Geschichte beginnt mit einem Drink im Mangini, so wie die meisten guten Geschichten, die ich dann schlecht geschrieben hab. Ich habe auch ein paar andere Geschichten geschrieben, die nicht so schlecht sind und nicht im Mangini beginnen und ein paar die ganz gut sind, aber mit schlechten Drinks, und die, die mit einem Drink im Mangini beginnen, waren immer gut und gehören zu meinen besten. Es war kurz vor Weihnachten und sie kam zu spät. Ich hätte ihr das verziehen, aber drei Mal gesagt, dass wir den Zug um viertel vor schaffen müssen, wenn wir im Mangini nicht nur einen trinken wollen, sondern zwei, drei oder vier. Wir hatten Tickets von Genua nach Neapel für den Nachtzug halb elf und für sowas ist man pünktlich. Das ist keine Hochzeit von irgendwem, wo man sich immer noch in die letzte Reihe stellen kann und dann sagt, man war dabei. Außerdem hatte ich die ganze Hütte aufgeräumt und winterfest gemacht und gepackt und sie musste nur packen und schön sein, ohne sich zu beschweren. Dadurch entstand ein Gefühl, dass sie die Dinge nicht respektiert und ich sie schon lange nicht mehr in Unterwäsche gesehen habe, weil sie ständig nur nackt rumläuft, wenn wir zuhause sind und das Leben genießen, über das ich schrieb. Das war erst mal nur eine Gefühl, was aber nicht so schön ist, wie mit dem Gefühl morgen früh in Neapel zu sein, im Mangini an der Bar zu stehen und Maurizio bei der Arbeit zu sehen, mit all diesen Leuten, die das auch sehen wollen und einen Drink von ihm wollen oder zumindest ein kurzes Gespräch. Maurizio ist der beste Barmann, den ich kenne und der einzige, den man nicht romantisieren braucht und einfach schreiben kann, so wie er ist: mittelgroß, kurze Frisur, liebes Gesicht, Brille, immer Krawatte, immer Gillet. Er steht da hinter der Bar vor den Flaschen wie vor einem Gemälde aus Campari, Select, Camatti und Maria al Monte. Durch die Spiegel hinter den Flaschen kann man sich zwischen den Flaschen und Leuten sehen, die einen auch sehen können und sich genauso dazwischen fühlen, wie ich. Junge Frauen in schwarzem Leder, alte Männer und Maler, die erst einmal Mann und dann Maler und dann alt sind. Da waren Opernsänger, Schaumschläger, Söhne und Künstler und Söhne, die Künstler werden wollten. Sie standen an der Bar, wie Kühe an einer Tränke. Die Bar selbst ist aus Holz, Marmor und Silber, das oben abgewetzt ist von all dem Stützen und Trinken und Reden über das Jahrhundert, zu dem man vielleicht gar nichts mehr sagen muss und einfach dasteht und stützt und durch den Spiegel zu den anderen Leuten in den Raum sieht. Wir standen immer an der Bar, weil das billiger ist und Maurizio genauso lang hinter der Bar steht, wie ich auf der Welt bin, sechs Tage die Woche, acht Stunden am Tag. Es gehörte einfach dazu seinen Sbagliato lang, da mit ihm und den anderen zu stehen. Das Mangini war ein altes Caffé mit Bäumen davor unter denen die Leute rauchten und ihre Stummel auf den Kreisverkehr warfen, auf dem heute noch eine Reiterstatue von Garibaldi steht. Das war keine schlechte Manier, sondern politisch, weil die Leute im Mangini eher Mazzini waren. Denn dieses Mangini war ein altes und ehrwürdiges Caffé mit Menschen an den Tischen, die es eigentlich nur noch in Büchern gibt, wie man sie in der Galeria kaufen kann. Da waren Familien aus Lampedusas Leoparden, die einsamen, besiegten, perversen Helden Malapartes, Italo Calvinos Dimensionen, Alighieris Eitelkeit, und ein paar Leute, die noch nie geschrieben wurden. Nur die Trockenheit Montales gab es hier nicht, schon gar nicht vor Weihnachten, wenn und es war ganz kurz vor Weihnachten. Meiner Meinung nach gibt es auf der Welt keine zehn Typen, die es dann mehrmals gibt und nur wenige gibt es wirklich nur einmal und die meisten davon gab es hier. Maurizio gab es einmal, er war das für Bars, was Rom für die Städte ist. Meine Freundin gab es einmal und selbst wenns die nochmal gebe, würde ich immer die lieben, die wieder zu spät war und wieder kein Geld dabei hat. Den einen Alten, der jeden Abend ins Mangini kommt, gibt es auch nur einmal, auch wenn es den bald nicht mehr gibt, weil es ihn schon 93 Jahre gibt. Maurizio hat ihm letztens eine große, rote Büroklammer am Hosenstall befestigt, damit er den findet und allein aufs Klo kann und wir weiter trinken. Angst vorm Tod, sagt der, hätte er nicht, nur Angst nicht mehr ins Mangini zu können, weswegen er jeden Tag kommt. Er war ein netter, alter, verrückter Kerl, der meiner Freundin Komplimente machte und sagte, dass sie ruhig auch zu ihm kommen kann, wenn ichs ihr nicht besorge. Ich hatte den vermisst und Maurizio vor allem an den grauen Wintertagen, die sich vordenken ließen und an denen man nach der Arbeit dachte, einfach in den Zug zu steigen, für so einen Drink. Ich erzählte ihm, dass wir heute noch Nachtzug fahren und morgen dann in Neapel sind und im Gambrinus Frühstücken werden und dann ein paar Tage in Sorrento sind, bevor der Weihnachtswahnsinn zu Hause losgeht. Bravo, sagte Maurizio dann, Bravo, Caffé Gambrinus, Bravo. Er sagte, das Übliche, wie immer, ohne zu fragen und ich nickte und sagte, dass wir aber nur Zeit für eine Runde hätten, wenn wir noch irgendwo essen wollten, was natürlich unmöglich ist, weil man das Abendessen nach dem ersten gegen den zweiten eintauscht und sich von Oliven und Kartoffelchips (San Carlo) ernährt. Maurizio fragte, warum wir so gestresst ankamen und ich sagte ihm, dass ich auf dem Weg hierher die ganze Zeit meine […]

ÜBERN WINTER

ÜBERN WINTER 

Die Idee kam uns letzten Winter. Wir hatten gerade Feuerbachs Selbstportrait im Belvedere in Wien gesehen und saßen ums Eck im Café Goldegg bei Kaffee (mit Schuss) und Kuchen. Sie sagte, dass es schon ihr Traum wäre, mal eine Zeit lang in Italien zu leben und ich sagte, den Traum hätte ich auch schon gehabt und ich hätte es auch schon ein paar Mal probiert, wie Feuerbach, mit Rom, es wäre mir nur nie gelungen, mit italienischen Frauen. Ich fragte, ob sie alleine gehen will oder mit mir und ob ich es für sie tun soll oder aus mir heraus und sie sagte, dass sie nie ohne mich irgendwohin gehen würde, und ich es aus mir heraus tun soll und für sie, so wie Liebende eben sind. Ich sagte, gut, let’s go, nächsten Winter, dann hätten wir genug Zeit einen Ort zu finden. Sie war ganz perplex und fragte wirklich und ich sagte ja. Es gibt Leute, die ihre Träume leben und Leute, die das nicht tun, um sie weiter träumen zu können. Ich gehöre zu der ersten Variante. Die Zeit verging, der Sommer kam und ging und erinnerte uns daran. Wir hatten gerade einige Wochen auf Sizilien verbracht und den Plan, die Küste hochzufahren, um das Dorf mit Bar und Post zu finden, in dem wir den Winter über verbringen. Ich hatte mein Manuskript und einen Verleger, der das auch wollte und mir sogar Geld dafür gab, den Winter über daran zu arbeiten und davon zu leben und damit trinken zu können. Er hatte das nicht so gesagt, aber ich hatte das so verstanden. Wir hielten in einer Bucht, tiefstes Kalabrien, um zu schwimmen und dann in einem kleinen Dorf, für ein Eis. Das Dorf war ganz nett, vom Wasser umgeben, auf einer Anhöhe. Es gab eine schöne Piazza und einen Weinhändler, der auch Schaumwein da hatte und mir erzählte, dass man Napoleons Bruder hier umgebracht hätte, aber das Dorf gefiel ihr nicht. Sie war keine von diesen Leuten, die andere Leute brauchen, aber Kalabrien ist im Winter abgelegen und ganzjährig Mafia. Als am Flughafen saßen, rief Pippo an, mein Freund und Parmesanbauer, und fragte, ob wir nun was gefunden hätten und ich sagte nein. Er fragte, warum wir das nicht lassen und einfach sein Sommerhaus über den Winter bei Genua nehmen, weil das sowieso leer stehe, wir müssten nur den Strom selber zahlen. Außerdem hätte mir die Ecke doch sowieso immer schon gefallen. Ich kannte die Gegend, war schon oft mit dem Zug vorbeigefahren und hatte mir vorgestellt, wies wohl wäre, hier morgens schwimmen zu gehen und Focaccia  zu kaufen, mit einer Corriere della Sera unter dem Arm, wie ein ganz normaler Mensch, der gut geschlafen hat. Irgendetwas von mir war da, so wie es auch in Lissabon, Rom, Wien und an der Riviera ist, etwas, dass ich nur wieder finde, wenn ich immer wieder und wieder an diese Ort zurückkehre. Ein Ort ist ja immer erst mal ein Gefühl und es schien, als ließe es sich dort gut arbeiten und leben und lieben und darauf käme es, als Schriftsteller, schließlich an. Ich fragte sie gar nicht erst und sagte zu und sagte ihr nach dem Telefonat nur,: Den Winter verbringen wir in Ligurien, wo die Enge der Berge auf die Weite des Meeres trifft. Wir flogen zurück, trafen die nötigen Vorbereitungen, schmissen eine Abschiedsparty und packten sehr verkatert unsere Sachen, was gar nicht so einfach war und gar nicht so wie sonst, wenn man nur für eine Zeit irgendwohin will und weiß, wie lang die ist. Es fällt einem auf, dass man ja Zimmerpflanzen hat, dreckiges Geschirr, Restmüll, Internetverträge, einen Kühlschrank, in dem noch Essen ist. Wo schafft man das hin und wohin mit dem Auto, ohne dass es von Möwen vollgeschissen wird? Schaltet man den Kühlschrank jetzt ab? Verkauft man das Auto, wohin mit den Pflanzen, verdammt, das ganze Essen, hier kommen die Zweifel. Von der Scheiße mit dem Übergepäck ganz abgesehen. Eigentlich ist es auch so, dass Leute eher aus dem Norden in den Süden fahren, nicht umgedreht, von Lissabon, nach Rapallo, aber Pippo meinte, die Winter dort wären mild und einzigartig, weil die Berge die kalten Nordwinde abfangen. Es gäbe eine Bucht, in der man schwimmen kann und viele Bars, in die man nach dem Schwimmen gehen könnte, um zu trinken. Außerdem änderte sich Lissabon doch sehr, Buchläden, Kneipen und Cafés, die mir zehn Jahre lang eine Heimat gewesen sind, schlossen und wurden zu Zaras. Nach so vielen Italienaufenthalten ist der Kaffee Portugals irgendwann nur noch warmes Wasser und solange morgens irgendwo noch Spülmittel in der Sonne trocknet und ich das riechen kann, ist für mich auch Südeuropa […]