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BYND

Konstantin Arnold

UNANNEHMLICHKEITEN

UNANNEHMLICHKEITEN

Es geht schon damit los, dass man bis halb zwölf Frühstücken kann. Das kann man in anderen Häusern nicht. Im Hotel du Cap ist um 11 Uhr Schluss, egal wie teuer die Suiten sind und im Le Meurice in Paris kann man zwar bis nach dem Mittag in einem Salon de la Paix sitzen, aber nur mit Croissants, die schlechter sind als Tankstellenbrötchen. Die Zeitungen liegen am Eingang und man schlürft so dahin, sagt Ciao, Buongiorno, Guten Morgen, Buenas Dias, Sabah Alkhayr oder wonach einem gerade ist, ohne das man gleich darauf aufmerksam gemacht wird, dass das Buffett bald schließt. Natürlich wird man, wie in allen Hotels gefragt, ob man Kaffee will noch bevor man sitzt, nicht wie man ihn will und wann und aus einem Siebträger zusammen mit dem Croissant, aber die alten, italienischen Kellner lösen dieses Grand Problèmes spielend. Auffallend im Kulm ist der Lachs. Der kommt groß und in Scheiben, in Sojasoße eingelegt oder mit Dill. Früher war ich mehr Morgenmensch. Ein Mann von Routine. Seit ich eine Frau liebe brauche ich morgens lange, weil ich nachts noch länger brauche und klammere mich jedes Stück Routine sobald ich ein Stück davon habe. Nach dem Frühstück sitzt man noch ein bisschen da und wenn man denkt, dass man nun aber gehen sollte, sitzt man noch ein bisschen mehr und sieht durch den Saal raus in den Schnee oder die anderen Hotelgäste an. Man ist viel unterwegs, gerade vor Weihnachten und danach zu Hause, wo auch immer das ist. Zum Schwimmen in Rapallo, zum Skifahren in St.Moritz. Von Rapallo reist man sehr gut mit dem Zug, über Genua, Mailand, Tirano. Die Fahrt bis Genua (die Stadt bei Portofino) geht eine Zeit am Meer lang durch Tunnel und Meer und noch mehr Tunnel, was das Meer noch mehr Meer macht, so wie es auch an der Coté d’Azur am Meer lang geht, als ob jemand in Nordafrika den Teppich ausschüttelt, und dann durch die Ebene bis Mailand. Hier der erste Caffé. Dann begannen wir zu streiten, weil mir klar wurde, dass sie den Skianzug, in dem ich sie so gern sehen wollte, gar nicht dabei hatte, angeblich aus logistischen Gründen. Außerdem sagte sie, der wäre zu kurz und unbequem, und ich sagte giftig, dass er für einen Trip mit Freunden in Isola oder Chamonix wohl nicht zu kurz und unbequem gewesen war. Schweigen, aber von Mailand aus hat man bis Tirano den Lago di Como zur Linken, wie sonst nirgendwo. Bei Varenna ist der am größten, fast wie ein Meer und in Lecco am theatralischsten. Blau, mit steilen Felsen, Eis und Wind. Ich erinnerte mich daran, wie ich diese Strecke vor zwei Jahren zum letzten Mal gefahren bin, aus St.Moritz kommend, bis Mailand, den See zu meiner Rechten. Ich sah Dächer, Felsen, Häuser, Wasser und dann dieses Straßenschild, das ich auch damals sah, als ich entschied mich von einer Frau zu trennen. Man fährt an all diesen Dingen vorbei, die nie eine eigene Geschichte wert waren, sondern immer nur etwas im Vorbeifahren sind, auf dem Weg zu neuen Geschichten ins Kulm. Es war alles wie damals nach dieser Nacht im Dracula und der Italienerin, die mir das klarmachte. Ohne den Kater. Im hellen südländischen Licht des Engadins, im weißen Schnee brutaler Berge, zeigen sich Unzulänglichkeiten. Wieder war Neujahr, wieder Streit, wieder eine Stunde Aufenthalt in diesem Caffé am Platz vor den zwei Bahnhöfen Tiranos. Nur, dass das jetzt von Chinesen geführt wird, die sogar noch bessere Tagiatelle machen und ich mit der richtigen Frau hier war und stritt. Wenn man mit dem richtigen Menschen streitet, ist nichts ein Problem, nur wenn’s der falsche ist, weil man dann noch mehr vom Richtigen angezogen wird. Das ist wissenschaftlich erwiesen, die Verschränkung von Quanten, Nobelpreis der Physik 2022, und philosophisch mit Platons Kugelmenschtheorie. Man reichert das, was der andere sagt, mit seinen Minderwertigkeitskomplexen an, sieht alles aus einer ganz bestimmten Perspektive und schon sitzt man schweigend nebeneinander und stocherte in seiner Tagiatelle. The comfortable uncomfortablity of love. Die schönste Mittags Sonne schien auf ihren Fellmantel und meiner Vorstellung von diesem Skianzug, den sie nicht dabei hatte. Montaigne sagte, die drückendsten Übel sind die, mit denen uns die Einbildungskraft belastet. Ich fühlte mich, wie kein Anlass und wenn ich keiner bin, so müsste doch wenigstens das Kulm und St.Moritz einer sein. Ich fürchte mich vor Frauen, die sich nur Single auftakeln und in Beziehungen nicht, vor Frauen generell, die auch Freunde haben, die sie dann so nicht sehen können, wie ich. Ich sage nicht, dass es so ist, aber es fühlte sich so an, was das gleiche ist. Nach Tirano ging die Bahn den Berg hoch über den Berninapass. Hochalpin, von Mediterran. Die kühnen Brücken, Aquädukte, Gletscherblicke und steilen Strecken beruhigten uns ein wenig. Dann gings bergab, die ersten Dörfer, Pontresina, das Engadingefühl. Sie saß die ganze Zeit nur da und sah auf ihr Telefon und ließ die Landschaft an sich vorbeiziehen, weil sie wusste wie sehr mir das wehtat, ohne das ich mir das anmerken ließ. Ich fragte mich nur, was Frauen in solchen Situationen machten, bevor es Telefone gab. St. Moritz ist zu drei Seiten offen. Über Tirano und Chiavenna, die Silvaplana und den Maloja, beides Täler die nach Italien zeigen und sich aus der Sonne des Südens speisen. Das Oberengadin ist ein breites, hohes und helles Tal, jenseits großer Schatten. Nur Richtung Zernes wird es dunkler, weil dann die Dunkelheit von Davos kommt, wo der Wald die komplette Farbe aufsaugt. Wenn man mich fragt, lohnt es sich nicht, nur für ein paar Tage zu kommen. Wir reisen heute zu schnell, genau wie die in Rapallo sagen. Wir können den Werkstoff unserer Seele nicht so schnell von einem Ort an den anderen schaffen, schreibt Cocteau. Außer man kennt den Ort & die Leute und weiß, wos zum Klo geht. Dann hat die Seele in diesem Ort und den Leuten eine Zuhause. In Paulo, dem Concierge, in Maurizio in der Lobby, in Angelo im Grand Restaurant und Andrea an der Bar. Paulo merkte gleich, dass irgendwas mit uns war, weil wir uns bei der Ankunft am Bahnhof sonst herzlicher begrüßen. St. Moritz liegt 1800 ü.d.M. und da wir am Meer leben brauche ich immer eine Nacht, oder zwei, bis ich mich an die Höhenluft gewöhne und für immer bleiben will. Nur der Teil meiner Seele, der meine Nasenschleimhaut ist, kommt da nicht mit. Man kann auch nicht einfach mit seinem Leben aus Rom oder New York weitermachen, man atmet mehr und besser und hat sich nach mehreren Besuchen vielleicht schon daran gewöhnt, so wie sie sich daran gewöhnt hat, dass ich vor neuen Büchern immer so unausstehlich bin, so wie gerade. Deshalb setze ich mich zum Wohle der Allgemeinheit immer erst einmal vor einen Drink in die Kulmsessel der Lobby, ohne mich Frisch zu machen. Die Welt geht dann vorbei, Pariserinnen, Russinnen, Kaká und Frauen von anderen, die schöne Skianzüge haben. Man sitzt eine Weile, sieht alte Freunde und fragt sich, ob der das ist oder der und ob der wohl schon so alt geworden ist. Man hat die Wand im Rücken, die Welt im Blick und Maurizio, der kommt und fragt, obs noch was seien kann, so wie er das schon vor der letzten gefragt hat. Die im Bridge Club spielen auch immer noch, als ob gar nichts gewesen wäre, war ja auch nichts, nur wir, was mich institutionell beruhigt. Das Kulm ist das Gehäuse eines Gefühls, das einem Kinderglauben gleichkommt: kein Feind in der Nähe, der Tod umgänglich, die Gewissheit, das immer irgendwo noch jemand wach ist und Europa lebt. Man kommt nach Jahrzehnten wieder und alles ist immer wie immer und die gleichen Leute arbeiten da und erkennen einen, egal was war, ist, wo, wie & was. Die Sommeliers tragen Fliegen, die Restaurantchefs schwarz, jemand spielt Klavier, alles in Ordnung, selbst wenn nichts ist für immer ist, aber der Sbagliato von Andrea an der Bar, nach dem Skifahren, hat bisher immer wie immer geschmeckt. Das ist die Botschaft der Grandhotels, Schlafwagen und Kaffeehäuser, eine zeitliche Grenzenlosigkeit, Immerbereitschaft, Morgenröte, Wiederkehr, Abend für Abend, das Gefühl, das alles gut wird und  […]

ODYSSEE

ODYSSEE

Wo ich bin, geh ich gern baden und liege danach immer in der Sonne, wenn welche ist. Ich mag Liegen, Sonne, Pilze, Schaumwein, Blocksatz, die Beschreibung der Dämmerung in Homers Odyssee und den Moment bevor man sich küsst. Ich mag Hotels am Meer, vor allem auf Klippen, wie das auf denen Sorrents, in das ich schon immer wollte und am Ende vieler Sommer immer auf den Klippen stehen sah, wenn wir aus Positano kamen, Paestum, Ravello und uns frei fühlten, nach den engen lebensbedrohlichen Straßen Amalfis. Das Hotel liegt am Meer, ohne richtig am Meer zu sein. Unten ist ein Stück Strand auf den aber nie Sonne fällt. Es gibt einen kleinen Hafen mit Pier, von dem man ins offene Meer springen kann. Hier lagen wir an den Nachmittagen auf den Steinen und sahen den Kindern beim Fischen zu, die uns beim Schwimmen zusahen. Wenn keine Kinder da waren, badeten wir nackt, mit Turnschuhen, wie Amerikaner, die über Steine klettern, auf denen handballgroße Seeigel kleben. Morgens frühstückten wir spät und lang. Mit uns war nur ein schwules Pärchen im Hotel, das auch lange frühstückte. Nach dem Frühstück spielte einer von denen Klavier in der Lobby. Die Lobby war weiß und hell und schön. Manchmal setzten wir uns dazu und hörten uns die hohen jammernden Töne an, die nach einem tragischen Familienleben und bezahlten Klavierstunden klangen. Das Klavier ist ein Seeleninstrument durch dessen Tasten sich Gefühle besser ausdrücken lassen, als mit Worten. Manches lässt sich nicht sagen, denn wenn man es sagt, sagt man das eine, aber das andere nicht. Im besten Fall, weiß man nicht, wie man es sagen soll und im schlimmsten Fall sagt man etwas, das man nicht für das Eigentliche hält. Man spürt dann geradezu die Sehnsucht, die den Blick und die Töne aus der Lobby in die Weite und Freiheit davonträgt. Nach dem Frühstück gingen wir ins Zimmer, liebten uns bei offenem Fenster und sahen uns danach die Gardine an, die vom Wind bewegt vor der Terrasse wehte. Diese Terrasse war ein Altar für den Blick und ihren Anblick vor diesem Ausblick. Man sah Ischia und Pompei, sah das was Kaiser Augustus sah und den kleinen Pier, vor dem wir schwammen. Capri sah man nicht, auch keine Jacht von Jeff Bezos oder das Haus von Wilhelm von Gloeden, der dort sein Arkadien hatte. Weiß und grün und blau. Manchmal sahen wir auch einfach nur fern, wenn Springreiten kam oder wir schliefen nochmal ein und wachten dann auf und wussten nicht wo wir sind, wer, warum und wie oft wirs am Nachmittag getan hatten. Dann kam die Abenddämmerung über den Golf und die letzten Boote fuhren rein, wie weiße Pinselstriche. Ich hielt mich an meinen Drink, anders war das kaum auszuhalten, genau wie sie kaum auszuhalten war, mit ihren nackten verschränkten Beinen und den Wasserfarben, die sie sich mitgebracht hatte, um das einzufangen. Sie hatte die Sonnenbrille dann nur auf der Nasenspitze, sodass ihre Augen über die Brille, bis auf Grund deiner Eier gucken konnten. Was soll man bloß mit dieser großen Schönheit machen? Man kann sie ficken, tausendmal, anschreien, zerdrücken, sie geht doch nicht Tod. Man kann sie aushalten, daliegen und genießen und sich eines Tages daran erinnern, wenn man mal daliegt und träumt von Sonne, Salzwasser und Sex. Man erinnert sich an all das zurück, ohne Erwartungen und Angst, dass man die nicht erreicht. Man hat erkannt, das man nie zufrieden ist, nur manchmal, wenn man schon Liebe hat und nicht auch noch glücklich sein muss. Liebe ist so viel mehr nur als Glück. Sie ist Leiden in Briefen, auch wenn meine Freunde meinen, ich hätte sonst wieder nichts getan. Es stimmt doch nicht, man hat doch gelebt und gelitten und Tage unter der Sonne verbracht und Liebe am Nachmittag gemacht, ohne Schuld. Man wacht aus einem Traum auf und lebt den nächsten. Zu lieben und man selbst zu sein, ist ein Full Time Job, schreibt sogar Sloterdijk, den sollten sie mal lesen, nicht nur mich. Abgesehen von dem und ein paar anderen Büchern (Homers Odyssee, Irmgard Keun) waren wir allein und genoss die Gesellschaft der Kellner und Kaiser, die als Büste den ganzen Tag vor dem Blau des Meeres standen. Abends roch es nach Salbei, Rosmarin, Minze und Zitronen, die langsam kalt wurden. Nach Rauch und Abendhimmel, aber man musste nicht rauchen, um den Blick zu sehen, man ging einfach und sagte, dass man mal raus geht uns sieht, ohne zu rauchen und ohne, dass jemand das ohne das Rauchen nicht versteht. Das war sehr schön. Künstler machen es möglich, indem sie es sichtbar machen, so dass wir das Schöne sehen in jedem Tag, solang keiner stirbt. Es gibt Orte auf der Welt, die das Versprechen am Morgen länger über den Tag halten und erst spät am Abend brechen. Wenn Streichhölzer brennen, ohne Wind. Man hörte das Wasser schwappen, unten gegen den Pier. Kurz vor Weihnachten wird es dunkel bevor die Tage zu ende sind. Dann geht die Weihnachtsbeleuchtung an und es ist angenehm, eingehakt durch die Gassen Sorrentos zu gehen und in die Auslagen der Geschäfte zu sehen. Sie kaufte mir einen grünen Mantel, der gut zu der Tasche passte, die sie mir auch gekauft hat und schenkte mir zu Weihnachten die Erkenntnis, dass mich das nicht schöner macht. Einmal hielt sie an einem Schießstand und ballerte einfach los, traf nichts. Ich ballerte dann auch, traf alles und fragte ein junges Mädchen, das zufällig neben mir stand, ob sie sich nicht eins von den Plüschdingern aussuchen will. Ich fühlte mich wie ein real life Garry Grant, der das auch ohne Drehbuch schafft. Nachts schrieb ich das ins Gästebuch und sie malte was dazu und der Direktor dankte ihr dafür. Er erzählte uns, wie er die Seuchenjahre hier verbrachte und mit seiner Familie den Weinkeller leer trank. Er fragte, was uns nach Sorrento geführt hatte und ich sagte, dass ich schon Jahr her wollte, das nach all den Jahren aber nicht mehr weiß. Et in Arcadia ego, vielleicht weil das gut klingt, Sorrento vor Weihnachten. Er sagte, Weihnachten mache ihn immer fertig. Sein Immunsystem erinnere sich dann immer an ein paar Erkrankungen, die er das ganz Jahr lang erfolgreich verdrängt […]

GENOVA

GENOVA

Die Geschichte beginnt mit einem Drink im Mangini, so wie die meisten guten Geschichten, die ich dann schlecht geschrieben hab. Ich habe auch ein paar andere Geschichten geschrieben, die nicht so schlecht sind und nicht im Mangini beginnen und ein paar die ganz gut sind, aber mit schlechten Drinks, und die, die mit einem Drink im Mangini beginnen, waren immer gut und gehören zu meinen besten. Es war kurz vor Weihnachten und sie kam zu spät. Ich hätte ihr das verziehen, aber drei Mal gesagt, dass wir den Zug um viertel vor schaffen müssen, wenn wir im Mangini nicht nur einen trinken wollen, sondern zwei, drei oder vier. Wir hatten Tickets von Genua nach Neapel für den Nachtzug halb elf und für sowas ist man pünktlich. Das ist keine Hochzeit von irgendwem, wo man sich immer noch in die letzte Reihe stellen kann und dann sagt, man war dabei. Außerdem hatte ich die ganze Hütte aufgeräumt und winterfest gemacht und gepackt und sie musste nur packen und schön sein, ohne sich zu beschweren. Dadurch entstand ein Gefühl, dass sie die Dinge nicht respektiert und ich sie schon lange nicht mehr in Unterwäsche gesehen habe, weil sie ständig nur nackt rumläuft, wenn wir zuhause sind und das Leben genießen, über das ich schrieb. Das war erst mal nur eine Gefühl, was aber nicht so schön ist, wie mit dem Gefühl morgen früh in Neapel zu sein, im Mangini an der Bar zu stehen und Maurizio bei der Arbeit zu sehen, mit all diesen Leuten, die das auch sehen wollen und einen Drink von ihm wollen oder zumindest ein kurzes Gespräch. Maurizio ist der beste Barmann, den ich kenne und der einzige, den man nicht romantisieren braucht und einfach schreiben kann, so wie er ist: mittelgroß, kurze Frisur, liebes Gesicht, Brille, immer Krawatte, immer Gillet. Er steht da hinter der Bar vor den Flaschen wie vor einem Gemälde aus Campari, Select, Camatti und Maria al Monte. Durch die Spiegel hinter den Flaschen kann man sich zwischen den Flaschen und Leuten sehen, die einen auch sehen können und sich genauso dazwischen fühlen, wie ich. Junge Frauen in schwarzem Leder, alte Männer und Maler, die erst einmal Mann und dann Maler und dann alt sind. Da waren Opernsänger, Schaumschläger, Söhne und Künstler und Söhne, die Künstler werden wollten. Sie standen an der Bar, wie Kühe an einer Tränke. Die Bar selbst ist aus Holz, Marmor und Silber, das oben abgewetzt ist von all dem Stützen und Trinken und Reden über das Jahrhundert, zu dem man vielleicht gar nichts mehr sagen muss und einfach dasteht und stützt und durch den Spiegel zu den anderen Leuten in den Raum sieht. Wir standen immer an der Bar, weil das billiger ist und Maurizio genauso lang hinter der Bar steht, wie ich auf der Welt bin, sechs Tage die Woche, acht Stunden am Tag. Es gehörte einfach dazu seinen Sbagliato lang, da mit ihm und den anderen zu stehen. Das Mangini war ein altes Caffé mit Bäumen davor unter denen die Leute rauchten und ihre Stummel auf den Kreisverkehr warfen, auf dem heute noch eine Reiterstatue von Garibaldi steht. Das war keine schlechte Manier, sondern politisch, weil die Leute im Mangini eher Mazzini waren. Denn dieses Mangini war ein altes und ehrwürdiges Caffé mit Menschen an den Tischen, die es eigentlich nur noch in Büchern gibt, wie man sie in der Galeria kaufen kann. Da waren Familien aus Lampedusas Leoparden, die einsamen, besiegten, perversen Helden Malapartes, Italo Calvinos Dimensionen, Alighieris Eitelkeit, und ein paar Leute, die noch nie geschrieben wurden. Nur die Trockenheit Montales gab es hier nicht, schon gar nicht vor Weihnachten, wenn und es war ganz kurz vor Weihnachten. Meiner Meinung nach gibt es auf der Welt keine zehn Typen, die es dann mehrmals gibt und nur wenige gibt es wirklich nur einmal und die meisten davon gab es hier. Maurizio gab es einmal, er war das für Bars, was Rom für die Städte ist. Meine Freundin gab es einmal und selbst wenns die nochmal gebe, würde ich immer die lieben, die wieder zu spät war und wieder kein Geld dabei hat. Den einen Alten, der jeden Abend ins Mangini kommt, gibt es auch nur einmal, auch wenn es den bald nicht mehr gibt, weil es ihn schon 93 Jahre gibt. Maurizio hat ihm letztens eine große, rote Büroklammer am Hosenstall befestigt, damit er den findet und allein aufs Klo kann und wir weiter trinken. Angst vorm Tod, sagt der, hätte er nicht, nur Angst nicht mehr ins Mangini zu können, weswegen er jeden Tag kommt. Er war ein netter, alter, verrückter Kerl, der meiner Freundin Komplimente machte und sagte, dass sie ruhig auch zu ihm kommen kann, wenn ichs ihr nicht besorge. Ich hatte den vermisst und Maurizio vor allem an den grauen Wintertagen, die sich vordenken ließen und an denen man nach der Arbeit dachte, einfach in den Zug zu steigen, für so einen Drink. Ich erzählte ihm, dass wir heute noch Nachtzug fahren und morgen dann in Neapel sind und im Gambrinus Frühstücken werden und dann ein paar Tage in Sorrento sind, bevor der Weihnachtswahnsinn zu Hause losgeht. Bravo, sagte Maurizio dann, Bravo, Caffé Gambrinus, Bravo. Er sagte, das Übliche, wie immer, ohne zu fragen und ich nickte und sagte, dass wir aber nur Zeit für eine Runde hätten, wenn wir noch irgendwo essen wollten, was natürlich unmöglich ist, weil man das Abendessen nach dem ersten gegen den zweiten eintauscht und sich von Oliven und Kartoffelchips (San Carlo) ernährt. Maurizio fragte, warum wir so gestresst ankamen und ich sagte ihm, dass ich auf dem Weg hierher die ganze Zeit meine […]

ÜBERN WINTER

ÜBERN WINTER 

Die Idee kam uns letzten Winter. Wir hatten gerade Feuerbachs Selbstportrait im Belvedere in Wien gesehen und saßen ums Eck im Café Goldegg bei Kaffee (mit Schuss) und Kuchen. Sie sagte, dass es schon ihr Traum wäre, mal eine Zeit lang in Italien zu leben und ich sagte, den Traum hätte ich auch schon gehabt und ich hätte es auch schon ein paar Mal probiert, wie Feuerbach, mit Rom, es wäre mir nur nie gelungen, mit italienischen Frauen. Ich fragte, ob sie alleine gehen will oder mit mir und ob ich es für sie tun soll oder aus mir heraus und sie sagte, dass sie nie ohne mich irgendwohin gehen würde, und ich es aus mir heraus tun soll und für sie, so wie Liebende eben sind. Ich sagte, gut, let’s go, nächsten Winter, dann hätten wir genug Zeit einen Ort zu finden. Sie war ganz perplex und fragte wirklich und ich sagte ja. Es gibt Leute, die ihre Träume leben und Leute, die das nicht tun, um sie weiter träumen zu können. Ich gehöre zu der ersten Variante. Die Zeit verging, der Sommer kam und ging und erinnerte uns daran. Wir hatten gerade einige Wochen auf Sizilien verbracht und den Plan, die Küste hochzufahren, um das Dorf mit Bar und Post zu finden, in dem wir den Winter über verbringen. Ich hatte mein Manuskript und einen Verleger, der das auch wollte und mir sogar Geld dafür gab, den Winter über daran zu arbeiten und davon zu leben und damit trinken zu können. Er hatte das nicht so gesagt, aber ich hatte das so verstanden. Wir hielten in einer Bucht, tiefstes Kalabrien, um zu schwimmen und dann in einem kleinen Dorf, für ein Eis. Das Dorf war ganz nett, vom Wasser umgeben, auf einer Anhöhe. Es gab eine schöne Piazza und einen Weinhändler, der auch Schaumwein da hatte und mir erzählte, dass man Napoleons Bruder hier umgebracht hätte, aber das Dorf gefiel ihr nicht. Sie war keine von diesen Leuten, die andere Leute brauchen, aber Kalabrien ist im Winter abgelegen und ganzjährig Mafia. Als am Flughafen saßen, rief Pippo an, mein Freund und Parmesanbauer, und fragte, ob wir nun was gefunden hätten und ich sagte nein. Er fragte, warum wir das nicht lassen und einfach sein Sommerhaus über den Winter bei Genua nehmen, weil das sowieso leer stehe, wir müssten nur den Strom selber zahlen. Außerdem hätte mir die Ecke doch sowieso immer schon gefallen. Ich kannte die Gegend, war schon oft mit dem Zug vorbeigefahren und hatte mir vorgestellt, wies wohl wäre, hier morgens schwimmen zu gehen und Focaccia  zu kaufen, mit einer Corriere della Sera unter dem Arm, wie ein ganz normaler Mensch, der gut geschlafen hat. Irgendetwas von mir war da, so wie es auch in Lissabon, Rom, Wien und an der Riviera ist, etwas, dass ich nur wieder finde, wenn ich immer wieder und wieder an diese Ort zurückkehre. Ein Ort ist ja immer erst mal ein Gefühl und es schien, als ließe es sich dort gut arbeiten und leben und lieben und darauf käme es, als Schriftsteller, schließlich an. Ich fragte sie gar nicht erst und sagte zu und sagte ihr nach dem Telefonat nur,: Den Winter verbringen wir in Ligurien, wo die Enge der Berge auf die Weite des Meeres trifft. Wir flogen zurück, trafen die nötigen Vorbereitungen, schmissen eine Abschiedsparty und packten sehr verkatert unsere Sachen, was gar nicht so einfach war und gar nicht so wie sonst, wenn man nur für eine Zeit irgendwohin will und weiß, wie lang die ist. Es fällt einem auf, dass man ja Zimmerpflanzen hat, dreckiges Geschirr, Restmüll, Internetverträge, einen Kühlschrank, in dem noch Essen ist. Wo schafft man das hin und wohin mit dem Auto, ohne dass es von Möwen vollgeschissen wird? Schaltet man den Kühlschrank jetzt ab? Verkauft man das Auto, wohin mit den Pflanzen, verdammt, das ganze Essen, hier kommen die Zweifel. Von der Scheiße mit dem Übergepäck ganz abgesehen. Eigentlich ist es auch so, dass Leute eher aus dem Norden in den Süden fahren, nicht umgedreht, von Lissabon, nach Rapallo, aber Pippo meinte, die Winter dort wären mild und einzigartig, weil die Berge die kalten Nordwinde abfangen. Es gäbe eine Bucht, in der man schwimmen kann und viele Bars, in die man nach dem Schwimmen gehen könnte, um zu trinken. Außerdem änderte sich Lissabon doch sehr, Buchläden, Kneipen und Cafés, die mir zehn Jahre lang eine Heimat gewesen sind, schlossen und wurden zu Zaras. Nach so vielen Italienaufenthalten ist der Kaffee Portugals irgendwann nur noch warmes Wasser und solange morgens irgendwo noch Spülmittel in der Sonne trocknet und ich das riechen kann, ist für mich auch Südeuropa […]