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BYND

Konstantin Arnold

SIEBZIGSTUNDENWOCHE

Ich habe Zeit und den Van so auf dem Mitarbeiterparkplatz geparkt, dass mich meine Chefin aufwecken kann, wenn wir aufmachen. Geplant hatte ich ausgesurft und fünf pünktliche Minuten später meinen arbeitsgegebenen Pflichten nachzugehen, als vertraglich vereinbart. Auf der Arbeit lache ich über WItze, die ich in meiner Freizeit nicht einmal einem Fünfjährigen unter den Schnuller schmieren würde. Viele lachen über meine überproportionalen Lunchpakete und meine leidenschaftliche Hingabe zu unmanierlicher Nahrungsaufnahme. Nach einer zu langen Nacht verstecken wir uns zwischen den Malibus vor unserer alkoholischen Altlast. Meine Chefin wäre sicherlich auch dabei, wenn sie nicht damit Beschäftigt wäre, in der Damenabteilung nach Kleidern zu suchen, die ihren […]

Welle für Wachs 3

Es ist schon etwas her, als wir das letzte Mal miteinander geredet haben. Es ist nicht so, dass wir das Interesse verloren hätten oder dich als selbstverständlich erachten. Wir wollen die Welt immer noch ändern. Anfang zwanzig ist das Leben einfach verdammt aufregend und irgendwie mussten wir erst einmal wieder genügend Geschichten erleben, die es wert sind auf Altpapier gepresst zu werden. Vor einem knappen Jahr haben wir Feuer gemacht und Atmen jetzt tief ein, um im Kanon etwas Luft unter die Kohlen zu pusten. Gelernt haben wir vieles, aber nichts womit wir bei etwas Hummer und überteuertem Rotwein glänzen könnten. Wir sind immer noch rebellisch. Nicht weil wir uns selbst die Hosenbeine abschneiden und mit vollem Mund Wiederwort halten, sondern weil die dritte Ausgabe nicht zum Brötchen verdienen gedruckt wurde. Das Volk hat entschieden und unseren Publikationszwang von der langen Leine gelassen. Ein paar von uns haben französische Stereotype auf fünfunddreißig Millimetern eingefangen. Ein anderer war ungezogen und unangezogen im Nichtschwimmerbecken der Südhalbkugel auf Tuchfühlung mit Wäldern ohne Wanderwege. Redaktionelle Fernbeziehung, die sich mit Hilfe einiger […]

ANGEZOGENE ANZIEHUNG

Trivilaitäten sind so greifbar, wie die Frischmilch im Kühlregal. Trotzdem übersehen wir alles, was selbstverständlicher erscheint, als ein 76 jähriger in goldenem Speedo. Das ist natürlich gesund, sollte uns aber hin und wieder zum Nachdenken anregen. Dass es Internet im Moment nur im Happy Meal gibt, kann […]

Die wohl überbewertesten Dinge im Leben sind Champagner, Hummer, Fokus, Capbreton und Analsex. Fotos: Dominika Zielinska & Ian Anderson […]

VOYEUR

Wir sind zu spät für die freien Corona. Nicht weil wir uns gezwungen hätten der Gelassenheit wegen erst nach neun aufzukreuzen. Ich musste Jordan erklären, warum er seine Rostlaube nicht auf dem Rasen der Vermieterin nächtigen lassen könne und warum mich sein Unverständnis so sehr an mich erinnert. Wir verpacken die Geschichten der letzten vier Wochen in ein paar gedrehte Zigaretten und akzeptable Überspitzung. Ich trage ein paar neue Vans und den Ring, den ich Mario allmorgendlich von seinem Nachttisch stehle. Genügend Angriffsfläche für stichelnde Bemerkungen, die das Beste aus meiner Schlagfertigkeit herausholen. Ich zeige ihm unser neues Wurfzelt und das damit einhergehende Vorhaben für den neuseeländischen Sommer. Uns fehlen noch eine Axt und die Zusage des Wasserfotografen, um die Wildnisexpedition endlich mit Kugelschreiber in den nicht vorhandenen Kalender einzutragen. Natürlich ist er dabei, wie jeder andere dem ich unser Vorhaben bei Kaffee oder Bier illustriert habe. Doch habe ich in den sechs Jahren meiner Volljährigkeit gelernt, dass sich Prioritäten bis ins Detail unterscheiden und ich mir somit sicher sein kann, dass sich in Sachen gruppierter Zusammensetzung noch genügend Spreu und Weizen trennen. Er erzählt von ein paar durchreisenden Schwedinnen und durchtriebenen Nächten in Raglans Yotclub. Das stimmt mich zufrieden, denn hier gibt es nicht nur Nordeuropäerinnen, sondern auch inspirierende Abwechslung hinsichtlich meines tonangebenden Tatendrangs. Dazu noch arbeitsplatzbezogene Zusammentreffen mit den Menschen, die man auf Facebook gerne in seiner Freundesliste hätte. Viele davon sind bereits dabei das freie Corona auf dieser Party zu trinken, für die wir unberechtigter Weise auf einer Gästeliste gelandet sind. Es ist die Releaseparty eines Surfmagazines, das an der Ostküste alle ziemlich cool finden. Viele sind […]

KLARTEXT

Gerade habe ich dieses Ladekabel gesucht, das ich eigentlich nicht brauche. Genauso wenig wie dieses Iphone, das selbst bei fünfzehn Prozent noch für zwei ausdauernde Stunden heimatlichen Telefonsex zu haben wäre. So viel Ausdauer steht mir auf Festnetz leider nicht zur Verfügung, auch wenn ich im Moment mit Guthaben um mich werfen könnte. Es fehlen der Reiz und die Gesprächspartner, weil Neuseeland mit Abstand das wohl uninteressanteste Kollektiv Frau auf einer Insel vereint, die für ukrainische Beziehungsprobleme und Bratwurst mit Senf kein Verständnis hat. Anstelle politischer Schocknachrichten, gibt es kurz nach acht Gastfreundlichkeit und interpersonelle Kommunikation, sofern der Hunger spontane Gesprächspausen zulässt. Meistens kenne ich nur einen Bruchteil, der um mich herum versammelten Personen, die mit ernsthaftem Interesse ihr Besteck beiseitelegen, um Antworten einzufordern, die ein deutscher Visatourist bereits viertausend anderen Interessierten geben musste. Eigentlich rede ich gerne über meine 24 jährige Biografie und ihre Eckdaten, jedoch nicht bei triefender Nase und nicht vorhandenem Fieber. Weil Mario mir am Vorabend angetrunken den Traum langer Haare genommen hatte, trage ich eine Wollmütze im Frühling und fange noch vor dem Hauptgang an zu schwitzen. Es gibt selbstgefangenen Fisch und eine Debatte darüber, warum ich meine mit Rechtschreibfehlern versehenen Schreibversuche nicht endlich ins Englische bringe. Schreiben tut gut. Auf eine einsame Art und Weise verliert man sich in einer Unterhaltung mit sich selber. Die innere Stimme wird lauter und erzählt einem Dinge, die man natürlich schon selber wusste. Jedoch in Times New Roman und herzlich zusammengefasst auf ein digitales Blatt Papier, das mich davor bewahrt, kurz nach neun ins Bett zu gehen. Aufkommende Erkältungssymptome […]

ROM

Sicherheit ist ein komfortables Gefühl, das in der ersten Welt von oberster Priorität über unseren ungesunden Tatendrang urteilt. Sicherheit und teilnahmslose Zufriedenheit sind Gefühle aus denen noch nie eine Geschichte entstanden ist, die in unserem Umfeld für gespitzte Ohren und Anerkennung sorgen konnte. Warum arbeiten wir täglich an der Antwort, die uns offenbaren soll, was wir irgendwann einmal werden wollen? Warum nicht einfach Sein auf dem Weg zu den Zielen, die gelassen und definitionslos ein Recht darauf haben im Raum stehen zu dürfen. Reicht es nicht, die Wege zu kennen? Seit einer guten Woche bin ich nicht in der Lage, den Wünschen meines appetitträchtigen Gaumens nachzukommen. Kein Meersalz aus dem Himalaya, keine doppelt gepresstes Olivenöl, das ich doch so gut aus meiner Komfortzone kenne. Keine frisch gepressten Säften mit überteuertem Saisongemüse und ein neuer Van, dem eintausend neuseeländische Dollar fehlen, um als Straßentauglich verbucht werden zu können. Ich habe meine Ersparnisse aufgebraucht und erlebe wie unglaublich lebendig sich finanzielle […]

BRAVOUR

Ich will einfach nur diese Schlüssel. In den letzten Wochen habe ich vergebens auf Schrottreife Kombiwagen geboten, die ich eigentlich nicht brauche. Weil im Leben nichts ohne Sinn ist, weiß ich jetzt auch warum. Weil eine durchgeknallte Mutter mit fünf Kindern bereit ist meinen Nissan Spoiler gegen 1200 Dollar und einen vielversprechenden Mazda(rati) Van einzutauschen, der mehr bereithält als nur genügend Stauraum. Seit neun Uhr sitzen wir zusammengepfercht an einem Küchentisch und hören uns höflicherweise die Chronologie ihrer gescheiterten Beziehungen an. Unglücklicherweise sind da mehr Väter als es Kinder gibt und keine Aussicht auf das Wesentliche. In meiner rechten Hand halte ich eine Tasse löslichen Kaffee, der mich vor der Beteiligung dieses Gespräches bewahrt. Vor mir liegen zwei Formulare, welche die Rechte des Käufers auf den Verkäufer übertragen. Dank dieser muss Mario herhalten, als sie sich auf dem Weg zur Vitrine ein Stück Glas in den Fuß bohrt und uns auffordert das Utensil mit einer Bastelschere zu entfernen. Ich fülle mehr aus als mir zusteht und drücke ihr unter Schmerzen den Kugelschreiber in die Hände. Einen Druckverband später sitzen wir auf den Polstern des Mazda Bongos und betätigen die Zündung. Aus ironischer Vollendung startet unser mobiles Zuhause erst beim dritten Versuch, worauf ich final das schlechte Gewissen verliere, weil wir mein Gefährt für den doppelten Kaufpreis losbekommen haben. Ich rufe Jordan an und lass ihn wissen, dass wir seine Bilder mit nach Kuaotunu nehmen können. Hier wohnt Luke. Ein siebenundzwanzigjähriger Restaurantbesitzer mit Hang zur Kunst, den ich vor einigen Tagen bei einem Humusbrötchen in Manu Bay kennengelernt habe. Drei bis vier Fuß treiben uns in dieser Nacht in eine der unzähligen Buchten des Coromandel. Luke fährt den Allrad […]

Au Revoir 

Wir sitzen in diesem sonnendurchfluteten Esszimmer. Es ist acht Uhr morgens, glaube ich, und sie bietet mir einen Instant Kaffee an. Es läuft Musik, damit die Pausen zwischen den Gesprächen erträglicher werden. Sie fragte, was mich zu solch einer polarisierenden Aussage getrieben hat? Dann beginne ich vom Wollen zu erzählen, von fesselnder Freiheit und kultivierter Verliebtheit. Von verspielter Konstanz abseits kurzlebiger Freude. Von maßloser Erfahrung und gerahmtem Gefühl. Interessiert und desillusioniert sitzt Sie da, als ich mir eine Zigarette anmachte. Ich bin morgens bemerkenswert aufnahmebereit, lediglich meine Gegenüber scheint diese Affinität nicht mit mir zu teilen. Wir sprechen über alles, außer über die letzte Nacht, das jedoch auf eine erwachsene Art und Weise. Wir werden uns nicht wiedersehen, denn mein Zug geht hab elf. Sie ist bezaubernd auf eine nicht bezaubernde Weise. Ihre definitionsbedürftige Art schiebe ich auf ihre Herkunft. Ich verbrenne mir die Zunge und versuche dabei entspannt zu wirken. Sie ist einunddreißig und hat scheinbar noch nie ein Fenster […]

PRÄSENZMOMENT

Ich wache auf. Meine Arme sind durch den anhaltenden Muskelkater kaum in der Lage, die Tastensperre meines Telefons zu entriegeln. Wir hatten gute Wellen die letzten Tage und genügend Zeit, dieses natürliche Angebot auszukosten. Irgendwann heute landet Mario auf neuseeländischem Boden. Die Nachricht auf meinem Telefon verrät mir, dass es genauer gesagt vor einer halben Stunde gewesen ist. Ich wecke Jordan auf, der im Zimmer nebenan insgeheim davon träumt auch an die Ostküste zu ziehen. Doch ist unsere Beziehung zu brüderlich, dass einer von beiden zugeben würde, den Weg des anderen gutzuheißen. Gestern habe ich ein paar Stunden in dem Laden verbracht, in dem er über den Sommer versuchen wird, deutschen Backpackern das Geld aus den Boardshorts zu ziehen. Nach zweistündigem Kaffeeklatsch und ein paar Stiefeln für die ich eigentlich noch nicht Manns genug bin, bucht er eine Lastschrift auf meine Kreditkarte. Ich habe die letzten Tage zuhause in Raglan verbracht. In dieser Komfortzone, in der das ganze Städtchen nach einer Viertelstunde Bescheid zu wissen scheint, gegen wen ich am gestrigen Morgen in einer Runde Backgammon verloren habe und wie viel Milchkaffe dabei im Spiel war. Es fällt mir schwer den Ort zu verlassen, der mich in den letzten vier Monaten mehr geprägt hatte, als eine deutsche Rheinmetropole, in welcher ich für die letzten vier Jahre meinen vernachlässigten Hauptwohnsitz hatte. Denn dem Hier und Jetzt wird endlich die verdiente Relevanz zugesprochen und Verabredungen in ganztägigem Voraus sind so unausstehlich, wie Reisebusse voller Backpacker. Deswegen bin ich pünktlich zwei Stunden zu spät, als ich Mario und seinen Jetlag auf dem Parkplatz des Auckland International Airports in mein fünfhundert Dollar teures Fahrvergnügen einlade. Direkt am nächsten Morgen klingelt der Tatendrang und ich präsentiere meine Komfortzone. Zur Begrüßung gibt es ein zwölf Fuß hohes Lagefeuer, deren Illegalität sogar die Feuerwehr beiwohnt und vier solide Fuß Indicators, die jegliche Erinnerungen an französische Saisonarbeit in den narrativen Schatten stellen. Wir klettern auf einen Berg auf der Coromandel Peninsula, um etwas Abwechslung in die wellendurchtriebene Routine zu bringen. Auf dem Gipfel […]