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BYND

Konstantin Arnold

 

TRADITION

Ich habe mein letztes Bild für einen Bauchnabel-Piercing in Innsbruck verschwendet, weil ich nie gedacht hätte, dass die Steiermark schöner ist als Italienisch aus Südtirol. Alles, was du jemals über Österreich gehört hast, stimmt! Auch, dass Wiener Würstchen in Wien Frankfurter heißen und es in Salzburg keine Stereotypen gibt. Dafür aber Tristesse inmitten hügeliger Geborgenheit, die sich an die unbeeindruckte Aussprache gleicher Buchstaben klammert und im Gasthof Richter dafür sorgt, dass man nach dem Apfelstrudel direkt etwas Rauch in die feierabendliche Routine blasen darf. Auch, wenn du dazwischen gepresst irgendwas mit Medien machst, bleibt der Dartautomat hier immer noch das modernste Stück Inneneinrichtung. Denn Schnee von gestern liegt hier bis heute. Also von nun an in Wörtern, für die mir die Bilder fehlen. Und in bereichernden Unterhaltungen, die wir nur schlecht verstehen. Zum Frühstück in den Kaffeehäusern der Hauptstadt und zum Wohlfühlen in Graz. In einem ebenerdigen Büro mit Schaufenster, durch das wir uns gerne beobachten lassen, während wir mit verschränkten Beinen und roten Marlboro über kreative Schaffensprozesse und menschliches Geltungsbedürfnis debattieren. Zwischen Poeten und Proleten. Immerhin sehe ich aus, als würde ich ins Fitnessstudio gehen. Vor allen nach der ersten Flasche Zirbenschnapps, durch die wir später auf dem Teppich vor der Rezeption vom Hotelchef geweckt werden. Leider zu spät fürs Frühstück, aber sieben Scheiben Kärntener Schinken sind immer hin auch ein Schnitzel und auszubildende Hotelfachfrauen herzerwärmend verständnisvoll. Jetzt vielleicht doch dieser Algensmoothie, der mich im südfranzösischen Wahnsinn der letzten Woche immer wieder vergessen ließ, dass ich überhaupt geraucht habe. Oder frische Bergluft mit Falco und Exhibitionismus auf 1900 Höhenmetern. Gerne auch endlich eine neue DB Mobilausgabe im Intercity zur Feier der gespeicherten Anmeldedaten. Denn Voraussicht ist wichtig. Ob bis zu einem Masterstudium in Lissabon oder der richtigen Geschichte zum Portugal Pro kann ich ohne Umpacken direkt bis nach Griechenland fliegen. Sitzend, aber in Bewegung kommt es schließlich nicht darauf an was geschrieben wird, sondern wie. Der Inhalt unzeitgemäßer Erotikmagazine an Autobahnraststätten bestätigt die Ausnahme […]

 

WALACHEI

Ich habe mich in meiner Heimatstadt für einige Wochen ohne Reisepläne aus dem Haus getraut und Bilder gedruckt, die jeder normale Mensch auf Instagram veröffentlicht hätte. Ich hatte Zeit für eine richtige Frisur und Fragen, auf die man ab Mitte 20 richtige Antworten fordert. Natürlich ist fehlende Verfügbarkeit auf eine unnahbare Weise anziehend und dekadent. Genauso wie kreative Langeweile, oder was man sich eben darunter vorstellt, wenn man für einige Tage mal nicht aus gepackten Koffern leben kann. Deshalb habe ich ziemlich oft auf Aktualisieren geklickt und bin von einer Klippe in einen gemütlichen Bergsee gesprungen. Auch, wenn hier Routine fehlt, um länger als nur kurz aus voller Gewohnheit schöpfen zu können. Zwar ist es immer noch unfassbar, dass ich Kelly Slaters Halbfinal-Jersey in einer Situation anhatte, für die mir das salonfähige Vokabular fehlt, aber eigentlich gibt es gegenwärtig rein gar nichts zu erzählen. Ich will immer noch ein Motorrad und bin bereit 15 Euro zu zahlen, wenn man mich und meine pferdestehelende Pfarrerstochter nach der Abendschule ohne Helm anhält. Mittlerweile sind unwesentliche Ortswechsel abenteuerlicher als mitgeteilte Interkontinentalverbindungen geworden. Zumindest, wenn man in Dorfe oder Stadt noch eine alte Flamme sitzen hat. Oder aufhört zu glaube, dass sich zu Tode langweilende Stewardessen in den Hotels ihrer Ankunft wirklich extensiv in den Schichtwechsel feiern. Zumindest, wenn die dienstleistende Airline Emirates heißt. Denn Aufdringlichkeit kann helfen die eigene Gesellschaft wieder richtig schätzen zu lernen. Etwas Demut auch. Ob nach durchzechten Nächten oder atemberaubenden Tuchfühlungen ist jedem selbst überlassen. Genauso wie die aufoktroyierte Pflicht nach Integrität und ihrer zeitgemäßen Rechtschreibung. Immerhin ist Exzess die Droge unserer Zeit und Selbstzensur ihr veröffentlichter Begleiter. Deswegen geht es hier einfach um die Sache an sich! Und meiner Mutter darum nach einigen Caipirinha endlich etwas gesunden Rock’n’Roll zu tanzen. An Tagen […]

 

WALLUNG

Endlich wieder Transit. Ziel erreicht. Nicht mehr hier und immer noch nicht da. Hauptsache unterwegs ohne darüber zu sprechen. Johannesburg. Zwischenstopp. Mitternacht, aber zu Hause gibt es gerade erst Frühstück. In Transitzonen sind alle gleich. Gleich interessant. Weil Abenteuer Alltag. Ich lebe zwischen den Orten für diesen Moment, in dem anonym nur das Jetzt zählt. Nichts definiert. Bis auf die Kleiderordnung im Rollkoffer und die bezahlte Begrüßung am Check-In. Weil man heute und morgen schon wieder weg ist. Verspätet, verschlafen, und vielleicht noch beruflich hier. Gespannt, aber dank Urlaubsbräune cool und gelassen. Frühstück bis 10, Übergepäck und dann viel zu teurer Espresso. Abschied trifft Ankunft. Realität zwischen sonnigem Ausblick und gemachter Erfahrung. In Übersee oder am Fließband. Natürlich ist der Alltag von Menschen interessanter als ihre Abenteuer, weshalb ich trotz fehlender Anerkennung das heimatliche Kellerzimmer schätze! Aber Abflugtafeln sind die elektronische Version der Freiheit. Freiheit die Parole unserer Zeit und Zeit zwischen Fensterplatz und anmutigen Stewardess laut Reiseplan vorgegeben. Solange über den Dingen. Sitzend, aber in Bewegung. Die Welt zu Füßen. Zum Pinkeln in München, zum Scheißen in J-Bay. Bist du noch bei mir oder dir selbst treu geblieben? Denn Horizont erweitern, ist wie Brust vergrößern. Überall möglich doch irgendwie unnatürlich. Jedenfalls mittlerweile. Oder bist du immer noch verwundert, dass man hier kein Deutsch spricht und Bier vom Fass Südafrikanischen Rand kostet? Ich liebe verrauchte Bars, aber bitte ohne den kleinbürgerlichen Wunsch nach Exotik. Deshalb zurück in den Transit und seinen eigenen Regeln. Weder Fisch noch Fleisch. Übertrieben und entweltlicht. Obwohl man gerade erst wieder versteht wo auf der Erde eigentlich Nacht ist. Irgendetwas tut sich. Mit 25. Muss ich deswegen damit anfangen mein T-Shirt in der Hose zu tragen oder ertrage ich einfach keine nicht ausformulierten Notizen? – schaue Lost in Translation  im ICE nach München und denke, dass Scarlett Johansson mein Typ ist  – streue mir am Frühstücksbuffet unwissend Dekoration ins Rührei – knutsche Mitbewerberin nach Axel Springer Testtag zwischen Alexanderplatz und Friedrichstraße. Muss ich für diesen Thrill um die halbe Welt fliegen oder kann ich direkt hinter dem Gartenzaun damit anfangen? In einem zweiten Frühling, indem man sich und das Waldstück vorm eigenen Elternhaus völlig neu kennenlernt? Die Antwort ist: Nein! Weil es hier morgens meistens bewölkt ist und man Geduld braucht, um trockenes Feuerholz zu finden. Weil jeder einzelne Kilometer Abstand erst wirklich frei macht von den Erfahrungen, die uns mit den heimatlichen Selbstverständlichkeiten verbinden. Abenteuer ist eine Perspektivfrage und der Thüringer Höhenwanderweg forstwirtschaftliche Langeweile mit internationaler Bekanntheit. Hektische Jogger auf der Suche nach Kondition vergangener Tage. Funktional gekleidete Rentner auf dem Weg zum nächsten Stück Schwarzwälder Kirschtorte. Und wir. Falsch gekleidet, übermotiviert und nach 25 Kilometern völlig durchnässt. Und ich dachte wir machen Wildnis? Schlafen auf Moosböden, trinken Whiskey am Feuer und lassen das […]

 

FRIEDE, FREUDE, OZEAN

Das erste Hotel war in Strandnähe. Vier Sterne, umgeben von überkopfhohen Mauern auf denen Hochspannungsleitungen installiert wurden, damit die vermögende Gemütlichkeit nicht abhandenkommt. Der Mann, der mir dort jeden Morgen pochierte Eier mit Speck servierte, lebt seit 28 Jahren in einer Behausung, in der wir nicht einmal unsere Gartengeräte unterstellen würden. Er und seine sieben Geschwister hatten einst ein Haus. In Zeiten der Apartheid. Aber dort wo er herkommt, hacken dir äußerst aggressive Stammesvertreter der Zulus mittlerweile die Hände ab und zwingen dich, sie dann wieder aufzuheben. Shaka, einst König der Zulus, fesselte ungebetene Gäste über einen Bambusspross und ließ ihnen das Süßgras in den Arsch wachsen. Wichtig zu wissen, dass Bambus die schnellst wachsende Pflanze der Welt ist und am Tag bis zu einem Meter zurücklegt. Grauenhaft kreativ. Aus unserem zweiten Hotel, mit der Badewanne mitten im Zimmer, mussten wir leider nach der ersten Nacht wieder ausziehen, weil wir bei den allnächtlichen Einbruchswellen einfach nicht ruhig schlafen konnten. Verdammt unerhört, wenn die Dritte Welt ungefragt ihr Recht auf materielle Gleichberechtigung in Anspruch nimmt. Übel nehmen kann ihr das keiner. Nur ein paar Laptops, iPhones und elektrische Küchengeräte. Jetzt wohnen wir in einem noch sichereren Ferienidyll, bewacht von schwarzen Sicherheitskräften, die in einer Zwölfstundenschicht fast 16 Euro verdienen. Eine gut bewachte Blase, in der die Erste Welt eines der größten Surf-Events des Jahres feiert. Mitten in Südafrika. Also willkommen zu den J-Bay Open. Alle sind gekommen. Die Kelly Slaters, die Mick Fannings und die ganze Verbandsspitze. Gut bewachte Luxusunterbringung, Hauswand an Hauswand und Stimmung wie im Ferienlager. Hier ist die Welt noch in Ordnung und man wird das Gefühl nicht los, sich bei Julian Wilson, direkt nebenan, im Notfall auch etwas Toilettenpapier leihen zu können. Wir alle sind vom Flughafen direkt hierher. Ohne Umwege. Aus der akklimatisierten Economy Class in eine gut isolierte Welt, die mit dem eigentlichen Südafrika nichts gemein hat. Okay, Maschinengewehre am Check-In, aber die haben wir mittlerweile auch in Europa. Vielleicht noch ein paar Jugendliche, die den Müllhaufen an der Einfahrt zum Dreamland nach etwas Brauchbarem durchsuchen. Essen, Kleidung, benutzte Kondome. Hin und wieder lädt der ein oder andere Pro-Surfer eine afrikanische Familie zu sich nach Hause ein und lässt sie für einen Nachmittag an Luxus und Geborgenheit schnuppern. Tropfen auf die heißen Steine, aber jede noch so kleine Geste zählt, oder? Südafrika ist ein Land der Kontraste, surrealer Völkerverständigung, natürlicher Schönheit und furchteinflößender Statistik. Der Versuch, eine moderne, wohlhabende und weltmännische Gesellschaft mitten in der Dritten Welt zu etablieren. Nirgendwo auf der Erde ist arm und reich so weit auseinander und doch so sichtbar nah für beide Extreme. Ein Land voller Vielfalt und Ideale, die von einem Regierungsoberhaupt getragen werden, das einst beruhigend sagte: „Aids kann man in der Dusche abwaschen!“ oder „Aids heile man durch Sex mit einer Jungfrau!“. Die Folge: sechs Vergewaltigungen pro Sekunde. Noch heute! Eine Regierung durchtrieben von Korruption und Intrigen. Natürlich ist das Regenbogenland eine einzige Perspektivfrage, aber Integration muss hier erst einmal definiert werden. Wir sprechen nicht mehr von Ressentiments, sondern von Rassismus. Schwarz serviert, Weiß diniert. Noch immer erhält man einen Pokal der Menschlichkeit, wenn man eine maximalpigmentierte Reinigungskraft wie einen richtigen Menschen behandelt. Lobende Blicke für die Steigerungsform der Selbstverständlichkeit? Und mittendrin die World Surf League. Natürlich weltoffen und sensibel für die Probleme unserer Zeit. Immerhin werden vier der elf jährlichen Tour-Stopps in Ländern ausgetragen, die von den Millenniumszielen der UNO noch nicht einmal gehört haben. Kann es sich ein Unternehmen wie die World Surf League leisten, wirklich politisch zu werden? Kann es sich eine gutaussehende Sportart erlauben, auf die unästhetischen Probleme hinzuweisen, die wirklich unter die gut gebräunte Haut gehen?Jeffreys Bay ist ein Ort mit 700 Tagen Wellen im Jahr. Ein Küstenort, der ohne dieses Event auch für Minimalpigmentierte zur überlebenswirtschaftlichen Herausforderung werden könnte. Der Surftourismus boomt. Die Restaurants platzen. Zumindest einmal im Jahr. Die World Surf League rückt diesen Ort auf die Landkarte. Kommt, nimmt, und lässt laut Aussage südafrikanischer Surfverbandsvertreter nichts für den Sport und ihre Kommunen zurück. Durch diesen Ort führt eine große Straße. Vorbei an der Contest-Area bis hin zum Outlet-Center, in dem alle großen Surfmarken die Kollektionen vergangener Jahre für Äpfel und Eier verscherbeln. Cafés, in denen man den anstrengenden Shoppingtag ausklingen lassen kann. Marketingbüros, Headquarters und dann das! Ein ausgebranntes Fabrikgebäude am Ende der Straße: das einstige Billabong-Hauptquartier. Vermutlich angezündet, nachdem in der Woche zuvor 40 Mitarbeiter entlassen wurden. Die letzte Bastion der Konsumgesellschaft, bevor Plastikhütten, Müll und Perspektivlosigkeit die Landschaft zeichnen. Genau dort möchte ich hin. Das wirkliche Südafrika kennenlernen. Den Kontrast erfahren. Natürlich fühlen wir uns unwohl. Nicht nur, weil unser Land Rover größer ist als die Hütten der dort lebenden Menschen. Sondern durch dieses unterbewusst permanent schlechte Gewissen weiß zu sein. Krankenversichert, während diese Menschen an Typhus und HIV leiden. Überfressen, während diese Menschen..und so weiter. Auf unserer Rückbank sitzt Wellington. Ein Jugendlicher aus den Townships, der uns mit den Leuten in Verbindung bringt und uns genau sagt, mit wem wir lieber nicht Kirschen essen sollten. Ich bin von der Freundlichkeit überwältigt. Von diesem herzerwärmenden Lächeln. Von diesen strahlend weißen Zähnen. Von diesem Interesse. Wir halten an einer Hütte, die sie hier Shebeen nennen. Eine Kneipe, die nichts mit deinen bestehenden Vorstellungen gemein hat. Wir kaufen Bier für die ganze Runde und stoßen mit einem Typen an, den sie hier Genitals nennen. Er erzählt uns, dass früher alles besser war. Zu Zeiten der Apartheid? „Ja, weil der Rassismus öffentlich organisiert war und nicht so verkappt wie heute. Es gab klare Strukturen, wir hatten ein Haus und die Polizei war nicht so korrupt! Wir sind auf uns allein gestellt und warten auf die leeren Versprechungen der Regierung.“ Noch immer herrscht in Südafrika diese irrationale Angst vor dem Ungewissen. Xenophobie. Auf beiden Seiten. Auch in Kapstadt. Dort wo Laufstegmodels für etwas weltmännischen Glanz sorgen. Wie können diese Menschen hier überhaupt von Glück sprechen, wenn Milch und Honig so sichtbar und eingezäunt direkt vor ihrer Nase fließen? Manche Kinder fliegen mit dem Flugzeug zur Schule. Andere haben noch nie ein Auto von innen gesehen. Bevor wir zurück fahren, müssen wir noch an einem Busch vorbei, in dem Wellington seine Warnweste versteckt, die er für seine Schicht als Parkplatzzuweiser braucht. Er sagt, dass man sie ihm sonst stehlen würde. Über zehn Mal wurde er schon mit einem lebensbedrohlichen Gegenstand bedroht. Und ich dachte, das Schlimmste, was mir hier passieren könnte, ist eine eingezogene Kreditkarte oder die noch allzu gegenwärtige Haihysterie. Doch die Menschen haben sich daran gewöhnt. An diese stetige Gefahr. Falscher Ort, falsche Zeit. An unübersichtlichen Ecken wird bei Rot nicht gehalten und bevor man das Haus verlässt: Fenster zu? Gitter davor? Laptop unterm Bett? Doch heute Abend wird gefeiert. In dem Haus, das der südafrikanischen Surfhoffnung Jordy Smith während der Wettkampftage zur vollen Verfügung steht. Gefühlte zehn Haushälterinnen, Köche und Securities laden ein, irgendetwas zu feiern. Nur was, weiß […]

 

FRIEDE, FREUDE, OZEAN II

Vier der elf jährlichen Tour-Stopps der World Surf League finden an exotischen Orten weit unterhalb der Armutsgrenze statt. Einer davon in Südafrika. Ein unwirkliches Urlaubsidyll zwischen Ressentiments und Rassismus. Eine Oase der Ersten Welt, gewahrt durch strukturelle Ungleichheit und Friede, Freude, Ozean […]

 

QUO VADIS?

Aus dem Fußballer ist mittlerweile ein Kunststudent geworden. Und die zwei normalen deutschen Surfer bekommen langsam, aber sicher soliden Bartwuchs zwischen Kinn und Oberlippe. Trotzdem sollte man aufhören mit falscher Bescheidenheit hausieren zu gehen, weil sich Tiefe letztlich nur mit gesundem Humor transportieren lässt, ohne dabei lächerlich zu wirken. Von nun an dürfen wir dieselben Witze nicht zweimal machen, wenn wir herausfinden wollen, welche Rolle wir eigentlich wirklich in der Welt spielen. Natürlich muss man die Regeln erst kennen, um sie zu brechen, aber wie man mit ungebundenen Surfmagazinen Geld verdient, haben wir immer noch nicht verstanden. Und wir sind mehr geworden. Dafür wissen wir, wie man zwischen Palmen und tropischem Piña Colada unzufrieden bleibt und das Kai Neville seine Aufnahmen doch mit einem weißen iPhone tätigt, wenn die retrosüchtige Kumpanei mal nicht hinguckt. Wir haben schlichtweg beobachtet und versucht in Canggu die richtigen Worte zu finden, damit Interviews endlich wieder mehr tun, als in Pressemitteilungen zu sprechen. Ein Hoch auf Plattitüde. Tolles Wort! Gegoogelt und als passend empfunden. Immerhin ist Selbstinszenierung die Droge unserer Zeit und irgendwann sicherlich auch in China erhältlich. Genauso wie südafrikanische Gleichberechtigung und den Versuch mit blasser Haut möglichst gebräunt auszusehen. Kingston Town ist gefährlich, das Internet aber auch. Wir werden älter und der Arsch wird kälter. Dafür konnten […]

 

OLYMPISCH

Überall gegenwärtig und doch nicht greifbar. Irrational und wenig durchdacht, diese mystische Angst vor dem Mainstream. Von wem getragen, von wem gefürchtet? In Zeiten, in denen ein millionenstarkes Sensationspublikum die Sendezeiten bestimmt, Core Brands wie Vans Milliardenumsätze schreiben und Nyjah Huston seine Skateboards in einem 2.7 Millionen Dollar teurem Poolhouse unterstellt, sollten wir uns verabschieden. Verabschieden von der Verpflichtung den Spirit unserer geliebten Randsportarten wie einen Heiligen Kral in unseren Kellern einzusperren, um ihn vor dem  Rest der Welt fernzuhalten. Immerhin leben wir nicht mehr in den 80’ern, sondern ändern heutzutage unser Profilbild. Wir haben genügend Smileys für fast jede Gefühlslage und fühlen uns eigentlich nur noch durch retromodische Fehltritte mit einer Vergangenheit verbunden, die wir vielleicht gar nicht selbst erleben durften. Die Zeiten, in denen Interviews mehr getan haben, als nur Sponsoren zu danken sind vorbei. Zeiten, in denen man auf Dopingtests verzichten musste, weil sonst drei Viertel der Surfing World Tour nicht mehr teilnahmeberechtigt gewesen wären, auch. Früher war alles besser? Sagen wir sicherlich auch in 25 Jahren. Massenmedien, Massensportart, Werbeblöcke und Gewinnspiele in der Halbzeitpause. Wird dir schon schlecht? Wir versuchen es anders! […]

 

NAIV

Ganz einfach Nordspanien. Zu viel unterwegs, um genau zu sagen wo wir gerade aus den Austern schlürfen. Wir fahren einen schnellen Mietwagen und halten den nötigen Abstand zu Burnout Patienten auf dem Jakobsweg. Eigentlich wollte ich in Hossegor bei ein paar coolen Engländern wohnen, die jetzt mein Buch verkaufen, aber irgendwie fängt der Urlaub vom Urlaub erst südlich von Biarritz an, wenn man versuchen will Selbstverständlichkeit wieder schätzen zu lernen. In fremden Städten ohne besondere Aufgabe. In fremden Betten mit Magenverstimmung und ausformulierten Sexszenen von Charles Bukowski. Dafür sind wir für baskische Tapas an einem Wochenende bis in den Dispo gegangen und haben uns, im Gebirge an jeder schlecht ausgewiesenen Käserei, Zeit zum Ausprobieren gelassen. Natürlich war uns die Gondel zum Gipfel zu touristisch. Natürlich gibt es hier kaum noch etwas, das noch nicht fotografiert wurde. Aber San Vicente ist ein Bilderbuch ohne Surfkultur. Ein Fischerdorf ohne hektische Wellenvorhersage, die den Südwesten Frankreichs dagegen zu einer Treibjagd überehrgeiziger Surftouristen macht, mit denen man nach dem zweiten Bier immer noch über fehlende Selbstwahrnehmung sprechen muss. Gib mir mehr! Nach unzähligen Partys und tagelangem Moderationswahnsinn fürchte ich, dass sich die Gelegenheiten häufen. Wer meistens zu Besuch ist, darf sich anscheinend keiner Ausrede bedienen. Deswegen zählt die Vergangenheit hier genauso wenig, wie gute Englischkenntnisse. Klingt das zu eloquent oder darf man einfach hin und wieder auf Aktualisieren klicken und auf der Heckstoßstange darauf warten, dass das Wasser aufläuft? Immerhin dürfen Frauen mittlerweile sogar in engen Leggins und Laufschuhen an irgendeiner Zigarettenmarke ziehen, während sie sich einen Detox-Smoothie bestellen. Immerhin will ich selbst nicht in den Schubladen denken, die im Kellergeschoss von Mutti meine gut zusammengelegte Wechselwäsche beherbergen. Wer sagt mir, wo meine Reise hingeht und wer sagt mir, ob sie überhaupt schon begonnen hat? Jedenfalls sitze ich in einem spartanischen Zimmer in San Sebastian und merke es reicht nicht. Ich brauche wieder einen neuen Ort, an dem man selbst entscheiden kann, wer man eigentlich sein möchte. An dem nichts definiert, außer den interessierten Blicken derer, die genau wissen, wann hier der Bus fährt. An dem dir an jeder Ecke die Brieftasche geklaut werden kann oder du romantischer Weise mit deiner nächsten Exfreundin zur gleichen Kohlrabi greifst. Nordamerika. Vancouver Island oder Kalifornien. Hier hat Realität noch genügend Platz zum Träumen und Erfahrungslosigkeit einen klaren Wettbewerbsvorteil. Fakt ist: Scheiß auf die Zimmerpflanze, denn es ist eigentlich nie weg gewesen. Diese kindliche Neugier am benachbarten Garten. Dieses bedingungslose Vertrauen in die fehlende Erwartung. Obwohl man weiß, dass Gras dort nicht unbedingt grüner ist. Aber höher! Also wer sagt diesen automatischen Rasenmähern mit Hundehütte eigentlich wo’s langgeht? Vielleicht kommt es doch darauf an, wo du bist und nicht was du machst, auch wenn sich die Interviewzitate häufen? Deswegen ist man noch lange nicht so getrieben wie nervöse Familienväter in Lebensmittellaune, die an einem Samstagvormittag versuchen, möglichst nicht zu vergessen, was handschriftliche Einkaufslisten diktieren. Dafür verbringe ich zusammen mit meiner Mutter zu viel Zeit vor dem Kamin. Auch im Hochsommer. Fakt ist: ohne Kultur ist Barfuß nicht zu ertragen. Deswegen kommt uns das Alex Knost Konzert gerade recht, nachdem wir für ein paar Tage luftgetrockneten Schinken im Dschungel gefrühstückt haben. Somit zurück. Denn vom heimischen Lagerfeuer trennen mich noch 22 solide Stunden Busfahrt. Von einer alten Triumph mit verlängerter Sitzbank noch 22 überteuerte Fahrtsunden. Und von einer pferdestehlenden Pfarrerstochter mit markanten Augenbrauen, die ich mit meinem Motorrad von der Abendschule abholen kann, noch eine pferdestehlenden Pfarrerstochter mit markanten Augenbrauen. Hier soll […]

 

FRIVOL

An meinem letzten Tag in Köln sitze ich in einem Café, in das ich schon seit sechs Jahren gehen wollte. Ein paar kurzhaarige Neonleserinnen, die angestrengt daran arbeiten möglichst gelassen auszusehen. Ein paar gut gestylte Großstädter in meinem Alter, die schwer beschäftigt unterbezahlte Facebook-Nachrichten in die Tasten ihres Macbooks hämmern und ihren Sojaccino wie einen Iso-Drink in der Halbzeitpause behandeln. Gerade hat ein schüchterner Mann mit Schal, trotz Frühling, das Zuckerglas vom Tisch geworfen ohne dabei Rot zu werden. Ich bin gestern Abend nicht ausgegangen und deshalb mit einem Gyros in der Hand durch den Sonntagnachmittag geschlendert. Endlich mal etwas städtische Routine! Bilde ich mir ein. Seit zwei Tagen bin ich jetzt wieder hier. Nur um heute auch noch das letzte Stück Sesshaftigkeit in seine mietunverträglichen Einzelteile zu zerlegen. Verdammt wie viele Leute an einem Tag in ein Kaffee gehen! Dafür kann man zwischen den Zeilen indiskreten Blickkontakt mit langhaarigen Medizinstudentinnen halten und sich danach wieder in den Dingen verlieren, die einem das Leben zwischen unpersönlichen Hotelzimmern und rustikalen Studenten WGs vor die Füße wirft. Hier könnte man sicherlich gut über beruflichen Erfolg diskutieren oder durch Selbstoptimierung soweit in sich gehen, bis einem schlecht wird. Steht jedenfalls auf der Tageszeitung neben dem Damenklo. Eigentlich wollte ich mal eine Pause machen, aber unnatürlich lebenswerte Großstädte sind ohne redundante Rendezvous einfach nicht zu ertragen. Natürlich bange ich um meine Bräune. Natürlich habe ich keine Angst vor zu vollen Kühlschränken, obwohl sie uns für eine bestimmte Anzahl von Tagen an einen bestimmten Ort binden. Aber ein weißes Blatt Papier ist einfach nicht zu schlagen. Und das für die Stadt, in der ich studiert, gelebt und geliebt habe, ist bis über den Tellerrand beschrieben. Dazu die Perspektive aus Frankreich, Portugal, Südafrika, Kuba und den fast schon kalkulierbar spontanen Affären meiner Arbeit. Trotzdem wird es endlich mal wieder Zeit für eine Zimmerpflanze und zeitgemäßes Engagement für die eigene Wandgestaltung. Deswegen habe ich dem Prüfungsamt meiner skandinavischen Bewerbung gestern nochmal ein schönes Wochenende gewünscht, obwohl ich mich momentan nicht wirklich für langweilige Gespräche begeistern kann. Liegt das an 21 Moderationen in 15 Tagen oder einfach daran, dass die Anforderungen an eine Unterhaltung mit zunehmender Beschäftigung unterbewusst steigen? Die letzten beiden Wochen waren anstrengend und schön. Wir sind verkatert in Regensburg losgefahren, weil wir nach sechs Stunden, an einem Aral-Stromkasten, schon nach dem ersten Komma vergessen haben, was wir eigentlich sagen wollten. Wir haben Krustenbraten in Karlsruhe und richtige Spätzle in Freiburg gegessen, auch wenn beim Bestellvorgang kurzzeitig die Musik stoppte, weil kein Kneipenbesucher unserem Dialekt Glauben schenkte. Ich habe in Nürnberg vor fast 1000 Leuten gesagt, dass wir in Thüringen die größeren Würste haben und in Kiel mit Freunden und einer Jukebox die Bedienung einer Hafenkneipe in den Wahnsinn getrieben. Ich musste in einem Waschsalon in Leipzig auf meine vier Unterhosen warten, kurz vor Rügen schon wieder die begrüßende Redensart wechseln und eigentlich in jedem Hotelzimmer angeheitert noch an irgendwelchen Artikeln arbeiten. Die Kunst zwischen erreichten Zielen und strandnaher Genügsamkeit trotzdem unzufrieden zu bleiben, ist einfach: Aspiration. Keine Sorge, dass Wort musste ich auch erst googeln. Genauso, ob einige meiner Facebook-Freunde ihren […]

 

MACHO

Ich habe endlich mein iPhone gegen die Wand geworfen und alle bequemen Funktionen wieder in ihre Einzelteile zerlegt. Dafür muss ich mir jetzt einen verlässlichen Wecker kaufen, damit ich nicht verschlafe viel zu früh am Flughafen Düsseldorf anzukommen. Drei Uhr morgens kann ich nicht einmal sagen, ob Genf wirklich in der Schweiz liegt. Und wie man ein Snowboard Bag packt, hat mir auch niemand erklärt. Was macht man in der Bahn ohne mobiles Internet oder Songs von Ariana Grande? Lesen langweilt mich. Aktualisieren auch. Blickkontakt halten, kann man höchstens mit verschlafen Medikamentenherstellern im Schichtsystem. Vielleicht lasse ich mich einfach von jemandem, der zu dieser Tageszeit schon im Nachmittag lebt, auf meinem neuen Seniorentelefon anrufen, obwohl ich mich bei Klingeltönen aus dem Mittelalter nicht wirklich angesprochen fühle. Das ist mein Beitrag. Mut zur Langsamkeit, weil ich mit tragbarem E-Mailpostfach einfach zu schnell unterwegs bin. Natürlich muss ich mir nun die Telefonnummern notieren, die uns letzten Endes in die französischen Alpen bringt. Natürlich reicht es nicht mehr den Ablaufplan der nächsten Tage nur im Posteingang zu haben. Unnatürlich ist das aber nicht, obwohl ich mir unterwegs gerne angeschaut hätte, wo ich eigentlich hinfahre. Exotisch sind meistens nur die Orte, an denen man durchschnittlich die wenigste Zeit verbringt. Von Rendezvous in Museen mal ganz abgesehen. Deswegen habe ich das mit der Zimmerpflanze aufgegeben. Dafür sprühe ich mir im Duty-Free jedes Mal das gleiche Hugo Boss Parfüme in meinen Flaum. Oder versuche trotz Ladenschluss noch das italienische Tagesgericht zu bestellen, weil das Innenambiente meines Kühlschranks nur aus gesalzener Kaergarden besteht. Wenigstens etwas Raum für Gewohnheit, in dem ich versuche auch in der Business Class möglichst gelassen auszusehen. Mit Second Hand Lederjacke und Dosenbier für sieben Franken sitze ich neben einem glatzköpfigen Finanzbuchhalter, der mir erklärt, dass sich die Bremse eines Porsches schwerer tritt, aber Ferraris schneller rosten. Ich erzähle ihm, dass […]

ps: vorübergehend nicht über Tinder erreichbar