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BYND

Konstantin Arnold

EXIL

EXIL

Montagabend im März, am Rande Europas. Der Himmel wird langsam nachtblau, das Kastell gold und unter der Markise des Cafés ist noch Licht. Ricardo vom Café Nicola stellt langsam die Stühle rein, Jorge, der Schuhputzer hat genug und geht sich betrinken. Frauen in Bügelfaltenhosen müssen heim oder eilen zwischen den angestrahlten Gegenständen der Stadt irgendwohin, ganz fest davon überzeugt, schön wie noch ungelesene Zeitung, und der Klang ihrer Stiefeln läuft ihnen nach. Vor mir ihre Schlagzeilen, ein Glas Roter, Zigaretten und dahinter der Platz Dom Pedros, noch einen letzten Augenblick in der Sonne, jemand schüttet Spülwasser aus, dann schaltet sich die Straßenbeleuchtung ein und die Wege könnten nicht besser sein. Das Leben kommt einem sehr kurz und sehr lang vor. Frieden in Portugal. Alles wie immer. Ricardo kommt und fragt, wies so geht und ich meine ganz gut, nur dass heute mal kein Streit mit der Angetrauen eigentlich nicht gut sein kann darf, und dass ich im Leben nie gedacht hätte, mal in einer Zeitung vor einem Café von Inflation und Krieg zu lesen und das in Europa wieder Menschen sterben. Ricardo ist ein fürchterlich netter Kerl, der aber Zeitungen nicht ausstehen kann, schon gar keine Wochenzeitungen und schon gar keine Deutschen, die doch sowieso die schlimmsten wären, ohne Korrespondenzen, voll mit Ahnungen und Prophezeiung, Gerüchten und Geschwätz oder allein die Hinweise darauf. Ich lese daher eine Tageszeitung, lese von Inflation und Krieg und lese, dass in Europa wieder Menschen sterben. Ich dachte, ich würde nur in Büchern lesen, wie man damals in Zeitungen darüber gelesen hatte. Als Stilmittel eines vergangenen Jahrhunderts. Man entflieht der Geschichte Europas bis an dessen äußerem Rand, in ein kleines, fast aus der Zeit fallendes Küstenstätchen, nur Meer und Unendlichkeit im Blick, aber sie kommt hinterdrein, setzt sich mit an Cafétische, findet einfach statt und erinnert an sich selbst, obwohl man gut ohne schlechte Nachrichten auskommen könnte. Man weiß bei tausend Toten nicht, was ein einziger ist. Ich sehe einem vorbeifahrenden Taxi nach, als würde ich meinen Gedanken nachsehen. Ricardo steht daneben und versucht ihm zu folgen, sieht mit und denkt nach. Er denkt, immer bevor er spricht und ist sehr nett in der Art, wie er denkt und einem die Drinks bringt, aber eigentlich sprechen wir nie sehr lange. Er fängt zwar immer an zu reden und landet schließlich auch irgendwo, aber es ist eher das Vergnügen, zu entdecken, was der andere von dieser oder jener Sache hält, vom Stierkampf oder vom Fado, von Russen, Ukraine und ob wir mit unserer Meinung übereinstimmten. Wenn dem so ist, lächelt er dann immer, wenn er an meinem Tisch vorbeikommt und füllt nach, so, als ob unsere Übereinstimmung von nun an unser kleines Geheimnis wäre, um das nur wir beide wissen. Ricardo stammt noch aus einer Zeit, in der Männer noch Hüte trugen und Lissabon das Küssen auf den Straßen nicht konnte und man den Frauen auf ihrem Weg nicht nachpfiff, sondern von schon von weitem anfing zu pfeifen, weil es sich nicht schickte, eine Dame auf dem Rossio anzuhalten. Weißt du, sagt er nach einer Weile, es gab in Lissabon schon mal so eine Zeit, ebenso irre, nur ganz anders. Damals, als es stockfinster wurde über Europa und ein ganzer Kontinent zu brennen begann. Die große Flucht begann in den 1930er Jahren, erst aus rassisch, ökonomischen Gründen, später folgt eine zweite große Welle, die sich aus politischen Gegnern und einer kulturellen Elite zusammensetzt. Tausende kamen, Juden, Intellektuelle, Schriftsteller und Juden, die Intellektuelle und Schriftsteller gewesen sind. Menschen mit den nötigen finanziellen Mitteln, die durch Berufsverbote und Lebensgefahr ihre Existenzen verließen. Sie versammeln sich hier schräg gegenüber, in der Pastelaria Suíça, einem schöne Café, bis das Röhrenlicht kam und die Eile, die Lissabon über Expresszüge mit dem Rest Europas verband. Heute ein Hotel wie vieles Schöne. Es war ein legendärer Ort, nahe des Bahnhofs, der in Anspielung auf den Pariser Bahnhof Montparnasse, den Spitznamen Bomparnasse erhielt. Bom bedeutet gut und parnass sind Beine. Lissabon war in den 30ern ein Dorf, es döste trotz seiner 600000 Einwohner provinziell vor sich hin. Plötzlich kamen all diese Flüchtlinge und brachten die Freude mit, am Leben zu sein und saßen in den Kaffees bei Sahnetörtchen. Auf einmal wandelte sich die Stadt zur Metropole, voller fremder Sprachen und Hoffnung, Umarmungen ernster Männer, internationaler Lärm, Leuchtreklame und Frauen in den Cafés. Die sorgten für Aufsehen. Sie trugen hochgesteckte Frisuren ohne Hut, kurze Röcke, rauchten in aller Öffentlichkeit und kamen allein. Der portugiesische Schriftsteller Alves Redol fand das nicht schlecht und schrieb: Auf Verlangen der Ausländer, die aus Ländern ohne Sonne kommen und sich wieder für das Leben erwärmen wollen […]

AM FENSTER II

AM FENSTER II

Es war einmal ein ganz normaler Tag und eine ganz normale Nacht, die weder ihre erste noch meine letzte zu sein schien. Wir hatten noch nicht gestritten (bedauerlich, dass mit das auffällt)  und in meinem Kopf waren die Gedanken noch nicht dabei, schon nach neuen Problemen zu suchen. Die Uhren tickten nicht irgendeiner Rückkehr oder irgendeinem Abschied entgegen. Gerade das macht das Dilemma epikureischer Geister ja aus, gerade dann in vollen Zügen zu leben. Ich hatte auch keine großen finanziellen Sorgen, war also nicht mehr als sonst, mehr als sonst, auf meine Honorare angewiesen, noch hatte ich viel zu schaffen,  außer das, nicht mal mal eine Grippe oder was man sonst dann eigentlich immer so bekommt. Ich war tatsächlich angekommen, hatte wieder ein Jahr der Wirklichkeit hinterhergeschrieben, und gewonnen. Jetzt nur noch Paris, aber erst in ein paar Wochen und dann gabs schon Gans, bevor sich das endlose Rad des Wollens und der Zeit wieder in Bewegung setzt: Bamberg, Mosel, München, Eiger Nordwand, St. Moritz, Mailand und dann Rudern gehen mit Basken. Bis es aber soweit war, musste man nicht mehr tun, als in Lissabon sein und glücklich, wenn man wollte, aber in Lissabon sein, war dann eigentlich immer genug. Reisen ist einfach nichts dagegen. Die Kairos, Wiens, Zürichs und Roms, kaum der Rede wert, verglichen mit den tastenden Schritten im Dunkeln auf dem Weg vom gemeinsamen Bett ins gemeinsame Bad, wenn man nachts Durst hat. Nach einem ganz normalen Tag, der für uns alles andere als normal war und absolut noch überhaupt gar nichts von seiner Nacht verriet, die, so dachte ich, niemals auf solche Tage folgen konnte. Sie, also jene Portugiesin mit der ich seit fünf oder sechs Jahre zusammen war (Freundin ist mir zu konnotiert, Lover zu kitsch, ihr Name zu persönlich, meine Frau zu besitzergreifend, Zeit für was neues, ich weiß, weiß nur noch nicht was) entschied nach dem Mittagessen mit mir in die Unterstadt zu kommen. Sie begann auf dem Weg dorthin sogar über meine Witze zu lachen. Ich dachte, mein Gerede hänge ihr lange zum Hals raus. Ich konnte meine Geschichten vor ihr ja selbst kaum noch hören. Verändern ließ sie mich die trotzdem aber nie und korrigierte, wie verrückt, wenn ich ein Auto für die Pointe blau oder einen Franzosen italienisch werden ließ. Meiner Meinung nach, und der von Ferdinand von Schirach, musste nicht immer alles wahr sein, was man so sagt, aber es musste wahrhaftig sein. Dann durfte man die Wahrheit töten. Natürlich wäre es einfacher, sich einfach jemand neues zu suchen, der all die Geschichten noch nicht kennt, als sie ständig vor ihr und sich und all den anderen, neu zu erfinden müssen. Mit einem bestimmten Maß an Hass oder einem, mit dem man auch was anfangen kann. Deswegen reden viele Paare gar nicht mehr, bis sich jemand zu ihnen setzt über den sie dann reden können und sich erinnern, an gemeinsame Jugendtage und Ficken am Strand mit Hass auf Kreta. Andere Paare, die ich kannte waren da aber noch schlimmer, weil sie sich nur mit sich beschäftigten, obwohl sie mit anderen unter Leuten waren. Ich glaube, ich war schon ein paar Tage in der Stadt und ging nach dem Mittagessen wie immer, wenn ich zuhause war und das glaubte, in ein Café, um an Nachmittagen unter Aufsicht zu arbeiten und nicht zu sehr zuhause zu sein, wo man sich gehen ließ und vielleicht onanierte. Ich hielt im-Café-arbeiten für ein Klischee, aber im Sommer, wenn es heiß war und im Winter, wenn kalt, ließ ich mich von meinen Vorurteilen nicht von dieser Bequemlichkeit abhalten. Im Sommer saß ich in der Confeitaria und im Winter, wenn der Regen kam und die Terrassen unter den Markisen schlossen, hinten, im Café Benard. Da ging außer mir sonst nie jemand hin, höchstens die Chefin, um Kaffee zu bringen und zu sehen, ob ich auch arbeite. Man konnte dort gut arbeiten, so allein, den Saal im Blick und von den Bildern Estêvão Soares’ umgeben, der hier früher auch immer war und mit denen bezahlte. Auf dem Heimweg konnte man dann sehr gut denken oder nicht denken, was das gleich ist und gucken und sich seinen Heimweg lang wie ein ganz normaler Mensch fühlen, der gearbeitet hat, anstatt sich vor der Realität in seine Bücher zu flüchten. Vom Benard aus gings aber nur noch bergab und man kam nah an den Schaufenstern der Geschäfte vorbei und konnte in die Buchläden sehen und sah sein Buch und dass vielleicht doch nicht alles umsonst gewesen war, was man gerade wieder getan hatte. Die Auslagen der Juweliere versuchte man zu ignorieren. Sie präsentierten sich sorglos und triumphierend, wie alle toten Dinge, und man versuchte an Schmuck zu denken, nicht an Eheringe oder den Typen, der hinten im Benard immer die Abrechnung macht. Diese Heimwege im Winter durch Chiado an Nachmittagen gehören, neben Hühnchen Essen in Sapadores nach dem Sport, zu den glücklichsten Stunden, vor allem um diese Jahreszeit. Lissabon ist deshalb nicht gleich die schönste Stadt der Welt, muss es auch gar nicht, aber es scheint es eben dadurch zu sein. Man steht in der Apotheke, weil man vielleicht doch krank wird und sieht draußen die Laternen, gelb und alt werden vor den Kirchen, so wie in Rom, als hänge drinnen Caravaggio und die gelben Laternen würden den vor Sachen wie Nasensprays und Weihnachtsshopping beschützen[…]

HIERZULANDE III

HIERZULANDE III

Auf dem Weg zum Flughafen hatte ichs überhaupt nicht mehr eilig. Mir war egal, ob wir den Flug verpassen und was der Typ auf dem Karren mit dem Pferd vor uns wieder trieb. Es war der gleiche Typ vom letzten Mal oder es war ein anderer. Der Flug nach Sharm el-Sheik war eh verspätet und selbst dann, als er losging, wurde noch in aller Ruhe gebetet und der Pilot sagte, dass wir in einer knappen Stunde in Sharm el-Sheik sind, aber nur so Gott will. Wir konnten den Sinai von oben sehen und ich versuchte mir einzureden, dass wir auf die Sinai-Halbinsel flogen und nicht in ein Ressort nach Sharm el-Sheik. Schon gar nicht nach Sharm, wie es vielen nennen. Ägypten war eigentlich auch nie was für mich, vor allem das Rote Meer, Pauschalurlaub, Reisebüros, die Sehnsucht versprechen und Saufen am Strand. Es gibt genau drei Orte in Ägypten, wo man definitiv nicht in Ägypten ist. Zwei davon haben wir gesehen. Das Rote Meer ist aber erst einmal sehr blau. Das liegt am Gelb. Tagsüber fragte man sich und erst abends, wenn die Straße von Titan Rot ist, weiß man warum. Für viele ist das Rote Meer nicht die bedeutendste Schifffahrtsroute der Welt, kein Ort, wo Zugvögel halten auf ihrem Weg nach noch weiter Süden. Aber der Sinai fällt hier ins Meer. Nirgendwo sind sich Trockenheit und Nässe so nah. Moses hat hier irgendwo das Meer geteilt, als man Ebbe und Flut noch nicht kannte. Einfache Fischer können heute noch auf den Riffen über das Wasser gehen, aber es gibt Medikamente für Leute die Götter in brennenden Dornbüschen sehen. Es ist Jordaniens Zugang zum Meer und Israels größte Handelsstraße, ohne Ägypten. Man sieht am Abend auf die Straße von Titan und weiß das alles und weiß, was die Engländer hier trieben, während Lawrence von Arabien seinen Streifzug durch die Wüste führte und die Osmanen dachten, man würde Akaba höchstens vom Meer aus nehmen, nicht aus der Wüste. Man fragt sich, ob die damals zwischendurch Schwimmen gingen und sieht ein letztes einsames Bananenboot im Abendlicht auf dem Meer. Der Wind trägt Musik von Ed Sheeran und El Taiger in Fetzen aus den anderen Ressorts her. Palmen wehen im Wind. Es war eigentlich genau das richtige nach all den Wüsten, Straßen und Streits, Scheißereien und Kairo. Dem ganzen Dreck der Cafés, Toiletten und räudigen Taxirückbänke. Ich duschte wie lange nicht, nahm eigentlich ein Bad im Stehen und genoss es, wieder in einem Four Season zu sein. Ich war gepflegt wie nie, mein Notizbuch voll, alle Filmrollen alle. Es war eigentlich nicht schlecht jetzt am langweiligsten Ort auf der Welt zu sein. Fünf-Sterne damit sie ohne religiöse Belästigungen Schwimmen und Schnorcheln gehen kann. Es war viel zu gut und ich bekam Zwangsgedanken, die sich nach unserer Ankunft darin äußerten, dass ich mein Hemd eine Viertelstunde lang zurechtlegte. In einem Anflug von Panik wollte ich in den nächsten Flieger nach Kairo steigen. Dann zerknüllte ich das Hemd und sah was passiert: Nichts. Meine Freundin beruhigte mich und sagte, komm, bügel dein Hemd, wir gehen an die Bar. Wir hatten keine Ahnung welcher Tag ist, aber das war in solchen Hotels auch egal. Hier war immer Urlaub. Ich fragte sie, ob sie nach dieser Zeit überhaupt noch eine Ahnung hätte, wer wir sind, wie unser Leben vorher war und ob wir am Meer gewesen sind? Sie sagte ja, am Toten, aber das zählt vielleicht nicht. Sie sagte, sie wusste in der ganzen letzten Zeit nicht was für ein Tag war, außer freitags, weil dann die Leute vor ihren Ausblicken saßen und alles fünfzehn Minuten weit weg war. Wir wurden auf dem Weg zur Bar schon melancholisch, wollten uns die Melancholie aber für einen Drink aufheben, bei dem wir unsere Erlebnisse Revue passieren ließen. Problem war nur, es gab keine Drinks, außer Martini, was das gleiche ist. Die Typen von der Bar ließen uns auch nicht in Ruhe. Erst stellten sie die Karte vor und dann sich und das ganze Ressort und dann machte auch noch einer Musik. Sie nannten mich Sir und Boss und waren das Gegenteil von Herbert aus der Chesa Grischuna in Klosters. Man musste auf alles Steuern zahlen, sogar auf die Steuern und der Alkohol war unbezahlbar. Die Kellner wechselten nach jedem Zug den Aschenbecher und schenkten ständig ein, und wenn ein Käfer oder irgendein hier lebendes Tier auf unserem Tisch landete, entschuldigten sie sich dafür. Man konnte sich unter diesen Bedingungen nur wie ein Arschloch vorkommen. Dazu die anderen Gäste. Manche Familien sahen aus wie Sturmbandführerfamilien, die einfach nur nettere Sachen anhatten. Sie hatten angestrengte Gesichter und wirkten wie Leute, die auf den plötzlichen Tod ihrer Ehepartner hoffen und ich-liebe-dich-Honey sagten. Die Ehemänner schienen immer auf Reisen, ihre Frauen immer zu haus. Die Männer buchten deshalb  gerne mal einen Überraschungsurlaub in Ägypten und die Frauen kauften sich dafür Klamotten, die von den Männern aber nicht wahrgenommen wurden, was die Frauen sehr wütend machte und die Männer dazu brachte ein Darling-come-on-lets-have-a-nice-time-Gesicht aufzulegen. Vielleicht versuchten sie hier miteinander zu schlafen. Das wäre ja schön. Es schien uns gerecht, dass es Mücken gab, Raben und Haie, die sich am Luxus zu schaffen machten. Wir saßen trotzdem noch eine ganze Weile ohne weitere Drinks. Ich dachte daran, wie wir in Amman ankamen, und alles noch vor uns hatten und hofften, dass es auch passiert. Ich sagte ihr, dass ich das dachte. Sie sagte, dass sie es gewusst hätte und ich mich hoffentlich in Zukunft nicht immer so verrückt machen werde. Ich wäre unausstehlich am Anfang von Reisen. Ich lachte und sagte, wer hätte schon gewusst, dass alles so wird, als wir ohne Schlaf in Athen ankamen und Amman vor allem Anfang. Mit dem Wissen, dass es passiert, wäre es sicher nie so geworden. Trotzdem ärgert man sich und nimmt sich vor die Dinge in Zukunft schon zu genießen, auch wenn das schwer ist. Ich musste an Mohammed denken, unseren Fahrer, den alten Zwanzigjährigen Steinmetz und jene Menschen auf Reisen, die einem in Erinnerung bleiben. Aus irgendeinem Grund musste ich an Salem denken, den Kellner aus Amman, der morgens immer Humus und Oregano brachte.  Ich dachte an leuchtende Taxizeichen in der Dämmerung, wenn die Straßenbeleuchtung der arabischen Städte schon an war, aber noch keine Nacht. Ich dachte an den großen Canyon mit dem Beduinen, der meinte, die Wüste wäre tot und den Gesang des Arabers über den Dächern von Petra. Ich dachte an seine rauchige Stimme und ob ihn wohl auch Filipinos schwul gemacht haben. Mir fehlte das Gefühl des Aufwachens und irgendwas-besichtigen-müssens und ich fragte, ob wir es nicht noch einmal tun. Das Ende unserer Reise, konnte nicht das Ende dieser Geschichte sein. Sie sagte, sie hätte gerade das gleiche gedacht. Wir fragten die Kellner, was man hier  noch angucken könne. Es gab da ein Kap mit Nationalpark, der Ras Mohamed hieß. Dort wollten wir am nächsten Tag noch mal hin. Der Concierge meinte erst das ginge nicht und ich fragte wieso, wir sind doch frei und er sagte okay. Ich glaube, diesen Leuten ging einfach der Kackstift, weil sie sich keine toten Touristen mehr leisten konnten und tun mussten, als ob die Gefahr von Haien und Terrorzellen im Sinai gar nicht existiert. Fragte man, warum um Sharm el-Sheik eine solche Mauer hat, antworten die einen wegen der Russen, die anderen wegen irgendeiner Flut, und wieder andere meinten, dass man in Sharm keine Visa bräuchte, nur wenn mans verlässt. Man weiß leicht wie gefährlich ein Ort ist, je öfter man seine Sicherheit betont. Ras Mohamed war wundervoll. Alles saublau. Himmel und Erde von einer feinen Linie aus Sand getrennt. Wüste und Wasser. Wir schnorchelten die ganze Zeit im Tiefen, mitten im Meer an einem Riff lang. Man sah nur blau und ich hoffte, dass kein Hai herkommt. Auf dem Weg hier her stand ja ein Schild: Shark Observation Point. Sagte aber nichts. Sie war nur froh und filmte alles. Keine Ahnung woher das kommt. Ich habe in Neuseeland und Australien studiert und manchmal acht Stunden pro Tag mit Haien im Ozean verbracht, aber eben nicht mir ihr. Außerdem ist sie im Meer großgeworden. Ich lernte schwimmen mit zwölf in einer bulgarischen Poolbar. Deshalb zweifelte ich, ob ich mutig genug war oder nicht, weil ich etwas schneller zurück schwamm, dachte dann aber, dass es mutig ist, Zweifel zu haben so wie Mufasa. Am Abend saßen wir wieder an der Bar, tranken nichts und sahen auf die Straße von Tiran. Den Kellnern hatten wir gesagt, dass sie uns bitte in Ruhe lassen sollen, ohne Drinks wären wir nicht zu ertragen. Es wurde ein sehr schöner, schweigsamer Moment am Meer mit ihr, ohne ihn vergleichen zu müssen. Ich dachte nichts und glaube sie auch, und wir genossen es ganz und gar da zu sein, ohne zu denken, von der Wüstensonne gebräunt. Solche Momente sind eigentlich die schlimmsten, weil man sich zu bewusst wird, wie alles ist und Demut empfindet vor dem Leben und der Schöpfung, ohne die ganze große Ablenkung. Man ist sich klar, dass man lebt und das man stirbt und alles eines Tages vergeht. Die Vorstellung dann ohne sie zu sein, ohne diese geteilte Erinnerung, erscheint mir schlichtweg unmöglich. Sich Grabmäler zu bauen für die Ewigkeit, wie Ramses und Nefertari, wie eine Möglichkeit über diese Leere unseres Daseins hinauszukommen, wirklich zu lieben eine andere, einfach aneinander zu halten, in einer einzigen, ewigen Umarmung vor der Zeit. Nur der Glaube nach unserem Tod wieder Welt zu werden, ein Rotes Meer, in dem andere Liebespaare schwimmen können, und sich Gedanken machen, schien dann nicht so schlimm. Das Drama war klar, wir mussten uns also nicht weiter darum kümmern. Fuck it, sagte sie, lets have a Drink […]

HIERZULANDE II

HIERZULANDE II

So! Scheiße! Kairo! Was für eine Stadt! Von einer Wüste in die nächste könnten man meinen. Vierzig Millionen Menschen, also Schweiz, Portugal, Belgien und Finnland zusammen. Vielleicht mehr. Muss man mögen, und ich liebe es. Pierre Loti liebte es auch. Kairo ist Chaos, aber was für ein wunderschönes. Eins das so ist, wie Regen, wenn man einmal ganz nass ist. Es ist das Chaos der Fatimiden, Mamluken, Sultane. Das der Götter und Archäologen, Abenteuer, Pharaonen, Spione, Osmanen, Araber und Ägypter, Saladins, Aladins, Tausend und eine Nacht. Ein Denkmal der Zeit und die größte Stadt Afrikas, sogenanntes Paris am Nil, aber es gibt eigentlich nichts was so ist. Die Stadt ist eine Betonwüste aus italienischem Art Déco, aufgelockert durch Pyramiden, Parkplätzen, durchgeschnitten vom Fluss. Tausend Minaretten stechen wie Antennen zu Gott durch den Smok, Wüstenstaub und Dampf aus den Garküchen. Eine der letzten Zufluchtsstätten des Unbekannten und Wunderbaren auf Erden. Es vermengt sich zu einer Urknallmaterialität, aus der die Welt jeden Augenblick wieder entsteht. Alle arabischen Städte sind weiblich, aber irgendwo hier verbirgt sich das Geheimnis für das Rätsel unseres Seins. Frage und Antwort in einem. Etwas, dass sich nicht zwischen Buchdeckel pressen lässt, sondern Wohnviertel bis zum Horizont. Kairo ist eine  Stadt, die sich selbst überlebt, ohne zu zerbrechen. Ein Geschenk der Geschichte, die Zeitkapsel einer verschwundenen Welt aus Dampfschiffen, Baedeker und Sundowner. Es ist immer mein Traum gewesen, hier zu leben, aber der Traum einer ganz anderen Existenz. Man braucht solche Träume, die nicht wahr werden. Das richtige Maß Anarchie. Was in der Ferne. Und Engländer, aber nur auf dem Weg nach Indien. Die Ägypter sind ein sehr heimliebendes und bequemes Volk. Die Fremde bedeutet ihnen Elend. Die Türken stehen ihnen nahe, obwohl die selbst zugunsten der Araber vertrieben worden sind. Die Araber schienen ihn danach fremd, obwohl man die gleiche Sprache spricht, aber sich gerade in seiner Gemeinsamkeit deutlich unterscheidet. Die Ägypter sind generell sehr hilfsbereit, gar nicht so wie die jordanischen Männer sagen. Sie brauchen auch nicht überall Flaggen, um sich zu vergewissern, dass sie existieren. Sie sind netter als die Jordanier und wollen rein gar nichts bis sie was wollen. Aber sie wollen immer was, außer in Kairo. Deswegen waren wir zweimal hier und nur zwischendurch in Luxor. Wir nahmen uns ein Zimmer im Kempinski. Ein schönes Hotel, mit Blick auf den Nil. Wir schliefen nur wenige Stunden. Zum Sonnenaufgang wurde ich wach, sah die Tauben fliegen und auf die Hinterhöfe kacken. Es war schon so laut in den Straßen, dass es fast wieder still ist. Ich wollte mich so schnell es geht in diese Stadt stürzen, nur meine Freundin machte nicht mit. Sie brauchte ewig und wir stritten und ich frage mich heute, was wohl gewesen wäre, wenn ich an diesem Morgen ohne sie gegangen wäre. Ich mein, ohne Telefon. Ich ging ohne sie, wartete aber in einem Café vor dem Hotel auf sie und lief ihr hinterher. Das ist gerade als Mann nicht leicht, genauso wie es als Frau nicht leicht ist, durch diese Straßen zu gehen. Alle Frauen schauten sie an, und alle Männer schauten sie an und versuchten dann wegzusehen. Ich war heilfroh, dass ich sie abgefangen hatte. Wir hätten den Tag nicht zusammen verbracht, und nicht spionagenhaften Bars gesessen, in denen immer Nacht ist und immer eine Frau, mit einem Mann vor einem Drink an der Bar steht. Wir hätten nicht zusammen in dem Café mit dem Bild an der Wand und der Erde auf dem Boden gesessen. Ich hätte hier erzählen müssen, was für ein schönes Scheißloch das war und wie es nach Scheiße roch, obwohl ich es war, der sie am Fuß hatte. Ich hätte sie nie im Café Horreya erlebt und vielleicht wäre sie tot oder verschleppt. Wir hätten unsere eindrücke später Teilen müssen, aber wenigstens nicht im Café Richie gegessen. Dagegen war das Horreya der absolute Traum. Sie saß da wie in einer Filmszene, oder besser, sie war die Filmszene selbst. Das Café ist ganz offen und aus Holz und draußen tobt der Verkehr. Man kommt einfach rein, setzt sich hin und bekommt Bier, ohne zu fragen. Sie saß im schwarzen langen Kleid zwischen all den Männern da, rauchte und trank. Cat walking nannte ich das. Vielleicht dachten die Männer wieder, dass ich kein Mann war, weil sich meine Frau so auszieht, aber innerlich dachten sie das doch. Naturgesetze kommen noch vor Religion. Ihre Frauen mussten unter ihren Burkas schwitzen, sogar drunter essen. Sie sind blutarm und blass und leiden an Osteoporose wie die der Orthodoxen nur anders. Man erkennt sie auf der Straße nie wieder. Außerhalb ihres Hauses existieren sie nicht. Es sind Schattenwesen im Würgegriff der Kultur und Kochshows. Natürlich sind wir deshalb am Abend wieder fast zu spät zur Abfahrt unseres Zuges gekommen. Der Verkehr ist ja wahnsinn. Unter dem Befolgen von Regeln wäre kein Durchkommen. Man fährt schon hundertzwanzig auf einer dreispurigen Straße auf die sechs Autos nebeneinander passen, und ein Pferd. Verkehr gibts es so nicht. Es ist ein Weltwunder aus Hupen, Motorrädern und dem obligatorischen Propheten auf einem Karren, der seinen Esel vorne auf der Kreuzung vorbeizieht. Neapel ist nichts dagegen. Bombay vielleicht. Jedenfalls was die Kolonialbauten angeht, die rechts und links mit ihren trüben Fenstern auf das tägliche Treiben sehen. Ich ärgerte mich, dass wir wieder nicht früher los sind, und es immer bis zum allerletzten Auskosten. In meinem Kopf lief ein Film aus allem ab, was überhaupt schiefgehen kann. Der Taxifahrer bekommt einen Herzinfarkt oder überfährt ein Kind. Am Ende des Bewusstseins schon die Frage, ob man uns dann trotzdem erst mal zum Bahnhof bringt. Immer der Griff an die Stelle wo Pässe sind. Sie findet ihren natürlich wieder nicht und dann natürlich wieder doch. Ich hasse sie, ich liebe sie dafür. Wir müssen einmal quer über den Bahnhofsvorplatz der Ramses Station von Kairo, in Kairo über den Bahnhofsplatz der Ramses Station. Wo verdammt fährt dieser Zug. Ein paar Ägypter wittern ihre Chance. Einer nimmt einfach unsere Sachen und rennt. Wir rennen mit durch den Dunst, durch Sicherheitsschranken und an Maschinengewehren vorbei. Selbst bei Nachtzügen bekommt man kein Ticket. Man rennt einfach hin, völlig außer Atem und irgendwie wissen die, dass das stimmt. Wir schafften es gerade noch rechtzeitig, um dann noch fünfzehn Minuten am Gleis zu stehen bis zu seiner Abfahrt. Meine Portugiesin gefiel sich dermaßen überpünktlich überhaupt nicht […]

HIERZULANDE I

HIERZULANDE

Also ich räum’ schon auf, bring den Müll runter, gieß Blumen, gebe ihr mehr Platz im Koffer und frage nur, ob es okay wäre, dass sie mir zu liebe schon mal ihren Hosenanzug zusammensucht, sodass ich meine Anzugtasche schließen kann, immer hin bin ich deutsch und fliege gleich um die halbe Welt und will vorher noch mit Freunden was essen, aber sie winkt nur ab, geht uns sagt im Gehen: dann packe sie ihre Sachen halt selbst. Es kotzt mich an, aber ich will jetzt nicht wieder damit anfangen, kanns ja selber nicht mehr hören, jeder Einstieg ist gleich. Soll sie die Hölle haben. Unsere Freunde wundern sich nicht, dass wir einzeln und zeitversetzt zum Essen kommen. Das sollte zu denken geben. Manche, die uns noch nicht so kennen, fragen was wir da in Jordanien machen und ich sage, das gleiche wie immer und überall, versuchen glücklich zu sein. Es ist schön vorher noch Zeit zum Essen zu haben, aber fürchterlich so zu fliegen. Der Rotwein will einen danach ganz fest in den Gassen halten und der letzte Ort auf der Welt, an den man will ist ein Flugzeug. Man wird langsam wieder nüchtern und wird sich bewusst, wie viel Zeug man noch zwischen den Zähnen hängen hat. Der Mund ist schal und der Weg noch weit und die Klimaanlage bläst, bis man krank ist. Sie bläst und bläst und bläst, obwohl man die Stewardess schon drei Mal gefragt hat. Wie ich Fliegen hasse. Völlig verprügelt kommen wir morgens in Athen an. Zwischenstopp, vierzehn Stunden. Man stellt sich das so schön vor, wie Dinner mit einer fremden Frau, aber alles was man will, ist unter der Brücke schlafen, am Strand, in einem Gründerzeithotel mit Blick aufs Meer, im Schatten zwei tausend Jahre alter Olivenbäume. Deshalb nahm ich meine Kamera nicht mit. Wer hätten wissen können, dass Athen so schön wird und schon zu der Geschichte gehört, aber diese Griechen gehören irgendwie immer zu jeder Geschichte. Wir gingen erst mal Frühstücken in einem fürchterlichen Laden, in den Leute gehen, um zu frühstücken und stiegen dann den Hügel gegenüber der Akropolis hoch, um der Antike unsere Aufwartung zu machen. Er ist nicht nur gegenüber, er ist das komplette Gegenteil davon, leise und leer, grün und schön, ein antikes Jetzt. Links sieht man wie das weiße Häusermeer an die braunen Hügel brandet und rechts wies sichs in die Ferne wellt bis zum Meer, unten in Piräus. Ich stand eine ganze Weile davor auf dem Fels, so wie wie Casper David Friedrich. Der Anblick schüttelte mich wach. Athen, die ganze Welt von hier ausgesehen, wie ein zehn Millionen Einwohner großes Bergdorf, im Angesicht meiner wachtraumartigen Gewalt. Ich überlegte, mich einen Moment wie ein Hund ins grüne Gras, unter den blauen Himmel vors Häusermeer, zu legen, den säulenfarbigen Sandstein in der Sonne, schöne Farben, die nur die Zeit den Dingen gibt. Aber dann hören wir von irgendwo meinen Namen und ich habe in Athen noch nie meinen Namen gehört, obwohl der gut passt. Ich war vorher nur einmal hier, aber die Frauen gefielen mir nicht und jetzt mussten sie mir nicht gefallen. Es sind tatsächlich zwei Freunde, also ein befreundetes Paar. Eigentlich sind wir mehr mit ihm befreundet, aber so ist das manchmal. Sie leben seit einiger Zeit in Athen, nachdem sie schon versucht haben in Istanbul, Tunis, Beirut und Kairo zu leben. Athen gefiele ihnen aber am Besten. Der Ort wäre sinnbildlich für lange Sommer, Familienzusammenkünfte unter freiem Himmel und Tage am Strand. GST, Greek Summer Time nannte sie das und lachte bevor wir das auch konnten. Sie benutzte auch Worte wie Kolokithokeftedes oder Horiatiki, so als ob die normal wären. Ich konnte Abkürzungen für Ortsbezeichnungen, Spitznamen im Rahmen ihrer Postleitzahl begrenzten Möglichkeiten nicht ausstehen. Sie sagt, das wäre nur was zu essen. Wir lunchten in einem schönen Keller, nicht weit vom Markt. Es war ein sehr gutes Lokal, dass man über eine Luke im Boden erreichte. Ein paar Stufen führten hinab. Staub und Licht und Markt kamen auch rein. Im Licht konnte man den Staub sehen, der sich vielleicht durch das Geschrei des Marktes bewegte. Es gab keine Speisekarte, aber Kichererbsen, Kraut, Bohnen, kleine Fische, die direkt auf den Tisch gestellt wurden und Weißwein, der aus Fässern kam. Nach dem Mittag gingen wir über den Markt und soffen uns durch die Stadt. Wir schauen uns eine Herkules-Statue in einem Park an, aber nur weil daneben eine Weinbar war. Es wurde ein schöner, schwereloser Tag im Transit, wie im Traum. Ich wusste nicht, ob ich mehr müde war oder betrunken oder beides. Schlafe oder nur Träume davon zu schlafen. Abends aßen wir Lamm unter Mandelbäumen und die Geschichte mit dem Flugzeug wiederholt sich. Diese Griechen hatten die Bestuhlung ihres Lokals einfach nach draußen unter die Bäume auf das Pflaster gestellt. Auf antiken Mauern spiegelten sich die zeitlosen Schatten unserer Essenszene. Dann wieder Flughafen, aber wenigstens hatte der in Athen gute Musik. Die Stewardess waren sehr nett, schön und groß und adrett. Eine hatte sogar Zahnseide. Wir waren nun 48 Stunden wach und wieder betrunken. Normalerweise würde wir das vor einer so langen Reise nicht tun, aber wir flogen in ein arabisches Land, in dem es keinen Wein gab oder teuer, was das gleiche ist […]

BRAVO

BRAVO

September, Vormittag, Flughafen Madrid. Natürlich Maschine verspätet. Bin ganz durch den Wind. Stand vor ein paar Stunden noch mit Sachen in einem Brunnen am Paseo del Prado in Madrid und ich glaube, wir sind dann Barfuß ins Ritz. Wir hatten im Chicote an der Gran Via einen alten Maler kennengelernt. Ein guter Laden, mit einer Vergangenheit, die heute keinen mehr interessiert, bis auf alte Maler und uns. Eine von Hemingways besten Geschichten spielt hier und eine meiner schlechtesten, weil sie vom schönsten Momenten in meinem Leben erzählt. Ich glaube, man kann von solchen Momenten nur so erzählen, Regen im Retiro heißt die, wen interessierts. Es ist immer langweilig, wenn zwei glücklich sind und man nicht mit oder nicht mehr und will, dass sie es auch nicht mehr sind. Menschen wollen es für sich und nicht lesen, dass sie eine Straßen gingen, die keinen besonderen Namen hat und in Restaurants aßen, die niemand kennt und bei Nacht Dinge taten, die niemanden so interessieren, wie sie selbst. Nicht nur das, aber man hat das eben, was wir alle suchen und kann sich dem widmen, und es, wenn man will, mit in eine Bar nehmen oder ein Tanzlokal oder andere schöne Orte auf der Welt, wie das Chicote. Hollywood traf hier früher Madrid, der Bürgerkrieg war in den 30ern die Straße runter. Man konnte ihn hören, sehen, riechen, schmecken, egal in welcher Bar man war. Morgens brachten die Frauen ihre Männer mit einem Lunchpaket an die Front, abends waren sie tot oder kehrten heim oder gingen noch auf ein Glas ins Chicote. Dort war dann der Teufel los. Mehr als im Ritz, weil auch keine Könige reindurften. Es war die beste Bar Spaniens und so die beste der Welt und die schönsten Mädchen kamen hier her. Der Ort, an dem gute Nächte begannen und an dem sie enden, so wie bei uns. Wer jemand war, kam ins Chicote und wer jemand sein wollte, kam ins Chicote und wer jemand war und sein gelassen werden wollte, kam auch und ließ das Leben auf der Gran Via vorbeiziehen. Man sehe sich dafür nur die Schwarzweißbilder an. Perico Chicote mit Grace Kelly, Chicote mit Penelope Cruz, Hemingway, Gardner sowieso. Dazu all die Stierkämpfer, tadellos und androgyn, von einer moralisch Aura umgeben, die um sie herum Platz macht. Nach ihnen kommt erst mal nichts. Sie tragen Pechschwarzes Haar und Kreuze am Hals und ficken Flamencotänzerinnen. Mit Fans, die wochenlang auf Saufen und Rauchen verzichten, um sich die teueren Tickets zu leisten. Manche von denen sitzen heute noch um den Plaza de Santa Ana, als hätte sie die Zeit vergessen. Man erliegt ihnen einfach, wie ihnen auch Picasso erlag, Cocteau, Orson Wells. Am meisten Frank Sinatra, als er von Luis Miguel Dominguin, diesem Stierkampf-Casanova umgehauen wurde, weil beide zur gleichen Zeit was von der Gardener wollten, die im Nachtleben eines faschistischen Spaniens fröhlich ihre Juwelen verlor. Eine Zeit, sagte der Alte, in der das Land noch das Land und das Meer noch das Meer und Spanien noch Spanien gewesen ist. Schönheit kam von innen und die Wahrheiten waren einfach und die Menschen lebten nach Stierkampfkalendern, Sardinenschwärmen, Jahreszeiten. Heute ist das Chicote ein Touristenladen, aber die Touristen gehen ja auch nur noch dahin, wo die Touristen nicht hingehen, als kommt eigentlich keiner, außer wir. Ich sagte, dass unsere Nacht bis her nicht sehr gut gewesen wäre, weil einen die Leute vor den die Clubs mit Prostituierten locken, das ist ja schlimm in Madrid. Sie verkaufen gefälschte Kippen an ihrer eigenen Leute und geben die Wut ihrer Vorgesetzten an uns weiter. Der Alte sagte, das liege daran, dass man in Spanien, nie eine klare Grenze zum Faschismus gezogen habe. Das eine ging einfach ins andere über. In den Schulen erzählt man immer noch, dass 60 Millionen Menschen in Mittel-und Südamerika an der spanischen Grippe gestorben wären. Man kann die Zeit nicht zurückdrehen, nicht mal, wenn man durch die Drehtür des Chicote geht, aber die Bar ist immer noch rot, was schon mal gut ist. In der Mitte stehen Stühle und Tische, die man zur Seite stellen kann, wenn man tanzen möchte. Der Kellner kam und brachte eine letzte Runde und ich fragte, für wen das Extraglas Schaumwein wäre und der Alte meinte für seine Frau. Die wäre tot, aber er akzeptiere das nicht und bestelle alles doppelt überall. Das gab uns den Rest. Der Abend hatte locker angefangen. Aperitif und dann Abendessen bis eins. Zwei Sterne, die keinen kalten Cheeseburger wert war. Von 14 Gerichten mochten wir zwei und eins davon war Brot. Natürlich sagte man uns, nachdem ich das sagte, dass wir wahrscheinlich keine Ahnung haben, aber wir hatten doch Ahnung und wir hatten Zungen. Mein Freund war über meine Ehrlichkeit schockiert, aber sie war der Beweis dafür, dass wir uns schon gar nicht selbst betrügen konnten. Dann die Suche nach einer Bar, die noch offen hat und nicht die vom Ritz ist. In der davor hatten wir hier aus versehen Schaumwein für 80€ bestellt, das Glas, inklusive Geschichten von Pedro, der dort so lang an der Bar im Ritz steht, dass er selbst die Ritz-Bar geworden ist. Er empfahl uns […]

EINZELHEITEN

EINZELHEITEN

Wie die meisten habe ich auch versucht, diesen Sommer irgendwo Ferien zu machen. Hatte mir das nur anders vorgestellt, ohne Schreiben und ohne das Wochenende zuvor. Man nimmt sich vor nicht auszugehen, das Geld beisammenzuhalten, allen Versuchungen zu entsagen, aber das heißt sich am Leben versündigen, so wie es sich bietet. Freitag bin ich von der Paartherapie gleich zum Abendessen mit einem Freund und habe schon nach der ersten Flasche, einer roten aus Madrid, gemerkt, dass es dabei nicht bleiben wird. Wir hatten uns ewig nicht gesehen und viel zu erzählen, die Unterhaltung war fließend und es ist immer schwer, wenn man erzählen muss wie etwas war. Man beschränkt sich auf äußere Ereignisse, auch wenn ich die von den inneren nicht unterscheiden kann, hat man mir in der Paartherapie gesagt. So ist es natürlich schwer nach Hause zu gehen, ohne die Nacht zu töten. Wir sind dann noch bis fünf in einem Fadokeller gewesen und Samstag war dann Familienlunch bis zehn und Sonntag war ich dann zu allem anderen bereit, nur nicht mich mit einem Weinfreund und seinen Distributorenkumpels eine Woche durch Galizien zu saufen, bis sie mich im Minho absetzen, Portugals nördlichster Weingegend. Berühmt für Alvarinho und Loureiro, den Vinho Verde, was ganz und gar kein grüner Wein ist, sondern eine kleine Weinregion, mit großem Output, der nicht nur weiß ist, sondern auch rot und verdammt noch mal ohne Kohlensäure. Die wird später zugesetzt. Die guten können mineralisch sein, mit einer Säuere, die durch die Nähe zum Meer und einen Untergrund aus Granit und Schiefer zustande gekommen ist. Das haben mir die Distributorenkumpels meiner Weinfreunde erklärt. Es ist ein junger, sehr gnädiger Wein, von dem man nicht mehr will, als ihn zu trinken und dass er einem am nächsten Tag wieder arbeiten lässt. Manchmal hat man nach zwei Flaschen immer noch keine Lösungen gefunden, aber dann gibt es auch nichts zu schreiben, außer das der Morgen kam, spät im Sommer, soweit südlich, und man die Dinge vielleicht nie bis zu ende denkt. Die Distributorenkumpels meiner Weinfreunde waren vor allem eins, Leute, die nie meine Fadofreunde sein könnten, weil ihnen dafür die Weinfreunde fehlen. Sie machten ständig Fotos von leeren Falschen und sprachen beim Weintrinken nur über Wein. Ich versuchte mir das anhand von Familienlunches zu erklären, bei denen es ums Essen ging, um das, was man aß, schon gegessen hatte und noch essen wird, aber Wein war ein so schönes Produkt, dass den Dingen auf den Grund ging, die hinter allen Dingen lagen. Ich konnte Wein einfach nicht auf Wein reduzieren. Heilige haben ihn gepriesen. Götter getrunken und ich trank ihn wie damals, als ich auch in der Liebe noch kein Kenner war, sondern Liebhaber. Als man Wein einfach trank, ohne über die Jahre nachzudenken und Geschmäcker und wer dann ein Foto davon macht, um sie zu vergleichen. Wir mussten natürlich alle angesagten Weingüter abklappern. Rias Baixas, Ribeira Sacra, irgend so einen alten, der bei seinen gärenden Trauben schläft. Wir mussten am Ende die Flaschen aufstellen und ein Foto machen und ich fragte mich, wen das interessiert, außer den einen aus Truppe, der sie fotografiert. Er wusste, wie nah die Weingüter in der Campagne ans Wasser gehen, auf denen ich neulich war und er noch nie gewesen ist und hatte mal an einer Blindtasting Weltmeisterschaft für das russische Team teilgenommen. Er sprach nur von Champagner und nur von sich und nur in dritter Person, aber wenigstens nicht von Frauen, und wenn er mich fragte, wie ein Wein schmeckt, sagte er nein, nein, der schmeckt nicht so, der schmeckt anders. Wir tranken fürchterliche gespritzte Weine aus Andalusien, die wie Sherry rochen und wenn ich sagte, dass ich kein Glas mehr will, weil wir nicht in Andalusien sind und der nicht schmeckt, sagte er, da komme ich schon noch hin. Essen gehen für 300€ war für diese Leute ganz normal und man musste natürlich mitziehen, ein paar Tage lang, weil es keine Art war, zu sagen, dass man aber nur zwei Anchovis hatte und nichts von dem Fleisch und dem gespritzten Wein. Man musste Trinken. Schon aus beruflichen Gründen. Ich hatte das selbst bei meinen Lesungen gemerkt und direkt abgelehnt, damit man nicht Opfer einer Legende wird, die man versucht zu erstellen. Eigentlich ist es mit diesen Weinleuten wie mit allen Leuten, ob sie Fußballer, Skispringer, Bergsteiger oder Schauspieler sind, oder beides. Sie bilden Gruppen, die eine Dynamik generieren, die luftundurchlässig ist. Es staut sich was an und ich bin dagegen allergisch. Jeder Korpsgeist macht mich zum Außenseiter, was manchmal schön ist, aber meistens schwer. Man ist dann immer nur Gast,

EPIGONE II

EPIGONE II

Man fragt sich im Zug natürlich, ob das Sinn macht, für ein paar Negronis aus Klosters nach Mailand zu fahren, aber wenn man die Seen sieht, und die Inseln, auf denen wir mal Sommer verbrachten, denkt man das nicht mehr. Man sagt, die wären so tief, wie die Berge hoch sind. Gesehen hat das keiner, aber fühlen kann mans schon im Vorbeifahren. Sie sind ganz weich, neben steilstillem Fels. Abends ohne Angst, und morgens wie Meere einer ersten sonnigen Umarmung. Die Welt in Berge und Täler geteilt. Seit Menschen reisen sind sie von dieser Region begeistert. Altgediente römische Legionäre verbrachten hier ihren Lebensabend. Flaubert hielt die Inseln für den sinnlichsten Ort der Welt, sogar der Orient Express hielt damals in Stresa. Hier schafften Künstler, unter Palmen und voll Pasta, endlich einmal nichts zu schaffen. Remarque hatte irgendwo ein Haus, das mit allen Fenster zum See sah. Die Dörfer sind schön, die Gipfel weiß, und die Sehnsüchte der Menschen spiegeln sich in den Wellen wider, die manchmal blau und meistens grün sind. Man sagt, die Toten leben hier noch in den Wolken weiter und befruchten als Regen die Frauen und Stendhahl schrieb, wer zufällig ein Herz und ein Hemd besitzt, verkaufe es um am Lago Maggiore oder in Como zu leben. Wir fuhren durch Lugano und über über den Luganer See und kamen an seinem unteren Ende zum stehen. Man behielt uns für ein paar Stunden im Zug, bis man sagte, dass der nicht weiter gehe, wegen eines Unwetters wäre ein Baum auf die Gleisen geklatscht. Hunderte Menschen standen am Bahnhof, und wussten nicht weiter. Die Gesichter waren verzweifelt. Menschen mussten irgendwo hin. Ich nur Negronis trinken. Umso länger das hier dauert, desto besser wurden die. Ich setzte mich neben einen alten Mann mit Zigarre, Stil und Grandezza, der nicht sonderlich gestresst aussah und aussah, als würde er sich auch lieber mit Problemen rumschlagen, die es nicht gibt. Manchmal sagte der Mann irgendwas und fluchte, wenn denn ein Taxi kam und die Menschen wie wilde Tiere drum liefen. Ich sagte Si, Si. Er bot mir eine Zigarre an und so saßen wir da, tiefenentspannt, eine Weile, schweigend, in gleichfarbigen Anzügen mit Hut, zwischen all den schreienden Leuten. Rauchen ist tödlich, ich weiß, aber ohne das Rauchen wäre ich an diesem Tag nicht mehr nach Mailand gekommen. Denn nach der Zigarre sagte er, kommen sie, fahren sie mit mir. Ich fragte wie? Er sagte, sein Chauffeur wäre jeden Augenblick da. Er hätte nur darauf warten müssen, bis der von Mailand aus hier ist. Wir kamen am frühen Abend nach Mailand. Die Stadt war zerstört. Überall lagen Bäume rum auf Autos und Gleisen. Ich nahm mir ein Zimmer im Mandarin hinter der Scala, auch wenn das ein raumschiffmäßiges Hotel ist, und nicht mein Fall. Aber kein anderes ist so nah dran. Man musste nur noch aus der Tür, rechts an der Skala und links am Leonardo vorbei und die Galeria bis runter. Dann ist es da, gleich rechts, eine kleine Bar, vielleicht der beste Ort auf der Welt, um nach so einem Tag zu sitzen und in einer italienischen Zeitung zu blättern, deren Nachrichten man nicht versteht. Trotz des hektischen Treibens regiert ein Gleichgewicht, das von der Bar ausstrahlt, die seit 1915 gleichgeblieben ist. Getischlert von Eugenio Quarti, geschmiedet von Alessandro Mazzucotelli und gemalt von Angelo d’Andrea, hat sie nichts von ihrer Schönheit verloren, im Gegenteil, alle wirklich schönen Dinge werden schöner mit der Zeit. Die Scapigliatura Bewegung hat sich hier getroffen, aber ich habe keine Ahnung mehr, was das ist. Es ist eine einfache, simple Bar, die um die Kurve geht. Im Hintergrund zeigt ein Spiegel auf den Platz zurück vor den Duomo und das Rot der Campariflaschen hinter weißen Kellnerwesten sorgt für den nötigen Sex. Zwischen dem 13. und 15. August 1943, genau 80 Jahre vor meinem Geburtstag, wurden die Galleria und das Camparino bei verheerenden Luftangriffen der Alliierten bombardiert. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Bar von Guglielmo Miani übernommen, einem Schneider aus Apulien, der 1922 nach Mailand gezogen war. Das Camparino ist ein Ort, an dem ein einfacher Aperitif, die Teilnahme an dieser Legende bedeuten kann […]

EPIGONE I

EPIGONE I

Unsere Tage in Klosters begannen in Blenio, einem Tal im Süden der Schweiz, in dem wir gut Ferien machen konnten, weil ich es oft beschrieben hatte. Ich dachte nicht, dass es deshalb viel was zu erzählen gäbe, aber die Handlung ist eine besondere, an Orten, an denen das eine so tief ist wie das andere hoch. Wir wohnten in jenem Sommer an einem Berg in der Mitte des Tals und sahen auf einen anderen, den die Einheimischen die weiße Geröllhalde nannten. Er bestand aus einer Wasserscheide mit zwei Flanken. Die eine verharrte in der typischen großen Stille mysteriöser Nordwände, während die andere, von der Morgenröte wachgeküsst, einen weiten, sanft geneigten Kessel umarmte. Morgens stieg ich in eine kleine ruhige Hütte ins Tal hinab, um zu schreiben. Abends stieg ich wieder rauf. Wenn du so zur Arbeit musstest, war dein Kopf bereit und klar und nicht wie im Stau und konnte abends wieder so leer werden, dass man seine Mitmenschen nicht unnötig verwirrte, weil man zwischen den Welten lebte und genügend Anstrengung zwischen den Dingen lag, die sind und denen, die sein könnten. Zuhause, in Lissabon konnte man nicht so gehen. Man konnte auch nicht so tun, wie mein Schwager, der Morgens einfach ein paar Runden ums Haus ging. Es war anders eine Bewegung auszuführen, die notwendig ist. In Lissabon ging ich neuerdings zwar auch, aber nicht an Bergbächen vorbei, sondern Geschäften. Ich konnte mein Arbeitszimmer seit einer Weile nicht sehen, genauso wie das ungelebte Leben meiner Liebe als Preis einer Größe, wie ich sie verstand. Ich begann das Leben als viele Lieben zu sehen und sah mit Sorge ein wachsendes Interesse daran, mich als Mensch in der Welt zu erfahren, zu verstehen, wer ich bin in der Welt, als der, der ich jetzt bin, in einer Welt wie jetzt, und ob dieser jemand und diese Welt wirklich nur durch dich zustande gekommen ist, wie du gern sagst. Früher, als Bomben fielen, war es doch normal ein Mädchen in jedem Hafen zu haben für den Moment. Not meiner Arroganz. Eine Portugiesische, eine Französische, eine koreanische. Stellt man sich das alles nur vor, wie alle Dinge, die man denkt? Man versucht zu lieben, heißt, sich zu ändern, aber es geht nicht, es ist nichts für mich, wenn es heißt mit einer Frau im Bett liegen zu müssen, ohne leidenschaftlich zu sein, ihren Wecker zu hören, ohne das man selber aufstehen muss. Irgendetwas änderte sich in mir, aber ich wusste nicht was und weiß es auch heute nicht. Ich wusste nur, dass ich zu Hause nicht arbeiten konnte und an heißen Tagen in ein Café ging, das ich sehr mochte, weil sie es oben absperrten und mich sitzen ließen, bis sie mit Bohnern fertig waren und das Café schlossen. Manchmal kamen schöne Mädchen in das Café, aber man konnte sie vergessen, wie damals, als eine noch nicht alle sein musste und man sie nicht nur in diesen Geschichten unterbringen konnte. Im Winter, wenn die Terrassen schlossen, wurde es aber zu voll und ich arbeitete hinten, im Café Benard, wo außer mir niemand hinging, höchstens die Chefin, um Kaffee zu bringen und zu schauen, ob ich auch was schaffe. Man konnte dort sehr gut arbeiten, so allein, den ganzen Saal im Blick und von den Bildern Estêvão Soares umgeben, der hier früher auch immer war und mit ihnen bezahlte. Auf dem Heimweg konnte ich dann denken und gucken und mich einen Heimweg lang wie ein ganz normaler Mensch fühlen, der gearbeitet hat, und sich vor der Realität in seine Bücher flüchtet. Vom Benard ging man bergab und kam ganz nah an den Schaufenstern der Geschäfte vorbei. Man konnte in die der Buchläden sehen und sah sein Buch und dass vielleicht doch nicht alles umsonst war, was man gerade wieder getan hat. Die Auslagen der Juweliere versuchte man zu ignorieren. Sie reflektierten sich sorglos im Lack der parkenden Autos und man versuchte einfach nur an Schmuck zu denken und nicht an Ringe, oder den Typen, der hinten im Benard immer Abrechnung macht. Hier im Norden des Südens der Schweiz ging man keine Einkaufsstraßen lang, sondern Kräuterwiesen runter. Morgens waren die Farben noch voll und würden über den Tag verblassen. Umso weiter man ins Tal kam, desto wärmer wurde es und wenn ich unten angekommen war, wusch ich mich in einem Brunnen und ließ mich von der Sonne trocknen. Der Bürgermeister des Dorfes hatte mir einen großen Schlüssel zu einer Holzhütte gegeben, die ich in meiner Zeit hier zum Schreiben benutzen durfte. Nur zum Schreiben fragte er? Nur zum Schreiben, antwortete ich, hatte aber vergessen, dass Schreiben auch Scheißen müssen bedeutet. Einen Brunnen hatte ich, auch einen Ofen im Sommer, zwei schöne Gemälde, die eine aufeinanderfolgende Situationen zeigten, aber kein Klo. Jedenfalls nicht an Werktagen. Dann lief ich die leere, tote Straße des Dorfes lang und hoffte, dass mich jemand sehen kann und mich zu ihm rein lässt. Die Hütte lag an der Hauptstraße des Dorfes vor einem Café, das die halbe Woche zu hatte. Man sah dann niemanden auf der Straße, nur mich in der Mittagshitze, der kacken musste und den Schulbus aus Biasca, der zwei Mal am Tag an meiner Hütte vorbeifuhr. Das Dorf schien am Ende seiner Landwirtschaft. Erst die saisonale Abwanderung der Leute nach dem Krieg auf der Suche nach Arbeit, dann die generelle, dauerhafte unserer Zeit. Nur selten kam jemand aus der Stadt vorbei und fragte, warum das Café zu ist. Ich hasse Unterbrechungen beim Schreiben, aber die Leute waren so nett und italienisch und ich konnte mich so in sie rein versetzen, weil ich vor einigen Wochen selbst in den Pyrenäen gewandert war und den Hunger und den Durst kannte, der sich nach einer gewaltigen Wanderung einstellte. Wenn sie wieder weg waren, hatte ich das Gefühl der einzige Mensch auf der Welt zu sein. Mittags läutete eine Glocke und ich erschrak. Das Läuten begann in der Regel um Zwölf und dauerte zwischen zehn Minuten und einer Stunde, Abhängig von der Religiosität des Talbewohners, der sie betrieb. Ich aß Brot und Käse und trank Brunnenwasser, sah auf die Berge und rauchte an den Tagen nicht. Wenn ich den ganzen Tag unten so allein im Tal gewesen war, also nicht allein, nur allein gelassen, gingen meine Gedanken nur zu den Bergen hinauf. Ich dachte an den kalten Wein am Abend und den Hunger und das Gefühl etwas getan zu haben. An einen Liegestuhl neben dem meines Schwagers, der mit mir runter ins Tal sieht und sich dann ans Abendessen macht.

MACHO

MACHO

Es ist jetzt lange hell und dunkel unter den Bäumen in den Straßen der Stadt. Sanfte Sommerluft kräuselt die Juninächte. Alles grün oder so, dass es einem, nach einer langen, kahlen Zeit wieder auffällt, bis auch dieser Sommer einfach nur noch selbstverständlich ist, und heiß; drei mal Duschen und zwei Mal Scheißen am Tag. Gerade ist er noch die Erinnerung an den Winter und den Sommer davor und Schaumwein nach langen Tagen, der einem den Mund wäscht. Stimmung, die nie lange hält, so wie Sommerregen und Schatten in Wohnungen, die man beschreibt. An den kühlen Morgen heißer Tage, mit dem Geruch von Regen, fühlt es sich ausnahmsweise richtig an, was man tut. Die Welt hat sich beruhigt und nichts getan über Nacht, was zeigt wie schön doch Nichts ist. Lissabon erholt sich von vier bis acht in der Früh, versichert sich seiner Wahrheit und vergisst alles, was es vorher getan hat. Aufwachen, schwitzen, Blick auf die Stadt. Batikhimmel, Greccowolken, die sich aber verziehen. Zu den Bergen über die Ebene hin zum Dunst. Alle Fenster sperrangelweit offen. Mit einer Zutraulichkeit zur Straße hin, wie man sie sonst nur aus Städten wie Neapel kennt. Man will dann nicht mehr von diesen Tagen als Morgens noch ein bisschen Zeit, Arbeiten und Abends ein bisschen von dem Wein, der einem das Arbeiten am nächsten Tag wieder gestattet. Manchmal hat man nach zwei Flaschen immer noch keine Lösungen gefunden, aber dann gibt es auch nichts zu schreiben, außer das der Abend kam, spät im Sommer, soweit südlich, und man die Dinge von heute Morgen vielleicht noch zu ende denkt. Man ist dann einen Augenblick so glücklich, dass einem die Wandmalereien in den Metros auffallen. Sie sind immer da, aber meistens nicht. Die Lichter und Leute leuchten unten in den Cafés, ganz ohne Angst, und man will alle Leute, überall, gleichzeitig sein. Außer uns. Denn Streit legt sich mal wieder wie ein grauer Schleier über die Tage und dämpfte jede Freude. Selbst in den Augenblicken, in denen man vergisst. Der Regen klopft mit weichen Fingern an die Fenster, als wolle er herein. Nass und grau wehen die Fäden im Wind vor den gelben Lichthöfen der Laternen. Trostlos und ohne Form, trauriger als Weinen. Nach einer Weile will man trotzdem wissen, was ihre Arbeit macht und was sie von diesen oder jenen Plänen hält. Man will allein gelassen werden, aber nicht allein sein. Ich kann erst richtig allein sein, seitdem ihr mit ihr bin. Früher ging das nicht, da rief ich immer irgendeine Frau an oder einen irgendeinen Mann an, sobald man allein war. Allein sein oder allein zusammen sein ist dann nicht schlimmer oder besser als alles anderes auch. Am liebsten würde ich einer dieser schicken jungen Männer in blauen Anzügen sein, die nach der Arbeit minimalistische Rucksäcke tragen und elektrische Zigaretten rauchen, wer weiß wie viele. Sie haben Frauen, die ich auch haben will und führen Leben, die ich nicht führen kann, da wo Lissabon ist, wie Madrid. Sie sitzen nach der Arbeit auf ein Bier zusammen, oder fünf, kann also spät werden, wenn sie niemandem haben, dem sie das erklären müssten. Manchmal versuche ich das nachzumachen und arbeite in einem Café, da wo Lissabon noch ist wie es nie war. Vor allem, wenns zu Hause heiß ist und man mit einer Schnellfeuerwaffe in das Gebrüll seiner Nachbarn und das Gebell der Hunde schießen will. Morgens der Rasenmäher im Park, abends Techno, dazwischen Streiten, weiß nicht, was schlimmer ist. Wenn man ihnen das sagt, sagen sie ich soll zurück in mein Heimatland, vai a tua terra caralho, sagen sie dann. Ich hielt Arbeiten in Cafés zwar für ein Klischee, wollte mich von diesem Vorurteil aber nicht davon abhalten lassen. In der Confeitaria kann man gut arbeiten, weil die oben absperren und mich in Ruhe lassen, ohne das schlechte Gewissen, das sie daheim in mir auslöst. Außerdem kommen keine Hunde rein, die Weiber an der Leine zerren und es gibt AC. Man versucht sich unter fremden Blicken aufrecht zu halten. Manchmal kommen schöne Frauen rein, aber man kann sie vergessen, wie damals, als eine Frau noch nicht alle Frauen war und musste nicht mehr wissen, wie Spucke riecht, die auf ihrer Haut trocknet. Außerdem alte Leute und Paare, die alt sind und andere Partner vorher hatten. Sie sitzen nachkriegsschweigend vor sich und ihren Kuchen und haben keine Kraft mehr, sich zu erklären. Sie wollen keine Schmerzen und jemanden mit dem man Kreuzfahrten machen kann. Meistens redetet sie und er sagt nichts, ohne zu denken, was sie dann fühlt. Er gähnt uns sie fragt, ob sie denn nicht aufregend genug ist? Er sitzt da und starrt sie an, wartet auf eine Regung, fragt, ob sie schon nach der Rechnung gefragt und wenn ja, solle sie doch lieber vorgehen oder eben nicht. Sie sprechen über organisatorisches, das man auch nicht organisieren muss und sie fragt, obs ihm denn gefällt, hier, in Lissabon. Natürlich gefällts ihm, sagt er. Wieso solls ihm denn auch nicht gefallen (verflucht). Gut, wie lange sie dann nun schon hier sind und obs ihm geschmeckt hat und er noch was will oder sie besser gehen sollen? Vielleicht soll sie doch besser mal vorgehen, vielleicht aber auch nicht. Ach, sie hätten ja Zeit, die vergeht und seit einiger Zeit, hätte sie starke Magenprobleme und könne nichts mehr trinken. Jedenfalls keinen Wein mehr, nur manchmal nippt sie an seinem Schnaps. Er zahlt und sie hält ihm die Jacke, und er humpelt an ihrer Seite in die Ferne davon. Nach all dem und nachdem man all das geschrieben hat, obwohl man was ganz anderes schreiben und die dazwischen kamen, macht man sich auf den Heimweg und kann sich dann einen Heimweg lang wie ein ganz normaler Mensch fühlen, der gearbeitet hat, während der Rest schon hoffnungsvoll aus den Häusern kommt, weil der Tag, den man sich verdient und bis zur Neige auskostet, sein Versprechen auf Zeit bis zum Abend gehalten hat. Lissabons große Stunde. Oben auf den Hügeln hell, unten in den Tälern Nacht. Zumindest unter den Bäumen in den neuen Straßen der Stadt. Abgeschlossenheit, Muse. Was will man mehr? Irgendwo ein Buch lesen? Einen Moment ohne Denken, die Bewegung der Dinge vielleicht? Ein bisschen Zäsur? Überstandene Katastrophen? Und hat jemand den Wind gesehen? Die Abende sind lang und die Nächte warm und so sind die Leute dann auch. Mit frisch gewaschenen Sommersachen durch die der Fischrauch weht. Ein Kommen und Gehen, einen Sehnen. Traumwandeln in der Stadt. Eine mit Problemen jonglierende Atmosphäre. Als wäre das Leben leicht. Es ist schön, nicht leicht, sonst wäre es nicht so schön, denn man riecht den Fischrauch irgendwann bis in die Träume, die man von Sommerkleidern im Vorbeigehen hat. Ein unstillbarer Durst ist in den Leuten, ein Loch aus Musik und der Wunsch sich zu vergessen, zu befruchten, zu ertrinken. Santos ist nun schon ein paar Wochen her, aber die Kinder rennen doch noch, Erwachsene hauen sich weg. Schön mit den Familien im Süden, weil die Eltern bis in die Puppen draußen bleiben und die Zeit rumbringen, dürfen die Kinder das auch. Alle Lachen, niemand muss heim. So lernt man von klein auf die Kunst am Geselligsein und seine Zeit damit zu verbringen, sie zu verbringen, damit sie vergeht. Man tötet im Sommer im Süden die Nacht, denn drinnen wartet die Hitze und jemand mit dem man schlafen muss. Man kommt eigentlich nur zum Schlafen, wenn man todmüde ist oder ein bisschen betrunken. Im Süden kommt das in den besten Familien vor, aber wenn meine Freundin nicht mehr meine Freundin wäre, ist meine Nicht auch ganz schnell nicht mehr meine Nichte und meine Familie nicht mehr die Familie und man steht alleine da und kann nicht mehr stundenlang zusammen Sardinen essen, weil es einem was zu tun gibt und man nicht einfach nur essen kann und trinkt, genauso wie mit Caracois. So wollte ich eigentlich anfangen und mit dieser Stimmung fertig werden bevor die Hitze kommt und mir die Zeilen zerschlägt und Senhor Alfredo und alle, die Lissabon sind, Urlaub von Lissabon machen und zurück zur der Erde gehen, aus der sie kommen, wie man in Portugal sagt. Ich wollte von all den schönen Orten erzählen, an denen wir tanzten, nachdem ich im Jahr zu vor ganz alleine da war und Pfirsiche aß und Menschen beobachtete, vor allem Ricardo, den Kellner, der solche Feste braucht, um endlich ein Mädchen kennenzulernen. Es sollte erst langweilig werden und dann richtig schön. Einzigartig beim Schreiben und nicht wie bei anderen Dingen. Menschen beobachten ist, abgesehen von Krieg, die älteste Belustigung der Welt. Aber seitdem die Hitze da ist, heiß und hell, kann man nur noch ans Meer oder bleibt drinnen sitzen, weil draußen alles so heiß und hell ist, das einem schwarz wird. Man wird lethargisch, wodurch das eine lethargische Geschichte werden kann, obwohl ich alles, wirklich alles versucht habe, das zu vermeiden […]