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BYND

Konstantin Arnold

MONTAGS

MONTAGS

Montag, du Scheißtag. Die Restaurants sind dicht und der Fisch ist schlecht. Außerdem das Wirrwarr vom Wochenende endknoten. Gedanken und Gefühle und aufgeschriebene Gefühle, die ich nie hatte, nur ein bisschen gedachte habe. Beim Essen und beim Gehen, beim Sitzen und beim Stehen, mittendrin, egal bei was, wenn’s zu viel ist, ist’s zu viel, muss raus, sofort, jetzt gleich, auf ein Blatt geschrieben werden, so wie Leute das Geplante hektisch in ein Gefrierfach legen, wenn sie spontan einer Einladung folgen, die sie nicht ablehnen konnten. Mit Montagen, an sich, hätte ich eigentlich keine Probleme, wenn sie mittwochs wären oder freitags. Für mich ist sowieso immer Freitag, nur dass freitags und samstags alle mit mir gemeinsam Freitag haben. Wein trinken. Draußen sitzen. Zeit haben. In Form sind. An Sardinen denken. Beim Schreiben werden. Was auch immer das zu bedeuten hat, aber so ist das, montags. Notizen überall und immer sowas weltgewaltiges, rücksichtslos rätselhaftes, das vielleicht gar kein Geheimnis zu hüten hat, aber allen Unterhaltungen fehlt und deswegen in Büchern geschrieben werden muss. Denn nur in der Kunst ist der Mensch frei und am Wochenende, wenn ihm egal ist, was er montags mit all den Notizen macht. Mit all den Wahrheiten, die vielleicht falsch sind, aber geklärt werden müssen. Alles. Das im Notizbuch und das auf den Zetteln und das, an was man sich kaum noch erinnern kann, auch. Auch das im Telefon, aber das kann immer nur eine begrenzte Zahl von Nachrichten speichern, also auch auf den Telefonen von anderen, aber von welchen? Hat jemand meine Weltenformel gesehen? Ja, sieht aus wie ein ganz normaler Satz, mit vielen Fehlern und wirren Worten, zumindest gehämmert, nicht geschmiert. In einem Zustand. Zu einer Uhrzeit. Kann gut aus was Deutschem und was Englischem und was Portugiesischem gemacht sein. Kommt drauf an. In jeder Sprache lassen sich bestimmte andere komplizierte Dinge einfacher kompliziert sagen. Zum Beispiel spreche ich Portugiesisch nur im Restaurant, nie in der Liebe, und in englischen Restaurants esse ich nicht. Komplizierte Gefühle lassen sich ganz hervorragend in deutsche Poesie übersetzen, aber deutsche Poesie spricht hier keiner, komplizierte Gefühle auch nicht, Deutsch schon, aber Deutsch ist zu kompliziert für Notizen, denn die müssen oft schnell gehen, ohne Aufsehen zu erregen, und ohne dass Frauen in Ohnmacht fallen und fragen, was das ist und der Gedanke dann weg ist. Das, meine Liebe, ist ein Stift, mit dem schreibt man, wie mit einem Telefon, und das ist Papier, auf das schreibt man, wie mit einem Telefon, ja, und das ist dein Kopf, mit dem denkt man, wie vor hundert Jahren mit keinem Telefon. Manchmal fühle ich mich wie eine Attraktion an oder etwas Altes oder eine Karikatur von etwas Altem. Verzieh mich aufs Männerklo. Sag, ich geh austreten, oder sag etwas anderes und schreib mir dann heimlich was auf oder geh, vom abwaschbaren Weiß angeregt, wirklich mal austreten und sag, ich hätte mir nur ein paar Notizen gemacht. Austreten oder Denkengehen, heimlich auf dem Männerklo Poeten sehen. Männer, die erst einmal etwas Richtiges waren, Helden, Weinbauern oder Seefahrer oder Glückliche, und nur heimlich Poet geworden sind und umso mehr. Ich bin zum Beispiel erst einmal arbeitslos und dann heimlich Poet. Dafür muss man nur ein romantisches Verhältnis zu einem Gefühl von Nutzlosigkeit aufbauen können. Geschichten vom Wochenende schreiben, die Ihnen von Ihnen und Leuten, wie Ihnen, erzählen. Die schönsten Antworten auf die größten Fragen suchen, ohne in die dafür vorgesehene Weltliteratur zu gucken, sondern im Leben zu blättern und in sich, sodass die Nummer hier zu einer äußerst intimen Angelegenheit wird, die eigentlich keinen was angeht. Aber unter uns, jetzt bin ich

URLAUB

URLAUB

Frühling. Paarungszeit. Die Tauben grasen auf den Plätzen wie Kühe oder pflanzen sich auf eine Art und Weise fort, die wir uns seit Jahrhunderten mühsam versuchen abzugewöhnen. Erst nur die Kirche, dann sind wir selbst zu Kirche geworden. Das Schöne an den Jahrhunderten ist ja, dass sie sich selbst vom Mist filtern und von allein auf ihren Wahrheitsgehalt reduzieren, auf das Ewige, alles was hält, wirst schon sehen! nicht der Rede wert. Portugiesische Anreden sind ewig, Weihnachten und Sex von hinten, Lieder, die von traurigen Italienern in Cordanzügen gesungen werden, während sie auf Heuballen stehen und deutsche Rezepte, die aus Hungersnöten in Weltkriegen gemacht wurden. Das Italienische und Portugiesische unterscheidet sich nur in seinen Klischees, nicht aber im Alltag und das Geheimnis liegt in den Tagen verborgen, die wie alle anderen Tage sind. Gerade da unterscheiden sich Italien und Deutschland sehr. Die Deutschen sind gut an der Arbeit, die Italiener sind besser danach. Und umgedreht. In Italien arbeitet man im Blaumann, schraubt oder steht in Scheiße rum und setzt sich nach Feierabend, im Anzug auf einen schönen Platz, auf dem Tauben grasen wie Kühe, die sich gewaltsam miteinander fortpflanzen. Trinkt Wein. Ist da. Sonst nichts. Außer es kommt noch eine Flasche Wein vorbei jemand, mit dem man die teilen kann. Fertig. Ende der Aktion. Falls keine Tageszeitung mehr über den Platz weht, die man lesen kann. In Deutschland fährt man im Anzug zur Arbeit, Tür auf, Treppe runter, ganz früh und ganz aufgeregt auf dem Fahrrad, mit Leuchtkleidung an, klingelt wie man mit einem Maschinengewehr auf Frauen und Kinder schießen würde und frisst sein aufgetautes Mittagessen aus einem Plastikcontainer, den sich die Ehefrau im praktischen Familien-Set selbst zum Geburtstag schenkte. Wie eine Kuh. Ganz und gar und glücklich. Und nach Feierabend, Tür zu, Treppe runter, jetzt kommt’s, zieht man sich etwas Graues an und geht Treppe wieder runter in Badelatschen kurz zum Dönnermann, noch eine Hawaii kaufen, um gemütlich zwischen den Raufasertapeten eine Serien fertigzugucken oder im Internet Sachen zu kommentieren und danach was bei Amazon zu kaufen, einen Gartenmöbel, scrollend, mit nur einem Fettfinger, oder einen Zeitartikel zu lesen, den eine vegane Volontärin mit welken Eierstöcken aus einem teuren Yogaretreat in Indonesien geschrieben hat, in dem alle um fünf Uhr aufstehen und Avocados essen, mit edlen Samen drauf, die von kleinen Kindern gesammelt wurden und diese ganze Gottlosigkeit mit etwas Einatmen aufarbeiteten. Für Kacke, die endlich mal fest ist. Gefangen im Grenzenlosen, zu glauben, wir steigen, wenn wir gehen, fahren, fliegen, erledigen, absolvieren. Nichts ist so inhaftierend, wie die Möglichkeit zu allem, denn alles ist die konstante Ablenkung vom Nichts. Und beim Nichts wollen wir’s belassen, bevor’s mit mir durchgeht und ich am Ende überall lande, nur nicht da, wo ich hinwollte. Denn, wenn’s um Leuchtkleidung und Avocados geht, die von rauen Kinderhänden gepflückt wurden, bin ich schwer zu bremsen. Verausgabe mich. Voll und ganz. Gebe mich dem Hass hin, den diese Heuchelei speist und suhle mich in Bullenscheiße, aus der die Lügen sind, mit denen wir uns am Leben halten. Muss mich erschöpft unter Bäume legen. Die Blätter rauschen im Wind. Das Blau des Himmels scheint durch das Rauschen und die Welt zieht vorbei, hupt so vor sich hin, bewusstlos und taub, ist nichts, sucht keinen Sinn. Solche Sachen schreiben, heißt ihnen die Angst nehmen und andere Sachen schreiben, bedeutet ihre Kraft zu bewahren. Beim Schreiben dem Leben folgen. Auch in den Urlaub. Lissabon ist aus vielem, aus dem woanders Urlaub gemacht wird. Augen auf und eine blühende Avenida runter laufen. Mit allen Sinnen. Am Ende eines Tages durch die Dämmerung der Dinge. Sein Sommerkleid durch die Straßen tragen. Ohne viel Vorhaben, nur Laufen und Eislecken, so vor sich hin. Einfach drauf zu, ohne Plan von der Welt, der am Ende eh nirgendwo hinführt. Nichts schreiben, nichts denken, nichts sagen, sich einfach langsam mitdrehen. Sich finden, in dem man sich verliert. Vorbei an Kreuzworträtselattraktionen, die auch ohne Menschen mit neun Buchstaben auskommen: Touristen. Immer die anderen. Jene, die […]

TAG

TAG

Irgendwann, das wusste ich, ist irgendwas. Irgendwann würde ich an das Haus unten an der Ecke denken und wie man es vom Fenster ausgesehen hat und wie es da so stand, unten, an der Ecke, immer blau und immer da, wo die beiden Straßen sich kreuzen, die aus zwei verschiedenen Vierteln kommen und ich immer dachte, dass irgendwann irgendwas ist. Ich würde an das Haus, unten an der Ecke, denken und mir denken, wie ich mir nie weiter was dabei dachte, wenn ich das Haus sah und wie ich jetzt nur noch an das Haus denke, wenn ich an diese Zeit zurückdenke und daran, was von dieser Zeit geblieben ist, nachdem man sie umstellte. Das Haus ist geblieben und auch die Erinnerung an das Haus und an einige Leute, die nichts mit dem Haus zu tun hatten, sondern nur mit dem, was sie fühlten und damit, dass es für sie Sinn machte. Lange Entdeckungsreisen sind geblieben, auf denen wir die ganze Stadt und die Elektrische ganz für uns hatten und an vielen magischen Orten vorbeikamen, die wir kannten und die wir nicht kannten.  Sie waren aus einem Weiß, das viele Farben hat. Das Weiß der Kirchen und das Weiß der Heiligen und der Jacaranda des Lilas. Das harte weiße Licht der Plätze mit ihren abgeschlossenen Bänken drauf, denen man ihren Ausblick doch nicht nehmen konnte und der Straßenbeleuchtung und der Bäume, die ihr allererstes Grün trugen. Seitdem und seitdem ich die Stadt liebe und seitdem ich ein Mädchen in der Stadt liebe, die ich liebe, sehe ich etwas, das keiner sieht oder jeder, aber jeder sieht es anders. Ich sehe sie in der Stadt durch meine Augen und dann sehe ich sie durch die Augen der Stadt eines anderen und sehe sie nicht, nicht mehr so, wie ich sie sehe. Denn alle, die wir blieben und gingen und hier waren und nie wahrhaft hier gewesen sind, tragen eigene Lissabons in ihren Herzen, es gibt so viele, verschiedene, manche von fantastischer Größe, andere so klein, aber alle sind fußläufig, die, die es gibt und die, die es nicht gibt, weil sie in dieser Größe auf keine Weltkarte passen und außerhalb der Zeit liegen und bis an den Rande eines Bewusstseins reichen. Erst erliegt man den Sehenswürdigkeiten ihrer Reize, dann dem zwischen den Reizen und dann dem, in den Reizen drin. Mit dem neuen Wissen fängt man dann wieder von vorne an, geht tiefer, nochmal rein und dazwischen und wieder raus, lernt seine eigenen Sehenswürdigkeiten persönlich kennen, wie neu, lernt ihre Vornamen und die Vornamen ihrer Frauen und die ihrer Kinder, weiß genau, warum die dastehen, seit Jahrhunderten, Patina schwitzend zu Attraktionen geworden sind, die bis ins entlegenste Viertel reichen. Dann sieht man es wirklich und sieht es überall und spürt nicht nur wie es ist, hier zu sein, sondern wie es ist, ein ganz bestimmter Mensch in dieser Stadt zu sein, der liebt und weiß und immer mehr liebt, je mehr er davon wissen will, weiß, warum das Schöne das Echte ist und das Echte nicht immer das Schöne. Ein Leben in Lissabon zu schreiben, das sich lebt, wie sich ein gutes Buch lesen lässt, wieder und wieder und man immer mehr findet, je öfter man es gelesen hat. Man kann nur lieben, was man sehen kann und vielleicht ist genau das, was man nur selbst sehen kann, das einzig wahre, weil die anderen nicht das fühlen, was da hinter dem Sehen ist. Vielleicht wird man im Leben genauso groß wie […]

BANAL

BANAL

Es war Sonntag oder es war Montag oder es war einfach noch ein Tag, an dem es regnete und ich verkatert war, weil ich Samstag oder Sonntagabend mit Freunden zwölf Jahre alten Brandy gekauft hatte, an dem wir uns orientieren konnten. Wir unterteilten die Tage in Tage, an denen wir neuen Brandy kauften und Tage, an denen wir keinen neuen Brandy kauften. An den Tagen, an denen wir neun Brandy kauften, gingen wir vorher eine sehr zeremonielle Runde joggen, damit wir nicht fett wurden. Wir nannten das Joggen rennen und sahen, dass es gut war. Es war immer dieselbe sehr zeremonielle Runde. Sie führte durch heruntergekommene Hochhausschluchten und über eine Brücke in einen Park, mit vielen Wegen, die alle bei einem brasilianischen Fleischer endeten und an vielen Restaurants vorbeiführten. Wir rannten nur, um nicht fett zu werden und neue brasilianische Fleischer zu finden oder Restaurants, die wir noch nicht kannten und in die wir gehen würden, in einer Zeit nach dieser Zeit, wenn sich die Welt nach ihrem Untergang weiterdreht. Wir alle mochten den Park und hassten das Rennen, bis auf einen, der gerne rennen ging und immer Rennsachen anhatte und sein Telefon am Oberarm trug, das uns nach jedem geschafften Kilometer sagte, dass wir einen weiteren Kilometer geschafft hatten. Es war eine schwarze, durchtrainierte, übersetzte Männerstimme. Sie stellte sich als Fitnesscoach Mike aus Seattle vor und sie stellte sich uns vor, wie man sich ein spanisches Kochrezept vorstellt, das laut und unsicher vorgelesen wurde. Hier spricht dein Fitnesscoach Mike aus Seattle und wir sagten, „Halt’s Maul, Mike!“ Wir mochten Mike nicht, weil er klang wie jemand, der beim Ficken gerne Marvin Gaye hört und „Yeah Baby“ sagt, in einer ewig andauernden 59. Sekunde lebt, die er zelebriert und trainiert hat, um ihn immer kürzer vorher rauszuziehen, so wie man ein Flugzeug hochzieht, das auf die Erde hinab auf eine Vorstadtschule zustürzt und gerade so noch über den Schulhof und das Dach einer Dreifelderturnhalle hochgezogen wird. Glückwunsch, geschafft. Mike meinte, wir wären fünfkommadrei Kilometer gelaufen, mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von zehn Kilometern pro Stunde. Er gratulierte und sagte, was heute wehtut, macht morgen stärker. Dann ging einer von uns in den brasilianischen Fleischer rein, der Rest wartete draußen, davor. Der brasilianische Fleischer hatte, extra für uns, eine weiße Gartenbank vor seinen Laden gestellt, damit wir uns ausruhen konnten. Während der Seuchentage, waren die Minuten, in denen wir auf der Gartenbank, vor dem Fleischer an der Kreuzung in der Sonne warteten, die einzigen schönen Minuten, die wir im Freien, davor und nicht drin, weder rennend noch einkaufend zusammen verbrachten. Nur durchdrungen von Nachmittagssonne und den Schlägen, mit denen der Fleischer unser Entrecote zubereitete. Die Klänge gebrochener Rippen kamen aus seinem Laden und gingen über die Kreuzung. Es waren die beruhigenden Rufe gebrochener Knochen, die wir später mit grobem Salz und kaltgepresstem Olivenöl in den Ofen schieben würden. Wir wussten nicht, warum er das machte, aber wahrscheinlich brach er den unteren Rippenbogen für uns vor, damit wir später besser an das Fleisch kamen. Wir aßen genauso viel Entrecote, wie wir Brandy tranken und Rennen gingen und Karten spielten und solange wir das alles zusammenmachten, hatten wir auch keine Angst. Zum Essen kauften wir schwarze Oliven aus Dosen und italienischen Hartkäse, Rotwein aus dem Dourotal, manchmal auch welchen aus Evora oder dem Alentejo, frisches Weißbrot und einen Sack Kartoffeln, den wir in kleinen Scheiben, neben das Entrecote legten, so schön und so sorgfältig aufgereiht, als würden wir die Kartoffeln später noch fotografieren wollen. Wir legten unser ganzes Sein in dieses Tun, weil wir nichts anderes tun konnten, und fühlten uns dabei wie eine Gruppe fetter, einflussreicher Italiener, die man zusammen in einen Gefängnisfilm gesperrt hatte. Essen war für uns immer ein Ereignis gewesen, aber in diesen Tagen war es unser einziges. Und […]

LEVANTE

LEVANTE

Aller Anfang ist schwer, deswegen fangen wir gleich am Ende an. Sie ist weg, kommt nicht mehr her, war wütend wie Waldbrand und voller Hass, der so kalt und endgültig sein wird, wie frisch gewordener Stahl. Hab‘ ihr noch Peperoni nachgeworfen. Half nichts. Peperoni fliegen nicht weit und nicht gut, nicht weit genug, nicht so gut wie brennende Kerzen, aber die hinterlassen eine Sauerei, die dann auf Knien, unter Tränen, entfernt werden muss. Solange das Wachs noch wird, kann man nichts tun, außer halbvolle Gläser wegschütten und Rauchen gehen und wenn man nicht raucht, und keine halbvollen Gläser hat, hat man in solchen Momenten nichts zu tun, außer darüber nachzudenken, ob man nicht mit dem Rauchen und Trinken anfange sollte. Wenn man nicht Trinken will, ist Rauchen die einzige vernünftige Möglichkeit, um mit solchen Momenten fertigzuwerden. Man kann nicht einfach ohne Zigaretten in die Luft gucken und trocknendes Wachs warten, ohne dass die Nachbarn, auf den anderen Balkonen denken, man würde durchknallen und auf Wachs warten. Sich langsam hinzurichten, macht in ihren Augen mehr Sinn, als einfach so dazustehen und von der Luft aus ins All zu gucken. Zigaretten wurden gemachten, um ins All zu gucken, sie wurden genau für solche Momente geschaffen und man fragt sich, was zuerst da war, die Zigarette oder der Moment, der Rauch oder der Wind. Der Effekt, den Zigaretten in solchen Momenten haben, die man im Unterbewusstsein raucht, ist nicht die Zigarette selbst, sondern das Durchatmen, zu dem uns die Zigarette zwingt. Man steht im Moment und atmet den Moment durch die Luft ein und die Luft fühlt sich wie etwas Lebendiges an und man atmet aus und guckt sich dabei die Luft genau an, den Rauch im Wind, starrt vom Balkon aus ins Nichts und führt sich die Gründe vor Augen, fragt sich, wie das allen nur wieder so weit kommen konnte und hält sich dabei an der Zigarette fest, wie an einem Geländer. Hinter dem Geländer ist nichts, nur Tiefe, die dich nach unten zieht und genau um dieses tiefe Nichts ging es wieder. Man versucht noch einzulenken, bevor es um etwas geht, stellt sich quer, will nicht schon wieder diese lange staubige Straße runtergehen, ohne dass man vernünftige Getränke dabei hätte, lässt sich provozieren, wird zerstörerisch, täuscht einen Herzstillstand vor, lauert auf die Fehler des anderen, macht dieselben Fehler, bis es doch um irgendwas geht und das Geduldsstahlseil reißt und man schreit und schmeißt und zerrt und sich fallen lässt, wie eine Fußballschwalbe, um dem anderen das Gewissen mit einem Backblech zu durchbohren. Am Schluss ist man ausgehöhlt und angewidert, sich selber nicht, noch, dass der Andere schnauft und atmet. Heult. Selbstverständlich auf und abmarschiert. Aussieht. Da ist. Weg geht. Hoffentlich zurückkommt, wenn ich das hier fertig geschrieben habe. Vielleicht. Vielleicht, aber auch nicht. Die Zunge entsichert, dass Das-Wars schon auf den Lippen und man kann so ein Das-Wars nicht wieder einfangen, wenn es einmal bis zum Ende gesagt wurde, wie man keine Pistolenkugel einfangen kann, wenn man sie einmal abgeschossen hat. Von Schimpfworten ganz zu schweigen, auch wenn die sich noch so schön sagen lassen. Auf südeuropäisch gibt es tolle Schimpfworte, die sich ganz ausgezeichnet sagen lassen, man kann gar nicht wiederstehen, sie zu sagen. Umso religiöser ein Land, desto besser die Schimpfworte. Worte wie Dynamit, sie brennen nicht lange. In Deutschland haben wir keine guten Schimpfworte und wenn man versucht, deutsche Schimpfworte in Südeuropäisches zu übersetzen, kann viel schiefgehen. Sie sagen nicht das gleiche und werden vielleicht im Zielland als Heilige verehrt. Faustregel: Nichts in Flüchen verwenden, das bluten kann, denn alles, was bluten kann, ist wahr. Heilige können bluten, Frauen und Stiere. Google Translate macht aus einer dummen Ziege […]

PANTHEON

PANTHEON

Und dann kam das schlechte Wetter und brachte das Ende des Sommers. Der Wind brachte es vom Atlantik und zog dann ohne das Ende weiter und der Sommer wollte gar nicht mehr aufhören, zu Ende zu gehen. Man musste die Fenster schließen, damit die Welt drinnen nicht mit unterging und der Wind trieb den Regen gegen die Fenster und riss die letzten Blätter von den Bäumen, die dann an den Fenstern klebten oder nass und tot auf die Welt fielen und dort lagen und lagen, bis sie von irgendeiner kurzen Sonne getrocknet werden würden. Die Welt roch nach totem Laub, das nicht mehr wehte. Mit dem Regen kam die Traurigkeit in die Stadt und mit der Traurigkeit, diese eine Seite an ihr, die sich nicht mit dieser einen Seite an mir verstand. Ansonsten verstanden wir uns prächtig und ich glaube, dass diese eine Seite der Grund war, dass sich die anderen Seiten an uns, so gut miteinander verstanden. Das dachte ich damals und das denke ich auch noch heute. Es ging immer nur um Sachen, die egal waren, um die wichtigen Sachen stritten wir nie. Bei den wichtigen Sachen war es ganz egal, wer Recht hatte. Wenn irgendetwas wichtig war, setzten wir uns auf die Bänke, im amerikanischen Viertel, die man auf halber Strecke zwischen Treppen gestellt hatte, die nie einer ging, und erklärten uns einander. Wenn wir nicht weiterwussten oder sie sich zu lange erklärte, flogen meine Gedanken davon und ich dachte, dass das hier gute Bänke wären, um ein sich zu erklären, weil sie in einem ganz bestimmten Winkel zueinander aufgestellt wurden und man sich nicht anschreien und nichts schmeißen konnte, wegen der Nachbarn und dass hier viel Unkraut durch das Pflaster wächst, weil sie nie jemand ging. Ich nahm mir vor, die Treppen öfters zu gehen und irgendwie sah sie mir das immer an, wenn ich an Treppen dachte, die ich öfter gehen möchte und wir begannen zu streiten. Wir stritten von den Treppen bis zum Pantheon und dann zum Miradouro da Nossa Senhora. Einer ging immer vor und der andere rannte ihm nach und am Miradouro da Nossa Senhora begann es zu regnen oder wir bemerkten den Regen erst dort. Die Bäume waren alle kahl und die Kirche war zu und es gab auch sonst nichts zum Unterstellen, nur ein großes Kreuz in der Mitte des Platzes. Wir standen also unter dem großen Kreuz in der Mitte des Platzes, jeder unter seiner Seite des Kreuzes und wurden sehr nass. Ich hatte den ganzen Sommer über auf sie gewartet und ich hatte auch heute auf sie gewartet, obwohl gar kein Sommer mehr war, und ich hatte kein Problem damit gehabt, weil ich nie ein Problem damit hatte und sie ständig zu spät kam und ich ständig so dastand und rauchte und über Dinge nachdachte. Aber als sie heute zu spät kam, küsste sie mich zu flüchtig und sprach nur von ihrer neuen Wohnung und ich sagte ich hätte darüber nachgedacht, dass sie nur noch von ihrer neuen Wohnung sprechen würde und immer zu spät wäre. Sie hatte die gleichen Meinungen, die nicht stimmten, wie ich, aber manchmal saß sie nicht auf Bänken, zwischen Treppen, sondern wie eine Prinzessin auf einem Elefanten, der durch einen Dschungel lief und kämpfte gegen Mücken. Vom Elefanten ausgesehen, fielen meinem männlichen Betriebssystem ihre kurzen Haare auf. Sie waren scharf und kinnlang abgeschnitten und die Spitzen ihre Haare zeigten zu ihrem Mund. Ihr Mund hatte dieses ewige Erste an sich und ein unendlicher Impuls ging von ihm aus, der sich anfühlte, wie die […]

DIENER

DIENER

Hey Frank. Ich habe oft an dich gedacht oder jedenfalls öfter, als ich dir geschrieben habe. Liegt wahrscheinlich daran, dass man das, was ich dir sagen wollte, besser in einem Park sagt oder in einer Bar oder auf der Bank eines großen südeuropäischen Platzes, vor uns der Brunnen und die Tauben, die da kackt grad; oder an einem Mittagstisch mit rotweißkarierter Tischdecke, du weißt ja um die Faszination, die Wein und Käse an so einem Tisch, unter freiem Himmel, auf mich ausüben. Da wir aber Ländergrenzen und Sicherheitskontrollen voneinander entfernt, an unseren Schreibtischen sitzen, immer blasser und immer fetter und immer toter werden, dachte ich, dir zumindest keine Mail zu schreiben, sondern einen Brief, den du dann überall mit hinnehmen kannst, ohne ihn aufladen zu müssen, an all diese Orte. Wenn ich ehrlich bin, wollte ich erst nicht, dass es so weit kommt. Ich hatte es lange herausgeschoben, gehofft, du kommst mal, immer einen Grund gefunden es nicht zu tun, bin nach Istanbul oder Zürich oder Paris geflogen, nur um es nicht zu tun und an Abenden in Lissabon immer noch einen trinken gegangen, um es am nächsten Morgen nicht tun zu müssen. Sogar eine Grippe kam mir gelegen, obwohl ich wusste, früher oder später, würde ich es tun müssen und ich wollte es ja auch tun, ich hatte es immer getan, für sonst wen, dieses eine Mal eben für dich, schlussendlich für mich selbst. Ich kann es immer nur einmal, bis ich wieder kann und man muss es jedes Mal besser können, als man es vorher konnte, solange, bis man das, was man immer getan hatte, nicht besser, sondern nur noch echter macht. Mit je weniger Gefühl man es tut, desto einfacher ist es, genauso wie es einfach ist, jemanden mit wenig Gefühl zu lieben. Es ist und bleibt die schönste Sache der Welt und ich mache nichts lieber, aber darüber schreiben, will ich jetzt nicht mehr. Das ist Kampf. Krieg. Ein weißes Blatt Papier, das gar kein Papier ist, sondern Bildschirm und mich anstarrt, mit leeren Augen, die wollen, dass ich ihm welche verpasse. Es gibt einfach Dinge, die man lieber tut, als über sie zu schreiben. Mit einem geliebten Menschen schlafen oder Essen gehen, aber genug von den Vergleichen, ich lenke wieder ab. Geradeaus darauf zu, und nein Frank, ich gehe heute keinen trinken, aber es kann sein, dass ich ausfällig werde, verletzend, eindimensional, viel zu persönlich. Entschuldige vorweg den hässlichen Umschlag. Er sieht aus wie eine rechteckige Bürolampe mit Briefmarke drauf und erinnert mich an Aktenordner, dich auch? Solche Briefumschläge erhalten normalerweise nur Menschen, die keine Lust mehr haben, sie aufzumachen, Menschen, die ihr Leben unter Bürolampen und vor Aktenordnern verbringen. Bis zu ihrem Suizid. Deine Briefe sehen immer so schön aus. Sie liegen auf meiner Kommode oder in der Kommode drin und passen ganz hervorragend zu meiner inneren Einrichtung. Ansonsten habe ich jedoch keine Mühe gescheut, bin gestern Abend in keine Bar und heute Morgen nicht in die Kirche. Bin wie neu und sitze vor einem schönen Café am Rossio, der große zentrale Platz auf dem sie Sonnenbrillen und Kokain verkaufen, erinnerst du dich? Nicht weit von dem McDonalds, in dem sie dir mal das Messer an die Kehle gehalten haben und dein Geld wollten und du allen Ernstes fragtest, ob […]

KAFFEE & SCHNAPS

KAFFEE & SCHNAPS

Im Leben eines Mannes gibt es viele Straßen und viele Winter, außer er wird schon früh von einem dahingerafft oder in einer Schlacht verwundet oder von einem Diesellastwagen überrollt oder stirbt an den Folgen einer ordentlichen Geschlechtskrankheit. Heute sterben Männer nicht mehr an Schlachten oder Geschlechtskrankheiten, schon gar nicht an Wintern, sie sprengen sich in die Luft oder kommen ins Altenheim, Sabbern sich ums Leben, oder stürzen einfach mit dem Flugzeug ab oder werden auf offener Straße, lautlos, von einem Elektroauto überfahren. Keiner gesehen. Manche schreiben auch Abschiedsbriefe auf ihren Notebooks, und knallen sich dann ab, weil sie zu feige sind, sich nicht abzuknallen oder mit ihren Frauen zu reden oder ihre Erektionsprobleme, mit der Hand, mal auf ein ehrliches Blatt Papier zu schreiben. Etwas Handgeschriebenes ist doch immer etwas sehr Nobles und etwas sehr Endgültiges, aus dem es kein Zurück, kein Kopieren, kein Einfügen mehr gibt. Es steht dann so da und es ist es sehr schwierig und sehr gesund mit der Hand zu schreiben, weil die Gedanken direkt vom Gehirn aufs Papier fließen können, noch bevor sie geschliffen sind und man sich fragt, ob allen klar ist, dass das hier kein Abschiedsbrief, sondern eine schöne Geschichte ist, in dem das menschliche Gefühl dem ästhetischen System eben weit voraus ist. Man kann nicht einfach so vor sich hin tippen und weglöschen, bis man endlich aufhört, weg zu löschen und zu denken und zu schreiben beginnt. Man kann auch nicht ohne weiteres eine Sicherheitskopie davon machen oder das Geschriebene irgendwo ablegen, wo keiner drankommt, weil man überall drankommt und alles abfackeln oder verloren gehen kann. Das macht es aufregend und in jenem Winter gab es für mich eine Straße, die so aufregend und endgültig war, dass sie mit der Hand geschrieben werden musste. Winter ist, wenn es sonnig ist und die Menschen in Lissabon Jacken tragen. Die Stadt atmet durch und ihr Atem riecht genauso wie er aussieht, durchsichtig, windig, warm, atlantisch gereinigter Ozon. Von den Menschen, die Reisen müssen, um zu Reisen und darauf hoffen, dass immer neue Länder das Reisen für sie übernehmen, sieht man wenige und die, die man sieht, tragen keine Jacken, sondern nur das, womit sie Januar auf Südeuropäisch übersetzt haben. Viele von ihnen werden krank und verbringen den Großteil ihrer Reise in den verbrauchten Betten ihrer Ferienunterbringung oder sie ziehen sich eine Lebensmittelvergiftung zu, weil sie in Restaurants gingen, in denen sie die Karte in ihrer Sprache dahatten und sich Sardinen bestellten, mitten im kalten Winter. So aber wurden die Plätze frei und die Wege leer und der Rauch von Esskastanien lag in der Luft und man konnte die Luft sehen, wie sie auf den Plätzen lag und durch kahle Bäume wehte und alles kleiner machte, gemütlicher, schöner, erwartungsloser, pariserischer, melancholischer, irgendetwas mit der Stadt machte, was weiß ich, was es machte, aber man schaute jedes Mal auf die Plätze der Stadt und fragte sich aufs neue, was genau die Luft mit der Stadt ma[…]

OBSESSION

OBSESSION

Diese Geschichte beginnt wie alle Geschichten auf der Rückbank eines türkischen Taxis. Im Stau. Als Fortsetzung von einer, die noch nicht geschrieben wurde, aber fast fertig notiert ist. Vorausgesetzt, meine Gedanken flackern weiter so über die Seiten. Angezündet von plötzlichen Tankstellen und dem reinleuchtenden Licht vorbeirauschender Straßenlaternen, Parfümwerbung, die verschleierten Frauen Freiheit verspricht und Ampeln, am dramatischsten die Farbe Rot. Manche Notizen sind mit einem schönen schweren Kuli gemacht, im Dunkeln, im Regen, im Streit und im Schnee; sind schwarz oder blau, unwichtig, affektiert, unleserlich und neurotisch. Andere lange her, haben viele Notizbücher überstanden, wurden hundertmal abgeschrieben, sind nie zu Sätzen geworden, wären ein Buch wert gewesen. Heute nichts erlebt, Manuskripte versandt und rumgelaufen, zum Beispiel. Sie sagen mehr über Situationen aus, in denen sie gemacht wurden, als darüber, was von diesen Situationen in ihnen steht. Und zwischen ihnen, da liegen Wochen, Adressen, Länder, Krisen, Narkosen, Offenbarung. Daran ist Zeit schuld. Koordinierte Weltzeit plus drei minus zwei. Vergangene, mitteleuropäische Zeit, mit ihren Umstellungen und Überschriften und Erkenntnissen und Flugzeugen, vor allem die Flugzeuge, gottlos und luftleer, nicht mehr hier, aber auch noch nicht da, lange schon keine Straßenlaterne mehr. Flugzeuge reißen das Leben in Stücke, trennen Momente voneinander, indem sie Augenblicke verbinden, die gar nichts miteinander zu tun haben. Nach jedem Start ein neues Kapitel, da reicht kein Absatz mehr. Zu viel Leben, in dem ich es mit Wirklichkeit aufnehmen muss, ihr hinter herschreibe, bevor ich, vom Glühwein angeschossen, auf der Weihnachtswatte vorm Fernseher zum Erliegen komme. Resignation, die Schweiz von oben, wie ein schmelzendes Schaf, das wenigstens noch von richtigen Tigern gefressen werden möchte. Einmal brauchte ich Urlaub, ging ohne Notizbuch in den Wald, kurz davor, mir meine Gedanken mit einem Zweig in die Haut zu ritzen. Meine Gedanken verfolgen mich und ich verfolge meine Gedanken, bis auf den Grund des Denkens, will ich denken. Vom Konkreten ins Abstrakte, bis an das Ende der Vorstellungskraft, bis es nur noch ums Verfolgen geht. Das Leben sprudelt als ewige Quelle aus mir heraus, aus allem und jedem, sprudelt mehr, als man trinken oder stauen oder stilllegen kann, oder was man sonst noch so mit Quellen macht. Sie droht meine Welt zu fluten, noch bevor sie zur poetischen Erinnerung von der Welt geworden ist, die mich als Arche durch die Flut von Ereignissen trägt. Denn, was ich da von der Welt fühle, ist wahrer und falscher als die Welt und was ich mir einbilde, zu leben, doch überlebenswichtiger, als alles, was ich erlebe. Einbildung ist das Wahre am Lügen, stimmt, und doch ist nichts Zufälliges an solchen Momenten und ihren Einbildungen, nichts Austauschbares, nur viel Unkenntnis von Ursache, steht hier, zwischen in Unordnung geratenen Gefühlen und Versuchen, meinem Ideal von Leben näher zu kommen. Anstrengend, oder? Ich freue mich auch schon auf weiter unten, da geht’s um Nutten und Bürgerhäuser. Dranbleiben! Bis dahin Buchhaltung führen, über Gefühle, Gedanken, Gesten. Aus Angst mich zu verpassen. Wie kann man sich verlassen, darauf, dass alles so passieren wird, wie es am Ende geschrieben […]

STREIT

STREIT

Dunkel, wie vor der Erschaffung der Welt ist es gewesen. Nur Taxis und Nebel gabs schon. Niemand auf den Straßen, nur ein Norweger und ich. Wir standen eine ganze Weile und es kam hin und wieder auch jemand vorbei, aber erst, nachdem ich diesen Satz fertig geschrieben hatte. Da waren Allerweltsmenschen, so unterschiedlich wie Grashalme, die von glücklichen Kühen gefressen werden, ich mochte sie nur, wenn sie Zigaretten daließen. Da waren hagere Frauen, die heimrannten nachdem sie den Norweger sahen und sahen, wie er ihnen im gelben Laternenlicht hinterher sah, mit seinen grundlosen Augen, die hinter einer randlosen Brille guckten, wie die Fenster eines U-Boots, tief und unter Druck. Er meinte, er stehe auf solche Frauen, große Frauen in Körpern von elfjährigen Jungen, am liebsten chinesisch, wäre aber selten. Der Norweger war sehr groß, aber gar nicht so norwegisch und pädophil, wie du ihn dir vorstellst. Er war ganz weiß und bewegte sich mächtig, wie ein schwuler Winston Churchill. Er sah aus wie ein betrunkener Engel oder ein Esoteriker mit Akne oder ein Arzt mit Bauch oder ein Alkoholiker oder alle zusammen, ausgebrochen aus einer Nervenklinik, in der die Patienten Leinen tragen und sich mit billigem Aftershave rasieren. Einmal kamen zwei Männer und eine Frau vorbei. Die Männer trugen enge, aufgeschlitzte Hosen und weiße Turnschuhe. Es waren die gleichen Männer, wie überall oder es waren andere. Einer der Männer sagte etwas und die anderen lachten. Der, der was gesagt hatte, lachte dann auch und der Norweger begann sich die Ohren zuzuhalten. Er hielt sich die Ohren zu, wie man sich zwei dröhnende Sirenen vom Kopf reißen würde, wenn irgendwo einer stirbt und jemand anruft und losgefahren wäre. Ich fragte warum? Er sagte, dass er im Lachen des einen Mannes die ganze Naivität unserer Zeit gehört hätte, es soll nach Bücherregaltapete geklungen haben. Ich sagte, ich wüsste, was er meine und wollte schon oft darüberschreiben, aber es funktioniere nicht. Ich schweife immer ab. Erst letztens wollte ich im Park einige hasserfüllte Zeilen für übertrieben selbstsichere Frauen schreiben, die gerne Sachbücher lesen, aber im Park rannten Hunde und ich dachte, wie geil muss es sein, vier Pfoten zu haben und einen tiefen Körperschwerpunkt und einfach wild im Park rumzurennen. Zur Begrüßung schnüffelt man sich am Genital. Ob ich weibliche Autoren lesen würde? Gedichte von Anna Achmatowa wären ganz gut, weil die Modigliani gebumst hat und so eine Engländerin, deren Namen ich vergessen habe, klingt aber männlich. Der Norweger sagte nichts. Dann sagte er Virginia Wolf, schön, groß, hager. Wir standen eine Weile da, sein Leinenhemd flackerte im Wind. Ich weiß nicht, an was der Norweger dachte, aber ich stellte mir Virginia Woolf vor, nackt und heterosexuell. Ich versuchte, sie mir so genau wie möglich vorzustellen, aber es war schwierig, denn zwischen der Ungenauigkeit meiner neurotischen Vorstellung und der Präzision ihrer viktorianischen Realität lag ein Stück unvorstellbare Individualität, etwas das nur Virginia wusste und alle, die mit ihr geschlafen hatten. Irgendwo aus der Ferne […]