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BYND

Konstantin Arnold

TAGEBUCH EINER TRENNUNG II

TAGEBUCH EINER TRENNUNG II

Ich ging oft auf diesen Friedhof und mit ins Farnese und auch an anderen Tagen in die Sant’Andrea della Valle. Manchmal gingen wir danach auch zu Buccone, einer sehr hohen Enoteca, nicht weit vom Popolo. Meine Rechnung ist aufgegangen. Seit drei Wochen bin ich jetzt schon hier. Ich bin in Rom gekommen, um nicht in Lissabon zu sein und geblieben, bis es nicht mehr nur darum ging, nicht mehr nur in Lissabon zu sein, sondern in Rom und die Schuld ein für alle Mal tot ist. Ich bin geblieben und nicht mehr weggegangen, habe das Scheitern gefeiert und nicht weiter gewusst. Abends blicke ich von der Gymterrasse des Hotel Hassler über die Spagna weg auf Rom und habe das Gefühl gescheitert, aber glücklich zu sein und das ist eigentlich kein Zustand meines Lebens. Ich sehe die Stufen runter, die Via dei Condotti lang, über die Kuppeln und tausend Touristen und denke, hier bleibe ich, hier weiß ich nichts und hier feiere das Scheitern, von hier bringt mich nichts mehr weg. Ich hatte vergessen, dass es außer meiner leidvollen Welt der Liebe auch eine andere Welt, mit Liebe, ohne Leid gibt. Ich hatte vergessen, was es heißt, ein Mensch zu sein, der denkt und fühlt, ohne zu denken, was er denken und fühlen sollte. Ich hatte vergessen, dass es auch noch andere Menschen gibt und Städte, die etwas von uns haben und uns zu uns führen, einer Form unserer selbst, die uns vielleicht mehr entspricht. Ist im Umgang mit jedem, doch immer ein etwas anderer und wer weiß dann schon noch wer er ist, wenn er in sich schaut und nicht um sich sieht, oben über die Spagna von der Gymterrasse des Hotel Hassler aus? Ich war größenwahnsinnig geworden, ein Hochstapler wie Felix Krull, talentierter als Ripley, gesünder als Thomas Bernhard und doch so wie alle, die wir uns in Städten als jemand ausgeben, der wir nicht sind, bis wir es werden, weil wir einfach lange genug so getan haben als ob. Ich schrieb meinem besten Freund einen Brief, schrieb, dass er doch gerade in der gleichen Scheiße sitzt und nach Rom kommen soll, mit dem Zug von München über Bologna, aber vor allem nach Rom, wenn er sonst niemanden liebt. Es wäre für uns doch das Beste irgendwo zu sitzen, zu trinken und zu hören, wie der andere über die Welt herzieht. Außerdem würde ich ihm gerne meinen neuen, alten Freund vorstellen. Ich hätte Giorgio schon viel von ihm erzählt. Zwei Gedanken dürften aber nicht gedacht werden, wenn er kommt: Was kommt danach und wie funktioniert das ganze Finanzielle. Ich würde um Vorabhonorare betteln, er um Filme. Vielleicht waren es genau genommen auch drei Gedanken, aber Rom war so schön, dass ich nicht weiter über Hämorriden und Flecken nachdachte. Ich musste ja in Rom bleiben und unbedingt im Hassler wohnen, ich war ja größenwahnsinnig geworden. Der Plan war im Hassler zu wohnen, bis wir nicht mehr im dort wohnen konnte, und dann eine Italienerin kennenzulernen, also eine Bleibe zu finden oder eine kulturelle Einrichtung (lieber nicht), große einflussreiche Leute aus La Grande Bellezza, Kirchenväter, Monseigneurs, die sich junge Autoren halten, Kardinäle, Mäzene, Leute, die Schnitzlers Traumnovelle nachmachen und die Dolce Vita leben, die sich, so sagt man, in diesen moralischen Zeiten, in die privaten Palazzi zurückgezogen hat, hinter zugezogene Gardinen großer, mysteriöser Fenster. Das Schöne am Hassler war, dass egal ist, wer man ist und was war, seitdem man das letzte mal hier gewesen ist. Es ist ein Familienhotel in fünfter Generation. Der Vater der Direktorin soll ein sehr eleganter Mann gewesen sein, der in drei Sprachen Lippen lesen konnte. Es steht ganz unauffällig da an der Treppe und reiht sich ein, anstatt sich anzubiedern wie wenige Gebäude, die ihren Wert für sich behalten. Ich schrieb ihm das alles in einem Brief, weil es die einzige Art ist, mit Freunden zu kommunizieren, wenn man unbedingt mit einander kommunizieren muss und in verschiedenen Städten traurig ist. Es ist eines dieser letzten sinnlosen Überbleibsel einer untergehenden Welt aus Briefbeschwerern, Telegrammen, Depeschen, Gepäckträger, Abendzeitungen, Manschettenknöpfen und Nachtzügen, die wie Dampfschiffe noch enorme romantische Zusammenkünfte an all den Orten zuließen, an denen das Spiel der Verführung in subtiler, undurchsichtiger und geschickter Weise über die Bühne geht. An denselben Orten, mit denselben Leuten, die auch an all den anderen Orte sind. Man hält es aus, sich ihnen nicht gleich mitzuteilen und teilt auch nicht mit, wenn man sich in einem Brief mitgeteilt hat, der (in Italien) oft erst lange nach den Ereignissen eintrifft. Er hatte jetzt meine Adresse: Hotel Hassler Roma, Piazza della Trinità dei Monti. Eine Woche später kam er. In der Lobby des Hassler lief gerade Aqua e Sale und es pulverisierte mein zerbrochenes Herz. Er fragte, was los ist und ich sagte, das ist das Lied, dass ich mit ihr einmal morgens im Taxi hörten, als wir unseren Rückflug aus Rom nach Lissabon verpassten. Wir waren schon in Sichtweite des Flughafens, aber der Taxifahrer meinte, das bringe bei dem Verkehr alles nichts und drehte voll auf und das ist nur einer dieser Momente, die es nun nicht mehr gibt, wenn man den Menschen nicht mehr hat, mit dem man ihn teilt. Zusammen könnte man mit den Momenten unter der Brücke leben. Die Frage, wie allein damit umgehen? Die Zukunft wirft Fragen auf, aber die Vergangenheit ist in meinen Augen schwerer zu ertragen, da ich Zukünfte für Erfindungen halte und es schwerer finde, mit einer Vergangenheit umzugehen, ohne sie zu erfinden, zu prahlen oder daran zu Grunde zu gehen. Was wird Teil von uns, was nicht? Welcher Teil ist für wen ersichtlich, wenn nichts und niemand mehr da ist, der die anderen daran erinnert? Er sagte, solche Gedanken durften einfach auch nicht gedacht werden, genauso wie der, dass sie mit schwarzen Modiglianiaugen Männer fickt, die ihre Vergangenheiten erfinden und Reichtümer, und vom wahren Roms und wahren Lissabons sprechen und den vielen Lieben, die ihnen zuteil geworden sind. Menschen kommen und gehen, aber vor allem gehen sie, wenn ihre Zeit vergangen ist und sich herausstellt, dass sie doch nicht jene waren, für die man sie hielt. Was wird Teil von einem und was nicht, welcher Teil ist für wen ersichtlich, wenn nichts und niemand mehr da ist, der uns erinnert? Frauen, die man hatte und eine, die man liebte, weil man sie nie gehabt hat. Alle schönen Momente konzentrieren sich dann im Kollaps eines Ereignishorizonts, der ein schwarzes Loch zurücklässt, das aussieht wie Pierre Soulages Bild eines zehnten Novembers. Schwarz und drübergemalt, an manchen stellen völlig undurchsichtig, mit ein paar hellen Ecken, in einem goldenen Rahmen, wenn gegenüber eine farbenfrohe Komposition von Bran van Velde hängt […]

TAGEBUCH EINER TRENNUNG I

TAGEBUCH EINER TRENNUNG I

Es geht damit los, dass man sich fragt wies nun weitergeht. Man kann das in Rom, nach einer Trennung, aber nicht schon wissen, das geht einfach nicht, das geht nur danach, ich weiß gerade nur nicht, wann das ist und ob es überhaupt ein Danach geben wird. Ich bin nach Rom gekommen, weil ich aus Lissabon flüchten musste. Die Stadt ist nicht Rom. Sie kann schon gar nicht Rom sein, wenn man dort lebt. Man denkt, man könnte das, was man in Rom macht, auch gut in Lissabon machen, es ist die perfekte Stadt dafür, hügelig, melancholisch, nicht weit vom Meer, aber es geht nicht, alles erinnert mich an sie. Für die einen ist es London oder New York; für mich Lissabon. Und Rom, und das war ja das Problem. Rom war immer das Argument, wenn es darum ging, wie unser Leben in Zukunft auszusehen hat, und mit wie vielen Kindern. Es gibt außer Rom kaum Orte, an der wir noch keinen Matisse gesehen haben oder uns bei offenen Fenstern liebten und bis spät in die Nacht auf Plätzen diskutierten. Wenn wir bis Weihnachten nicht in in der Closerie des Lilas waren, im Sommer ums Cap d’Antibes schwammen, in Ventimiglia auf den Zug aus Cannes nach Genua warteten, Zeitungen im Café Sperl lasen, bei Tito in San Sebastian aßen, uns in Mailand trafen, durch den Retiro gingen oder am Lago di Como darüber nachdachten, Schluss zu machen, weil ich nach Rom ziehen wollte, ging bei uns gar nichts. Es zwängen sich Fragen aus der Zukunft auf, die die Gegenwart betreffen, dem einen mehr, dem anderen weniger, mit dreißig oder sechzig, je nach dem wie gut man die mit dreißig beantwortet hat. Das machte sie traurig und weil es sie traurig machte, dachte ich nicht weiter an Rom, und ich glaube, diese Nichtdenken und diese Traurigkeit waren’s und ihr Weinen, dieses Weinen hält einen immer davon ab. Es tötet von innen die Liebe und man beginnt gleichgültig zu werden und denkt an Rom. Vorher versucht man natürlich noch ein guter Mensch zu werden, wird krank durch und durch, unduldsam, unerträglich, ehrlich, ein Idealist, zwanghaft, wie keiner, bis man der andauernden Selbstbeobachtung erliegt. Lissabon blieb dabei die Hauptstadt unseres Vergehens. Natürlich war Valentinstage, als ich in Rom ankam. Ich konnte die Zeichen aber nicht länger ignorieren, schon gar nicht die Flecken. Ich konnte mich und sie nicht mehr sehen, genauso wie das ungelebte Leben meiner Liebe als Preis einer Größe, wie ich sie verstand. Ich begann das Leben wieder als viele Lieben zu sehen und sah mit Sorge ein wachsendes Interesse daran, mich als Mensch in der Welt zu sehen, zu verstehen, wer ich bin in der Welt, als der, der ich jetzt bin, in einer Welt wie jetzt und ob dieser jemand und diese Welt wirklich nur durch sie zustande gekommen sind, wie sie gern sagt. Stellt man sich alles nur so vor, so wie alle Dingen, die man denkt? Ich hatte versucht zu lieben, heißt mich mich zu ändern, aber es geht nicht, es ist nichts für mich, wenn es heißt mit einer Frau im Bett zu liegen, ohne leidenschaftlich zu sein, vielleicht zu wissen, was morgen kommt. Irgendetwas ändert sich in mir, und man wusste es morgens immer, wenn man sowieso das Gegenteil von allem dachte, was man denkt und sich den Tag über beweist, dass alles dann doch nicht so ist, sobald sich die große Ablenkung in Betrieb gesetzt hat und die Relationen einrasten. Der Fehler liegt deshalb nicht in der Liebe, er liegt bei uns, in dem wir sie als gescheitert bezeichnen, wenn sie nicht im Doppelgrab endet, die Tragödie ist vorbestimmt. Wir wollen sie ständig bis in alle Ewigkeit retten, indem wir sie töten und künstlich in die Länge ziehen, aber Ewigkeit hat nichts mit Länge zu tun, sondern mit der Höhe und Tiefe eines Gefühls, und dem, was der Alte sagte, als ich ihn vor dem Grab seiner Frau auf dem Cimitero Acattolico in Rom traf. Er sagte, er hätte seine Frau nie so glücklich gesehen, wie in ihrem ersten Sommer in Rom. Er dachte da noch, egal, wie lange der dauert, der reicht, dieser eine Sommer, der ist für immer, aber nichts ist für immer, nur Rom und der Fernet-Branca bei Farnese, der ihm hätte heute auch wieder wie immer geschmeckt. Er wäre keiner von denen, die sagen, Rom hätte sich geändert. Trastevere ist immer noch die gleiche Scheiße, aber der Gianicolo das Beste. Er kann früher gar nicht besser gewesen sein. Wir schieben Veränderungen nur gerne den Städten zu, aber sie ändern sich nicht so, wie wir. Es sei daher ein Irrtum, das man bestimmte Zeiten für besser hält, die man gar nicht selbst erleben durfte und meint, dass eine Stadt, nicht mehr so ist, wie sie vielleicht nie war, nur weil man Rom einmal zu einem bestimmten Zeitpunkt gesehen hat und von einer Stadt zu verlangt, dass sie sich bis zu seinem nächsten Besuch nicht verändert. Rom hätte es vor uns gegeben und Rom wird nach uns sein. Das Läden schließen, Preise steigen, gab es schon immer. Die Zeit ist egal. Sie wiederhole sich und vergeht in Zyklen, weil der Mensch ihr Vergehen so besser erträgt. Die kulturelle Ausformung dieser Zyklen nennt man Mode und deren melancholische Wiederaufnahme Nostalgie. Es geht darum, die Dinge durch ihre ständige Wiederholung auf eine Essenz zu destillieren, die tröstet, weil es immer so ist, wenn sonst alles um einen herum vergeht. Die Frage zu welcher Zeit eine Stadt am besten ist, ist dann hinfällig. Madrid im Mai, Wien im Dezember, Paris um 1900, Berlin besser nie und Rom eigentlich immer, vor allem nach einer Trennung, nur nicht im August. Seiner Meinung nach hätte ich mich besser am Ende eines Sommers getrennt und Rom im Herbst besucht. Es ist die besinnlichste Jahreszeit, reicher und schöner als alle anderen, für jene, die mehr Bedeutung und reife Tiefe als Glanz und Jugend suchen. Die Touristen sind dann gar nicht so wie Leute, die immer neue Orte brauchen, die das Reisen für sie übernehmen. Man hätte die Erinnerung des Sommers und ahnt das Vergehen. Geschaffen für Genießer der Melancholie, Liebende vor dem Aus, Banker am Rande des Ruins und Dichter, die zwischen den Zeilen nach richtigen Worten suchen […]

DAHEIM II

DAHEIM II

Es begann im Zug, Boardrestaurant, 21. Jahrhundert, auf dem Weg von Tirano nach Mailand. Der Kellner fragte, ob ich gestresst bin, weil ich zweimal zweimal Honig bestelle und ihm das nicht durchs ganze Abteil nachrufen will. Warum man Bestellungen nicht einfach in Ruhe hier am Tisch aufnehmen kann, wollte ich wissen, aber er sagte, nein, das wäre es nicht. Die Sonne küsst in der Morgenröte gerade die Berge und es ist wunderbar und die schönste Strecke, wie die von Cannes bis San Remo. Zugreisen schaffen Abstand zwischen den Dingen. Sie trennen eine Zeit von der anderen und tragen Ort und ihre Ereignisse weit genug von einander weg. Ich sah raus, mit einer Zeitung von gestern über den Knien. Die Fahrt ging mittlerweile am Comer See vorbei oder am Luganer, aber ich glaube, dass es die andere Seite des Comer Sees gewesen ist. Ich schrieb ein paar Briefe und einen an meine Freundin und ich glaube, der wars, was der Kellner meinte. Ich hasse, zu erzählen, wie etwas war, das einen dann  trennt, weil der eine vom einen und der andere vom anderen redet, wenn er vom gleichen spricht. Man wünscht sich dann besser nichts erlebt zu haben, aber will es bei einem Wiedersehen natürlich erzwingen, aber das geht nicht und man wird wütend, weil man nicht weiß warum und warum es nicht geht. Man befindet sich also in der beschissenen Situation davon erzählen zu müssen. Jorge meint, dass das doch ein Talent wäre. Für mich ist es Gift. Mir fiel bei den Briefen an meine Freundin immer auf, dass ich immer was weglasse, so als würde ich etwas von mir weglassen und so schreiben, dass sie weiß, was das war. Es ist die einzig vernünftige Art, die Dinge zu tun, weil sie wie Dampfschiffe und Nachtzüge enorme romantische Zusammenkünfte zuließen. Man konnte den Kleinkram hinter sich lassen und schreiben, dass man jetzt da ist oder dort und nicht mehr hier. Man musste nicht sagen, dass man zwischendrin auch noch woanders gewesen ist. Ich schrieb, wie die letzten Wochen waren, Anrufen konnte und wollte ich nicht, weil ich kein Telefon hatte, und das, was ich hatte, zwischen Bergen nicht funktioniert. Es funktioniert in der Schweiz nie und ein Stück in Italien, und hinten im Café Benard und ich versuche das vorher natürlich immer abzuwenden, freue mich dann aber tief in mir drin. Manche Sachen lassen sich einfach nicht sagen, vor allem nicht weit weg am Telefon, also schreibt man sie besser, schreibt, was so war und was eben nicht war und nur was wird, wenn man es sagt, anstatt zu schweigen, wo es schwer ist, ein Mann zu sein. Alles andere hätte zur Folge, dass man zynisch würde und nichts von dem meint, was man sagt, obwohl man erfolgreicher ist mit Menschen, wenn man die Dinge für sich behält. Nicht, dass es eine Wahrheit wäre, alles zu sagen, was man denkt, es ist Zwang. Man redet von Zuständen der totalen Übertreibung im Augenblick. Der Liebende ist vielleicht der einzige Mensch, der die Dinge nicht so sieht, wie sie sind, aber man sagt Briefen ja nach, dass sie für ein endgültigeres Erleben stünden. Meistens kommen die jedoch erst nach den Ereignissen an. Das zeigt, mit welchen Kräften man ringt. Daher die Flecken. Der Kellner kam und brachte nur einmal Honig und ich hatte doch extra zweimal gesagt. Abends aß ich im Grand Hotel. Das Restaurant sah aus, wie eine Trattoria, die man ins Hotel gebaut hat. Braune Tische, auf denen grüne Servietten und Kerzen in silbernen Ständern waren. Die Wände voller Leuten, die hier schon gegessen haben. Gegenüber aß ein älteres Pärchen und hinter mir eine Blonde mit gespritzten Lippen, die gerade erst reingekommen war. Ich hasse alleine Essen und da die auch alleine aßen und das bestimmt hassten und mir egal war, was ich von mir dachte, weil ich nicht mehr so gerne dachte, wie ich rauch, fragte ich, ob wir nicht zusammen rücken wollen und miteinander essen, ohne gleich miteinander schlafen zu müssen […]

EPIGONE II

EPIGONE II

Man fragt sich im Zug natürlich, ob das Sinn macht, für ein paar Negronis aus Klosters nach Mailand zu fahren, aber wenn man die Seen sieht, und die Inseln, auf denen wir mal Sommer verbrachten, denkt man das nicht mehr. Man sagt, die wären so tief, wie die Berge hoch sind. Gesehen hat das keiner, aber fühlen kann mans schon im Vorbeifahren. Sie sind ganz weich, neben steilstillem Fels. Abends ohne Angst, und morgens wie Meere einer ersten sonnigen Umarmung. Die Welt in Berge und Täler geteilt. Seit Menschen reisen sind sie von dieser Region begeistert. Altgediente römische Legionäre verbrachten hier ihren Lebensabend. Flaubert hielt die Inseln für den sinnlichsten Ort der Welt, sogar der Orient Express hielt damals in Stresa. Hier schafften Künstler, unter Palmen und voll Pasta, endlich einmal nichts zu schaffen. Remarque hatte irgendwo ein Haus, das mit allen Fenster zum See sah. Die Dörfer sind schön, die Gipfel weiß, und die Sehnsüchte der Menschen spiegeln sich in den Wellen wider, die manchmal blau und meistens grün sind. Man sagt, die Toten leben hier noch in den Wolken weiter und befruchten als Regen die Frauen und Stendhahl schrieb, wer zufällig ein Herz und ein Hemd besitzt, verkaufe es um am Lago Maggiore oder in Como zu leben. Wir fuhren durch Lugano und über über den Luganer See und kamen an seinem unteren Ende zum stehen. Man behielt uns für ein paar Stunden im Zug, bis man sagte, dass der nicht weiter gehe, wegen eines Unwetters wäre ein Baum auf die Gleisen geklatscht. Hunderte Menschen standen am Bahnhof, und wussten nicht weiter. Die Gesichter waren verzweifelt. Menschen mussten irgendwo hin. Ich nur Negronis trinken. Umso länger das hier dauert, desto besser wurden die. Ich setzte mich neben einen alten Mann mit Zigarre, Stil und Grandezza, der nicht sonderlich gestresst aussah und aussah, als würde er sich auch lieber mit Problemen rumschlagen, die es nicht gibt. Manchmal sagte der Mann irgendwas und fluchte, wenn denn ein Taxi kam und die Menschen wie wilde Tiere drum liefen. Ich sagte Si, Si. Er bot mir eine Zigarre an und so saßen wir da, tiefenentspannt, eine Weile, schweigend, in gleichfarbigen Anzügen mit Hut, zwischen all den schreienden Leuten. Rauchen ist tödlich, ich weiß, aber ohne das Rauchen wäre ich an diesem Tag nicht mehr nach Mailand gekommen. Denn nach der Zigarre sagte er, kommen sie, fahren sie mit mir. Ich fragte wie? Er sagte, sein Chauffeur wäre jeden Augenblick da. Er hätte nur darauf warten müssen, bis der von Mailand aus hier ist. Wir kamen am frühen Abend nach Mailand. Die Stadt war zerstört. Überall lagen Bäume rum auf Autos und Gleisen. Ich nahm mir ein Zimmer im Mandarin hinter der Scala, auch wenn das ein raumschiffmäßiges Hotel ist, und nicht mein Fall. Aber kein anderes ist so nah dran. Man musste nur noch aus der Tür, rechts an der Skala und links am Leonardo vorbei und die Galeria bis runter. Dann ist es da, gleich rechts, eine kleine Bar, vielleicht der beste Ort auf der Welt, um nach so einem Tag zu sitzen und in einer italienischen Zeitung zu blättern, deren Nachrichten man nicht versteht. Trotz des hektischen Treibens regiert ein Gleichgewicht, das von der Bar ausstrahlt, die seit 1915 gleichgeblieben ist. Getischlert von Eugenio Quarti, geschmiedet von Alessandro Mazzucotelli und gemalt von Angelo d’Andrea, hat sie nichts von ihrer Schönheit verloren, im Gegenteil, alle wirklich schönen Dinge werden schöner mit der Zeit. Die Scapigliatura Bewegung hat sich hier getroffen, aber ich habe keine Ahnung mehr, was das ist. Es ist eine einfache, simple Bar, die um die Kurve geht. Im Hintergrund zeigt ein Spiegel auf den Platz zurück vor den Duomo und das Rot der Campariflaschen hinter weißen Kellnerwesten sorgt für den nötigen Sex. Zwischen dem 13. und 15. August 1943, genau 80 Jahre vor meinem Geburtstag, wurden die Galleria und das Camparino bei verheerenden Luftangriffen der Alliierten bombardiert. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Bar von Guglielmo Miani übernommen, einem Schneider aus Apulien, der 1922 nach Mailand gezogen war. Das Camparino ist ein Ort, an dem ein einfacher Aperitif, die Teilnahme an dieser Legende bedeuten kann […]

WETTERLEUCHTEN

WETTERLEUCHTEN

Es gibt da etwas, dass dir nur Leute zufügen können. Etwas, dass dich reinzieht, ohne, dass du etwas anderes dagegen tun könntest. Du kannst immer und überall in sowas reingeraten und alles am Ende nicht so gewollt haben. Du kannst versuchen, es zu erklären, dich darüber aufregen, verrückt werden, flennen, wenn das dein Männerbild zulässt, aber du kannst nichts dagegen tun, denn das hieße sich dem Leben verwehren, wie es sich bietet. So sind die Schwerkräfte des Lebens nun mal, Naturgesetze menschlicher Umlaufbahnen, die in Form von Anziehungen und Abstoßungen um dich kreisen, solange du lebst und so lange Leben Mitleben heißt und du noch kein dummes, gefühlskaltes Arschloch geworden bist, also ein glücklicher Mensch. Unter liebenden Lebensumständen heißt das, in meinem Fall, dass alles, was man nun tun kann, falsch ist oder gegen dich verwendet wird. Spricht man es aus, dreht man ein Ding draus, spricht man es nicht aus, hat man es nie gesagt, verheimlich vielleicht sogar was, also sagt man es und richtet ausgesprochenen Schaden an, unterstellt dem anderen, dass es ihn beschäftigen würde, oder regt den Verdacht, dass es für jemanden von Interesse wäre, obwohl man nur ein gottverdammter Geliebter ist, der aus Verständnis versucht, den anderen vor seinen eigenen Gedanken zu bewahren. Das, was dir nur diese Leute zufügen können, geht meist mit einer gewissen Verantwortung einher, die dir von ihnen aufgetragen wird. Das kann die Information eines Freundes sein, die man einem anderen aber nicht erzählen darf. Das kann Rücksicht sein, die man in Form von Unehrlichkeit aufeinander nimmt. Ich habe Menschen gesehen, die nie etwas aussprachen und nur so überlebt haben. Hat aber nichts mit dem Schweigen meiner Eltern damals beim Chinesen zu tun. Das muss man mal diplomatisch sehen. Wenn einem Land aus Versehen eine Bombe in ein anderes fällt, lässt sich darüber reden, aber sobald es auf öffentlicher Bühne ausgetragen wird, ist das andere gezwungen zu reagieren und die Sache wird fatal. Ich sage daher immer gleich alles und nehme auch keine Rücksicht auf niemanden, nicht mal mich selbst, auch wenn das nicht so ein guter Grund zum Trinken ist, wie es nicht zu tun. Wenn nun viele dieser Leute mit anderen zusammenkommen, merken sie oft gar nicht, dass sie das tun, aber diese Erkenntnis bringt genauso viel, wie sie nicht zu haben. So ist es immer schwierig, wenn man sich eine Zeit nicht gesehen hat und dann erzählen muss, wie etwas war. Oft hängt die Seele noch da wo die Geschichte spielt. Anders ist es, wenn man mit diesem einen Menschen an den verschiedenen Orten gewesen ist, dann hat die Seele in ihm ein Zuhause. Antibes, Lissabon, München, St.Moritz, Mailand. Ich bin dann immer aufgeregt, was sich nicht so zeigt, sondern dadurch, dass ich alles fertig gedacht und parat haben will, wenn sie kommt. Sie ist allumfassend. Nimmt mich ein. Vielleicht verliere ich mich, hab ein Recht auf mich, aber in Mailand bringen wir uns auf den neusten Stand. Essen diese Pizzadinger, die sie so mag, gleich hinter dem Duomo. Spazieren durch die Galeria, trinken einen Caffee bei Camparino im Stehen und freuen uns, dass die Statue des Leonardo jetzt so schön im Grün steht. Sie schwärmt, wie Lissabon blüht. Ich hätte die Jacarandas verpasst. Die ersten warmen Sommertage. Aber ist gut jetzt in Mailand zu sein. Wir gerne würde ich ihr was teures kaufen. Sie fragt, wie alles so war? Wie schwierig die Zeit daheim und der eine Abend mit Oma, obwohl der nach einer Flasche Wein und zwei doppelten Wodka eigentlich ganz schön wurde. Sie fragt, wieso und ich weiß nicht, wie ichs erklären soll, aber Oma will immer, dass ich zu ihr komme, selbst wenn draußen der schönste Frühlingstag ist, Sonne, was seltenes. Ich überredete sie, mit mir auf eine Caféterrasse zu kommen, um ein Glas in der Sonne zu trinken, aber unter solchen Umständen bekommt man natürlich keinen Tisch und einen Sonnenbrand und bezahlt zu viel. Nach einem Versuch von Apéro (meine Oma trank nichts) ging wir essen (meine Oma aß nichts). Sie bestellte sich einen Sex on the Beach mit zwei doppelten Wodka und sagte sie lade mich ein, nur die Flasche müsste ich selbst bezahlen. Nach der Hälfte wurde es eigentlich ganz lustig und bis dahin ist es unerträglich gewesen. Ich habe an diesem Abend wieder gemerkt, dass Alkohol eine Lösung ist, eine viel bessere, als das was er entriegelt, in sich zu behalten. Oma begann locker zu werden, wie eine Freundin, sogar ein paar neue Geschichten aus dem Krieg waren dabei und nicht immer nur die gleichen und wenn dann nur einmal. Nur warum meine Mutter so ist, wie sie ist, konnte sie auch nicht sagen. Ihrer Meinung nach trug sie daran keine Schuld. Eingeharkt bracht ich sie heim, rechts die Oma, links den Rest Wein. Es war ein schöner Abend. Der Himmel war noch blau und die Nacht blieb […]

ROM

ROM

Moment mal am Nachmittag, abends, oben, über der Stadt. Als ob der Himmel hier näher wäre. Mit den Büsten aller, die schon gestorben sind. Die Via Garibaldi runter, bei den plaudernden Nonnen vorbei und am Paola Brunnen die Treppen der Sakristei links, wo das Wasser immer fließt, und nie gleich und die Straße dann rechts biegt und man eine Weile schön unter Bäumen geht, bevor man auf die Brücke kommt. Ponte Mazzini, die, von der man auf die Ponte Sisto sehen kann und sieht, wie Türme in den Himmel stechen und sich der Fluss windet und über allem die Pinien stehen, schon immer grün im Herbst. Für die Römer geht die Sonne hinter dem Gianicolo unter, nirgendwo anders. Da, wo die Welt dich haben will, kurz nachdem dich dein Freund verlassen hat und du nun allein ist, mit dem Blick auf Rom und den Herbst und den Vögeln über dir, die am Himmel dimensionale Manöver zeigen, all dem Licht und dem Laub, und dich fragst, ob du das alles so fühlst, weil du jetzt alleine bist und nichts zu schreiben hast oder weil es wirklich so ist, wie du siehst. Manche Momente kann man nicht teilen, sie vergehen und sind tief in uns drin. Zwei küssenden Motorradhelme im Verkehr sehen das auch so. Jemand rudert unter den Brücken heim, wie ein Wasserläufer, der ein Zuhause hat. Den Fluss geht alles das nichts an. Er fließt träge und dreckig an allem vorbei in die Dämmerung. Ins letzte Licht. Bis ans Ende des Ausblicks, Albaner Berge oder ist das Umbrien? Was Schönes, einmal nicht Michelangelo, nicht Bernini, einmal nicht wissen, um gucken zu können. Der Tag endet, wie er beginnt. Früh und purpurn. Traurig jede Abendstunde, die man dann nicht in Rom verbringt. Die Luft ist frisch, als ob man noch gar nicht geraucht hätte. Rom hat auf uns gewartet, jaja, als ob, wir auf Rom. Bin das dritte Mal da, aber war noch nie hier. Nur einmal zum Cabrioholen und einmal in einem Hotel am Flughafen, das meine Freundin uns am Flughafen buchte, um den frühen Flug nicht zu verpassen, den wir dann verpassten, weil wir selbst dort eine Bar fanden, in der wir streiten konnten. Man kann Rom einfach nicht denken, ohne es gesehen zu haben. Antikes Herz einer Weltmacht, religiöses Zentrum und auch noch Hauptstadt Italiens. Erfahrungen, die von anderen gemacht werden. Immer nur Worthülsen, Geschichtsunterricht, sonntags, verkatert, TerraX. Ein Vorurteil, wie New York oder Yoga, aber Yoga kann nichts dafür, von dem wes gemacht wird. Jetzt hat die ewige Stadt Bedeutung bekommen: Roma Termini, Taxifahrer, Arschloch. Sie sitzen den ganzen Tag, leben nicht, sterben nur langsam. Wie auch? Sie haben die schlimmsten Väter der Menschheitsgeschichte, die sie selbst Söhne von Vätern sind, die nach dem Krieg heimkamen und erst mal einen Küchenstuhl reparierten. Seit sie von zuhause weg sind, wohnen sie mit ihren Frauen. Meiner Meinung nach muss man sich in der Welt rumtreiben bevor man nach Rom kommt. Prima di arrivare a Roma bisogna muoversi nel mondo, aber der Taxifahrer versteht nur Bahnhof und fährt mich zum anderen. Also Umsteigen ins Nächste. Hotel Excelsior bitte! Bello, meint der neue, das läge wunderbar am Parks der Borghese, gleich an der Via Veneto, ob ich Fellinis Roma gesehen habe? Zwei Wochen in der Stadt? Nein, aber wir werden Rom schon zu unserem machen. Der Taxifahrer meint, bello, aber in Fellinis Rom hätten Frauen drei Titten. Er spricht von all diesen Filmen, die Liste ist lang und man hat nur ein Leben und das hat Vorrang und ist nie genug, nicht mal für Bücher. Er sagt, es sei nicht leicht in Rom ein Buch zu lesen. Das Leben finde in den Straßen statt und man wäre ein Teil von ihnen. Rom ist aus Fleisch und Blut, nicht nur Resten, dem Gesicht einer Frau, die vor einem Schaufenster steht und sich auf den Feierabend freut. Sie schaut sich […]

BENTLEY

BENTLEY

Niemanden auf der Welt interessiert ein britisches Oldtimertreffen in St. Moritz, wenn es ihn nicht interessiert oder er zufällig in St. Moritz ist und nichts Britischeres zu tun hat. Also musste ich da mal hin. Außerdem schrieb mir ein Freund seit Wochen, ob wir denn nicht kommen wollen und ich fragte, was soll ich denn da, und er schrieb, genau das! Ihr könntet im Suvretta wohnen und am Rennen teilnehmen und den Abend retten und nicht wissen, was ihr hier sollt. Du würdest sicherlich ein paar interessante Erfahrungen machen und sehen, ob du danach noch weißt, wer du bist. Die Mahlzeiten bezahlt, mit Wein, ein Märchenschloss mit Bergblick und Männer, die ihre Autos mit Microfasertüchern putzen und Frauen, die darauf warten, auch mal so benutzt zu werden. Gute Ausgangsbedingungen. Ich sagte zu. Bekam einen Bentley. Rief einfach bei Bentley an und fragte, ob ich mit einem beim Rennen fahren darf, versuchen sie’s auch mal. Die sind sehr nett. Viel netter als die von Aston Martin und wie sie nicht alle heißen. Die Autos sind auch nicht so klobig wie man denkt. Einige sind sehr schön und schnittig, mit fließenden Formen im Fallen nach vorn und dem Aussehen eines Stierkämpfers, in britischem Autorenngrün oder regenhimmlischem Nordatlanitktiefblau. British Classic Car Meeting, Startnummer 109, Bentley Continental GT Speed, Konstantin Arnold, Catarina Fernandes, ich konnte das selbst auch nicht glauben. Ich besitze nicht mal ein Auto. Hatte bisher nur zwei. Einen zwanzig Jahre alten Peugeot 106, den man vor jeder Fahrt neu aufpumpen und alle halbe Stunde Kühlwasser nachfüllen musste (der rechte Fensterheber war eine Kneifzange, die Beifahrertür ging nur von innen auf) und einen Opel Corsa 1.2 aus den 70ern, eigentlich ganz schön, der zwei Wochen hielt, bis ich ihn an einen Priester verkaufen musste. Jetzt fuhr ich einen 283.000 Euro teuren Bentley mit 660 PS, 660! im Maßanzug von Mailand nach St. Moritz, oder das Engadin, wie manche lieber sagen. Wenn mir das jemals jemand gesagt hätte, ich hätte ihm das geglaubt und gelacht. Erste interessante Erfahrung: Man glaubt von sich selbst nie so einer zu sein, und ist es vielleicht doch. Das lässt sich leicht am Beispiel von Touristen festmachen, die in eine Stadt fahren und sich über andere Touristen aufregen, die immer die anderen sind, wie im Verkehr. Ich sehe mich jedoch selbst als den größten Touristen, der am schlechtesten fahren kann und sich von innen auch nie so anfühlt, wie die anderen von außen aussehen. Alle machen alles besser und richtiger als ich, sogar das falsche. Das ist irgendwie mein Problem. Ich spreche da oft mit meinem Therapeuten drüber, der meint, dass das aber ein sehr sympathischer Minderwertigkeitskomplex ist, den man nicht heilen bräuchte. Im Bezug auf so ein Treffen denkt man dann, dass hier alle viel mehr verloren hätten, als man selbst, aber das ist bei solchen Veranstaltungen meistens nie so. Man weiß von sich, dass man nur wegen eines Freundes hier ist oder des und deswegen oder warum auch immer im Bentley sitzt, nur durch das und das, aber wer von diesen Leuten ist nicht wegen irgendetwas hier und fährt durch wen oder was?  Meine Beziehung zu St. Moritz ist natürlich und gesund und oft beschrieben und lässt sich damit zusammenfassen, dass man mit einfachen Wahrheiten nicht mehr weit kommt, wenn man sich die Welt für seine Weltanschauung selbst anschaut. Ich kenne ein paar gute Leute, meinen sehr guten italienischen Freund, Peter vom Suvretta House und die portugiesischen Kellner aus der Chesa Veglia, die einem immer heimlich nachschenken und Extraportionen bringen, wenn man portugiesisch spricht. Was uns aber wieder erst auf dem Weg einfiel, war, dass zwischen Mailand und St. Moritz ja ein See liegt, den wir gut kennen. Wir hatten in der letzten Nacht zwar nicht geschlafen und die ganze Woche davor auch nicht, weil wir beim Stierkampf in den Dörfern waren und letzte Nacht bei […]

PORTOFINO

PORTOFINO

Portofino hat mich nie interessiert. Ich habe die Cinque Terre gesehen, das reicht. Viele Autos, noch mehr Menschen, eine Bucht. Immer einer der Strandtücher verkaufen will. Das Essen schlecht. Und teuer. Außerdem liebe ich Genua, und für viele ist Genua nur eine Stadt bei Portofino. Blitzlichtgewitter, aber nicht das glamouröse. Diese wunderbaren Schwarzweißbilder, die muss man Portofino schon lassen. Wer da nicht alles über die Piazzetta gelaufen ist, eins der heißesten Pflaster der Welt. Gable, Bogart, Cardinale, und wie sie nicht alle heißen. Die hatten im Urlaub wenigstens noch was Ordentliches an. Heute kommt 50Cent und trägt Hawaiihemden. Hauptsache Luxusyacht, die irgendwo in der Bucht steht, und den Blick auf die Sonne versperrt. Bei Elisabeth Taylor und Richard Burton hatte das Stil. Die haben Jetset und Paparazzi immerhin erfunden. Ich wusste nicht, dass der Burton so eine Rakete gewesen ist, bis mir jemand seine Tagebücher aufquatschte. Da ist also ein Mann, der den ganzen lieben langen Tag auf seinem Boot lesen und trinken möchte. Ein sehr guter Schauspieler, der ein noch besserer Schriftsteller werden wollte. Und ich dachte, der hätte nur sowas wie Cleopatra gemacht. Burtons Mittelmeergeschichten lesen sich wie eine Seekarte durch die Wetterphänomene der Liebe, die einem nun mal begegnen, wenn man es gut und ehrlich meint und sich einlässt, egal wie schön der Ort auch ist, an dem man gerade ankert. In seinen Geschichten ist Portofino noch genau so, wie es nie war. Und immer dieses Hotel Splendido. Als eine Art Tresor, in dem sich das Lebensgefühl dieses Ortes über die Jahrzehnte gehalten hat. Es dampft hoch oben in den Hügeln am Hang, wie ein Schiff. Schaut terracottafarben über die Bucht und reiht sich in die Landschaft ein, anstatt sie zu zerstören. Alles steht am Hang unter Naturschutz. Jede Blume, jeder Baum, die Zeitlosigkeit. Abfackeln und neu bauen, wie woanders, geht in Portofino nicht. Als hätten sich die Menschen darauf geeinigt, auch die Bösen, dieses kleine Paradies auf Erden zu erhalten. In eine Bucht verzogen. Das Gesicht von der Welt abgewandt. Heute ist das Splendido ein Belmond Hotel. Es gibt Luxushotels und es gibt Belmond, aber zwischen beiden ist manchmal lange nichts. Man kann den Wert eines Hotels ganz einfach an Kugelschreiben und Klopapieren messen, an der Begrüßung und am Briefpapier, an der Art wie der Concierge sagt, dass etwas jetzt leider schon geschlossen hat. An Kleinigkeiten also, die den großen Unterschied machen. Es ist ein Haus das sehr für diesen Ort steht und ihn in sich konzentriert und seine Geschichte heute noch zugänglich macht. Natürlich hat das seinen Preis und natürlich schützen die Preise vor der Ausnutzung dieses Gefühls und keiner kann leugnen, dass das schön ist. Was teuer ist und was nicht, ist besonders für jeden, nur das teuer ist, was keine Qualität widerspiegelt, gilt generell. Im Splendido kann man für den Preis erwarten, dass alles, was man dort tun muss, ist selber scheißen. Ich wohne in vielen Hotels und muss die wunderbare Imperfektion des Lebens meistens irgendwie in meinen Texten überkommen. Außer bei Belmond. Entschuldigung, das ist keine Werbung, sondern verdient. Vielleicht greife ich vorweg, aber ein Beispiel: man sitzt im Zug nach Portofino und hat keine Farbfilme mehr. Es gab in ganz Nizza keine und auch nicht in Ventimiglia, obwohl die Leute auf den Straßen dort alles Mögliche verkaufen. Man fährt schön am Strand lang und bald kommt Latte und die Ebene zwischen Albenga und Loano und dann ruft Luca an, der Concierge aus dem Splendido und fragt, wies so läuft mit der Anreise und ob er irgendwie behilflich sein kann. Er ruft einfach so an, uns einfache, sterbliche Menschen, keine Ölscheichs oder Oscarpreisträger. Ich sagte, Luca, wir fahren gerade auf diesem schmalen Stück zwischen Alpen und Meer und es ist wundervoll und ich habe meine Farbfilme vergessen. Er fragte, wo genau ich wäre und ich sagte, wir sind gerade an einer tollen Kirche vorbei. Ah, das muss […]

 

TRIEST

TRIEST

Den Himmel stelle ich mir als eine Art Abend vor, auf der Terrasse des Caffè Specchi. Adriablaue Stunde mit Planetenlaternen und dem Caffè mit seinen leeren Tischen, roten Decken und goldenen Tischlampen. Ein bisschen Dunst. Ab und an kommt ein Kellner vorbei und bringt einen Drink und der Moment beginnt wie von vorn. Davor ein großer Platz, über den eine ältere Frau in Stöckelschuhen auf das Specchi zugeht. Sie geht durch das Licht von Lagerhallen und Palästen, das Licht einsamer Laternen am Kanal. Ihre Mantelbrosche funkelt und ihr weißes Haar weht in einem der Winde, Scirocco, Mistral, Bora, einen habe ich vergessen, ist aber der, der die Boote am Kanal aufscheucht und die eitlen Paläste dabei stört, sich im Wasser zu spiegeln. Glockenschlag! Die Stunde der Aperitifs ist gekommen. Das Vorspiel beginnt, die Erlebnisverlängerung, der Moment vor allen anderen Momenten. Passieren, das vor dem eigentlichen Passieren beginnt, einem Abendessen oder so. Es sind schwerelose Stunden, im Anzug, zur Feier des Lebens, wie es nur ein Land zwischen Nord und Süd hervorbringen kann. Triest, das war einmal, sagen die Leute. Ich find‘ es ist noch und wie. Helldunkelblaue Himmel, historische Gebäude, die von Männern gehalten werden, keinen Karyatiden. Man kann nichts mit diesen Häusern machen, aber die Häuser machen was mit einem. Es ist dasselbe, was auch ein schönes Café am Abend mit einem macht, wenn es leer wird und spät. Das Licht der Auslagen fällt aus Geschäften auf das Trottoir. In ihnen liegen schweren Bücher mit goldenen Titeln. Rumpelkammern der Geschichte sind das, verstummte Stücken Stadt. Postkarten von Toten. Vor Jahren kam mal der Brief eines Freundes. Er schrieb und schwärmte: Grüße aus Triest, sitze im Hotel Savoia und schaue aufs Meer und das Meer liegt da wie ein See. Die Bar ist schön und hoch und hat große Fenster, durch die wir die Leute beobachten und ihre Unterhaltungen nachsprechen könnten. Wie in alten Zeiten. Triest ist Espresso und Aperitif. Also ein guter Ort für das Leben und die Liebe. Die Stadt findet in Caffés und auf den Straßen statt, nicht zu Hause mit Möbeln. Die Alten gehen hier einmal täglich die Mole rauf ins Nichts. Warten, dass der Tag dort auf Abend trifft. Atmen den Abend ein und das alles, sehen die Stadt von weitem, das ganze Kleine, als großes Ganzes. So ein Blick auf Triest ist ein Blick auf jenen Bereich der Seele, wo alle Gewissheit schwindet. Das Slawen und Österreicher und Italiener so sind, wie man sagt, damit die Welt in uns passt, stimmt nicht, weil viele Österreicher Italiener sind und Slawen, und umgekehrt. Die Stadt wirkt wie eine Gemeinschaft aus Leuten, die gerne Kaffee trinken und eine Stadt gegründet haben, um sich nach dem Spaziergang auf Aperol zu treffen. Die ältere Frau hat den Mantel abgelegt, sitzt mit ihrem Mann hinten im Caffé. Sie sitzen da und trinken und besprechen die Lage. Danach Abendessen. So kann die Liebe zu Dauer werden. Nachts sitzen junge Verliebte auf Treppen. Stecken sich vorm Theater die Zunge rein, weil man das zuhause nicht darf. Zu Zahnspangenzeiten. Ist nicht schön anzusehen, aber schön. Junge Ärzte stehen vor Krankenhäusern am Telefon und versuchen ihr Liebesleben zu retten. Die Inhaberin des Lokals schickt ihren angestellten Sohn weg, weil der das ganze Wasser über den Tisch verteilt hat und im Kopf schon auf den Stufen eines Theaters sitzt. Sie ruft aus der Küche, er solle sich bloß fortscheren und das mit seiner Amore klären. Mir ist ein klitschnasser Sack tausendmal lieber, als jede mechanisch rationale Freundlichkeit der Schweiz. Die Menschen haben dafür einen Glanz im Gesicht. Das stand auch im Brief und das hier der Orient beginnt und Wind weht, aus der Levante […]

MILANO

MILANO

Endlich Sonne in Mailand. Lebensmittelpunkt Mode. Prada, Penner und Espresso. Einkaufen und sich betrinken und endlich diese Pizzadinger von denen Alle reden. Die kalte Luft der Berge verwirrt im Tal. Die Elektrischen fahren gerade irgendwohin. Herbstlich herrlich. Es wird dunkel, lange bevor die Tage zu Ende sind und angenehm auf der Via Alessandro Manzoni, sobald die letzten Modepuppen geschafft aus Geschäften kommen und ihre Einkäufe nachhause schleppen oder schleppen lassen. Das stille Licht der Auslagen fällt leise auf das Pflaster und man schlendert eingeharkt, den Kopf im Kragen, an den Schaufenstern vorbei, wirft, von seinem Glück aus, einen Blick rein, in die Welt der toten Dinge. Es ist schön jung und verliebt in einer anderen Stadt zu sein, ohne sich was kaufen zu müssen. Mein erstes richtiges Mal hier, denn beim ersten Mal, wusste ich noch nicht, wer Puccini ist, Verdi und Antonio Mancini, der das das Aristokratenpack wenigstens in Tränen malt. Ich hatte nur Augen für brave Mailänder Mädchen, dünn und blass, von Beruf Tochter. Ich erinnere mich an eine und den Regen, eine semitransparente Gardine, den Nebel und den Park, den ich von meinem Fenster im Nebel sehen konnte. Heute strahlt der Park im letzten Licht und heißt Giardini Indro Montanelli. Wir gehen gerade durch. Von hier aus weiter bis zum Duomo, auf dem in meiner Erinnerung immer einer Nothing else Matters spielt. Schlendernd durch die Galeria und Caffee bei Camparino im Stehen. Ich weiß jetzt, dass das die Scala ist und die Galeria Vittorio Emanuele heißt. Ich gehe frühs zu Cova und schreibe Briefe. Mittagsessen Milanese. Tragische, schöne Schwere. Im Innenhof stehen Maulbeerbäume und keine Bäume mehr. Ich reduziere die Stadt nicht nur auf Mädchen, die gut gekleidet durch schlechtes Wetter gehen und ihre Einkäufe tragen (lassen). Ich habe den Platz mit dem Leonardo gesehen. Mit einer Frau. Im Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Mailand ist jetzt mehr,  außerdem habe ich Hemingways Farewell to Arms gelesen. Mailand ist jetzt mehr, und Stresa ist wie Mailand mit Meer. Nördliche Tristesse mit südlichem Charme. Am Bahnhof sind drei Schilder, das muss ich erzählen. Eins für die Bar, eins zur Toilette und das, auf dem Uscita steht, zeigt einen Menschen, der sitzt und liest. Über ihm hängt eine Uhr. Irgendwie find ich das schön. Alles ist geordnet und pünktlich, meine Freundin kann nicht glauben, dass das dasselbe Land ist, in dem auch Neapel liegt. 14 Uhr ist aber auch hier immer noch ein guter Morgen. Und wenn man einen Teller Tagliatelle bestellt und dazu Tomaten will, hat man den Tomatensalat, und wenn man nach der Weinkarte fragt, gleich Wein, vier Flaschen, und sein Croissant warm zum Kaffee möchte, kein Croissant, keinen Kaffee, keine Museumstickets, obwohl man doch vor Wochen welche reservieren ließ und auch keine Badehose an, ich gebe auf. Man kann die italienische Art zu kommunizieren, nicht so beschreiben, dass man sieht versteht, denn man versteht sie nicht. Sie führt nirgendwohin. Wir kommen deswegen mindestes genauso kompliziert an wie Hemingway. Einen verpassten Zug später und ein paar Mal falsch umgestiegen, fertig ist der Streit. Ich meinte, ich könnte die Karte besser lesen und dann die Explosion. Stimmung wie nach einer Atombombe. Man hat das Gefühl, das man hat, wenn man durch Orte geht, die sonst sehr belebt sind. Der Rummelplatz ist tot und nass und unheimlich. Aber mit Hass und Wut lässt sich das Gepäck leichter zum Hotel schleppen […]