UNSER LETZTER SOMMER II
Sizilien kam ihr erst mal spanisch vor und sie recherchierte, fast fünfhundert Jahre Paella. Die Insel war Griechisch, Ägyptisch, Byzantinisch, Normannisch, Arabisch, Französisch, Spanisch, Stützpunkt der Seefahrt und des Handels. Immer neue Eroberer haben sich im Laufe der Zeit der Insel bemächtigt. Nur die Spanier brachten fast alle um. Die restliche Bevölkerung vermischte sich mit den Eroberern und raus kamen schwarzgelockte Frauen, denen der Blick aufs Meeres die Augen blau gefärbt hat. Heute ist die Welt hier in Ordnung, weil die Sizilianer sind, wie sie eben sind und nicht auch auf Menschen machen, die sich nicht alle über einen Kamm scheren lassen. Sie reden viel und ihre Freundlichkeit ist manchmal falsch und äußerst leidenschaftlich. aber ernstgemeint. 1860 landet Guiseppe Garibaldi mit seinen Eintausend, darunter eine Frau und ein elfjähriger, auf Sizilien und befreit die Insel, im Zuge des Risorgimento, von den Bourbonen. Seit 1861 ist Sizilien Italien, auch wenn sich das nicht so anfühlt, sobald man die Fähre verlässt. Ihr kam es immer noch spanisch vor und ich sagte, dann soll sie den Leopard lesen, von Lampedusa, ein gutes Buch, das von Visconti verfilmt wurde. Lampedusa starb 1957 in Rom, an Lungenkrebs, ein Jahr später kam das Buch bei Feltrinelli in Mailand. Es war, wie meine Freunde sagten, wenn sie meinen, das man wohl sterben muss, um verlegt zu werden, wenn man so schreiben will wie ich. Ich hatte sehr gute Freunde, hier und da, die das sagten und gute Freunde, die das nicht sagten und mit denen versuchte mans eben und vertrieb sich die Zeit, bis man die wieder mit denen sehr guten verbringen konnte, die das sagten. Mit denen schrieb man Briefe, sah sich eins, zweimal im Jahr. Man schrieb sich und vermisste sich und fragte sich, wann man sich wieder sieht und sah sich wieder nicht wieder, für eine viel zu lange Zeit, bis man es satt hatte. Am Ende jenes Sommers mietete ich deshalb ein Haus, in einer Bucht, am Fuße des Etna. Zu dem Dorf führte nur eine enge Straße, die kaum jemand fuhr und wenn sie jemand fuhr, musste man wieder hochfahren und runter und hoffen, dass der Bentley durch passte. Oben führte die Straßen bis Acireale. Kleine, bunte Häuser standen da und sahen auf uns und die Bucht zurück. Der Blick hatte viel Antlitz in die Fassaden der Häuser, die sich von denen der Fischerhäuser unterschieden und neben den Palmen aussahen, wie Reichenviertel in Venezuela. Eine Seite unseres Hauses sah zu den Häusern und zur Bucht und zur Piazza, die auch als Parkplatz für Fischerboote diente. An den Morgen kamen manchmal welche rein, die was gefangen hatten, ohne dass wir das je sahen. Katzen schliefen unter den Booten und auf dem Dach meines Cabrios. Die Fischer grüßten freundlich und fragten, ob wir von der Mafia wären. Auf der anderen Seite sah das Haus zum offenen Meer und vorher machte sich ein großer Garten breit. Morgens kletterten wir über die Steine zum Schwimmen und sprachen davon, wie oft wir geträumt hatten, wieder schwimmen zu gehen und im Traum nicht gedacht hätten, nach dem Schwimmen so ein Haus zu haben, in dem der Espumante kalt steht und das Lunch im Freien serviert wird, ohne Fliegen. Es war ja eigentlich auch kein Haus, es war eine Villa mit Fensterläden, Modell Nizza, und vielen hohen Zimmern, die zur Terrakottaterrasse rausgingen, auf der man sich zum Apéro traf und wenn man zwischendurch trinken wollte. Hier saßen wir Abend für Abend in schweren, schönen Metallstühlen, mit denen man Kippeln konnte und ruhten unseren Blick beim Reden im Meer aus. Für manche ist das vielleicht nur die Geschichte eines Abends auf der Welt, für uns die Erinnerung großer südländischer Vollmondnächte, an die man denkt, wenn man mal daliegt und stirbt. Wir starben jeden Abend und wurde am Morgen im Meer neu geboren. Meistens tranken wir gleich nach dem Schwimmen, und manchmal ging der Tag mit Trinken hin, und Baden, damit man weiter trinken konnte. Morgens und abends, wenn sich die Luft abkühlte und vom Etna runter kam, wehte ein bisschen Wind. Dazwischen wars nie kalt und nie heiß und immer angenehm und so, dass man Nächte lang draußen sitzen konnte. Es gab so viele Tische im Freien, dass ich nur hoffte, genug Gelegenheit zu haben, an allen zu essen. Das schrieb ich mir auf, ansonsten habe ich keine Notizen gemacht. Nicht, dass es nicht schön gewesen wäre, es war nur so, dass man es gar nicht mehr schön schreiben muss. Der Wein war kalt, der Mond war weiß und irgendeiner hatte immer Kippen. Alles brannte sich langsam, von allein, in mein Unterbewusstsein ein und hinter allem war anderen das Meer, so, dass man Reden konnte und gar nicht lügen müsste, weil man wirklich Leidenschaft hatte, lachte und es auch so meinte. Es gab keine Zeit, kein früh, kein spät, nur lange Lunches und lange Abendessen vor noch noch längeren Nächten, die wir auf der Terrasse zubrachten und Marlboros in den Nachthimmel rauchten. Man saß und rauchte so lange man wollte weil man wusste, dass nach dem Apéro und dem Rauchen immer noch Abendessen kam, kein ins Bett gehen, auf der schönsten Terrasse der Welt, die sogar noch schöner gewesen ist, als die des Grand Hotel Timeo, auf der ich vor Jahren beim Anblick des Etna, erkannte, dass Gedanken gar nicht so wichtig sind, wie man denkt […]