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BYND

Konstantin Arnold

UNSER LETZTER SOMMER I

UNSER LETZTER SOMMER I

Es war der Sommer, in dem wir Acqua di Parma trugen und Pläne hatten, die Küste hochzufahren, nach dem Sommer, um ein Dorf mit Bar und Post zu finden, in dem wir das den Winter über tragen können. Ich hatte ein Manuskript und einen Verleger, der das auch wollte und mir Geld dafür gab, den Winter über daran zu arbeiten und davon zu leben und damit trinken zu können. Er hatte das nicht so gesagt, aber ich hatte das so verstanden. Er wollte eine Sommergeschichte für das Ende meines Buchs von da oder der Riviera oder noch besser im Sportwagen die Amalfiküste lang, wo römische Kaiser früher auch gerne Ferien machten. Ich wollte das auch, nur leider sah mein Sommer noch gar nicht so aus, wie die schönen, einsamen Straßen Basilicatas oder Capri, vom Grand Hotel Parkers in Neapel aus gesehen. Wir waren blitzblank, wie immer, was uns wie immer aber auch nicht davon abhielt in ein vierhunderttausend Euro Auto zu steigen und vor den teuersten Hotels der Alten Welt zu halten. Also machten wir Pläne, organisierten Zusammenkünfte und kochten das erste Lunch vor, das wir im Innenhof der Technischen Universität von Mailand zu uns nahmen, um die Scheiße am Flughafen nicht bezahlen zu müssen. Kein Geld auszugeben fühlte sich so schon wie Geld verdienen an. Nur mein Magen war danach komisch, was in einem 800 PS Cabrio aber erst mal nicht schlimm ist, weil da andere Gefühle Vorrang haben. Man schießt auf einer Kanonenkugel durch die Welt und fürchtet sich vor 2600 Kilometern, die man vor sich hat und auf denen man umkommen könnte. Von Florenz bis Palermo. Am Ende des Sommer, der soweit im Süden, aber gut bis in den Herbst gehen kann. Wir hatten den Frühling in der Villa DEste am Comer See verbracht. Das ist ein tolles, altes Hotel, das von einer tollen, netten Direktorin geführt wird, die auch die Villa La Massa führt, in der wir sie unbedingt mal besuchen sollten, hinter Florenz, wenn wir sonst keine Pläne hätten, außer abends Amaro bei Gilli trinken. Florenz ist wie Sevilla für mich, eine Schönheit, mir der ich nicht viel anfangen kann. Ich weiß nicht warum, ich war drei mal hier, ohne es zu wissen und jetzt, beim dritten Mal, wusste ich es, was genauso so viel bringt, es nicht zu wissen, wenn man die Dinge liebt, auch ohne ihre Anleitung zu kennen. Beim ersten Mal wusste ich nichts über die Welthauptstadt der Meisterwerke, die große Flut, die erste öffentliche Bibliothek, das Kulturerbe der Menschheit, Vasari, Michelangelo, Botticelli, Donatello, Lippi, Canova? Da Vinci, Dante, Winkelmann, Rousseau, Mittelalter, Dunkelheit, Kaufleute, all das Wissen, das ich nicht wusste und nun wusste und nicht glauben konnte, dass ich vorher ohne Wissen lebte, durch das ich mich nun aufspielen kann und auch nicht glauben kann, dass es doch tatsächlich Leute gibt, die nicht wissen, dass Florenz die Welthauptstadt der Renaissance gewesen ist, ohne dass ich wusste, wie man Renaissance schreibt. Wir kamen am Nachmittag an und das Tor zur Villa öffnete sich. Zweieinhalb Tonnen Sportwagen rollten über den kleinteiligen Kies, Zypressen im letzten Licht, ein netter Italiener am Eingang, der winkte und uns Mr. & Mrs. nannte. Hätte wir alle Schwänze gehabt, sie hätten gewedelt. Wir ließen uns das Haus zeigen, ein mörderisches Renaissance Ding mit hoher Lobby, Flaggen, Speeren und Säulengängen und dem ganzen Program. Sie wäre direkt am Arno gebaut und hätte die nötigen Zypressen, groß und gelb, von einer geistigen Überlegenheit, ohne Gefühle, wie alle toskanischen Paläste, die Architektur geworden ist. Eine mörderisches Renaissance Ding mit hoher Lobby, Flaggen, Speeren und Säulengängen und dem ganzen Program, direkt am Arno gebaut, mit den nötigen Zypressen. Man gab uns ein großes Zimmer, das wir natürlich wechselten und dann ein Zimmer im alten Gebäude am Eck, mit zwei großen Fenstern zu beiden Seiten vor denen der Arno floss, gelb, wie alle Flüsse in allen schönen Städten Italiens, völlig übertrieben. Ich sagte zu ihr, wir hätten in meiner Heimat auch solche Flüsse, nur ohne die Ren-ais-sance und die Mittelalterbetten, von denen man die, nach dem Vögeln, aus sehen kann. Mein Bauchgefühl war noch da, auch ohne den Bentley und das Gefühl hatte auch nichts mit meinen Gefühlen für sie zu tun, da wurde mir einfach nur schlecht oder der Hunger ging weg, ohne dass man was essen konnte. Ich hatte bis auf das Lunch den Tag nichts gegessen und wollte essen, konnte es aber nicht. Ich konnte nicht mal an die Bar gehen, um mir Notizen zu machen, während sie sich fürs Abendessen fertig macht. Ich zwang mich in einen Anzug und schleppte mich zum Dinner. Dann kamen die mit den Weinkarten. Ich sagte gleich, dass ich heute nichts trinken und essen kann, weil wir uns Lunch vorgekocht hätten und sie sagten perfekt, ob ich die Weinkarte sehen will. Sie hätten einen tollen Sangiovese da. Ich sagte, nein, weil es ein halbes Kilo nicht durchgekochter Grünkohl gewesen war und ich bereits halluziniere und sie schon beim Namen meiner Exfreundin nannte. Sie sagten, perfekt, und ob ich nicht noch die Karte sehen möchte und was von der haben will, ein Grillhuhn oder Milanese und ich sagte, sag mal seid ihr bekloppt, bringt mir einen Tee, keine Karte davon, nur Tee, Kamille, Rooibos, Ingwer oder meinetwegen sogar sieben Kräuter […]

AMALFI

AMALFI

Am Ende jenes Sommers wohnten wir auf einem Berg in einem Dorf fast im Himmel, das auf viele andere Dörfer auf anderen Bergen blickte, die auch fast im Himmel waren. Die Berge waren steil und das Meer unerreichbar und keine Stufen führten zum Meer, die man gehen konnte. Enge Straßen liefen entlang der Weintrassen von den Dörfern zum Meer und man sah die Kaps und Buchten, mit den Straßen, die sich in die Ferne schwangen, wie ein sanfter werdendes Vergehen. Meer und Himmel lagen in einem Blau, ohne Grenze, wie Unendlichkeit, die man von den Terrassen aus sehen konnte. Erst am Abend trennten sich Himmel und Erde wolkenlos, bis zum nächsten Tag, und Capri erschien am Horizont und das ganze Meer mit seinen Inseln und Booten, der ganzen gigantischen Golf bis zum Vesuv. Die von der Sonne ausgeblichen Farben kehrten langsam in ihre Dinge zurück und eine Art Ende lag in der Luft. Herbst und Stille, der Geruch von kühler werdendem Grün, dass heimlich in der Dämmerung bewässert wurde. Das Grün hatte viele Farben. Manches war noch jung und fickrig, wie nach einem Vulkanausbruch, anderes sah tausend Jahre alt aus. Grüner und schöner noch als die borromäischen Inseln, der Garten der Villa Orengo und den Kaps der Côte d’Azur, Wagner, Sissi, leider, eigentlich unbeschreiblich und das sage ich nicht einfach so. Ich habe es lange probiert und viel geschrieben, aber nichts, was so ist wie hier. Eine Landschaft ist ja vor allem immer ein Gefühl und das lässt sich nicht beschreiben, nur vielleicht die Landschaft, bei der man es hat. Eine Allee unter Bäumen, von Steinmauern gesäumt, ein Götterquergang, durch den Garten, der am Ende die Klippen hinabstürzen will. Es ist vielleicht der sinnlichste Ort auf der Welt, um sich das Leben zu nehmen. Die Menschen nennen dieses Ende dell’Infinito, trotz seines Geländers und sehen von hier auf die Welt und sehen, dass die Welt doch gut ist, fast Himmel, man berührt ihn ja fast und könnte Göttern glauben, wieso auch nicht? Das Ende des Kaps sah aus wie der Olymp, oder was man sich unter Olymp vorstellt, wenn man mal durch Homers Odyssee geblättert hat. Sirenen mit geflochtenen Haaren und entschlossenen Gesichtern, in offenen, hellenische Kleider, die Fotos für ihr Instagram machen. Der Anblick des Meeres hatte ihnen die Augen blau gefärbt und die Araber, die in den Häfen mit ihren Müttern schliefen, schwarzes Haar und dunkelblonde Haut. Sie heißen Serena oder Gaia, und wollen gar nicht, dass man Kriege für sie führt, nur, aus Sehnsucht zur Antike, sondern nur, dass man sie, kurz bevor die Welt ins Meer fällt, vor diesem Ausblick fotografiert. Abgesehen von denen wussten wir in jenen Tagen nicht, welche Zeit gerade ist und wie spät es war in welcher Epoche. Die  Momente hielten an, wie von Catel und Schinkel gemalt, ohne zu vergehen. Die vielen steilen Treppen hielten die dicken Amerikaner fern und nur manchmal sah man einen Buntangezogenen, durch die Zeitlosigkeit unseres Gartens mähen, wie ein dicker Pflug mit Uhrzeit und Datum dran. Manchmal zogen Gewitter auf und brachten Regen, aber der konnte dem Wetter nichts. Er hatte nicht die gleiche traurige Wirkung. Erst kam Wind und dann Wolken, die den Regen von den höheren Bergen im Süden brachten. Die Boote flohen in ihr Häfen und zogen weiße Linien im Blau, die dann in der Strömung zurückblieben, wie die leise Spur einer Erinnerung. Wir kannten solchen Regen nicht. Er war gnädig und nahm nicht die gesamte Farbe des Himmels in Anspruch, und war auch schon wieder weg. Für einen Moment sah die Welt dann aus, wie ein Glas Rosé, das man gegen die  Sonne hält. Alles war still und die Dinge dampften. Die Nacht kam aus den Tälern und man sah, wo noch überall Häuser waren. Sie schienen einsam und allein in den Bergen wie Sterne oder flimmerten in fernen Buchten über dem Meer. Andere Gewitter verschonten die Tage und kamen bei Nacht. Die waren heftig und blieben lange und die Welt wurde so nass, dass man dachte, sie könnte nie wieder trocken werden. Es regnete in die Träume und man wurde wach, weil der Regen durch die offenen Fenster fiel. Einer von uns musste dann auf die Terrasse, immer ich, und sah raus und spürte die Hitze und sah die Gärten mit den Kieswegen unter mir, schön und grün und nass, und das Meer im Mondlicht. In diesen Nächten, im Hotel, in unserem Zimmer, mit dem Gewitter draußen, und uns im Bett, nachdem man sich von einem bestimmten Gefühl befreit hatte, und den leeren Gängen, wurde man wieder gläubig. Man sagt, wer die Welt so gesehen hat, kann gar nie mehr unglücklich werden […]