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BYND

Konstantin Arnold

CASANOVAS HEIMKEHR I

CASANOVAS HEIMKEHR I

Eigentlich muss man in Palermo morgens mit dem Boot ankommen, so wie Goethe, nicht abends, vierzig Minuten zu spät, am Flughafen. Dann sieht man die Reinheit der Kontur, die Weichheit des Ganzen, das Auseinanderweichen der Töne im Licht, aber so reist ja heut keiner. In alten Büchern kommen sie einem immer pünktlich mit ihren Gerüchen und den vielen verschiedenen Farben ihrer Eindrücke, der Aufregung des Ankommens im Wind. Ich glaube Palermo ist altgriechisch und bedeute Zuflucht. Ein Blick aufs Meer, Hügel im Rücken wie ein Amphitheaters, vor denen sich das Leben ohne Drehbuch abspielt. Kaum ein Ort auf der Welt scheint so von der Natur gesegnet. Vielleicht nur Algier oder Rio. Ein Morgen hier heilt wie ein Abend am Golf von Neapel oder Trinken in Triest. Seit ich das letzte Mal in Palermo war, ist das alles nur noch schöner und schlimmer geworden. Dank den Bildern von Catel, die so kitschig sind, wie sie eben sind, wenn man die Dinge liebt, die man malt und schreibt. Dank Lampedusas Il Gattopardo und dem von Visconti, den ich seit einer Zeit lang versuche fertig zu gucken und schon fünf mal eingeschlafen bin, noch mehr als bei La Notte von Antonioni. Sizilien kommt einem immer erst mal spanisch vor, obwohl die Insel griechisch, ägyptisch, römisch, byzantinisch, normannisch, arabisch, französisch und dann erst spanisch war. Stützpunkt der Seefahrt, der Mafia, Wissenschaft und des Handels. Immer neue Eroberer haben sich im Laufe der Zeit ihrer Schönheit bemächtigt. Immer brachten sie fast alle um. Die restliche Bevölkerung vermischte sich mit den Eroberern und zeugte schwarzgelockte Frauen, denen der Blick aufs Meere die Augen blau gefärbt hat. Heute ist die Welt hier in Ordnung, weil die Sizilianer sind, wie sie eben sind und nicht auch auf glückliche Menschen machen, die sich über einen Kamm scheren lassen. Sie reden viel und ihre Freundlichkeit ist manchmal falsch und äußerst leidenschaftlich, aber ernstgemeint. 1860 landet Garibaldi mit seinen Tausend, darunter eine Frau und ein elfjähriger, auf Sizilien und befreit die Insel, im Zuge des Risorgimento, von sich selbst. Seitdem gehört Sizilien Italien, auch wenn sich das nicht so anfühlt, sobald man den Flughafen verlässt. Mir kommt es immer erst spanisch vor und dann afrikanisch, vor allem die Art wie die Taxifahrer überholen. Man ist näher an Tripolis als an Rom und vor der Schranke des Hotels ist es wie im mittleren Osten, mit Unterbodenspiegeln und Hunden, die kurz nach Sprengstoff suchen. Es gibt in Palermo zwei Hotels und ein noch paar andere, die es aber auch nicht geben muss. In einem wohne ich, im anderen ist Raymond Roussel gestorben. Autor, Dandy, Schwuler, Schachspieler, Weltreisender und Erfinder des Wohnmobils. Im Juli 1933 reist er von Paris nach Palermo. Es wird seine letzte Reise sein. In Palermo wird gerade das ausschweifende Fest der Heiligen Rosalia gefeiert, der Schutzheiligen der Stadt. Die italienische Luftwaffe überquert den Atlantik, die Faschisten feuern ihre Munition in den Nachthimmel, Stunden, in denen jeder Mann zu einer Frau geht, der eigenen oder der eines anderen. Große sizilianische Nacht. Während seines Aufenthalts ist Roussel stark drogenabhängig und physisch labil. Er versucht sich einmal die Pulsadern aufzuschneiden und Hotelangestellte zu bestechen, ihm beim Sterben zu helfen. Am 14. Juli ist das dann soweit. Durch eine Überdosis Schlafmittel, Zimmer 224. Irgendwie hat mich das immer abgehalten. Die Villa Igea hat eine nettere Geschichte, liegt aber außerhalb, neben einer Schiffswerft, vom Vorstadtmüll umgeben. Nicht weit vom Gerichtsgebäude, in dem am 10. Februar 1986 344 Mafiosi zu 2.665 Jahren Haft verurteilt wurden. Im Norden ist ein kleiner Strand, wo man morgens am Fuße des Pellegrino Schwimmen kann. Außerdem habe ich ein paar gute Erinnerungen hier und schlechte, an die ich mich nur erinnere, wenn ich an diesen Ort zurückkehren muss. Der Ort ist dann immer noch da, nur eben das Leben nicht, das ihn damals umgab. Ich erinnere mich an den Streit in Lissabon und die Fahrt hier her und wie ich versuchte, die Einsamkeit zu töten, aber man kann die Einsamkeit nicht töten, man macht sie mit Sizilianerinnen nur schlimmer. Ich erinnerte mich, dass Sonntag war und Regen und man ihr, der allerersten einen Brief schrieb, schrieb, dass es einem einfach nicht gelingt, die Einsamkeit zu töten und man die Promenade am Meer lang läuft und heute einer Frau gefolgt ist, die die gleiche Jacke trug wie sie, voller Angst zu erkennen, dass nicht sie es nicht ist und man das Gefühl verliert, das man gerade empfand. Wie jede, die man für sie hielt, einem nur klarmachte, wie sehr sie einem fehlt und dass das, was sie getan hat, überhaupt keine Rolle spielt, weil man sich nicht davon heilen könnte, sie nicht zu lieben. Ich schrieb diesen Brief nüchtern in der Lobby des Hotels und trug ihn eine Zeit mit mir rum und sendete ihn an einem Freitag, per Einschreiben, beim Concierge, weil man sowas nicht sonntags ohne Sendungsverfolgung machen darf. Dann saß ich eine Weile in der Capella Pallatina und betrank ich mich danach fürchterlich und elend und leer und ging in die Straßen, in der man Frauen mit einem Glas rumkriegt. Ich traf ein römisches Mädchen mit und ging mit ihr Essen. Hinterher gingen wir tanzen, aber sie tanzte schlecht, wie alle Römer und ich tauschte sie gegen eine Albanerin, die aussah wie Rosalia und ihren Arsch auch so an mir rieb. Die nahm ich einem besoffenen Engländer ab, der sich schlagen wollte. Er forderte mich auf, mit ihm nach draußen zu gehen, aber ich fragte, warum. Er fing dann ein schreckliches Spektakel an und bevor die Polizei kam, rannten wir raus und trieben es vor einer byzantinischen Kirche, mit Eisengeschmack im Mund […]

AMALFI

AMALFI

Am Ende jenes Sommers wohnten wir auf einem Berg in einem Dorf fast im Himmel, das auf viele andere Dörfer auf anderen Bergen blickte, die auch fast im Himmel waren. Die Berge waren steil und das Meer unerreichbar und keine Stufen führten zum Meer, die man gehen konnte. Enge Straßen liefen entlang der Weintrassen von den Dörfern zum Meer und man sah die Kaps und Buchten, mit den Straßen, die sich in die Ferne schwangen, wie ein sanfter werdendes Vergehen. Meer und Himmel lagen in einem Blau, ohne Grenze, wie Unendlichkeit, die man von den Terrassen aus sehen konnte. Erst am Abend trennten sich Himmel und Erde wolkenlos, bis zum nächsten Tag, und Capri erschien am Horizont und das ganze Meer mit seinen Inseln und Booten, der ganzen gigantischen Golf bis zum Vesuv. Die von der Sonne ausgeblichen Farben kehrten langsam in ihre Dinge zurück und eine Art Ende lag in der Luft. Herbst und Stille, der Geruch von kühler werdendem Grün, dass heimlich in der Dämmerung bewässert wurde. Das Grün hatte viele Farben. Manches war noch jung und fickrig, wie nach einem Vulkanausbruch, anderes sah tausend Jahre alt aus. Grüner und schöner noch als die borromäischen Inseln, der Garten der Villa Orengo und den Kaps der Côte d’Azur, Wagner, Sissi, leider, eigentlich unbeschreiblich und das sage ich nicht einfach so. Ich habe es lange probiert und viel geschrieben, aber nichts, was so ist wie hier. Eine Landschaft ist ja vor allem immer ein Gefühl und das lässt sich nicht beschreiben, nur vielleicht die Landschaft, bei der man es hat. Eine Allee unter Bäumen, von Steinmauern gesäumt, ein Götterquergang, durch den Garten, der am Ende die Klippen hinabstürzen will. Es ist vielleicht der sinnlichste Ort auf der Welt, um sich das Leben zu nehmen. Die Menschen nennen dieses Ende dell’Infinito, trotz seines Geländers und sehen von hier auf die Welt und sehen, dass die Welt doch gut ist, fast Himmel, man berührt ihn ja fast und könnte Göttern glauben, wieso auch nicht? Das Ende des Kaps sah aus wie der Olymp, oder was man sich unter Olymp vorstellt, wenn man mal durch Homers Odyssee geblättert hat. Sirenen mit geflochtenen Haaren und entschlossenen Gesichtern, in offenen, hellenische Kleider, die Fotos für ihr Instagram machen. Der Anblick des Meeres hatte ihnen die Augen blau gefärbt und die Araber, die in den Häfen mit ihren Müttern schliefen, schwarzes Haar und dunkelblonde Haut. Sie heißen Serena oder Gaia, und wollen gar nicht, dass man Kriege für sie führt, nur, aus Sehnsucht zur Antike, sondern nur, dass man sie, kurz bevor die Welt ins Meer fällt, vor diesem Ausblick fotografiert. Abgesehen von denen wussten wir in jenen Tagen nicht, welche Zeit gerade ist und wie spät es war in welcher Epoche. Die  Momente hielten an, wie von Catel und Schinkel gemalt, ohne zu vergehen. Die vielen steilen Treppen hielten die dicken Amerikaner fern und nur manchmal sah man einen Buntangezogenen, durch die Zeitlosigkeit unseres Gartens mähen, wie ein dicker Pflug mit Uhrzeit und Datum dran. Manchmal zogen Gewitter auf und brachten Regen, aber der konnte dem Wetter nichts. Er hatte nicht die gleiche traurige Wirkung. Erst kam Wind und dann Wolken, die den Regen von den höheren Bergen im Süden brachten. Die Boote flohen in ihr Häfen und zogen weiße Linien im Blau, die dann in der Strömung zurückblieben, wie die leise Spur einer Erinnerung. Wir kannten solchen Regen nicht. Er war gnädig und nahm nicht die gesamte Farbe des Himmels in Anspruch, und war auch schon wieder weg. Für einen Moment sah die Welt dann aus, wie ein Glas Rosé, das man gegen die  Sonne hält. Alles war still und die Dinge dampften. Die Nacht kam aus den Tälern und man sah, wo noch überall Häuser waren. Sie schienen einsam und allein in den Bergen wie Sterne oder flimmerten in fernen Buchten über dem Meer. Andere Gewitter verschonten die Tage und kamen bei Nacht. Die waren heftig und blieben lange und die Welt wurde so nass, dass man dachte, sie könnte nie wieder trocken werden. Es regnete in die Träume und man wurde wach, weil der Regen durch die offenen Fenster fiel. Einer von uns musste dann auf die Terrasse, immer ich, und sah raus und spürte die Hitze und sah die Gärten mit den Kieswegen unter mir, schön und grün und nass, und das Meer im Mondlicht. In diesen Nächten, im Hotel, in unserem Zimmer, mit dem Gewitter draußen, und uns im Bett, nachdem man sich von einem bestimmten Gefühl befreit hatte, und den leeren Gängen, wurde man wieder gläubig. Man sagt, wer die Welt so gesehen hat, kann gar nie mehr unglücklich werden […]