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BYND

Konstantin Arnold

TRIEST

TRIEST

Den Himmel stelle ich mir als eine Art Abend vor, auf der Terrasse des Caffè Specchi. Adriablaue Stunde mit Planetenlaternen und dem Caffè mit seinen leeren Tischen, roten Decken und goldenen Tischlampen. Ein bisschen Dunst. Ab und an kommt ein Kellner vorbei und bringt einen Drink und der Moment beginnt wie von vorn. Davor ein großer Platz, über den eine ältere Frau in Stöckelschuhen auf das Specchi zugeht. Sie geht durch das Licht von Lagerhallen und Palästen, das Licht einsamer Laternen am Kanal. Ihre Mantelbrosche funkelt und ihr weißes Haar weht in einem der Winde, Scirocco, Mistral, Bora, einen habe ich vergessen, ist aber der, der die Boote am Kanal aufscheucht und die eitlen Paläste dabei stört, sich im Wasser zu spiegeln. Glockenschlag! Die Stunde der Aperitifs ist gekommen. Das Vorspiel beginnt, die Erlebnisverlängerung, der Moment vor allen anderen Momenten. Passieren, das vor dem eigentlichen Passieren beginnt, einem Abendessen oder so. Es sind schwerelose Stunden, im Anzug, zur Feier des Lebens, wie es nur ein Land zwischen Nord und Süd hervorbringen kann. Triest, das war einmal, sagen die Leute. Ich find‘ es ist noch und wie. Helldunkelblaue Himmel, historische Gebäude, die von Männern gehalten werden, keinen Karyatiden. Man kann nichts mit diesen Häusern machen, aber die Häuser machen was mit einem. Es ist dasselbe, was auch ein schönes Café am Abend mit einem macht, wenn es leer wird und spät. Das Licht der Auslagen fällt aus Geschäften auf das Trottoir. In ihnen liegen schweren Bücher mit goldenen Titeln. Rumpelkammern der Geschichte sind das, verstummte Stücken Stadt. Postkarten von Toten. Vor Jahren kam mal der Brief eines Freundes. Er schrieb und schwärmte: Grüße aus Triest, sitze im Hotel Savoia und schaue aufs Meer und das Meer liegt da wie ein See. Die Bar ist schön und hoch und hat große Fenster, durch die wir die Leute beobachten und ihre Unterhaltungen nachsprechen könnten. Wie in alten Zeiten. Triest ist Espresso und Aperitif. Also ein guter Ort für das Leben und die Liebe. Die Stadt findet in Caffés und auf den Straßen statt, nicht zu Hause mit Möbeln. Die Alten gehen hier einmal täglich die Mole rauf ins Nichts. Warten, dass der Tag dort auf Abend trifft. Atmen den Abend ein und das alles, sehen die Stadt von weitem, das ganze Kleine, als großes Ganzes. So ein Blick auf Triest ist ein Blick auf jenen Bereich der Seele, wo alle Gewissheit schwindet. Das Slawen und Österreicher und Italiener so sind, wie man sagt, damit die Welt in uns passt, stimmt nicht, weil viele Österreicher Italiener sind und Slawen, und umgekehrt. Die Stadt wirkt wie eine Gemeinschaft aus Leuten, die gerne Kaffee trinken und eine Stadt gegründet haben, um sich nach dem Spaziergang auf Aperol zu treffen. Die ältere Frau hat den Mantel abgelegt, sitzt mit ihrem Mann hinten im Caffé. Sie sitzen da und trinken und besprechen die Lage. Danach Abendessen. So kann die Liebe zu Dauer werden. Nachts sitzen junge Verliebte auf Treppen. Stecken sich vorm Theater die Zunge rein, weil man das zuhause nicht darf. Zu Zahnspangenzeiten. Ist nicht schön anzusehen, aber schön. Junge Ärzte stehen vor Krankenhäusern am Telefon und versuchen ihr Liebesleben zu retten. Die Inhaberin des Lokals schickt ihren angestellten Sohn weg, weil der das ganze Wasser über den Tisch verteilt hat und im Kopf schon auf den Stufen eines Theaters sitzt. Sie ruft aus der Küche, er solle sich bloß fortscheren und das mit seiner Amore klären. Mir ist ein klitschnasser Sack tausendmal lieber, als jede mechanisch rationale Freundlichkeit der Schweiz. Die Menschen haben dafür einen Glanz im Gesicht. Das stand auch im Brief und das hier der Orient beginnt und Wind weht, aus der Levante […]

MILANO

MILANO

Endlich Sonne in Mailand. Lebensmittelpunkt Mode. Prada, Penner und Espresso. Einkaufen und sich betrinken und endlich diese Pizzadinger von denen Alle reden. Die kalte Luft der Berge verwirrt im Tal. Die Elektrischen fahren gerade irgendwohin. Herbstlich herrlich. Es wird dunkel, lange bevor die Tage zu Ende sind und angenehm auf der Via Alessandro Manzoni, sobald die letzten Modepuppen geschafft aus Geschäften kommen und ihre Einkäufe nachhause schleppen oder schleppen lassen. Das stille Licht der Auslagen fällt leise auf das Pflaster und man schlendert eingeharkt, den Kopf im Kragen, an den Schaufenstern vorbei, wirft, von seinem Glück aus, einen Blick rein, in die Welt der toten Dinge. Es ist schön jung und verliebt in einer anderen Stadt zu sein, ohne sich was kaufen zu müssen. Mein erstes richtiges Mal hier, denn beim ersten Mal, wusste ich noch nicht, wer Puccini ist, Verdi und Antonio Mancini, der das das Aristokratenpack wenigstens in Tränen malt. Ich hatte nur Augen für brave Mailänder Mädchen, dünn und blass, von Beruf Tochter. Ich erinnere mich an eine und den Regen, eine semitransparente Gardine, den Nebel und den Park, den ich von meinem Fenster im Nebel sehen konnte. Heute strahlt der Park im letzten Licht und heißt Giardini Indro Montanelli. Wir gehen gerade durch. Von hier aus weiter bis zum Duomo, auf dem in meiner Erinnerung immer einer Nothing else Matters spielt. Schlendernd durch die Galeria und Caffee bei Camparino im Stehen. Ich weiß jetzt, dass das die Scala ist und die Galeria Vittorio Emanuele heißt. Ich gehe frühs zu Cova und schreibe Briefe. Mittagsessen Milanese. Tragische, schöne Schwere. Im Innenhof stehen Maulbeerbäume und keine Bäume mehr. Ich reduziere die Stadt nicht nur auf Mädchen, die gut gekleidet durch schlechtes Wetter gehen und ihre Einkäufe tragen (lassen). Ich habe den Platz mit dem Leonardo gesehen. Mit einer Frau. Im Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Mailand ist jetzt mehr,  außerdem habe ich Hemingways Farewell to Arms gelesen. Mailand ist jetzt mehr, und Stresa ist wie Mailand mit Meer. Nördliche Tristesse mit südlichem Charme. Am Bahnhof sind drei Schilder, das muss ich erzählen. Eins für die Bar, eins zur Toilette und das, auf dem Uscita steht, zeigt einen Menschen, der sitzt und liest. Über ihm hängt eine Uhr. Irgendwie find ich das schön. Alles ist geordnet und pünktlich, meine Freundin kann nicht glauben, dass das dasselbe Land ist, in dem auch Neapel liegt. 14 Uhr ist aber auch hier immer noch ein guter Morgen. Und wenn man einen Teller Tagliatelle bestellt und dazu Tomaten will, hat man den Tomatensalat, und wenn man nach der Weinkarte fragt, gleich Wein, vier Flaschen, und sein Croissant warm zum Kaffee möchte, kein Croissant, keinen Kaffee, keine Museumstickets, obwohl man doch vor Wochen welche reservieren ließ und auch keine Badehose an, ich gebe auf. Man kann die italienische Art zu kommunizieren, nicht so beschreiben, dass man sieht versteht, denn man versteht sie nicht. Sie führt nirgendwohin. Wir kommen deswegen mindestes genauso kompliziert an wie Hemingway. Einen verpassten Zug später und ein paar Mal falsch umgestiegen, fertig ist der Streit. Ich meinte, ich könnte die Karte besser lesen und dann die Explosion. Stimmung wie nach einer Atombombe. Man hat das Gefühl, das man hat, wenn man durch Orte geht, die sonst sehr belebt sind. Der Rummelplatz ist tot und nass und unheimlich. Aber mit Hass und Wut lässt sich das Gepäck leichter zum Hotel schleppen […]

AMALFI

AMALFI

Am Ende jenes Sommers wohnten wir auf einem Berg in einem Dorf fast im Himmel, das auf viele andere Dörfer auf anderen Bergen blickte, die auch fast im Himmel waren. Die Berge waren steil und das Meer unerreichbar und keine Stufen führten zum Meer, die man gehen konnte. Enge Straßen liefen entlang der Weintrassen von den Dörfern zum Meer und man sah die Kaps und Buchten, mit den Straßen, die sich in die Ferne schwangen, wie ein sanfter werdendes Vergehen. Meer und Himmel lagen in einem Blau, ohne Grenze, wie Unendlichkeit, die man von den Terrassen aus sehen konnte. Erst am Abend trennten sich Himmel und Erde wolkenlos, bis zum nächsten Tag, und Capri erschien am Horizont und das ganze Meer mit seinen Inseln und Booten, der ganzen gigantischen Golf bis zum Vesuv. Die von der Sonne ausgeblichen Farben kehrten langsam in ihre Dinge zurück und eine Art Ende lag in der Luft. Herbst und Stille, der Geruch von kühler werdendem Grün, dass heimlich in der Dämmerung bewässert wurde. Das Grün hatte viele Farben. Manches war noch jung und fickrig, wie nach einem Vulkanausbruch, anderes sah tausend Jahre alt aus. Grüner und schöner noch als die borromäischen Inseln, der Garten der Villa Orengo und den Kaps der Côte d’Azur, Wagner, Sissi, leider, eigentlich unbeschreiblich und das sage ich nicht einfach so. Ich habe es lange probiert und viel geschrieben, aber nichts, was so ist wie hier. Eine Landschaft ist ja vor allem immer ein Gefühl und das lässt sich nicht beschreiben, nur vielleicht die Landschaft, bei der man es hat. Eine Allee unter Bäumen, von Steinmauern gesäumt, ein Götterquergang, durch den Garten, der am Ende die Klippen hinabstürzen will. Es ist vielleicht der sinnlichste Ort auf der Welt, um sich das Leben zu nehmen. Die Menschen nennen dieses Ende dell’Infinito, trotz seines Geländers und sehen von hier auf die Welt und sehen, dass die Welt doch gut ist, fast Himmel, man berührt ihn ja fast und könnte Göttern glauben, wieso auch nicht? Das Ende des Kaps sah aus wie der Olymp, oder was man sich unter Olymp vorstellt, wenn man mal durch Homers Odyssee geblättert hat. Sirenen mit geflochtenen Haaren und entschlossenen Gesichtern, in offenen, hellenische Kleider, die Fotos für ihr Instagram machen. Der Anblick des Meeres hatte ihnen die Augen blau gefärbt und die Araber, die in den Häfen mit ihren Müttern schliefen, schwarzes Haar und dunkelblonde Haut. Sie heißen Serena oder Gaia, und wollen gar nicht, dass man Kriege für sie führt, nur, aus Sehnsucht zur Antike, sondern nur, dass man sie, kurz bevor die Welt ins Meer fällt, vor diesem Ausblick fotografiert. Abgesehen von denen wussten wir in jenen Tagen nicht, welche Zeit gerade ist und wie spät es war in welcher Epoche. Die  Momente hielten an, wie von Catel und Schinkel gemalt, ohne zu vergehen. Die vielen steilen Treppen hielten die dicken Amerikaner fern und nur manchmal sah man einen Buntangezogenen, durch die Zeitlosigkeit unseres Gartens mähen, wie ein dicker Pflug mit Uhrzeit und Datum dran. Manchmal zogen Gewitter auf und brachten Regen, aber der konnte dem Wetter nichts. Er hatte nicht die gleiche traurige Wirkung. Erst kam Wind und dann Wolken, die den Regen von den höheren Bergen im Süden brachten. Die Boote flohen in ihr Häfen und zogen weiße Linien im Blau, die dann in der Strömung zurückblieben, wie die leise Spur einer Erinnerung. Wir kannten solchen Regen nicht. Er war gnädig und nahm nicht die gesamte Farbe des Himmels in Anspruch, und war auch schon wieder weg. Für einen Moment sah die Welt dann aus, wie ein Glas Rosé, das man gegen die  Sonne hält. Alles war still und die Dinge dampften. Die Nacht kam aus den Tälern und man sah, wo noch überall Häuser waren. Sie schienen einsam und allein in den Bergen wie Sterne oder flimmerten in fernen Buchten über dem Meer. Andere Gewitter verschonten die Tage und kamen bei Nacht. Die waren heftig und blieben lange und die Welt wurde so nass, dass man dachte, sie könnte nie wieder trocken werden. Es regnete in die Träume und man wurde wach, weil der Regen durch die offenen Fenster fiel. Einer von uns musste dann auf die Terrasse, immer ich, und sah raus und spürte die Hitze und sah die Gärten mit den Kieswegen unter mir, schön und grün und nass, und das Meer im Mondlicht. In diesen Nächten, im Hotel, in unserem Zimmer, mit dem Gewitter draußen, und uns im Bett, nachdem man sich von einem bestimmten Gefühl befreit hatte, und den leeren Gängen, wurde man wieder gläubig. Man sagt, wer die Welt so gesehen hat, kann gar nie mehr unglücklich werden […]

DASEIN (Teil 02)

DASEIN (Teil 02)

Damals, in dieser Zeit, die längst vergangen ist und wir viel in Hesses Romanen lasen, wohnten wir in einem Dorf in einem Haus, das frei und viereckig in einem Tal stand und ganz vergessen in die Berge gefallen war. Durch das Tal floss ein Bach und das Tal war tief und fiel bergab und hatte den Höhepunkt seiner Fruchtbarkeit erreicht. Links waren Olivenhaine, rechts wuchs der Wein. Alles war hoch und tief und je weiter das Tal hinunterging, desto wärmer wurde es und aus dem Bach wurde ein Fluss, der in gewaltigen Seen endete, die den Meeren gleichen. Warme Luft stieg auf und man konnte die Luft sehen, wie sie zwischen Felswänden und Kirchtürmen stand und von einem mächtigen Licht durchbrochen wurde, das alles kräftig in den Farben der Dinge erstrahlen ließ, genau wie Hodler es gemalt hatte. Es waren Berglandschaften, Dschungelberge, eine Kirchglocke, die irgendwo schlug und von der Ferne hergetragen wurde. Klare Laute der Natur, kein Krach der Stadt, nur Klang der Dörfer. Man hörte Kühe fressen, im Orchester oder höchstens mal einen Tschingg, der sein Motorrad an einer Bushaltestelle testete und pfiff, wenn eine Monica Bellucci an seiner Bushaltestelle vorrüberging. Es musste schön sein, in diesem Tal schön zu sein. Die Dörfer waren weltgewandt und kultiviert und man konnte in ihnen viele Sprachen sprechen und eine Frau lieben und einer bestimmten Tätigkeit nachgehen. Was wäre die Welt ohne diese Dörfer und diese Bewohner und Bewahrer, ohne die Bushaltestellen und Kirchen, die am Hang vor dem Blau des Himmels stehen, schon immer, egal was. Man konnte in diesem Tal nichts tun, außer man wusste, was man tun konnte. Einsam, weit weg von allem, guten Käse essen, schlechten Wein trinken, abends am Kamin sitzen und noch mehr Wein trinken, der immer besser schmeckte, je mehr man getrunken hatte. Morgens lagen wir lange da, guckten von warmen Betten aus offenen Fenster und hingen uns danach an schwere Steine im Bach, um uns vom Quellwasser umströmen zu lassen. Es war kein Eiswasser, man konnte darin überleben, und wenn die Sonne auf die Stelle schien, an der man gerade hing, konnte man es sogar genießen. Wegen so eines Baches lernten wir eines Tages den Metzger des Dorfes kennen. Ich hatte meinen Ring beim Umströmen verloren und der Metzger besaß die einzige Taucherbrille im Dorf. Den Ring fanden wir nicht, aber wir verstanden uns prächtig […]

DASEIN (Teil 01)

DASEIN (Teil 01)

Wenn man es nur schreiben könnte, wie es sich leben ließe. Ohne Absätze und Übergänge, die sich gegen das Leben versündigen, so wie es sich bietet und wie wir es lieben. Aufeinmal. Ohne Grund. An all den Zufällen vorbei, die wir im Nachhinein zu Notwendigkeiten erklären. Mit plötzlicher Brutalität. So wie ein Hirsch im Herbst auf Straßen springt, wenn man gerade einen hohen Berg runterrollt, um sich vom Helikopterfliegen zu erholen, und Pavarottis Radiostimme die Zeit zu Raum werden lässt, auf den dann der Hirsch knallt. Nehmen wir mal an. Viele verschiedene Orte, die erst durch uns miteinander in Verbindung treten. Am besten ist man an all diesen Orten, als ob man gar nicht an ihnen gewesen wäre, macht einfach weiter, wie zuvor, was immer auch gewesen ist. So meistert man die Orte, weil man da ist, wo man ist und keine Straßen geht und an Straßen denkt, die man nicht gegangen ist. Es kommt dann gar nicht mehr darauf an, wie viele Orte man gesehen hat, sondern wie viel man in jedem dieser Orte sehen konnte. Von einigen dieser Orte möchte ich erzählen, ohne jemanden mit unserer Liebesgeschichte zu belästigen. Die Liebe hat nur eine Geschichte und es ist immer die gleiche, und die könnte man überall verbringen, auch an Tankstellen, ist ja glücklich genug, hat all die schon Orte in sich. Alles, was über dieses große Glück hinausgeht, ist so spürbar wie Wolken, Leistungssteigerung im Spitzensport. Fast verschwendet. Man ist im Himmel, gefangen im Grenzenlosen, höher geht’s gar nicht, außer man fährt bergauf, dann nimmt man den Himmel eben mit oder lernt auch, mit viel sehr glücklich sein zu können. Gelingt das, ohne ein Arschloch werden zu müssen, schafft man ein Kunstwerk des Lebens, einen Überschwang, der kaum auszuhalten ist. Danach kommt nur noch All. Kann man dann mehr von solchen Zeiten erwarten, als dass sie irgendwann vorbeigehen oder wir sie ruinieren? Worte sind vielleicht nicht genug. Sie fassen nicht alles und jeden, aber nichts limitiert so sehr wie die Möglichkeit zu allem, denn alles ist die konstante Ablenkung vom Nichts. Und im Nichts beginnt unsere Reise. Ein bisschen außerhalb der Zeit. In einer Villa auf einer Insel mit 4000 verschiedenen Pflanzenarten, die irgendein Hedonist mitten in den See geflanzt hat, um im Dickicht zu veranstalten. Die Villa ist jetzt ein kleines Hotel und die Pflanzenarten sind durstig und unvergleichlich und sehen nicht aus wie Hawaii oder Tahiti, weil es nichts gibt, was so ist. Die Natur zieht einen auf, ganz ohne Sitten und Manieren. Hier ist es am allermeisten so. Man ist dem Augenblick ergeben, spürt einen Aufenthalt lang, wie alles ist, das ganze Leben und kann dann traurig werden, etwas trauriger als sonst, aber richtiger, und schöner […]

DEKADENT

DEKADENT

Es wurde ein sehr romantischer Roadtrip außerhalb der Zeit, in dem man essen konnte, ohne fett zu werden. Hatten wir in einem Hotel lange genug vom Balkon geguckt, fuhren wir weiter, von einer Mahlzeit zur Nächsten, hielten in vielen weißen Städten und ließen uns vom Wind aus Italien langsam nach Frankreich blasen. Sie im weißen Kopftuch, ich in vom Fahrtwind zurückgelegten Haaren. Man drehte sich nach uns um. Bis zu ihrem Ausschlag sah sie aus, wie eins von diesen teuren Weibern, die man hasst und schon immer mal vögeln wollte, und ich wie jemand, der Weiber hat, die er immer vögeln wollte. Waren wir zu beschwipst, um weiterzufahren, kauften wir noch Postkarten für unsere Mütter oder fuhren trotzdem einfach weiter und verließen uns auf die schmalen Straßen einer oft gemalten Landschaft, von denen der alte Italiener sagte, sie würden die Schwächen der Männer wegwaschen und die Traurigkeit der Dinge und bis in die Wirklichkeit unserer Träume führen. Auf der Rückfahrt fuhren wir unser Cabriolet im Regen nach Rom hielten an Raststätten und konnten uns bis auf Bockwurst und Billigflieger nichts mehr leisten. Wir mieteten uns gerade so in eine Jugendherberge, am Flughafen, ein. Der Inhaber war lieb und zitterte. Er gab uns das Eisbärenzimmer. An der Wand hing ein Bild von der Arktis. Das Internetpasswort lag in einer pinken Tonpapierwolke ausgeschnitten neben den Ohropax, Frühstück ab halb fünf, Weißbrot und Tee, zehn Euro extra. Oh, wie ich Rom in diesen Tagen hasste. Rom war so, wie Menschen eben sind, die nicht weit rauschwimmen können, sie werden hektisch. Am Abend gingen wir in eine Imbissbude nebenan, schick machten wir uns trotzdem, ein allerletztes Mal. Beim Essen dachten wir an all die guten Steaks zurück, die wir den Sommer über gegessen hatten und als wir am nächsten Morgen im Taxi saßen, lag vor uns ein langer römischer Stau. Der Taxifahrer sang zusammen mit dem Radio ein Duett von Adriano Celentano & Mina, es hieß Acqua e Sale. Er sang das so, als würde da kein kilometerlanger Stau vor uns im Morgengrauen liegen, sondern das Meer und die Küste. Ich hielt meinen Hut in den Händen und mein Hut sah mich an. Ich hatte ihnen einen Sommer lang getragen. Ich glaube, wir hofften in diesem Moment beide, den Rückflug nicht zu erreichen und wir erreichten ihn wegen des Staus auch nie. Heute denke ich, dass Rom eine ganz gute Lektion gewesen ist, durch die wir am Ende auf dem Boden bleiben konnten. Denn am Ende jenes Sommers waren wir verwöhnt und verdorben. Wir hatten vom luxuriösesten Baum der Erkenntnis gekostet und uns in Fünf-Sterne-Hotels mit einem äußerst prunkvollen Virus majestätischer Gastfreundlichkeit infiziert, dessen Folgen wir ein Leben lang spüren werden. Ansteckend ist dieser […]

RANDVOLL

RANDVOLL

Ich hasse August. Er ist erst einmal schön gewesen, im Jahr als ich geboren wurde und die DDR starb. Ansonsten ist er immer nur heiß. Die Männer tragen Shorts. Die Restaurants machen Urlaub. Nur die gottlosen gähnen einem weit geöffnet entgegen. Maden in der Küche, Mücken im Bett, die Frauen am Strand. Keiner geht mehr auf Arbeit. Auf den Straßen nur Touristen und ich, dumm und deutsch. Wer kann, rettet sich in den September. Am besten schon im nächsten Satz, wenn die ersten schönen Herbstmorgen über die Hügel kommen. Die Sonne müde und geschafft, vom vielen Strahlen und die Tage schleichen sich wieder an, anstatt einfach nur so zu beginnen. Die Luft ist frisch und man kann sich endlich wieder in Jacke vor einer Bar besaufen. Wird Zeit. Die meisten Bars der Stadt funktionieren nicht im Sommer. Ich kenne nur eine, in der Beco das Cruzes, die im Sommer funktioniert. Die ist aber keine Bar mehr, sondern eine Schenke. Ein Trog für alle, die es schon viele Sommer lang nicht mehr aus der Stadt geschafft haben. Schwer zu finden, selbst, wenn man da ist. Über einen selten hässlichen Innenhof muss man ein paar Stufen hinauf, aus dem Eingang kommt schon Rauch. Man ist da. Der Laden sieht aus wie Kuba oder das, was ich mir unter Kuba vorstellte. Erster Stock, viereckig, mit vielen großen Fenstern. Er ist mehr Schenke als Bar und mehr Fenster als Schenke. Alle Fenster sind aufgerissen und haben Balkone. Natürlich Deckenventilatoren, aber welche die klingen, wie festgenagelte Helikopter. Immer am Durchdrehen. Abends, wenn der Wind vom Tejo rüber weht, weil die kalten Luftmassen das so tun, knallen die Balkonfenster gegen die Rahmen und die Männer vorm Fußballfernseher springen auf und schreien die offenen Balkonfenster an, schreien Fodass Caralho oder eh pá estúpido. Bis auf die unkrautgrünen Balkontüren besteht die Schenke aus dunklem Holz. Jeder Tisch hat seinen eigenen Standaschenbecher, über 100 Jahre alt. Rauchen darf man nicht, muss man sogar. Manchmal fallen servierten in die Standaschenbecher und die Standaschenbecher fackeln dann ab. In der Mitte der Galaxie dieses Raumes stehen zwei schöne Billardtische und warten auf Benutzung. Über den Billardtischen hat man kaputte Lampen angebracht. Generell kommt der Laden meiner inneren Welt ziemlich nahe. Am Anfang war die Schenke viel zu inspirierend, ich musste oft heimgehen und sie aufschreiben, bevor ich mich wieder entspannen konnte. Das war nach meinem ersten Besuchen. Ich trat ein und rannte heim, es ging um Leben und Tod […]

PIANO

Keine Sonne in Mailand. Dafür gut gekleidet durch schlechtes Wetter. Lebensmittelpunkt Mode. Prada, Penner und Espresso. Wunderschön. Einkaufen und sich betrinken oder endlich mal Pizza von der Alle reden. Vorab aber mit der Kreditkarte vor dem gut geputzten Spiegel üben. Für Luxus vom Hotel bis auf die Straße, auf der nur Eugenia bis unter die Haut geht. Mille Grazie. Die ganzen drei Tage, in denen man sich alles sagen kann, weil gebuchte Rückflugtickets für die nötige Leichtfertigkeit sorgen. Dich und deine gefühlvolle Fahrlässigkeit nicht ganz beim Wort nehmen, sondern ganz in Ruhe den inneren Anspruch hochleben […]