Menü

BYND

Konstantin Arnold

CASANOVAS HEIMKEHR II

CASANOVAS HEIMKEHR II

Heut war wieder so ein Tag zum Steine schnippen. Ich komme mittlerweile jeden Tag, mein Rekord liegt bei zwölf, wenn ich die letzten Sprünge weglasse, die vielleicht trotzdem zählen. Es kommt aber nicht nur auf die Sprünge an, sondern die Weite und den Winkel und wie das Meer so drauf ist. Wichtig ist, dass man den Zeigefinger straff hält, um dem Stein den nötigen Spin zu geben und tief aus der Hocke kommt, so dass der Stein im ersten Kontakt nah an der Oberfläche bleibt und auf seiner eigenen Bugwelle gleitet. So werden die Sprünge nach hinten weiter. Ich weiß mittlerweile welcher Stein an welchen Tagen für welche Wellenbedingungen der beste ist. Man denkt, es sind die ganz flachen, perfekten, runden, aber wenn es Wind aus Nordwest hat, der die Wellen leicht aufbauscht, so wie heute, braucht man einen mit Gewicht, ellipsenförmig, von denen es am Strand nicht mehr viele gibt. Wird Zeit, dass ein letzter Wintersturm vorm Sommer noch ein paar neue bringt. Passiert ja sonst nichts, wenn man sich um die Zeit nicht schon betrinkt. Außer mir ist immer noch ein Typ da, der aber nicht Schnippt. Der sitzt nur auf den Felsen und liest die Zeitung in der Sonne, im roten Pullunder. Wir grüßen uns, ohne zu sprechen, so als hätten wir Zeit und müssten nichts überstürzen. Hätten wir andere Schwänze, sie würden wedeln, wenn wir uns sehen. Es war sonst nichts los, oder ich dachte, dass nichts los war, was das gleiche ist. Sie hatte immer noch keinen Job und ich arbeitete mich an meinen vatermörderischen Neurosen ab. Die Beweisphase begann, die kurz vor der Phase ist, in der ich morgens heimlich im Bad onaniere und Hunden auf den Arsch gucken muss. Ich versuche die Behauptungen meiner Ängste zu widerlegen, die sich einstellen, sobald mir etwas etwas zu wichtig ist. Ich versuche dann ihre Vergangenheit besiegen und meine und dann unsere und an der scheitere ich, wie in tausend und einer Nacht. Ich verliere die Lust und erleide Erschöpfungserscheinungen. Deshalb versuche ich schon seit einer Weile kein guter Mensch mehr zu sein und finde das schwieriger, als sonst irgendetwas; außer vielleicht zu verstehen, wo die eigene Interpretation der Dinge endet und sehr wohl der Vorwurf des anderen beginnt; oder zu wissen wie etwas ist, bevor es sich ändert, oder selber zu entscheiden, was richtig und falsch ist, zu denken und zu fühlen, was man fühlt und denkt und nicht, was man denken und fühlen sollte, weil man noch nicht schlecht genug ist. Anstand wäre doch zu sagen, ich habe geweint, weil ich dich liebe, aber das ist meine Sache. Es geht dich nichts an. Du sollst kommen und gehen, wenn du willst. Wenn du kommst, will ich mich freuen und wenn du gehst, nicht traurig sein, selbst wenn ich lüge. Seit vorgestern hat sie nun einen Job, aber mit vierzig Stunden, was noch viel schlimmer ist. Ich freue mich für sie, trotz mancher Ressentiments, über die ich mit niemandem reden kann. Die Leute würden sagen, dass das Leben nun mal so ist. Gestern hatte ich einen Traum, in dem wir gekidnappt, wurden. Ich wusste nicht warum und fragte die Entführer. Einer meinte, dass könne er nicht sagen, aber wir hätten da eine Idee, die die Leute nicht wissen dürfen und wären zu lange damit durchgekommen viel zu vögeln, gut zu essen, an uns zu arbeiten und uns zu genießen. Ich kann seitdem nichts mehr essen und sitze auf der Terrasse und rauche ins Laternenlicht. Killing me Slowly. Die Spritpreise spendieren die Nachrichten. Manchmal fliegt ein Flugzeug vorbei, dem ich beim fliegen nachsehe. Seitdem ihrer Arbeit, kann ich mein Leben vordenken. Den Winter über konnte ich hier sein, weil ich auch nicht hier sein konnte. Ich bin ein Reisender, der nur bleiben kann, solange er die Möglichkeit des Gehens hat. Etwas Geld, oder zumindest eine Kreditkarte. Es half nichts, und ich rief ein paar Freunde an, aber es stimmt nicht, was die sagen. Sie sagen, dass Frauen nun mal so sind und Männer eben so und Frauen Männer ändern und sie dann verlassen, sobald sie verändert genug sind. Auch das sie sagten, dass es doch schön ist, dass man jemanden an seiner Seite hat, wollte mir nicht einleuchten. Schön ist früh morgens, nach einem Streit, mit dem Fahrrad über den Markt einer kleinen italienischen Stadt zu kommen und zu grüßen. Schön ist, an ihrem Geburtstags mit frischen Blumen im Korb vorne dran in die neidischen Gesichter der Frauen auf der Promenade zu gucken, die keine bekommen. Schön ist, mit einer fertigen Geschichte am Strand zu liegen und den Augenblick zu genießen, bevor man sie als selbstverständlich erachtet und verbrennen will und so scheiße findet, dass es wohl gut sein muss […]