CASANOVAS HEIMKEHR II
Heut war wieder so ein Tag zum Steine schnippen. Ich komme mittlerweile jeden Tag, mein Rekord liegt bei zwölf, wenn ich die letzten Sprünge weglasse, die vielleicht trotzdem zählen. Es kommt aber nicht nur auf die Sprünge an, sondern die Weite und den Winkel und wie das Meer so drauf ist. Wichtig ist, dass man den Zeigefinger straff hält, um dem Stein den nötigen Spin zu geben und tief aus der Hocke kommt, so dass der Stein im ersten Kontakt nah an der Oberfläche bleibt und auf seiner eigenen Bugwelle gleitet. So werden die Sprünge nach hinten weiter. Ich weiß mittlerweile welcher Stein an welchen Tagen für welche Wellenbedingungen der beste ist. Man denkt, es sind die ganz flachen, perfekten, runden, aber wenn es Wind aus Nordwest hat, der die Wellen leicht aufbauscht, so wie heute, braucht man einen mit Gewicht, ellipsenförmig, von denen es am Strand nicht mehr viele gibt. Wird Zeit, dass ein letzter Wintersturm vorm Sommer noch ein paar neue bringt. Passiert ja sonst nichts, wenn man sich um die Zeit nicht schon betrinkt. Außer mir ist immer noch ein Typ da, der aber nicht Schnippt. Der sitzt nur auf den Felsen und liest die Zeitung in der Sonne, im roten Pullunder. Wir grüßen uns, ohne zu sprechen, so als hätten wir Zeit und müssten nichts überstürzen. Hätten wir andere Schwänze, sie würden wedeln, wenn wir uns sehen. Es war sonst nichts los, oder ich dachte, dass nichts los war, was das gleiche ist. Sie hatte immer noch keinen Job und ich arbeitete mich an meinen vatermörderischen Neurosen ab. Die Beweisphase begann, die kurz vor der Phase ist, in der ich morgens heimlich im Bad onaniere und Hunden auf den Arsch gucken muss. Ich versuche die Behauptungen meiner Ängste zu widerlegen, die sich einstellen, sobald mir etwas etwas zu wichtig ist. Ich versuche dann ihre Vergangenheit besiegen und meine und dann unsere und an der scheitere ich, wie in tausend und einer Nacht. Ich verliere die Lust und erleide Erschöpfungserscheinungen. Deshalb versuche ich schon seit einer Weile kein guter Mensch mehr zu sein und finde das schwieriger, als sonst irgendetwas; außer vielleicht zu verstehen, wo die eigene Interpretation der Dinge endet und sehr wohl der Vorwurf des anderen beginnt; oder zu wissen wie etwas ist, bevor es sich ändert, oder selber zu entscheiden, was richtig und falsch ist, zu denken und zu fühlen, was man fühlt und denkt und nicht, was man denken und fühlen sollte, weil man noch nicht schlecht genug ist. Anstand wäre doch zu sagen, ich habe geweint, weil ich dich liebe, aber das ist meine Sache. Es geht dich nichts an. Du sollst kommen und gehen, wenn du willst. Wenn du kommst, will ich mich freuen und wenn du gehst, nicht traurig sein, selbst wenn ich lüge. Seit vorgestern hat sie nun einen Job, Vollzeit, mit Anwesenheit, was noch viel schlimmer ist. Ich freue mich für sie, trotz diverser Ressentiments, über die man mit niemandem reden kann. Die Leute würden sagen, dass das Leben nun mal so ist und kein Ponyhof. Gestern hatte ich deshalb einen Traum, in dem wir gekidnappt, wurden. Ich wusste nicht warum und fragte die Entführer. Einer meinte, dass könne er mir nicht sagen, aber wir hätten da Ideen, die die Leute nicht wissen dürfen und wären zu lange damit durchgekommen. Ich kann seitdem kaum mehr essen und sitze auf der Terrasse und rauche im Laternenlicht. Killing me Slowly. Die Spritpreise präsentieren die Nachrichten. Manchmal fliegt ein Flugzeug vorbei, dem ich weinerisch nachsehe. Ich bin ein Reisender. Seit ihrer Arbeit, lässt sich mein Leben vordenken. Den Winter über konnte ich hier sein, weil ich auch nicht hier sein konnte. Ich bin ein Reisender, der bleiben kann, solange er die Möglichkeit des Gehens hat. Etwas Geld, oder zumindest eine Kreditkarte. Im Gehen ist alles besser, auch das Bleiben, ohne Geld. Im Nachtzug nach Neapel, Paris, Zürich, obwohl ich in Lissabon und doch nirgendwo zu Hause war. Rastlos unterwegs ins Nirgendwohin. Über Brücken, die Hier und Dort verbinden und erlauben, zwischen Handlungen und Entschlüssen keine Entscheidungen treffen zu müssen. Durch die Städte und Dörfer, durch die ich gekommen war, bin ich gekommen, um anzukommen und sie verlassen zu können, ich weiß nicht, wie Bleiben geht, gut geht es mir in der Fremde, an spanischen Bahnstationen. Ich bin bescheiden aus Hochmut, erbittert gegen die Reichen, ohne Solidarität den Armen gegenüber, nur einmal glücklich als ich in Kunderas Leichtigkeit eine autoritative Bestätigung meiner Instinkte fand. Ich hatte haarige Türkinnen, schöngemachte Italienerinnen, die obligatorischen, französischen Intellektuellen, ein paar schwer zu kriegende Portugiesinnen und ein paar leichte, Brasilianerinnen, zu wenig Spanierinnen, bei denen werde ich immer noch schwach, dafür Südamerikanerinnen, obwohl die nicht das gleiche sind, nicht in Peru, Kuba oder Chile. Amerikanerinnen hatte ich auch, aber nicht viele, dafür dreckige Tschechinnen, strenge Russinen, gläubige Israeliten, Griechinnen, brünette Schwedinnen, dicke Däninnen, Frau Holländerinnen und natürlich Deutsche, Österreicherinnen, Ukrainerinnen, aber vor dem Krieg, die ein oder andere Afrikanerin und eine Thailänderin, obwohl ich nicht genau weiß, ob die nicht vielleicht auch mal ein Mann war. Dazu der gesamte Common Wealth, der überall gleich ist und Frauen, von denen ich nicht wusste, woher die waren […]









