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BYND

Konstantin Arnold

CASANOVAS HEIMKEHR II

CASANOVAS HEIMKEHR II

Heut war wieder so ein Tag zum Steine schnippen. Ich komme mittlerweile jeden Tag, mein Rekord liegt bei zwölf, wenn ich die letzten Sprünge weglasse, die vielleicht trotzdem zählen. Es kommt aber nicht nur auf die Sprünge an, sondern die Weite und den Winkel und wie das Meer so drauf ist. Wichtig ist, dass man den Zeigefinger straff hält, um dem Stein den nötigen Spin zu geben und tief aus der Hocke kommt, so dass der Stein im ersten Kontakt nah an der Oberfläche bleibt und auf seiner eigenen Bugwelle gleitet. So werden die Sprünge nach hinten weiter. Ich weiß mittlerweile welcher Stein an welchen Tagen für welche Wellenbedingungen der beste ist. Man denkt, es sind die ganz flachen, perfekten, runden, aber wenn es Wind aus Nordwest hat, der die Wellen leicht aufbauscht, so wie heute, braucht man einen mit Gewicht, ellipsenförmig, von denen es am Strand nicht mehr viele gibt. Wird Zeit, dass ein letzter Wintersturm vorm Sommer noch ein paar neue bringt. Passiert ja sonst nichts, wenn man sich um die Zeit nicht schon betrinkt. Außer mir ist immer noch ein Typ da, der aber nicht Schnippt. Der sitzt nur auf den Felsen und liest die Zeitung in der Sonne, im roten Pullunder. Wir grüßen uns, ohne zu sprechen, so als hätten wir Zeit und müssten nichts überstürzen. Hätten wir andere Schwänze, sie würden wedeln, wenn wir uns sehen. Es war sonst nichts los, oder ich dachte, dass nichts los war, was das gleiche ist. Sie hatte immer noch keinen Job und ich arbeitete mich an meinen vatermörderischen Neurosen ab. Die Beweisphase begann, die kurz vor der Phase ist, in der ich morgens heimlich im Bad onaniere und Hunden auf den Arsch gucken muss. Ich versuche die Behauptungen meiner Ängste zu widerlegen, die sich einstellen, sobald mir etwas etwas zu wichtig ist. Ich versuche dann ihre Vergangenheit besiegen und meine und dann unsere und an der scheitere ich, wie in tausend und einer Nacht. Ich verliere die Lust und erleide Erschöpfungserscheinungen. Deshalb versuche ich schon seit einer Weile kein guter Mensch mehr zu sein und finde das schwieriger, als sonst irgendetwas; außer vielleicht zu verstehen, wo die eigene Interpretation der Dinge endet und sehr wohl der Vorwurf des anderen beginnt; oder zu wissen wie etwas ist, bevor es sich ändert, oder selber zu entscheiden, was richtig und falsch ist, zu denken und zu fühlen, was man fühlt und denkt und nicht, was man denken und fühlen sollte, weil man noch nicht schlecht genug ist. Anstand wäre doch zu sagen, ich habe geweint, weil ich dich liebe, aber das ist meine Sache. Es geht dich nichts an. Du sollst kommen und gehen, wenn du willst. Wenn du kommst, will ich mich freuen und wenn du gehst, nicht traurig sein, selbst wenn ich lüge. Seit vorgestern hat sie nun einen Job, aber mit vierzig Stunden, was noch viel schlimmer ist. Ich freue mich für sie, trotz mancher Ressentiments, über die ich mit niemandem reden kann. Die Leute würden sagen, dass das Leben nun mal so ist. Gestern hatte ich einen Traum, in dem wir gekidnappt, wurden. Ich wusste nicht warum und fragte die Entführer. Einer meinte, dass könne er nicht sagen, aber wir hätten da eine Idee, die die Leute nicht wissen dürfen und wären zu lange damit durchgekommen viel zu vögeln, gut zu essen, an uns zu arbeiten und uns zu genießen. Ich kann seitdem nichts mehr essen und sitze auf der Terrasse und rauche ins Laternenlicht. Killing me Slowly. Die Spritpreise spendieren die Nachrichten. Manchmal fliegt ein Flugzeug vorbei, dem ich beim fliegen nachsehe. Seitdem ihrer Arbeit, kann ich mein Leben vordenken. Den Winter über konnte ich hier sein, weil ich auch nicht hier sein konnte. Ich bin ein Reisender, der nur bleiben kann, solange er die Möglichkeit des Gehens hat. Etwas Geld, oder zumindest eine Kreditkarte. Es half nichts, und ich rief ein paar Freunde an, aber es stimmt nicht, was die sagen. Sie sagen, dass Frauen nun mal so sind und Männer eben so und Frauen Männer ändern und sie dann verlassen, sobald sie verändert genug sind. Auch das sie sagten, dass es doch schön ist, dass man jemanden an seiner Seite hat, wollte mir nicht einleuchten. Schön ist früh morgens, nach einem Streit, mit dem Fahrrad über den Markt einer kleinen italienischen Stadt zu kommen und zu grüßen. Schön ist, an ihrem Geburtstags mit frischen Blumen im Korb vorne dran in die neidischen Gesichter der Frauen auf der Promenade zu gucken, die keine bekommen. Schön ist, mit einer fertigen Geschichte am Strand zu liegen und den Augenblick zu genießen, bevor man sie als selbstverständlich erachtet und verbrennen will und so scheiße findet, dass es wohl gut sein muss […]

CASANOVAS HEIMKEHR I

CASANOVAS HEIMKEHR I

Eigentlich muss man in Palermo morgens mit dem Boot ankommen, so wie Goethe, nicht abends, vierzig Minuten zu spät, am Flughafen. Dann sieht man die Reinheit der Kontur, die Weichheit des Ganzen, das Auseinanderweichen der Töne im Licht, aber so reist ja heut keiner. In alten Büchern kommen sie einem immer pünktlich mit ihren Gerüchen und den vielen verschiedenen Farben ihrer Eindrücke, der Aufregung des Ankommens im Wind. Ich glaube Palermo ist altgriechisch und bedeute Zuflucht. Ein Blick aufs Meer, Hügel im Rücken wie ein Amphitheaters, vor denen sich das Leben ohne Drehbuch abspielt. Kaum ein Ort auf der Welt scheint so von der Natur gesegnet. Vielleicht nur Algier oder Rio. Ein Morgen hier heilt wie ein Abend am Golf von Neapel oder Trinken in Triest. Seit ich das letzte Mal in Palermo war, ist das alles nur noch schöner und schlimmer geworden. Dank den Bildern von Catel, die so kitschig sind, wie sie eben sind, wenn man die Dinge liebt, die man malt und schreibt. Dank Lampedusas Il Gattopardo und dem von Visconti, den ich seit einer Zeit lang versuche fertig zu gucken und schon fünf mal eingeschlafen bin, noch mehr als bei La Notte von Antonioni. Sizilien kommt einem immer erst mal spanisch vor, obwohl die Insel griechisch, ägyptisch, römisch, byzantinisch, normannisch, arabisch, französisch und dann erst spanisch war. Stützpunkt der Seefahrt, der Mafia, Wissenschaft und des Handels. Immer neue Eroberer haben sich im Laufe der Zeit ihrer Schönheit bemächtigt. Immer brachten sie fast alle um. Die restliche Bevölkerung vermischte sich mit den Eroberern und zeugte schwarzgelockte Frauen, denen der Blick aufs Meere die Augen blau gefärbt hat. Heute ist die Welt hier in Ordnung, weil die Sizilianer sind, wie sie eben sind und nicht auch auf glückliche Menschen machen, die sich über einen Kamm scheren lassen. Sie reden viel und ihre Freundlichkeit ist manchmal falsch und äußerst leidenschaftlich, aber ernstgemeint. 1860 landet Garibaldi mit seinen Tausend, darunter eine Frau und ein elfjähriger, auf Sizilien und befreit die Insel, im Zuge des Risorgimento, von sich selbst. Seitdem gehört Sizilien Italien, auch wenn sich das nicht so anfühlt, sobald man den Flughafen verlässt. Mir kommt es immer erst spanisch vor und dann afrikanisch, vor allem die Art wie die Taxifahrer überholen. Man ist näher an Tripolis als an Rom und vor der Schranke des Hotels ist es wie im mittleren Osten, mit Unterbodenspiegeln und Hunden, die kurz nach Sprengstoff suchen. Es gibt in Palermo zwei Hotels und ein noch paar andere, die es aber auch nicht geben muss. In einem wohne ich, im anderen ist Raymond Roussel gestorben. Autor, Dandy, Schwuler, Schachspieler, Weltreisender und Erfinder des Wohnmobils. Im Juli 1933 reist er von Paris nach Palermo. Es wird seine letzte Reise sein. In Palermo wird gerade das ausschweifende Fest der Heiligen Rosalia gefeiert, der Schutzheiligen der Stadt. Die italienische Luftwaffe überquert den Atlantik, die Faschisten feuern ihre Munition in den Nachthimmel, Stunden, in denen jeder Mann zu einer Frau geht, der eigenen oder der eines anderen. Große sizilianische Nacht. Während seines Aufenthalts ist Roussel stark drogenabhängig und physisch labil. Er versucht sich einmal die Pulsadern aufzuschneiden und Hotelangestellte zu bestechen, ihm beim Sterben zu helfen. Am 14. Juli ist das dann soweit. Durch eine Überdosis Schlafmittel, Zimmer 224. Irgendwie hat mich das immer abgehalten. Die Villa Igea hat eine nettere Geschichte, liegt aber außerhalb, neben einer Schiffswerft, vom Vorstadtmüll umgeben. Nicht weit vom Gerichtsgebäude, in dem am 10. Februar 1986 344 Mafiosi zu 2.665 Jahren Haft verurteilt wurden. Im Norden ist ein kleiner Strand, wo man morgens am Fuße des Pellegrino Schwimmen kann. Außerdem habe ich ein paar gute Erinnerungen hier und schlechte, an die ich mich nur erinnere, wenn ich an diesen Ort zurückkehren muss. Der Ort ist dann immer noch da, nur eben das Leben nicht, das ihn damals umgab. Ich erinnere mich an den Streit in Lissabon und die Fahrt hier her und wie ich versuchte, die Einsamkeit zu töten, aber man kann die Einsamkeit nicht töten, man macht sie mit Sizilianerinnen nur schlimmer. Ich erinnerte mich, dass Sonntag war und Regen und man ihr, der allerersten einen Brief schrieb, schrieb, dass es einem einfach nicht gelingt, die Einsamkeit zu töten und man die Promenade am Meer lang läuft und heute einer Frau gefolgt ist, die die gleiche Jacke trug wie sie, voller Angst zu erkennen, dass nicht sie es nicht ist und man das Gefühl verliert, das man gerade empfand. Wie jede, die man für sie hielt, einem nur klarmachte, wie sehr sie einem fehlt und dass das, was sie getan hat, überhaupt keine Rolle spielt, weil man sich nicht davon heilen könnte, sie nicht zu lieben. Ich schrieb diesen Brief nüchtern in der Lobby des Hotels und trug ihn eine Zeit mit mir rum und sendete ihn an einem Freitag, per Einschreiben, beim Concierge, weil man sowas nicht sonntags ohne Sendungsverfolgung machen darf. Dann saß ich eine Weile in der Capella Pallatina und betrank ich mich danach fürchterlich und elend und leer und ging in die Straßen, in der man Frauen mit einem Glas rumkriegt. Ich traf ein römisches Mädchen mit und ging mit ihr Essen. Hinterher gingen wir tanzen, aber sie tanzte schlecht, wie alle Römer und ich tauschte sie gegen eine Albanerin, die aussah wie Rosalia und ihren Arsch auch so an mir rieb. Die nahm ich einem besoffenen Engländer ab, der sich schlagen wollte. Er forderte mich auf, mit ihm nach draußen zu gehen, aber ich fragte, warum. Er fing dann ein schreckliches Spektakel an und bevor die Polizei kam, rannten wir raus und trieben es vor einer byzantinischen Kirche, mit Eisengeschmack im Mund […]

ALFA & OMEGA

ALFA & OMEGA

Jenen Winter verbrachten wir in Rapallo. Einer alten, italienischen Stadt, mit kleinen Gassen und Geschäften und einer Promenade, auf der man gut gehen kann. Ligurien, sehr 19. Jh. Der ausgeschlafene Mann, der seiner fellbedeckten Frau am Morgen die Pasta Fresca heimträgt und eine Corriere della Sera unter dem Arm hält, beherrscht das Bild, was die Küste zur Riviera Italiens macht. Früher hatte ich diesen Teil der Riviera nicht sehr ernst genommen und den Eindruck gehabt, die Welt nehme ihn nicht so ernst, wie die Französische, was daher rührt, dass man immer glaubt, die Welt interessiere sich nur für das, was einen interessiert. Frankreich nutzt das 19. Jahrhundert als Hintergrund seiner Gegenwart, während es hier an der Riviera di Levante nur noch Erinnerung ist, Napoleons Fenstersteuer, ein bunt bemaltes Herrenhaus unter Pinien, und Hotels, wie das Excelsior, das Miramare oder das Imperiale, wo 1922 der Vertrag von Rapallo unterzeichnet wurde. Früher kamen die Leute im Winter, jetzt kam keiner mehr, obwohl die Leute im Winter netter sind, die Wege leerer, die Parkplätze freier. Der Büffelmozzarella schmeckt besser, die Puntarelle wächst, Artischocken blühen und Farinata ist und bleibt ein traditionelles, ligurisches Wintergericht. Die Ladenverkäufer freuten sich, dass wir im Winter kamen und blieben, so wie früher. Früher wären die Leute immer im Winter gekommen und geblieben, sagten die dann mit einem Glas in der Hand und nur die, die nicht im Winter kamen und nicht tranken und dauernd gingen, fragten, warum wir nach Rapallo kamen im Winter und für wie lang. Ich konnte das nicht sagen. Zu sagen, dass es für immer wäre oder ein bisschen, ist beides falsch. Einen Winter in Italien leben, ist das schönste, was man mit sich und seiner Liebe überhaupt machen kann. Man kann hier gut leben und gut arbeiten, was das gleiche ist und darauf kommt es wohl an. Ansonsten muss man nichts, nicht mal krank werden oder dolce far niente und kann arbeiten, was eigentlich auch das schönste ist, was man hier machen kann. Künstler suchen, ungleich ihrer Passion, eine Atmosphäre von Trägheit und Leuten, die in der Sonne vor den Caffés sitzen und Mittagspause mit Wein machen, so als ob es gar keine Geschichte gäbe, die man noch fertig schreiben muss, so wie die hier. Man arbeitet bis zum Lunch und versucht dann noch mal bis zum Aperitif zu arbeiten, wenn einen die Liebe lässt. Manchmal geht der Tag so dahin. Die eigentliche Arbeit ist dann zum Arbeiten zu kommen, der Rest nur Schreiben. Man zieht sich was schickes an und geht eingehakt unter den Arkaden, um in die Auslagen der Geschäfte zu sehen. Begrenzt wird das Glück ja nur von Leuten, die fragen und wir trafen kaum Leute in diesem Winter und die, die wir trafen, fragten nur, obs sonst noch was sein kann und waren so gut wie die Wintertage selbst. An den guten Wintertagen machten wir lange Spaziergänge zu den Gasthäusern in den Bergen und kürzere nach San Michele di Pagana und Santa Margherita oder in die andere Richtung, an der Burg vorbei bis zu den Schienen, die weiter nach Zoagli, Chiavari, Sestri und La Spezia führen. Nach Portofino gingen wir nie. Es gab viele Wege, die man gehen konnte, nachdem man sich geliebt hatte und von der Via Paraggi a mare sagt man, es wäre der schönste Weg und vielleicht ist er es. Der geht ganz nah am Wasser lang und hinter den Gärten von Villen. Man kommt an all diesen Eingängen und Toren vorbei, durch die man über die Terrassen der Villen bis zum Meer gucken kann und das Meer liegt da hinter den Pinien bis zu den Bergen, die sich in der Ferne an ihren Rändern abzeichnen. Fischerboote kamen vom Meer und wir gingen oft, um am Ende des Tages in die Gesichter der Fischer zu sehen. Ihre Gesichter waren immer gleich, egal wie der Fang war und sie schienen unbeeindruckt von der Zeit und darüber, dass sie vergeht. Sie schnitten ihre Anchovis und legten sie in Salz und kümmerten sich um die Riviera, wie sie sich seit Generationen um die Riviera gekümmert hatten, indem sie Anchovis schnitten, sie in Salz einlegten und Geschichten erzählten, die sie so alt sind, wie die Geschichte selbst. Folgt man den Flüssen gelangt man ins Hinterland und fühlt siczh ganz anders als in Rapallo, Chiavari oder Genua und der Bucht der Märchen und der, der Stille, die Sestri Levante teilt. Dahinter kommt La Spezia und die der Poeten, die Byron angeblich durchgeschwommen ist und Botticelli als Hintergrund seiner Venus wählte. Die Venus selbst stammt aus Florenz, aber nur weil der hier nie eine Portugiesin aus dem Meer kommen gesehen hat. Dieses Hinterland hat Reize, hinter die man erst kommt, wenn man länger hier lebt. Es gibt keine Kolossen und Eifeltürme, die sich einem auf die Nase binden und niemandem, der einem sagt, dass man da unbedingt hin muss (wie ins U Giancu oder La Brinca). Das macht es sehr schön, weil man das selber für sich entscheiden muss und hier im Winter nur Leute findet, die das selber für sich entschieden haben. Nobelpreisträger wie Yeats und Hemingway hatten das selbst für sich entschieden, und Gerhard Hauptmann, von dem ich zwar nie was las, aber vor dem Haus schwimmen ging, in dem der wohl wohnte. Es bietet jedem, was er sucht, wenn er es selbst finden kann, ohne dass er es gezeigt bekommt, und zwingt dem Menschen keinen Lebensstil auf, wie die Nordsee, das Engadin oder Ägypten […]

ÜBERN WINTER

ÜBERN WINTER 

Die Idee kam uns letzten Winter. Wir hatten gerade Feuerbachs Selbstportrait im Belvedere in Wien gesehen und saßen ums Eck im Café Goldegg bei Kaffee (mit Schuss) und Kuchen. Sie sagte, dass es schon ihr Traum wäre, mal eine Zeit lang in Italien zu leben und ich sagte, den Traum hätte ich auch schon gehabt und ich hätte es auch schon ein paar Mal probiert, wie Feuerbach, mit Rom, es wäre mir nur nie gelungen, mit italienischen Frauen. Ich fragte, ob sie alleine gehen will oder mit mir und ob ich es für sie tun soll oder aus mir heraus und sie sagte, dass sie nie ohne mich irgendwohin gehen würde, und ich es aus mir heraus tun soll und für sie, so wie Liebende eben sind. Ich sagte, gut, let’s go, nächsten Winter, dann hätten wir genug Zeit einen Ort zu finden. Sie war ganz perplex und fragte wirklich und ich sagte ja. Es gibt Leute, die ihre Träume leben und Leute, die das nicht tun, um sie weiter träumen zu können. Ich gehöre zu der ersten Variante. Die Zeit verging, der Sommer kam und ging und erinnerte uns daran. Wir hatten gerade einige Wochen auf Sizilien verbracht und den Plan, die Küste hochzufahren, um das Dorf mit Bar und Post zu finden, in dem wir den Winter über verbringen. Ich hatte mein Manuskript und einen Verleger, der das auch wollte und mir sogar Geld dafür gab, den Winter über daran zu arbeiten und davon zu leben und damit trinken zu können. Er hatte das nicht so gesagt, aber ich hatte das so verstanden. Wir hielten in einer Bucht, tiefstes Kalabrien, um zu schwimmen und dann in einem kleinen Dorf, für ein Eis. Das Dorf war ganz nett, vom Wasser umgeben, auf einer Anhöhe. Es gab eine schöne Piazza und einen Weinhändler, der auch Schaumwein da hatte und mir erzählte, dass man Napoleons Bruder hier umgebracht hätte, aber das Dorf gefiel ihr nicht. Sie war keine von diesen Leuten, die andere Leute brauchen, aber Kalabrien ist im Winter abgelegen und ganzjährig Mafia. Als am Flughafen saßen, rief Pippo an, mein Freund und Parmesanbauer, und fragte, ob wir nun was gefunden hätten und ich sagte nein. Er fragte, warum wir das nicht lassen und einfach sein Sommerhaus über den Winter bei Genua nehmen, weil das sowieso leer stehe, wir müssten nur den Strom selber zahlen. Außerdem hätte mir die Ecke doch sowieso immer schon gefallen. Ich kannte die Gegend, war schon oft mit dem Zug vorbeigefahren und hatte mir vorgestellt, wies wohl wäre, hier morgens schwimmen zu gehen und Focaccia  zu kaufen, mit einer Corriere della Sera unter dem Arm, wie ein ganz normaler Mensch, der gut geschlafen hat. Irgendetwas von mir war da, so wie es auch in Lissabon, Rom, Wien und an der Riviera ist, etwas, dass ich nur wieder finde, wenn ich immer wieder und wieder an diese Ort zurückkehre. Ein Ort ist ja immer erst mal ein Gefühl und es schien, als ließe es sich dort gut arbeiten und leben und lieben und darauf käme es, als Schriftsteller, schließlich an. Ich fragte sie gar nicht erst und sagte zu und sagte ihr nach dem Telefonat nur: Den Winter verbringen wir in Ligurien, wo die Enge der Berge auf die Weite des Meeres trifft. Wir flogen zurück, trafen die nötigen Vorbereitungen, schmissen eine Abschiedsparty und packten sehr verkatert unsere Sachen, was gar nicht so einfach war und gar nicht so wie sonst, wenn man nur für eine Zeit irgendwohin will und weiß, wie lang die ist. Es fällt einem auf, dass man ja Zimmerpflanzen hat, dreckiges Geschirr, Restmüll, Internetverträge, einen Kühlschrank, in dem noch Essen ist. Wo schafft man das hin und wohin mit dem Auto, ohne dass es von Möwen vollgeschissen wird? Schaltet man den Kühlschrank jetzt ab? Verkauft man das Auto, wohin mit den Pflanzen, verdammt, das ganze Essen, hier kommen die Zweifel. Von der Scheiße mit dem Übergepäck ganz abgesehen. Eigentlich ist es auch so, dass Leute eher aus dem Norden in den Süden fahren, nicht umgedreht, von Lissabon, nach Rapallo, aber Pippo meinte, die Winter dort wären mild und einzigartig, weil die Berge die kalten Nordwinde abfangen. Es gäbe eine Bucht, in der man schwimmen kann und viele Bars, in die man nach dem Schwimmen gehen könnte, um zu trinken. Außerdem änderte sich Lissabon doch sehr, Buchläden, Kneipen und Cafés, die mir zehn Jahre lang eine Heimat gewesen sind, schlossen und wurden zu Zaras. Nach so vielen Italienaufenthalten ist der Kaffee Portugals irgendwann nur noch warmes Wasser und solange morgens irgendwo noch Spülmittel in der Sonne trocknet und ich das riechen kann, ist für mich auch Südeuropa […]

RÜCKKEHR NACH ROM I

RÜCKKEHR NACH ROM I

Letztes Jahr habe ich Schluss gemacht, Schluss mit einer Frau, Schluss mit meinem Verleger und Schluss mit diesem verdammten Agenten. Die Zeit danach verbrachte ich wie Goethe in Rom. Ich wollte wieder richtig Autor sein, einer, der einer werden will und überlegt sich von der Ponte Sisto zu stürzen. Ich wohnte oben im Hotel Hassler an der Spanischen Treppe, weil das noch ein richtiges Familienhotel ist, das Autoren aufnimmt, die welche werden wollen. Ich trieb mich in den Gassen Pontes rum, trank Café bei Farnese und Schaumwein, abends, im Buccone, einer hohen Enoteca, gleich beim Popolo und hoffte, dass das jemand mitbekommt. Mein bester Freund, ein Filmemacher aus München, war auch dabei, weil der auch Schluss gemacht hatte und immer noch keine Produktionsfirma hatte, mit der er Schluss machen konnte. Tagsüber versuchten wir zu arbeiten und nachts versuchten wir die Einsamkeit zu töten, aber man kann die Einsamkeit nicht töten und macht sie nur schlimmer bis man die Einsamkeit wieder zu schätzen weiß. Man hat schlechte Tage und noch schlimmere Nächte und an den schlechten gingen man ins Buccone und es war dann eigentlich egal, wie man sich fühlt, weil man am Anfang der Nacht nicht wusste, dass es immer noch schlimmer werden kann. Meistens gingen wir zusammen durch die Via dei Greci und die Via Canova vom Hassler dorthin, bis wir Akademie sehen konnten und dann rechts die Ripetta hoch mussten oder wir gingen durch den Park der Borghese und über die leer gewordene Viale Gabriele D’Annunzio. Manchmal gingen wir auch getrennt, je nachdem, wer’s länger versuchen wollte, aber immer gingen wir ins Buccone, vor allem um das Scheitern zu Feiern. Es war wunderbar, nach der Arbeit mit fliegendem Mantel die Spanischen Treppen runter zu stürzen, wenn man was geschrieben hatte und es nicht nur versuchte und auf Alltagswegen an all den Menschen vorbei kam und etwas Hoffnung hatte. Man hatte einen ganz normalen Tag seines Lebens in Rom verbracht und es versucht und in einer Stadt überlebt, anstatt sie nur zu besuchen. Seitdem lebe ich in einer sehr glücklichen Zeit, die eine Zeit auch eine gedankenlose gewesen ist. Alles Schlimme kommt vom Denken und die Zeit ist dann immer noch glücklich, aber eben nicht mehr gedankenlos und manchmal ist das Glück durch die Gedanken kaum sichtbar. Nachdem ich in Rom fertig war, ging ich aufs Land, nach Lissabon, traf ein Mädchen, zog mit ihr ans Meer und dann an ein anderes und schließlich nach Italien. Hier sind wir sehr glücklich und verliebt und arm, weil wir gerne gut essen und gerne viel trinken und ich versuche, wenig darüber nachzudenken. Wir leben nicht über unsere Maßstäbe, aber um ihnen gerecht zu werden. Den Winter verbrachten wir daher in Rapallo und fuhren einen gelben Maserati, der direkt vor unserem Haus parken konnte, weil die Leute im Winter netter sind und die Parkplätze freier. Früher kamen die Leute immer im Winter und die, die nicht im Winter kamen, fragten, warum wir nach Rapallo gingen im Winter und für wie lang. Ich konnte das nicht sagen. Zu sagen, dass es für immer wäre oder ein bisschen, ist beides falsch. Man konnte hier gut lieben und gut arbeiten, was das gleiche ist und darauf kommt es wohl an. Begrenzt wird das Glück also von Leuten und wir trafen kaum Leute in diesem Winter und die, die wir trafen, waren so gut wie die Wintertage selbst. Rapallo ist eine alte, italienische Stadt, mit kleinen Gassen und Geschäften und einer Promenade, auf der man gehen kann. Die Küstenstraße führt von Portofino nach Sestri Levante. An den sonnigen Wintertagen heizten wir die Kiste bis La Spezia, um in der Bucht der Poeten zu baden. Botticelli hat diese Gegend als Hintergrund seiner Venus gemalt. Die Venus selbst stammt aus Florenz, aber nur weil er noch keine Portugiesin hier aus dem Wasser kommen gesehen hat. Die Straßen führen hinter den Häusern am Meer lang und man kommt an all den Gärten und Villen und winterschlafenden Grand Hotels vorbei, die zeigen, dass die Zeit nicht nur gut war, sondern auch noch gut ist. In Rapallo gab es noch richtige Läden, mit richtigen Menschen, die andern Orts mit einer Tankstelle ersetzt werden. Es gab Läden, in denen man Pasta kaufen kann, Focaccia, Schinken, Kaffe und Käse, Wein, Schnürsenkel, Hüte, Kleiderbügel, Motorradsitze und Kerzen, es gab sogar noch einen Schneider, den ich manchmal nach der Arbeit besuchte. Er zeigte mir seine Stoffe und freute sich, dass ich die zu schätzen wusste und in meinem Alter schon schöne Anzüge trug, obwohl ich zuhause am Schreibtisch auch im Schlafanzug onanieren könnte. Er fragte mich nach Italien und ich erzählte ihm von Rom und er sagte, ich müsste da jetzt doch mal mit meiner Liebe hin. Der Herbst wäre eine sehr gute Zeit. Die besinnlichste, reicher und schöner noch als alle anderen, für jene, die mehr Bedeutung und reife Tiefe als Glanz und Jugend suchen. Die Touristen wären dann gar nicht so wie Leute sind, die immer neue Orte brauchen, die das Reisen für sie übernehmen. Der Herbst wäre wie geschaffen für Genießer der Melancholie, Liebende vor dem Aus, Banker am Rande des Ruins, Dichter, die zwischen den Zeilen nach richtigen Worten suchen, Liebe, die endet und für immer beginnt. Er sagte, er würde mir für meine Reise nach Rom einen Anzug machen, einen weißen, denn so eine Rückkehr nach Rom wäre eine emotionale Sache, weil alles in Rom noch so ist wie immer man immer ein anderer, der nun nicht mehr einsam und allein an all diesen Orte ist, an denen man so einsam und so allein gewesen ist. Ich willigte ein, fragte, was das kostet und ob ich den je tragen werde, weil zu einem weißen Anzug schon was dazugehört. Ein bestimmtes Gefühl, ein Bewusstsein, Eier, ein gewisser Moment. So verging die Zeit, es wurde November, der Sommer war nun ganz weg, die Zugvögel nahmen ihn mit nach Süden […]