RÜCKKEHR NACH ROM I
Letztes Jahr habe ich Schluss gemacht, Schluss mit einer Frau, Schluss mit meinem Verleger und Schluss mit diesem verdammten Agenten. Die Zeit danach verbrachte ich wie Goethe in Rom. Ich wollte wieder richtig Autor sein, einer, der einer werden will und überlegt sich von der Ponte Sisto zu stürzen. Ich wohnte oben im Hotel Hassler an der Spanischen Treppe, weil das noch ein richtiges Familienhotel ist, das Autoren aufnimmt, die welche werden wollen. Ich trieb mich in den Gassen Pontes rum, trank Café bei Farnese und Schaumwein, abends, im Buccone, einer hohen Enoteca, gleich beim Popolo und hoffte, dass das jemand mitbekommt. Mein bester Freund, ein Filmemacher aus München, war auch dabei, weil der auch Schluss gemacht hatte und immer noch keine Produktionsfirma hatte, mit der er Schluss machen konnte. Tagsüber versuchten wir zu arbeiten und nachts versuchten wir die Einsamkeit zu töten, aber man kann die Einsamkeit nicht töten und macht sie nur schlimmer bis man die Einsamkeit wieder zu schätzen weiß. Man hat schlechte Tage und noch schlimmere Nächte und an den schlechten gingen man ins Buccone und es war dann eigentlich egal, wie man sich fühlt, weil man am Anfang der Nacht nicht wusste, dass es immer noch schlimmer werden kann. Meistens gingen wir zusammen durch die Via dei Greci und die Via Canova vom Hassler dorthin, bis wir Akademie sehen konnten und dann rechts die Ripetta hoch mussten oder wir gingen durch den Park der Borghese und über die leer gewordene Viale Gabriele D’Annunzio. Manchmal gingen wir auch getrennt, je nachdem, wer’s länger versuchen wollte, aber immer gingen wir ins Buccone, vor allem um das Scheitern zu Feiern. Es war wunderbar, nach der Arbeit mit fliegendem Mantel die Spanischen Treppen runter zu stürzen, wenn man was geschrieben hatte und es nicht nur versuchte und auf Alltagswegen an all den Menschen vorbei kam und etwas Hoffnung hatte. Man hatte einen ganz normalen Tag seines Lebens in Rom verbracht und es versucht und in einer Stadt überlebt, anstatt sie nur zu besuchen. Seitdem lebe ich in einer sehr glücklichen Zeit, die eine Zeit auch eine gedankenlose gewesen ist. Alles Schlimme kommt vom Denken und die Zeit ist dann immer noch glücklich, aber eben nicht mehr gedankenlos und manchmal ist das Glück durch die Gedanken kaum sichtbar. Nachdem ich in Rom fertig war, ging ich aufs Land, nach Lissabon, traf ein Mädchen, zog mit ihr ans Meer und dann an ein anderes und schließlich nach Italien. Hier sind wir sehr glücklich und verliebt und arm, weil wir gerne gut essen und gerne viel trinken und ich versuche, wenig darüber nachzudenken. Wir leben nicht über unsere Maßstäbe, aber um ihnen gerecht zu werden. Den Winter verbrachten wir daher in Rapallo und fuhren einen gelben Maserati, der direkt vor unserem Haus parken konnte, weil die Leute im Winter netter sind und die Parkplätze freier. Früher kamen die Leute immer im Winter und die, die nicht im Winter kamen, fragten, warum wir nach Rapallo gingen im Winter und für wie lang. Ich konnte das nicht sagen. Zu sagen, dass es für immer wäre oder ein bisschen, ist beides falsch. Man konnte hier gut lieben und gut arbeiten, was das gleiche ist und darauf kommt es wohl an. Begrenzt wird das Glück also von Leuten und wir trafen kaum Leute in diesem Winter und die, die wir trafen, waren so gut wie die Wintertage selbst. Rapallo ist eine alte, italienische Stadt, mit kleinen Gassen und Geschäften und einer Promenade, auf der man gehen kann. Die Küstenstraße führt von Portofino nach Sestri Levante. An den sonnigen Wintertagen heizten wir die Kiste bis La Spezia, um in der Bucht der Poeten zu baden. Botticelli hat diese Gegend als Hintergrund seiner Venus gemalt. Die Venus selbst stammt aus Florenz, aber nur weil er noch keine Portugiesin hier aus dem Wasser kommen gesehen hat. Die Straßen führen hinter den Häusern am Meer lang und man kommt an all den Gärten und Villen und winterschlafenden Grand Hotels vorbei, die zeigen, dass die Zeit nicht nur gut war, sondern auch noch gut ist. In Rapallo gab es noch richtige Läden, mit richtigen Menschen, die andern Orts mit einer Tankstelle ersetzt werden. Es gab Läden, in denen man Pasta kaufen kann, Focaccia, Schinken, Kaffe und Käse, Wein, Schnürsenkel, Hüte, Kleiderbügel, Motorradsitze und Kerzen, es gab sogar noch einen Schneider, den ich manchmal nach der Arbeit besuchte. Er zeigte mir seine Stoffe und freute sich, dass ich die zu schätzen wusste und in meinem Alter schon schöne Anzüge trug, obwohl ich zuhause am Schreibtisch auch im Schlafanzug onanieren könnte. Er fragte mich nach Italien und ich erzählte ihm von Rom und er sagte, ich müsste da jetzt doch mal mit meiner Liebe hin. Der Herbst wäre eine sehr gute Zeit. Die besinnlichste, reicher und schöner noch als alle anderen, für jene, die mehr Bedeutung und reife Tiefe als Glanz und Jugend suchen. Die Touristen wären dann gar nicht so wie Leute sind, die immer neue Orte brauchen, die das Reisen für sie übernehmen. Der Herbst wäre wie geschaffen für Genießer der Melancholie, Liebende vor dem Aus, Banker am Rande des Ruins, Dichter, die zwischen den Zeilen nach richtigen Worten suchen, Liebe, die endet und für immer beginnt. Er sagte, er würde mir für meine Reise nach Rom einen Anzug machen, einen weißen, denn so eine Rückkehr nach Rom wäre eine emotionale Sache, weil alles in Rom noch so ist wie immer man immer ein anderer, der nun nicht mehr einsam und allein an all diesen Orte ist, an denen man so einsam und so allein gewesen ist. Ich willigte ein, fragte, was das kostet und ob ich den je tragen werde, weil zu einem weißen Anzug schon was dazugehört. Ein bestimmtes Gefühl, ein Bewusstsein, Eier, ein gewisser Moment. So verging die Zeit, es wurde November, der Sommer war nun ganz weg, die Zugvögel nahmen ihn mit nach Süden […]