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BYND

Konstantin Arnold

UNTERWEGS I

UNTERWEGS I

Acht Uhr morgens im Herbst. Wir befinden uns auf der Straße, die von Torri del Benaco um den nördlichen Largo di Garda rum führt. Ihr Kopf wippt dauernd ab, weswegen ich versuche, die Kurven gerader zu fahren. Bei den vielen Zebrastreifen, über die Massen ausgeschlafener Ostdeutscher gehen, kann ich nichts machen. Die Nacht war lang und ging bis jetzt. Wir sind beim Finale der Opern Saison in Verona gewesen und haben am Ufer des Sees geschlafen. Sie in einem schwarzen Kleid von Dolce Gabbana, ich in einem dunkelgrauen Anzug von Brioni mit Schattenstreifen. La Traviata geht sau lang, aber in den Pausen konnte man raus auf die Piazza in die Caffés und sich selber aufführen. Frauen stolzierten mit ihren Männern übers Trottoir, auf dem sich in solchen Schuhen, ohne Männer, nicht stolzieren lässt. Wir kamen spät in die Stadt und zogen uns noch am Cabrio um, sie malte sich die Lippen im Rückspiegel rot. Nach der Aufführung hatten wir mit den Sängern in einer Gasse gesessen, in der sie um die Zeit auch noch was zu Essen da hatten. Der Tenor war nett, aber seine Stimme schwach und richtig Trinken konnte der deswegen auch nichts. Er fragte, obs mir gefallen hätte und ich meinte, das Bühnenbild wäre schön, die Kostüme, vor allem die Frauen in Uniformen, die sich leicht mit nehmen ließen, diese ganze Welt aus Straßenlaternenlicht, Sex, Saufen und Schlägereien, bei denen keiner Zähne verliert oder sich etwas einfängt, so wie der Heine. Er sagte kniekehelentief, dass wir das hier leben, aber das dort erleben und ich wusste nicht, wovon er spricht, wollte aber nicht weiter fragen. Der dritte Akt war dann nur noch nervig, wenn Violetta singt, dass sie stirbt und ewig nicht stirbt, anstatt ihren letzten Worte mit Sterben die nötige Bedeutung zu verleihen. Das ganze Libretto ist Mist, italienischer Kitsch, ganz und gar nicht Puccini und schlimm für Dumas, der die Kameliendame schrieb, ein großes Buch. In Verona gabs dann nur Scheiß und der war teuer. Also hörten wir HipHop und fuhren zum See. Soweit so gut, wenn die Menschen nicht alles bebaut und abgesperrt hätten, was sie noch nicht bebauen konnten. Wir fanden ein Stück Steinstrand zwischen zwei Campingplätzen und legten uns auf ein großes Handtuch, dass wir in einem Hotel geklaut hatten. Bis der Wind im Morgengrauen von den Bergen kam, war das auch nicht unangenehm. Außerdem hatte ich genügend romantische Idole im Kopf, die das auch getan hätten, Eichendorfs Dichter und ihre Gesellen. Möwen schrien und irgendwann nahmen wir das persönlich, ein paar besoffene Holländer kamen glaube ich auch noch vorbei und als die ersten Ostdeutschen vom Camping kamen, um sieben Uhr morgens schwimmen zu gehen und das Urlaub zu nennen, tat ich kein Auge mehr zu und legte mein Jackett um sie, um zu frieren. Rauchen konnte ich um diese Zeit noch nicht, obwohl das sinnvoller daherkommt, als ein Mensch, der nur dasitzt und denkt. Nach einer Weile trug ich sie ins Auto und fuhr zum Hotel, dass wir uns auf der anderen Seite des Sees reserviert hatte. Ich glaube ich trank im Halbschlaf irgendwo Caffé und las Corriere della Garda. Es ging die ganze Zeit am See lang, aber den See sah man nicht. Man sah nur hässlich Häuser und Schilder mit Zimmer frei und wusste, wo der See ist. Da waren Reisebusse, Horden, keine Menschen, die reisen, sondern gereist werden müssen. Da waren Münchner, die vier Stunden fahren, um dann in zu engen Hosen vor einem Spritz von ihrer Südländlichkeit zu erzählen; Männer, die in Turnschuhen ihre Frauen anschreien, obwohl die den Rucksack tragen und die Schachteln f6, ich sah unglückliche Deutsche, die versuchten nicht deutsch und glücklich zu sein, was sie noch viel unglücklicher macht, das darf und kann nicht das Ziel sein; Menschen mit Kindern, die mit anderen Menschen mit Kindern hier Ferien machen und das Italien nennen. Dieser See war genauso, wie ich ihn mir durch die Erzählungen von Leuten vorgestellt habe, die bei runden Geburtstagen in kurzen Karohemden an der Raufasertapete lehnen und ein Glas warmen Sekt in der Hand halten und ihr Leben in Leben und Arbeiten unterteilen. Meine Psychologin sagt aber, dass all diese Menschen in mir wären. Die Idee dieser Reise war klar. Wir wollten ein paar Weingüter besuchen, an denen wir uns einen Sommer lang betrunken hatten und losfahren, wenn all anderen heimfahren, die dann nicht mehr Sommer haben. Dazu ein paar byzantinische Mosaike in Ravenna und Fresken in der Toskana, die man nicht als Ziel sehen kann, sondern als Möglichkeit für das, was auf dem Weg zu ihnen passiert. Ein paar Leute hatten uns auch eingeladen, die meine Sachen mochten und was ich über den Wein schrieb, nämlich nichts. Es war Erntezeit, was die schwierigste und aufregendste Zeit für die Winzer ist und daher die schlechteste für einen Besuch. Aber wenn man Winzer zur Erntezeit besucht, die schwitzen und stinken, weiß man besten wie ihr Wein schmeckt. Es ist die ehrlichste und wichtigste Zeit und wie die Keller der Winzer riechen, so schmecken die Weine dann auch. Daniele Piccinins Keller, zum Beispiel, ist sauberer als ein OP-Saal und so schmeckt sein Wein auch. Sauber, gerade, neurotisch, sehr gut mit Knochenmark. Dagegen riecht der von La Distesa unaufgeräumt und vergoren im Glas. Außerdem war der Winzer überhaupt nicht gastfreundlich, wie fast alle politisch korrekten, linken Leute, die mit ihren Palästinaflaggen im Blumenbeet, die Welt im Nahen Osten in Ordnung bringen wollen. Ich kann seine Weine seitdem nicht mehr trinken, obwohl ich die vorher wundervoll fand, mineralisch, einfach, nicht moralisch, genau wie ich die Bilder Picassos nicht mehr mag, seitdem ich weiß, was […]