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BYND

Konstantin Arnold

UNTERWEGS II

UNTERWEGS II

Es wurde ein sehr romantischer Roadtrip außerhalb der Zeit. Mindestens einer rauchte immer und nichts passierte unter 0,5 Promille. Bis zum Abend hatten wir keine eine Ahnung, wo wir blieben und vögelten nach langen Fahrten in billigen Hotels. Links standen Olivenhaine, rechts wuchs der Wein. Ich hatte die Schnauze voll von großen Dîners und Kellnern, die dauernd fragen, wie irgendetwas gewesen war. Wir fuhren von einer einfachen Mahlzeit zur Nächsten, durch viele kleine Dörfer, wo die Leute auf Plastikstühlen saßen, wie man sie aus dem Schrebergarten oder von der Klagemauer kennt. Wenn wir zu beschwipst waren, um weiterzufahren, kauften wir Pflaumen von denen oder fuhren trotzdem einfach weiter und verließen uns auf die schmalen Straßen einer noch nie gemalten Landschaft, von denen die alten Italiener vor den Bar Centrales sagten, sie würden die Schwächen der Männer wegwaschen und die Traurigkeit der Dinge, und bis in die Wirklichkeit unserer Träume führen. Solche Geschichten ließen sich natürlich schöner schreiben, als die, die nicht so sind und nur so geschrieben werden. Es war eine Mischung aus Grand Tour und Bildungsreise, die vor allem dazu diente, Erfahrungen in erotischen Dingen zu sammeln, Provinzialität abzuschütteln, Nationalstolz, und die Anmaßung zu glauben, die Erde gehöre uns, wenn wir nur lange genug auf ihr stehen. Erst wenn das, was man tut, hört, fühlt und sieht, eins wird, weil man sich beim Fahren die Gedanken wegblasen lässt und das im Rückspiegel sieht, während Puccini läuft (nessun dorma) und das Meer vorbeizieht oder die Berge, die Welt Gottes, ist das ein sehr lebenswerter Moment. Wir hatten viele davon. In einer Haltebucht der Poebene und auf dem Parkplatz vor Florenz, wo sie Burger aus Chianina-Rindern machen, der größten und schwersten Rinderrasse der Welt. Und wie wir erst sehr spät nachts in Ferrara ankamen und kein Hotel fanden und kein Caffé, vor dem man halten konnte, um nach einem zu fragen. Daniele hatte uns ein Lokal empfohlen, das lange zu war und auch kein Grund. Zum Mittag hatten wir mit dem Schweinerücken vom Grill gegessen und Schaumwein getrunken und sahen von seinem Haus über das Land. Er hatte uns all die Täler gezeigt und meinte, die wären arm dran. Er sagte, es wäre ein schlechtes Jahr für den Wein gewesen, und auch für die Trüffel, nicht so sehr für ihn, aber für die da unten, vom Piemont bis in die Hölle der Toskana. Wir tranken danach noch einen Etna Bianco, weil Daniele nicht nur seinen Wein wollte, was ich sympathisch fand. Erst am frühen Abend kamen wir dort los. Wir fuhren durch die Poebene. Die Sonne ging gerade über den endlosen Feldern unter, als wären die das Meer. Hinter uns wurden die Berge immer blasser, wie lila Pinselstriche, denen langsam die Farbe ausging. Da waren Fischer mit Fangnetzen und Nebel, der alles verhüllt und für Vorstellungen sorgt, die Antonioni mit seinen Filmen geschaffen hatten. Wir fuhren an scheuen Birken vorbei, kleinen Caffés, in denen die Leute nett waren, aber den Menschen dort blieb nichts anderes übrig, als sehr nett zu sein. Ich hatte ihr im Frühling ein Buch geschenkt, dass ich in Palermo geklaut hatte und in Ferrara spielt und sie erzählte mir davon und den Gärten der Finzi-Contini. Als wir nach Ferrara reinfuhren, sagte sie, die Stadt wäre genau wie das Buch, langweilig, ein bisschen wahllos und schön, aber eben auch nicht mehr. Wir tranken ein Bier und aßen irgendwas Typisches auf den glatten Marmortreppen irgendeines Palastes und ich sagte zu ihr, dass aus solchen Momenten meist schöne Erinnerungen entstehen und man eines Tages mit Freude dran denkt, wie wir in Ferrara Bier tranken und was typisches aßen und sonst nichts. Ein paar Studenten, die ein paar Stufen weiter unten saßen empfahlen uns ein Hostel und meinten das wegen einer Messe für Umweltsanierung und Kreislaufwirtschaft hier sonst alles belegt wäre. Der Rezeptionist war ein kleiner Mann, der meinte, er hätte schon noch was frei. Ich fragte, was schon noch was bedeutet und wovon das abhängig wäre. Er sagte, das wüsste er auch nicht und erklärte, was er auch nicht wüsste und eh schon tat und er erklärte so viel, dass man ihm nicht weiter zuhören konnte. Wenn man ihn fragte, wo man denn das Cabrio hinstellen könnte, kam er einem mit dem Sanierungsplan der Stadt, dem Parkplatzproblemen seiner Mutter und dem Netz aus Einbahnstraßen. Er hätten deswegen auch Diabetes gehabt, von einem Bruder, väterlicherseits, der einen Citroen Picasso hatte, ein großes Auto, das er nicht einparken konnte. Es war bald drei Uhr, zum Heulen. Dafür frühstückten wir am nächsten Morgen schön im Innenhof unter Bäumen. Sie sagte, ihren wären die vom Klo auch schon aufgefallen, weil die Äste fast bis ans Fenster gehen. Melancholien, wie sie sonst nur die Tuilerien im Herbst in einem erzeugen können. Danach besuchten wir Antonionis Grab, das auf einem schönen, grünen Friedhof in der Sonne lag. Der Backstein grenzte sich klar vom blauen Himmel ab, dazu der Geruch von Linden, die langsam wärmer wurden. Es gab auch eine Burg, die ich aber nicht für voll nahm, bis mir später jemand erzählte, dass die zu den besten Italiens zählt und zur selben Familie, wie die Villa d’Este. Das hatte immer irgendwas mit Minderwertigkeitskomplexen zu tun, den Antonioni in Avventura schön beschreibt. Seine Filme konnte ich trotzdem nicht ausstehen, sie waren früher mal modern, was sie heute natürlich alt macht. Sie waren aktuell und dadurch nicht ewig. Das unterscheidet ihn von Fellini, Visconti, Pausolini und vielleicht auch Sorrentino, aber das werden wir erst sehen, wenn […]

UNTERWEGS I

UNTERWEGS I

Acht Uhr morgens im Herbst. Wir befinden uns auf der Straße, die von Torri del Benaco um den nördlichen Largo di Garda rum führt. Ihr Kopf wippt dauernd ab, weswegen ich versuche, die Kurven gerader zu fahren. Bei den vielen Zebrastreifen, über die Massen ausgeschlafener Ostdeutscher gehen, kann ich nichts machen. Die Nacht war lang und ging bis jetzt. Wir sind beim Finale der Opern Saison in Verona gewesen und haben am Ufer des Sees geschlafen. Sie in einem schwarzen Kleid von Dolce Gabbana, ich in einem dunkelgrauen Anzug von Brioni mit Schattenstreifen. La Traviata geht sau lang, aber in den Pausen konnte man raus auf die Piazza in die Caffés und sich selber aufführen. Frauen stolzierten mit ihren Männern übers Trottoir, auf dem sich in solchen Schuhen, ohne Männer, nicht stolzieren lässt. Wir kamen spät in die Stadt und zogen uns noch am Cabrio um, sie malte sich die Lippen im Rückspiegel rot. Nach der Aufführung hatten wir mit den Sängern in einer Gasse gesessen, in der sie um die Zeit auch noch was zu Essen da hatten. Der Tenor war nett, aber seine Stimme schwach und richtig Trinken konnte der deswegen auch nichts. Er fragte, obs mir gefallen hätte und ich meinte, das Bühnenbild wäre schön, die Kostüme, vor allem die Frauen in Uniformen, die sich leicht mit nehmen ließen, diese ganze Welt aus Straßenlaternenlicht, Sex, Saufen und Schlägereien, bei denen keiner Zähne verliert oder sich etwas einfängt, so wie der Heine. Er sagte kniekehelentief, dass wir das hier leben, aber das dort erleben und ich wusste nicht, wovon er spricht, wollte aber nicht weiter fragen. Der dritte Akt war dann nur noch nervig, wenn Violetta singt, dass sie stirbt und ewig nicht stirbt, anstatt ihren letzten Worte mit Sterben die nötige Bedeutung zu verleihen. Das ganze Libretto ist Mist, italienischer Kitsch, ganz und gar nicht Puccini und schlimm für Dumas, der die Kameliendame schrieb, ein großes Buch. In Verona gabs dann nur Scheiß und der war teuer. Also hörten wir HipHop und fuhren zum See. Soweit so gut, wenn die Menschen nicht alles bebaut und abgesperrt hätten, was sie noch nicht bebauen konnten. Wir fanden ein Stück Steinstrand zwischen zwei Campingplätzen und legten uns auf ein großes Handtuch, dass wir in einem Hotel geklaut hatten. Bis der Wind im Morgengrauen von den Bergen kam, war das auch nicht unangenehm. Außerdem hatte ich genügend romantische Idole im Kopf, die das auch getan hätten, Eichendorfs Dichter und ihre Gesellen. Möwen schrien und irgendwann nahmen wir das persönlich, ein paar besoffene Holländer kamen glaube ich auch noch vorbei und als die ersten Ostdeutschen vom Camping kamen, um sieben Uhr morgens schwimmen zu gehen und das Urlaub zu nennen, tat ich kein Auge mehr zu und legte mein Jackett um sie, um zu frieren. Rauchen konnte ich um diese Zeit noch nicht, obwohl das sinnvoller daherkommt, als ein Mensch, der nur dasitzt und denkt. Nach einer Weile trug ich sie ins Auto und fuhr zum Hotel, dass wir uns auf der anderen Seite des Sees reserviert hatte. Ich glaube ich trank im Halbschlaf irgendwo Caffé und las Corriere della Garda. Es ging die ganze Zeit am See lang, aber den See sah man nicht. Man sah nur hässlich Häuser und Schilder mit Zimmer frei und wusste, wo der See ist. Da waren Reisebusse, Horden, keine Menschen, die reisen, sondern gereist werden müssen. Da waren Münchner, die vier Stunden fahren, um dann in zu engen Hosen vor einem Spritz von ihrer Südländlichkeit zu erzählen; Männer, die in Turnschuhen ihre Frauen anschreien, obwohl die den Rucksack tragen und die Schachteln f6, ich sah unglückliche Deutsche, die versuchten nicht deutsch und glücklich zu sein, was sie noch viel unglücklicher macht, das darf und kann nicht das Ziel sein; Menschen mit Kindern, die mit anderen Menschen mit Kindern hier Ferien machen und das Italien nennen. Dieser See war genauso, wie ich ihn mir durch die Erzählungen von Leuten vorgestellt habe, die bei runden Geburtstagen in kurzen Karohemden an der Raufasertapete lehnen und ein Glas warmen Sekt in der Hand halten und ihr Leben in Leben und Arbeiten unterteilen. Meine Psychologin sagt aber, dass all diese Menschen in mir wären. Die Idee dieser Reise war klar. Wir wollten ein paar Weingüter besuchen, an denen wir uns einen Sommer lang betrunken hatten und losfahren, wenn all anderen heimfahren, die dann nicht mehr Sommer haben. Dazu ein paar byzantinische Mosaike in Ravenna und Fresken in der Toskana, die man nicht als Ziel sehen kann, sondern als Möglichkeit für das, was auf dem Weg zu ihnen passiert. Ein paar Leute hatten uns auch eingeladen, die meine Sachen mochten und was ich über den Wein schrieb, nämlich nichts. Es war Erntezeit, was die schwierigste und aufregendste Zeit für die Winzer ist und daher die schlechteste für einen Besuch. Aber wenn man Winzer zur Erntezeit besucht, die schwitzen und stinken, weiß man besten wie ihr Wein schmeckt. Es ist die ehrlichste und wichtigste Zeit und wie die Keller der Winzer riechen, so schmecken die Weine dann auch. Daniele Piccinins Keller, zum Beispiel, ist sauberer als ein OP-Saal und so schmeckt sein Wein auch. Sauber, gerade, neurotisch, sehr gut mit Knochenmark. Dagegen riecht der von La Distesa unaufgeräumt und vergoren im Glas. Außerdem war der Winzer überhaupt nicht gastfreundlich, wie fast alle politisch korrekten, linken Leute, die mit ihren Palästinaflaggen im Blumenbeet, die Welt im Nahen Osten in Ordnung bringen wollen. Ich kann seine Weine seitdem nicht mehr trinken, obwohl ich die vorher wundervoll fand, mineralisch, einfach, nicht moralisch, genau wie ich die Bilder Picassos nicht mehr mag, seitdem ich weiß, was […]