WANDERJAHRE
Wenn ich ehrlich bin, wollte ich nicht, dass es so weit kommt. Ich hatte es lange herausgeschoben, immer einen Grund gefunden es nicht zu tun, bin für andere Geschichten nach Istanbul oder Prag oder Mailand geflogen, nur um es nicht zu tun und an den Abenden in Lissabon lieber noch einen trinken gegangen, um es am nächsten Morgen nicht tun zu müssen. Sogar die Steuererklärung kam mir ganz recht. Trotzdem wusste ich, dass ich es tun würde und ich wollte es ja auch tun, früher oder später, aber lieber später, wenn man seine Heimat durch die Augen einer Frau sehen kann und weiß, dass man es jetzt tun muss und darüber schreibt, so wie man über Lissabon, Rom, Wien, Madrid, Paris und Zürich geschrieben hat. Und die Emilia Romagna, die sogar die gleichen Landschaften hat, nur fröhlichere Trattorien, in denen man seine Seele am Wein wärmen kann und beim Schreiben nicht friert, wie auf den vielen Wege einer Heimat, die man vor lauter Erinnerungen kaum gehen kann. Darüber habe ich nie geschrieben und über die Nachmittag im Buchladen, in dem wir immer nur redeten und tranken und nie was lasen und auch nicht übers lesen redeten, sondern Sport machten, um noch mehr trinken zu können. Darüber habe ich nie geschrieben, genau wie über das Gewissen meiner Oma, die kaum was genießen kann, weil man nach so viel Krieg das Müssen nicht wollen darf. Anfangs weil man niemandem wehtun will und nicht genug darüber weiß, und dann scheint es genug anderes zu geben über das man schreiben kann, über die man noch weniger weiß. Frauen bringen einen so weit, die besten sogar noch weiter und nur eine einzige vermag einen rastlosen Mann hinter die Mauern seiner selbst zu führen, hinter denen ein kleiner Junge immer noch auf das Lob seines Vaters wartet. Es geht mir nicht ums Reisen. Das kann ich zuhause, wenn ich in Lissabon bin. Nur einer der Hintergründe vor dem wir uns abspiele, die Handlung ist die gleiche, die Welt ein Zuhause, tief in mir drin. Reisen ist ja nicht nur hier und da nicht. Menschen und Orte sind überall und führen sich an ihnen auf. In Lissabon stehen die Leute mittlerweile in weißen Turnschuhen vor Tausend Jahre alten Gebäuden und lassen sich von anderen Leuten in weißen Turnschuhen fotografieren. In der Elektrischen ist kaum noch Platz, die Stadt platzt vor Typen aus New York, die ihre Meinungen mit in Weinbars nehmen, aber Lissabon ist keine amerikanische Stadt, so wie London, gemessen am Geld, das Leute für Therapeuten ausgeben. Niemand hält hier Ordnung der Ordnung wegen. Keiner verzichtet auf ein Glas, nur damit der Tag in den Plan passt und von den Menschen, die immer neue Länder brauchen, weil sie hoffen, dass die Länder, das Reisen für sie übernehmen, gibt es mittlerweile viel zu viele. Ich behaupte nicht, die Stadt sei damals besser gewesen, vielleicht weniger befahren, nicht so vorhersehbar und fotografiert, etwas poetischer und gefährlicher vielleicht, wohl aber älter und nicht so verglichen mit anderen Städten, wie San Francisco oder Marseille. Man war hier fern von den eigenen Banalitäten, um näher an denen der anderen zu sein. Den Daheims einer Fremde, die für die Leute da, die Welt und für uns immer nur ein Stück Welt zum Hinfahren gewesen ist. Noch gibt es einige von ihnen, mancherorts. Man kennt sie. Ist bestimmt mal an ihnen vorbeigegangen. Hat sie irgendwo trinken gesehen. Einwohner, alte Männer, halb Bauer, halb Prophet, die braungebrannt an den Straßen stehen und ihr Pferd vor einer Kneipe geparkt haben. Sie sitzen draußen auf Plastikstühlen, wie man sie aus dem Schrebergärten oder von der Klagemauer kennt und sehen den Autos nach, so wie sie ihnen schon immer nachgesehen haben, sehen irgendetwas, Hauptsache, dass es sich bewegt. Sie halten es aus und reden nicht schlecht über einander und wenn einer was Schlechtes sagt, dann zucken sie mit den Schultern, schenken sich neun Wein ein, bis eine ganz bestimmte Stille eintritt. Das Deutsche und das Südländische unterscheidet sich nicht nur in seinen Klischees, sondern vor allem im Alltag, und das Geheimnis liegt in den Tagen verborgen, die sind, wie alle anderen Tage. Die Deutschen sind gut an der Arbeit, die Südländer besser danach. Und umgedreht. In Südeuropa arbeitet man im Blaumann, schraubt oder steht in Scheiße und setzt sich nach Feierabend, im Anzug auf einen schönen Platz, ist ganz da, setzt sich, wenn’s sein muss, im Schatten einmal um den Platz herum. Trinkt eine Flasche. Wartet auf jemanden, mit dem man die teilen kann. Ende der Aktion. Falls keine Tageszeitung mehr über den Platz weht, die man lesen könnte. Solche Orte sind die Dörfer der Stadt. In Deutschland fährt man im Anzug zur Arbeit, Tür auf, Treppe runter, ganz früh und ganz aufgeregt, ohne zu Scheißen, auf dem Fahrrad, mit Leuchtkleidung an, klingelt wie man mit einem Maschinengewehr auf Frauen und Kinder schießen würde und isst sein gesundes Mittagessen aus einem Plastikcontainer, um es gegessen zu haben. Raucht nicht, trinkt nicht, sitzt nicht blöd in der Gegend rum. Nimmt sich nie Zeit, vergeudete sie nicht, bis man in den Ferien ist und von der Zeit ums Leben gebracht wird und diesen grauenvollen, durchgebuchten, touristischen Tod Urlaub nennt […]









