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BYND

Konstantin Arnold

MALENA

Schon von weitem gesehen. Mich einmal kurz umgedreht und meinen Schritt unmerklich verlangsamt, damit wir uns für einige Meter den glatt polierten Bürgersteig teilen müssen. Ohne zu schauen, habe ich zu reden begonnen. Direkt ins Thema. Ich weiß, dass sie eine russische Uschanka trägt, obwohl der portugiesische Winter auch ohne Mütze erträglich ist. Ich weiß, dass der Kellner sie eigentlich in eine andere Richtung schicken wollte und Sie weiß, dass Masche schnell zur Moral wird. Schönheit ist spürbar. Vor allem die einer portugiesischen Brasilianerin. Volle Lippen, braune Haut und trügerisch naive Augen, die dir mit ihrer erfahrenen Zügellosigkeit bis in die Eier blicken. Bis hier her hat die Zukunft der Gegenwart oft ihren Wert gegeben. Ich habe Zeit damit verbracht darauf zu warten, dass die Zeit vergeht. Jetzt will ich verweilen. In diesem heiße-Schokolade-langen Intermezzo in einem Café nach Mitternacht. Wir unterhalten uns kaum, weil uns dazu die Vokabeln fehlen. Ich kein Portugiesisch. Sie kein Englisch. Sie morgen Paris. Ich nach Mailand. Sie einen streng katholischen Vater, für den sie eigentlich nur schnell in eine Apotheke sollte. Um diese Zeit? Vater? Und wieso Apotheke? Wenigstens sind unsere Blicke unmissverständlich. Frivol und genervt vom gestischen Erklären. Denn wenn einem die Worte fehlen […]

 

LAKAI

Endlich einen Flug verpasst. Endlich meinen Mietwagen zu spät abgegeben und endlich mal einen Gegenstand von persönlichem Wert ohne jegliche Spur verloren. Ich weiß, dass mein Seniorentelefon mit Sicherheit zwischen den Felsen vor Nazaré liegt und sich portugiesische Pornodarstellerinnen den Hintereingang für eine erfolgreiche Karriere bleichen lassen. Ich weiß, dass ich eigentlich für Felipe Toledo gekommen bin und seit der Geburt seines Sohnes bezahlten Urlaub und sonnige 28 Grad auf der Dachterrasse eines überteuerten Hotels genießen muss. Ohne zu wissen, wo wir anfangen sollen, kann ich mit Sicherheit sagen, wo es aufgehört hat. Irgendwann kurz nach Mitternacht auf der Aftershowparty anlässlich eines verfrühten Weltmeistertitels ohne den Weltmeister. Dafür mit einem schlafenden Conner Coffin und dem aus allen Ecken des Landes importierten Maximum weiblicher Promotion-Führsorge. Natürlich bin ich auf das Zwinkern einer dunkelblonden Promoterin a. D. hineingefallen und musste im Nachhinein beobachten, wie sie mit jemand anderem genau den Gin Tonic trinkt, den ich Gott sei Dank nicht selbst bezahlen musste. Die Macht der Armbändchen ist ungebrochen. Sie entscheidet auf solchen Veranstaltungen über Oberflächlichkeit und Inhalt. Ehrfurcht und Missachtung. Belegte Brötchen oder portugiesische Rinderroulade in Rotweinsoße. Sie unterteilt Menschen in Klassen und gibt Leuten mit kleinen Pimmeln die Möglichkeit vom Balkon des VIP Zeltes auf die normalen Strandbesucher zu aschen. Ein Surfcontest wie jeder andere. Außer, dass Kelly Slater Bart trägt und es sich für John Florence endlich ausgezahlt hat, jeden Abend 19.45 Uhr im Bett zu liegen. Die brasilianische Surfers Producerin, mit der wir uns in Jeffreys Bay durch die leer stehenden Strandhäuser des frühen Ausscheidens gefeiert haben, ist auch wieder da. Deswegen sitze ich gerade mit der WSL Chefetage in einem Shuttle Bus zu einer Filmpremiere, nach der es angeblich auch Abendbrot geben soll. Deswegen führe ich kurz vor dem Viertelfinale temperamentvolle Streitgespräche im diskreten Dunstkreis des kompletten Jeep Leader Boards. Ohne brasilianische Beziehungsprobleme ist es schon schwer genug im Athletenbereich so zu tun, als würde man abgekühlt und gelassen genau hier hin gehören. Jetzt bloß nicht auffallen. Mit Diktiergerät, Notizbuch und einem silbernen Koffer voller Kameras aus den 80’ern überhaupt kein Problem. Genauso wenig wie auf einer Mercedes Benz Media Party ein funktionierendes Feuerzeug zu finden. Jedenfalls, wenn es um die Vorstellung eines neuen Big Wave Films geht und die meisten Anwesenden in der Lage sind, für eine ganze Zigarettenlänge die Luft anzuhalten. Oder für  […]

 

MILITANT

Wir googlen nach diesen Inseln vor Faro, weil sie auf Bildern aussehen wie die europäische Karibik. Wir haben gehört, dass es dort keine Hotels gibt und man mit portugiesischen Fischern im Rentenalter flirten muss, um nicht im jede Nacht im Zelt zu schlafen. Bitte nicht im Frühjahr. Auch nicht in Südeuropa. Wie man auf diese Inseln kommt, haben wir noch nicht gehört. Vielleicht müssen wir das Auto zum Ausrauben für einige Tage auf dem Continente Parkplatz stehen lassen. Vielleicht gibt es eine Autofähre und zivilisierten Zugang zur Exotik dieses Archipels. Vielleicht bilden wir uns auch einfach zu viel ein und wissen, ohne Skandinavierinnen im Urlaubsmodus nach Sonnenuntergang, rein Garnichts mit uns anzufangen. Gestern haben wir Liebesfilme im Internet geschaut und auf unser Abendbrot geweint. Nicht, dass einer von uns dafür in den Süden Portugals möchte, aber ganz entsagen, will sich doch eigentlich keiner. Ich rede hier zumindest von Perspektive. Schöne Frauen gehören einfach in eine Bar am Strand, wie gedimmtes Licht und Songs von Rod Stewart. Denn Inneneinrichtung und Ambiente bestimmen den Wohlfühlfaktor. Frauen, die sich im fünften Monat in Reizwäsche portraitieren lassen, um ihren Liebsten damit eine illusionierte Freude zu bereiten, auch. Das wird zumindest deutlich, wenn man sich in einer Boutique für Fotografie eine ganze Viertelstunde beschäftigen muss, um auf die bestellten Farbfilme zu warten. Dafür gibt es hier Postkarten. Von Sonnenuntergängen rund um die Halbinsel. Von festangestellten Fischern mit regelmäßigem Einkommen und vom Karneval. Natürlich gibt es keine Ansichtskarten von Blechhütten und Armutsvierteln, die Peniche‘s Innenstadt eine ganz eigene Note verleihen. Oder von arbeitssuchenden Fußballfans, die ihre Nachmittage an strandnahen Danonetischen in der Danaubar verbringen. In 90 Minuten könnte man verkatert mit Garrett McNamara in einem traditionellen Fischrestaurant über große Wellen sprechen oder alternativ dazu lernen, endlich ohne Finger zu pfeifen. Man könnte Tiago`s Geburtstag in Ericeira feiern, obwohl das den zeitlichen Rahmen sprengt und keiner von uns dort wirklich hingehört. Sicherlich könnte man bei Regen einfach den Backofen anheizen, um gut gewärmt etwas mehr an Wachs Vier zu arbeiten. Wir entscheiden uns nach dem Fisch, den letzten Bus nach Lissabon zu nehmen, um unsere Farbfilme im portugiesischen Nachtleben zu belichten. Mit leichtem Sonnenbrand und der ganzen Welt in unseren Adern sitzen wir in der letzten Reihe des Linienbusses und müssen pinkeln. Rote Marlboros, begrenztes Budget und haltlose Erwartungen an einen Freitagabend. Lissabon ist ein Spielplatz ohne Zäune. Die lebendige Definition des Eldorados. Glatte Pflastersteine und Kokaindealer inmitten historisch verwinkelter Gassen. Gelbes Laternenlicht und Bars voller Austauschstudenten mit betrunkenem Akzent. Mehr davon, aber bitte ohne Gigi D’Agostino. Ohne eigenes Feuerzeug hat man genügend Zündstoff für Abendessen mit fremden Franzosen oder kostenlose Taxifahrten in Begleitung […]

 

SABBAT

Eigentlich wollte ich mir vor dem Abflug noch das Bier aus meiner Jeans waschen, obwohl ich für Kurzstreckenflüge nach Lissabon mittlerweile keine frischen Unterhosen mehr trage. Auch nicht, wenn mich die Frau am Check In darauf hinweist, dass ich mein Gepäck gerade zusammen mit dem Rammstein Sänger aufgeben durfte. Ich habe eben nur eine schwarze Jeans. Trotzdem fehlt mir die Zeit meinen Koffer mit frisch Gewaschenem auszustatten, weil ich ihn vor einer guten Stunde erst auspacken konnte. Auf dem Teppich meines 16 quadratmetergroßen Wohnvergnügens liegen eine ganze Menge Dinge. Adventura und einige Vice Magazine aus Berlin. Ein Knackwurstpaket aus Thüringen und ein paar zerknüllte Visitenkarten. Ich überlege ein schön aufgereihtes Foto zu schießen, um meine Freunde daran teilhaben zu lassen, dass ich kurz vor Mitternacht mein Boardbag packe. Selbstverständlich lasse ich diese Gelegenheit aus. Weil mir die Zeit fehlt und ich mir beim Vorstellen dieses Szenarios schon blöd vorkomme. Deswegen höre ich jetzt weiter Anastacia und konzentriere mich darauf, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Auf meine Sitzplatzierung, die mich in zehntausend Meter Höhe mit einer Portugiesin bekannt macht, die nach Deutschland geflogen ist, um sich die Nase richten zu lassen. Ich erkläre ihr, dass ich für einige Wochen in Peniche leben will, um heruntergefahrene Rollläden und Nebensaison zu genießen. Weniger zu arbeiten und viel Zeit im Wasser zu verbringen ohne mich dabei in einem zu überschaubaren Tinder-Umkreis zu verlieren. Zumindest bis Portugals surfende Entourage wieder im Lande ist. Deswegen hat Nic mir ein paar brünette Kontakte aus Lissabon geschickt, mit denen sich der Milchkaffee besser trinkt, wenn Sam und Lennart an ihren eigenen Projekten arbeiten müssen. Abends trinken wir dann Super Bock, weil uns das Sagres ausgegangen ist und lachen darüber, dass sich nicht einmal die blonden Kontakte zu Wort gemeldet haben. Dafür gibt es hier eine ganze Menge Aussichtspunkte, von denen Erasmusstudenten vor der Absperrung in den Sonnenuntergang trinken. Ich sitze hier auf einer Bank hinter der Absperrung, versuche mir ein paar Highlights aus dem Kugelschreiber zu zaubern und mache aus Höflichkeit hin und wieder Fotos für Touristengruppen ohne Selfiestick. Bis mir der Weg zum Strand zu weit ist. Deswegen fahre ich einige Tage früher nach Norden. Carlos Motel ist schön und bescheiden. Ich bekomme die Honeymoon Suite, träume von meinem Zahnarzt und mache es mir häuslich. Wir haben einen kleinen Skatepool und einen 34 –jährigen Hausmeister, der früher einmal Punker war. Es gibt einen Garten mit wildem Physalis, aber noch kein Wlan. Dafür aber einen Rhythmus. Nach einer frühen Surfsession trinkt man hier Kaffee vorm Supermarkt an der Hauptstraße und hofft darauf mit Leuten bekannt gemacht zu werden, die einsame Küstenorte schöner machen. Mein Portugiesisch ist schlecht. Obwohl ich mir, nach der Surfeinheit am Nachmittag, alleine scharfe Chorizo ins Brötchen bestellen kann. Natürlich esse ich gerne zusammen mit Freunden, aber meistens kann ich mich erst nach der dritten Extraportion wirklich […]

 

SABBAT II

Alles in allem ist es genau das, was ich wollte. Eine Übung in Geduld und Zeit für Dinge, die inmitten ambitionierter Umtriebigkeit auch eine Daseinsberechtigung haben sollten. Hauptsache Salzwasser! Dann kann man den Geburtstag einer schönen Portugiesin für zehn Euro auch ungeduscht mitfeiern ohne sich dabei unwohl zu fühlen. Mit einem zurückhaltenden Engländer, der eigentlich offiziell seit sechs Monaten als vermisst gilt und unrasiert reisenden Surferinnen ohne Facebook Account. Befremdlich, dass man mit Menschen, mit denen man scheinbar die meisten Interessen teilt, letzten Endes die wenigste Zeit verbringen möchte. Trotzdem zeigt sich der Wert eines Jungen im Umgang mit Frauen, von denen er eigentlich nichts zu erwarten hat. Zitat Mama. Irgendwo in meiner Komfortzone, in der ich trotzdem feste Schuhe und ausgewaschene Jeans tragen möchte. Denn alles hat seine Zeit! Genauso wie portugiesische Karnevalskultur und industrieller Fischgeruch. Wie leere Bars vor Mitternacht in denen man mit portugiesischem Bäckereivokabular nicht wirklich provozieren kann. Zumindest, bis […]

 

ALTER EGO

„12 Uhr im Celeste!“ Ohne Smiley oder höfliche E-Mailverzierung. Ohne Erwartungen und wirkliche Bestätigung stehen wir eine Viertelstunde zu früh unter dem Vordach eines traditionellen Fischrestaurants und warten auf den Mann, der hier das Sagen hat. Den sie hier wie einen portugiesischen Volkshelden verehren, weil er Nazare zurück auf die Landkarte der Reiseempfehlung geschrieben hat. Weil er Tourismus und Arbeit in ein tausend Jahre altes Fischerdorf […]

 

UMTRIEBIG

Es ist Freitagabend in Lissabon. Wir stehen vor einem haushohen Banner, das direkt über die Fassade des São Jorge Kinos gespannt wurde und warten auf den Einlass. Im Foyer stehen eine ganze Menge wichtige Leute. Profisurfer und die, die es werden wollen. Manager, Marketing-Direktoren aus der Surfindustrie und viele Karohemden. Es gibt eine leichtbekleidete Portugiesin, die dafür verantwortlich ist, Limetten in die freien Coronas zu stecken und eine ganze Menge Andrang. Viele haben braune Haare, die durch Sonne und Salzwasser fast blond sind. Viele stehen mit uns auf dem Balkon vor dem Poster und rauchen rote […]

 

MMXV

Ich habe viel zu kurz in Tahiti geschwitzt und Jordan in San Juan einfach weiterschlafen lassen. Ich habe kurz hinter Queenstown mein Geld ausgegeben und in Dunedin an der Karibik gezweifelt. In Basel habe ich mir Pizza aus Deutschland bestellt und in Lissabon mit ungeputzten Zähnen auf meinen Anschlussflug gewartet. Ich bin in Hamilton fast von der Universität geflogen und habe in Düsseldorf von Adventura erfahren. Morgens in Malibu habe ich Rührei gegessen und im ICE nach München die richtigen Worte gefunden. Ich habe in Köln E-Mails geschrieben und in Hossegor auf eine Antwort von Chloè gewartet. In Hamburg habe ich meinen Koffer bei Fremden gelassen und in Eisenach bis mittags einen weißen Bademantel getragen. In Raglan war ich einer von Vielen und auf dem Weg zur Toilette meistens betrunken. Ich war zu Besuch im Norden von Brisbane und habe in San Josè mit jemandem in Managua telefoniert. In Panama City habe ich einen Brief nach Los Angeles geschrieben und irgendwo zwischen zwei Grenzübergängen den Glauben an die Weiterfahrt verloren. Kurz vor der dänischen Grenze habe ich aufgehört an andere Städte zu denken auch wenn sich Kaikoura ziemlich eingebrannt hat. Auf einem Woolworth Parkplatz in New South Wales habe ich nach einem Schlafplatz gesucht und im panamerikanischen Dschungel ein Mädchen aus Tennessee kennengelernt. Ich habe nirgendwo das Vertrauen in mich selbst verloren und in Cromwell in einem Kebabladen geweint. Um die Mittagszeit habe ich Bier zum Döner bestellt und im Flugzeug nach Frankfurt über dieses Szenario gelacht. In Dominical saß ich halbnackt im Wachssalon und im Bus immer am Fenster. In Leipzig habe ich zum Sonntag eine zahnärztliche Füllung bekommen, um sie bei herzhaftem Picanha in Peniche wieder zu verlieren. Essensgeschichten sind verbraucht, aber wichtig, weil sich Tiefe nur mit Humor transportieren lässt, ohne lächerlich zu klingen. In Zürich war ich leider länger als in Innsbruck und im Internet eigentlich nur, weil ich dort kein […]

 

HANDWERK

Dort, wo Kartenzahlung aufhört anzufangen und Telefonbücher wieder ihre ausgedruckte Wirkung ausspielen, kannst du entscheiden wem du wie die Hände schütteln möchtest. Damit Türglocken endlich wieder dazu dienen, namentlich begrüßt zu werden und ein Schritt zurück den Erwartungen gerecht wird, die schlaue Sprüche von ihm verlangen […]

Portugiesischer Expressionismus