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BYND

Konstantin Arnold

SAUDADE

SAUDADE

Gleich laufe ich wieder durch diese Straßen. Gleich atme ich wieder warme Luft, die riecht, wie frisch gewaschen, aber kurz vor dem Trocknen schon zusammengelegt wurde. Gleich fahre ich wieder ein Auto ohne Hupe durch das Herz einer südeuropäischen Hauptstadt. Wie ein Ritter ohne Rüstung. Gleich stehe ich wieder auf meinem Balkon und bekomme ein schlechtes Gewissen nur wegen des Ausblicks. Gleich will ich mich von hier in irgendeinen Freitagabend dieser Stadt stürzen. In eine leicht verregnete Aussicht, die fast vibriert und doch so greifbar ist, wie Wolken. Natürlich gar nicht so leicht in dieser Geschichte die Sonne scheinen zu lassen, wenn die Menschen draußen Handschuhe tragen und man nicht vom Ausdenken lebt, sondern alles aus Realität gewinnt. Sie presst wie eine junge Nektarine. So aufregend, so unreif und so vergänglich. Gleich, aber nur wenn der Abend nicht allzu lang war, schreibe ich, bis das Wetter besser wird, jeder Moment unvergänglich, und endlich unendlich bis zum Punkt am Ende eines Satzes. Gleich esse ich in grellen Straßenrestaurants von matten Aluminiumtabletts, die vor Abnutzung und saftigem Picanha strotzen. Weiße Einwegtischdecken zum Wegwerfen, als ob nichts gewesen wäre. Trinke roten Wein aus gläsernen Karaffen, bis alle Menschen Freunde werden. Manchmal fehlt mir die Lust auf Leute, aber meistens fehlt mir noch mehr Lust auf keine Leute, weil ich dann doch zu gerne über mich selber rede. Und jetzt? Gerade jetzt will ich in Lissabon wohnen und nicht woanders davon erzählen. Ich will irgendeine Bar so oft besuchen, bis sie Gewohnheit wird und mit kleinem Kaffee Zeitung lesen, ohne dabei gesehen zu werden, wie ich mit kleinem Kaffee Zeitung lese. Sein, statt gelten. Leben, was man leben kann und reden, was zu leben noch möglich ist. Ich will diesen Lebenshunger stillen, auch wenn ich hier selten bestellen konnte, was ich gerne gegessen hätte. Dafür ist mein Bar –und Bäckereivokabular erste Sahne. Ein paar lustige Wörter kenne ich auch, wenn es darum geht, eine Portugiesin in einer kurzen Unterhaltung zum Lachen zu bringen. Traue dennoch keiner Frau, die nachmittags keinen Wein mit dir trinken würde. Ihre Regeln nicht für dich bricht! Keine Moral besitzt, die […]

BOHEME

BOHEME

Willst du dich setzen? Ich bin sowieso eine gesunde Stunde zu früh, aber liebe es zu warten. Wieso? Um mit der Gewissheit, dass gleich etwas passiert, in einem traditionellen Straßencafé zu sitzen. Einem dieser Sechsecke, die nur aus einem Tresen, einer Bedienung und einem Moment bestehen. Grüne Metalltische, die Orte erst zu richtigen Plätzen werden lassen. Mitten auf einen breiten Bürgersteig gestellt oder direkt zwischen Ampeln und Ahorn. Irgendwie arrangiert. Denn zu viel Freiheit kann irgendwann auch zu einem Gefängnis werden. Hauptsache es gibt genug Straßen, genügend Möglichkeiten, aus denen man kommen könnte. Wenn man jetzt noch ein drittes Imperial bestellt, den Stift mal beiseitelegt, könnte man meinen, Lissabon wäre das Paris der 20er im Jahr 2017. Denn alles, was Boheme wirklich braucht, sind schwarzer Kaffee, ein Thema und zwei Menschen, die sich für Künstler halten. Gewagte These, die glaubhaft wird, wenn man gerade aufgehört hat “Paris – Ein Fest durchs Leben” anzufangen. Wenn sich die späte Sonne im glatten Kopfsteinpflaster spiegelt und die Welt und ihr Laub in ein Licht taucht, das viele gerne als Filter auf ihrem Handy hätten. Wie gesagt leicht einen Sitzen und umrungen von romantisch hervorstehenden Balkonen, die ins Dachgeschoss gebaut wurden, damit man sie morgens mit Kaffee betritt und beschließt, dass das Leben gut ist. Bisher konnte ich mich vor lauter Sehnsucht nicht sattsehen. Zu schön die Vorstellung mal mit solch einem Balkon zu wohnen, den ich jetzt, dank hoher Miete, betreten darf. Fantasie mit Realität bezahle. Immer in den fünften Stock laufe und erkenne, wie verdammt heiß es im Dachgeschoss wirklich ist. Fantasy Love, denn es kommt schließlich nicht auf den Kater an, sondern wo man mit ihm aufwacht! Lebt, wo andere Urlaub machen. Richtig liegt, wo andere falsch liegen und es irgendwie schafft, trotz Berufsverkehr und Flugverspätung […]

TABU

TABU

Mir bleiben zwei Nächte im fünften Stock einer großen Wohnung am Mercado de Arroios. Es gibt noch kein warmes Wasser, aber kaltes, das zumindest nicht mehr nach Schwimmbad schmeckt. Einen schicken WLAN Router, nur noch keine Kaffeetasse, die alles gut werden lässt und auch noch kein schweres Whiskeyglas. Noch keinen Kühlschrank, aber unbenutzte Weingläser und eine Flasche russischen Wodka. Die Haustür lässt sich mit einem Autoschlüssel öffnen und von der Matratze auf dem Fußboden, kannst du ohne Glühbirnen bis nach Graca gucken. Ich habe ein großes Schneidebrettchen gekauft, obwohl ich eigentlich nur essen gehe. Ich habe nach gutem Geschirr geschaut, obwohl ich in meiner Freizeit lieber nach besseren Wörtern suche. Ich habe einen einstigen Albtraum wahr gemacht und Dinge gekauft, die mich am Boden halten. Waschmaschine, Klobürste und Esstisch. Am Boden einer großen Wohnung mit kleinem Balkon über den Dächern einer Stadt, in der du nachts nur schwer von einem noch besseren Leben träumen könntest. Morgens weckt dich ein Augenblick, für den andere vor Sonnenaufgang extra auf einen Berg klettern. Für den du nichts, als aufwachen brauchst. Und abends hupen dich die Portugiesen in den Schlaf. Fast zu schön schien diese Vorstellung, mal mit solch einem Balkon zu wohnen, den ich jetzt, dank hoher Miete, betreten darf. Fantasie mit Realität bezahle. Immer in den fünften Stock laufe und erkenne, wie verdammt heiß es im Dachgeschoss wirklich ist. Fantasy Love, denn es kommt schließlich nicht auf den Kater an, sondern wo man mit ihm aufwacht! Lebt, wo andere Urlaub machen. Wegfliegt, wo andere zuhause bleiben und richtig liegt, wo andere falsch liegen. Dank ziemlich teurer Matratze. Ich habe einfach alles vermisst. Den Verkehr, die vollgepackten U-Bahnen, den Schweiß, der dir die Stirn herunter rinnt, weil du im November endlich eine Wollmütze tragen möchtest. Die schmuck gekleideten Frauen, die zierlichen Fassaden. Den Klang der Stöckelschuhe, die in eiligem Tempo über glattpoliertes Kopfsteinpflaster geschliffen werden, das voller Laub und besetzten Bänken ist. Sogar den Fado! In Melodien gefasste Minderwertigkeitskomplexe eines stolzen Seefahrerstaates und sein vom Erdbeben gedemütigter Hochglanz. Lissabon ist ungestillte Sehnsucht, die man leben kann, ohne sie träumen zu müssen. Ein Film, in dem man unbedingt mitspielen möchte, auch wenn man als Statist nur im Hintergrund kleinen Kaffee trinkt. Aber ein Teil davon ist, von dem man keine Sekunde verpassen darf, weil es sich wie jugendliche Verschwendung anfühlt, auch nur einen Tag ohne dieses Treiben verbringen zu müssen. Nur vor die Tür, einatmen und Luft unter glühende Kohlen pusten. Diese Verve, die dich von einer Brücke immer wieder in ihre Stadt zieht, um dich mit deiner eigenen Wahrhaftigkeit bekannt zu machen. Lissabon ist eine Stunde früher, wenn in Deutschland am Morgen der Wecker zur Arbeit klingelt, wenn du zu spät bist, wenn du am Abend eigentlich ins Bett solltest, ist in dieser Stadt immer noch Zeit. Zeit, um vom Flughafen aus noch das Examen zu schaffen. Ich musste dich verlassen! Für einige Tage, die für eine ganze Ewigkeit sprechen können. Für Städte, die sich gegen dich […]

 

ALT GENUG

Auf meinem Schreibtisch steht eine angefangene Tasse Kaffee und eine leere Flasche Rotwein. Morgen und Abend. Meine Kerze ist durchgebrannt, mein Auto offengeblieben und der Wohnungsschlüssel steckt von außen noch in der Haustür. Ich habe vergessen, wie Samstagabend war, vergessen, was ich vergessen habe, Wasser zum Überkochen gebracht und die teuren Tomaten nach dem Bezahlen wahrscheinlich auf dem Kassenband gelassen. Und ich habe keine Ahnung, wie mein Portemonnaie dabei in meiner Hosentasche geblieben ist. Wir reden hier nicht von durchgezechten Nächten (nicht nur), sondern voller Pulle zwischen pflichtbewussten Lastern und lässigen Pflichten. Von allem nur das Beste. Morgens und abends. Zwischen dem Drang eines jeden Freitags und dem Wunsch guter Wellen am darauffolgenden Samstag. Surfen wäscht dich von deinen Sünden frei, spült dir die Marlboros aus der Lunge, lässt dich frisch und erholt aussehen, damit du noch einmal von vorne beginnen kannst. Bis hierher wusste ich nie, was morgen ist, konnte mich aber zumindest immer an gestern erinnern. Unsicherheit ist Teil meines Lebens, das sich die Dinge fügen, irgendwie auch. Dieses Urvertrauen ist unbezahlbar, teurer als jeder Fauxpas, wertvoller als jede Scherbe eines zu schnellen Lebens. Nur keine Angst, mein Opel fährt nicht schneller, als ich denken kann. Gerade mal 80! Aber das reicht zum Riskieren, zum draufgängerischen aufs Spielsetzen, zumindest, wenn jemand zuguckt, den ich gerne einmal küssen möchte. Immerhin besteht die Kiste aus Sekundenkleber und darf deswegen erst ab Mitternacht in den historischen Stadtkern. Dann gab es keinen Parkplatz und ich musste einfach direkt vor dem Verteidigungsministerium halten. Zu verlockend. Zu verboten. Glorreich gescheitert und Mutti eben doch wieder um Geld fragen. Zumindest, wenn niemand zuguckt, den ich gerne einmal küssen möchte. Aber keine Panik, auf der Bußgeldstelle sitzt selten jemand mit roten Fingernägeln, und seit es Instagram gibt, ist die Wahrscheinlichkeit gering, heute noch jemanden zu treffen, der wirklich Lederjacke ist. Hauptsache nicht noch ein Parkticket fürs Parkticket, weil Bezahlen in Portugal länger dauert, als jedes Bußgeld schmerzen könnte. Nummer 89 und wir sind erst bei 69. Freitagabend im Amt! Der Mann zu meiner Linken hört Astor Piazzolla auf einem benutzten Discman und die Frau zu […]

GRANTLER

Endlich ein neues Notizbuch begonnen. Feierlich mit schwarzem Tee und ohne Zucker. Ohne Anrede, weil Notizbücher natürlich nicht persönlich angesprochen werden wollen. Ein neues Kapitel, das mit Bauarbeitern und Bifana in einer Mittagspause beginnt. Irgendwo im Nirgendwo. Im waldbrandgefährdeten Nirwana. An einem Ort, der wahrscheinlich noch nie rote Flipflops gesehen hat. An dem man keine Liebesschnulzen und Ritterfilme guckt oder es zumindest nicht zugibt. An dem man keine Flüge nach Paris bucht, um im Dezember mal Mantel zu tragen und auch keinen silbernen Opel Corsa kauft, der 1985 gebaut wurde. Ich für meinen Teil hatte keinen Grund, das nicht zu tun, weil sich Uhren mittlerweile von alleine umstellen und man zu weit fahren muss, um endlich wieder Geld zu wechseln. Weil man Wiener Würstchen ohne Probleme in Frankfurt und Frankfurter nur mit einem Bier in Wien runter bekommt. Reisen ist eben auch nicht mehr das, was es niemals war. “- Heute also rein gar nichts erlebt. Nichts Neues. Irgendwie auch schön”. Zuhause auf Straßen, über die ich schon gestern geschrieben habe. Auf die endlich aber einmal etwas Regen fällt. Zu spät in Bars, aus denen wir schon oft getorkelt sind, einander angeschaut und dann nach Feuer gefragt haben. Nur, dass wir uns diesmal sogar wiedersehen. Wie im Liebesfilm. Kosmische Fügung oder Dank der Zigaretten. Rauchen schadet deiner Gesundheit und macht dein gesellschaftliches Leben zur blühenden Blumenwiese. Ob als Dessert, Pause oder rettender Anker, wenn dir deine Beschäftigungen ausgehen. Die Frauen, die wir getroffen, die Gespräche, die wir geführt und die Chefs, die wir mit Du ansprechen, waren jeden Sargnagel wert. Nur nicht zur Guillotine von Routine werden lassen! Kann man jeden Zug eigentlich nicht, oder gerade wegen dieses schlechten Gewissens erst wirklich genießen? Will man im Leben mögen oder nur gemocht werden? Amboss oder Hammer sein? Immer nur die gleiche Haarfarbe küssen? Ein und dasselbe! In Lissabon wohnen, bis der Arzt kommt! Weil Morgen doch so unsicher ist und Gestern eine ganze Menge Ehrfurcht erfordert. So wie verfallene Häuser von Cascais bis Parede. Sommerarchitektur, die unter die Haut geht, wenn es ab November die portugiesische Sonne nicht mehr schafft. Bewohnt von schlecht gelaunten Töchtern mit reichem Erbe, bezahlten Brüsten und vollgetankten Mini Coopern. So traurig, wie Wohlergehen eben sein kann und der personifizierte Wunsch das Aschenputtel unter […]

MEINEID

Ich muss hier raus! Weil sich gerade eine Gruppe kaufkräftiger Chinesen mitten in meinem Zimmer über neue Wandfarbe unterhalten hat, während ich noch nicht einmal wusste, welches Boxershort ich heute überhaupt tragen möchte. Ein ganzes Apartment schneller gekauft, als du Gentrifizierung sagen kannst. Guten Morgen. Von einem Viertel ins Nächste. Doch draußen ist immerhin Frühherbst! Ein langer Moment, in dem du den Sommer zu schätzen weißt, weil dir der Herbst zeigt, wie es ohne ihn sein wird. Klare Luft, verwelkte Blätter, du weißt, selbst wie Herbst aussieht. 18 Grad, die fast bereit sind für Handschuhe, weil man sich im Leben leider an alles gewöhnt. Die sonnigste Sonne, die gesündeste Gesundheit, die auffälligste Freundin. An eine gut gelaunte Vielfalt verschiedenster Nationalitäten, die hier in kultureller Eintracht leben und sich wundern, warum dass der Rest Europas nicht kann. Lissabon ist ein (von-überall) Herkunftseldorado, verteilt auf wunderschöne Plätze. Ob verliebt, verlobt oder verlassen. Das ist eine Devise! Lieber obdachlos hier, als mit vier Wänden und ohne Ausblick woanders. Davon singt schon der Fado! In Melodien gefasste Minderwertigkeitskomplexe eines stolzen Seefahrerstaates und sein gedemütigter Hochglanz. Man muss sich schon nah sein, aber stets dem Nächsten am nächsten. Ja, wir klagen auf hohem Niveau und Europa ist ein tolles Pflaster. So voller Prada, Penner und Espresso. Zumindest fehlt es mir immer, wenn ich zu weit weg bin, aber wie man Zäune baut und sich dabei weltmännisch fühlt, muss mir mal jemand erklären. Genauso wie gut geplante Improvisation und warum Italienrinnen immer ein abgepacktes Stück Parmesan im Handgepäck tragen! Ein ganzes Land genau mein Typ! Manchmal sieht man hier den Wald vor lauter schönen Frauen nicht und manchmal nimmt mir eine von ihnen rigoros den Wind aus der hart arbeitenden Performance. Denn allein die Pflege meines Zimmerfarns ist schon Aufwand genug und das Ding wohl das teuerste, was ich je besessen habe, bedenke man seinen eigentlichen Nutzen. Man kann ihn anschauen, hin […]

VASALL

Es hat genau 38 Minuten gedauert, bis ich mein neues Leben infrage gestellt habe. Basiswissen Finanzierung, freiwillig, noch bis 22 Uhr, für ganz Dumme und Schlaue, die sich unbedingt profilieren möchten. Im Reich der Blinden ist der Einäugige König und ich habe beide Augen offen und trotzdem nichts verstanden. Weil dem portugiesischen Dozenten manchmal die englischen Worte fehlen und schon wieder ein Passagierflugzeug über unsere Köpfe fegt, das mich mit ohrenbetäubendem Lärm alle 15 Minuten an die Freiheit mein altes Leben erinnert. Ich könnte jetzt in irgendeiner Redaktion sitzen, um die Welt fliegen, in Schanghai neun Euro für Filterkaffee bezahlen und irgendwann erkennen, dass es keinen Spielplatz ohne Zäune gibt. Keinen Job auf der Welt, der ohne Schreibtisch in völliger Muße funktioniert. Dass in unserer wunschlosen Vorstellung immer alles schöner ist. Noch viel schöner, am allerschönsten. Selbst die Realität. Aber von hier, aus der letzten Reihe, umgeben von 21 jährigen Masterstudenten und cremegelben Wänden thront diese Vorstellung in einem funkelnden Luftschloss meiner Fantasie. Es ist nicht leicht in diesem Seminarraum zu sitzen, wenn man schon Apfelmus vom Baum der Erkenntnis machen konnte und ausgerechnet heute, am ersten Tag, noch ein Hammerhonorar auf das Bankkonto seiner journalistischen Vergangenheit überwiesen bekam. Was zur Hölle tue ich hier? Lässt sich das noch mit Bauchgefühl oder strebsamen Portugiesinnen begründen? Mit horrenden Studiengebühren bezweifeln, oder mit fast tiefgefrorenen Käsecroissants aus der Kantine gar als absolute Schnapsidee verurteilen? Ruhig bleiben, ist ja erst Tag eins von 363 und ich habe immer noch nicht entscheiden, wer ich in meiner akademischen Peergroup überhaupt sein möchte. Der alles unterhaltende Mittelpunkt oder das sprachlose Geheimnis der letzten Reihe, das nur kommt, um wieder gehen zu dürfen und stets Besseres zu tun hat? Eigentlich will ich nichts sagen und trotzdem irgendwie gefragt werden. Ja, ich habe auch mal in Australien studiert und ja, ich komme schon länger nach Lissabon. Im portugiesischen Fernsehen war ich auch mal und am zweiten Tag schon nicht mehr in der Uni. Dafür glücklich surfend auf der anderen Seite des Flusses, der Lissabon davor bewahrt, irgendetwas mit dieser Sportart zu tun zu haben. Entschuldige den Ausflug, aber […]

AMOURÖS

Liebesgrüße aus einem Leben im Urlaubsmodus. Meinem Farn geht es prächtig und mir übrigens auch. Wolkenlos und vollgegessen. Mal verkatert, mal ausgesurft, lässt sich die Leichtigkeit eines Freitagvormittags hier von Montag bis Sonntag genießen. Am Stra­nd zwischen Ärschen, von denen einer braungebrannter ist, als der nächste. Einer beschäftigter, als der andere, weil es Knochenarbeit gleichkommt, von morgens bis abends so unantastbar wie möglich zu bleiben. Morgens bin ich in Praia Grande fast am Espresso ertrunken und abends habe ich auf einer Charityparty trockenen Rotwein mit dem österreichischen Botschafter gekübelt. Er im eleganten Leinenhemd und ich in abgeschnittenen Jeanshosen. Umzingelt von weiß gedeckten Tischen auf englischem Rasen, die durch dezente Gitarrenmusik bis zur Kulisse eines südeuropäischen Liebesfilms aufsteigen. Vorspeisen, Hauptgänge und für jede Lebenslage das richtige Besteck. Portugiesisches Highlife möchte ich meinen, das all die Dinge richtig macht, die andere wohl falsch machen. Einfach grenzenlos erlaubt, sich an einem Montagabend die Kante zu geben, ohne dafür Dienstagmorgen gerade (auf) zu stehen. Immer ruhig zu schlafen, weil teure Villen nicht in Autobahnnähe gebaut werden und die Milch im Kühlschrank einfach nie ausgeht. Weil Umtriebigkeit irgendwann gezwungener Maßen zu einem gemütlichen Boxspringbett führen muss und die Menschen auf Lissabons Kopfsteinpflaster natürlich selbst für ihre Umstände verantwortlich sind. Schon mal zum Platzen vollgefressen an einem Obdachlosen vorbeigegangen? Nicht an einem der fordert oder Haschisch verkauft, sondern dich bettelnd keines Blickes würdigt. Nicht aus angetrunkener Überheblichkeit, sondern weil ihm die Würde fehlt, um aufrichtig nach vorne zu gucken. Demut ist kraftvoll und eines der wichtigsten Bestandteile eines soliden Charakterbaukastens, auch wenn er das Fischbrötchen am Ende gar nicht wollte! Wann sind genug zu viel und die Gründe zum Entsagen zu […]

SESSHAFT

Ich bin so oft schon durch diese Gassen gelaufen. Verloren gegangen über Kopfsteinpflaster, das durch die Jahrzehnte von Sandalen und Turnschuhen bis aufs Zahnfleisch poliert wurde. In festen Schuhen hält es ja kein Tourist aus, weil Urlaub immer irgendwas mit Flipflops zu tun haben muss, obwohl man sich nach acht getrost einen Mantel über die sonnenverbannten Schultern werfen kann. Von oben, über der Stadt, dort wo Tinder-Dates zu richtigen Beziehungen reifen, ist alle vier Minuten ein neues Flugzeug voller Erwartungen im Anflug. Von hier unten ein Orgasmus der Reiseromantik, ein Fernwehporno, trifft ein Kondensstreifen auf den nächsten. Wo fliegt der wohl hin, wo kommt der wohl her? Ein richtiges Vorstellungsidyll, das viel zu weit weg ist, um die Wahrheit zu sagen. Denn eigentlich ist im verspäteten Flieger aus Boston langsam die Luft leer. Sitzen kann nach zehn Stunden auch kein Schwein mehr und der Anschlussflug ist schon längst wieder im portugiesischen Nachthimmel verschwunden. Endlich gelandet, kommt die Rolltreppe erst, nachdem sich jeder Passagier voller Verlustängste an sein Handgepäck klammert und so den Piloten provoziert, endlich diese scheiß Tür aufzumachen. Stehend lässt sich die Zeit natürlich am leichtesten vorspulen, auch wenn das Aufgabegepäck versehentlicherweise doch in Boston vergessen wurde. Ein großes Airline-Entschuldigung und eine Packung Haribo! Wer die Dinge lieber lebt, als sie zu träumen, muss das mit der eigenen Fantasie bezahlen. Die Hürden des Alltags an einen Ort schleppen, der sonst eigentlich nur Urlaub bedeutet. Klopapier kaufen, Zahnarzt besuchen, die ganze Wahrheit portugiesischer Hinterhofromantik ertragen. Mit Menschen und ihren Wäscheleinen hinter glänzenden Fassaden. Bettlacken und Schlüpfer hängen wie Blätter über Essensresten und aufgerauchten Camel Lights. Mittlerweile grüße ich den dicken Chinesen gegenüber immer mit einem vorsichtigen Kopfnicken, das man auch als Nichtnicken interpretieren könnte. Morgens hustet sich ein alter Portugiese für eine Viertelstunde von seinen Camel Lights frei und abends hängt ein durchtrainierter Angolaner seine verschwitzten Handtücher zum Trocknen […]

FREIHAUS

Gestern Abend habe ich mir per Express mehr Socken bestellt, als ich überhaupt tragen kann, weil zwischen Ankunft und Abreise kaum noch ein schonender Waschgang passt. Auch nicht mit Trockner oder Geschwindigkeitsüberschreitung auf dem Weg nach Frankfurt. Frankfurt-Hahn, weil falsch gebuchte Flüge zu einem Missverständnis gehören, wie gut gemeintes Bruschetta, zu dem du eigentlich keine Oliven wolltest. Deswegen sitze ich jetzt im dritten Mietwagen der laufenden Kalenderwoche und bin froh, dass der FFH 80’er Jahre Marathon heute noch bis nach Mitternacht geht. Eigentlich rauche ich nur, um mir alle 100 Kilometer ein kleines Highlight gönnen zu können und hoffe, dass meine Rückenschmerzen nur von den Brettern der Flughafenbestuhlung kommen, die für mich heute Nacht noch Bett bedeuten. Transitzonen kennen sowieso keine Tageszeiten und sind bis auf die Senator-Lounge eigentlich auch immer gleich hell. Morgen ist, wenn die Zeitungsverkäuferin diese Sonntagszeitung auspackt, in der es unser Israelerlebnis irgendwie zur Titelgeschichte des Reiseteils geschafft hat. Und auch, wenn in 2500 Kilometer Entfernung eine schwarze Limousine darauf wartet, mich und meine neuen Socken in ein portugiesisches Hotel zu fahren, habe ich immer noch nicht das Gefühl, dass hier irgendetwas ernst ist. Erstens ist die Definition von Limousine ziemlich weitläufig und zweitens klingen die Dinge immer schöner, als sie sich anfühlen. Außer auf Italienisch. Hinter dir ein Rollkoffer, vor dir nichts als Ungewisses. Ein Reisepass als Insignie ausgekosteten Lebens. Gestempelte Erfahrungsbescheinigung zwischen dem Hier und dem immer noch nicht da. Ja, Flugtickets verpacken das Leben in absehbare Appetithappen, die durch ihre zeitliche Begrenztheit für ordentlich Wertschätzung sorgen, aber zwei Jahre zwischen altem Kinder- und neuem Hotelzimmer sollten reichen. Und außerdem gibt es für Flüge nach Israel gar keine Stempel. Ja, ich weiß, wo man am Flughafen Frankfurt direkt neben einer Steckdose guten Kaffee trinken kann oder warum es sich lohnt in Singapur sein eigenes Gepäck verloren gehen zu lassen. Aber dafür den vierten Advent in einem Starbucks verbringen zu müssen, steht wegen liebloser Fließbandfreundlichkeit außer Frage. Wenn sich Arbeit und Freizeit nicht unterscheiden, fühlt sich Freizeit wie Arbeit und Arbeit eigentlich immer wie Freizeit an. Oder, um es noch verwirrender zu sagen: man muss nie wirklich arbeiten und man hat nie wirklich Freizeit. Jeder Tag fühlt sich wie ein Freitagvormittag an und man beginnt sich zu fragen, ob man alles auf diese Karte setzen möchte, die man gerade auf Hochgeschwindigkeit spielt. Was willst du? In Zukunft? Gut gebräunt sein! An einem Ort, an dem man nicht weiß, wann der Bus fährt. An dem dir an der nächsten Ecke die leere Brieftasche geklaut werden kann und du im Supermarkt mit der nächsten Liebe deines Lebens zufällig zur gleichen Kohlrabi greifst. Femme fatale! Gekleidet in Weltgewandtheit und etwas zu sexy für die Gemischtwarenabteilung. Apart, Expat oder was auch immer! Ich habe wieder zu träumen begonnen, von Nähe, die mit mehr Liebe gemacht ist, als Tankstellenbrötchen. Auch, wenn ich meinen Armreif gerne wiederhätte, den jetzt ein israelisches Mädchen aus Dimensionsgründen um ihren Oberarm trägt. Immerhin ist der von Mutti und das Schmuckstück von ihr nicht mal richtiges Silber. Männlich, 26, sucht. Deswegen Lissabon! Mehr (sesshaft) sein, als (unterwegs) schein. Aber auf keinen Fall in dieser Bürogemeinschaft, in der auf jeden Freiberufler sieben Zimmerpflanzen kommen und die meisten damit beschäftigt sind, möglichst beschäftigt zu sein. Trotzdem! Ein Ort, an dem man zumindest Jeans tragen muss und sich nicht ohne Weiteres selber befriedigen kann. Vielleicht ein […]