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BYND

Konstantin Arnold

UNSER LETZTER SOMMER II

UNSER LETZTER SOMMER II

Am Ende jenes Sommers mieteten wir ein Haus, in einer Bucht, am Fuße des Etna. Zu dem Dorf führte nur eine Straße, die kaum jemand fuhr und wenn sie jemand fuhr, musste man wieder hochfahren und runter und hoffen, weil der Bentley sonst nur hochkant durch passte. Oben ging die Straßen bis Acireale, hier bis zum Ende einer Bucht. Kleine, bunte Häuser standen da und sahen auf uns und die Bucht zurück. Der Blick hatte viel Antlitz in die Fassaden der Häuser gebracht, die sich von denen der Fischer unterschieden und neben den Palmen aussahen, wie Reichenviertel in Venezuela. Eine Seite unseres Hauses sah zu den Häusern und zur Bucht und zur Piazza, die auch als Parkplatz für Fischerboote diente. An den Morgen kamen manchmal welche rein, die was gefangen hatten, ohne dass wir das je sahen. Katzen schliefen unter den Booten und auf dem Dach meines Cabrios. Die Fischer grüßten freundlich und fragten, ob wir von der Mafia wären. Auf der anderen Seite sah das Haus zum offenen Meer und vorher machte sich ein großer Garten breit. Morgens kletterten wir über die Steine zum Schwimmen und sprachen davon, wie oft wir geträumt hatten, wieder schwimmen zu gehen und im Traum nicht gedacht hätten, nach dem Schwimmen so ein Haus zu haben, in dem der Espumante kalt steht und das Lunch im Freien serviert wird, ohne Fliegen. Es war ja eigentlich auch kein Haus, es war eine Villa mit Fensterläden, Modell Nizza, und vielen hohen Zimmern, die zur Terrakottaterrasse rausgingen, auf der man sich zum Apéro traf und wenn man zwischendurch trinken wollte. Hier saßen wir Abend für Abend in schweren, schönen Metallstühlen, mit denen man Kippeln konnte und ruhten unseren Blick beim Reden im Meer aus. Für manche ist das vielleicht ein Abend auf der Welt, für uns die Erinnerung großer südländischer Vollmondnächte, an die man denkt, wenn man mal daliegt und stirbt. Wir starben jeden Abend und wurde am Morgen im Meer neu geboren. Meistens tranken wir gleich nach dem Schwimmen, und manchmal ging der Tag mit Trinken hin, und Baden, damit man weiter trinken konnte. Morgens und abends, wenn sich die Luft abkühlte und vom Etna runter kam, wehte ein bisschen Wind. Dazwischen wars aber nie kalt und nie heiß und immer angenehm und so, dass man Nächte lang draußen sitzen konnte. Es gab so viele Tische im Freien, dass ich nur hoffte, genug Gelegenheit zu haben, an allen zu essen. Das schrieb ich mir auf, ansonsten habe ich keine Notizen gemacht. Nicht, dass es nicht schön gewesen wäre, es war nur so, dass man es gar nicht mehr schön schreiben musste. Der Wein war kalt, der Mond war weiß und irgendeiner hatte immer Kippen. Alles brannte sich langsam, von allein, in mein Unterbewusstsein ein. Es gab keine Zeit, kein früh, kein spät, nur Lunches und lange Abendessen vor noch noch längeren Nächten, die wir auf der Terrasse zubrachten und Marlboros in den Nachthimmel pusteten. Man saß und pustete, so lange man wollte, weil man wusste, dass nach dem Apéro immer noch Abendessen kam, kein ins Bett gehen, auf der schönsten Terrasse der Welt, die sogar noch schöner gewesen ist, als die des Grand Hotel Timeo, auf der ich beim Anblick des Etna erkannte, dass Gedanken gar nicht so wichtig sind, wie man denkt. Morgens war dann immer alles aufgeräumt, so als ob gar nichts gewesen wäre, aber man musste sich nicht schlecht fühlen, weil wir gutes Zeug tranken und eine Haushälterin hatten, die so laut putzte, dass man davon wach werden musste. Begrenzt wird das Glück nur von Leuten, außer den wenigen, die so gut sind, wie das Glück selbst. Mit denen blieb die Welt schön und groß und grenzenlos und man konnte im Bett liegen bleiben, bis man durch die Fensterläden auf die schon warme Terrasse kam, um den Jungs Buongiorno zu sagen, wie beim Bund. Fleischmann und Calle fuhren zum Markt, Bene las meine alte Gazzetta di Parma. Pippo war schon geschwommen oder wartete mit dem Schwimmen noch auf mich […]

UNSER LETZTER SOMMER I

UNSER LETZTER SOMMER I

Es war der Sommer, in dem wir Acqua di Parma trugen und Pläne hatten, die Küste hochzufahren, nach dem Sommer, um ein Dorf mit Bar und Post zu finden, in dem wir das den Winter über tragen können. Ich hatte ein Manuskript und einen Verleger, der das auch wollte und mir Geld dafür gab, den Winter über daran zu arbeiten und davon zu leben und damit trinken zu können. Er hatte das nicht so gesagt, aber ich hatte das so verstanden. Er wollte eine Sommergeschichte für das Ende meines Buchs von da oder der Riviera oder noch besser im Sportwagen die Amalfiküste lang, wo römische Kaiser früher auch gerne Ferien machten. Ich wollte das auch, nur leider sah mein Sommer noch gar nicht so aus, wie die schönen, einsamen Straßen Basilicatas oder Capri, vom Grand Hotel Parkers in Neapel aus gesehen. Wir waren blitzblank, wie immer, was uns wie immer aber auch nicht davon abhielt in ein vierhunderttausend Euro Auto zu steigen und vor den teuersten Hotels der Alten Welt zu halten. Also machten wir Pläne, organisierten Zusammenkünfte und kochten das erste Lunch vor, das wir im Innenhof der Technischen Universität von Mailand zu uns nahmen, um die Scheiße am Flughafen nicht bezahlen zu müssen. Kein Geld auszugeben fühlte sich so schon wie Geld verdienen an. Nur mein Magen war danach komisch, was in einem 800 PS Cabrio aber erst mal nicht schlimm ist, weil da andere Gefühle Vorrang haben. Man schießt auf einer Kanonenkugel durch die Welt und fürchtet sich vor 2600 Kilometern, die man vor sich hat und auf denen man umkommen könnte. Von Florenz bis Palermo. Am Ende des Sommer, der soweit im Süden, aber gut bis in den Herbst gehen kann. Wir hatten den Frühling in der Villa DEste am Comer See verbracht. Das ist ein tolles, altes Hotel, das von einer tollen, netten Direktorin geführt wird, die auch die Villa La Massa führt, in der wir sie unbedingt mal besuchen sollten, hinter Florenz, wenn wir sonst keine Pläne hätten, außer abends Amaro bei Gilli trinken. Florenz ist wie Sevilla für mich, eine Schönheit, mir der ich nicht viel anfangen kann. Ich weiß nicht warum, ich war drei mal hier, ohne es zu wissen und jetzt, beim dritten Mal, wusste ich es, was genauso so viel bringt, es nicht zu wissen, wenn man die Dinge liebt, auch ohne ihre Anleitung zu kennen. Beim ersten Mal wusste ich nichts über die Welthauptstadt der Meisterwerke, die große Flut, die erste öffentliche Bibliothek, das Kulturerbe der Menschheit, Vasari, Michelangelo, Botticelli, Donatello, Lippi, Canova? Da Vinci, Dante, Winkelmann, Rousseau, Mittelalter, Dunkelheit, Kaufleute, all das Wissen, das ich nicht wusste und nun wusste und nicht glauben konnte, dass ich vorher ohne Wissen lebte, durch das ich mich nun aufspielen kann und auch nicht glauben kann, dass es doch tatsächlich Leute gibt, die nicht wissen, dass Florenz die Welthauptstadt der Renaissance gewesen ist, ohne dass ich wusste, wie man Renaissance schreibt. Wir kamen am Nachmittag an und das Tor zur Villa öffnete sich. Zweieinhalb Tonnen Sportwagen rollten über den kleinteiligen Kies, Zypressen im letzten Licht, ein netter Italiener am Eingang, der winkte und uns Mr. & Mrs. nannte. Hätte wir alle Schwänze gehabt, sie hätten gewedelt. Wir ließen uns das Haus zeigen, ein mörderisches Renaissance Ding mit hoher Lobby, Flaggen, Speeren und Säulengängen und dem ganzen Program. Sie wäre direkt am Arno gebaut und hätte die nötigen Zypressen, groß und gelb, von einer geistigen Überlegenheit, ohne Gefühle, wie alle toskanischen Paläste, die Architektur geworden ist. Eine mörderisches Renaissance Ding mit hoher Lobby, Flaggen, Speeren und Säulengängen und dem ganzen Program, direkt am Arno gebaut, mit den nötigen Zypressen. Man gab uns ein großes Zimmer, das wir natürlich wechselten und dann ein Zimmer im alten Gebäude am Eck, mit zwei großen Fenstern zu beiden Seiten vor denen der Arno floss, gelb, wie alle Flüsse in allen schönen Städten Italiens, völlig übertrieben. Ich sagte zu ihr, wir hätten in meiner Heimat auch solche Flüsse, nur ohne die Ren-ais-sance und die Mittelalterbetten, von denen man die, nach dem Vögeln, aus sehen kann. Mein Bauchgefühl war noch da, auch ohne den Bentley und das Gefühl hatte auch nichts mit meinen Gefühlen für sie zu tun, da wurde mir einfach nur schlecht oder der Hunger ging weg, ohne dass man was essen konnte. Ich hatte bis auf das Lunch den Tag nichts gegessen und wollte essen, konnte es aber nicht. Ich konnte nicht mal an die Bar gehen, um mir Notizen zu machen, während sie sich fürs Abendessen fertig macht. Ich zwang mich in einen Anzug und schleppte mich zum Dinner. Dann kamen die mit den Weinkarten. Ich sagte gleich, dass ich heute nichts trinken und essen kann, weil wir uns Lunch vorgekocht hätten und sie sagten perfekt, ob ich die Weinkarte sehen will. Sie hätten einen tollen Sangiovese da. Ich sagte, nein, weil es ein halbes Kilo nicht durchgekochter Grünkohl gewesen war und ich bereits halluziniere und sie schon beim Namen meiner Exfreundin nannte. Sie sagten, perfekt, und ob ich nicht noch die Karte sehen möchte und was von der haben will, ein Grillhuhn oder Milanese und ich sagte, sag mal seid ihr bekloppt, bringt mir einen Tee, keine Karte davon, nur Tee, Kamille, Rooibos, Ingwer oder meinetwegen sogar sieben Kräuter […]

WEIT WEG VON WAS

WEIT WEG VON WAS

Es war der Sommer, in dem wir das gleiche Acqua di Parma trugen und sie mich gebeten hatte, mit ihr in ein günstiges Haus zu ziehen, damit sie Geld sparen könnte, bis zum Winter und günstige Häuser gab es, ihrer Meinung nach, nur einundvierzig Kilometer weit weg. Von was? fragte sie, und ich sagte es ihr und sie sagte, dass es dass, was ich in Lissabon suche und in Lissabon fand in Lissabon nicht mehr gibt. Das gäbe es jetzt nur noch auf der anderen Seite, über die Brücke, rechts, eine lange gerade Straße lang, bis zu dem kleinen, weißen Haus unter Pinien, wo im Sommer Feigen verkauft werden, die man am Strand essen kann. Ich kannte die Gegend gut und die Gegend hatte im Sommer durchaus Potential, wenn sowieso alles mehr Kurve war, als Gerade, eine Landschaft, die man ständig gießen möchte. Ein in der Ferne fahrendes Auto. Lautlos. Berge. Ein Aquarell aus Meer mit Booten, die lange, weiße Linien durch tiefes Blau ziehen. An allen Ecken lauern Unterhaltungen, die dich ins nichts führen und heiter machen, bis du denkst, das Leben bestünde nur aus Mittagspausen und Wein. Aus dicken Olivenölmuttis, die aus romantisch verwilderten Einfahrten winken, deren endlose Alleen zur Erfüllung deiner südländischsten Träume führen. Wir hatten die gleichen Träume, aber unterschiedliche Alleen dorthin und die Dinge ehrlich und aufrichtig miteinander ausgefochten, ohne Kompromiss, weil Kompromisse keine Gründe für die Liebe sind, sie sind ihr Verzicht. Man geht einen Kompromiss ein und gibt sich auf und ist nicht mehr der, der man ist und liebt jemand anderes. Liebende sind so. Sie versuchen, Kraft ihrer Gefühle, das Gefühl an sich zu reißen und dem Ansturm zu widerstehen. Es war also auch der Sommer, in dem ich Montaigne las und die Kunst des Liebens, ohne das die was bringt, weil sie keine Geduld mehr mit mir hatte und auszog und sich alleine fühlte und ich mich auch, mit dem, was man nicht einfach so sagen kann und gerne falsch versteht, bis man es versteht und sich fragt, ob es da keinen direkteren Weg hin gegeben hätte. Ich saß im Schatten der Bäume wie Araber, ohne Liebe, die man machen kann, ohne Geschichten zum Schreiben und Verabredungen zu denen ich muss. Es war dann der Sommer, in dem ich viel mit dem Fahrrad fuhr und schwamm und nach dem Schwimmen oft dasaß und dachte, wie Munchs Melancholiker, nur braungebrannt, mehr trainiert, und versuchte keinen falschen Gedanken zu haben. Wenn man gewisse Gedanken einmal gehabt hat, kann man nicht einfach weiterleben, als müsste man nicht sterben, so wie frisch gewaschene Menschen, morgens am Gleis, mit Hoffnung für den Tag. Ich ging zum Meer, um mich an die Klippen zu setzen und war doch froh am Leben zu sein. Ich rauchte und spürte den Rauch nicht, suchte den Himmel, aber bekam ihn nicht zu fassen und bemerkte die Sterne, ohne sie zu verstehen. Ich lebte im Alkoholrausch und Zigarettennebel, ohne Gewissheit darüber, was man am Vortag gesagt oder getan, gelesen oder erkannt hat, ob klug oder Töricht, zu früh oder zu spät. Ich, ich, ich, genau wie sie sagt. Die Ereignisse überschlugen sich und niemand liebt die Ereignisse so wie ich ihr Überschlagen, eine Frau, die Malerei, die Welt, den Luxus und die Armut, die sie umgibt, den Lärm und die Ruhe, das Saufen und den Tag danach, die Witze, die man darüber macht, die lauen Nächte und Widersprüche, Mädchen, die in ins seichte Wasser waten, weiche, runde Körper mit Gänsehaut, Cornetto Morango, Misosuppe, Melancholien. Das ist Traurigkeit mit Träumen. Erinnerungen kamen irgendwo her, wie Spuren, die vom Meer zurück in den Sand gespült werden. Unerreichbar, ungreifbar, tot und den Tag damit verbracht, sich selbst zu googeln. Der Sommer machte mich krank, die Pläne der Leute mit ihrer Aufforderung einen schönen zu haben, obwohl uns das, was uns ausmachte, fast verzehrte und wir uns dafür verantwortlich machten, bis wir verstanden, dass es keinen Grund dafür gibt, außer Liebe und Angst und die Chance, dass es am Ende doch nicht so ist, wie Leute sagen, die nur zusammen sind. Die Liebe ist kein Feuer, sie ist auch kein Garten, den man gießen muss, sie ist unvergleichbar, mit nichts, weil es nichts gibt was so ist, außer das Meer vielleicht, wenn man sehr durstig ist, am Horizont, wo Himmel und Meer sich treffen und der Tag hingeht, in dieses weite, unserem Wesen entgegengesetzte Sehnen zum Nichts, das sich immer weiter entfernt mit jedem Stück, mit dem man ihm näher kommt. Sie ist, wie wir mit Wein auf den Stufen der Calçada do Duque saßen und über die Stadt sahen und das Licht sahen, das in Gold die dunklen Kaskaden vom Kastell runterfloss. Vor diesem kleinen Stück Welt, das wir uns teilten und Gespräche führten und alle Orte auf der Welt vermissten, an denen wir waren und noch nicht waren und mit anderen waren und auf den Tisch in der Taberna das Flores warteten, weil man da nicht reservieren kann. Auch wir nicht, die keine Eile hatten und nach dem Abendessen den Balkon im Lux mit ihren Gefühlen unterhielten und am nächsten Tag ganz traurig und verkatert waren und nicht wussten warum und wieder ausgingen und alles besser machten, mit Lachen und Liebe am Fluss und Suppe, morgens, nach dem man eine ganze Nacht in großem Glück rumgebracht hatte. Die Verhöhnung der Eifersucht ist der Sieg derer, die nicht lieben über die, die das tun. Ich fürchtete, dass ihre Freundinnen sagen, dass sie nun endlich wieder nicht mehr sie selbst ist und Schluss macht, mit dem ganzen Scheiß, den Emojis und Nachrichten, dass sie an mich denkt. Es gab Leute, die meinten, der Sommer wäre vorbei, bevor er angefangen hat. Es lag noch kein Blatt […]

WO ÜBERALL AUF IMMER TRIFFT III

WO ÜBERALL AUF IMMER TRIFFT III

Wir bekamen ein Zimmer im Savoia, mit Blick auf den Platz und den Bahnhof Genova Principe, den Kolumbus, weiß und hoch, wie immer, neben den Maulbeerbäumen und der Poste Italiane auf der anderen Seite. Ich stand auf dem Balkon und sah über die Stadt. Der Verkehr erschloss sich unter mir und machte sich wichtig. Erinnerungen und Erwartungen stiegen in mir auf, aber ich konnte mittlerweile gut mit den Krankheiten des Reisens umgehen, in dem ich mich erinnerte und erkannte, was wirklich wichtig gewesen ist und zu Erinnerungen wird. Nichts von dem war hier. Ich rede nicht von Sex, der ist nicht wichtig, sondern nur Dinge, die dazu geführt haben. Ihre Gegenwart nahm das alles ein, den Blick und die Stadt und den Abend, der sich schon über allem ausbreitete. Wir hatten daher nur Zeit uns frisch zu machen und gingen, sicher geworden durch Lobby, Lift und schwere, goldene Schlüssel, die Via Balbi runter, an den Leuchtschriften und Illy-Schildern vorbei und dann rechts. Es war schön und angenehm, am Anfang einer langen Reise, durch oft beschriebenes zu gehen. Man hatte die Erinnerung an den Ort und den Ort und das Gefühl vor allem Anfang zu stehen. Da war nichts von der Schwere, nur die Erinnerung daran und zukünftige Pläne und die Erkenntnis, was unwichtig ist und nicht und nur so im Gehen notiert. Man musste sich nicht weiter darum kümmern, man hatte es verstanden und brauchte es nicht noch besser schreiben, weil es schon gut war, wie es war und vielleicht sogar besser, als wenn es noch besser gewesen wäre. Für die Wahrheit blättert man ohnehin nicht in Büchern, sondern fährt mit der Metro oder sieht sich die Fleischer an, vor allem die Fleischer. Alles, was blutet, stimmt. Heilige bluten, Stiere, und Frauen. Beim erzählte ich ihr von den Seen im Norden des Landes. Seit Menschen reisen sind sie von dieser Region begeistert. 196 vor Christus erobern Römer Como und das südliche Tessin. Ein halbes Jahrtausend später kommen Alemannen von Norden her, werden aber von den Römern aufgehalten. Gott sei Dank. Dazwischen Langobarden, 1496 der Treueeid, 1530 werden Locarno und das Maggiatal eidgenössisch. Nirgendwo knallt das Mediterrane so gewalttätig auf das Alpine. Nirgendwo ist ein Küstenort so sehr in den Bergen. Gletscher und Eis, die unter der sündhaft, schönen Sonne des gleichen Südens liegen. Man fährt durch einen Tunnel und ist im gleichen Land zwei verschiedener Nationen. Vorbei die grünen Wiesenteppiche der Schweiz, die Postkartenkulissen, der Buttermilchfrieden. Jedes Dorf hatte seinen Brunnen und seine Post und sein Gasthaus zur Post. Die Kirchtürme stehen hoch und hohl im Tal, wie Antennen zu Gott. An den Straßen nun weltmännische Dorftypen, die ihr Moped an einer Bushaltestelle testen und einer Monica Bellucci hinterherrufen. Ein Wirt im Lokall, der die erste Zeile von Verdis La Traviata pfeift. Die Landschaft wird von Zypressen beherrscht und von Säulen gehalten. Alles ist grün, blau und weiß, und so dass man eigentlich nicht rauchen muss. Es soll für die Bewohner des Sees keine Erlösung geben, kein Paradies, weil sie hier schon da leben durften. Die Seen sind so tief, wie die Berge hoch. Gesehen hat das noch keiner, aber fühlen kann man das schon. Sie sind ganz weich und flach und ähneln Meeren, neben stillsteilem Fels. Altgediente römische Legionäre verbrachten hier ihren Lebensabend. Flaubert hielt die Region für den sinnlichsten Ort der Welt, sogar der Orient Express hielt damals in Stresa. Hier schafften Künstler, unter Palmen und voll Pasta, endlich mal nichts zu tun. Nirgends wurde sich in der Literatur schöner vorm Krieg versteckt. Die Dörfer schön, die Gipfel weiß, die Sehnsüchte der Menschen spiegeln sich in den Wellen wieder, die manchmal blau und meistens grün sind. Die Welt könnte untergehen und man würde das hier erst ein paar Tage später mitbekommen, durch die unaufgeregte Information eines Concierge. Man sagt, dass, die Götter hier in den Wolken wohnen und im Regen die Frauen befruchten und Stendhahl schrieb, wer zufällig ein Herz und ein Hemd besitzt, verkaufe es um am Lago di Como zu leben […]

WO ÜBERALL AUF IMMER TRIFFT II

WO ÜBERALL AUF IMMER TRIFFT II

Omar Chayyām, der Dichterprophet Persiens sagte mal, dass mehr Leute auf der Welt fähig sind, Bücher zu schreiben, Heere zu führen und Kaiserreiche zu reagieren, als ein Hotel zu leiten. Ein Hotel ist ja immer erst ein Haus, in dem man eigentlich nicht zuhause ist. Die Zimmer gehören mehr denen, die es aufräumen, den Eingang bewacht ein Portier, der Nachtisch ist eine Pflicht den Kellnern gegenüber. Aber es gibt Hotels, in denen man richtig leben kann, wie in seinem Leben, sogar sterben könnte man da. Die schönsten sehen aus wie Vanilleeis mit einem Dach drauf. Die Lobby ist Marmorweiß, die Kellner tragen Manschettenknöpfe und verteilen Häppchen. Die Bar ist aus Holz und hat Polster, auf die man seine Ellenbogen beim Sprechen stützen kann oder einfach nichts sagt und stumm stützt und durch den Raum hinaus aufs Meer sieht. Zwischen klassischen Häusern und neureichen Scheißhäusern, in die Leute gehen, um reich zu sein, liegt ein himmelweiter Unterschied in Form einer Wahrheit, die jeder selbst entschlüsseln muss, in dem er herausfindet, welche Wahrheit überhaupt gemeint ist. Sie ist auf jeden Fall nicht mit Geld gleichzusetzen, außer für Leute, die den Wert von etwas nicht kennen, oder nur kennen, wenn sie wissen, was etwas wiegt, welches Maß es misst oder wie viel es kostet. Ich persönlich interessiere mich nicht für Geld, denn ich habe keins. Ich lebe in Lissabon, Rom, Wien, Paris und doch nirgendwo, schreibe Geschichte, die alle toll finden und keiner verlegen will, und versuche mich von meinen Leidenschaften zu ernähren. Meine Postadresse in Rom ist das Hassler, in Lissabon ein altehrwürdiges Café. Grand Hotels sind wunderbare Orte, die aus der Zeit fallen und dem Ort, an dem sie stehen. Sie leuchten wie weiße Botschaften der Zivilisation an den Küsten und stehen in Städten wie Diplomatien, die man benutzen und anfassen und einsauen darf. Sie dampfen wie große Schiffe in den Bergen, die durch die Zeit fahren und transportieren die Gegenwart einer längst vergangenen Zeit, damit es die Welt von gestern, auch morgen noch geben darf. Dadurch entsteht eine Verbindung zwischen den Zeiten. Nicht, dass sie einem so näher kämen, sondern weil dadurch eine scheinbar große Sehnsucht überbrückt wird. Das ist gut für Menschen, in denen es von Natur aus laut ist. Ein Vaterland für alle, die sich zwischen den Zeiten gefangen fühlen und keinem Vaterland zugehörig. Der Portier ist Pole, der Bellboy Russe, der Kellner aus der Slowakei, der Barmann Italiener, die Hausdame Portugiesin, der Direktor Österreicher und kaiserlich, selbst wenn er Befehle empfängt. Alle samt aus der Enge ihrer patriotischen Gefühle vertrieben und der Selbstverständlichkeit ihrer Heimat entrissen, für die sowieso keiner was kann, da die Welt nicht, wie angenommen, aus einem einzigen Ort besteht, sondern Millionen Orten, die sich alle für die einzigen halten. Ich verstehe, dass einige das nicht verstehen, aber ich verstehe auch, dass wir immer was für uns wollen und selten wollen wir das für andere. Kaum einer will heute von guten Zeiten lesen, geschweige denn von den besseren, wenn er nicht selbst eine erlebt. Am nächsten Tag waren wir am Meer verabredet, was sehr schön war. Man konnte schwimmen und war bereit für die nächste Flasche. Wir fuhren nach Saint-Paul-de-Vence, tranken vier davon im Café de la Place und spielten Petanque. Der Regen hatte sich verzogen und der Platz unter den Bäumen war leer. Nichts von dem hier erinnerte an die Schwarzweißbilder, die ich ihr davon gezeigt hatte und die Geschichte, dass ich bei meinem ersten Mal drei Tage brauchte, bis man mich mitspielen ließ. Ihr waren die Schwarzweißbilder der Bardots und de Gaulles egal und sie spielte ganz zauberhaft, einfach, elegant, unbeeindruckt und provinziell, wie in einem französischen Roman, bevor er veröffentlicht ist. Ich konnte ihr kaum widerstehen, in diesem langen Kleid, den Ballerinas und der Strickjacke, die sie sich drüber gezogen hatte und hasste sie noch mehr. Sie sagte, ihr ginge es genauso, wie ich da so im Anzug stehe, mit Kippe und auf die Bälle ziele und mich so sicher bewege, im Terrain und all diese Dinge kenne. Ich werde nie vergessen, wie sie auf mich zu rannte, um ihren letzten Wurf zu machen und ich dann noch einen Ball hatte, um das Spiel zu entscheiden und das Spiel entschied gegen einen Straßenkehrer und einen Abgeordneten aus Antibes. Nachdem Spiel prügelten wir den Bentley über die Hügel von Nizza. Ich war etwas angeschossen, aber so, dass ich alles noch unter Kontrolle hatte, wie immer, wenn man trinkt, fährt und das denkt. Hier oben konnte man von den Alpen der Provence bis zum Meer sehen. Die Temperaturen waren niedrig. Ich gab Gas und sah mir ihr Gesicht im Rückspiegel beim Gasgeben an. Ihr Blick provozierte, wie sie da so saß und lächelte, seelenruhig, in ihrem Kleid, den Schal über die Schultern gelegt, wie eine falsche Katholikin und mich fragte, ob da nicht noch mehr geht. Ich gab ihr mehr und sie schrie und wollte noch mehr als mehr, aber nach noch mehr käme der Tot. Im Zweifelsfall verheerend, interessiert aber eigentlich keinen, solang man weiterlebt. Man muss bis an die Schwelle, nur nicht darüber hinaus. Beim Petanque hatte ichs ihrs gezeigt, aber das ist Murmelnspielen eben. Liebe ist dann das Gefühl, noch nie schnell genug mit ihr gefahren zu sein. Das man weiß, wo diese Schwelle ist, und nicht die Kontrolle verliert, und denkt, dass die Typen, die sie vor mit hatte noch schneller gefahren sind und sieht, wie sie um die Kurven durch den Bentley fliegt, ist diese Schwelle. Wir fuhren dann noch ein bisschen über die Dörfer, suchten eine Bar, die noch offen hat, kauften Zigaretten und sprachen mit den Einheimischen. Die Reifen des Bentley qualmten und ein netter Kerl, der früher mal Messerwerfer war, lud uns ein. Auf dem Heimweg sagte ein Freund, dass das so nicht geht und ich fragte, was? So schnell zu fahren und damit davonzukommen und zu denken, den Menschen mit seiner bloßen Anwesenheit schon etwas zu geben. Es ist unerhört und unmöglich und es ist dadurch begehrenswert […]

WENN ÜBERALL AUF IMMER TRIFFT I

WENN ÜBERALL AUF IMMER TRIFFT I

Natürlich kann man nicht einfach erzählen, wie eine Reise war und erwarten, dass jemand was damit anfangen kann, wenn er nicht schon selbst da gewesen ist oder Lust hat an einer Hotelbar, in Genua, mit dem Barmann darüber zu reden. Es gibt auf Reisen immer gute Geschichten und lustige, die die Leute mögen und sie wollen diese Geschichten auch hören, wie man in einem Bahnhofslokal, in Busto Arsizio, festsaß und kein Zug mehr ging. Die Bar war lang und ging durch den Raum und man konnte sie vom Vorplatz und vom Gleis aus betreten. Reisende und Einwohner kamen hier zusammen. Männer an Theken, billige Reginella, mit Liebe gemacht, Kaffee, der exakt 22 Sekunden lief. Schon mein Geschmack, auch wie zum Bahnhof hin Bar geschrieben steht. Ich trank Averna mit einer, die die Männer an der Theke Valentina nannten. Im Hinterraum standen ein paar Spielautomaten und Billardtische, auf denen wir schliefen, den Rest behält man für sich oder schreibt ihn auf oder wartet, bis die Leute selbst dagewesen sind und mehr hören wollen oder sich verlieben und wissen, was es heißt, wenn man sagt, dass man nicht viel getrieben hat bis dahin. Ich kann so nicht erzählen, nur mittelmäßige Liebesgeschichten, ohne Liebe, lassen sich so erzählen, von Autoren, wie ich einer war, bevor ich einer wurde und mich verliebte. Man kann nicht nur erzählen, wie man sich liebte und den Bentley nach drei Flaschen Rosé im Café de La Place über die Hügel von Nizza jagte und wie schön sie aussah, als sie, bei 240, das Meer und Nizza zu ihrer Rechten, schneller! schneller! schneller! schrie. Das wurde mir am Ende sehr klar, als wir im Café des Amis saßen, mit Freunden, wie der Name schon sagt, die sich zeitgenössisch darüber echauffierten. Man konnte denen höchstens vom Hotel du Cap Ferrat erzählen, weil man dort festsaß und die Rechnung nicht zahlen konnten und den Sprit, um den Achtzylinder zurück nach zu Mailand zu bekommen und Franz in Wien schrieb, einem Verleger, dem ich vorheulte, dass wir hier festsitzen, wie tote Idole und die Drinks zahlen müssten und den Sprit. Hätte ich ihn nach was anderem gefragt, nach was zum Anlegen, Geld für Miete oder eine Lebertransplantation, er hätte nichts bezahlt, aber so gab er uns etwas Geld, das sogar noch für neue Drinks unterwegs reichte. Franz war vielleicht der einzige Verleger, der das heute noch verstand. Unsere Reise ging von den Seen über das Land bis ans Meer, kreuz und quer. Ohne zu wissen, an welches. Das musste man so früh im Jahr aber noch nicht. Man fragt sich auf dem Weg von Mailand an die Riviera natürlich, ob es sinnvoll ist, extra für ein paar Negronis noch zwischen Cernobbio und Ravenna zu halten. Aber Angelo arbeitet im Sommer da in der Villa d’Este, nachdem er den Winter in St.Moritz im Kulm gearbeitet hat. In den Bergen leitet er das Grand Restaurant, hier bringt er einem die Drinks und wenn er einem die Drinks gebracht hat, an einem Abend unter Bäumen, mit Blick auf den See und dem Knirschen seiner Schritte im Kies und dem Klang von Eiswürfeln im Glas, das von ihm über den Kies, unter den Bäumen getragen wird, fragt man sich das nicht mehr. Man schwelgt in Erinnerungen und denkt über den Sommer nach, redet mit Angelo über die besten der alten Orte und einige neue, an denen man mit seinem Leben weitermachen würde. Badeorte & Bergdörfer, Inseln, Hotel Paläste. Ans Meer fährt man sicherlich, aber hier am See, zwischen Norden und Süden, meint Angelo, müsste man noch nicht wissen, an welches. Man macht die nötigen Korrespondenzen, studiert Wetterkarten und Ausstellungsverzeichnisse der Zeitungen, trifft Vorkehrungen und Verabredungen, organisiert Zusammenkünfte, Lunches mit Leuten, die man kennt und lässt sie vom Lago di Como aus lieb Grüßen. Ich hatte eine Zeitung dabei, die eine Woche alt war und dachte das Wetter aus der Zeitung würde sich noch ändern, aber es änderte sich nicht und Mailand war bei unserer Ankunft so dunkel wie die bei Nacht und all die Wolken der Welt schienen sich im Becken vor den Alpen zu verfangen. Wir holten unseren Bentley und standen im Feierabendverkehr mit all diesen Warnsystemen in Nordatlanitktiefgrau. Der Innenraum dieses Autos sah aus wie der einer Boeing und man saß auch wie First Class, mit Sicherheitshinweisen, die dafür sorgten, dass man sonst nichts mehr zu tun musste, außer sich beim Fahren Gedanken zu machen. Ich schlug vor, so bis nach Genua zu fahren, weil man beim Bentleyfahren, das Fahren sowieso nicht so mitbekommt und das Wetter dort besser ist. Ich verbrachte jedes Jahr eine Nacht da und das konnte gut die hier sein. Natürlich gibt es bessere Städte, um sich die Absätze abzulaufen, aber wenn man jedes Jahr eine Nacht da ist, war die Stadt ein Traum, in dem alles so ist, wie es sonst nie nirgendwo war. Die größte Altstadt Europas, Paläste, einen Spalt weit von einander entfernt. Heute wohnt dort kaum einer mehr im Zentrum, was das Zentrum wundervoll macht, mit guten Bars und billigen Restaurants im Freien und unter Fresken. Geschichten von Tausend und einer Nacht und Nutten, Einwanderern, Ratten, aber sie hatte mein Angebot längst gekauft […]

PARIS IV

PARIS IV

Die romantischste Stadt der Welt ist für mich nur eine Notlösung. Meist Mittel zum Zweck. Erst neulich wieder, als ich morgens mit dem Nachtzug aus Wien am Gare de l’Este ankam und bis zu meinem Weiterflug, am Abend, in der Closerie des Lilas durch die Zeitung blätterte. Davor war ich auch immer nur so da, wie ich gerade erst wieder dagewesen bin, auf dem Weg wohin, weil es sich mit dem Flugzeug aus Lissabon nach Paris billiger und mit dem Zug nach Frankfurt bequemer reisen lässt. Paris ist dann nur so im Vorbeifahren und man macht mit seinem Leben weiter, ohne auf den Gedanken zu kommen, sich Eifeltürme anzusehen oder andere tote Dinge. Ich habe den Eifelturm einmal im Vorbeifahren gesehen, obwohl ich den Arc de Triumph, nachts im Vorbeifahren, mit wehender Frankreich-Flagge und den Geschichten Remarques, noch schöner finde. Die Tuilerien haben, kurz vor einer Trennung, auch ihren Charme, erst recht die Orangerie, das Orsay, aber ich will jetzt nicht erzählen, wie toll Paris ist, oder was man da macht. Ich mache nämlich gar nichts, außer mit meinem Leben weiter zu machen und mir meine Zeitung am Boulevard Saint-Michel zu kaufen. Den Mantelkragen hochgeklappt, den Hut ins Gesicht gezogen, je nach Jahreszeit. Lesen an Orten. Sehen wie Leben dann geht. Tun, wie wir alle tun, die wir uns in Städten als jemand ausgeben, der wir nicht sind, bis wir es vielleicht werden, weil wir lange genug getan haben, als ob. Man kann bei all den Erwartungen, die Paris umspannen, fast nur eine Scheißzeit haben, gerade als Liebespaar, vor allem als Schriftsteller. Es fühlt sich komisch an, Schriftsteller in Paris zu sein, und dazu noch verliebt. Das heißt aber nicht, dass man sich gar keine Notizen machen und gar nicht turteln darf, wenn man abends, zusammen allein, über die Brücken geht. Man trägt dann eben seinen Teil zum Mythos bei, sodass die, die dann vorbeifahren, denken, dass Paris nun mal die Stadt der Liebe ist, obwohl es bessere französische Städte für die Liebe gibt, wie Toulouse, Avignon und Dijon. Wir haben deshalb die meiste Zeit bis zur Weiterreise im Bett verbracht und im Bad, weil man vom Bad aus den Eifelturm sehen konnte und das Pantheon oder das, was wir für das Pantheon hielten (den Invalidendom). Der Eifelturm sticht in den Himmel, der immer grau und manchmal silber ist und selten blau. Darunter stehen die warmen, grünen Bäume auf dem Asphalt und werden um den Regen gebracht, der im Westen vom armorikanischen Massiv aufgehalten wird und im Osten über die Champagne zieht. Dass das so ist, erfuhr ich von einem Mann aus der Nachbarschaft, der öfters die Sauna unseres Hotels benutzt, um sich danach 15 Minuten in ein Eisbad zu setzen. Vor dem Abendessen saß ich da ein paar Minuten mit ihm. Er fragte, was ich hier mache und ich erzählte es ihm und er sagte, dass das Lutetia ein guter Ort dafür wäre und das intellektuellste Hotel der Stadt. Es ist immer noch schön, trotz der typischen Brandschutztüren, die durch die Renovierungen entstehen. Danach aßen wir im Bistro des Hotels mit Blick auf den Boulevard Raspail und die Rue des Sévres, die sich vor uns kreuzten. Das Essen war gut und umsonst und der Kellner Algerier. Weil ich Land und Leute gut kannte, ließ er uns bis nach Ladenschluss sitzen und empfahl uns dann ein noch offenes Café am Boulevard Saint-Germain, nicht weit vom Hotel, gegenüber vom Lipp. Dort versuchte wir meinen Gedanken zu folgen, weil die ständig versuchen, sich in Worte zu fassen. Sie trug ein kurzes Kleid und hatte die Beine verschränkt. Dazu tranken wir Bier. Ich sah auf ihre blauen, hohen Schuhe, in denen sich die Straßenlichter spiegelten und die Lichter der vorbeifahrenden Autos, die meine Gedanken davontrugen und einen Augenblick nur die Schuhe und die Beine zurückließen. Auf dem Heimweg stritten wir trotzdem die Gitterstäbe des Luxembourg entlang, wie Modigliani und Jeanne Hébuterne und ich hätte sie wohl auch gerne an den Haaren heimgezogen, aber das durfte man nicht und auch früher nicht, obwohl man zu Caravaggios Zeiten seinem Kontrahenten noch die Augen ausstechen konnte. Ich ließ sie […]

ALLER TAGE ABEND

ALLER TAGE ABEND

Ich weiß nun wieder, warum ich schreibe, der Playboy hat angefragt, sie hätten gerne eine Story zum Thema Lust, in der ich meine neue Liebe beschreibe, mit Haaren bis zum Arsch und Beinen bis zum Hals und den nötigen Helfersyndromen. Lustig soll die Geschichte werden, selbstironisch über den Dingen schweben, und nicht zu lang, obwohl ich bis zum Hals in ihnen stecke und sich große Gefühle nicht einfach in achthundert Worten abkühlen lassen. Ich kann und will so nicht schreiben, nur mittelmäßige Liebesgeschichten, ohne Liebe, lassen sich so schreiben, von Autoren, wie ich vielleicht einer war, bevor ich einer war und mich verliebte. Ich habe schon viel darüber geschrieben, aber noch nichts, dass so ist, wie es ist. Nur langweilige, epische Breite, unnötige Zeilen, Liebesszenen, in denen sich die Unkenntnis meiner Liebe offenbart. Worte definieren nur einen Teil und einen anderen nicht. Sie können Gefühle nicht fassen, außerdem hat man die schon und muss eigentlich nicht noch darüber schreiben. Nicht mal fragen, nur sagen, man hätte es wohl nicht erwartet und wäre froh, dass sie gekommen ist. Oder man würde überhaupt nichts sagen, sondern einfach miteinander zusammensitzen ohne Fragen und Sagen, wodurch sich Menschen nur trennen. Ich will daher auch nicht dieselben Worte für etwas benutzen, das nun vergangen ist. Worte zählen, bis sie nicht mehr zählen und bis dahin meint man sie vielleicht auch. Es ist dann eigentlich schon gut, wenn man das, was man fühlt, nicht durchs Schreiben zerstört. Wittgenstein, Chomsky und Gott selbst in allen Ehren, aber selbst Gott kann aufhören, wenn er auf eine Realität stößt, die seine Vorstellungskraft übertroffen hat.  Ich lebe in einer glücklichen Zeit und über glückliche Zeiten gibt es nicht viel zu schreiben, außer, wenn man sich bewusst ist, wie kostbar sie sind und wie leicht sie vergehen, ohne deshalb vorsichtig zu werden. Man muss dafür nicht das Leben eines Schriftstellers führen, es reicht ein Mensch zu sein, der einen anderen liebt und weiß, was passiert und was nicht passiert und das nicht ernster nimmt und dann schreibt, als ob es gar nie hätte anders gewesen sein können. Es ist vielleicht langweilig, wenn zwei Menschen glücklich sind und man nicht mit oder nicht mehr und will, dass sie es auch nicht mehr sind, ohne lustige Scherze. Wir alle wollen etwas für uns und selten wollen wir das auch für andere. Man will nicht lesen, dass sie Straßen gingen, die keinen besonderen Namen hatten und in Restaurants aßen, die keiner kennt und Dinge taten, die niemanden so sehr interessieren, wie sie. Nicht nur das, aber man hat dass eben eben, was wir alle suchen und kann sich dem widmen, und es, wenn man will, mit in eine Bar nehmen oder ein Tanzlokal oder andere schöne Orte. Gerade weil es dann eine glückliche Zeit ist, muss man darüberschreiben. Die Kunst diktiert dabei alles Menschenmögliche. Helden müssen aber gar nicht immer sterben, wie in den großen Romanen, die man so liest, es gibt gute, große, griechische, von denen ich gehört habe, in denen der Held am Meer bis ans Ende lebt. Alle großen Lieben der Literatur scheitern oder müssen im banalen Hafen der Ehe enden. Die Literatur kanns sichs anscheinend nicht leisten, so unvorhersehbar, wie das Leben, zu sein. Sie ist eine Nachahmung davon und auf Madam Bovary, Lady Chatterley, Murakamis Geliebte, Adam & Eva, Dieter Bohlen, Abaelard und Heloise, Cäsar und Cleopatra reduziert. Sie zeigt kein Leben, sondern die Vorstellung und legitimiert den Mythos des Künstlers als lebensunfähiges Ding. Man muss aber aber gar nicht so lebensunfähig sein, um Kunst und Liebe zu machen, man kann es hinkriegen, vielleicht nicht mit Munch, Mann oder Rilke und all den anderen Beziehungskrüppeln. Kanusgard ist nicht schlecht. Auch ein Krüppel, aber einer, ders wenigstens versucht (hat?). Natürlich war ich auch mal ein Krüppel, aber der von Molière, der am Ende weiterlebt, nicht die von Mozart. Wenn ich jemanden traf, der mir nahe kam und sich die Liebe zeigte, glaubte ich es nicht und tat, was ich immer getan hatte, nachdem ich wen getroffen hatte und mir die Möglichkeit des Bleibens nicht einfiel: Ich ging in die nächste Bar, flog und fuhr weit weg durch die Welt: Florenz, Paris, Wien, München, Mailand, obwohl ich in Lissabon, Rom, Madrid und doch nirgendwo zu Hause war. Es gibt kein Genugsein, nur Weitermüssen. Immer rastlos unterwegs ins Nirgendwohin, nur auf Brücken, die Hier und Dort miteinander verbinden und mir erlauben, zwischen entschiedenen Handlungen und unwiderruflichen Entschlüssen keine Entscheidungen treffen zu müssen. Ich wanderte, Tage, Wochen, Jahre, schlief an Orten, deren Namen ich nicht kannte und mit Frauen, deren Angesicht ich nicht sah und auch nicht sehen wollte. Durch die Länder, Städte und Dörfer, durch die ich kam, kam ich nur, um anzukommen und sie verlassen zu können, ich wusste nicht, wie Bleiben geht, gut ging es mir in der Fremde. Ich war bescheiden aus Hochmut, erbittert gegen die Reichen, ohne Solidarität den Armen gegenüber, nur einmal glücklich als ich in Kunderas Leichtigkeit eine autoritative Bestätigung meiner Instinkte fand. Bis ich eine Frau vor der […]

FIASKO AUF DEM LAND

FIASKO AUF DEM LAND

Die Regentage, letzten Winter, verbrachten wir auf dem Weingut einer Familie im Norden des Landes. Zum Hof führte eine staubige Straße und noch andere Straßen, die man aber nur gehen konnte, weil das Gras in der Mitte zu hoch stand. Die Straße, die man fahren konnte, wurde von Olivenbäumen gesäumt und fiel zum Hof hin ab, wie eine Schanze über Wein und Wald, dessen Bäume den Blick zum Horizont versperrten. Der Weinberg lag da kahl und vorbereitet. Im Süden konnte man die Bergkette der Serra de Estrela sehen und am Abend, wenn sich die Konturen hinter der Adega zeigten, bis zur Serra do Buçaco, glaubten wir jedenfalls. Die Landschaft schwang sich dahin wie die See, Reben und Hügelmeer. Das Grün hatte viele Farben, die Birken und Kirschen waren weiß. Am schönsten war der Hof am Abend, wenn das Licht am Himmel Orange war und dann Lila in der Ferne mit den blauen Bergen, die immer blasser und blauer wurden. Das Licht der Dörfer ging dann an und man sah in der Dunkelheit, wo noch überall Dörfer waren und Straßen und hatte eine gute Metapher, für die Wege, die unsere Gedanken manchmal gingen. Manche Straßen endeten in Sackgassen, andere waren dicht befahren, machten Umwege oder wurden gerade erst gebaut, um die Dunkelheit zu erkunden. Die meisten Häuser standen einzeln da und leuchteten bei Nacht und ließen sich kaum von den Sternen unterscheiden. Der Himmel ging dann in die Erde über und am Morgen war die Welt dann kalt und klar und neuer Rauch stieg auf aus den Kaminen, der so sorglos und hoffnungsvoll in der Kälte roch, wie Toast und Kaffee oder das Duschen von jemandem, der schon lange wach gewesen ist. Heute kann ich sagen: Wir mussten einfach aufs Land. Nur das Land und der Wein auf dem Land konnten uns noch retten. Man muss ihn auf dem Land trinken, es bringt nichts den Wein vom Land in der Stadt zu trinken und auf dem Land mit dem Stadtleben weiterzumachen. Den langen Nächten, den kurzen Tagen, den Weinpreisen verdammt. Irgendwie ist Wein das fehlende Stück einer Seele. Der Wein mehr als das Land, das mag sein, aber was wäre der Wein ohne das Land und umgekehrt. Ich weiß heute, dass wir einfach irgendwo hin mussten, wohin war egal, nur dass es irgendwo war, und nicht in der Stadt, war wichtig. Die Weinbauern im Norden hatten mir in den letzten Jahren schon oft aus der Scheiße geholfen, indem sie mich in richtige Scheiße stellten. Das half mehr, als Bilder von Munch und Gedichte von anderen Beziehungskrüppeln. Das half mehr, als die Straßen der Stadt, in denen man sich früher immer gerne verlor, um wieder zu sich zu finden. Da waren Orte, die wir kannten und Orte, die wir nicht kannte und Orte, an denen wir mit anderen waren, aber nie so wie wir. Daheim in der Fremde und all den anderen Daheims, die für andere Fremden sind. Ich bin auch schon an dem Orte gewesen, an den wir wollten, nur damals schien mir der Nebel morgens über dem Fluss mit den Booten drauf, keine Geschichte wert. Die Farben zu braun, zu blass. Diesmal war es anders. Wir warten an der Bahnstation irgendeines Dorfes, dessen Namen wir nicht kannten, auf den Bus und ich genoss das Gefühl zwischen den Orten mit ihr an einer Bahnstation zu sein. Auf den Gleisen lag Moos. Manchmal fuhr ein Auto vor, das wie ein Schiff im Hafen anhielt. Sie kam aus einem kleinen Geschäft und hatte Würste mit Gluten und Bier dabei. Die Mittelklasseträumen von Männern mit Hautpflegegewohnheiten, die in der Stadt über ihre Gefühle reden und auf die Ernährung achten, waren nun weit. Die damit verbunden Neurosen auch. Nicht weit von uns stand eine […]

FIX & FERTIG

FIX & FERTIG

Gleich im neuen Jahr musste ich, wie man gerne so sagt, für ein paar Tage nach Oslo. Ich musste es, wie man eigentlich gar nichts muss und es von allen Dingen behauptet, die man lieber muss, anstatt sie wollen zu können. Ich bin also in Oslo gewesen, aber wirklich da war ich nicht. Ich war höchstens da, wie Munchs Melancholiker am Asgarsdstrand gewesen ist. Total abgeschnitten von der Welt, in Gedanken, die ihn vom Leben trennen und sich in Wellen die Küste des Fjords, an den Steinen lang, in die Ferne schwingen. Nur das Munchmuseum und Schaumwein, nach dem Munchmuseum, konnten noch helfen. Aus irgendwelchen Gründen dachte ich, dass man in Oslo aber nicht Trinken und Rauchen kann, oder nur teuer, was das gleiche ist, aber das ist nur in Neuseeland so und auch nur für bestimmte Generationen, die nach 2009 geboren sind. Ich fürchtete trotzdem, dass man nicht Rauchen könnte und dann nur das Denken hätte und was dann die Leute dächten, wenn man in Oslo ist und denkt, ohne rauchen zu können. Es gibt bessere Orte zum Denken,   als den Norden, den Süden, den Sommer, am Strand. Alles schlimme kommt vom Denken, auch das Rauchen. Es ist eine Not, das kann man sich kaum vorstellen. Vielleicht höre ich aber bald damit auf und verbringe meine Zeit nur noch mit Rauchen und den Tieren, die hab ich lieb, die streichle ich, die sprechen so nett zueinander, poppen und fressen sich auf. Ich denke, dass die nicht denken. Nur Menschen denken über Gedanken nach, aber selbst die gedachtetsten, so substanzlos sie sind, brauchen einen Stützpunkt, sonst beginnen sie zu rotieren und sinnlos um sich zu kreisen, denn auch sie ertragen nicht das Nichts ohne Wein. Dieses tägliche weiße Blatt, Morgen für Morgen ein neuer Niemand, wie Sloterdijk schreibt. Picasso hatte das jeden Tag. Munch die ganze Zeit, wenn er sich, trotz Abstinenzbewegung, nicht gleich was hinter die Rinde schüttete. Und ich fürchtete, dass ich nicht Rauchen und nicht Trinken könnte und dann nur das Denken hätte. Ich war so einsam und gleichgültig und nüchtern auf der Welt, dass ich von nichts und niemandem Notiz nahm. Ich schrieb nichts, sah nichts, aß kaum, obwohl ich in tolle Lokale ging und hing wie ein Fisch an jedem Wort, das sie sagte, wenn man ihn aus dem Meer zieht. Ich musste wohl wahnsinnig geworden sein, oder wie man gerne so sagt, wenn man nicht anders kann, verliebt. Normalerweise komme ich, nach so einer Reise, zu Hause an, packe meine Sachen aus, rauche wenig, schlafe viel, trinke nichts, zwinge mich, bis das Denken aufhört und das Schreiben beginnt. Mir fällt dann langsam wieder auf, was mir aufgefallen ist und wie viel das kostete. Das einzige, was ich mit Sicherheit sagen kann, Oslo ist teuer, aber gar nicht so schlimm und kalt und dunkel, wie man […]