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BYND

Konstantin Arnold

URLAUB

URLAUB

Frühling. Paarungszeit. Die Tauben grasen auf den Plätzen wie Kühe oder pflanzen sich auf eine Art und Weise fort, die wir uns seit Jahrhunderten mühsam versuchen abzugewöhnen. Erst nur die Kirche, dann sind wir selbst zu Kirche geworden. Das Schöne an den Jahrhunderten ist ja, dass sie sich selbst vom Mist filtern und von allein auf ihren Wahrheitsgehalt reduzieren, auf das Ewige, alles was hält, wirst schon sehen! nicht der Rede wert. Portugiesische Anreden sind ewig, Weihnachten und Sex von hinten, Lieder, die von traurigen Italienern in Cordanzügen gesungen werden, während sie auf Heuballen stehen und deutsche Rezepte, die aus Hungersnöten in Weltkriegen gemacht wurden. Das Italienische und Portugiesische unterscheidet sich nur in seinen Klischees, nicht aber im Alltag und das Geheimnis liegt in den Tagen verborgen, die wie alle anderen Tage sind. Gerade da unterscheiden sich Italien und Deutschland sehr. Die Deutschen sind gut an der Arbeit, die Italiener sind besser danach. Und umgedreht. In Italien arbeitet man im Blaumann, schraubt oder steht in Scheiße rum und setzt sich nach Feierabend, im Anzug auf einen schönen Platz, auf dem Tauben grasen wie Kühe, die sich gewaltsam miteinander fortpflanzen. Trinkt Wein. Ist da. Sonst nichts. Außer es kommt noch eine Flasche Wein vorbei jemand, mit dem man die teilen kann. Fertig. Ende der Aktion. Falls keine Tageszeitung mehr über den Platz weht, die man lesen kann. In Deutschland fährt man im Anzug zur Arbeit, Tür auf, Treppe runter, ganz früh und ganz aufgeregt auf dem Fahrrad, mit Leuchtkleidung an, klingelt wie man mit einem Maschinengewehr auf Frauen und Kinder schießen würde und frisst sein aufgetautes Mittagessen aus einem Plastikcontainer, den sich die Ehefrau im praktischen Familien-Set selbst zum Geburtstag schenkte. Wie eine Kuh. Ganz und gar und glücklich. Und nach Feierabend, Tür zu, Treppe runter, jetzt kommt’s, zieht man sich etwas Graues an und geht Treppe wieder runter in Badelatschen kurz zum Dönnermann, noch eine Hawaii kaufen, um gemütlich zwischen den Raufasertapeten eine Serien fertigzugucken oder im Internet Sachen zu kommentieren und danach was bei Amazon zu kaufen, einen Gartenmöbel, scrollend, mit nur einem Fettfinger, oder einen Zeitartikel zu lesen, den eine vegane Volontärin mit welken Eierstöcken aus einem teuren Yogaretreat in Indonesien geschrieben hat, in dem alle um fünf Uhr aufstehen und Avocados essen, mit edlen Samen drauf, die von kleinen Kindern gesammelt wurden und diese ganze Gottlosigkeit mit etwas Einatmen aufarbeiteten. Für Kacke, die endlich mal fest ist. Gefangen im Grenzenlosen, zu glauben, wir steigen, wenn wir gehen, fahren, fliegen, erledigen, absolvieren. Nichts ist so inhaftierend, wie die Möglichkeit zu allem, denn alles ist die konstante Ablenkung vom Nichts. Und beim Nichts wollen wir’s belassen, bevor’s mit mir durchgeht und ich am Ende überall lande, nur nicht da, wo ich hinwollte. Denn, wenn’s um Leuchtkleidung und Avocados geht, die von rauen Kinderhänden gepflückt wurden, bin ich schwer zu bremsen. Verausgabe mich. Voll und ganz. Gebe mich dem Hass hin, den diese Heuchelei speist und suhle mich in Bullenscheiße, aus der die Lügen sind, mit denen wir uns am Leben halten. Muss mich erschöpft unter Bäume legen. Die Blätter rauschen im Wind. Das Blau des Himmels scheint durch das Rauschen und die Welt zieht vorbei, hupt so vor sich hin, bewusstlos und taub, ist nichts, sucht keinen Sinn. Solche Sachen schreiben, heißt ihnen die Angst nehmen und andere Sachen schreiben, bedeutet ihre Kraft zu bewahren. Beim Schreiben dem Leben folgen. Auch in den Urlaub. Lissabon ist aus vielem, aus dem woanders Urlaub gemacht wird. Augen auf und eine blühende Avenida runter laufen. Mit allen Sinnen. Am Ende eines Tages durch die Dämmerung der Dinge. Sein Sommerkleid durch die Straßen tragen. Ohne viel Vorhaben, nur Laufen und Eislecken, so vor sich hin. Einfach drauf zu, ohne Plan von der Welt, der am Ende eh nirgendwo hinführt. Nichts schreiben, nichts denken, nichts sagen, sich einfach langsam mitdrehen. Sich finden, in dem man sich verliert. Vorbei an Kreuzworträtselattraktionen, die auch ohne Menschen mit neun Buchstaben auskommen: Touristen. Immer die anderen. Jene, die […]