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BYND

Konstantin Arnold

URLAUB

URLAUB

Fast Sommer. Kurz nach der Paarungszeit. Die letzten Tauben grasen auf den Plätzen wie Kühe oder pflanzen sich auf eine Art und Weise fort, die wir uns seit Jahrhunderten mühsam versuchen abzugewöhnen. Erst nur die Kirche, dann sind wir selbst zu Kirche geworden. Das Schöne an den Jahrhunderten ist ja, dass sie sich selbst vom Mist filtern, und von allein auf ihren Wahrheitsgehalt reduzieren, auf das Ewige, alles was hält und frei ist von Eitelkeit, Absicht, Befürchtung, wirst schon sehen! Spanische Anreden sind ewig, Weihnachten und Sex von hinten, Lieder, die von traurigen Portugiesen in Cordanzügen gesungen werden, während sie auf Heuballen stehen und deutsche Rezepte, die aus Hungersnöten in Weltkriegen gemacht wurden. Das Spanische und Portugiesische unterscheidet sich kaum in seinen Klischees, dafür aber im Alltag und das Geheimnis liegt in den Tagen verborgen, die wie alle anderen Tage sind. Vor allem da unterscheiden sich Portugal und Deutschland sehr. Die Deutschen sind gut an der Arbeit, die Portugiesen besser danach. Und umgedreht. Die Spanier sind für die Portugiesen, was die Portugiesen für die Deutschen sind, und für mich ist Portugal die schöne Version von Spanien. Deutschland ist mir egal. Würde lieber in einem portugiesischen Gefängnis wohnen, als in jedem deutschen Schloss. Für Portugal würde sogar ich in den Krieg gehen, aber man geht heute nicht mehr in den Krieg, man klickt ihn an. Er passiert einfach, aber keiner geht hin. In Portugal arbeitet man im Blaumann, schraubt oder steht in Scheiße rum und setzt sich nach Feierabend, im Anzug auf einen schönen Platz, auf dem Tauben grasen wie Kühe, die sich gewaltsam miteinander fortpflanzen. Ist da. Liebt, ohne andere zu hassen. Trinkt eine Flasche Wein. Wartet auf jemanden, mit dem man die teilen kann. Ende der Aktion. Falls keine Tageszeitung mehr über den Platz weht, die man lesen kann. In Deutschland fährt man im Anzug zur Arbeit, macht Tür auf, geht Treppe runter, ganz früh und ganz aufgeregt auf dem Fahrrad, mit Leuchtkleidung an, klingelt wie man mit einem Maschinengewehr auf Frauen und Kinder schießen würde und frisst sein aufgetautes Mittagessen aus einem Plastikcontainer, den sich die Ehefrau im praktischen Familien-Set selbst zum Geburtstag schenkte. Wie eine Kuh. Ganz und gar und glücklich. Und nach Feierabend, Tür zu, Treppe rauf, jetzt kommt’s, zieht man sich etwas Graues an und geht die Treppe wieder runter, in Badelatschen, kurz zum Dönnermann, noch eine Hawaii kaufen, um gemütlich zwischen den Raufasertapeten eine Serien fertigzugucken oder im Internet Sachen zu kommentieren und danach was bei Amazon zu kaufen, einen Gartenmöbel, scrollend, mit nur einem Fettfinger, oder einen Zeitartikel zu lesen, den eine vegane Volontärin mit welken Eierstöcken aus einem teuren Yogaretreat in Indonesien geschrieben hat, in dem alle um fünf Uhr aufstehen und Avocados essen, mit edlen Samen drauf, die von Kindern gesammelt wurden und diese ganze Gottlosigkeit mit etwas Einatmen aufarbeiteten. Für Kacke, die endlich mal fest ist. Gefangen im Grenzenlosen, zu glauben, wir steigen, wenn wir gehen, fahren, fliegen, erledigen, absolvieren. Nichts ist so inhaftierend, wie die Möglichkeit zu allem, denn alles ist die konstante Ablenkung vom Nichts. Und beim Nichts wollen wir’s belassen, bevor’s mit mir durchgeht und ich am Ende überall lande, nur nicht da, wo ich hinwollte. Denn, wenn’s um Leuchtkleidung und Avocados geht, die von rauen Kinderhänden gepflückt wurden, bin ich schwer zu bremsen. Verausgabe mich. Voll und ganz. Gebe mich dem Hass hin, den diese Heuchelei speist und suhle in Bullenscheiße, aus der die Lügen sind, mit denen wir uns am Leben halten. Muss mich erschöpft unter Bäume legen. Die Blätter rauschen im Wind. Das Blau des Himmels scheint durch das Rauschen und die Welt hupt vorbei, so vor sich hin, bewusstlos und taub, ist nichts, sucht auch keinen Sinn. Solche Sachen schreiben, heißt ihnen die Angst nehmen und andere Sachen schreiben, heißt ihre Kraft zu bewahren. Beim Schreiben dem Leben folgen. Sehnend mit allen Sinnen über eine blühende Avenida laufen. Ein Sommerkleid durch die Straßen tragen. Am Ende eines Tages durch die Dämmerung der Dinge. Ohne viel Vorhaben, nur Laufen und Eislecken, so vor sich hin. Einfach drauf zu, ohne Plan von der Welt, der am Ende eh nirgendwo hinführt. Nichts schreiben, nichts denken, nichts sagen, sich einfach langsam mitdrehen und finden, in dem man sich verliert. Vorbei an Kreuzworträtselattraktionen, die auch ohne Menschen mit neun Buchstaben auskommen […]