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BYND

Konstantin Arnold

AMOURÖS

Liebesgrüße aus einem Leben im Urlaubsmodus. Meinem Farn geht es prächtig und mir übrigens auch. Wolkenlos und vollgegessen. Mal verkatert, mal ausgesurft, lässt sich die Leichtigkeit eines Freitagvormittags hier von Montag bis Sonntag genießen. Am Stra­nd zwischen Ärschen, von denen einer braungebrannter ist, als der nächste. Einer beschäftigter, als der andere, weil es Knochenarbeit gleichkommt, von morgens bis abends so unantastbar wie möglich zu bleiben. Morgens bin ich in Praia Grande fast am Espresso ertrunken und abends habe ich auf einer Charityparty trockenen Rotwein mit dem österreichischen Botschafter gekübelt. Er im eleganten Leinenhemd und ich in abgeschnittenen Jeanshosen. Umzingelt von weiß gedeckten Tischen auf englischem Rasen, die durch dezente Gitarrenmusik bis zur Kulisse eines südeuropäischen Liebesfilms aufsteigen. Vorspeisen, Hauptgänge und für jede Lebenslage das richtige Besteck. Portugiesisches Highlife möchte ich meinen, das all die Dinge richtig macht, die andere wohl falsch machen. Einfach grenzenlos erlaubt, sich an einem Montagabend die Kante zu geben, ohne dafür Dienstagmorgen gerade (auf) zu stehen. Immer ruhig zu schlafen, weil teure Villen nicht in Autobahnnähe gebaut werden und die Milch im Kühlschrank einfach nie ausgeht. Weil Umtriebigkeit irgendwann gezwungener Maßen zu einem gemütlichen Boxspringbett führen muss und die Menschen auf Lissabons Kopfsteinpflaster natürlich selbst für ihre Umstände verantwortlich sind. Schon mal zum Platzen vollgefressen an einem Obdachlosen vorbeigegangen? Nicht an einem der fordert oder Haschisch verkauft, sondern dich bettelnd keines Blickes würdigt. Nicht aus angetrunkener Überheblichkeit, sondern weil ihm die Würde fehlt, um aufrichtig nach vorne zu gucken. Demut ist kraftvoll und eines der wichtigsten Bestandteile eines soliden Charakterbaukastens, auch wenn er das Fischbrötchen am Ende gar nicht wollte! Wann sind genug zu viel und die Gründe zum Entsagen zu […]

SESSHAFT

Ich bin so oft schon durch diese Gassen gelaufen. Verloren gegangen über Kopfsteinpflaster, das durch die Jahrzehnte von Sandalen und Turnschuhen bis aufs Zahnfleisch poliert wurde. In festen Schuhen hält es ja kein Tourist aus, weil Urlaub immer irgendwas mit Flipflops zu tun haben muss, obwohl man sich nach acht getrost einen Mantel über die sonnenverbannten Schultern werfen kann. Von oben, über der Stadt, dort wo Tinder-Dates zu richtigen Beziehungen reifen, ist alle vier Minuten ein neues Flugzeug voller Erwartungen im Anflug. Von hier unten ein Orgasmus der Reiseromantik, ein Fernwehporno, trifft ein Kondensstreifen auf den nächsten. Wo fliegt der wohl hin, wo kommt der wohl her? Ein richtiges Vorstellungsidyll, das viel zu weit weg ist, um die Wahrheit zu sagen. Denn eigentlich ist im verspäteten Flieger aus Boston langsam die Luft leer. Sitzen kann nach zehn Stunden auch kein Schwein mehr und der Anschlussflug ist schon längst wieder im portugiesischen Nachthimmel verschwunden. Endlich gelandet, kommt die Rolltreppe erst, nachdem sich jeder Passagier voller Verlustängste an sein Handgepäck klammert und so den Piloten provoziert, endlich diese scheiß Tür aufzumachen. Stehend lässt sich die Zeit natürlich am leichtesten vorspulen, auch wenn das Aufgabegepäck versehentlicherweise doch in Boston vergessen wurde. Ein großes Airline-Entschuldigung und eine Packung Haribo! Wer die Dinge lieber lebt, als sie zu träumen, muss das mit der eigenen Fantasie bezahlen. Die Hürden des Alltags an einen Ort schleppen, der sonst eigentlich nur Urlaub bedeutet. Klopapier kaufen, Zahnarzt besuchen, die ganze Wahrheit portugiesischer Hinterhofromantik ertragen. Mit Menschen und ihren Wäscheleinen hinter glänzenden Fassaden. Bettlacken und Schlüpfer hängen wie Blätter über Essensresten und aufgerauchten Camel Lights. Mittlerweile grüße ich den dicken Chinesen gegenüber immer mit einem vorsichtigen Kopfnicken, das man auch als Nichtnicken interpretieren könnte. Morgens hustet sich ein alter Portugiese für eine Viertelstunde von seinen Camel Lights frei und abends hängt ein durchtrainierter Angolaner seine verschwitzten Handtücher zum Trocknen […]

GUSTO

Ich habe für zwei Wochen keinen Weg auf mich genommen, den ich nicht bequem mit dem Skateboard hätte erledigen können. Ich habe Notizen ausgehalten, bis sie zu richtigen Geschichten gereift sind und meinen Bademantel einfach bis zum Mittag anbehalten. Hobby: Drei Bücher zum Nahen Osten in vier Tagen lesen und mit Hund im Wald spazieren. Alles überdurchschnittlich gut gebräunt. Ein paar Bilder von mir und dem Hund aus dem Wald gibt es auch, nur dann kam Kopenhagen. Ich wollte diese Geschichte eigentlich “Dilettant” nennen, nur dann kam Kopenhagen. Bis dahin hatte ich mir eingebildet, dass nichts so spannend ist, wie Urlaub im Nirgendwo. Bewusst Leben mit Müsli zum Frühstück und keinem Schnitzel mehr nach den Tagesthemen. Nur dann kam Kopenhagen. Bewusst Leben! Sich also permanent bewusst sein, dass alles eigentlich nur eine Show ist, die Erde eine Kugel und dann ab in die Klapse. Oder eben nach Kopenhagen. Fakt ist, dass es Luxus ist, wenn mir jemand auch nur einen Euro dafür zahlt, dass ich dort mal wieder die Zeit meines Lebens hatte. Gut, der Abschied. Immer wieder der gleiche Blues: wieder verkatert, wieder ein bisschen verliebt, wieder zu spät für den frühen Flug. Mir fehlen die Stunden, die wir nicht zusammen verbracht haben. Auch, wenn es immer mehr sein könnten und immer weniger, wenn es dann doch zu viele waren! So wie mit dem Geld, der Zeit oder Tequila. War es deswegen so schwer einen Artikel über diesen Wahnsinn zu schreiben, ohne sich mit zu viel Seriosität vor Skateboarding oder zu viel Skateboarding vor der Seriosität lächerlich zu machen? Fakt ist, gegen die Kopenhagen Open wirkt das Streetleague-Ereignis vor zwei Wochen, wie ein überteuerter Clubbesuch, in dem beim Tanzen plötzlich das Licht angeht und man seine müden Augen nicht mehr im Disconebel verstecken kann. Es ist grell, es ist warm, es ist noch viel greller und leider die Wahrheit. Was für ein Stilmittel! Jedenfalls Franky Villani, einer von zehntausend Skateboardprofis. Muss man nicht kennen, wenn man im Mittelfeld groß geworden ist, kannte ich bisher auch nicht, aber dann..kam Kopenhagen. Dieser Publikumswonneproppen steht, wie kein anderer für die Fleischwerdung des Skateboarding und den alten Schulfreund von damals, mit dem man nachmittags immer Cornflakes gegessen und King of Queens geschaut hat. Mein persönliches Highlight und was für schöne Erinnerungen! Damals, als das viele Reisen noch eine leidenschaftliche Utopie war, eine nicht enden wollende Begierde, eine ungestillte Sehnsucht oder einfach viel zu teuer. Oder damals, als sich die Stimme der Strandpromenadenmusikerin in Tel Aviv eingebrannt hat, wie ein unvergesslicher Sonnenbrand. Oder damals, als mir meine Oma sagte, dass ich so schön volles Haar habe und seither keine Mützen mehr getragen […]

TRUBEL

Frankfurt, wie immer. Hätte ich eine Frisur, würde die wahrscheinlich sitzen. Paris, Charles de Gaulle, vom Bus direkt in den Transit. Drinnen heißer als draußen, aber kein Grund, weshalb die Frisur hier nicht sitzen sollte. Keine Klimaanlage zum Ausfallen, kein laues Lüftchen. Nur viel zu wenig Schinken für ein belegtes Brötchen dieser Preisklasse. Selbstverständlich reklamiert. Wie es sich für einen richtigen Terminal Zwei eben gehört. Und in Biarritz? Wind, Regen, die Frisur scheißegal. Außer für einen braun gebrannten Herren im roten Cabriolet, der gerade noch versucht seine gekämmte Ordnung durch den Fahrtwind bis auf den Parkplatz zu retten. Grünes Poloshirt, weiße Haare, gelbe Gauloises. Ein richtiger Regenbogen. Woher ich das weiß? Weil ich ihn gerade nach einer Zigarette gefragt habe. Ich warte auf ein Taxi und er auf einen Golfkumpel aus Genf. Er sieht aus, wie jemand, der mit Urlaub mehr Geld verdient, als andere in Überstunden und redet mit der Leichtigkeit eines kiloschweren Bankkontos über die kleinen Dinge des Lebens. Haus am Luganersee, Segeln mit irgendeiner Schauspielerin, die ich seiner Meinung nach kennen müsste. Gal Gadot? Nein! Dafür kenne ich den Luganersee! Aus den Lebensgeschichten meiner fast 80-jährigen Lektorin, bei der ich mich erst letzte Woche mit einer Packung Pralinen und einer Flasche schlechtem Rotwein blicken ließ, um mal ohne Tastatur Danke zu sagen. Dass die Flasche danach leer war, obwohl des draußen noch viel zu hell war, ist ein anderes Thema. Wieso er sich nicht mit seinen kurzschwänzigen Kumpels in Monaco um die Wette misst, will ich wissen -hier am Atlantik fällt man doch beim Bezahlen schon mit Kreditkarte auf? Ich liebe Biarritz und jemand in Biarritz liebt mich. Kein Wunder! Ich liebe Biarritz auch. An einem Freitagabend trifft man hier die schönsten Frauen der Welt. Erstens, weil ich in Kolumbien oder Venezuela noch nicht war und sie in Norwegen wahrscheinlich zu viele Mützen tragen. Hier ist es heute viel zu heiß für lange Hosen, aber feste Schuhe werden in unbekümmerter Küstennähe zu einem Statement. Die Luft steht zwischen rauchenden Touristen und markanten Augenbrauen in roten Sommerkleidern, die mich nur bedingt auf die Unterhaltung konzentrieren lassen, die wir gerade führen. Jaja, ständige Veränderung kann irgendwann auch zur Gewohnheit werden und ja, es ist voll hier. Auf die Einbahnstraßen hat man Esstische gestellt. Rotweinatmosphäre, die von Antiterrorarchitektur und tonnenschweren Steinquadern beschützt wird. Große Fische vor kleinen Gläsern. Viele von hier, die meisten von woanders. Alle Hauptsache draußen, denn drinnen wird Bier bestellen zur Sauna. Überall Gemenge. Französisches Gelächter in baskischen Straßen voller Tradition und jungem Putz. Eine frivole Ode, aber ich schreibe ja keine Romane. Aber wenigstens noch all die parkenden Motorräder erwähnen (verdammt, ich brauche endlich ein Motorrad). Und vielleicht noch all die Händchen haltenden Traumfrauen mit knallroten Lippen (verdammt, ich brauche endlich eine Traumfrau ohne Händchen oder Träume ohne Lippen). Momente voller Ambiente, die nur darauf warten, gelebt zu werden. Ob unbedingt bis nach Mitternacht kann ich bei dieser Hitze nicht genau sagen. Scheiße ist das heiß! Und der Typ neben mir trägt sogar Levis, Stiefel und Schalenhelm ohne zu schwitzen. Cool und gelassen. Bewundernswert bis auf das Wohlstandspläuzchen. Dann lieber mit gutem Stoffwechsel unter verschwitztem Blickkontakt. Wie gerne würde ich morgen früh in einer Jugendstilvilla mit Balkon und verwildertem Garten aufwachen, der innerhalb seiner Mauern wuchern kann, wie er will. Schon vor neun Zigaretten rauchen und schwarzen Kaffee trinken, weil knallrote Lippen flüstern, man würde ewig leben. Nimmt man […]

WAHNSINN

Warum mein Reisepass noch so neu ist und ob ich mein weißes Hemd selbst gebügelt hätte, möchte die Grenzbeamtin am Terminal 1C in Frankfurt gerne wissen? Wer meinen Koffer gepackt hat, und wieso unser Fotograf unbedingt im Wasser fotografieren möchte auch. Wer ihm denn den Zweitnamen “Amon” gegeben hätte und wieso wir zum Surfen überhaupt nach Israel fliegen? Wo genau wir uns aufhalten werden und welche Erwartungen wir an diese Reise hegen? Weshalb Leon Glatzer dafür gerade aus Lissabon anreist und wir uns in unseren Antworten nicht besser abgesprochen hätten, kann ich drei Stunden vor Abflug auch noch nicht genau sagen. Dafür aber, dass Israel am Check-in beginnt. Dort, wo deine Urlaubsstimmung unter Aufsicht von Maschinengewehren gewogen wird und sich die Menschen in weißen Räumen noch für dich und die Herkunft deiner intimsten Pflegeprodukte interessieren. Wer dachte alle Abgründe internationaler Flugsicherheitsfürsorge bereits erlebt zu haben, sollte unbedingt noch “EL AL” kennenlernen.Bar Refaeli, heiliges Land und Jahrtausende alte Konflikte. Mehr Fragen als Antworten und Religion als unüberwindbarer Schatten extremer Gefühle. Was man eben so weiß und natürlich habe ich mein weißes Hemd selbst gebügelt. Aber Israel ist für uns mehr als nur vorgefertigte Antworten auf hermetisch abgeriegelten Kontrollzwang. Mehr als Stereotypen und viel mehr als nur reine Surfdestination. Ein Ziel, das mehr als nur Meer fordert und sich durch eine Sportart Zugang zu Räumen verschafft, die wir unbedingt betreten möchten. Ob leichtfüßig in weltoffenem Wahnsinn oder tonnenschwer unter religiösem Dogma, erfährt Kontrast zwischen Tel Aviv und Jerusalem (besser noch Hebron) ganz neue Dimensionen, die weniger als eine Stunde voneinander entfernt liegen, wenn der Verkehr gerade nicht stockt. Wenn Israel bereits am Check-in beginnt, hört es in Tel Aviv direkt wieder auf. Weltoffen bis in jeden einzelnen Backstein und ein internationaler Schmelztiegel, der nur das Beste aller Mentalitäten in sich vereint. Die Schönheit Brasiliens, den Stil der Franzosen, die Ausgelassenheit Australiens, die Offenheit der Italiener und sogar der Tiefgang der Deutschen vermengen sich zu einem Szenario, das etwas in uns auslöst. Dass jeden Barbesuch im “Rotschild 12” zu einer bewusstseinserweiternden Lehrstunde macht, in der jede Barbesucherin mindestens zwei Jahre langen Militärdienst geleistet hat. In der du jedes Gespräch führst, als wäre es dein letztes, in der du den nächsten Gin Tonic bestellst, als wäre es dein erster und alles zusammen in Freiheit genießt, als gäbe es in der Tat keinen Morgen mehr. Keine sittliche Gesinnung, keine befohlene Moral, außer der deiner eigenen und der, dass man Falafel wirklich nur zur Wochenmitte und um die Mittagszeit essen sollte. Nach einer Woche in dieser Stadt willst du dein Leben ändern, deine Beziehung beenden, alles Bestehende in Frage stellen und deine Koffer von nun an nur noch hier auspacken, weil es sich wie Verschwendung anfühlt, nur eine Minute ohne dieses Pulsieren verbringen zu müssen. Tel Aviv ist ein Staat im Staat, der den Nahen Osten noch näher bringt und Grund dafür ist, dass wir, und das-permanente-Gefühl-etwas-zu-verpassen, in den vergangenen Nächten so wenig geschlafen haben. Es ist eine Überlastung an Möglichkeiten, die über die “Purim”-Feiertage ihren alljährlichen Höhepunkt findet, weil es direkt zum Start unserer Reise alle Juden dazu auffordert, verkleidet richtig viel Wein zu trinken. Eine ganze Stadt heißt uns willkommen. Sogar die Humusverkäuferin an der Ecke beteuert Morgen für Morgen, dass sie deutsche Touristen von allen am allerliebsten hat. Weil wir mit einem professionellen Surfer unterwegs sind und verdammt viele Kameras tragen oder solche Komplimente das Geschäft einfach zum Florieren bringen, ist uns egal. Wir fühlen uns aufgenommen, angekommen und verzaubert, wenn osmanische, arabische und israelische Tradition im Altstadtteil “Jaffa” aufeinandertreffen. Wenn nach acht nur noch Anzügliches durch die Vokabeln einer heiligen Sprache dringt oder sich braun brennende Badenixen an der Promenade klarstellen, warum „Tel Aviv eine einzige Blase ist, in der man nichts, absolut nichts von Mauern, Gewehren und Konflikten“ mitbekommt und „einfach nicht über Politik reden möchte“. Fakt ist, die Wellen des […]

 WAHNSINNIGER

Mittlerweile hatten wir jeden Tag Wellen, ohne das überhaupt gewollt zu haben. Sogar in Tel Aviv, zwischen den Molen. Wir sehnen uns nach Ruhe, die wir an einem Ort finden, der dem Filmset einer Bond-Verfilmung gleicht. Der Kunstschätze im Wert von über 600 Millionen Euro beherbergt und durch die vielen weißen Bademäntel wie eine Entzugsklinik wirkt, in Wahrheit und Vergangenheit aber als Sanatorium für psychisch geschädigte Soldaten diente. Dieses Hotel ist der unbestreitbar beste Ort auf der Welt, um sich verzehrt und gezeichnet den eigenen Altlasten hinzugeben.Auf dem Weg dorthin sprechen wir über Tunnel, Grenzen und den wahren Vitamingehalt von Trockenfrüchten. Shachar erzählt uns, dass sein Vater ein hoher Sicherheitsbeamter war und sie den Gazastreifen seit Jahren mit Neoprenanzügen und Surfboards versorgen möchten, doch immer wieder an der wahllosen Willkür der Hamas-Regierung scheitern. Eingesperrt am Meer? Surfen als wahre Flucht begreifen? Vorstellungen, die unser Interesse an diesem gesellschaftlichen Schockfrost noch vor dem Aussteigen keimen lassen. Aber wie wir jetzt an diesem Ort gelandet sind, an dem man originale Picassos vom Esstisch aus bewundern oder mit einem Glas Rotwein im Bademantel durch teure Kunst flanieren kann, vermag ich mir immer noch nicht zu sagen. Wir haben ohne Budget einfach ahnungslos Hotels angeschrieben und ihnen gesagt, dass wir zusammen mit Leon Glatzer kommen. Dass wir am Ende in Israels Topunterbringung landen und einen Ort kennenlernen, der so abwegig wie einmalig ist, hätte nun wirklich niemand ahnen können. Trotzdem haben wir schnell genug von wohltuendem Thermalbad ab 40 und umso entzückterem Hotelpersonal. Wir wollen mehr! Endlich Gegensätze erfahren. Blasen verlassen, uns irgendwie bedroht und demütig fühlen. Also wieder wenig Schlaf und um sechs Uhr morgens nach Jerusalem! Jerusalem ist ein wunderbarer Ort, um Atheist zu werden oder sich in unzähligen Touristenshops bis auf die Socken völlig neu einzukleiden. Ein Ausverkauf von Religion, der nicht einmal vor den Ritualen der Klagemauer haltmacht. Fotowütige Abenteuertouristen inmitten Jahrtausende alter Gassen und Gartenstühle, die vor Heiligkeit und Abnutzung strotzen. Wie wir zum Felsendom kommen, will uns auf jüdisch-orthodoxer Seite niemand sagen. Und dass man diesen Ort nur noch zu bestimmten Zeiten besuchen darf, weil sich jüdische Terroristen, als Touristen verkleidet, immer wieder in die Luft zu sprengen versuchen, erfahren wir auch erst von unserem Taxifahrer, mit dem wir gerade auf dem Weg nach Hebron sind. Erst gestern wurde am Löwentor, dem Eingang zum muslimischen Viertel der ummauerten Altstadt, ein Fundamentalist von Soldaten erschossen. „Ein Muslime, auf dem Weg zu seinem Mittagsgebet“, beteuert unser Taxifahrer. „Ein bewaffneter Terrorist“, schreiben die israelischen Zeitungen. Wir passieren Checkpoints und […]

FREIHAUS

Gestern Abend habe ich mir per Express mehr Socken bestellt, als ich überhaupt tragen kann, weil zwischen Ankunft und Abreise kaum noch ein schonender Waschgang passt. Auch nicht mit Trockner oder Geschwindigkeitsüberschreitung auf dem Weg nach Frankfurt. Frankfurt-Hahn, weil falsch gebuchte Flüge zu einem Missverständnis gehören, wie gut gemeintes Bruschetta, zu dem du eigentlich keine Oliven wolltest. Deswegen sitze ich jetzt im dritten Mietwagen der laufenden Kalenderwoche und bin froh, dass der FFH 80’er Jahre Marathon heute noch bis nach Mitternacht geht. Eigentlich rauche ich nur, um mir alle 100 Kilometer ein kleines Highlight gönnen zu können und hoffe, dass meine Rückenschmerzen nur von den Brettern der Flughafenbestuhlung kommen, die für mich heute Nacht noch Bett bedeuten. Transitzonen kennen sowieso keine Tageszeiten und sind bis auf die Senator-Lounge eigentlich auch immer gleich hell. Morgen ist, wenn die Zeitungsverkäuferin diese Sonntagszeitung auspackt, in der es unser Israelerlebnis irgendwie zur Titelgeschichte des Reiseteils geschafft hat. Und auch, wenn in 2500 Kilometer Entfernung eine schwarze Limousine darauf wartet, mich und meine neuen Socken in ein portugiesisches Hotel zu fahren, habe ich immer noch nicht das Gefühl, dass hier irgendetwas ernst ist. Erstens ist die Definition von Limousine ziemlich weitläufig und zweitens klingen die Dinge immer schöner, als sie sich anfühlen. Außer auf Italienisch. Hinter dir ein Rollkoffer, vor dir nichts als Ungewisses. Ein Reisepass als Insignie ausgekosteten Lebens. Gestempelte Erfahrungsbescheinigung zwischen dem Hier und dem immer noch nicht da. Ja, Flugtickets verpacken das Leben in absehbare Appetithappen, die durch ihre zeitliche Begrenztheit für ordentlich Wertschätzung sorgen, aber zwei Jahre zwischen altem Kinder- und neuem Hotelzimmer sollten reichen. Und außerdem gibt es für Flüge nach Israel gar keine Stempel. Ja, ich weiß, wo man am Flughafen Frankfurt direkt neben einer Steckdose guten Kaffee trinken kann oder warum es sich lohnt in Singapur sein eigenes Gepäck verloren gehen zu lassen. Aber dafür den vierten Advent in einem Starbucks verbringen zu müssen, steht wegen liebloser Fließbandfreundlichkeit außer Frage. Wenn sich Arbeit und Freizeit nicht unterscheiden, fühlt sich Freizeit wie Arbeit und Arbeit eigentlich immer wie Freizeit an. Oder, um es noch verwirrender zu sagen: man muss nie wirklich arbeiten und man hat nie wirklich Freizeit. Jeder Tag fühlt sich wie ein Freitagvormittag an und man beginnt sich zu fragen, ob man alles auf diese Karte setzen möchte, die man gerade auf Hochgeschwindigkeit spielt. Was willst du? In Zukunft? Gut gebräunt sein! An einem Ort, an dem man nicht weiß, wann der Bus fährt. An dem dir an der nächsten Ecke die leere Brieftasche geklaut werden kann und du im Supermarkt mit der nächsten Liebe deines Lebens zufällig zur gleichen Kohlrabi greifst. Femme fatale! Gekleidet in Weltgewandtheit und etwas zu sexy für die Gemischtwarenabteilung. Apart, Expat oder was auch immer! Ich habe wieder zu träumen begonnen, von Nähe, die mit mehr Liebe gemacht ist, als Tankstellenbrötchen. Auch, wenn ich meinen Armreif gerne wiederhätte, den jetzt ein israelisches Mädchen aus Dimensionsgründen um ihren Oberarm trägt. Immerhin ist der von Mutti und das Schmuckstück von ihr nicht mal richtiges Silber. Männlich, 26, sucht. Deswegen Lissabon! Mehr (sesshaft) sein, als (unterwegs) schein. Aber auf keinen Fall in dieser Bürogemeinschaft, in der auf jeden Freiberufler sieben Zimmerpflanzen kommen und die meisten damit beschäftigt sind, möglichst beschäftigt zu sein. Trotzdem! Ein Ort, an dem man zumindest Jeans tragen muss und sich nicht ohne Weiteres selber befriedigen kann. Vielleicht ein […]

PIANO

Keine Sonne in Mailand. Dafür gut gekleidet durch schlechtes Wetter. Lebensmittelpunkt Mode. Prada, Penner und Espresso. Wunderschön. Einkaufen und sich betrinken oder endlich mal Pizza von der Alle reden. Vorab aber mit der Kreditkarte vor dem gut geputzten Spiegel üben. Für Luxus vom Hotel bis auf die Straße, auf der nur Eugenia bis unter die Haut geht. Mille Grazie. Die ganzen drei Tage, in denen man sich alles sagen kann, weil gebuchte Rückflugtickets für die nötige Leichtfertigkeit sorgen. Dich und deine gefühlvolle Fahrlässigkeit nicht ganz beim Wort nehmen, sondern ganz in Ruhe den inneren Anspruch hochleben […]

HANNA

Allein in einer fremden Bar. Zwischen Tanzfläche und Theke erfindet sich die Königsdisziplin für junge Männer, die zu viele alte Mickey Rourke Filme gesehen haben. Die gerne maximales von der eigenen Freiheit fordern. Im schwarzen Mantel ohne zu schwitzen. Unter Blickkontakt die eigene Gesellschaft genießen. Feuer zwischen Frau und Mann, die heute Nacht selbst entscheiden können, wer sie eigentlich gerne sein möchten. Geheimnisvoll und für die Entlastung gerne auch angelehnt. Hauptsache nicht tanzend. Jedenfalls noch nicht. Nur durch Gin Tonic beschäftigt, aber zu zufrieden für einsam. So viel zur Aura und der vollsten Perfektion in jedem Zug meiner Zigarette. Die Musik wirkt einladend ohne aufzufordern und dieses braunhaarige Mädchen hat gerade wieder hierher geschaut. Ihre Bewegungen sind ehrlich und unbeobachtet. Klares Gesicht, markante Augenbrauen. Vielleicht Anfang Zwanzig. Durch ihre vollen Lippen erzählt sie gerade ihrer Freundin, dass hinter ihr ein Typ steht, der sie die ganze Zeit anschaut. Lächelt, wenn sie lächelt. Lacht, wenn es zum Moment passt und wegschaut, wenn es nötig ist. Spreche ich sie an oder genießen wir beide noch etwas länger den Raum, der nur der Idee gehört und allein vom Thrill diktiert wird. Ich gehe auf die Toilette ohne zu müssen. Dieselbe Toilette, in der sie später von mir verlangen wird, dass ich sie ohne Kondom ficke. Bis hier her ist sie für mich ein Mädchen zum Frühstücken. Zum Wiedersehen und beindrucken. Vielleicht sogar zum Tanzen. Deswegen berühre ich im Vorbeigehen ihre Hand. Sie fasst zu, obwohl ich gerade von einer blondhaarigen Unterhaltung belagert werde. Gutes Timing. Ganz nett und wahrscheinlich auch schön, aber ich habe nur Augen für sie und diesen Moment, den wir gerade teilen. Dieses Spiel, was wir gerade spielen und die Geschichte, die wir damit schreiben. Ihr Name ist Hanna und jetzt beginnt sich die Erwartung unserer Fantasie mit Realität zu messen. Verliert die Fantasie, verlieren wir uns. Stimmen beide überein, bezahle ich die Drinks und überrascht die Realität weiche ich die nächsten 36 Stunden nicht mehr von ihrer Seite und werde sie bis zu meinem Abflug berühren. Bin ich betrunken oder verknallt? Oder beides? Oder warum sehe ich in Ihr auf einmal das, was sie ist und nicht das, was sie nicht ist. Sie ist intelligent und dadurch zurückhaltend, Tänzerin und wurde von Gott mit den dafür nötigen Voraussetzungen gesegnet, die sich nur mit ihrem unschuldigen Gesicht, um die Hoheit der Ausstrahlung zu messen scheinen. Eine Pfarrerstochter, die gerade ihre Hand in meiner Hose trägt ohne, dass ihre rehbraunen Augen dabei auch nur einen Finger verraten. Wir tanzen (traditionell). Wir reden (nicht nur ich). Wir schwitzen (eigentlich nur ich). Wir rauchen (viel) bis in unserem Treiben kein Platz mehr für die Gegenwart der anderen ist. Bis ich mich zum zweiten Mal in der Toilette wiederfinde auf der ich vorhin schon nicht musste. Wie gesagt, Hände überall und keine Kondome. Sie will. Ich nicht. Nur kurz! Nein! Intensiv. Weil (schöne) Kinder für immer! Das ist draußen alles nichts neues, außer ich spreche hier wirklich von einem Mädchen zum Frühstücken, das nach dem unerfüllten Ende dieses Moments nur kurz eine Freundin zu Tür bringen wollte. War sie zu heiß und ich zu vernünftig? Sie kommt nicht wieder. Na klar kommt sie wieder. Komm wieder, habe ich gesagt. Oder gedacht? Alles viel zu schnell und viel zu spät. Sogar für den Nachnamen zu cool geblieben. Verdammt nochmal wo ist sie? Ich muss dieses Mädchen finden, bevor sie zu dem wird, was ich schon immer gesucht habe. Bevor meine Erwartungen die Fantasie zur Realität erklären. Google. Schlagwort Anna, italienische Wurzeln und irgendwas mit Eventmanagement. Scheiße! Die 87. erfolgreiche Hip Hop Crew und immer noch keinen Treffer. Bayreuth irgendwas mit Red. Ja, aber wann? Und das schon seit zwei Stunden. Ihr Gesicht verblasst. Verdammt erinnere dich oder fang […]

MALENA

Schon von weitem gesehen. Mich einmal kurz umgedreht und meinen Schritt unmerklich verlangsamt, damit wir uns für einige Meter den glatt polierten Bürgersteig teilen müssen. Ohne zu schauen, habe ich zu reden begonnen. Direkt ins Thema. Ich weiß, dass sie eine russische Uschanka trägt, obwohl der portugiesische Winter auch ohne Mütze erträglich ist. Ich weiß, dass der Kellner sie eigentlich in eine andere Richtung schicken wollte und Sie weiß, dass Masche schnell zur Moral wird. Schönheit ist spürbar. Vor allem die einer portugiesischen Brasilianerin. Volle Lippen, braune Haut und trügerisch naive Augen, die dir mit ihrer erfahrenen Zügellosigkeit bis in die Eier blicken. Bis hier her hat die Zukunft der Gegenwart oft ihren Wert gegeben. Ich habe Zeit damit verbracht darauf zu warten, dass die Zeit vergeht. Jetzt will ich verweilen. In diesem heiße-Schokolade-langen Intermezzo in einem Café nach Mitternacht. Wir unterhalten uns kaum, weil uns dazu die Vokabeln fehlen. Ich kein Portugiesisch. Sie kein Englisch. Sie morgen Paris. Ich nach Mailand. Sie einen streng katholischen Vater, für den sie eigentlich nur schnell in eine Apotheke sollte. Um diese Zeit? Vater? Und wieso Apotheke? Wenigstens sind unsere Blicke unmissverständlich. Frivol und genervt vom gestischen Erklären. Denn wenn einem die Worte fehlen […]