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BYND

Konstantin Arnold

HERBST

HERBST

Es gibt Orte im Leben, die lassen uns nicht los. Wir lassen etwas von uns an ihnen zurück, das wir nur finden, wenn wir immer wieder an diese Orte zurückkehren. Oft wird uns erst nach Jahren klar, was das ist und wir hören und lesen über die großen Vorbilder unserer ganz eigenen Geschichte, wer nicht auch schon alles vor uns da war und sich das gleiche gefragt hat. Lissabon ist so ein Ort für mich, Rom, Paris natürlich, Wien, Nizza, Zürich, aber auch Madrid und eben dieses kleine, verwöhnte Bergdorf im Engadin, das mir mittlerweile ein richtiges Zuhause geworden ist. Im Zug denke ich darüber nach, wie oft ich schon hier gewesen bin und wie mein erstes Mal war und wie fremd mir alles erschien und wir vertraut mir diese Fremde über die Jahre geworden ist. Züge sind gute Orte, um das zu denken. Man sitzt, aber in Bewegung und sieht sich die Landschaften seiner Gedanken im Vorbeifahren an. Sieht die kleinen Details einer rasend schnellen Welt, sieht Kürbisse, Apfelkisten, Menschen in den Hinterhöfen ihre Leben, ein Fußpflegestudio in Lecco, an das man sich aus unerklärlichen Gründen wieder erinnert. Die Fahrt von Genua bis hier her ist lang, aber gar nicht so lang wie Reisen sonst ist, wenn man ein Flugzeug nimmt oder mit dem Auto vor Mailand im Stau steht. Die Zeit vergeht sehr angenehm und man fragt sich, was Zeit eigentlich ist. Nach Mailand geht es die Ostseite des Lago di Como hoch, mit all den Dörfern, in denen man eigentlich leben könnte. Dann rechts in ein Tal, das nicht das von Chiavenna ist, sondern das mit dem Wein und den  Bergen auf beiden Seiten. In Tirano steigt man um, hat eine Stunde, die man auf der Piazza in der Sonne verbringt und die letzten italienischen Ravioli essen kann, die seit einer Zeit aber von Chinesen zubereitet werden, die das Caffé am Platz übernommen haben. Hassan arbeitet da, ein lieber Kellner, der mich jedesmal wiederkennt. Beim letzten Mal war ich fix und fertig, trank Cola, aß Pommes. Wir hatten gerade die Nacht im Kulm, mit einer Istanbulerin, rumgebracht, die uns an der Bar aufgegabelt hatte und Gin, ohne Tonic, aus Flaschen trank. Das Mal davor hatten wir im Streit hier gesessen und getrennt von einander bestellt, was Hassan auch gleich bemerkte und lachte und sich auch an das mal davor erinnerte, als ich ganz allein kam, so allein wie man nur zusammen sein kann, weil man eigentlich schon weiß, das etwas vorbei ist, bevor es so ist. Das war nach einer anderen durchgemachten Nacht im Dracula. Das Ende von Etwas und der Beginn von was Neuem. Es tut gut, seine Gefühle mit in die Berge zu nehmen, wenn man vor Entscheidungen steht. Im Angesicht dieser Felswände fühlt und denkt man klarer, denkt nicht nur, was man denken und fühlen sollte. Man spürt die Flüchtigkeit im irdischen Moment. Den Fehler. Seitdem versuche ich in allem etwas neues zusehen, egal wie oft ich es schon gesehen habe. Wir lernen etwas kennen, bis wir es nicht mehr kennen, weil wir glauben, es zu kennen und aufgehört haben, es kennenzulernen, nachdem man sich so gut kennengelernt hat, wie man nur jemanden kennt, mit dem man lebt und über viele Jahre geschlafen hat. Es ist dann ein schönes Gedicht, das man auswendig gelernt hat und anfängt, es zu vergessen. Die Zeit mit ihren Vorurteilen spielt da gegen uns, aber wir halten uns wacker und sagen nie still. Nun drängt sich die Frage auf, was ich in diesem Herbst hier oben will? Die Erinnerungen des Sommers mit in die Berge nehmen? Durchatmen nach vielen heißen Nächten in Florenz, Paris und langen Tagen in Baden-Baden? Der Sommer im Süden ist für mich eigentlich etwas, von dem ich immer hoffe, dass es bald vorüber geht. Die Strände sind voller Leute, die sonst nie am Strand sind. Man bekommt keinen Tisch. Es ist besser die Luft zu rauchen, als nur zu atmen. Erst im September beginnt für mich der eigentliche Sommer, ohne die Leute, die dann auch Sommer haben. Der Wein ist reif, die ersten Oliven fallen und in den Wäldern stehen Pilze. Es ist weder warm noch kalt. Die Schweiz schön, die Nächte kühl, kein Moskito und viele 30er Zonen, in denen keiner laut beschleunigen kann. Bis die ersten Stürme des Winters kommen und das Meer wieder Meer ist, nicht nur See, kommt ganz Mailand, über’n Sommer, zu uns nach Portofino. Dazu 31 Grad  im Durchschnitt, weshalb ich mich zuhause noch fragte, ob man für 12 Grad schon seinen Lodenmantel braucht. Generell ist es sehr schön, an einen Ort zurückzukommen, den man schon oft beschrieben hat. Als Autor kann man sich dann entspannen und vom Schreibtisch aus über die Täler sehen. Der Blick vom Suvretta durch die Kachelfenster auf die Silvaplana, mit dem teuersten Hügel der Welt im Rücken, an den sich schon Agnelli, die Guccis und der alte Niarchos gelehnt haben, ist dann so schön, dass man gar nichts schreiben muss. Ein Quadratmeter hier kostet so viel wie ein Stück Sardinien, Monte Carlo oder ein Town House in New York. Ich hatte ihr oft von diesem Blick erzählt und dem Märchenschloss, von dem man den sehen kann, wenn wir im Kulm wohnten oder im Waldhaus und daran vorbeifuhren. Ein kurzer Gedanke daran, wie traurig es gewesen wäre, wenn ich wieder allein gekommen wäre. Man denkt vorher immer, dass das schon irgendwie geht, bis man den ersten gemeinsamen Moment miteinander hat und denkt, dass man ohne den nicht weiterleben möchte und froh ist und versucht, die anderen, von denen man nichts weiß, zu vergessen. Man muss sorgsam mit seinen Erinnerungen umgehen und ihnen einen geeigneten Rahmen geben, so wie einem gutem Buch, das man an einem Ort fertig liest, an den man sich […]