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BYND

Konstantin Arnold

GESTÄNDNIS

GESTÄNDNIS

Als es anfing aufzuhören, kam es anders. Es begann mit einem Ende, weil jedem Ende, jedem Irrtum, ein Anfang, eine Antwort innewohnt. Ein irres Ende also, das es dann so nicht gibt. Man wird sehen oder auch nicht, ist jetzt auch egal, weil alles egal geworden ist. Leben und Liebe, Leben und Tod, Liebe und Tod. Warum alle die Gedanken gemacht, mich zu Erkenntnissen durchgerungen, die ich selbst nicht glauben konnte und an die ich mich klammerte, wenn ich umzingelt stand von Erfahrungen, belagert wurde von Frauen und den Geistern dieser Frauen, die mir aus ersten Nächte nacheilen, wenn ich sie aus dem Erlebten rief, das mich schuf. Aus den Erfindungen von Erinnerung. Je mehr ich mich erinnere, desto fernen rücken die Tatsachen der Orte, an denen wir uns trafen, die Bars, in die wir gingen, die Gespräche, die wie führten und die dunklen Straßen, in denen wir übereinander hergefallen sind. Die Vergangenheit konstruiert sich selbst aus der Gegenwart heraus, nutzt sich ab, wie Gedanken, die man zu viel gedacht hat und an Erinnerungsfäden herbeizerrt, bis sie reißen. Ich erinnere mich an ihre Namen, aber was wir taten, weiß ich nicht. Was wir taten liegt jetzt bei all dem anderen Getanen in mir drin und pflügt in Raubtierform durch mein Gedächtnis. Wir waren nah dran und dann nochmal näher, an einer Straßenecke. Auf der anderen Seite war ein Fastfood Restaurant und die Leute konnten uns sehen. Sie bebte vor Kälte und die langen dünnen Nippel waren kalt und sie stand nass und schlank im Regen, mit den Kurven einer südamerikanischen Gebirgsstraße. Dann diese Leere, die immer kam, die man immer spürt, wenn man nicht liebt und merkt, dass man das alles nur dafür tut und wie leer das jetzt alles ist und nichts mehr dahinter ist, weil man alles, was man tut, dafür getan hat. Alles Gute und alles Schlechte hinterlässt eine Leere, wenn es passiert. Das Gute füllt sich von alleine, aber das schlechte muss aufgefüllt werden, weil man es aus falschen Gründen tut oder aus gar keinen Gründen getan hat, was das Gleiche ist. Dahinter ist Abgrund. Freier Fall. Die Lehre der Leere. Sie wartete dann immer schon auf mich, wie auf Leute, die sich ständig Neues kaufen. So ist es doch, oder ist es so nicht gewesen? Niemand kann aus Erinnerung wahre Tatsachen niederschreiben. Manche Bilder brennen sich ein, werden zu Denkmälern, andere nehmen es ein. Ich fühle das wahrer als ich es schreiben kann und schreibe es, als ob es wahr gewesen wäre. Alles Erlebte ist Geschichte, sobald man sich daran erinnert und es erzählt und nichts mehr vom Leben übriglässt. Man verwickelt sich in Geschichten und lebt nicht mehr, sondern erzählt nur noch, wie viele Frauen man nicht verlassen hat, aber man verlässt eine Frau nicht einfach am nächsten Morgen, man tut es früher oder später oder nie. Man geht auf Reisen, sucht den einen Ort, der frei ist, von Geschichten, die wir über ihn gehört haben und Menschen, die an ihm Mythen geworden sind und Idole schufen, mit denen wir uns herumschlagen müssen. Den Wert eines Mannes sollte anhand der Geschichten bestimmt werden, die er nicht erzählt. Aber nein, wir leben von unseren Geschichten und den Geschichten anderer und wir leben durch sie hindurch. Wir kennen das Ende unserer Geschichte nicht und lassen die Ereignisse unbeachtet und abenteuerlos an uns vorbeigehen. Sie passieren ereignislos an uns vorbei, sehen nicht wie passieren aus, wie auch, wir kennen ihr Ziel nicht. Würde wir ihr Ende kennen, wir würden am Ende beginnen. Es würde die Einzelteile des Lebens in Ankündigungen und Verheißungen verwandeln, die für das bloße Auge sichtbar werden, weil wir vom Ende aussehen und von etwas Großem angezogen werden. Aber die Zukunft ist noch nicht da und ich spaziere weiter durch die Nächte meiner Tage, die mir ihre Schätze zeigen und ich wähle nicht. Wenn man sich jedoch einen Augenblick ganz genau einprägt und sich vornimmt, sich später einmal genauso daran zu erinnern, schafft man eine Verbindung zwischen Gegenwart und Zukunft. Am besten geht das mit jungen Bäumen. Die an den Kais, die noch so klein sind und später ganz groß sein werden und ich meiner Tochter das Fahrradfahren unter ihnen beibringe und die Bäume sehe und mich daran erinnere. Ich kann es nur vergessen und mich dann wieder daran erinnern, ich kann es nicht mit mir herumtragen. Meine Gedanken werden Träume, die anderen nur nachts kommen. Sind Wünsche, sind Ängste, aber ich wünsche nichts mehr, also bleiben nur die Ängste. Kein sicherer Ort.