Menu

BYND

Konstantin Arnold

AM FENSTER

AM FENSTER

Sitze an ihrem Fenster. Rauche. Lese. Schaue raus. Genieße den Abend und den Fluss. Lass Kerzen brennen. Denke Traurigkeit ist doch nur Erholung, um sich wieder freuen zu können. Himmel und Hölle. Leidenschaftlicher Alltag. Schon gut so. Habe ich gelesen. Den Kopf auf die Hand gestützt. Die Hand auf den Arm, den Arm auf den Tisch und den Tisch dann auf den Boden, den Boden auf das Haus, das Haus auf die Erde, die Erde dann auf was? Gedanken, die einem abends halt mal kommen, die man aber nicht bis zu Ende denken muss. Der Abend ist kühl und nass, aber schön. In einigen Häusern brennt Licht. Ein Blick wie der Anfang einer schönen Geschichte. Sie macht sich frisch oder irgendwas anderes und die Stadt ist still wie ein Dorf. Man hört nur Vögel Flügel schlagen und die Glocken der São Vicente, die wie aus der Zukunft klingen und mir diesen Moment zeigen und wie schön er ist und wie ich mich mal an ihn erinnern werde, ohne die Zwänge der Gegenwart, die man vergisst oder die nichts bedeuten. In einem Fenster sehe ich Menschen, die andere Menschen mit einem Küsschen begrüßen. Sieht einladend und ansteckend aus, wie früher. Ein paar nasse Bäume riechen kalt im Wind. In der Ferne will noch eine Fähre passieren. Sonst nichts. Ich würde auch lieber schreiben, dass es warm ist und die Sonne gerade unterging und alles noch glüht und die andere Flussseite in der Ferne flimmert, aber Regen ballert seit Tagen gegen die Fenster. Unaufhörlich. Nur gegen ihrs nicht. Das Gute an ihrem Fenster ist, dass es offen ist und der Regen da nicht hinkommt, weil er aus Nordwesten kommt und ihr Fenster zum Fluss zeigt. Wir können es offen haben und der Regen tut uns nichts und wir verbringen den Regen im Bett. Nach zehn Rekordtagen Zwist sind wir wieder im siebten Himmel und genießen unsere Liebe. Es ist sehr schön mit jemandem zusammen zu sein, den man sehr attraktiv findet und sich lieben kann, so oft und wie man will; und all diese modernen Verhütungsmittel zur Hand hat und keinen Gedanken daran verschwendet, dass es jemals anders kommen könnte oder sich die Sicht auf das Schöne trübt oder man aus Unsicherheit etwas beweisen muss, weil das alles nur in einem selbst ist und nie im anderen und man für den anderen immer gleich ist, egal, ob man es sich bewiesen hat oder nicht. Mit dem Lieben ist es wie mit dem Schreiben. Manchmal fällt einem der Übergang zwischen Momenten schwer. Männer fürchten nicht zu begehren, Frauen dagegen nicht begehrt zu werden. Man fürchtet vor jedem Anfang, es nicht mehr tun zu können, aber man würde es wieder tun, man hatte es immer wieder getan. Mit ihr werden Träume war, die ich mit anderen nur gehabt habe. Gespräche im Bett, im Stockdunkel eines frühen Winterabends, an dem man nirgendwo mehr hinmuss, nichts zu erledigen hat, nur still und geschafft aufeinanderliegt. Im Ziel ist. Döst. Sich jene Atempause vor dem Tod gönnt, die man selbst erschaffen hat. Ihr Mund war schön und feucht und riecht noch, als ob er schön feucht gewesen wäre. Ihre Haut ist immer noch braun, am Ende eines langen Winters und ihre Brüste quollen unter dem hochgezogenen Wollpullover hervor, wie Fantasien. Sie zog sich aus, wie ein Geschenk, das man wieder einpacken kann. Wir wurden rasend und ein wenig wütend und kamen uns so nahe wie man sich eben kommen kann und rieben unsere Körper aneinander und kamen ineinander und es war wie eine Erlösung von dem Gefühl, dass dich wahnsinnig macht. Danach war es stockdunkel und still im Zimmer. Wie nach einem Mord. Nur der Lichtstrahl einer Straßenlaterne fiel durch den Spalt der Fensterläden herein und legte sich leise zu uns auf den […]