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BYND

Konstantin Arnold

UNSER LETZTER SOMMER II

UNSER LETZTER SOMMER II

Am Ende jenes Sommers mieteten wir ein Haus, in einer Bucht, am Fuße des Etna. Zu dem Dorf führte nur eine Straße, die kaum jemand fuhr und wenn sie jemand fuhr, musste man wieder hochfahren und runter und hoffen, weil der Bentley sonst nur hochkant durch passte. Oben ging die Straßen bis Acireale, hier bis zum Ende einer Bucht. Kleine, bunte Häuser standen da und sahen auf uns und die Bucht zurück. Der Blick hatte viel Antlitz in die Fassaden der Häuser gebracht, die sich von denen der Fischer unterschieden und neben den Palmen aussahen, wie Reichenviertel in Venezuela. Eine Seite unseres Hauses sah zu den Häusern und zur Bucht und zur Piazza, die auch als Parkplatz für Fischerboote diente. An den Morgen kamen manchmal welche rein, die was gefangen hatten, ohne dass wir das je sahen. Katzen schliefen unter den Booten und auf dem Dach meines Cabrios. Die Fischer grüßten freundlich und fragten, ob wir von der Mafia wären. Auf der anderen Seite sah das Haus zum offenen Meer und vorher machte sich ein großer Garten breit. Morgens kletterten wir über die Steine zum Schwimmen und sprachen davon, wie oft wir geträumt hatten, wieder schwimmen zu gehen und im Traum nicht gedacht hätten, nach dem Schwimmen so ein Haus zu haben, in dem der Espumante kalt steht und das Lunch im Freien serviert wird, ohne Fliegen. Es war ja eigentlich auch kein Haus, es war eine Villa mit Fensterläden, Modell Nizza, und vielen hohen Zimmern, die zur Terrakottaterrasse rausgingen, auf der man sich zum Apéro traf und wenn man zwischendurch trinken wollte. Hier saßen wir Abend für Abend in schweren, schönen Metallstühlen, mit denen man Kippeln konnte und ruhten unseren Blick beim Reden im Meer aus. Für manche ist das vielleicht ein Abend auf der Welt, für uns die Erinnerung großer südländischer Vollmondnächte, an die man denkt, wenn man mal daliegt und stirbt. Wir starben jeden Abend und wurde am Morgen im Meer neu geboren. Meistens tranken wir gleich nach dem Schwimmen, und manchmal ging der Tag mit Trinken hin, und Baden, damit man weiter trinken konnte. Morgens und abends, wenn sich die Luft abkühlte und vom Etna runter kam, wehte ein bisschen Wind. Dazwischen wars aber nie kalt und nie heiß und immer angenehm und so, dass man Nächte lang draußen sitzen konnte. Es gab so viele Tische im Freien, dass ich nur hoffte, genug Gelegenheit zu haben, an allen zu essen. Das schrieb ich mir auf, ansonsten habe ich keine Notizen gemacht. Nicht, dass es nicht schön gewesen wäre, es war nur so, dass man es gar nicht mehr schön schreiben musste. Der Wein war kalt, der Mond war weiß und irgendeiner hatte immer Kippen. Alles brannte sich langsam, von allein, in mein Unterbewusstsein ein. Es gab keine Zeit, kein früh, kein spät, nur Lunches und lange Abendessen vor noch noch längeren Nächten, die wir auf der Terrasse zubrachten und Marlboros in den Nachthimmel pusteten. Man saß und pustete, so lange man wollte, weil man wusste, dass nach dem Apéro immer noch Abendessen kam, kein ins Bett gehen, auf der schönsten Terrasse der Welt, die sogar noch schöner gewesen ist, als die des Grand Hotel Timeo, auf der ich beim Anblick des Etna erkannte, dass Gedanken gar nicht so wichtig sind, wie man denkt. Morgens war dann immer alles aufgeräumt, so als ob gar nichts gewesen wäre, aber man musste sich nicht schlecht fühlen, weil wir gutes Zeug tranken und eine Haushälterin hatten, die so laut putzte, dass man davon wach werden musste. Begrenzt wird das Glück nur von Leuten, außer den wenigen, die so gut sind, wie das Glück selbst. Mit denen blieb die Welt schön und groß und grenzenlos und man konnte im Bett liegen bleiben, bis man durch die Fensterläden auf die schon warme Terrasse kam, um den Jungs Buongiorno zu sagen, wie beim Bund. Fleischmann und Calle fuhren zum Markt, Bene las meine alte Gazzetta di Parma. Pippo war schon geschwommen oder wartete mit dem Schwimmen noch auf mich […]