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BYND

Konstantin Arnold

NACHTS, OBEN IN GRAÇA

NACHTS, OBEN IN GRAÇA

Man denkt ja, der Campo Santana wäre nur so ein Hügel, aber das ist er nicht. Er ist wie der Bug eines Schiffs, das in die Unterstadt sticht. Die Gassen sind ein Universum. Amalie wurde in ihnen geboren. Candy, die Rahmenmacherin lebt hier. Mein erstes Haus ist nicht weit und das Café, in das ich früher gerne ging. Nur für die Zukunft. Es arbeitet immer noch dieselbe Kellnerin hier, immer noch so herzlich, dass sie gar nicht freundlich sein muss. Sie weiß genau, dass ich früher oft hier war und wieder da bin, aber sie tut so, als könne sie sich an nichts erinnern. An den kurzen Doppelten, und ein Glas Wasser und mein geschundenes Herz. Nach all den Jahren. Vor all den Dingen. Damals hatte ich noch keine Sachen für den Strand und war auch sonst sehr deutsch. Ich dachte immer schon an das, was ich tue, nachdem ich etwas fertig getan hätte, bevor ich angefangen hatte, es zu tun. Ich ging kurz vor die Tür, um mir ein Brathähnchen zu holen, egal wen ich treffe, ich hätte mich nicht um eine Mahlzeit meines Lebens bringen lassen. Aber das geht in Südeuropa nicht, weil man sich sonst gegen das Leben versündigt, so wie es sich in den Gassen bietet und man nie weiß, wen man trifft und wo man isst und in welcher Bar man später endet. Seit neustem haben alle meine Drinks da. Sie fragen, was ich nur will und umso mehr man weiß, desto weniger gibt man sich mit weniger zufrieden. Also ordentlichen Wermut und St. Germain her. Man muss die Feste feiern, wie sie fallen. Damals in dem Café schrieb ich mal eine Geschichte über die Stiefkampfarena und eine Markise unter der ich mal saß. Ich schrieb den ganzen Morgen und aß zu Mittag und schrieb dann noch ein bisschen mehr. Ich glaube irgendjemand rief mich an und fragte, wo ich bin und wies geht und wieso gerade da. Es war fast so Sommer wie jetzt. Mai meines Lebens. Die Bäume blühten und die Feiertage liefen so vor sich hin. Ich hatte vieles vor mir und einiges dahinter und keine Ahnung von dem Kreuzfeuer in das ich geraten würde und der Gratwanderungen, auf die sich jeder begibt. Ist es nicht das, was wir wollen? Ein Leben, dass seine Verluste und Verletzungen mit Falten und Furchen irgendwann in uns eingegraben hat? Es ist ein besonderes Gefühl, das ich sonst nur noch habe, wenn ich über den Platz vor meiner ersten Wohnung gehe und mich erinnere, wie es war, hier zu sein, vor allem Anfang und allen Verwicklungen und Verhältnissen, die das Ich eingeht, mit sich und der Welt und den Menschen und der Welt. Die Welt ist schön. Nur wir Menschen machen sie mit uns und unseren Kausalitäten und Korrelationen und all den anderen komplizierten Dingen mit K kaputt. Es ist immer noch die gleiche Welt, aber ein anderes Gefühl. Hunderttausend Mal gesehen, aber dieses eine Mal wirklich. Das Leben ist doch verrückt, was gar nicht schlimm ist, nur wenn es so wird, dass man es gar nicht mehr schreiben kann, ohne dass es einen Sinn ergibt, wird man es auch. Über das Gefühl von heute, werde ich das auch irgendwann sagen, mit anderen Plätzen, die auch schöne Gefühle haben, wenn man sich einmal daran erinnert. Man geht dann dorthin zurück und das Gefühl ist noch da. Die Luft ist frisch und das Wasser schimmert durch die Bäume. Ein Gedanke daran, wie es wohl eines Tages sein wird, die Zeit und der Blick und die Erinnerung daran. Was machen wir eigentlich? Wie viel berghoch für wie viel bergrunter? Keine Ahnung, was du machst, ich laufen so rum. Ich laufe gerne ziellos umher, nachdem ich gearbeitet habe und schaue, wohins mich zieht. Tagsüber lehrt sich das Notizbuch und abends wird es wieder voll. Du wirst nie fertig, vergiss es. Läufst dir die Absätze ab und schaust, was passiert und der Traum, in ein Café zu gehen und zu sehen, wer da ist, ohne sich zu verabreden, geht irgendwann in Erfüllung. Hemdknopf bis zum Hosenknopf offen. An manchen Tagen […]