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BYND

Konstantin Arnold

KOLLEKTE

KOLLEKTE

Diese Geschichte beginnt wie alle Geschichten auf der Rückbank eines türkischen Taxis. Als Fortsetzung von einer, die noch nie geschrieben wurde, aber notiert ist. Vorausgesetzt, meine Gedanken flackern weiter so über die Seiten. Angezündet von plötzlichen Tankstellen und dem reinleuchtenden Licht vorbeirauschender Straßenlaternen, Parfümwerbung, die verschleierten Frauen Freiheit verspricht und Ampeln, am dramatischsten die Farbe Rot. Manche Notizen sind mit einem schönen schweren Kuli gemacht, im Dunkeln, im Regen, im Streit und im Schnee; sind schwarz oder blau, unwichtig, affektiert, unleserlich und neurotisch. Andere lange her, haben viele Notizbücher überstanden, wurden hundertmal abgeschrieben, sind nie zu Sätzen geworden, wären ein Buch wert gewesen. Heute nichts erlebt, Manuskripte versandt und rumgelaufen, zum Beispiel. Sie sagen mehr über Situationen aus, in denen sie gemacht wurden, als darüber, was von diesen Situationen in ihnen steht. Und zwischen ihnen, da liegen Wochen, Adressen, Länder, Krisen, Narkosen, Offenbarung. Daran ist Zeit schuld. Koordinierte Weltzeit plus drei minus zwei. Vergangene, mitteleuropäische Zeit, mit ihren Umstellungen und Überschriften und Erkenntnissen und Flugzeugen, vor allem die Flugzeuge, gottlos und luftleer, nicht mehr hier, aber auch noch nicht da, lange schon keine Straßenlaterne mehr. Flugzeuge reißen das Leben in Stücke, trennen Momente voneinander, indem sie Augenblicke verbinden, die gar nichts miteinander zu tun haben. Nach jedem Start ein neues Kapitel, da reicht kein Absatz mehr. Zu viel Leben, in dem ich es mit Wirklichkeit aufnehmen muss, ihr hinter herschreibe, bevor ich, vom Glühwein angeschossen, auf der Weihnachtswatte vorm Fernseher zum Erliegen komme. Resignation, die Schweiz von oben, wie ein schmelzendes Schaf, das wenigstens noch von richtigen Tigern gefressen werden möchte. Einmal brauchte ich Urlaub, ging ohne Notizbuch in den Wald, kurz davor, mir meine Gedanken mit einem Zweig in die Haut zu ritzen. Meine Gedanken verfolgen mich und ich verfolge meine Gedanken, bis auf den Grund des Denkens, will ich denken. Vom Konkreten ins Abstrakte, bis an das Ende der Vorstellungskraft, bis es nur noch ums Verfolgen geht. Das Leben sprudelt als ewige Quelle aus mir heraus, aus allem und jedem, sprudelt mehr, als man trinken oder stauen oder stilllegen kann, oder was man sonst noch so mit Quellen macht. Sie droht meine Welt zu fluten, noch bevor sie zur poetischen Erinnerung von der Welt geworden ist, die mich als Arche durch die Flut von Ereignissen trägt. Denn, was ich da von der Welt fühle, ist wahrer und falscher als die Welt und was ich mir einbilde, zu leben, doch überlebenswichtiger, als alles, was ich erlebe. Einbildung ist das Wahre am Lügen, stimmt, und doch ist nichts Zufälliges an solchen Momenten und ihren Einbildungen, nichts Austauschbares, nur viel Unkenntnis von Ursache, steht hier, zwischen in Unordnung geratenen Gefühlen und Versuchen, meinem Ideal von Leben näher zu kommen. Anstrengend, oder? Ich freue mich auch schon auf weiter unten, da geht’s um Nutten und Bürgerhäuser. Dranbleiben! Bis dahin Buchhaltung führen, über Gefühle, Gedanken, Gesten. Aus Angst mich zu verpassen. Wie kann man sich verlassen, darauf, dass alles so passieren wird, wie es am Ende geschrieben […]