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BYND

Konstantin Arnold

WEIT WEG VON WAS

WEIT WEG VON WAS

Es war der Sommer, in dem wir das gleiche Acqua di Parma trugen und sie mich gebeten hatte, mit ihr in ein günstiges Haus zu ziehen, damit sie Geld sparen könnte, bis zum Winter und günstige Häuser gab es, ihrer Meinung nach, nur einundvierzig Kilometer weit weg. Von was? fragte sie, und ich sagte es ihr und sie sagte, dass es dass, was ich in Lissabon suche und in Lissabon fand in Lissabon nicht mehr gibt. Das gäbe es jetzt nur noch auf der anderen Seite, über die Brücke, rechts, eine lange gerade Straße lang, bis zu dem kleinen, weißen Haus unter Pinien, wo im Sommer Feigen verkauft werden, die man am Strand essen kann. Ich kannte die Gegend gut und die Gegend hatte im Sommer durchaus Potential, wenn sowieso alles mehr Kurve war, als Gerade, eine Landschaft, die man ständig gießen möchte. Ein in der Ferne fahrendes Auto. Lautlos. Berge. Ein Aquarell aus Meer mit Booten, die lange, weiße Linien durch tiefes Blau ziehen. An allen Ecken lauern Unterhaltungen, die dich ins nichts führen und heiter machen, bis du denkst, das Leben bestünde nur aus Mittagspausen und Wein. Aus dicken Olivenölmuttis, die aus romantisch verwilderten Einfahrten winken, deren endlose Alleen zur Erfüllung deiner südländischsten Träume führen. Wir hatten die gleichen Träume, aber unterschiedliche Alleen dorthin und die Dinge ehrlich und aufrichtig miteinander ausgefochten, ohne Kompromiss, weil Kompromisse keine Gründe für die Liebe sind, sie sind ihr Verzicht. Man geht einen Kompromiss ein und gibt sich auf und ist nicht mehr der, der man ist und liebt jemand anderes. Liebende sind so. Sie versuchen, Kraft ihrer Gefühle, das Gefühl an sich zu reißen und dem Ansturm zu widerstehen. Es war also auch der Sommer, in dem ich Montaigne las und die Kunst des Liebens, ohne das die was bringt, weil sie keine Geduld mehr mit mir hatte und auszog und sich alleine fühlte und ich mich auch, mit dem, was man nicht einfach so sagen kann und gerne falsch versteht, bis man es versteht und sich fragt, ob es da keinen direkteren Weg hin gegeben hätte. Ich saß im Schatten der Bäume wie Araber, ohne Liebe, die man machen kann, ohne Geschichten zum Schreiben und Verabredungen zu denen ich muss. Es war dann der Sommer, in dem ich viel mit dem Fahrrad fuhr und schwamm und nach dem Schwimmen oft dasaß und dachte, wie Munchs Melancholiker, nur braungebrannt, mehr trainiert, und versuchte keinen falschen Gedanken zu haben. Wenn man gewisse Gedanken einmal gehabt hat, kann man nicht einfach weiterleben, als müsste man nicht sterben, so wie frisch gewaschene Menschen, morgens am Gleis, mit Hoffnung für den Tag. Ich ging zum Meer, um mich an die Klippen zu setzen und war doch froh am Leben zu sein. Ich rauchte und spürte den Rauch nicht, suchte den Himmel, aber bekam ihn nicht zu fassen und bemerkte die Sterne, ohne sie zu verstehen. Ich lebte im Alkoholrausch und Zigarettennebel, ohne Gewissheit darüber, was man am Vortag gesagt oder getan, gelesen oder erkannt hat, ob klug oder Töricht, zu früh oder zu spät. Ich, ich, ich, genau wie sie sagt. Die Ereignisse überschlugen sich und niemand liebt die Ereignisse so wie ich ihr Überschlagen, eine Frau, die Malerei, die Welt, den Luxus und die Armut, die sie umgibt, den Lärm und die Ruhe, das Saufen und den Tag danach, die Witze, die man darüber macht, die lauen Nächte und Widersprüche, Mädchen, die in ins seichte Wasser waten, weiche, runde Körper mit Gänsehaut, Cornetto Morango, Misosuppe, Melancholien. Das ist Traurigkeit mit Träumen. Erinnerungen kamen irgendwo her, wie Spuren, die vom Meer zurück in den Sand gespült werden. Unerreichbar, ungreifbar, tot und den Tag damit verbracht, sich selbst zu googeln. Der Sommer machte mich krank, die Pläne der Leute mit ihrer Aufforderung einen schönen zu haben, obwohl uns das, was uns ausmachte, fast verzehrte und wir uns dafür verantwortlich machten, bis wir verstanden, dass es keinen Grund dafür gibt, außer Liebe und Angst und die Chance, dass es am Ende doch nicht so ist, wie Leute sagen, die nur zusammen sind. Die Liebe ist kein Feuer, sie ist auch kein Garten, den man gießen muss, sie ist unvergleichbar, mit nichts, weil es nichts gibt was so ist, außer das Meer vielleicht, wenn man sehr durstig ist, am Horizont, wo Himmel und Meer sich treffen und der Tag hingeht, in dieses weite, unserem Wesen entgegengesetzte Sehnen zum Nichts, das sich immer weiter entfernt mit jedem Stück, mit dem man ihm näher kommt. Sie ist, wie wir mit Wein auf den Stufen der Calçada do Duque saßen und über die Stadt sahen und das Licht sahen, das in Gold die dunklen Kaskaden vom Kastell runterfloss. Vor diesem kleinen Stück Welt, das wir uns teilten und Gespräche führten und alle Orte auf der Welt vermissten, an denen wir waren und noch nicht waren und mit anderen waren und auf den Tisch in der Taberna das Flores warteten, weil man da nicht reservieren kann. Auch wir nicht, die keine Eile hatten und nach dem Abendessen den Balkon im Lux mit ihren Gefühlen unterhielten und am nächsten Tag ganz traurig und verkatert waren und nicht wussten warum und wieder ausgingen und alles besser machten, mit Lachen und Liebe am Fluss und Suppe, morgens, nach dem man eine ganze Nacht in großem Glück rumgebracht hatte. Die Verhöhnung der Eifersucht ist der Sieg derer, die nicht lieben über die, die das tun. Ich fürchtete, dass ihre Freundinnen sagen, dass sie nun endlich wieder nicht mehr sie selbst ist und Schluss macht, mit dem ganzen Scheiß, den Emojis und Nachrichten, dass sie an mich denkt. Es gab Leute, die meinten, der Sommer wäre vorbei, bevor er angefangen hat. Es lag noch kein Blatt […]

CLARO

CLARO

Es war Donnerstag und Ende Mai und man kam dann gut hin. Dass Donnerstag war und Ende Mai ist wichtig und nicht nur irgend so ein Einstieg, denn samstags, und im Juni kam man da schon nicht mehr hin. Die Straße über die Serra wurde gesperrt und von dem schönen Blick über die Bucht blieb kein Boot übrig. Nur Hügel im Vorbeifahren, die schmale Straße, vorm Ozean links. Die weißen wunderschönen Dörfer mit ihren weißen unschuldigen Kirchen, umgeben von kargen Farben, die langsam in der Sonne trockenen. Das Grüne wird erst gold und dann tot. Unschuld ist die einzige Farbe, die nicht in der Sonne trocknet. Man fährt durch das Hügelmeer und dann das richtige und einen Nadelwald, der an Salzwasser grenzt, wie immer und immer wieder neu. Es wäre vielleicht alles gar nicht so, wenn man nicht nur daran vorbeifahren würde. Das Schöne daran ist das Vorbeifahren. Diese Flucht. Aber sie macht auch fickrig und irre, wenn man nichts mit dem Schönen anstellen kann und es immer einfach so vorbeiziehen lässt. An manchen Stellen sieht das Schöne aus wie Portofino, die Karibik, aber verflucht, warum zur Hölle braucht man immer andere, fernere Orte, um den zu beschreiben, an dem man jetzt ist. Vielleicht liegt das an der Ferne und dem Banalen, das da nicht hinkommt. Den schlafenden Booten, gleichwinklig draußen am Horizont. Das Meer ist da sehr blau. Nachts leuchten dort die Sterne, rufen, als versuchen sie ihre Geheimnisse zu offenbaren oder unseres zu begreifen. Wir begreifen sie selber ja nicht. Mag sein, dass wir alle Werke eines Willens sind, der durch unser Fühlen verbunden ist. Es ist der gemeinsame Kern unseres Seins. Ein Fühlen lang schlagen zwei Herzen in der Einheit des Alls. Doch ein Gedanke reißt uns von uns. Er grenzt ein Stück des Gefühls ein, wie Worte, die das Gefühl teilen, in richtig und falschteilen, obwohl es aus dem Einen ist. Er vereinfacht es so, dass es sich sagen lässt und macht es weniger wahr und komplex und nicht mehr mit allem zusammenhängend. Manchmal sind die Gedanken frei und luftig wie Wind auf dem Land. Manchmal drehen sie sich um sich wie schwarze Vögel, die über einem kreisen, der an einem inneren Irrgarten stirbt. Wir können sie nicht unterdrücken. Wir können sie nur benennen und verstehen und in uns aufheben lernen. Versuchen, dass sie nicht auf Abwege geraten und Fantasien erzeugen und Ziele anstreben, die nie zu erreichen sind. Die Stadt bringt sie hervor. Man denkt Gedachtes und drückt Ausgedrücktes aus. Muss schnell fahren für ein bisschen Wind. Lässt sich zu Alltäglichkeiten und Ausschweifungen hinreißen. Streift aus idealistischen Trieben und ungestillten Sehnsüchten zwischen wunden Seelen umher, präsentiere Unterdrückung im Korsett. Sommer ist in der Stadt nur was zum Anziehen und der Geruch von Chlor, das in der Sonne trocknet. Geschwollene Pulsadern. Halbweltdamen, die sich auf ihre Selbstsucht zurückziehen. Im Hintergrund keucht ihre Gier nach Gewinn und eine Gleichgültigkeit, die daraus entsteht. Man kann sich umsonst nur auf eine Bank setzen und hoffen, dass sich die Kultur konzentriert. Auf dem Land ist das anders. Man sitzt auf Plastikstühlen bankrotter Eisteemarken, die gelb in der Sonne leuchten und guckt wie die Wäsche trocknet. Bezahlt irgendwann. Unten drunter ist Kies oder Sand und dann barfuß im Meer. Man wird schöner und schaut sich ständig im Rückspiegel an. Denkt als Gefühl. Die Welt gehört wieder einem und kostet nichts. Donnerstags und bis Ende Mai. Es ist ein schöner Morgen, der nach dem Mittag beginnt. Gestern war es so spät, dass es schon wieder früh gewesen ist. Wir hatten am Miradouro São Pedro de Alcântara einiges klargestellt. Wer wir sind und wie und was Beziehung für uns überhaupt ist und was nicht und dass nicht alles damit zu tun hat. Wir hatten getrunken und uns damit abgefunden und auf der Straße […]

FREIHAUS

Gestern Abend habe ich mir per Express mehr Socken bestellt, als ich überhaupt tragen kann, weil zwischen Ankunft und Abreise kaum noch ein schonender Waschgang passt. Auch nicht mit Trockner oder Geschwindigkeitsüberschreitung auf dem Weg nach Frankfurt. Frankfurt-Hahn, weil falsch gebuchte Flüge zu einem Missverständnis gehören, wie gut gemeintes Bruschetta, zu dem du eigentlich keine Oliven wolltest. Deswegen sitze ich jetzt im dritten Mietwagen der laufenden Kalenderwoche und bin froh, dass der FFH 80’er Jahre Marathon heute noch bis nach Mitternacht geht. Eigentlich rauche ich nur, um mir alle 100 Kilometer ein kleines Highlight gönnen zu können und hoffe, dass meine Rückenschmerzen nur von den Brettern der Flughafenbestuhlung kommen, die für mich heute Nacht noch Bett bedeuten. Transitzonen kennen sowieso keine Tageszeiten und sind bis auf die Senator-Lounge eigentlich auch immer gleich hell. Morgen ist, wenn die Zeitungsverkäuferin diese Sonntagszeitung auspackt, in der es unser Israelerlebnis irgendwie zur Titelgeschichte des Reiseteils geschafft hat. Und auch, wenn in 2500 Kilometer Entfernung eine schwarze Limousine darauf wartet, mich und meine neuen Socken in ein portugiesisches Hotel zu fahren, habe ich immer noch nicht das Gefühl, dass hier irgendetwas ernst ist. Erstens ist die Definition von Limousine ziemlich weitläufig und zweitens klingen die Dinge immer schöner, als sie sich anfühlen. Außer auf Italienisch. Hinter dir ein Rollkoffer, vor dir nichts als Ungewisses. Ein Reisepass als Insignie ausgekosteten Lebens. Gestempelte Erfahrungsbescheinigung zwischen dem Hier und dem immer noch nicht da. Ja, Flugtickets verpacken das Leben in absehbare Appetithappen, die durch ihre zeitliche Begrenztheit für ordentlich Wertschätzung sorgen, aber zwei Jahre zwischen altem Kinder- und neuem Hotelzimmer sollten reichen. Und außerdem gibt es für Flüge nach Israel gar keine Stempel. Ja, ich weiß, wo man am Flughafen Frankfurt direkt neben einer Steckdose guten Kaffee trinken kann oder warum es sich lohnt in Singapur sein eigenes Gepäck verloren gehen zu lassen. Aber dafür den vierten Advent in einem Starbucks verbringen zu müssen, steht wegen liebloser Fließbandfreundlichkeit außer Frage. Wenn sich Arbeit und Freizeit nicht unterscheiden, fühlt sich Freizeit wie Arbeit und Arbeit eigentlich immer wie Freizeit an. Oder, um es noch verwirrender zu sagen: man muss nie wirklich arbeiten und man hat nie wirklich Freizeit. Jeder Tag fühlt sich wie ein Freitagvormittag an und man beginnt sich zu fragen, ob man alles auf diese Karte setzen möchte, die man gerade auf Hochgeschwindigkeit spielt. Was willst du? In Zukunft? Gut gebräunt sein! An einem Ort, an dem man nicht weiß, wann der Bus fährt. An dem dir an der nächsten Ecke die leere Brieftasche geklaut werden kann und du im Supermarkt mit der nächsten Liebe deines Lebens zufällig zur gleichen Kohlrabi greifst. Femme fatale! Gekleidet in Weltgewandtheit und etwas zu sexy für die Gemischtwarenabteilung. Apart, Expat oder was auch immer! Ich habe wieder zu träumen begonnen, von Nähe, die mit mehr Liebe gemacht ist, als Tankstellenbrötchen. Auch, wenn ich meinen Armreif gerne wiederhätte, den jetzt ein israelisches Mädchen aus Dimensionsgründen um ihren Oberarm trägt. Immerhin ist der von Mutti und das Schmuckstück von ihr nicht mal richtiges Silber. Männlich, 26, sucht. Deswegen Lissabon! Mehr (sesshaft) sein, als (unterwegs) schein. Aber auf keinen Fall in dieser Bürogemeinschaft, in der auf jeden Freiberufler sieben Zimmerpflanzen kommen und die meisten damit beschäftigt sind, möglichst beschäftigt zu sein. Trotzdem! Ein Ort, an dem man zumindest Jeans tragen muss und sich nicht ohne Weiteres selber befriedigen kann. Vielleicht ein […]