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BYND

Konstantin Arnold

VAGABUND WIDER WILLEN

Ich sitze ohne Mütze im Büro des Managers. Es ist ein Bungalow, wie jeder andere auf dem Campus der Waikato University, in denen internationale Studenten in zwanzig verschiedenen Sprachen schnarchen. Unzählige Selbstaufnahmen, zählen unzählige Mobiltelefone, die keinen anderen Zweck erfüllen, als die zurückgelassene Fernbeziehung mit digitalen Informationen zu versorgen. Warum ich im Büro des Managers sitze? Das weiß ich selber nicht. Warum ich somit den Schein erwecke, mein Radius reiche nicht über die Broadbandverbindung des Unigeländes hinaus ist hingegen reine Methodik. Meistens ist es ein gewöhnlicher Morgen in Raglan. Fünfunddreißig Knoten peitschen esstischgroße Palmenblätter gegen das Fenster meiner sechs Quadratmeter großen Gemütlichkeit. Der Regen ist so laut, dass ich den Alarm nicht höre. Mit den ersten Bauarbeiten auf dem benachbarten Grundstück verziehen sich die Wolken, die sich über die Nacht um den Berg angesammelt haben. Es fällt schwer, dass Bett am Morgen mit dem richtigen Bein zu verlassen, da das Wetter schneller wechselt, als die Statusmeldungen flüchtiger Bekanntschaften. Null Personen gefällt, dass es hier morgens meisten zu kalt ist. Deswegen auch die Uggboots für umgerechnete Neuneuroneunundneunzig. Deswegen trennen mich mittlerweile zwei Packungen Sekundenkleber und Billigsolen von neuseeländischem Boden. Auf dem Weg zur einzigen Routine des Tages sehe ich dieses Bild wieder. Es liegt zum Trocknen auf unserem Küchentisch und duelliert sich, was den Geruch von kaltem Acryl angeht, mit der selbstgemachten Knoblauchsuppe letzter Nacht. Es ist das Profil eines Löwen, dass Jordan binnen der vergangen vier Tage versucht auf eine Leinwand zu bringen. Eine Kiwi, zwei Birnen, Leinsamen und Nüsse im Wert einer Versacetasche. Dazu etwas Quark und Haferflocken. Darf ich vorstellen: meine Konstante. Meistens klopft es gegen zehn. Meistens ist es Toni, ein Anfang vierzig jähriger Afrobrite, auf der Suche nach Menschen, die seine Backgammon – Neurose teilen. Er besitzt einen Trödelladen in der Stadt und trägt die Hälfte seines Juwelierangebots am Körper. Wie jeden Morgen sage ich nein, da ich mich diesem Spiel erst hingeben werde, wenn die Altlast einer Party länger als einen halben Tag dauert, um überlebt zu werden. Auch er adelt den Löwen. Ich kann dieses Bild nicht mehr sehen. Es ist unfassbar gut. Die Sprache eines Bildes kennt keine Ländergrenzen. Dazu noch etwas walisische Bescheidenheit und die Bewunderung sitzt. Ich hingegen sitze zu unmoralischen Zeiten vor meinem Tor zur Welt und male in Times New Roman, Bilder, die nur ein Deutscher versteht. Zu ehrgeizig zu glauben, Fotografie könnte die nicht weiter bemerkten Sensationen, die das alltägliche Leben ausmachen, so […]

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