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BYND

Konstantin Arnold

UNANNEHMLICHKEITEN

UNANNEHMLICHKEITEN

Es geht schon damit los, dass man bis halb zwölf Frühstücken kann. Das kann man in anderen Häusern nicht. Im Hotel du Cap ist um 11 Uhr Schluss, egal wie teuer die Suiten sind und im Le Meurice in Paris kann man zwar bis nach dem Mittag in einem Salon de la Paix sitzen, aber nur mit Croissants, die schlechter sind als Tankstellenbrötchen. Die Zeitungen liegen am Eingang und man schlürft so dahin, sagt Ciao, Buongiorno, Guten Morgen, Buenas Dias, Sabah Alkhayr oder wonach einem gerade ist, ohne das man gleich darauf aufmerksam gemacht wird, dass das Buffett bald schließt. Natürlich wird man, wie in allen Hotels gefragt, ob man Kaffee will noch bevor man sitzt, nicht wie man ihn will und wann und aus einem Siebträger zusammen mit dem Croissant, aber die alten, italienischen Kellner lösen dieses Grand Problèmes spielend. Auffallend im Kulm ist der Lachs. Der kommt groß und in Scheiben, in Sojasoße eingelegt oder mit Dill. Früher war ich mehr Morgenmensch. Ein Mann von Routine. Seit ich eine Frau liebe brauche ich morgens lange, weil ich nachts noch länger brauche und klammere mich jedes Stück Routine sobald ich ein Stück davon habe. Nach dem Frühstück sitzt man noch ein bisschen da und wenn man denkt, dass man nun aber gehen sollte, sitzt man noch ein bisschen mehr und sieht durch den Saal raus in den Schnee oder die anderen Hotelgäste an. Man ist ohnehin viel unterwegs, gerade um Weihnachten und vorher in Sorrento, Neapel, zu Hause, wo auch immer das ist. Die Zeit vergeht in Zyklen, weil der Mensch ihr Vergehen so besser erträgt. Die kulturelle Ausformung dieser Zyklen nennt man Mode und deren melancholische Wiederaufnahme Nostalgie. Es geht darum, die Dinge durch ihre ständige Wiederholung auf eine Essenz zu destillieren, die tröstet, weil es immer so ist. Die Frage zu welcher Zeit ein Ort am besten ist, ist sonst hinfällig. Madrid im Mai, Wien im November, Paris um 1900, Berlin nie und Rom immer, vor allem kurz nach einer Trennung, nur nicht im August. St. Moritz nach Neujahr, wenn sich die Aufregung legt und die Wixer weg sind und die  Wixer wieder weg sind, um sie in diesem Skianzug sehen, in dem ich sie schon lange sehen wollte, weil der mir auf den Bildern, auf denen sie Ski fuhr, so gut gefiel. Von Rapallo reist man sehr gut mit dem Zug, über Genua, Mailand, Tirano. Die Fahrt bis Genua (in St.Moritz nur eine Stadt bei Portofino) geht eine Zeit am Meer lang durch Tunnel, so wie es auch an der Coté d’Azur am Meer lang durch Tunnel geht, als ob jemand in Nordafrika den Teppich ausschüttelt, und dann durch die Ebene bis Mailand. Hier trinkt man den ersten Caffé, in Tirano kann man zum letzten Mal Pasta essen, dann begannen wir zu streiten, weil mir klar wurde, dass sie den Skianzug, in dem ich sie so gern sehen wollte, gar nicht dabei hatte, angeblich aus logistischen Gründen. Außerdem sagte sie, der wäre zu kurz und unbequem, und ich sagte giftig, dass er für einen Trip mit Freunden in Isola oder Chamonix wohl nicht zu kurz und unbequem gewesen war. Schweigen, aber von Mailand aus hat man bis Tirano den Lago di Como zur Linken, wie sonst nirgendwo. Bei Varenna ist der am größten, fast wie ein Meer und in Lecco am theatralischsten. Blau, mit steilen Felsen, Eis und Wind. Ich erinnerte mich daran, wie ich diese Strecke vor zwei Jahren zum letzten Mal gefahren bin, aus St.Moritz kommend, bis Mailand, den See zu meiner Rechten. Ich sah Dächer, Felsen, Häuser, Wasser und dann dieses Straßenschild, das ich auch damals sah, als ich entschied mich von einer Frau zu trennen. Man fährt an all diesen Dingen vorbei, die nie eine eigene Geschichte wert waren, sondern immer nur etwas im Vorbeifahren sind, auf dem Weg zu neuen Geschichten ins Kulm. Es war alles wie damals nach dieser Nacht im Dracula und der Italienerin, die mir das klarmachte. Ohne den Kater. Im hellen südländischen Licht des Engadins, im weißen Schnee brutaler Berge, zeigen sich Unzulänglichkeiten. Wieder war Neujahr, wieder Streit, wieder eine Stunde Aufenthalt in diesem Caffé am Platz vor den zwei Bahnhöfen Tiranos. Nur, dass das jetzt von Chinesen geführt wird, die sogar noch bessere Tagiatelle machen und ich mit der richtigen Frau hier war und stritt. Wenn man mit dem richtigen Menschen streitet, ist nichts ein Problem, nur wenn’s der falsche ist, weil man dann noch mehr vom Richtigen angezogen wird. Das ist wissenschaftlich erwiesen, die Verschränkung von Quanten, Nobelpreis der Physik 2022, und philosophisch mit Platons Kugelmenschtheorie. Man reichert das, was der andere sagt, mit seinen Minderwertigkeitskomplexen an, sieht alles aus einer ganz bestimmten Perspektive und schon sitzt man schweigend nebeneinander und stocherte in seiner Tagiatelle. The comfortable uncomfortablity of love. Die schönste Mittags Sonne schien auf ihren Fellmantel und meiner Vorstellung von diesem Skianzug, den sie nicht dabei hatte. Montaigne sagte, die drückendsten Übel sind die, mit denen uns die Einbildungskraft belastet. Ich fühlte mich, wie kein Anlass und wenn ich keiner bin, so müsste doch wenigstens das Kulm und St.Moritz einer sein. Ich fürchte mich vor Frauen, die sich nur Single auftakeln und in Beziehungen nicht, vor Frauen generell, die auch Freunde haben, die sie dann so nicht sehen können, wie ich. Ich sage nicht, dass es so ist, aber es fühlte sich so an, was das gleiche ist […]

DAHEIM II

DAHEIM II

Es begann im Zug, Boardrestaurant, 21. Jahrhundert, auf dem Weg von Tirano nach Mailand. Der Kellner fragte, ob ich gestresst bin, weil ich zweimal zweimal Honig bestelle und ihm das nicht durchs ganze Abteil nachrufen will. Warum man Bestellungen nicht einfach in Ruhe hier am Tisch aufnehmen kann, wollte ich wissen, aber er sagte, nein, das wäre es nicht. Die Sonne küsst in der Morgenröte gerade die Berge und es ist wunderbar und die schönste Strecke, wie die von Cannes bis San Remo. Zugreisen schaffen Abstand zwischen den Dingen. Sie trennen eine Zeit von der anderen und tragen Ort und ihre Ereignisse weit genug von einander weg. Ich sah raus, mit einer Zeitung von gestern über den Knien. Die Fahrt ging mittlerweile am Comer See vorbei oder am Luganer, aber ich glaube, dass es die andere Seite des Comer Sees gewesen ist. Ich schrieb ein paar Briefe und einen an meine Freundin und ich glaube, der wars, was der Kellner meinte. Ich hasse, zu erzählen, wie etwas war, das einen dann  trennt, weil der eine vom einen und der andere vom anderen redet, wenn er vom gleichen spricht. Man wünscht sich dann besser nichts erlebt zu haben, aber will es bei einem Wiedersehen natürlich erzwingen, aber das geht nicht und man wird wütend, weil man nicht weiß warum und warum es nicht geht. Man befindet sich also in der beschissenen Situation davon erzählen zu müssen. Jorge meint, dass das doch ein Talent wäre. Für mich ist es Gift. Mir fiel bei den Briefen an meine Freundin immer auf, dass ich immer was weglasse, so als würde ich etwas von mir weglassen und so schreiben, dass sie weiß, was das war. Es ist die einzig vernünftige Art, die Dinge zu tun, weil sie wie Dampfschiffe und Nachtzüge enorme romantische Zusammenkünfte zuließen. Man konnte den Kleinkram hinter sich lassen und schreiben, dass man jetzt da ist oder dort und nicht mehr hier. Man musste nicht sagen, dass man zwischendrin auch noch woanders gewesen ist. Ich schrieb, wie die letzten Wochen waren, Anrufen konnte und wollte ich nicht, weil ich kein Telefon hatte, und das, was ich hatte, zwischen Bergen nicht funktioniert. Es funktioniert in der Schweiz nie und ein Stück in Italien, und hinten im Café Benard und ich versuche das vorher natürlich immer abzuwenden, freue mich dann aber tief in mir drin. Manche Sachen lassen sich einfach nicht sagen, vor allem nicht weit weg am Telefon, also schreibt man sie besser, schreibt, was so war und was eben nicht war und nur was wird, wenn man es sagt, anstatt zu schweigen, wo es schwer ist, ein Mann zu sein. Alles andere hätte zur Folge, dass man zynisch würde und nichts von dem meint, was man sagt, obwohl man erfolgreicher ist mit Menschen, wenn man die Dinge für sich behält. Nicht, dass es eine Wahrheit wäre, alles zu sagen, was man denkt, es ist Zwang. Man redet von Zuständen der totalen Übertreibung im Augenblick. Der Liebende ist vielleicht der einzige Mensch, der die Dinge nicht so sieht, wie sie sind, aber man sagt Briefen ja nach, dass sie für ein endgültigeres Erleben stünden. Meistens kommen die jedoch erst nach den Ereignissen an. Das zeigt, mit welchen Kräften man ringt. Daher die Flecken. Der Kellner kam und brachte nur einmal Honig und ich hatte doch extra zweimal gesagt. Abends aß ich im Grand Hotel. Das Restaurant sah aus, wie eine Trattoria, die man ins Hotel gebaut hat. Braune Tische, auf denen grüne Servietten und Kerzen in silbernen Ständern waren. Die Wände voller Leuten, die hier schon gegessen haben. Gegenüber aß ein älteres Pärchen und hinter mir eine Blonde mit gespritzten Lippen, die gerade erst reingekommen war. Ich hasse alleine Essen und da die auch alleine aßen und das bestimmt hassten und mir egal war, was ich von mir dachte, weil ich nicht mehr so gerne dachte, wie ich rauch, fragte ich, ob wir nicht zusammen rücken wollen und miteinander essen, ohne gleich miteinander schlafen zu müssen […]