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BYND

Konstantin Arnold

DIENER

DIENER

Hey Frank. Ich habe oft an dich gedacht oder jedenfalls öfter, als ich dir geschrieben habe. Liegt wahrscheinlich daran, dass man das, was ich dir sagen wollte, besser in einem Park sagt oder in einer Bar oder auf der Bank eines großen südeuropäischen Platzes, vor uns der Brunnen und die Tauben, die da kackt grad; oder an einem Mittagstisch mit rotweißkarierter Tischdecke, du weißt ja um die Faszination, die Wein und Käse an so einem Tisch, unter freiem Himmel, auf mich ausüben. Da wir aber Ländergrenzen und Sicherheitskontrollen voneinander entfernt, an unseren Schreibtischen sitzen, immer blasser und immer fetter und immer toter werden, dachte ich, dir zumindest keine Mail zu schreiben, sondern einen Brief, den du dann überall mit hinnehmen kannst, ohne ihn aufladen zu müssen, an all diese Orte. Wenn ich ehrlich bin, wollte ich erst nicht, dass es so weit kommt. Ich hatte es lange herausgeschoben, gehofft, du kommst mal, immer einen Grund gefunden es nicht zu tun, bin nach Istanbul oder Zürich oder Paris geflogen, nur um es nicht zu tun und an Abenden in Lissabon immer noch einen trinken gegangen, um es am nächsten Morgen nicht tun zu müssen. Sogar eine Grippe kam mir gelegen, obwohl ich wusste, früher oder später, würde ich es tun müssen und ich wollte es ja auch tun, ich hatte es immer getan, für sonst wen, dieses eine Mal eben für dich, schlussendlich für mich selbst. Ich kann es immer nur einmal, bis ich wieder kann und man muss es jedes Mal besser können, als man es vorher konnte, solange, bis man das, was man immer getan hatte, nicht besser, sondern nur noch echter macht. Mit je weniger Gefühl man es tut, desto einfacher ist es, genauso wie es einfach ist, jemanden mit wenig Gefühl zu lieben. Es ist und bleibt die schönste Sache der Welt und ich mache nichts lieber, aber darüber schreiben, will ich jetzt nicht mehr. Das ist Kampf. Krieg. Ein weißes Blatt Papier, das gar kein Papier ist, sondern Bildschirm und mich anstarrt, mit leeren Augen, die wollen, dass ich ihm welche verpasse. Es gibt einfach Dinge, die man lieber tut, als über sie zu schreiben. Mit einem geliebten Menschen schlafen oder Essen gehen, aber genug von den Vergleichen, ich lenke wieder ab. Geradeaus darauf zu, und nein Frank, ich gehe heute keinen trinken, aber es kann sein, dass ich ausfällig werde, verletzend, eindimensional, viel zu persönlich. Entschuldige vorweg den hässlichen Umschlag. Er sieht aus wie eine rechteckige Bürolampe mit Briefmarke drauf und erinnert mich an Aktenordner, dich auch? Solche Briefumschläge erhalten normalerweise nur Menschen, die keine Lust mehr haben, sie aufzumachen, Menschen, die ihr Leben unter Bürolampen und vor Aktenordnern verbringen. Bis zu ihrem Suizid. Deine Briefe sehen immer so schön aus. Sie liegen auf meiner Kommode oder in der Kommode drin und passen ganz hervorragend zu meiner inneren Einrichtung. Ansonsten habe ich jedoch keine Mühe gescheut, bin gestern Abend in keine Bar und heute Morgen nicht in die Kirche. Bin wie neu und sitze vor einem schönen Café am Rossio, der große zentrale Platz auf dem sie Sonnenbrillen und Kokain verkaufen, erinnerst du dich? Nicht weit von dem McDonalds, in dem sie dir mal das Messer an die Kehle gehalten haben und dein Geld wollten und du allen Ernstes fragtest, ob […]

 

MACHO

Ich habe endlich mein iPhone gegen die Wand geworfen und alle bequemen Funktionen wieder in ihre Einzelteile zerlegt. Dafür muss ich mir jetzt einen verlässlichen Wecker kaufen, damit ich nicht verschlafe viel zu früh am Flughafen Düsseldorf anzukommen. Drei Uhr morgens kann ich nicht einmal sagen, ob Genf wirklich in der Schweiz liegt. Und wie man ein Snowboard Bag packt, hat mir auch niemand erklärt. Was macht man in der Bahn ohne mobiles Internet oder Songs von Ariana Grande? Lesen langweilt mich. Aktualisieren auch. Blickkontakt halten, kann man höchstens mit verschlafen Medikamentenherstellern im Schichtsystem. Vielleicht lasse ich mich einfach von jemandem, der zu dieser Tageszeit schon im Nachmittag lebt, auf meinem neuen Seniorentelefon anrufen, obwohl ich mich bei Klingeltönen aus dem Mittelalter nicht wirklich angesprochen fühle. Das ist mein Beitrag. Mut zur Langsamkeit, weil ich mit tragbarem E-Mailpostfach einfach zu schnell unterwegs bin. Natürlich muss ich mir nun die Telefonnummern notieren, die uns letzten Endes in die französischen Alpen bringt. Natürlich reicht es nicht mehr den Ablaufplan der nächsten Tage nur im Posteingang zu haben. Unnatürlich ist das aber nicht, obwohl ich mir unterwegs gerne angeschaut hätte, wo ich eigentlich hinfahre. Exotisch sind meistens nur die Orte, an denen man durchschnittlich die wenigste Zeit verbringt. Von Rendezvous in Museen mal ganz abgesehen. Deswegen habe ich das mit der Zimmerpflanze aufgegeben. Dafür sprühe ich mir im Duty-Free jedes Mal das gleiche Hugo Boss Parfüme in meinen Flaum. Oder versuche trotz Ladenschluss noch das italienische Tagesgericht zu bestellen, weil das Innenambiente meines Kühlschranks nur aus gesalzener Kaergarden besteht. Wenigstens etwas Raum für Gewohnheit, in dem ich versuche auch in der Business Class möglichst gelassen auszusehen. Mit Second Hand Lederjacke und Dosenbier für sieben Franken sitze ich neben einem glatzköpfigen Finanzbuchhalter, der mir erklärt, dass sich die Bremse eines Porsches schwerer tritt, aber Ferraris schneller rosten. Ich erzähle ihm, dass […]

ps: vorübergehend nicht über Tinder erreichbar

 

BASTION

Ich wohne in einem Hotel in Les Arcs auf 1800 Höhenmetern. Zusammen mit den 21 besten Freestyle-Skifahrern der Welt, Rap Legende Dillon Cooper und einer Armada an Promotion Models, die von allen Kontinenten aus  eingeflogen wurden, um in den nächsten drei Tagen für das richtige Ambiente zu sorgen. Vor mir liegt ein gut ausgearbeiteter Programmplan, der in Times New Roman festhält, was es von nun an zu erleben gilt. Für alle, die das nicht verstehen, gibt es immer noch eine Pressekonferenz und freie Coronas. Ohne Blitzlichtgewitter und bestimmte Sitzordnung. Ohne Mikrofone und zu formalen Fragestellungen fällt hier und da ein Rosè Glas. Ich frage Taylor Seaton, ob er sich in diesem Jahr zum 11. Mal für die X-Games qualifizieren wird und ob er gleich noch mit in die Bar kommt. Es ist sicherlich schon nach 22 Uhr und irgendwann hört einfach niemand mehr zu. Henrik Harlaut, dreimaliger X-Games Goldmedaillengewinner, trägt ein Rastafari Beanie über seinen Dreadlocks und einen Kapuzenpullover, in dem sein Teamkollege Phil Casabon auch Platz finden würde. Die besten und kantigsten Charaktere des Sports sind seinem Ruf gefolgt und machen das B&E Invitational zum prestigeträchtigsten Contest im Freeski-Kalender. Ohne Weltcup Punkte, Juroren und außerirdisches Preisgeld und das, obwohl zeitgleich die European Open in Laax ausgetragen werden. Nur ohne die Besten. Einmal im Jahr zeigt die schneeverrückte Entourage ihren Verbänden, dass sie sich in kein Korsett pressen lässt und Skifahren ohne Helm einfach cooler ist. Dass die Hauptrolle im Schauspiel zwischen Industrie, Sportlern und Institutionen immer noch bei den Fahrern selbst liegt, auch wenn Taylor Seaton mir auf dem Weg zur Bar erklärt, dass es hier keinen Athleten gibt: „Dieses Event bringt den Rock’n’Roll zurück in den Sport. Wir sind keine Athleten, sondern begeisterte Skifahrer. Wenn du einen Coach hast oder nach einem Ernährungsplan lebst, hast du hier nichts zu suchen!“ Eine Besonderheit, die sich durch eine ungefilterte Liebe zur Sportart und all ihren Auswüchsen definiert. Gebündelt und gelebt unter dem Segen dieses Freeski-Contest bildet das B&E Invitational eine Bastion, die den „anderes Wort für Athleten“ Raum […]

KOKETTIEREN

Jetzt sitze ich in einem traditionellen Hotelzimmer in Zürich. An der Wand hängt kein digitales Lagerfeuer. Dafür stehen auf dem Tisch eine Liste mit den 100 beliebtesten Fernsehsendern und ein unbenutzter Aschenbecher. Die Wände sind cremegelb, auch wenn das eigentlich Garnichts zur Sache tut. Für die Gemütlichkeit ist hier lediglich der Akzent zuständig. Gerade habe ich zwei Mehrkornbrötchen vom Frühstücksbuffet in meiner Unterhose geschmuggelt, die mich im Laufe des Tages davor bewahren sollen, 36 Schweizer Franken für eine Kinderportion Pasta auszugeben. Extraportionen sind mit deutschen Witzen nicht bezahlbar und selbst Obdachlose schlafen hier im Sakko. Eigentlich wollte ich nach dem Frühstück Aquilla treffen und so tun, als wäre ich schon öfters in Zürich gewesen. Doch dann kam das hier. Unzählige Notizen zwischen Köln und Luzern. Der erste an mich adressierte Kinnhaken. Von einem Treppenhausbesitzer im Rentenalter, der zur Karnevalszeit keine unkostümierten Zärtlichkeiten in seinem Fahrradkeller duldete. Schnitzelbrötchen in der Oberpfalz und Elektrokerzen zum Auspusten kurz vor München. Zahnärztlicher Notdienst am frühen Sonntagabend kurz vor Leipzig. Kurz bevor ich mit betäubter Gesichtshälfte versuche nicht auf die unbezahlbare Funktionskleidung zu sabbern, die ich auf der Bühne tragen muss. Einen Tag später sind die Lippen wieder locker genug um textsicher von Pur bis Bushido die richtigen Worte zu finden und zu beweisen, dass Gegensätzlichkeit Spaß macht. Keine passende Etikette zur Hand zu haben, nur weil man nach einer Taxifahrt im Second Hand Mantel angetrunken eine Quittung fordert. Trotzdem brauche ich langsam eine E-Mail Signatur, auch wenn ich erst googlen musste, wie man die vorgeschriebene Kontaktleiste nennt, die wichtige Menschen automatisiert unter ihre Emails setzen. Dazu brauche ich endlich eine Website sagt Phil, der hoffnungslos daran scheitert mir zu erklären, warum man Baukästen und Domains nicht im Baumarkt kaufen kann. Ich soll nach Amsterdam kommen und jüngeren Studenten erklären, was mich zu meinen Bildern bewegt ohne zu wissen, was Brennweite eigentlich zu bedeuten hat. Ich soll mir bis Mittwoch überlegen, was es mir Wert ist Anfang des Jahres indonesischen Surftourismus zu ertragen, um eine Handvoll Geschichten zu schreiben und dabei etwas mehr auf Rechtschreibung zu achten. So wie bei den Facebook Nachrichten mit dem wohl schönsten Mädchen, das ich bisher (noch gar nicht) gesehen habe. Ich fühle mich frei, weil mich kein Arbeitsvertrag mehr an künstliche Zimmerpflanzen bindet und Adrian meine Abschlussarbeit auf Kommata kontrolliert hat. Ich will nur noch die Dinge tun, die ich tun will. Noch mehr, als zuvor. Ohne Sportscheck Katalogbilder. Und zwar genauso wie ich sie tun möchte. Das ist Treue. Sich davon Schnitzelbrötchen leisten zu können ein Segen, der einen aber noch lange nicht zum Autoren macht. Das überlasse ich den Schubladen, in denen gedacht werden muss, um eine Sache komfortabel einordnen zu können. Oder dem, der im Erdgeschoss dieses Hotels heute einen Vortrag über: „Warum ziehe ich immer die falschen Männer an“ hält. Ich konzentriere mich lieber darauf, noch eine gebrauchte Ebay Kamera zu bestellen, um bei diesen Kollektionsbildern nächste Woche etwas professioneller zu wirken. Kurz vor Schluss darf man doch eigentlich noch Danke sagen? Ich bin sprachlos durch den Zuspruch für Adventura. Einmal morgens auf Toilette kamen mir sogar die Tränen. Inspiriert durch den Wasserfluss und das Herzblut, das so ein Projekt fordert, ist jedes Facebook Like, wie eine luftgetrocknete Knackwurst von Oma. Angefangen haben wir diese Tour in Essen. Etwas angetrunken mit Andre, dem Schalker Ultra und Hotelangestellten, der nichts einzuwenden […]