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BYND

Konstantin Arnold

RÜCKKEHR NACH ROM II

RÜCKKEHR NACH ROM II

Als der Anzug fertig war, fuhren wir hin. Wir fuhren nicht gleich, weil das Leben kurz ist und die Strecke nach Rom lang. Wir hatten eine gute Nacht verbracht und auch gar nicht zu viel getrunken, kamen aber trotzdem spät los. Nach einem weißen Anzug war mir noch nicht. Gefühle kommen einem in die Quere, wie das eben manchmal so ist. Nachdem Abendessen hatten wir in den leeren Straßen Rapallos Zigaretten gesucht und einen Automaten gefunden, der aber diese Karte brauchte, die wir nicht hatten und die nur Italiener haben, die alle schon schliefen. Am Bahnhof gab uns ein Penner dann seine, gegen ein paar Zigaretten, der Kapitalist. Am nächsten Morgen kam sie ewig nicht aus dem Bett, weil sie, wie sie sagte, überall glücklich wäre mit mir, und deshalb nicht unbedingt so früh in einem Maserati nach Rom fahren muss. Hier verzettelten wir uns. Ich glaube, wir wachten einfach auf, hatten uns, die Küste und die Karre und Rom, was einfach zu schön ist. So ein Streit erlaubt mir dann sehr klar zu denken, ohne Zwänge zu haben. Sie konnte damit nichts anfangen und es war schön zu sehen, wie sie mit ihren Gedanken umgehen konnte und meinen und ich hoffte, dass sie nicht eines Tages in den gleichen kranken Wegen dachte, wie ich. Wir fuhren eine ganze Zeit lang am Wasser lang und dann über den Appenin in die große Ebene Parmas. Kahle Birken standen in Gruppen einfach so rum. Rauch stieg auf und der Tag neigte sich dem Ende. Man sah die Berge in der Ferne, wie sie sich im Dunst an ihren Rändern abzeichneten und immer blasser wurden und die Einfahrten der Herrschaftshäuser auf die hinter den Toren das Laub fiel. Versöhnen konnte uns das nicht. Es war so schlimm, dass sie in Arezzo nicht mal Aperitif mit mir trank, dabei hatte ich auf der Piazza, direkt vor der Bar, neben einer tausend Jahre alten Kirche geparkt. Der Barmann dachte sich seinen Teil. Typ im Anzug, scharfe Frau, die nicht mit dem redet und ein Maserati, der genau vor seiner verdammten Bar parkt. Wenn er es nicht dachte, dachte ich es für ihn und spürte den Druck der Momente, die noch nicht ganz passiert sind. Man muss sich eigentlich nicht darum sorgen, dass sie passieren, nur damit sie passieren, ohne das man sich zu sehr darum sorgt. Sie fragte, was wir jetzt hier machen und ich sagte trinken und rauchen, sonst nichts. Arezzo war ein wahlloses Rennaisancestädtchen mit schöner Piazza irgendwo in der Toskana,  aber ich mochte wahllose Rennaisancestädtchen mit schöner Piazza in der Toskana. Piero della Francescas Traum von Konstantin hing irgendwo hier und Pietro Arentino war von hier, dieser notgeile Bauer, der im Mittelalter das Ragionamenti geschrieben hat, die Abgründe menschlicher Lust übergewichtiger Leute. Man kommt aus dem Staunen nicht heraus, dass dieser Perverse von Papst Julius III. auf die Stirn geküsst und von Clemens VII. zum Ritter von St.Peter gemacht, von Kaiser Karl V. umarmt, vom Herzog von Parma, Pier Luigi Farnese, zum Kardinal vorgeschlagen, von seiner Vaterstadt geadelt, von Ariost göttlich genannt, von Tizian zwanzigmal gemalt und von den Größten seiner Zeit ihrer Freundschaft gewürdigt wurde. Er war der Schreiber seines eigenen Schwanzes, so wie Tizian der Maler der Kardinäle und Dogen war. Ansonsten wusste ich aber nichts und sagte auch nicht mehr. Der Barmann empfahl uns ein einfaches Hotel um die Ecke und wir checkten dort ein, aber es gab keine Hoffnung und jeder ging für sich allein durch die Gassen. Es war kalt und spät und Nebelig unter den Laternen. Manchmal sahen wir uns am Ende der Straßen im Licht und taten so, als ob wir das nicht tun. Ich wollte in ein Lokal und essen, aber die Frauen vor dem Lokal ließen mich nicht, als hätten sie noch nie einen Mann gesehen, der ohne seine Frau in einem wahllosen Rennaisancestädtchen auf dem Weg nach Rom ist und ohne seine Freundin isst. Sie schrieb mir eine SMS und war ein ein Lokal weiter unten und ich aß lieber mit ihr, als ohne Wut mit diesen Frauen. Es war Trüffelzeit, das löste alle Spannungen. Am nächsten Morgen liebten wir uns zum Lärm von Gerüstarbeiten. Vom Zimmer aus hatte man einen tollen Blick an den Bauarbeiterbeinen vorbei auf die Stadt. Es war ein frischer, schöner, kalter Tag, an dem man den Mantel nur so drüber legen konnte und eingeharkt durch die Straßen ging. Im Grand Caffé Stefano tranken wir unseren Doppio und aßen Cornetto. Ich fuhr mit ihr noch durch Montepulciano, um ihr zu zeigen, dass das nicht nur eine Region ist, in der man im Stau stehen muss. Die Landstraßen sind wunderbar. Der Maserati ein richtiger Rennwagen. Man fliegt bei 200 über Hügel, die sich wie Meer um einen herum ausbreiten. Außerdem passte die Karre hier her. Gelb zwischen braunen Feldern, dunkelgrünen Zypressen und Blättern, die vor einem auf die Straße fallen. Der Himmel war silbern, die Einfahrten, so wie man sie kennt. Zugvögel flogen über das Land und ich hoffte, dass dies nach Rom schaffen. Die Murmation ist eines der letzten Rätsel und es ist gut, dass es solche Rätsel noch gibt. Die Vögel, meist Stare, fliegen in perfekt synchronisierten Formationen, ohne einen Anführer. Die Koordination entsteht dezentral durch die Interaktion der einzelnen Vögel mit ihren Nachbarn. Dies geschieht typischerweise in der Abenddämmerung über einem gemeinsamen Schlafplatz, gennant Rost, und dient sowohl dem Schutz vor Raubvögeln als auch der Wärmegewinnung. Man konnte sich beim Fahren gut Notizen darüber machen, der Maserati hatte eine Ablage, da wo sonst der Schaltknüppel war. In einer gemütlichen Osteria, vor einer Rechtskurve, aßen wir Lunch. Es war ein eckiges, einfaches Haus, mit Baum vorne dran und Leuten an der Bar, die Karten spielten, Kirsch tranken und Ciao sagten, als wir reinkamen. Der Wirt zeigte uns gleich seinen Schinken. Die einzelnen Räume waren holzvertäfelt und darüber hatte man Bilder angebracht, so wie Cézanne die gemalt hätte. Nach dem Essen lehnte sie draußen am Maserati und rauchte ungebrochen, unbeeindruckt, irgendwo kurz vor Rom. Maserati ist mehr als ein Auto, es ist eine italienischer Traum, vom Traktor zum Sportwagenhersteller, Schönheit, die sich bewegt, Eleganz und Gefahr, so wie sie. Fahren besser als Fliegen, auch wenn man dann nicht so trinken kann. Man passiert Terni, Tivoli, die Albaner Berge und begreift, dass Rom ein Ort auf der Welt ist, der sich mit der Welt verbindet. Umso näher wir kamen, desto nervöser wurde ich. Eine Stadt ist ja vor allem ein Gefühl. Ich freute mich auf ein Bad und Buccone und als wir in die Via Sistina einbogen, konnte ich mich gar nicht mehr halten. Trinità di Monti, Hassler, Maserati, Buccone. Paulo, der Concierge stand schon da und winkte und der Portier winkte auch, obwohl ich den nicht kannte, aber das war sein Job. Er drückte mir gleich die Hand und ich stellte ihm gleich meine Freundin vor und er konnte es gar nicht glauben, la macchina, la macchina, weil er das nicht einfach über eine Frau sagen konnte. Es war gut wieder hier zu sein. Beim letzten Mal hatte ich Kieferprobleme, Hämorriden und Ausschlag. Jetzt war ich verliebt […]

TAGE AUSSERHALB DER ZEIT

TAGE AUSSERHALB DER ZEIT

Diese Geschichte beginnt an einer Bahnstation. Ein Zug stöhnt und ein Zugschreier schreit. Rauch steigt auf, der die ersten Zeilen verhüllt und die Anzeige: Von Venedig nach Wien mit dem Zug. Allein wie das klingt. Besser klingt das nur, wenn man Vienna und Venezia sagt, ohne Zug, weil das alliterarischer ist. Denn die Realität dieser Vorstellung ist ein völlig überfüllter Bahnhof Venezia Mestre, 35 Grad und ein Zug der ÖBB, der seit einer Stunde hier sein soll. Mal am Gleis vier, mal dort, mal gar nicht mehr, je nachdem wo die meisten aufgeregten Wiener in dreiviertellangen Hosen und Kurzarmhemden stehen. Sie fragen, ob ich nicht auch nach Wien müsste und warum ich dann noch so ruhig aussehe und so dick angezogen wäre (Mantel, Anzug, Zuschicket in der Brusttasche) und warum der Zug schon wieder nicht auf der Abfahrttafel angeschrieben steht. Ich antworte, dass wir eben noch nicht in Wien sind und 35 Grad zwar heiß, aber noch kein Grund für dreiviertellange Hosen. Sie fragen, was mich überhaupt nach Wien führt, na Wien und ein bisschen der Weg dorthin, was man denn sonst für einen Grund brauche? Er sah mich mit misstrauischen Nachbarschaftsaugen an und versuchte das zu entschlüsseln, aber er hatte nichts von jener Begeisterung, die Abfahrttafeln, mit Zeiten und Zügen, die über Grenzen gehen, in einem auslösen können. Für mich lesen die sich wie Depeschen zwischen den Hauptstädten: Budapest, London, Ljubljana, Prag, Berlin, ein Gefühl am Gleis. Ich warte sehr gerne. Das konnte der Wiener einfach nicht verstehen und ich verstand das einfach nicht, aber uns rettet die Durchsage, der Zug wäre in einer Stunde hier. Hätten wir doch besser ein Flugzeug genommen, schimpfte er. Wenigstens etwas, in dem wir uns einig waren. Für ihn war das jetzt gerade genug, um noch eine Stunde wütend am Gleis zu stehen bis der Zug endlich dran steht. Ich fuhr nach Venedig, rauchte, sah mir den Canal Grand an und fuhr wieder zurück. Eine zweistundenlange Stunde später kam er auch. Man hat nun schon einen ganzen Vormittag am Bahnsteig verbracht und muss nun, für den gefühlten Rest seines Lebens, sitzen. Der Zug von Venedig nach Wien ist kein Nachtzug. Erst ist genau so lang, aber er fährt am Tag, ohne die Liegeplätze. Er ist überfüllt mit wütenden Menschen, die gewartet haben, ohne Venedig zu sehen, es ist heiß, das Internet kaputt, die Getränke warm und mein Platz unter der Anzeige, die mir unentwegt vor Augen führt, dass es bis Wien noch neun Stunden sind. Ein Wiener kommt und bringt sein Gepäck in Sicherheit, weil ihm ungeheuer ist, dass ich drei Hemdknöpfe offen habe, vorher Mantel trug und nun unter seinen Dingen sitze. So wird man natürlich nervös. Ich weiß nicht, wies ihnen geht. Züge unterteilen mein Leben in Kapitel. Sie unterteilen Tage und Zeiten und fahren sie weit voneinander weg. Sie trennen die bei Parmesanbauern, von denen in Genua und San Remo und nun hoffentlich die außerhalb der Zeit in der Toskana. Keine Ahnung, ob die eine gute Idee waren. Diese Geschichte fängt deshalb da an, wo eine andere aufhört, die noch nicht ganz fertig ist. Die Wiener, die Anzeige, das wirft alles Fragen auf. Mein Herz schlägt, schreit raus! Der Schaffner beruhigt mich, sagt, ich könne hier nicht raus, mein Kopf versuchts auch. Er verlangt nach guten Gründen, um jetzt hier einfach auszusteigen und alles hinzuwerfen: Diese Zuggeschichte, das Honorar, meine Miete. Bis kurz vor Udine halte ich das aus, schiebs auf den Schlafmangel, den Wein, die generelle Melancholie eines jeden Abschieds, Reisegerede, die Schwebe, bevor etwas endet und was neues beginnt. Ich redete mir ein, dass es feige wäre, jetzt zur ihr zu fahren, nur weil man sie vermisst und das Vermissen, irgendwann sicher schon vergeht. Nächster Halt war Portogruaro, dann Udine, die letzte Stadt vor der Grenze. Villach, Klagenfurt, Wien, kein Weg in die Zeit zurück. Das Internet immer noch kaputt und nur ein Buch von Faulkner dabei, Udine kommt näher. Man will einfach nicht, dass die Geschichte hier jetzt vorbei ist, und eine andere anfängt, denkt, denkt nach, hört auf, nach zu denken, und auf sein Herz, schnappt sein Zeug, zeigt dem einen Wiener den Vogel, steigt aus, steht da, irgendwo, sieht seinen Zug tatsächlich weiter nach Wien fahren, lacht, bis einem das Lachen vergeht, weil die Dicke am Schalter sagt, dass es heute kein Ticket mehr gibt […]