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BYND

Konstantin Arnold

EXZESS

EXZESS

Am Anfang war das nur eine Schnapsidee, irgendwas in der Ferne, ein Jahr weit weg. Die von der Redaktion meinten, ich dürfe nicht mehr über Wein schreiben und Liebe und was Leben im Süden sonst noch so ist. Über was soll ich dann schreiben, fuhrs aus mir raus, soll ich Fasten oder was? Das wäre eine tolle Idee meinten die und ich sagte halt zu, war ja noch ein Jahr hin, und dann ein halbes, und dann auf einmal nächste Woche. Nächste! Woche! Panik ergriff mich. Zehn Tage ohne Essen und Trinken, Essen mit Trinken und dann Rauchen. Ich rief die Fastenklinik an, verlangte nach Seelsorge. Nein, sagte die Ärztin am Apparat, Muskeln verlieren sie nicht und ja, sie sind danach noch der gleiche, vielleicht sogar noch mehr. Ich will auf keinen Fall aufhören zu rauchen, oder solche Scherzchen, sagte ich, hören sie, die Beziehung zu meinem Körper ist erste Sahne. Wir verstehen uns prächtig. Ich kann essen was und wann und wie ich will. Der menschliche Körper kann vierzehn Tage ohne Nahrung auskommen, sieben ohne Wasser, sie sind dafür gemacht, sagte die Ärztin. Bei Normalgewicht besitzen sie 10kg Fett und 3kg mobilisierbare Proteine. Damit könnten sie 40 Tage fasten, wie die Jungs aus der Bibel: Moses, Jesus, Elias. Bei 20kg Übergewicht sind es schon 100 Tage. Die Ärztin war sehr nett, gar nicht so arztmäßig, und sagte, sie freue sich dann schon auf mich. Musste sie ja auch. Immerhin bezahlen die Reichen ein Schweingeld dafür, dass man sie dort Hungern lässt. Sie lassen sich von dieser Klinik reduzieren, ihre Geschmäcker auf Null setzten, bis die Übersteigerung abschwillt, weil nach Kaviar nichts mehr kommt. Zuhause kann man nicht so fasten. Meine Freundin probierte das Mal. Sie sah mich essen und wir stritten und das ist alles nicht förderlich. Es ist besser, sich seiner Gewohnheiten und Gelegenheiten zu entziehen, all der Möglichkeiten, den Wechselbeziehungen und Wirkungszusammenhängen, wegen denen man trinkt. Manche haben gar keine, andere zu viel und die sind besser allein, und der Mensch, den man lieben muss, weit weg. Außerdem bekommt man den Arsch ausgespült und das lässt man besser andere machen. Ungefährlich ist das nicht, aber Buchinger hätte 100 Jahre Erfahrung versichert mir die Ärztin, als ich immer noch nicht glauben konnte, dass man mir wirklich ein Enema reinsteckt. Ist vielleicht ein Männerding, aber ich hatte das schon mit fünf und mit Zäpfchen, als ich noch gar nicht wusste, was mein Schwanz ist. Heilfasten zählt zu den härtesten Fastenformen. Die tägliche Energiezufuhr beschränkt sich auf maximal 400 Kalorien (250 braucht allein das Gehirn). Der tägliche Plan sieht Gemüsebrühe (0,25l), Obst und Gemüsesäfte, 2,5l Wasser und 30 Gramm Honig vor. Es sollte die erste Geschichte meines Lebens werden, in der kein Wein vorkommt, aber er war omnipräsent. Zur Rache suchte ich mir natürlich die Klinik im Süden aus. Es gibt natürlich noch viele andere Kliniken, aber keine im Süden und keine von Otto und an einen Ort, der aussieht wie eine Jugendherberge und nach Spucke riecht, Kräutertee aus bunten Bechern, wollte ich auf keinen Fall, wenn ich schon leiden muss. Um ganz ehrlich zu sein, kam mir das doch recht. Ich fühlte mich etwas aus den Fugen und seit einer Weil zu Linsen hingezogen. Mein Körper hatte genug. Erst die Weinernte, dann lange Ferien Madrid, Hochzeiten, Geburtstage und kaum Tage dazwischen und jeder Tag ein Fest. Früher gab es Tage und Weintage, aber seitdem ich mit Madame Mon Amour zusammen wohne sind alle Tage voll Wein. Selbst die heute journal Tage. Mahlzeiten mit Menschen, die ich liebe, zu mir zu nehmen, ohne Wein, fällt mir nicht ein, Essen wird erst so zur Mahlzeit, und ich glaube, ich verlor die Balance. Das merke ich, wenn ich anfange, Dinge zu kaufen, bevor sie alle sind oder nachts auf dem Platz vor der Kathedrale liege oder froh bin, dass die Gassen auf den Heimwegen Lissabons schön schmal sind. Verstehen sie mich nicht falsch, ich bin keiner von diesen Selbstzerstörerischen Typen mit Todessehnsucht, und all der Naivität, die es dazu braucht, dafür bin ich mir zu bewusst, zu ehrgeizig und christlich erzogen. Ich trinke auch nicht, um Schreiben zu können, höchstens, um abends nicht mehr schreiben zu müssen. Auch nicht, damit der Abend schön wird, sondern weil er schön ist. Der Abend ist für mich eine heilige Zeit, Muße, Diskutieren, über gutes und schlechtes und was überhaupt gut und schlecht ist, deswegen trinkt man ja. Man ist von Momenten abhängig, wie die meisten, mehr nicht. Morgens esse ich ein Stück Brot zum Kaffee, mittags einen Teller irgendwas, um weiter arbeiten zu können und abends erst der Genuss. Keine Süßigkeiten, nichts künstliches, nur Naturwein. Ich trinke abends einfach gern Wein, wie die meisten Kopfarbeiter. Punkt. In den zehn Tagen in der Klinik habe ich keine Zigarette geraucht, nicht mal dran gedacht, nur daran, dass ich danach nicht damit aufhören will. Natürlich ist das dämlich, aber hinter dem Dämlichen liegt eine Wahrheit, die jeder selbst Entschlüssen muss, in dem er herausfindet, welche damit gemeint ist. Eine poetisch perverse Lust am Laster. Warum lachen wir übers Laster? Kommt man so über die Sterblichkeit hinaus? Kommen wir aber erst mal an, nach zwei Stunden Schlaf, und morgens, aus Protest, sogar noch bei McDonalds sogar am Flughafen […]