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BYND

Konstantin Arnold

TAGEBUCH EINER TRENNUNG II

TAGEBUCH EINER TRENNUNG II

Ich ging oft auf diesen Friedhof und mit ins Farnese und auch an anderen Tagen in die Sant’Andrea della Valle. Manchmal gingen wir danach auch zu Buccone, einer sehr hohen Enoteca, nicht weit vom Popolo. Meine Rechnung ist aufgegangen. Seit drei Wochen bin ich jetzt schon hier. Ich bin in Rom gekommen, um nicht in Lissabon zu sein und geblieben, bis es nicht mehr nur darum ging, nicht mehr nur in Lissabon zu sein, sondern in Rom und die Schuld ein für alle Mal tot ist. Ich bin geblieben und nicht mehr weggegangen, habe das Scheitern gefeiert und nicht weiter gewusst. Abends blicke ich von der Gymterrasse des Hotel Hassler über die Spagna weg auf Rom und habe das Gefühl gescheitert, aber glücklich zu sein und das ist eigentlich kein Zustand meines Lebens. Ich sehe die Stufen runter, die Via dei Condotti lang, über die Kuppeln und tausend Touristen und denke, hier bleibe ich, hier weiß ich nichts und hier feiere das Scheitern, von hier bringt mich nichts mehr weg. Ich hatte vergessen, dass es außer meiner leidvollen Welt der Liebe auch eine andere Welt, mit Liebe, ohne Leid gibt. Ich hatte vergessen, was es heißt, ein Mensch zu sein, der denkt und fühlt, ohne zu denken, was er denken und fühlen sollte. Ich hatte vergessen, dass es auch noch andere Menschen gibt und Städte, die etwas von uns haben und uns zu uns führen, einer Form unserer selbst, die uns vielleicht mehr entspricht. Ist im Umgang mit jedem, doch immer ein etwas anderer und wer weiß dann schon noch wer er ist, wenn er in sich schaut und nicht um sich sieht, oben über die Spagna von der Gymterrasse des Hotel Hassler aus? Ich war größenwahnsinnig geworden, ein Hochstapler wie Felix Krull, talentierter als Ripley, gesünder als Thomas Bernhard und doch so wie alle, die wir uns in Städten als jemand ausgeben, der wir nicht sind, bis wir es werden, weil wir einfach lange genug so getan haben als ob. Ich schrieb meinem besten Freund einen Brief, schrieb, dass er doch gerade in der gleichen Scheiße sitzt und nach Rom kommen soll, mit dem Zug von München über Bologna, aber vor allem nach Rom, wenn er sonst niemanden liebt. Es wäre für uns doch das Beste irgendwo zu sitzen, zu trinken und zu hören, wie der andere über die Welt herzieht. Außerdem würde ich ihm gerne meinen neuen, alten Freund vorstellen. Ich hätte Giorgio schon viel von ihm erzählt. Zwei Gedanken dürften aber nicht gedacht werden, wenn er kommt: Was kommt danach und wie funktioniert das ganze Finanzielle. Ich würde um Vorabhonorare betteln, er um Filme. Vielleicht waren es genau genommen auch drei Gedanken, aber Rom war so schön, dass ich nicht weiter über Hämorriden und Flecken nachdachte. Ich musste ja in Rom bleiben und unbedingt im Hassler wohnen, ich war ja größenwahnsinnig geworden. Der Plan war im Hassler zu wohnen, bis wir nicht mehr im dort wohnen konnte, und dann eine Italienerin kennenzulernen, also eine Bleibe zu finden oder eine kulturelle Einrichtung (lieber nicht), große einflussreiche Leute aus La Grande Bellezza, Kirchenväter, Monseigneurs, die sich junge Autoren halten, Kardinäle, Mäzene, Leute, die Schnitzlers Traumnovelle nachmachen und die Dolce Vita leben, die sich, so sagt man, in diesen moralischen Zeiten, in die privaten Palazzi zurückgezogen hat, hinter zugezogene Gardinen großer, mysteriöser Fenster. Das Schöne am Hassler war, dass egal ist, wer man ist und was war, seitdem man das letzte mal hier gewesen ist. Es ist ein Familienhotel in fünfter Generation. Der Vater der Direktorin soll ein sehr eleganter Mann gewesen sein, der in drei Sprachen Lippen lesen konnte. Es steht ganz unauffällig da an der Treppe und reiht sich ein, anstatt sich anzubiedern wie wenige Gebäude, die ihren Wert für sich behalten. Ich schrieb ihm das alles in einem Brief, weil es die einzige Art ist, mit Freunden zu kommunizieren, wenn man unbedingt mit einander kommunizieren muss und in verschiedenen Städten traurig ist. Es ist eines dieser letzten sinnlosen Überbleibsel einer untergehenden Welt aus Briefbeschwerern, Telegrammen, Depeschen, Gepäckträger, Abendzeitungen, Manschettenknöpfen und Nachtzügen, die wie Dampfschiffe noch enorme romantische Zusammenkünfte an all den Orten zuließen, an denen das Spiel der Verführung in subtiler, undurchsichtiger und geschickter Weise über die Bühne geht. An denselben Orten, mit denselben Leuten, die auch an all den anderen Orte sind. Man hält es aus, sich ihnen nicht gleich mitzuteilen und teilt auch nicht mit, wenn man sich in einem Brief mitgeteilt hat, der (in Italien) oft erst lange nach den Ereignissen eintrifft. Er hatte jetzt meine Adresse: Hotel Hassler Roma, Piazza della Trinità dei Monti. Eine Woche später kam er. In der Lobby des Hassler lief gerade Aqua e Sale und es pulverisierte mein zerbrochenes Herz. Er fragte, was los ist und ich sagte, das ist das Lied, dass ich mit ihr einmal morgens im Taxi hörten, als wir unseren Rückflug aus Rom nach Lissabon verpassten. Wir waren schon in Sichtweite des Flughafens, aber der Taxifahrer meinte, das bringe bei dem Verkehr alles nichts und drehte voll auf und das ist nur einer dieser Momente, die es nun nicht mehr gibt, wenn man den Menschen nicht mehr hat, mit dem man ihn teilt. Zusammen könnte man mit den Momenten unter der Brücke leben. Die Frage, wie allein damit umgehen? Die Zukunft wirft Fragen auf, aber die Vergangenheit ist in meinen Augen schwerer zu ertragen, da ich Zukünfte für Erfindungen halte und es schwerer finde, mit einer Vergangenheit umzugehen, ohne sie zu erfinden, zu prahlen oder daran zu Grunde zu gehen. Was wird Teil von uns, was nicht? Welcher Teil ist für wen ersichtlich, wenn nichts und niemand mehr da ist, der die anderen daran erinnert? Er sagte, solche Gedanken durften einfach auch nicht gedacht werden, genauso wie der, dass sie mit schwarzen Modiglianiaugen Männer fickt, die ihre Vergangenheiten erfinden und Reichtümer, und vom wahren Roms und wahren Lissabons sprechen und den vielen Lieben, die ihnen zuteil geworden sind. Menschen kommen und gehen, aber vor allem gehen sie, wenn ihre Zeit vergangen ist und sich herausstellt, dass sie doch nicht jene waren, für die man sie hielt. Was wird Teil von einem und was nicht, welcher Teil ist für wen ersichtlich, wenn nichts und niemand mehr da ist, der uns erinnert? Frauen, die man hatte und eine, die man liebte, weil man sie nie gehabt hat. Alle schönen Momente konzentrieren sich dann im Kollaps eines Ereignishorizonts, der ein schwarzes Loch zurücklässt, das aussieht wie Pierre Soulages Bild eines zehnten Novembers. Schwarz und drübergemalt, an manchen stellen völlig undurchsichtig, mit ein paar hellen Ecken, in einem goldenen Rahmen, wenn gegenüber eine farbenfrohe Komposition von Bran van Velde hängt […]

ROM

ROM

Moment mal am Nachmittag, abends, oben, über der Stadt. Als ob der Himmel hier näher wäre. Mit den Büsten aller, die schon gestorben sind. Die Via Garibaldi runter, bei den plaudernden Nonnen vorbei und am Paola Brunnen die Treppen der Sakristei links, wo das Wasser immer fließt, und nie gleich und die Straße dann rechts biegt und man eine Weile schön unter Bäumen geht, bevor man auf die Brücke kommt. Ponte Mazzini, die, von der man auf die Ponte Sisto sehen kann und sieht, wie Türme in den Himmel stechen und sich der Fluss windet und über allem die Pinien stehen, schon immer grün im Herbst. Für die Römer geht die Sonne hinter dem Gianicolo unter, nirgendwo anders. Da, wo die Welt dich haben will, kurz nachdem dich dein Freund verlassen hat und du nun allein ist, mit dem Blick auf Rom und den Herbst und den Vögeln über dir, die am Himmel dimensionale Manöver zeigen, all dem Licht und dem Laub, und dich fragst, ob du das alles so fühlst, weil du jetzt alleine bist und nichts zu schreiben hast oder weil es wirklich so ist, wie du siehst. Manche Momente kann man nicht teilen, sie vergehen und sind tief in uns drin. Zwei küssenden Motorradhelme im Verkehr sehen das auch so. Jemand rudert unter den Brücken heim, wie ein Wasserläufer, der ein Zuhause hat. Den Fluss geht alles das nichts an. Er fließt träge und dreckig an allem vorbei in die Dämmerung. Ins letzte Licht. Bis ans Ende des Ausblicks, Albaner Berge oder ist das Umbrien? Was Schönes, einmal nicht Michelangelo, nicht Bernini, einmal nicht wissen, um gucken zu können. Der Tag endet, wie er beginnt. Früh und purpurn. Traurig jede Abendstunde, die man dann nicht in Rom verbringt. Die Luft ist frisch, als ob man noch gar nicht geraucht hätte. Rom hat auf uns gewartet, jaja, als ob, wir auf Rom. Bin das dritte Mal da, aber war noch nie hier. Nur einmal zum Cabrioholen und einmal in einem Hotel am Flughafen, das meine Freundin uns am Flughafen buchte, um den frühen Flug nicht zu verpassen, den wir dann verpassten, weil wir selbst dort eine Bar fanden, in der wir streiten konnten. Man kann Rom einfach nicht denken, ohne es gesehen zu haben. Antikes Herz einer Weltmacht, religiöses Zentrum und auch noch Hauptstadt Italiens. Erfahrungen, die von anderen gemacht werden. Immer nur Worthülsen, Geschichtsunterricht, sonntags, verkatert, TerraX. Ein Vorurteil, wie New York oder Yoga, aber Yoga kann nichts dafür, von dem wes gemacht wird. Jetzt hat die ewige Stadt Bedeutung bekommen: Roma Termini, Taxifahrer, Arschloch. Sie sitzen den ganzen Tag, leben nicht, sterben nur langsam. Wie auch? Sie haben die schlimmsten Väter der Menschheitsgeschichte, die sie selbst Söhne von Vätern sind, die nach dem Krieg heimkamen und erst mal einen Küchenstuhl reparierten. Seit sie von zuhause weg sind, wohnen sie mit ihren Frauen. Meiner Meinung nach muss man sich in der Welt rumtreiben bevor man nach Rom kommt. Prima di arrivare a Roma bisogna muoversi nel mondo, aber der Taxifahrer versteht nur Bahnhof und fährt mich zum anderen. Also Umsteigen ins Nächste. Hotel Excelsior bitte! Bello, meint der neue, das läge wunderbar am Parks der Borghese, gleich an der Via Veneto, ob ich Fellinis Roma gesehen habe? Zwei Wochen in der Stadt? Nein, aber wir werden Rom schon zu unserem machen. Der Taxifahrer meint, bello, aber in Fellinis Rom hätten Frauen drei Titten. Er spricht von all diesen Filmen, die Liste ist lang und man hat nur ein Leben und das hat Vorrang und ist nie genug, nicht mal für Bücher. Er sagt, es sei nicht leicht in Rom ein Buch zu lesen. Das Leben finde in den Straßen statt und man wäre ein Teil von ihnen. Rom ist aus Fleisch und Blut, nicht nur Resten, dem Gesicht einer Frau, die vor einem Schaufenster steht und sich auf den Feierabend freut. Sie schaut sich […]