GLEICHFALLS I
Irgendwann war’s in einfach zu heiß und wir fuhren nach Deutschland. Ich hatte eine Lesung in Ingolstadt und eine Sache in Baden-Baden, die erst mal noch nichts zur Sache tut, aber schon mal gut klingt, wenn man bedenkt, dass wir von dort weiter ins Engadin gefahren sind, um vor der Hitze in die Berge zu flüchten, so wie Rilke, Hesse und die anderen Knochenlosen das getan haben. Der Italienische Sommer ist heiß und laut und voll und überhaupt nicht so, wie man sich den vorgestellt hat, wenn man dort sonst nur Ferien macht und die Urlaub nennt. Wir verbrachten ein paar Tage bei mir daheim, die Landschaft ist ähnlich, nur ohne glücklich angesoffene Leute in Trattorien. Es gibt dort auch keine Trattorien, nur Orte, in die Leute gehen, die ihr Leben vom Wetter abhängig machen und darüber reden, was sie eh schon tun: Geld ausgeben, schweigen, wieder gehen. Dabei ist das Land eigentlich schön, es fehlt nur der Wein und Leute, die sich an dem betrinken. Es gibt dort Dörfer, in weiter Landschaft, wie Paul Lübbecke die malt. Hügel mit kleinen Wäldern oben drauf und Felder, in denen der Wind klingt wie das Meer. Pappeln, die noch nie Erfolg gehabt haben, bei irgendwem, stehen am Straßenrand und vor allem diese Pappeln sind es, die standen schon da, als Oma aus Ostpreußen kam, heiratete, sich scheiden ließ und auf die Felder ging um zu schreien. Die standen da, als ich ein kleiner Junge war und Angst hatte, vor einem Land ohne Trattorien, in denen die Pappeln bis zum Himmel wachsen. Sie waren da, als meine Mutter schwanger war und von daheim weglief, um den Vater zu treffen. Alle wollen ihre Familie schützen, aber am wenigsten vor sich selbst. Man sieht die Pappeln schon vom Zug aus, sieht Flüsse und Felder, Burgen und Alleen, an denen rechts und links diese verdammten Pappeln stehen und Dörfer verbinden, deren Namen mir nicht mehr einfielen. Meine Psychologin meinte, es wäre gut, diese Orte mal wieder zu besuchen und einige Wege aus der Vergangenheit zu gehen, in denen man denkt. Ich sprach mit einem Bratwurstverkäufer, aus der Gegend, der meinen Vater kannte und Tarzan nannte und einem anderen Mann, der den nicht kannte und sich mit vollem Kofferraum oben, beim Sportplatz, wo die Russen mal waren und die Straße schmal wird, aufregte und meinte ich könnte nicht fahren. Ich fuhr ihm nach und fragte, was er meinte und meinte, dass ich mich hier an (den kahlen Laubwäldern) meiner Kindheit abarbeite und das der einzige Ort auf der Welt sei, an dem ich das kann und wohl fragen darf, woher er denn sei und was er hier wolle, mit seinem Greizer Kennzeichen, weil ich wirklich, endlich einmal auch von irgendwo bin. Ansonsten war diesmal alles gar nicht so schlimm und leer und voll leerer Leute, die so schlimm leer und abgestorben sind. Es war eher so wie Preller (der Ältere) Heimaten malt. Er malt sie wie die Bucht von Neapel, Sorrento oder Sommerabende vor Capri und bringt sie uns näher. Meistens ist der Ort, aus dem man kommt, der am weitesten entfernt. Schließlich bin ich dorthin gefahren, wo ich lange nicht gewesen war und auch nie mehr hinwollte und habe einen Teil von mir entdeckt, den ich nicht zu finden geglaubt hätte. Eine Form der Dankbarkeit, sowas wie Frieden, Herkunft, Abscheu, Licht, den Süden von Irgendwas. Es war daher schön in diesem Sommer und fast traurig, als wir abreisen mussten, was irgendwie viel schlimmer war, wie wenn man wütend ist, flucht und flieht. Man konnte fast vergessen, dass man in Deutschland ist, war ja nun auch schon bald Frankreich. Mit Orten, die Namen hatten, wie Kaiserstuhl, Tuniberg und Markgräfenland. Vor uns lag das Tor zur Badischen Weinstraße, eine große, warme Ebene voll Riesling und Spätburgunder bis zu den Vogesen, schon ein Cabrio wert. Ich stellte mir vor, wie die Franzosen hier im Krieg durch sind und den Deutschen das weggetrunken haben, was sie ihnen schuldig gewesen sind. Ich dachte an Eichendorf, der hier Wandern ging und soff und Wilhelm Hauff, der sein Kaltes Herz im Schwarzwald schlagen ließ. Ich dachte leider auch an Berliner, die einen auf Weinkenner machen und in engen Hosen und schmalen Schuhen vor einem Spritz in Baden-Baden sitzen und von ihren Toskana-Ferien erzählen. Hier wollte die Welt genesen, vor allem nachdem Cesar Ritz, Eisenbahn und Dampfmaschine für einen Urknall gesorgt haben, der Reisen zu einer luxuriösen und angenehmen Angelegenheit gemacht hat. Baden-Baden gab es, bevor es die Coté d’Azur gab, die Amalfiküste und auch das Engadin. Formentera, Marbella oder Santorini spielen nicht in dieser Liga. Das Kurdorf im Schwarzwald gilt als die Sommerhauptstadt des alten Europa. Basis Camp der Aristokratie. Vielleicht nicht so romantisch hinterm Eisernen Vorhang wie Karlsbad, eben etwas mehr renoviert, aber auch schön im Wald, mit Russen und Chinesinnen, die in Reizwäsche einen auf Junggesellenabschied im Dampfbad machen. Noch heute gilt: Baden-Baden im August für alle die auf Kumpels von Edward II. machen. Pferderennen, Heilwasser, das schönste Spielkasino der Welt. Das Fridrichsbad hat die Dimensionen eines Europäischen Parlaments. Bei Clara Schuhmann vollendet Brahms seine Lichtentaler Symphonie. Turgenev schreibt an Flaubert: Kommen sie nach Baden-Baden, hier gibt es Bäume, die sie sonst noch nirgends gesehen haben und eine Einkaufspassage, die die gleichen Sachen wie die Via Condotti in Rom oder die Rue de la Paix in Paris in den Auslagen hat. Anstatt der Kutschen, heutE Ferraris, Range Rover, Rolls Royce, aber immer noch Glücksspieler und Verführer, selbst wenn die engere Hosen anhaben […]